Karl Marx an Friedrich Engels

in Manchester
London, Mittwoch, 18. Mai 1859

18 Mai. '59
Lieber Engels,

Der Brief v. Lassalle enthält mehre points, wofür ich ihm den Kopf
waschen werde. D'abord spricht der Jüngling von dem, was er „für mich
thun soll". Ich aber verlangte nichts von ihm, als daß er, der die ganze
Sache eingeleitet, u. dessen Correspondenz ich fortwährend in der „Presse" figuriren sah, mir das räthselhafte Schweigen von Wien aufklären
sollte. Dieß war sein business. Zweitens giebt er sich das Ansehn, als habe
er erst nach schweren Kämpfen, auf „mein" Andringen mit der „Presse"
correspondirt. Einmal aber gesteht er in demselben Briefe, daß er, schon
bevor ich mich erklärt, nach Wien zu correspondiren begonnen hatte.
Dann aber dreht er den „Zusammenhang" um. Er, als er mir Friedländer's [A]ngebot schrieb, kohlte zwei Seiten darüber, ob od. ob er nicht
nach Wien schreiben solle u. machte die Sache von meiner Entscheidung
abhängig. Es verstand sich d'abord von selbst, daß wenn ich eine Correspondenz mit der Presse gut genug für mich hielt, ich sie nicht zu
schlecht für L. halten würde. Zudem sah ich aus seinem Briefe, wie ihm
die Nägel brannten nach meinem Consent. Wozu also jezt diese großprahlerische Verdrehung des Causalnexus? Was er über die „Tendenz"
sagt, weßwegen er schreibt den F. „gerüffelt" zu haben, ist nonsense. Die
„Wiener Presse" ist für ein Ostreich. Blatt unter gegebnen Umständen
geschickt u. anständig redigirt, mit viel mehr Takt als L. zu mustern
hätte. Endlich habe ich den Jüngling nicht aufgefordert mich darüber zu
belehren, was meiner „würdig" oder nicht würdig sei. Ich finde es rather
arrogant mir darüber Winke zu ertheilen. Ich werde positivement, wenn
F. die Geldverhältnisse settle kann, bei meinem Entschluß bleiben, der in
keiner Weise dadurch gestört ist, daß L's Correspondenz dem F. nicht zu
behagen scheint. Aus den lezten Nummern der „Presse" sehe ich, daß
ihre Abonnentenzahl auf 27 000 gewachsen.

L's Pamphlet ist ein enormous blunder. Das Erscheinen Deines „anonymen" Pamphlets ließ ihn nicht schlafen. Die Position der revolut. Par-

thei in Deutschland ist allerdings in diesem Momente schwierig, indeß
doch bei einiger kritischen Analyse der circumstances klar. Was die „Regierungen" angeht, so muß offenbar, von allen Standpunkten aus, schon

35 im Interesse der Existenz Deutschlands, die Forderung an sie gestellt
werden, nicht neutral zu bleiben, sondern, wie Du richtig sagst, patriotisch
zu sein. Die revolutionäre Pointe aber ist der Sache einfach dadurch zu
geben, daß der Gegensatz gegen Rußland noch stärker betont wird als der
gegen Boustrapha. Das hätte L. gegen das antifzs. Geschrei der

40 „N.Pr.Z." thun sollen. Es ist auch dieser Punkt, der in der Praxis im
Fortgang des Kriegs die deutschen Regierungen in Reichsverrath hineinreiten wird u. wo man sie am Kragen fassen wird. Uebrigens, wenn L. im
Namen der Parthei zu sprechen sich herausnimmt, muß er für die Zukunft entweder sich gefaßt machen, offen von uns désavouirt zu werden,

45 indem die Verhältnisse zu wichtig sind für Rücksichtnahme, oder, statt
den II gemischten Inspirationen von Feuer u. Logik zu folgen, muß er
vorher sich verständigen über die Ansicht, die andre Leute ausser ihm
haben. Wir müssen jezt durchaus auf Partheidisciplin halten od. alles
wird in den Dreck geritten.

