Engels an Marx
in Paris
[Poststempel:
Barmen, 20. Januar 1845]

Lieber Marx,

Wenn ich Dir nicht früher geantwortet habe, so liegt das hauptsächlich
daran, daß ich auf das von Dir versprochene „Vorwärts“ wartete. Da das
Ding indes bis jetzt noch nicht hier ist, so hab’ ich das Warten aufgegeben
und ebenso das Warten auf die „Kritische Kritik“, von der ich weiter gar
nichts höre. Was den Stirner betrifft, so bin ich durchaus mit Dir einverstanden. Als ich Dir schrieb, war ich noch zu sehr unter dem unmittelbaren
Eindruck des Buchs befangen, seitdem ich es hab’ liegenlassen und mehr
durchdenken können, find’ ich dasselbe, was Du findest. Heß, der noch
immer hier ist und den ich vor 14 Tagen in Bonn sprach, ist nach einigen
Meinungsschwankungen ebendahin gekommen wie Du; er las mir einen
Artikel über das Buch vor, den er bald drucken lassen wird, worin er, ohne
Deinen Brief gelesen zu haben, dasselbe sagt. 7? Ich hab’ ihm Deinen Brief
dagelassen, weil er noch einiges benutzen wollte, und muß ihn daher aus
dem Gedächtnis beantworten. Was mein Herüberkommen betrifft, so ist
daran kein Zweifel, daß ich in etwa zwei Jahren dort sein werde, auch bin ich
darüber im reinen, daß ich um jeden Preis nächsten Herbst auf 4-6 Wochen
herüberkomme. Wenn die Polizei mir mein Wesen hier legt, so komme ich
ohnehin, und wie die Sachen hier stehen, kann es dem Gesindel alle Tage
einfallen, unsereins zu molestieren. Wir werden an Püttmanns „Bürgerbuch“ 8] sehen, wie weit man etwa gehen darf, ohne gefaßt oder geschaßt
zu werden. - Meine Liebesgeschichte hat ein Ende mit Schrecken genommen. Erlaß mir die langweilige Auseinandersetzung, es kann doch nichts

1 „Die heilige Familie“

3 « Engels an Marx + 20. Januar 1845 ; 15

mehr helfen, und ich hab’ so schon genug mit der Sache durchgemacht. Ich
bin froh, daß ich wenigstens wieder arbeiten kann, und wenn ich Dir den
ganzen Bettel erzählte, wär’ ich für den Abend verdorben.

Das Neuste ist, daß Heß und ich vom 1.April an bei Thieme & Butz in
Hagen eine Monatsschrift: „Gesellschaftsspiegel“ P*!herausgeben und darin
die soziale Misere und das Bourgeoisie-Regime schildern werden. Prospektus etc. nächstens. Einstweilen wird es gut sein, wenn sich der poetische
„Ein Handwerker“ [2] die Mühe geben will, uns aus der dortigen Misere
Material zuzuschicken. Besonders einzelne Fälle, das klappt für den auf den
Kommunismus vorzubereitenden Philister. Das Ding kann mit wenig Mühe
redigiert werden, für Material, um monatlich 4 Bogen zu füllen, werden
sich Mitarbeiter genug finden - wir haben wenig Arbeit dabei und können
viel wirken. Außerdem wird Püttmann bei Leske eine Vierteljahrsschrift:
„Rheinische Jahrbücher“ 21 überzensurgroß erscheinen lassen, worin lauter
Kommunismus erscheinen soll. Du kannst Dich wohl auch dabei beteiligen.
Es schadet ohnehin nichts, wenn wir einen Teil unsrer Arbeiten zweimal -
erst in einer Zeitschrift und dann apart und im Zusammenhange - drucken
lassen; die verbotenen Bücher zirkulieren doch weniger frei, und wir haben
so doppelte Chance, zu wirken. Du siehst, wir haben hier in Deutschland
genug zu tun, um alle diese Geschichten mit Stoff zu versehen und dabei
doch größere Sachen auszuarbeiten - aber wir müssen doch klotzen, wenn
wir was zustande bringen wollen, und da ist’s gut, wenn’s einem etwas auf
den Fingern brennt. Mein Buch über die englischen Arbeiter? wird in
14 Tagen & 3 Wochen fertig, dann nehm’ ich mir 4 Wochen Zeit für kleinere
Sachen, und dann geh’ ich an die historische Entwicklung Englands und des
englischen Sozialismus),

Was mir einen aparten Spaß macht, ist diese Einbürgerung der kommunistischen Literatur in Deutschland, die jetzt ein fait accompli? ist. Vor
einem Jahr fing sie an, sich außer Deutschland in Paris einzubürgern,
eigentlich erst zu entstehen, und jetzt sitzt sie dem deutschen Michel schon
auf dem Nacken. Zeitungen, Wochenblätter, Monats- und Vierteljahrsschriften und eine heranrückende Reserve von schwerem Geschütz ist alles
in bester Ordnung. Es ist doch verflucht rasch gegangen! Die Propaganda
unterderhand war auch nicht ohne Früchte - jedesmal wenn ich nach Köln,
jedesmal wenn ich hier in eine Kneipe komme, neue Fortschritte, neue
Proselyten. Die Kölner Versammlung“ hat Wunder getan - man entdeckt

