Marx an Joseph Weydemeyer
in Zürich


[London] 11.September [1851]

28, Dean Street, Soho

Lieber Weydemeyer! ;

Lupus hat an seinen Bekannten an der „Staatszeitung“ in Deinen An-
‚gelegenheiten geschrieben. Das Schlimme ist nur, daß Herr Kinkel in
neurer Zeit sich dort eingenistet hat. Andrerseits hat sich das Gute ereignet,
daß die Zeitung des Herrn Heinzen, die New-Yorker „Schnellpost“, gezwungen war, ihren Bankerutt zu erklären. Die Herrn Hoff und Kapp versuchen jetzt eine neue Zeitung auf Aktien zu gründen. Jedenfalls ist ein
Moment eingetreten, der zu Zeitungsspekulationen günstig ist.

Die hiesigen großen Männer haben sich vollständig entzweit. Die Kerls
gebärden sich, als ob sie die Nachfolger Alexanders wären und das mazedonisch-asiatische Reich unter sich zu verteilen hätten, les dröles?!

Wenn ich nur mehr Bekanntschaft hier hätte, so würde ich gesucht
haben, Dir hier eine Stelle als Ingenieur, Eisenbahnvermesser oder dgl. zu
verschaffen. Leider bin ich ohne alle Verbindung. Ich bin sonst überzeugt,
daß in dieser line? hier Beschäftigung zu finden ist. Schlimm ist’s, daß wir
alle so short of money? sind und Du nicht die Mittel hast, einige Zeit hier
abzuwarten und Dich umzusehn. Wenn es Dir aber wirklich gelingt, Dein
Vorhaben in New York auszuführen, findest Du dort jedenfalls leichter
die Mittel zur Rückkehr nach Europa im Fall einer Revolution, als wir
‘von hier. :

Und dennoch müde ich mein Gehirn mit Plänen ab, wie Du hier Dich
settlen? könntest, denn einmal drüben, wer bürgt Dir dafür, daß Du Dich
hicht nach dem Far West? verlierst! Und wir haben so wenige Kräfte und
müssen so ökonomisch mit unsren Kapazitäten umgehn.

Dabei wählst Du eine schlechte, unbequeme Zeit zum Reisen. Indes il
'nyarien & faire contre la n&cessit€ des choses. Und davon bin ich wenig-


1.die Käuze - * Richtung -° knapp an Geld -* niederlassen - Fernen Westen - © man kann
. nichts dagegen tun, wenn es notwendig ist


100 -"Marz’än Joseph Weydeineyer 11. Septeinber 1851 579


stens überzeugt, daß Du, einmal drüben, nicht dieselbe Misere durchzumachen hast, wie wir alle hier. Und diese Aussicht ist wenigstens auch in
Rechnung zu ziehn. i

Wie dies die Zeit der Auflösung der „demokratischen“ provisorischen
Regierungen ist, hat auch Herr Mazzini erfahren müssen. Die Minorität
ist aus dem italienischen Komitee’ 1270) nach heftigen Kämpfen ausgetreten.
Es sollen dies die Weiterentwickelten sein.

Ich halte Mazzinis Politik für grundfalsch. Er arbeitet ganz im Interesse
Östreichs, indem er Italien zum jetzigen Losbruch sollizitiert. Andrerseits
versäumt er es, sich an den seit Jahrhunderten unterdrückten Teil Italiens
zu wenden, an die Bauern, und bereitet damit der Kontrerevolution neue
Ressourcen vor. Herr Mazzini kennt nur die Städte mit ihrem liberalen
Adel und ihren citoyens &claires. Die materiellen Bedürfnisse des italienischen Landvolks - so ausgesogen und systematisch entnervt und verdummt
wie das irische - liegen natürlich unter dem Phrasenhimmel seiner kosmopolitisch-neokatholisch-ideologischen Manifeste. Aber allerdings gehörte
Mut dazu, den Bürgern und dem Adel zu erklären, daß der erste Schritt
zur Unabhängigkeitsmachung Italiens die völlige Emanzipation der Bauern
und die Verwandlung ihres Halbpachtsystems in freies bürgerliches Eigentum ist. Mazzini scheint eine Anleihe von 10 Millionen francs für revolutionärer zu halten als eine Gewinnung von 10 Millionen Menschen. Ich
fürchte sehr, daß die östreichische Regierung im äußersten Notfall selbst
den Besitzstand in ’Italien ändern und „galizisch“ reformieren wird #7),

Dem Dronke sage, daß ich ihm in einigen Tagen schreiben werde. Besten
Gruß an Dich und Frau von meiner Frau und mir. Überleg Dir nocheinmal, ob Du die Sache hier versuchen willst.

Dein
K.Marx


? siehe vorl. Band, S. 339/340 - aufgeklärten Bürgern
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