50 Die Confusion in den Köpfen hat eine sonderbare Höhe erreicht.
There is d'abord der Reichsverrätherliche „Reichsregent", der baares
Geld von Paris erhalten hat. Herr Meyen im Hamburger Freischütz belobt Vogt's Schrift. Einer Sorte Vulgärdemokraten (einige ehrliche darunter denken, daß Niederlage Oestreich's durch Revolution in Ungarn +

55 Galizien etc ergänzt, Revolution in Deutschland hervorbringen würde.
Die Ochsen vergessen, daß jezt Revolution in Deutschland = Desorganisation seiner Armeen, nicht den Revolutionären, sondern Rußland u.
Boustrapha zu Gut kommen würde.) ist es natürlich ein Gaudium mit
den Decembrisirenden Ungarn (lauter Bangyas) u. Polen (Herr Czie-

60 sckowski in der pr. Kammer nannte vor einem paar Tagen Nikolaus der
Polen „grossen slawonischen Alliirten") u. Italienern in ein Horn tuten zu
können. Eine andre Bande, wie Blind, die Patriotismus u. Demokratismus verbinden will, blamirt sich (auch der alte Unland darunter), indem
sie Krieg mit Oestreich gegen B. u. zugleich Reichsparlament verlangt.

65 Diese Esel sehn d'abord nicht, daß alle Bedingungen zur Erfüllung dieses
ekelhaften Wunsches fehlen. Zweitens aber kümmern sie sich so wenig
um die wirklichen Vorgänge, daß ihnen ganz unbekannt, daß in dem
einzigen Theil Deutschlands, der zu entscheiden hat, in Preussen die
Bourgeois stolz aufihre Kammern sind, deren Macht wachsen muß mit

70 den Verlegenheiten des government; daß diese Bourgeois ganz mit Recht
(wie die lezten Kammerverhandlungen zeigen) nicht geneigt sind von Badensern u. Würtembergern unter der Firma „Parlament" diktirt zu wer-

den, so wenig wie die preussische Regierung die Herrschaft Oestreichs
unter der Firma „Bundestag" will; daß diese Bourgeois von 1848 her
wissen, daß ein Parlament neben ihren Kammern die Macht der leztern
bricht, während das erstre eine blosse Phantasmagorie bleibt. In der That
ist viel mehr revolutionärer Anhalt an den Pr. Kammern, die Budgets zu
bewilligen haben u. hinter denen in gewissen eventualities ein Theil der
army u. der Berliner Mob steht, als in einem debating club unter der
Firma „Reichsparlament". Daß Badenser, Würtemberger u. other small
deer ihrer eignen Wichtigkeit wegen umgekehrter Ansicht sind, versteht
sich von selbst. Unter unsern eignen Partheifreunden u. andern ehrlichen
Revolutionärs herrscht wirkliche Furcht, daß ein Krieg gegen Boustrapha zu 1813-15 zurückführt. Endlich die Vertreter des Credit Mobilier in
Deutschland {Kölnische Zeitung, Fould-Oppenheim etc) schliessen || sich
natürlich den demokratischen Bedenken an u. spekuliren auf die traditionelle kurzsichtige preussisch-dynastische Perfidie. (Basler Frieden
u.s.w.) Andrerseits ein Theil der demokr. u. revol. Parthei glaubt aus
Patriotismus in Jahn-Arndtschen Ton fallen zu müssen. Unter allen diesen Confusions, u. danach meiner Ansicht Deutschlands Schicksal in der
Waage schwebt, halte ich es für nöthig, daß wir beide ein Partheimanifest
erlassen. Ordnet sich die Wiener Sache, so müßtest Du dazu Pfingsten
herkommen. Wenn nicht, komme ich nach Manchester.

Now von diesen general things komme ich zum state of parties (deutschen) in London, u. da muß ich einiges nachholen, was ich, so lange es
im Werden war, zu langweilig hielt, Dir mitzutheilen.

Du erinnerst Dich zunächst, daß Herr Liebknecht den clown E. Bauer,
grade zur Zeit, wo ich offen mit lezterm gebrochen hatte, in den s.g.
Communistenverein führte u. daß der clown die „Neue Zeit" übernahm,
wo der unwissende Tölpel durch Exaggeration der wenigen ihm durch
Scherzer zugekommnen kommunistischen Phrasen unsere Parthei lächerlich machte. Mir war die Sache sehr unangenehm, nicht wegen der paar
Knoten in London, aber wegen der Schadenfreude der demokratischen
Bande, wegen der false appearances, die einige geschickt nach Deutschland u. United States versandte Copies des Saublatts hervorriefen, wegen
der Bekanntschaft, die clown mit dem Lausezustand der Parthei machte;
endlich wegen der Verbindungen, in die er mit dem hiesigen internationalen Comité kam. Herr Liebknecht blieb während der ganzen Zeit, wo
clown die „Neue Zeit" redigirte u. seine Vorlesungen im Verein hielt im
leztern, schwazte ausserdem allerlei dummes Zeug, daß er mich vertheidigen müsse gegen das grosse Odium, das die Arbeiter (i.e. Knoten)
gegen mich hätten etc. Nun, als in Folge von Geldmangel nur eine halbe
Nummer (die ich Dir geschickt) der „N.Z." erschien, war Liebknecht