2 „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ -3 eine vollendete Tatsache -* siehe vorl.
Band, S. 10

16 3 * Engels an Marx * 20. Januar 1845

allmählich einzelne kommunistische Cliquen, die sich ganz im stillen und
ohne unser direktes Zutun entwickelt haben. - Auch das „Gemeinnützige
Wochenblatt“, das früher mit der „Rheinischen Zeitung“ 2] zusammen
ausgegeben, ist jetzt in unsern Händen. D’Ester hat es übernommen und
wird sehen, was zu machen ist. Was uns jetzt aber vor allem not tut, sind
ein paar größere Werke, um den vielen Halbwissenden, die gern wollen,
aber nicht allein fertig werden können, einen gehörigen Anhaltspunkt zu
geben. Mach, daß Du mit Deinem nationalökonomischen Buch!! fertig
wirst, wenn Du selbst auch mit vielem unzufrieden bleiben solltest, es ist
einerlei, die Gemüter sind reif, und wir müssen das Eisen schmieden, weil
es warm ist. Meine englischen Sachen werden zwar auch ihre Wirkung
nicht verfehlen, die Tatsachen sind zu schlagend, aber trotzdem wollt’ ich,
daß ich die Hände freier hätte, um manches auszuführen, was für den jetzigen Augenblick und die deutsche Bourgeoisie schlagender und wirksamer
wäre. Wir theoretischen Deutschen - [es]? ist lächerlich, aber ein Zeichen
der Zeit und der Auflösung des deutschen Nationaldrecks - können [noch]?
gar nicht zur Entwicklung unsrer Theorie kommen, wir haben noch nicht
einmal die Kritik des Unsinns publizieren können. Jetzt ist aber hohe Zeit.
Darum mach, daß Du vor April fertig wirst, mach’s wie ich, setz Dir eine
Zeit, bis wohin Du positiv fertig sein willst, und sorge für einen baldigen
Druck. Kannst Du es da nicht drucken lassen, so laß in Mannheim, Darmstadt oder so drucken. Aber heraus muß es bald.

Daß Du die „Kritische Kritik“ bis auf 20 Bogen ausgedehnt, ist mir
allerdings verwunderlich genug gewesen. Es ist aber ganz gut, es kommt
so vieles schon jetzt an den Mann, was sonst wer weiß wie lang noch in
Deinem Sekretär gelegen hätte. Wenn Du aber meinen Namen auf dem
Titel hast stehenlassen, so wird das sich kurios ausnehmen; wo ich kaum
1!/, Bogen geschrieben habe. Wie gesagt, hab’ ich von dem Löwenberg
noch nichts gehört, auch nichts vom Erscheinen des Buchs, auf das ich
natürlich sehr begierig bin. - Gestern bekam ich das „Vorwärts“, von dem
ich seit meiner Abreise nichts gesehen. Einige Witze von Bernays haben
mich köstlich amüsiert, der Kerl kann einem so ein recht gründliches
Lachen abgewinnen, was mir sonst beim Lesen selten passiert. Sonst ist es
freilich schlecht und nicht interessant und belehrend genug, als daß viele
Deutsche es sich auf. die Dauer halten sollten. Wie steht es jetzt äußerlich,
und ist es wahr, was ich in Köln höre, daß es in eine Monatsschrift verwandelt werden soll? Wir sind hier so fürchterlich mit Arbeit überladen,

 Papier beschädigt - gemeint ist Löwenthal

Karl Marx als Student
(Bonn 1836)

3° Engels an Marx * 20. Januar 1845 17

daß von hier aus nur gelegentlich Beiträge kommen können. Ihr müßt Euch
dort auch angreifen. Schreib doch alle 4-6 Wochen einen Artikel dafür, laß Dich nicht von Deiner Stimmung „maßregeln“. Warum schreibt
Bakunin nichts, und warum ist der Ewerbeck nicht dazu zu kriegen, daß er
wenigstens trivial schreibt? Der arme Bernays wird jetzt wohl im Brummstall sitzen, grüß ihn von mir und laß ihn sich den Dreck nicht zu sehr zu
Herzen nehmen, zwei Monat gehen auch herum, obwohl es scheußlich
genug ist. Was machen überhaupt die Bengels? Du schreibst gar nichts
darüber. Ist Guerrier wieder dort, schreibt Bakunin französisch? Was treibt
die ganze Bande, die im August jeden Abend den Quai Voltaire frequentierte? Und was fängst Du eigentlich an? Wie geht’s mit Deiner Stellung
dort? Wohnt Fouine” noch unter Deinen Füßen? Fouine hat sich ja neulich
wieder im „Telegraphen“ [! Josgelassen. Wie sich von selbst versteht, über
den Patriotismus. Es ist groß, wie er den zu Tode reitet, wie ihm alles Wurst
ist, wenn es ihm nur gelingt, den Patriotismus zu vernichten. Wahrscheinlich war das des Pudels Kern, den er Fröbeln nicht geben wollte. Die deutschen Zeitungen ließen neulich Fouine nach Deutschland zurückkehren
wollen. Wenn’s wahr ist, so gratuliere ich, aber es kann nicht wahr sein, er
müßte sich ja zum zweitenmal zur Anschaffung eines Omnibus mit Abtritt
verstehen, und das geht doch nicht.

