Marx an Engels

in Manchester

’ [London] Dienstag [25. März 1856]
Lieber Engels,

In einem nächsten Brief Antwort auf Dein letztes Schreiben. Heute nur
eine Anfrage, von der ich wünsche, daß Du sie womöglich umgehend beantwortest. Ich habe heute keinen Artikel an die „Tribune“ geschickt, weil
ich mit dem Durchlesen des Blue Book über Kars!*!! nicht fertig wurde - es
geriet mir erst spät gestern abend in die Hand. Ich habe meinen Artikel #2
Freitag abzusenden, gleichzeitig mit dem, den ich von Dir erwarte. Nun
ad rem:

Ein großer Teil des Blue Book ist rein militärischer Natur; Du kannst
später sehn, ob was damit zu machen ist. Aber über einen Punkt wünsche
ich Deine kritische opinion!, da er wesentlich auch für die politisch diplomatische Seite der Sache, und ich darüber schon in dem Freitagartikel
sprechen muß. Die Türken schlugen Ende Juni vor, eine Hülfsarmee nach
Redut Kale zu schicken, um von da auf Kutais etc. zu operieren. Die englische Regierung ihrerseits wollte Entsatztruppen über Trapezunt nach
Erzerum schicken, wie es scheint, Kars als unwesentlichen Punkt aufgebend
und Erzerum als Zentrum des Widerstands betrachtend. Jedenfalls wurde
mit dieser Streitfrage die zum Handeln günstige Zeit unwiderruflich gekillt.
Damit Du fully? über die question? informiert bist, füge ich hier die entscheidenden Extracts zu.

Stratford de Redcliffe to Clarendon. 28. June, 1855.

„Ihe Turkish ministers, who had talked of sending 10 000 men from
Batoum to Erzeroum, now, in their embarrassment, incline to another plan.
They propose to form an entrenched camp at Redoute-Kaleh, and to concentrate there the corps of General Vivian - completed by a draft of
10 000 men from the Bulgarian army - that of General Beatson, and the
detachment from Batoum, reduced to 7000 men. The total of these combined forces would be about 30 000 of all arms.:Stationary they might

operate as a diversion in favour of the army at Kars or Erzeroum; advancing by Kutais or Georgia they might either attack the Russians in the
rear or force them to retreat.””?

Id. to id., 30. June, 1855.

„Ihe meeting which I had previously announced, took place this morning at the Grand Vizier’s house on the Bosphorus. In addition to his Highness, the Seraskier and Fuad Effendi were present. I was accompanied by
Brigadier-General Mansfield... It appears, that the Russians advancing
from Gumri with an amount of force varying from 20-30000, had presented
themselves before Kars; that a partial engagement of Cavalry had taken
place, followed two days later by an attack, which had been repulsed, on the
part of the enemy, and that the town was threatened with a siege... It was
clear, to all present, that whether the Russians besieged or turned Kars,
the Turkish army required an effort to be made for its relief with all practicable dispatch, and that of 3 possible modes of acting for that purpose,
the only one likely to prove effective was an expedition by Kutais into
Georgia. To send reinforcements by Trebizond would be at best a palliative. To establish an entrenched camp at Redoute-Kaleh, would, at this
unhealthy season, be equivalent to consigning the troops to destruction.
The real question was, whether a force numerically sufficient, and in all
respects effective, could be collected in time at Kutais to make an excursion
into Georgia and threaten the communications of the Russian army... The
Turkish ministers proposed that the expeditionary force should be composed of 12 000 men from Batoum and the neighbouring stations; of the
troops made over to General Vivian, and estimated at 10 000 of all arms;
of General Beatson’s Irregular Cavalry, of 10 000 men to be detracted from
the army in Bulgaria as the complement of the Turkish contingent; of
5000 more derived from the same source; of an Egyptian regiment of horse
now here, and of another regiment expected from Tunis. To these the

5 Stratford de Redcliffe an Clarendon. 28. Juni 1855.

„Die türkischen Minister, die davon gesprochen hatten, 10000 Mann von Batum nach
Erzerum zu entsenden, neigen jetzt in ihrer Verlegenheit zu einem andern Plan. Sie schlagen
vor, bei Redut Kale ein verschanztes Lager anzulegen und dort das Korps General Vivians -
durch ein Kontingent von 10 000 Mann aus der bulgarischen Armee auf die volle Stärke gebracht -, das Korps General Beatsons sowie das auf 7000 Mann reduzierte Detachement
von Batum zu konzentrieren. Insgesamt würden diese vereinigten Streitkräfte ungefähr

