Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken


| 26. Juli 73, London
Lieber Sorge,


Gestern telegraphierte ich, Preis £ 1.16:

Engels to Sorge, Box 101, Hoboken, New York.

Serraillier yes.16’*

Schicke also sofort Instruktion und Material an S[erraillier], damit dieser
einige Zeit hat, sich hineinzuarbeiten und nicht mit ungelesenen Papieren
erscheint. Ditto das Geld.

Weder Marx noch ich hätten die Sache übernehmen können, ohne daß
das alte Geschrei wieder losgegangen wäre: da sieht man's, es ist immer
Mlarx], der dahintersteht und die New-Yorker nur vorgeschoben hat! Es
hat mir Mühe gekostet, Serrlaillier] zu überreden, er hat endlich eine Position gefunden, die ihn anständig ernährt und mußte sich erst nach dieser
Seite hin decken, daher 3 Tage Zeitverlust.

Kongreßberufung an Bignami geschickt, der wieder frei ist!], Auch an
Serrlaillier] mitgeteilt, der aber, wie schon gesagt", keine Korrespondenten
mehr in Frankreich hat.

Per heutige Post gehn 2Paketeä 16 Stück Kongreßbeschlüsse? an Dich ab.
Hättest sie längst haben können auf Verlangen. Aber da Ihr keine französischen Sektionen hattet, hielt ich die gesandten für den Gebrauch des Generalrats für genügend. - Nach Buenos Aires sind 8 oder 10 abgegangen.”!

Geld habe ich noch keins erhalten.

Der „Intlernationa]l Herald“ mit der englischen Übersetzung der Kon -
greßbeschlüsse ist nicht mehr aufzutreiben. Außerdem ist Riley abgefallen
und ins republikanische Lager übergegangen, und die Berichte des Federal
Councils stehn jetzt wieder in der „Eastern Post“, zum großen Ärger von
Jung und Hales, deren Organ dies Blatt bis zum Manchester Kongreß !!
war; der Kongreß aber machte sie tot. Daher habe ich den „Int. H.“ für
Meyer? nicht bestellt.




Kongresses zu Haag“ - * Hermann Meyer




Die französische Mandatserklärung ist nach Italien, Portugal und Spanien
abgegangen.!e

Mandate von dort werden Mlarx] und mir willkommen sein. Wir werden wohl gehn müssen, aus verschiedenen Gründen, blieben natürlich
lieber hier.

Mlarx] wird die Lieferungen I: „Kapital“!%] nachsenden, wenn nicht
schon geschehn. Von der französischen Übersetzung!#! sind 4 Lieferungen heraus, der Verleger* hat Angst, es möchte unter der jetzigen Pfaffenregierung konfisziert werden, und nicht mit Unrecht, daher das langsame
Erscheinen.

Aufnahme von Trades Unions war verschieden. Manche zahlten 1 d.
per Mitglied, andre eine Pauschsumme, bei andern trat bloß der Central
Council direkt bei und zahlte eine Pauschsumme. Laut dem betreffenden
Statutenartikel wurde die Affiliation durch einfachen Beschluß genehmigt
und ihnen ein Zertifikat darüber ausgestellt. - Für I sh. konnten sie eine
illustriert gedruckte, an die Wand zu hängende Ausfertigung davon erhalten.

Das „Demokrf[atische] Taschenbuch“ und „Geheimnisse von Europa“
wären vielleicht zu haben, wenn nähere Auskunft über Zeit und Ort des
Erscheinens angegeben, die Bücherlexika reichen nicht so weit und in den
Hinrichskatalogen 20 Halbjahrgänge durchzusehn, um die Sachen schließlich nicht zu finden (was bei dieser Art Bücher nur zu wahrscheinlich), geht
kaum an.

Das Genfer Geld hab’ ich noch immer in der Tasche wegen der unmöglichen Instruktionen, an die Ihr mich gebunden. Nämlich, wie eine Adresse
finden für Gelder für Witwen und Waisen der Kommune? Diesen Teil des
Geldes muß ich entschieden zu Eurer Disposition halten, da wir den Auftrag platterdings nicht ausführen können. Ich würde vorschlagen, es
Serraillier zu überweisen!” mit Auftrag, es möglichst für den angegebenen
Zweck, sonst aber überhaupt für Kommuneflüchtlinge zu verwenden. Oder
aber es der Internationale zu überweisen, die es sicher brauchen kann. -
Die hier noch nicht untergebrachten Flüchtlinge sind nicht viel wert. Ich
werde 10 sh. nach Genf schicken. Den Rest zu Eurer Verfügung.

Oberwinder.° Wir sind ganz Deiner Ansicht, soweit wir nach den veröffentlichten Dokumenten urteilen können.!?? Oberwinder] ist immer ein
trimmer gewesen, der auf die zurückgebliebenen Verhältnisse in Östreich
‚ein zu großes Gewicht gelegt haben mag, um einen Vorwand zu haben zu






vermitteln. Dagegen ist Ändr. Scheu bestenfalls ein konfuses Haus, der
durch „so weit wie möglich gehn“ sich hervortun will und jedenfalls mehr
Ambition als Kräfte hat. Wir haben ihn seit längerer Zeit in Verdacht, mit
den Bakunisten in Verbindung zu stehn, und nun braucht er in seinemProgramm (,„Volksst]aat]“ Nr.59) die direkt Bakunin entlehnte Phrase, daß alle
andern Parteien gegenüber dem Proletariat eine einzige reaktionäre Masse
bilden.!! Wir reservieren unser Urteil, bis wir mehr wissen. Sehr verdächtig ist auch, daß Heinrich Scheu, der im Haag war, seit über 4 Wochen
hier ist und sich erst bei Ml[arx] sehn ließ, nachdem ihm Frau Mlarx] auf
der Straße begegnet. Wir vermieden bisher, mit ihm über den Kasus zu
sprechen, er tut sonst ganz ehrlich und schimpft auf Bakunin und die Blanquisten, aber sonderbar bleibt’s.