chairman bei einer Versammlung, wozu die verschiednen Vereine eingeladen waren, um das Blatt zu retten. Resultat war natürlich null. Nach
dieser Scene berief ich die Leute zusammen (eine kleine Bande Pfänder,
Lochner etc u. einige neue, die Liebknecht als seinen Privatklub v. alten
Zeiten, seit meinem Auszug aus der Stadt behandelte) u. bei dieser Gelegenheit zerzauste ich den Liebknecht in einer Weise, die ihm keineswegs

vergnüglich war, bis er sich als zerknirschten Sünder erklärte. Er erzählte,
der Versuch werde gemacht die „Neue Zeit" wieder herauszugeben, aber
sein energisches Einschreiten habe das verhindert. Ich war daher überrascht, einige Tage später eine scheinbare Fortsetzung der „N.Z." unter
dem Namen „Das Volk" zu erhalten. Die Sache klärte sich aber curios

auf, dahin: (Sieh auch den einliegenden Brief) |

I Herr clown hatte an Biskamp (Du hast einen Brief an denselben v.
Bauer) schließlich geschrieben, Kinkel habe die „Neue Zeit" durch Intrigue ruinirt, schäumte scheinbar von Rachegefühl etc. Well. Bisk.
kömmt nach London u. ist d'abord startled by the fact, daß einer seiner

eignen für die „N.Z." bestimmten Artikel, etwas versänftigt, im „Hermann" erscheint. Er läuft zum clown, der keineswegs durch sein Erscheinen pleased schien, sich für krank ausgab, den Weltmüden spielt u.
ihm schließlich erklärt, alles sei Scheisse, er (Bisk.) solle sieh nicht in den
Dreck mischen, Kinkel sei zu mächtig u.s.w. Biskamp aber, dem es auffiel, daß Kinkel in die Setzerei der „N.Z." seinen „Hermann" verlegt,
während er seine alte Setzerei aufgegeben, u. daß er seine Mscpte druckte, läuft zu Hirschfeld auf die Setzerei u. findet da - Edgar Bauer's Handschrift u. Correktur der Copien. In one word: Herr Edgar hatte die
„N.Z." benuzt, um sich an Kinkel zu verkaufen u. bei der Gelegenheit -
Beweis der Fruchtbarkeit des Mannes - Bisk'sche Mscpte als seine
Beiträge drucken lassen. Dieser Ochs v. Kinkel! Um die „N.Z." zu ruiniren kauft er den clown, der während seiner ganzen Redaction alle Polemik vermieden hatte, statt dem clown Geld zu geben u. ihn als Rédacteur der „N.Z." fortfiguriren zu lassen. Aber Gottfried glaubte so ein für
allemal eine, wenn auch kleine Conkurrenz zu beseitigen. Von dem Wirken dieses Gottfried noch ein Wort. Es erschien hier ein drittes deutsches
Blatt, erst unter dem Titel „Lond. Deutsche Zeit.", dann unter dem Titel
„Germania". Dieß Blatt, v. einem Ermani redigirt, hatte Ostreich. Tendenz. Gottfried bringt heraus, daß der Rédacteur irgend ein Criminalverbrechen begangen, läßt ihm durch Dr Juch drohen, kauft ihm Blatt u.
Setzerei für ein Spottgeld ab (ob aus dem Revolutionsfonds od. aus pr.
Gesandtschaftlichen Geldern, ist ungewiß) u. soll, wie es heißt, unter
Juch's Leitung das Blatt unter anderm Titel forterscheinen lassen. Kinkel's Blatt hat 1700 Abonnenten, wird Einnahmequelle, u. der Kerl will
es vor aller Concurrenz u. Polemik sichern. I

 Nach dem Verrath des clown stiftete Bisk, etc „Das Volk"; u. er, sowie die Knoten, wandten sich erst indirekt durch Liebk. an mich. Dann
kam B. zu mir.

