Karl Marx an Friedrich Engels 
in Manchester 
London, 29. Februar 1856 

I 29 Febr. 1856. 

28, Deanstreet, Soho. 
Lieber Engels, 

Ich hatte während der ganzen Woche zum Besuch hier den G. Levy aus 
Düsseldorf!", den die dortigen Arbeiter als Legatar hergesandt. Er ist erst ge- 
stern abgereist und nahm meine ganze freie Zeit so in Beschlag, daß ich 
trotz des besten Willens nicht dazu kam Dir zu schreiben. Ich werde Dir 
weiter unten über die theilweis wichtigen Mittheilungen berichten, deren 
carrier er war. 

Von den 3 Büchern, die Du verlangtest, hatte Norgate and Williams 
keins ready. Ich habe das Siegeslied Igor's bestellt, wollte Dir aber vorher 
über die beiden andern berichten. 

Dobrowsky's Slavin, Ausgabe von Hanka, entspricht in keiner Art den Er- 
wartungen, die sein Titel erregt. Das Buch zerfällt in 2 Theile, wenn nicht 
der Anordnung, doch dem Inhalt nach, nämlich 1) kleine essays über slawi- 
sehe Sprachforschung, die nach den neuern Forschungen höchstens noch 
ein antiquarisches Interesse besitzen können. (Z.B. Probe aus dem Windi- 
schen neuen Testament, slawenische Declination, über die slawonische 
Uebersetzung des alten Testaments etc.) 

2) Einjeden polemischen Stachels ermangelnder Versuch den Charakter 
eder Slawischen Völker in integrum zu restituiren. Dieß geschieht durch 
Auszüge aus verschiednen Werken, meist aus deutschen Schriften. Folgen- 
des ist der Catalog dieser Aufsätze, die das corpus des Buchs constituiren. 

Slawische Völker. (Aus Herder's Ideen etc.) 

Sitten der Croaten. (Aus von Engel's Geschichte von Dalmatien, Croatien, 
Slavonien. Halle 1798) 

Sitten und Gebräuche der Illyrier, der Morlaken etc. (Aus ditto) 

Charakter der Illyrier. (Aus Taube's: Beschreibung des Königreichs Slavo- 
nien. Leipzig. 1777) 

Die Tracht der Illyrier. (Aus Hacquet's: Beobachtungen auf einer Reise 
nach Semlin). 

Prokop's Schilderung der Slaven und Anten. (Aus Stritters Geschichte der 
Slaven nach den Byzantinern in Schlözer's allgem. Nord. Geschichte.) 

3 

Marx an Engels + 29. Februar 1856 

Auszüge aus des Herrn Prof. B. Hacquet's Abbildung und Beschreibung der 
Südwest- und östlichen Slaven. \ 

I Volksthümliches der Russen. (Aus Dupré de St. Maure: observations sur 
les moeurs et les usages russes. Paris. 1829. 3 vol.) 

Charakter und Kultur der Slaven im Allgemeinen. (Aus: Schaffarik: Ge- 
schichte der slawischen Sprache etc Ofen. 1826.) 

Dieß ist ungefähr Alles. Angehangen ist in czechischer Sprache: „Der 
böhmische Cato, aus einer alten Handschrift, die der selige Voigt in actla] 
lit[terarial beschrieben hat." 

Dobrowsky schreibt in einem knotenhaft guthmüthigen und naiven Styl, 
mit der höchsten Cordialität gegen seine „seeligen" oder noch lebenden 
deutschen Collegen. Das einzige, was mir interessant in dem „Slavin" 
schien, sind die paar Stellen, worin er die Deutschen direct als die Väter 
der slawischen Geschichts- und Sprachforschung anerkennt. 

In Bezug auf Sprachforschung citirt er u.a. „Schlözer: Vorschlag zu einer 
allgemeinen vergleichenden slawischen Sprachlehre und Wörterbuch". 
Ferner: „Schlözer. Vorschlag das russische vollkommen richtig und genau 
mit Lateinischer Schrift auszudrücken." Ueberhaupt erscheint „Herr Hof- 
rath Schlözer" als der Patriarch, als dessen Schüler sich die andern beken- 

nen. „Schlözers Nestor: ein unentbehrliches Werk fürjeden, der sich mit der 
kritischen Behandlungsart der slavischen Geschichte überhaupt, und der 
russischen Annalen insbesondre bekannt machen will." Von Voigt's Ge- 
schichte Preussens: „War der erste, der die Böhmen mit den Denkmalen des 
Alterthums bekannt machte." 

Werden sonst citirt: 

„Johann Leonhard Frischens Programmen von der slawischen Literatur" 
1727-1736, „der die Geschichte mehrerer slawischer Mundarten erläutert 
hat". 

„Slawischer Bücherdruck in Wurtemberg im 16'Jhh. Ein literarischer Bericht 
von Chr. Fried. Schnurrer, Prof. in Tübingen, 1799" - „sehr schätzbares 
Buch, das die schönsten und wichtigsten Beiträge zur Geschichte des win- 
dischen und kroatischen Bücherwesens enthält". | 

I Sonst noch citirt: Schlözer, allgem. Nord. Geschichte. Joh. Christoph de 
Jordan: „De originibus Slavicis opus etc. Wien. 1745, fol. 2. P. P. Gelasius Dob- 

ner ad Hajek: Annales Bohemorum. Prag. 1761 und 63. (Schlözer sagt davon: 
primus delirare desiit.) Stritter: Memoriae populorum ad Danubium e 
Script. Byzant. Petersburg. 1774. Gercken. Versuch in der ältesten Geschichte 
der Slawen. Leipzig. 1771. Gatterer's Einleitung in die synchron. Uni- 
versalhistorie. Göttingen 1771 und Gebhardt, allgem. Welthistorie, 1789." 

