Karl Marx an Ferdinand Lassalle 
in Berlin 
London, Freitag, 12. November 1858 

I 12 Nov. 1858. 
9, Grafton Terrace, Maitlandpark, 
Haverstockhill, London. 

Lieber Lassalle, 

Post tot pericula! Meine Antwort auf Deinen lezten Brief ist durch in- 
famen Zahnschmerz aufgeschoben worden. Auf Deinen Brief v. Frank- 
furt antwortete ich nicht, weil Du mir keine Adresse gegeben. 

D'abord nun: Beatus ille, nicht der mit Köster'schen Augen gesehn 
wird, sondern der mit K'sehen Augen sieht. Ich u. Freiligrath hatten K. 
selbst ausführlich erzählt, daß ich den ganzen Sommer beinahe Ar- 
beitsunfähig in Folge der bösesten Leberleiden. Und was meine „glän- 
zenden Verhältnisse" angeht, so fanden F. u. ich es passend, einem deut- 
schen Durchschnittsbürger die glänzendsten Bilder vorzugaukeln, u. alle 
dunklen Parthien zu verbergen, da nach unsrer beiderseitigen Ansicht 
selbst die besten Bürger dieser Art stets eine schadenfrohe Genugthuung 
schöpfen würden aus der wirklichen Einsicht in die Lebensverhältnisse 
der „fuorusciti". So far Köster. 

Was die verzögerte Absendung des Mscpts anbelangt, so hinderte mich 
die Krankheit erst u. später hatte ich andre Erwerbsarbeiten nachzuho- 
len. Der eigentliche Grund ist aber der: Der Stoff lag vor mir, es handelte 
sich nur noch um die Form. In allem aber, was ich schrieb, schmeckte ich 
aus dem Styl das Leberleiden heraus. Und ich habe doppelte Ursache 
dieser Schrift nicht zu erlauben durch medicinische Gründe verdorben zu 
werden: 

1) Ist sie das Resultat 15jähriger Forschungen, also der besten Zeit mei- 
nes Lebens. 

2) Vertritt sie zum erstenmal eine wichtige Ansicht der gesellschaftli- 
chen Verhältnisse wissenschaftlich. Ich schulde also der Parthei, daß die 
Sache nicht verunstaltet wird durch solche dumpfe, hölzerne Schreib- 
manier, wie sie einer kranken Leber eigen. 

Ich strebe nicht nach eleganter Darstellung, sondern nur danach in 
meiner Durchschnittsmanier zu schreiben, was mir während der Leidens- 
monate in diesem Thema wenigstens unmöglich war, obgleich ich wäh- 

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rend der Zeit für wenigstens 2 Druckbände englische Leitartikel de om- 
35 nibus rebus et quibusdam aliis schreiben mußte, u. daher geschrieben 
habe. | 

I Ich denke, wenn dieser Sachverhalt selbst von einem weniger Gewand- 
ten wie Dir Herrn Dunker vorgestellt wird, kann er mein Verfahren nur 
billigen, das mit Bezug auf ihn als Buchhändler sich einfach darauf re- 

40 ducirt, daß ich ihm für sein Geld die beste Waare zu liefern suche. 

Ich werde in ungefähr 4 Wochen fertig sein, da ich eigentlich mit dem 
Schreiben erst angefangen. 

Ein andrer Umstand, den Du aber erst bei der Ankunft des Mscpt zu 
vertreten hast: Es ist wahrscheinlich, daß die erste Abtheilung „Das Ca- 

45 pital im Allgemeinen" gleich 2 Hefte einnehmen wird, da ich bei der Aus- 
arbeitung finde, daß hier, wo grade der abstrakteste Theil der politischen 
Oekonomie darzustellen, zu grosse Kürze dem Publicum die Sache un- 
verdaulich machen würde. Andrerseits aber muß diese 2' Abtheilung 
gleichzeitig erscheinen. Der innere Zusammenhang erfordert das, u. die 

50 ganze Wirkung hängt davon ab. 

À Propos. In Deinem Frankfurter Brief hattest Du mir nichts ge- 
schrieben v. Deinem ökon. Werk. Was nun unsre Rivalität betrifft, so 
glaube ich nicht, daß in diesem Fach embarras des richesses für das 
deutsche Publicum existirt. In fact, die Oekonomie als Wissenschaft im 

55 deutschen Sinn ist erst zu machen, u. nicht nur wir zwei, sondern ein 
Dutzend sind dazu nöthig. Ich hoffe wenigstens den Erfolg von meiner 
Geschichte, daß eine Anzahl besserer Köpfe auf dasselbe Gebiet der For- 
schung geleitet wird. 

Du könntest Dich ausserordentlich verdient um mich machen, wenn 

60 Du mir von Zeit zu Zeit über die preussischen Zustände schriebst u. auch 
auf sie bezügliche Zeitungsausschnitte schicktest. 

Meine Frau läßt Dich grüssen u. fürchtet, daß Köster mit „ihrer 
Schönheit" sich ebenso versehn hat wie mit ihres Mannes Gesundheit. 

Freiligrath grüßt Dich ditto. Er ist Hals über Kopf beschäftigt in sei- 

65 nem Banquierbusiness. Du sollst ihm daher sein Schweigen nicht übel 
deuten. 

Salut 
D 
KMI 

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