Ich sprach neulich einen, der von Berlin kam. Die Auflösung des caput
mertuum? der „Freien“ F#! scheint vollständig zu sein. Außer den Bauers
scheint auch Stirner keinen Umgang mehr mit ihnen zu haben. Der kleine
Rest, Meyen, Rutenberg und Konsorten, lassen sich durch nichts stören,
gehen wie vor sechs Jahren täglich 2 Uhr nachmittags zu Stehely und klugscheißen über die Zeitungen. Jetzt sind sie aber doch schon bei der „Organi-
sation der Arbeit“ angelangt, und dabei wird's bleiben. Auch Herr Nauwerck
scheint diesen Schritt gewagt zu haben, denn er eifert ja in Volksversammlungen. Ich sagte Dir ja, die Leute werden all Democrates pacifiquesl#!.
Dabei haben sie aber die Klarheit usw. unsrer Artikel in den „Jahrbüchern“
sehr „anerkannt“. Wenn mich nächstens mal wieder der Teufel reitet, so
setz ich mich mit dem kleinen Meyen in Korrespondenz, man kann möglicherweise Spaß von den Kerls haben, wenn auch keinen Spaß an ihnen.
Ohnehin fehlt einem hier alle Gelegenheit, seinen Übermut von Zeit zu
Zeit auszulassen, denn ich fübre Dir hier ein Leben, wie es der glänzendste
Philister nur verlangen kann, ein stilles und geruhiges Leben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit, sitze auf meinem Zimmer und arbeite, geh’ fast

? Arnold Ruge - Resibestands

18 3 - Engels an Marx - 20. Januar 1845

gar nicht aus, bin solide wie ein Deutscher; wenn das so fortgeht, so fürcht’
ich gar, daß der Herrgott mir meine Schriften übersieht und mich in den
Himmel läßt. Ich versichre Dich, ich fange an, hier in Barmen in guten Ruf
zu kommen. Ich bin’s aber auch leid, ich will Ostern weg von hier, wahrscheinlich nach Bonn. Ich hatte mich durch dieZureden meinesSchwagers?
und die trübseligen Gesichter meiner beiden Alten noch einmal zu einem
Versuch mit dem Schacher bestimmen lassen und seit [14]?° Tagen etwas
auf dem Comptoir gearbeitet, auch die Aussicht wegen der Liebesgeschichte
veranlaßte mich mit dazu - aber ich war es leid, eh’ ich anfing zu arbeiten,
der Schacher ist zu scheußlich, Barmen ist zu scheußlich, die Zeitverschwendung ist zu scheußlich, und besonders ist es zu scheußlich, nicht nur Bourgeois, sondern sogar Fabrikant, aktiv gegen das Proletariat auftretender
Bourgeois zu bleiben. Ein paar Tage auf der Fabrik meines Alten haben
mich [daz}u! gebracht, diese Scheußlichkeit, die ich etwas übersehen hatte,
mir wieder vor die Augen zu stellen. Ich hatte natürlich darauf gerechnet,
nur solange im Schacher zu bleiben, als mir paßte, und dann irgend etwas
Polizeiwidriges zu schreiben, um mich mit guter Manier über die Grenze
drücken zu können, aber selbst bis dahin halt ich’s nicht aus. Wenn ich
nicht täglich die scheußlichsten Geschichten aus der englischen Gesellschaft hätte in mein Buch registrieren müssen, ich glaube, ich wäre schon
etwas versauert, aber das hat wenigstens meine Wut im Kochen erhalten.
Und man kann wohl als Kommunist der äußeren Lage nach Bourgeois und
Schachervieh sein, wenn man nicht schreibt, aber kommunistische Propaganda im großen und zugleich Schacher und Industrie treiben, das geht
nicht. Genug, Ostern geh’ ich hier fort. Dazu das erschlaffende Leben in
einer ganz radikal-christlich-preußischen Familie - es geht nicht mehr, ich
würde auf die Dauer ein deutscher Philister werden können und das Philisterium in den Kommunismus hineintragen.

Nun laß mich nicht so lange auf einen Brief von Dir warten, wie ich
Dich.diesmal; grüß Deine Frau unbekannterweise und wer es sonst wert ist.
Einstweilen 'schreib noch hieher, man wird, falls ich schon fort sein sollte,
mir Deine Briefe nachschicken.

Dein
F.E.

% Emil Blank - :° Papier beschädigt

’