: 30.000 Mann aller Waffengattungen ausmachen. Von diesem Standort aus könnten sie als
eine Ablenkung zugunsten der Armee in Kars oder Erzerum operieren; indem sie über Kutais
oder Georgien vorrücken, könnten sie entweder die Russen im Rücken angreifen oder sie zum
Rückzug zwingen.“ j

Seraskier proposed to add 2000 Albanians by way of riflemen. These several
forces... would present a total of 44 000 men, not perhaps to be reckoned
with prudence at more than 36 000 effectives.“ 

Id. to id., 1. July, 1855.

»...the proposed diversion at Redoute-Kaleh originated with the
Porte.“”?

Clarendon to Stratford de Redcliffe. July 13. 1855.

n... Her Majesty’s government are of opinion, that the wiser course
would be to send reinforcements to the rear of the Turkish army, instead
of sending an expedition to the rear of the Russian army. The reinforcements
might go to Trebizond, and be directed from thence upon Erzeroum. The
distance from Trebizond to Erzeroum is less than that from Redoute-Kaleh
to Tiflis, and the march is through a friendly instead of through a hostile
country; and at Erzeroum the army would meet supporting friends instead
of opposing enemies, and supplies instead of famine. If the army at Kars
cannot maintain that position against the Russians, it will be easier to

8 Derselbe an denselben, 30. Juni 1855.

„Die von mir bereits angekündigte Zusammenkunft fand heute morgen im Hause des
Großwesirs am Bosporus statt. Außer Seiner Hoheit waren der Seraskier und Fuad Effendi
zugegen. Ich wurde von Brigadegeneral Mansfield begleitet... Es scheint, daß die in einer
Stärke von 20-30 000 Mann von Gumri vorrückenden Russen sich vor Kars gezeigt hätten
und daß es zu einem Teilgefecht der Kavallerie gekommen sei, dem zwei Tage darauf ein
vom Feind zurückgeschlagener Angriff gefolgt und die Stadt von Belagerung bedroht sei...
Allen Anwesenden war es klar, daß, ob die Russen nun Kars belagerten oder es umgingen,
die türkische Armee zu ihrer Entsetzung aller im Bereich des Möglichen liegenden Anstrengungen bedurfte und daß zur Erreichung dieses Zweckes von drei Aktionsmöglichkeiten
die einzige Erfolg versprechende eine Expedition über Kutais nach Georgien sei. Die Entsendung von Verstärkungen über Trapezunt wäre bestenfalls ein Notbehelf. Ein verschanztes
Lager zu errichten, hieße bei der gegenwärtig ungesunden Jahreszeit, die Truppen der Vernichtung preisgeben. Die eigentliche Frage war, ob eine zahlenmäßig ausreichende und in
jeder Hinsicht einsatzfähige Streitkraft rechtzeitig in Kutais konzentriert werden könne, um
einen Zug nach Georgien zu unternehmen und die Verbindungen der russischen Armee zu
bedrohen... Die türkischen Minister schlugen vor, daß die Expeditionsarmee aus 12000 Mann
von Batum und den benachbarten Standorten, aus den General Vivian unterstellten Truppen,
die auf 10.000 Mann aller Waffengattungen geschätzt werden, aus General Beatsons irregulärer Kavallerie, aus 10 000 Mann, die von der Armee in Bulgarien zur Ergänzung des
türkischen Kontingents abgezogen wurden, aus weiteren 5000 gleicher Herkunft, einem
ägyptischen Reiterregiment, das sich zur Zeit hier befindet, sowie einem weiteren aus Tunis
erwarteten Regiment gebildet werden soll. Zu diesen schlug der Seraskier vor, 2000 albanische
Schützen hinzuzufügen. Diese verschiedenen Streitkräfte... würden sich auf insgesamt
44 000 Mann belaufen - vorsichtig gerechnet vielleicht nichtmehr als 36 000Einsatzbereite.“ -
7 Derselbe an denselben, 1. Juli 1855.

w... die vorgeschlagene Ablenkung bei Redut Kale ging von der Pforte aus.“

defeat them by the whole force collected, than by divided portions of that
force; and a defeat would be the more decisive, the further it took place
within the Turkish frontier. Trebizond is a place where supplies of all
kinds might be landed etc.“ 8

Id. to id., 14. July, 1855 (Telegraphic).

