Engels an Natalie Liebknecht
in Leipzig


122, Regent’s Park Road, N.W.
London, 11. März 1873

Geehrte Frau Liebknecht,

Wollen Sie die Güte haben, bei Ihrem nächsten Besuch auf dem
Schlosse], den inl. Brief an Liebknecht!""! zu übergeben? Ich habe bisher
die meisten Briefe an ihn an die Red. des „Volksstlaats]“ geschickt, weil ich
nicht wußte, ob Sie noch in 11 Braustr. wohnten. Ihr gezwungener Strohwitwenstand muß Ihnen nachgerade sehr drückend werden, Sie haben in
der Tat viel durchzumachen! Jedenfalls aber können Sie Liebknl[echt} doch
regelmäßig besuchen, und da möchte ich Sie bitten, wenn es nicht zu unverschämt ist, mir zu sagen, wie er sich körperlich befindet, wie die Behandlung
ist, ob er, was Essen und Trinken angeht, auf die Ressourcen des Schlößchens angewiesen ist oder auch Zufuhr von außen beziehen kann, und sonst
alles, was sich auf seine und Bebels Lage bezieht - er selbst schreibt nur
sehr wenig darüber, eigentlich neuerdings gar nichts mehr, und Sie begreifen, daß uns hier dies alles sehr interessiert. Nicht nur der Gefangenen
allein wegen - es istauch ein klein wenig Egoismus dabei, indem uns dies
gelegentlich auch einmal passieren könnte, und da möchte man doch gerne
wissen, was man zu erwarten hat. Wie steht es auch mit Büchern? Kann er
alles haben - wenigstens von wissenschaftlichen und literarischen Sachen -,
was er braucht, oder ist die Zensur scharf? Daß die Taubenpost oder wie
man in Amerika sagt, the underground railway!!! gut organisierbar ist,
weiß ich freilich. |

Hoffentlich behalten Sie guten Mut und mitsamt den Kindern gute
Gesundheit. It is a long lane that has no turning!, sagt ein englisches
Sprichwort, und das turning wird wohl nicht mehr so lange auf sich warten
lassen. Und sein Sie versichert, wie es auch immer geht, daß Sie hier in
London Freunde haben, die an Liebknechts und Ihrem Schicksal den


wärmsten Anteil nehmen.


1 Es muß schon eine lange Gasse sein, die keinen Ausweg hätte




Wenn unter den Kindern sich einige noch meiner erinnern sollten,
was ich aber sehr bezweifle, da ich damals nicht in London wohnte, so
wollen Sie sie herzlichst von mir grüßen.

Mit aufrichtigster Teilnahme

Ihr ergebner


Friedrich Engels