Marx an Ludwig Kugelmann


in Hannover


[London] 18. Mai 1874


Lieber Kugelmann,

Ich habe alles erhalten, Deine Briefe (inklusive einige freundliche Zeilen
Deiner lieben Frau und Fränzchens), den „Meyer“! (Polizei-Sozialist, faiseur“, literarischer Sudler), die Ausschnitte der „Frankfurter“, etc., endlich
ein Schreiben der Madame Tenge.

Ich bin Dir, den Deinen und Madame Tenge äußerst dankbar für die
freundschaftliche Teilnahme an meinem Ergehn, aber Du tust mir unrecht, wenn Du meine Schreibnachlässigkeit irgend andern Ursachen zuschreibst außer schwankenden Gesundheitszuständen, die fortwährend
meine Arbeiten unterbrechen, dann anstacheln, die verlorne Zeit unter
Vernachlässigung aller sonstigen Verpflichtungen (Briefe eingeschlossen)
nachzuholen, und einen Menschen schließlich verstimmen und tatenfaul
machen.

Nach meiner Rückkehr von Harrogate!""?! hatte ich d’abord einen
Karbunkelanfall, dann kehrten meine Kopfleiden wieder, Schlaflosigkeit
etc., so daß ich von Mitte April bis Mai 5 in Ramsgate (seaside*) zuzubrin-
‘gen hatte. Seit der Zeit bin ich viel besser, aber noch keineswegs ganz hergestellt. Mein Spezialarzt (Dr.Gumpert in Manchester) besteht darauf,
daß ich nach Karlsbad soll!) und möchte mich so rasch als möglich dorthin wandern machen, aber ich muß doch endlich die französische Übersetzung(12#!, die ganz ins Stocken gekommen ist, zum Abschluß bringen,
und außerdem wäre es mir auch viel lieber, mit Dir dort zusammenzutreffen. |

In der Zwischenzeit, wo ich schreibunfähig war, habe ich bedeutend
neues Material für den zweiten Band? zusammengeochst. Ich kann aber
nicht an die schließliche Ausarbeitung desselben gehn vor Abschluß der
französischen Ausgabe und gänzlicher Wiederherstellung meines Gesundheitszustandes. |








Ich bin also noch keineswegs entschieden, wie ich über den Sommer disponieren werde.

Der Gang der deutschen Arbeiterbewegung (ditto in Östreich) ist durchaus befriedigend. In Frankreich ist der Mangel theoretischer Grundlage
und praktischen common sense’s sehr fühlbar. In England ist augenblicklich nur die ländliche Arbeiterbewegung ein Fortschritt!]; die industriellen Arbeiter müssen sich vor allem ihre jetzigen Führer vom Leib schaffen.
Als ich die Kerle auf dem Haager Kongresse denunzierte?”°], wußte ich,
daß ich mir dadurch Inpopularität, Verleumdung etc. auf den Hals laden
würde, aber solche Konsequenzen waren mir von je gleichgültig. Hier und
da fängt man an einzusehn, daß ich mit jener Denunziation nur eine Pflicht
erfüllte.

In den Vereinigten Staaten hat unsre Partei mit großen, teils ökonomischen, teils politischen Hindernissen zu kämpfen, aber sie bricht sich Bahn.
Das größte Hindernis dort sind die Politiker von Profession, die jede neue
Bewegung sofort zu verfälschen und in ein neues „Gründungsgeschäft“ zu
verwandeln suchen.

Trotz allen diplomatischen Schachzügen ist ein neuer Krieg, au peu
plus töt, au peu plus tard’, unvermeidlich, und vor Beendigung desselben
wird es schwerlich irgendwo zu gewaltsamen Volksbewegungen kommen,
oder können sie höchstens lokal und unbedeutend bleiben.

Der Aufenthalt des Kaisers von Rußland macht der Londoner Polizei
viel zu schaffen, und wird die hiesige Regierung froh sein, den Mann sobald
als möglich wieder loszuwerden.!”! In ihrer Vorsorge hat sie von der französiischen Regierung 40 Polizisten (mouchards), an der Spitze den berüchtigten Polizeikommissär Bloche sich verschrieben (Ali Baba mit den 40 Dieben), um die hiesigen Polen und Russen zu überwachen (während des Aufenthalts des Zaren). Die sog. Petition der hiesigen Polen um Amnestie ist
ein Machwerk der russischen Gesandtschaft; die hiesigen Polen haben dagegen einen von Wröblewski verfaßten und unterschriebnen Aufruf erlassen, der an die Engländer gerichtet ist und in den sonntäglichen Meetings
im Hyde-Park vielfach verteilt worden ist. Die Presse hier (mit ganz geringer
Ausnahme) schweifwedelt - der Zar ist ja „our guest“ -; aber trotz alledem
ist die wirkliche Stimmung gegen Rußland ungleich feindseliger als seit
dem Krimkrieg, und der Eintritt einer russischen princesse in die königliche
Familie hat eher Verdacht erregt als niedergeschlagen. Die Tatsachen - die
willkürliche Beseitigung der im Pariser Frieden getroffnen Bestimmungen




über das Schwarze Meer!!, die Eroberungen und Mogeleien in Zentralasien etc. - ennuyleren John Bull, und Disraeli hat keine Chance, sich für
längere Zeit am Ruder zu halten, wenn er des salbungsvollen Gladstones
auswärtige Politik fortsetzt.

Mit meinen freundschaftlichsten Grüßen an Deine liebe Familie und
Madame Tenge

Dein
K.M.