„Ihe plan for reinforcing the army at Kars contained in your despatch
of the 30th June and Ist inst., is disapproved. Trebizond ought to be the
base of operations, and if the Turkish army of Kars and Erzeroum cannot
hold out at the latter place against the Russians, it might fall back on
Trebizond, where it would easily be reinforced.“?

Id. to id., 16. July, 1855.

„If, indeed, Omer Pasha... should determine to take any part of his
own army, with Tunisians and Albanians to Redoute-Kaleh, Her Majesty’s
government would have nothing to say to that proceeding, but as regards
the contingent under General Vivian and General Beatson’s Horse, Her
Majesty’s government abide by their opinion that they should be directed
through Trebizond or Erzeroum.*!?

8 Clarendon an Stratford de Redcliffe. 13. Juli 1855.

w... die Regierung Ihrer Majestät ist der Ansicht, es wäre klüger, Verstärkungen in das
Hinterland.der türkischen Armee statt einer Expedition in das Hinterland der russischen Armee
zu senden. Die Verstärkungen könnten nach Trapezunt gehen und von da nach Erzerum
dirigiert werden. Die Entfernung von Trapezunt nach Erzerum ist geringer als die von Redut
Kale .nach Tiflis, und der Weg geht durch befreundetes und nicht durch Feindesland. In
Erzerum würde die Armee hilfreichen Freunden und nicht widersetzlichen Feinden begegnen und Vorräte vorfinden statt Hunger. Kann die Armee in Kars diese Position gegen die
Russen nicht halten, so wird es leichter sein, sie durch die ganze vereinigte Streitmacht zu
schlagen als durch einzelne ihrer Teile; und eine Niederlage würde um so entscheidender
sein, je weiter sie innerhalb der türkischen Grenzen stattfände. Trapezunt ist ein Ort, wo
alle Arten von Ausrüstungen ausgeschifft werden könnten etc.“ -

„Der Plan zur Verstärkung der Armee in Kars, der in Ihren Depeschen vom 30. Juni und
vom 1. dieses Monats enthalten ist, wird mißbilligt. Trapezunt sollte die Operationsbasis
bilden, und wenn die türkische Armee von Kars und Erzerum letzteren Platz gegen die
Russen nicht behaupten kann, so mag sie sich auf Trapezunt zurückziehen, wo sie leicht verstärkt werden könnte.“ -

10 Derselbe an denselben, 16. Juli 1855.

„Wenn Omer Pascha sich wirklich... entscheiden sollte, einen Teil seiner eigenen Armee
mit Tunesiern und Albaniern nach Redut Kale zu führen, so hätte die Regierung Ihrer
Majestät zu einem solchen Vorgehen nichts zu bemerken; was aber das Kontingent unter
General Vivian und General Beatsons Kavallerie anbelangt, so beharrt die Regierung Ihrer
Majestät auf Ihrer Meinung, daß sie durch Trapezunt oder Erzerum geführt werden sollten.“

Lord Panmure to General Vivian, 14. July, 1855.

»... ] place such full reliance on your professional ability, that I feel
no anxiety lest you should undertake any expedition of a nature so wild
and ill-digested as that contemplated by the Porte... A coup de main by
means of suddenly throwing an army on the coast to threaten, or even to
attack an enemy’s stronghold, is one thing, but a deliberate expedition to
invade an enemy’s country, and on his own territory to make war upon him,
is quite another.“

Ich gestehe, daß Clarendons Strategie und der feine Unterschied, den
Lord Panmure Carnot zugunsten des Sewastopol „coup de main“ gegen
den türkischen Plan einer strategischen Bewegung in Georgien macht, mir
höchst kurios vorkommen.

Also, womöglich, antworte über diese Punkte umgehend.

Salut.

Dein
K.M.

1 Lord Panmure an General Vivian, 14. (im Original: 18.) Juli 1855.

„... Ich setze ein viel zu festes Vertrauen in Ihre Fachkenntnis, um besorgt zu sein, daß
Sie sich auf eine Expedition von so abenteuerlicher und verworrener Art einlassen könnten,
wie sie die Pforte vorschlägt... Ein Handstreich, mit dem man plötzlich eine Armee an die
Küste wirft, um eine feindliche Festung zu bedrohen oder gar zu attackieren, ist etwas ganz
anderes als eine wohlüberlegte Expedition mit dem Ziel, in ein feindliches Land einzufallen
und den Feind auf seinem eigenen Gebiet zu bekriegen.“