Engels an Marx


in Hamburg!"**


London, 21.Sept. 1874

Lieber Mohr,

Ich hätte Dir längst geschrieben, wenn nicht die Nachrichten aus
Karlsbad es immer hätten ungewiß gemacht, ob der Brief Dich noch dort
antreffen würde.

Sehr erfreut zu erfahren, daß Karlsbad gefruchtet. Ist die Leber erst in
Ordnung, so wird auch das gestörte und durch die Kur weiter erregte
Nervensystem mit der Zeit wieder zur Ruhe zu bringen sein. Eine gehörige
Nachkur wirst Du wohl durchzumachen haben und aus Karlsbad die
Instruktion dazu mitbringen. Unsinn war es, daß Ihr nicht über Dresden
gegangen seid, die Tour ist viel hübscher, und etwas Reisebummel Dir
grade jetzt sehr nützlich. Es ist aber noch Zeit, von Hamburg aus die
holsteinische Seegegend zu besuchen, und das solltest Du jedenfalls auf ein
paar Tage tun, es ist sehr hübsch da. Bist du short of cash, so kann Mleißner] Dir Ja einiges vorschießen, was wir ihm von hier aus zurückschicken.

Die Brüsseler Kongreßberichte”! wirst Du in der „Times“ gesehn
haben, sie sind offenbar von Wingfield oder wie der Mann heißt, der im
Haag war. It was a miserable failure‘, [4 Mann, alles Belgier außer 2 Lassalleaner Deutschen (Frohme aus Frankfurt und ?°), Schwitzguebel,
1 Spanier Gomez und Eccarius. —- Rochat hat uns in einem kleinen Brüsseler
Blatt, „La Gazette“, eine höchst lustige Schilderung des Krämchens geschickt.

Weiter, die 2 Scheus und der rastlose Frankel hätten uns hier beinah den
deutschen kommunistischen Verein!!#! gesprengt. Aus Tatendrang beriefen sie ein öffentliches Meeting in ihrem Lokal und /uden dazu die
Lassallesche Räuberbande Zilinski et Co. ein, die sie erst vor 2 Jahren mit
Mühe herausgeschmissen! Ich erfuhr es erst, als es zu spät war, machte
Frankel] den Marsch und gab ihm einige Verhaltungsmaßregeln an, von
denen natürlich das Gegenteil geschah. Well*, wie zu erwarten, kam Zilinski






mit 50-60 Mann (die vom Verein selbst waren kaum 10 Mann stark!),.
setzte ein Büro der Seinigen durch und had it all their own way”. Schließlich wurde die Sache vertagt und lief soweit noch gnädig ab, doch ist’s noch
nicht zu Ende. Da ich Leßner noch nicht gesehn (der auch was auf dem
Gewissen haben muß, sonst käme er), so habe ich noch keinen richtigen
Rapport über den Verlauf. Frankel ist sehr bepißt über seine Heldentat,
und Deine Frau hat ihm gehörig den Kopf gewaschen. Die Scheus scheinen
irrepressible meddlers zu sein.

In Leipzig wirst Du vielleicht Blos gesehn haben, der morgen oder
übermorgen freikommt, jedenfalls aber gehört haben, daß Kölner Arbeiter
ein tägliches Blatt herausgeben wollen!und Blos sich an mich gewandt hat,
ob sie es „Neue Rheinische Zeitung“ nennen dürfen. - Blos soll es
redigieren. Da es - im Anfang Deines Karlsbader Aufenthalts und ehe
irgend Nachricht von Dir eingetroffen - unmöglich war, mit Dir zu konferieren, mußte ich provisorisch entscheiden. Considering’, daß dies das
erste Mal ist, daß die Leute sich in a becoming manner° an uns wandten, 2.,
daß wir schwerlich je wieder eine „N. Rh. Ztg.“ herausgeben werden,
schon wegen der provinziellen Lage von Köln, habe ich quant A moi? nichts
dagegen gehabt und auch die Vermutung ausgesprochen, daß Du ebenfalls
einwilligen würdest. Jenny', die ich als Deine Repräsentantin konsultierte,
war ebenfalls dieser Ansicht. Es hätte bei den rheinischen Arbeitern einen
sehr schäbigen Eindruck gemacht, hätten wir refüsiert. Hast Du indes.
Bedenken, so ist es immer noch Zeit, die Geschichte rückgängig zu machen.