Von allen diesen Werken nur die Titel mit Ausnahme der oben ausge- 

zognen Urtheile. Voilà le „Slavin". 

Marx an Engels ° 29. Februar 1856 

Was das 3°‘ Werk betrifft, so ist sein Titel: 

Dr. M. W. Heffter: „Der Weltkampf der Deutschen und Slaven seit dem 
Ende des 5’ Jhrhdt.., 1847" (kostet 7 sh.). Der Verfasser gesteht in der Vor- 
rede selbst, daß er eigentlich nur genau und originell bewandert ist in der 
slawischen Geschichte, soweit sie das preussische „Vaterland" betrifft. Von 
den 481 Seiten des Buchs werden über % eingenommen von der Periode 
vom Ende des 5 Jhh. bis 1147. Der Rest geht nur gelegentlich und ganz 
kursorisch über das 13° oder gar 14“ Jhh. hinaus. 

Nach diesem avis, das ich Dir über die beiden Schriften gegeben, er- 
warte ich nun Deine ordre, sie zu bestellen oder nicht. Von Heffter ist fer- 
ner noch erschienen: 

„Das Slawenthum". Leipzig 1852. (45 Seiten oder so.) Bildet das 10° Bänd- 
chen der bei Brockhaus erscheinenden „Unterhaltungen, Belehrungen etc". 
Populäre Zusammenfassung slawischer Geschichte. Aus diesem Büchel- 
chen habe ich ersehn, daß Nicolas im Jahre 1849 durch Ukase „allen sei- 
nen Unterthanen die Betheiligung am Panslavismus aufs Strengste verbo- 
ten hat". 

Im Museum habe ich 5 Foliobände Manuscripte über Rußland - (nur 
über das 18* Jhh.) aufgetrieben und ausgezogen. Sie gehören zum Nach- 
lasse des Archdeacon Coxe, der wegen seines Sammlerfleißes bekannt ist. 
Enthalten viele Originalbriefe (bisher noch ungedruckt) der englischen Ge- 
sandten in Petersburgh an || das hiesige Cabinet, worunter manche very 
compromising, indeed. Aus dem Jahr 1768 befindet sich ein Manuscript 
dadrunter von einem der Gesandtschaftsattaches, über „den Charakter der 
russischen Nation". Ich werde Dir einige Auszüge daraus schicken. Von 
einem Vetter Pitts, Gesandtschaftscaplan, ebenfalls ein interessanter Be- 
richt über die russischen „Arteis". 

Die neusten französischen Schriften sind mit wenigen Ausnahmen fast 
alle panslawistisch tingirt, obgleich antirussisch. So Desprez, besonders 
aber Cyprien Robert, der 1848 zu Paris ein Journal herausgab: „La Pol- 
ogne. Annales contemporaines des peuples de l'Europe orientale etc". Von 
demselben Mann erschienen u. a: „Les Slaves de la Turquie, édition de 
1844, précédée d'une introduction" etc 8° Paris. 1852. Ferner: „Le monde 
slave, son passé, son état présent et son avenir". Paris. 1852. Ein Pariser 
Schriftsteller, dessen nom de guerre Edmond ist, soll aber ein Pole sein, bil- 
det Ausnahme, insofern er eine höchst giftige Schrift gegen die russischen 
Prätensionen auf Socialismus, über ihre Commune etc publicirt hat. Es ist 
mir bisher nicht möglich gewesen die Schrift aufzutreiben. Ich werde in 
der Revue des deux mondes nachsehn, wo sich Auszüge daraus befinden 
sollen. 

Ich hatte den Brief heut angefangen mit der Absicht Dir eine Unmasse 

Marx an Engels + 29. Februar 1856 

Klatsch zu schreiben. Da ich aber auf einen Abweg gerathen bin und die 
Zeit drängt, so will ich das für Morgen lassen und mich für heute nur mit 
der Mittheilung begnügen, daß Heyse (wie Imandt schreibt) in Folge der 
spirituosa einem schnellen Ende zugehn soll; daß der Tabacks- und 
Flüchtlings-Oswald, der kein Wort Französisch weiß als Professor der fran- 
zösischen Sprache am Londoner University college angestellt ist; daß Ru- 
ges Freunde verbreiten, er habe die „Wassersucht", obgleich er wahrschein- 
lich nur einen Wasserkopf hat; daß einige gediegne deutsche Männer 
(Faucher, Meyen, Frank, Tausenau etc) sich Morgen bei Gastwirth Kerb 
versammeln, um zu einer entente cordiale über das, was dem Vaterland 
noth thut, zu kommen und daß „Meyen" die „Hoffnung" ausgesprochen 
hat, Bucher „zur Theilnahme" an dieser Consultation bewegen zu können; 
schließlich, daß Proudhon kgl. kaiserl. französischer Eisenbahndirector ge- 
worden ist. 
Salut 
Dein 
KMI