Engels an Friedrich Adolph Sorge 
in Hoboken 


122, Regent’s Park Road 
London, 20. März 1873 

Lieber Sorge, 

Vor allem laß mich Dir unsre herzliche Teilnahme an dem schweren 
Familienunglück aussprechen, das Dich betroffen hat.!] Wir alle haben 
ähnliche Verluste zu erleiden gehabt und wissen, wıe tief sie ıns ganze 
Leben des Menschen einschneiden. Es kostet lange Zeit und harten 
Kampf, bis man sie verwindet, wir wissen aber, daß Du die Energie be- 
sitzest, Herr darüber zu werden. 

Deinen letzten oder vielmehr vorletzten Brief hat Marx, der Dir einige 
Zeilen schreiben wollte, ich zweifle indes, ob er’s getan, und kann ihn heute 
nicht fragen, da er mit Tussy auf einige Tage nach Brighton gegangen. Was 
die alten Generalratsprotokolle angeht!!, so können sie Euch nichts 
nützen, da Ihr alle Beschlüsse von allgemeinem Interesse schon früher mit- 
geteilt erhieltet und die andern alle Gültigkeit verloren haben. Dagegen 
sind sıe uns hier in dem Kampf gegen die Sezessionisten absolut unent- 
behrlich, um auf die Lügen und Verleumdungen antworten zu können. Ich 
denke, das Interesse der Internationalen ıst doch hier wichtiger als die Er- 
füllung einer Formalität. - Daß die andern Sekretäre keine Berichte ge- 
schickt, ıst allerdings nicht in der Ordnung. Der von Serraillier war in dem 
verlornen Brief. Wröblewskı kann keinen schicken, da ın Polen alles geheim 
ist und wir auch früher nıe Details von ihm verlangt haben. Wie es ın 
Deutschland und Östreich steht, wißt Ihr ebensogut wie wir, da Ihr direkt 
korrespondiert und wir vom Status der Sektionen ebenfalls keine Details 
haben. Von den ausgetretenen Sekretären der Schweiz - Jung - und Däne- 
mark - Cournet - kann kein Bericht verlangt werden. Wer also soll Euch 
noch berichten? Von Dänemark hören wır kein Wort, ıch fürchte, lassallea- 
nische Umtriebe haben dort Boden gefunden. 

In Frankreich scheint alles abgefaßt. Heddeghem hat den Verräter 
gespielt, wie der Prozeß ın Caen beweist, wo der Prokurator ıhn direkt als 
Denunzianten nannte. Dentraygues ın Toulouse (Swarm) hat mit gewöhn- 


Be a en le a VE a Sen 




licher Pedanterie eine Masse nutzloser Listen geführt, die der Polizei alles 
Nötige lieferten, sein Prozeß ist jetzt im Gang!#?!, die Berichte erwarten wir 
täglich. Larroque ıst glücklich via London nach San Sebastian entkommen, 
wo er wieder mit Bordeaux anzuknüpfen sucht. Seine (geheimzuhaltende) 
Adresse ıst: 

Sefior Latraque 

21, Calle de la Aduana, San Sebastian, Spain, 
ohne inneres Kurert. 

Cuno hat mit seiner Resolution von Sektion 29 kein Glück gehabt. Er 
schickt sie an den allıanzistischen spanischen Föderalrat und sagt dabei, 
daß Capestro = Cuno! Wozu also die Namenkemödie? Die „Federaciön“ 
von Barcelona druckt den Kram ab und zieht daraus die Folge - nicht 
ganz ohne Scheingrund -, daß Cuno ebenfalls jetzt Buße getan und einge- 
sehen hat, daß der vorige Generalrat unrecht hatte. Das kommt vom Ver- 
mitteln. 

Ad vocem L.odi.! Als Dein Brief vom 12.Febr. ankam, waren alle wieder 
frei und Bignamı zeichnete wieder als Redakteur. Ich nahm also auf mich, da 
kein Geld mehr nötıg war, die 20 Dollars nicht zu schicken, um so mehr, da 
der Generalrat sein Geld selbst braucht. Ich bitte um umgehende Instruk- 
tion, ob es noch geschickt werden soll oder ob Ihr anders darüber verfügen 
wollt.? 