Der Würtz wurde mir von Pihl als ein eitler vordringlicher Kerl geschildert, der sich für unentbehrlich hält und dessen Indiskretion bei Vorschieben seiner Person, ihnen viel geschadet. "The long and the short of it
is’, daß die Dänen, vermittelst der lassallischen Flensburger und andrer
Nordschleswiger, mehr zum Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein hinneigen und sich von diesem haben hereinreiten lassen. Daher ihr Stillschweigen. Der Teufel hole die Sozialisten aller dieser Bauernländer, sie
sind immer durch Phrasen zu bestechen.

Sieh z.B. unsre Bakunisten in Spanien an. Da haben sie auf Ordre
Bakuniins in Alcoy den Staat abgeschafft (die angeblichen Greueltaten waren
natürlich reaktionäre Erfindungen) und ein Comite de salut public? eingesetzt (worunter Severino Älbarracin, Mitglied des bakunistischen Föderalrats von Valencia und der jetzigen in Cördoba ernannten Korrespondenzkommission). Was geschieht? Auf Vorschlag einiger vermittelnden Deputierten wird Friede geschlossen: einerseits Amnestie, andrerseits Aufgeben
des Widerstands, und die Truppen rücken unter dem Triumph der Bourgeois ein !!! In Barcelona sind sie nicht stark und nicht couragiert genug,
ein Gleiches zu versuchen, aber wo sie sind, verstärken sie die „Anarchie“,
die allgemeine Konfusion und - bahnen den Karlisten den Weg.

Der Allianzbericht!””! ist im Druck - gestern die ersten Korrekturen
gelesen - soll in 8 Tagen fertig sein, aber ich zweifle stark. Das Ding wird
ca. 160 Seiten stark, die Druckkosten - ca. £ 40 schieße ich vor. Auflage
1000 - Preis 2 Franken = 1/9d. britisch. Die ersten fertigen Ex. schicke
ich Euch. Da aber das Ding platterdings verkauft werden muß, um auf die
Kosten zu kommen, so laß mich gleich wissen, wieviel Ex. für dort bestellt


7 Der Kern der Sache ist - einen Wohlfahrtsausschuß




werden; man schickt dann noch einige mehr. Sieh Dich auch nach einem
soliden Buchhändler um, der das Ding dort vertreibt. Für dort wird der
Preis wegen der Mehrkosten wohl auf 60-75 ct. currency? gesetzt werden
müssen — c'est votre affaire! - wir müssen hier jedenfalls 1/9 d. per Ex. erhalten, ausgenommen die durch den Buchhändler verkauften, wo sein
Rabatt abgeht, sonst kommen wir nicht auf die Kosten. Das Ding wird wie
eine Bombe unter die Autonomisten fahren, und wenn überhaupt jemand
kaputtzumachen ist, den Bakunin maustot machen. Lafargue und ich haben
es zusammen gemacht, bloß die Konklusion ist von Mlarx] und mir. Wir
werden es an die ganze Presse schicken. Du wirst Dich selbst wundern über
die Infamien, die darin enthüllt werden; selbst die Leute von der Kommission waren ganz erstaunt.

Der Federal Council hier geht seinen schläfrigen Gang weiter. Außer
den gedruckten Berichten sehe und höre ich wenig von ihnen. Jedenfalls
sind Jung, Hales, Mottershead und Co. kaputt, soweit ihre Schein-Internationale ins Spiel kam.

Besorg mir durch Würtz einige Adressen nach Kopenhagen und zwar
sofort, damit ich einige Ex. des Allianzberichts hinschicken kann. Von Pihl
nie wieder ein Wort gehört, so daß ich nicht weiß, ob seine Adr. noch gültig.

Sonst geht’s hier so ziemlich. Meine Frau! ist in Ramsgate und Frau
Mlarx] wollte heute auch hin. Jenny Longuet wird wohl in 8-14 Tagen die
Familie vermehren (schreib darüber nichts an Frau Mlarx] oder Mlarx],
ehe Du offizielle Anzeige erhältst, they are very particular about family
matters?). Lafargue und Le Moussu haben ein Geschäft in Engraving!!?!
angefangen, basiert auf ein Patent. Dupont sucht auch sein Patent zu exploitieren in brass instruments!, stößt aber immer auf Hindernisse, die
meist in ihm selbst liegen, da er von Geschäftssachen soviel versteht wie
mein Hund. Alles dies unter uns. Du weißt gar nicht, wie empfindlich diese
Leute sind wegen Privatmitteilungen, und zwar je empfindlicher, je größere
Klatschweiber sie selbst sind.

Schließlich: Am besten wäre es immer noch, einer von Euch käme. Wie
können wir hier den Generalrat so vertreten wie dies durch ein Mitglied
geschehen kann?

Dein
F. Engels