Ich erklärte, wir könnten direkt an keinem kleinen Blatt mitarbeiten,
überhaupt an keinem Partheiblatt, das wir nicht selbst redigirten. Zu leztrem Schritt aber fehlten alle Bedingungen in diesem Augenblick. Dagegen solle Herr Liebknecht seine Thätigkeit dem B. zu gut kommen lassen.
Ich billige allerdings sehr, daß dem Gottfried nicht das Feld geräumt u.
sein schmutziger Calcul baffled werde. Alles, wozu ich mich verpflichte,
sei folgendes: Ihnen v. Zeit zu Zeit „gedruckte" Tribunearticles zu geben,
die sie benutzen könnten; meine Bekannten aufzufordern das Blättchen
zu halten; endlich mündlich ihnen die mir zukommenden Notizen u.
„Winke" über Dieß u. jenes zu geben. Andrerseits müßte sofort (dieß
wird in der nächsten Nummer geschehn) Biskamp Bauer's-Kinkel's Sauerei dokumentlich drucken lassen. (Ich schlage so 2 Fliegen, selbst wenn
das Blättchen aufhört.) Die objective Höhe des clown müsse fallen gelassen u. in every respect offensiv u. polemisch u. zwar in möglichst lustigem Ton vorgegangen werden.

Consequently, bitte ich Dich, daß Du, Lupus, Gumpert u. wen Ihr
sonst vermögen könnt (stellt die Sache nur als uns sonst fernliegenden
Antikinkel dar) Euch abonnirt auf „Das Volk. Office: 3, Litchfield street,
Soho". (Vierteljähriges Abonnement, bei freier Zusendung, 3 sh. 6d.)
Gumpert u. Biskamp sind beide Kurhessen, u. da erstrer vielleicht dann
u. wann einen Witz zur Verfügung hat, kann er ihn seinem Landsmann
zuschicken. Endlich schreibe mir irgend einen Kerl (stationer) in Manchester, dem „Das Volk" zum Vertrieb zugeschickt werden kann. (Schreib
auch an den Bradforder.) |

I Ich betrachte „Das Volk" als ein Bummelblättchen, wie unsre „Brüßler" u. „Pariser" Zeitung. Wir können aber unter der Hand, ohne direkte
Intervention, den Gottfried etc etc damit todt ärgern. Es mag auch ein
Moment kommen, u. sehr bald, wo es entscheidend wichtig ist, daß nicht
nur unsre Feinde, sondern auch wir selbst unsre Ansicht in einem Lond.
Blatt drucken lassen können. Biskamp arbeitet gratis u. verdient um so
mehr Unterstützung.

Das Schönste ist, daß clown in N. 18 des Hermann einen höchst albernen kleinschisserigen Artikel schrieb, worin er „nachweist", daß „Englands Neutralität" denjetzigen Krieg zu einem „Winkelkrieg" verdamme.
„Abschlissende" Thaten seien nicht auf dem unglücklichen Continent
mehr möglich, u. darum sei das erhabne Engld „neutral". In N. 19 hat
Blind vom entrüstet demokr.-patr. u. Bucher vom urquhart. Standpunkt
aus den clown niedergekanzelt, so daß er wohl bald, von allen Partheien
befußtrittet, heraus fliegen wird, selbst aus dem Hermann.

Eine sehr schöne Lection haben die Herren Knoten so erhalten. Der
Alt Weitlingsche Esel Scherzer glaubte, er könne Partheivertreter ernennen. In meiner Zusammenkunft mit einer Deputation der Knoten (ich
habe abgeschlagen, in irgendeinen Verein zu kommen, in dem einen aber
den Liebknecht, in dem andern den Laplander als chairman) erklärte ich
ihnen rund heraus: Unsre Bestellung als Vertreter der prolet. Parthei hätten wir von Niemand als uns selbst. Sie sei aber contrasignirt durch den
ausschließlichen u. allgemeinen Haß, den alle Fraktionen der alten Welt
u. Partheien uns widmeten. Du kannst Dir denken, wie verblüfft die
Ochsen waren.

Wenn Du keine „Po u. Rhein" mehr hast, mußt Du welche bestellen.
Auch für Steffen, Weydemeyer, mehre Revuen hier sind copies nöthig.

Wäre es möglich dem armen Eccarius, der wieder in der Schneiderhölle
zusammenbricht, eine neue Collektion Port zu schicken?

Salut
D
KMI

/ Brief v. Weydemeyer u. Komp erhalten. Schicke ihn Dir nächstens. An
100 Copies meiner Oekon. durch sie bei Duncker schon bestellt von den
U.St./

/ Sag Lupus: Daß from the beginning Beta (Betzich), der rédacteur des
How do you do auch das eigentliche Redactionsfactotum Gottfrieds. /