Was Geldzahlungen für den Generalrat angeht, so habe ich noch keinen 
Heller erhalten. Du wirst aus Verwaltungs-Verordnungen III, Art. 4, 
ersehn, daß die Beiträge erst am 1.März fällig sind; und die Praxis war, 
daß diese fast allgemein erst kurz vor, oder auf dem Kongreß bezahlt wur- 
den. Wir lebten bis dahin meist von individuellen Beiträgen und vom 
Schuldenmachen. Was erstere angeht, so will ich suchen, welche beizu- 
treiben, es wırd aber schwerhalten, wenn wir nıcht alle Ressourcen für 
den nächsten Kongreß vorweg verwenden und den Verlauf des Kongresses 
dem Zufall überlassen wollen. 

Schick sofort 80-100 englische Gewerkschaftspläne.!%! Die 40 ge- 
schickten sind, wie die meisten Briefe, bis jetzt nicht angekommen - man 
sucht danach - und reichen für hier gar nıcht aus, ın Manchester alleın 
können 30-40 abgehn, da die Trades Unions hier meist nur lokal, nicht 
zentralisiert sind. Du kannst vorderhand alles für den British Federal 
Council entweder an mich schicken oder an den Sekretär S.Vickery, 


1 Nun zu Lodi. - ? siehe vorl. Band, S. 557 - * Karl Marx: „Allgemeine Statuten und Ver- 
waltungs-Verordnungen der Internationalen Arbeiterassoziation“ 




3, Oak Villas, Friern Park, Finchley, N., London. Oder an F. Leßner, 12, 
Fitzroy Street, Fitzroy Square, W. London. Das jetzige Lokal des Federal 
Council ıst eben auch nur provisorisch. Ebenfalls kann ich noch franzö- 
sische Ex. brauchen für Italien, Holland und Belgien, ich schicke sıe 
einzeln oder zu 2-3 an die Strike-Komitees, wo ımmer ein Strike aus- 
bricht. 

Adressen ın Holland oder Belgien kann ıch jetzt nıcht schaffen; Liebers 
ıst nıcht mehr ım Haag, sondern ın Deutschland, van der Hout, der übrigens 
ein Bummler ist, ist bei Essen als coal miner“. 

Die Resolution vom 26. Jan. ist sehr gut.!%°*! Jetzt ist zur Erledigung der 
Sache nur noch nötig, daß Ihr nach Abhaltung der ım März bevorstehenden 
jurassıschen, italienischen und sonstigen Kongresse einen Beschluß faßt, 
worin der vom 26.Jan. auf die betreffenden Sezessionisten in Spanien, 
Belgien, England, Jura namentlich angewandt wird.!! Von Italien könnte 
bloß die Rede sein, soweit anerkannte Sektionen - Neapel, Mailand, Ferrara, 
Turin, Lodi, Aquila - davon etwa betroffen würden - die andern haben nie 
zur Internationalen gehört. Ä Ä 

Die Adresse an die Spanier!! wird ebenfalls sehr gut wirken. Einer- 
seits ist sie theoretisch durchaus korrekt gehalten und andrerseits vermeidet 
sıe alles, was den Allianzisten Vorwand geben könnte, sich als Anarchisten 
dagegen breitzumachen, und drittens ist sie kurz. Überhaupt haben alle 
Eure Adressen beı den Arbeitern großen Anklang gefunden. 

Die Resolution vom 26. Jan. habe ich dem British Federal Council zu- 
geschickt, sie wırd heute abend vorgelegt. 

Die Forderungen des Generalrats (vom 15.Dez.) wegen Zulassung von 
Sektionen werden in dieser Weise sicher nie erfüllt. Der Generalrat. muß 
jede Sektion zulassen, die die Bedingungen der Statuten und Verwaltungs- 
Verordnungen erfüllt, er kann keine neuen Bedingungen stellen, also fällt 
Nr. (die Statistik der Zahl und Arbeitszweige zu fordern ist der General- 
rat berechtigt, aber keine Namen) teilweise und Nr. 4 ganz, da Titel Ill der 
Verwaltungs-Verordnungen die Zahlungsweise anderweit regelt. Dies wird 
am besten stillschweigend fallengelassen - wır hier haben nıe mehr er- 
halten als was Nr. 2 und 3 vorschreiben, und selbst das nur mıt Mühe, und 
waren, beı feststehendem gutem Willen der Leute, auch nıe strıkt wegen 
der Form. Für zweifelhafte Fälle ist es allerdings gut, einen solchen Be- 
schluß ım Rücken zu haben. 