Der „Volksst[aat]“ wird unter Wilhelm!! durch kritiklose Aufnahme
raumfüllenden Materials immer langweiliger und schlechter. Nur hie und
da was Lesbares. _ “>

Ich sitze tief in der Lehre vom Wesen. Von Jersey aid fand ich hier
Tyndalls und Huxleys Reden in Belfast!!?°], die wieder die ganze Not und
Beklemmung dieser Leute im Dingansich und ihr Angstgeschrei nach einer
rettenden Philosophie kundgeben. Das warf mich, nach allerhand Störungen der ersten Woche, wieder auf das dialektische Thema. Für den
schwachen Verstand der Naturforscher ist die große „Logik“ nur hier und
da zu gebrauchen, obgleich sie im eigentlich Dialektischen der Sache weit
tiefer auf den Grund geht, dagegen die Darstellung in der „Encycl[opädie] 12! wie für diese Leute gemacht, die Illustrationen großenteils aus
ihrem Gebiet gezogen und frappant, dabei wegen der populäreren Dar-


B angemessener Weise - ° für mein Teil -1° Jenny Longuet - Wilhelm Liebknecht'




stellung freier von Idealismus; da ich nun den Herren die Strafe, grade aus
Hegel zu lernen, erlassen weder kann noch will, so ist hier grade die Fundgrube; um so mehr, als der alte Bursch den Herren auch heute noch Nüsse
genug zu knacken gibt. Übrigens ist Tyndalls Inauguralrede das Kühnste,
was noch in England in einer solchen Versammlung gesagt, und hat enormen Eindruck und Schrecken verursacht. Man sieht, daß ihn Haeckels weit
resolutere Manier aufzutreten nicht hat schlafen lassen. Ich habe die
wörtliche Ausgabe in „Nature“, die Du hier lesen kannst. Seine Anerkennung Epikurs wird Dir Spaß machen. Soviel ist sicher, die Rückkehr zu
einer wirklich denkenden Naturanschauung ist hier in England weit ernsthafter im Gang als in Deutschland, und statt in Schopenhauer und Hartmann suchen die Leute hier Rettung wenigstens in Epikur, Descartes,
Hume und Kant. Die Franzosen des 18. Jahrhunderts bleiben ihnen freilich
verboten.

In New York haben die Krakeeler und Wichtigmacher im Generalrat
die Majorität erhalten, und Sorge hat abgedankt"? und sich ganz zurückgezogen. Desto besser. Wir sind jetzt in gar nichts mehr für den Kram verantwortlich, der schon einschlafen wird. Welches Glück, daß wir die Protokolle besitzen!

Quant ala grande politique!, so können wir die jetzt glücklicherweise let
take care of itself!*; es wird Zeit genug sein, darüber zu lachen, wenn Du
. herkommst.

Sonst ist hier alles soweit all right, Jenny sah vorgestern sehr gut aus und
war sehr aufgelegt. Wröbl[ewsky] ist besser, hat Elektrizität gebraucht.
Von Armabschneiden war nie die Rede, sondern bloß von Ausschneiden
eines Muskelstücks, worin wahrscheinlich ein Nervenend festgewachsen,
das den Schmerz verursacht. Aber schauerlich herunter muß er allerdings
gewesen sein, und unser Geld kam ganz im entscheidenden Moment.

Grüß Meißner bestens von mir; ich werde ihm nächstens wegen verschiedner Sachen schreiben.

Herzliche Grüße an Tussy, & revoir,
| Dein

F. E.


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