[London] 25. Mai 1876

Lieber Fred,

Ich lege gleichzeitig mit diesem Brief das angekommne Manuskript des
Most in seiner eignen Unterpackung auf Post. Einliegenden Wisch von
Wilhelm! habe ich eröffnet, weil ich ihn auch bezüglich auf das Mostsche
hielt. Außerdem hatte ich zur Einlage an Dich mit von Deinem Haus genommen eine Zusendung der Great Northern Railway, weil ich es für
etwas Geschäftliches hielt, finde aber jetzt, daß es bloßes Programme of
Tourist Arrangements°.

Meine Ansicht ist, daß „Stellung vis-à-vis dieser Herrn“ nur genommen
werden kann, indem ohne alle Rücksicht Dühring kritisiert wird. Er hat
offenbar unter den ihm zugetanen literarischen Knoten-Strebern gewühlt,
um solche Kritik zu verhindern; sie ihrerseits rechneten auf Liebknechts
ihnen wohlbekannte Schwäche. Liebknecht hatte, by the by*, und dies muß
ihm gesagt werden, die Pflicht, diesen Burschen zu erklären, daß er wiederholt solche Kritik verlangt und wir jahrelang (denn die Geschichte beginnt
seit meiner ersten Rückreise von Karlsbad !?”) dies als eine zu subalterne
Arbeit abgelehnt. Die Sache, wie er weiß und wie seine Briefe an uns be-
‘ weisen, schien erst der Mühe wert, als er durch wiederholte Zusendung von
Knotenbriefen uns auf die Gefahr einer Verflachungspropaganda unter
der Partei aufmerksam gemacht.

Was Herrn Most in specie betrifft, so muß er naturgemäß den Dühring
für einen gediegnen Denker halten, weil selbiger nicht nur in Vorlesung
vor Arbeitern in Berlin, sondern später auch schwarz auf weiß gedruckt die
Entdeckung verbreitet hat, daß Most erst etwas Vernünftiges aus dem
„Kapital“ gemacht hat.! Dühring schmeichelt systematisch diesen Knoten, als wessen sie sich unsrerseits nicht zu beklagen haben. Der Ärger von
Most und Comp. über die Art, wie Du den schwäbischen Proudhonianer
im besonderen
mundstill gemacht !!, ist charakteristisch. Es ist ein warnendes Exempel,
wovor ihnen grauet, und sie wollen solch Verfahren ein für allemal auf dem
Weg des Klatschs, gesinnungstüchtiger Bonhomie und entrüsteter Bruderliebe verunmöglichen.

Allerdings ist und bleibt die Wurzel - Liebknechts Manuskriptmangel,
worin überhaupt sein Redakteurtalent sich zu konzentrieren scheint. Die
Kleinlichkeit, womit er vermeidet, Beckers Geschichte der französischen
Kommune auch nur mit einem Wort anzuerkennen, oder wenigstens ein
paar Auszüge daraus zu geben, beweist jedoch, daß auch der Manuskriptmangel nicht alles überwindet.

Du wirst Dich erinnern, daß ich Dich vor kurzem, als wir über die
Türkei sprachen, auf die Möglichkeit einer Puritaner- (auf den Koran
gestützten) Partei unter den Türken hinwies. Dies ist nun eingetreten. Nach
einer Korrespondenz aus Konstantinopel an die „F[ran]kf[urter] Z[eitung]“
bezweckt man, den Sultan, wenn’s so fortgeht, zu beseitigen und an dessen
Stelle seinen Bruder zu setzen.!?" Der Korrespondent, der Türkisch spricht
und sich persönlich viel mit den Türken in Konstantinopel abgibt, hebt
u.a. hervor, daß sie genau das Spiel des Ignatjew kennen, von dem alle beunruhigenden Gerüchte unter den Christen in Konstantinopel ausgehn.
Eins ist sicher: die Türken sind nicht aus der Welt zu schaffen without
harness on their back, und die Russen, die nicht wagten (oder auch von
wegen Geldmangel unfähig waren), den geeigneten Moment durch rasches
Handeln am Schopf zu fassen, mögen vielleicht noch mehr zum Aufbruch
ihres Regimes zu Hause, als zu dem der Türken in Europa durch das
gegenwärtige Adventure? beitragen.

Jennychen ist wohl, der Kleine aber etwas leidend, doch nach dem Arzt
nichts von Belang. Er wird benamst Jean (Name von Longuets Vater)
Laurent (nickname of Laura) Frederick (zu Deiner Ehre).

Die Leute von Kopenhagen haben mich zu einem Arbeiterkongreß
(Anfang Juni) eingeladen per Telegramm und per Brief an Pio (der
Montag abgereist). Es ist dies eine phantastische Vorstellung, daß ich jetzt
dergleichen Gastvorstellungen geben könne.

Unser Park ist heute mit Brettern geschlossen. Komisch, wie in England
die altgermanischen Gebräuche als Kuriosa fortdauern. Es ist dies die Bewahrung des „echten freien Eigen“ durch Umzäunung und daher Scheidung
aus der gemeinen Mark.

Pumps hat lange Briefe an meine Frau und Tussy geschrieben. Wenn’s
auch mit der Orthographie hier und da hapert, so hat sie, was viel wichtiger,
wahrhaft staunenswerte Fortschritte in Stil und Beweglichkeit des Ausdrucks gemacht.

Beste Grüße an Madame Lizzy.

Dein
K.Marx


Welcher Esel ist der Dizzy geworden! In diesem Moment, wo England
ganz isoliert, besteht er darauf, etwas über ein Dutzend Fenians für sich zu
behalten! 3?

Was den „Richter?“ betrifft, so sollte Liebknecht bei solchen Warnungen
sich nicht auf bloße hints!? beschränken.!??! Die Möglichkeit existiert, daß
mein Ädreßbuch mit Rlichter] fortgewandert ist; doch glaub’ ich’s einstweilen nicht.

Daß Eichhoff für Arnim arbeitet, war uns ja lang vor Liebknecht bekannt und ist bei E[ichhoff]s Haß gegen Bismarck und Stieber durchaus
nichts Verwunderliches. Notabene, in der „Fkf. Zeitung“ steht preußischer
Steckbrief gegen Arnim, wonach ihm sein Geld abgenommen und er an die
Berliner Polizei ausgeliefert werden soll, den auswärtigen Behörden aber
Rückerstattung der Kosten und gegenseitige Gefälligkeit zugesichert werden!(Dies von wegen seiner schon abgeurteilten Urkundenunterschlagung.)'?*