Ebensowenig wird es Wr[öblewski] möglich sein, sich. an seine In- 


4 Bergmann 




struktionen zu halten. Für Polen muß der Bevollmächtigte durchaus als 
Vertrauensmann behandelt werden, sonst richten wır dort gar nichts aus, 
und eın detaillierter monatlicher Bericht ıst für ıhn ganz unmöglich. - 
Quant aAmoı°, so kann ich über Italien nur berichten, daß nichts zu berichten 
ist, außer daß die Sektion Lodi noch nicht wieder konstituiert und die in 
Turin wahrscheinlich aus dem Leim gegangen. 

Es war wirklich eine unglückliche Idee, mir die Stamps zuzuschieben.'%”! 
Voriges Jahr schon hat es bis März oder April gedauert, bis wır se erhielten, 
jetzt wird s noch später. Le Moussu, wie alle Franzosen, ist ın Geschäfts- 
sachen, wo es ıhm nicht auf die Finger brennt, verdammt bummlig und 
Treten hilft da nıchts. Damals besorgte Jung das Drucken, jetzt fallt das 
auch noch dem Le Mloussu] zu, der kein Englisch kann. 

Den „Intfernationall Herald“ und „Emanc[ipacıön]“ habe ıch Dır, 
ersteren bis Nr.50 (geht heute ab) und letztere bis Nr. 88, zugeschickt, 
hoffentlich richtig angekommen. 

Beinahe hätte ıch vergessen, Dir für den endlich nach langer Reise hier 
angekommenen Wein zu danken. Derselbe ging per deutschen Steamer 
nach Bremen und wurde von dort franco hieher verladen, wo er dann nach 
einigen Irrfahrten richtig hier ankam. Ich habe mich mit Marx darın geteilt, 
selbst aber erst einige Flaschen probiert. Der sweet” Catawba hat den 
Damen sehr gefallen. Der rote ist nicht ohne und der weiße, soweit ıch ıhn 
versucht, eine interessante Zwischenstufe zwischen Rheinwein und dry 
sherry. Die paar Flaschen, die ich noch ım Keller habe, werden für große 
Gelegenheiten aufgespart. Der Wein ist angenehm zu trınken, ermangelt 
aber des individuellen Charakters der europäischen Ortginalweine. Ich bın 
Dir sehr dankbar dafür, meine Weinkenntnis ın dieser angenehmen Weise 
um eine ganze Hemisphäre bereichert zu haben; was mich am meisten 
wundert, ıst die bei dieser Gelegenheit zuerst mır bekannt gewordene 
nördliche Lage der Ohio-Weıinberge, die ıch weıt südlicher vermutet 
hatte. 

Der Krakeel wegen Woodhull in Spring-Street!! hat mich sehr 
erheitert. Ich werde das in Spanien etc. weiter verbreiten. Ebenso, daß 
Eccarius in der „World“ ihren sham Kongreß? als eine bloße freundschaft- 
liche Zusammenkunft zu schildern wagt. „Arbeiter-Zeitung“ bis Nr. 4 er- 
halten. Sehr gut, wenn auch hier und da etwas rauh ım Stil, schadet durch- 
aus nichts, attestiert proletarischen Charakter. Sehr gut Angriff auf Singer 
Co. - ought to be continued and extended to others?. 


5 Was mich betrifft - € Dampfer - ? süße - 8 Scheinkongreß - ? sollte fortgesetzt und auf 
andere ausgedehnt werden 




Hier ist sonst nichts Neues. Die Jung-Halesschen Schimpfereien gehn 
durch die ganze jurassische, belgische und sonstige sezessionistische Presse; 
Longuet will ın der „Liberte“ darauf antworten, ob’s was wird, ist mir beı 
seiner Faulheit nicht ganz klar. 

Postschluß. 

Besten Gruß. 
| Dein 

F. Engels