Friedrich Engels an Jenny Marx
in London
Manchester, Mittwoch, 14. April 1858

Liebe Frau Marx,

Ich hoffe der Mohr ist endlich auf der Besserung & wird bald wieder flott
an der Oekonomie arbeiten können. Ich habe auch vorige Woche an
Zahnschmerzen laborirt, die mich seit Sonntag verlassen hatten, heute
Abend aber mit wachsender Heftigkeit zurückgekommen sind, grade als
ich mich zurecht machte über die Eroberung von Lucknow einiges Prä-
liminare für die Tribune zurechtzustutzen. Ob es mir unter diesen Um-
ständen gelingt, ist sehr zweifelhaft. Jedenfalls werde ich aber suchen
heut Abend die Sache zu studiren, & wo möglich morgen Mittag auf dem
Comptoir Einiges zusammen schreiben, wenns auch nicht viel wird. Gut
wäre es aber, wenn der Mohr auf alle Fälle ein sujet in Petto hätte
um für den äußersten Nothfall den Leuten etwas liefern zu können.

Das Arbeiten Abends greift mich noch immer sehr an, & wenn ich es
lange fortsetze, oder zwei Abende hinter einander, so tritt große Aufre-
gung & Schlaflosigkeit ein; besonders wenn ich den Tag über mit Schrei-
berei viel zu thun hatte. Auch bin ich Abends sehr dumm & schlaff, bis
mich gewaltsame Concentrirung auf einen Gegenstand aufregt. Mein
Gedächtniß ist im Ganzen besser, doch kommt es mir noch alle Tage vor
daß ich Sachen die ich Tags vorher gethan oder gehört, so total vergesse,
als ob sie nie geschehen, & erst nach Erinnerung an die einzelnen Details
sie mir wieder einfallen. Körperlich bin ich sonst wieder stark & gesund,
& kann Strapazen & - sauf le toothache - auch alle Arten Wetter aus-
halten.

Lupus hinkt noch immer sehr stark & muß in einer Woche mehr für
Cabs ausgeben als sonst in einem Jahr. Es geht ihm aber sichtlich besser,
& in 8 Tagen wird er wohl wieder einigermaßen das Marschiren aushal-
ten können. Er läßt Sie alle herzlich grüßen.

Wie gefallt Ihnen der Prozeß Bernard? Die franz. Mouchards & ihr
würdiger Confrere Mr. Rogers nehmen sich gut aus. In der Morning Post
stand gestern eine nette Beschreibung der Physiognomie des Prozesses.
Der Chevalier Estien war sehr gut geschildert.

Heute schickt mir dear Harney wieder 3 Independents woraus hervor-
geht daß sein Erbfeind der Seigneur Godfray ihm einen zweiten Preß-
prozeß angehangen hat. Der Mann wird sich bald ebenso grauß vorkom-
men wie der grauße Lassalle.

„Our faithful ally" drückt jetzt wie ein Alp auf den englischen Com-
merce. Niemand will speculiren, oder mehr als von der Hand in den
Mund kaufen weil das ganze Philisterium Krieg, Revolution oder noch
wildere Sachen in Frankreich erwartet.

Grüßen Sie die Mädchen & den Mohr herzlich. Treulichst

Ihr
F. Engels.