Karl Marx an Friedrich Engels 
in Manchester 
London, 12. Februar 1856 

112 Februar. 1856. 
28, Deanstreet, Soho. 
Lieber Frederic, 

Ich bin immer noch plus ou moins verfolgt von Staatshämmore und ent- 
sprechender dullness der Gemüthsart. Dazu hat mir Pieper noch eben aus 
der Musik der Zukunft einiges vorgespielt. C'est affreux und macht einem 
bange vor der „Zukunft" sammt ihrer Poesie-musik. 

Aufdem Museum habe ich einige historische Entdeckungen über die er- 
sten Decennien des 18°" und das Ende des 17° Jh. gemacht, bezüglich des 
Kampfes zwischen Peter I und Charles XII und der entscheidenden Rolle, 
die England in diesem Drama gespielt hat. Die auswärtige Politik der To- 
nes und Whigs unterschied sich damals sehr einfach dahin, daß die erstem 
sich an Frankreich, die leztern an Rußland verkauften. Das Verkaufen ver- 
stand sich von selbst und wird von den gleichzeitigen Schriftstellern als 
„selbstverständlich" besprochen und ausgesprochen. William III hatte von 
vornherein misgivings gegen Sa majesté Czarienne, wie sein Defensiv- und 
Offensivvertrag mit Charles XII beweist. Unter ihm handeln die Minister 
gegen seine Tendenz. Von George I an hatten die Whigs leichtes Spiel, da 
die electors von Hannover schon alberne Hauspolitik verfolgten und Ver- 
den und Bremen für die Brennpunkte des europäischen Interesses hielten. 
Es ist vielleicht weniger interessant, daß England hauptsächlich beitrug 
Rußland zur baitick Power zu machen, als daß schon im Beginn des 
18°" Jhh. diese Politik denuncirt und das künftige Wachsthum des Musco- 
vite empire mit einer merkwürdigen Präcision vorausgesagt ist. Trotz der 
beispiellosen Nachgiebigkeit und direkten Hülfe, die Peter bei den officiel- 
len Britten fand, mogelte er gleichzeitig mit dem Prätendenten. Sein Leib- 
arzt (Erskine), ein Verwandter des Comte de Mar machte dabei den Ver- 
mittler. Die Hauptquellen zu dieser ganzen mysteriösen Historie sind: 

a) „Truth is Truth, as it is timed, or Our Ministry's present Measures against 
the Muscovite vindicated by Plain and Obvious reasons, tending to prove that it 
is no less the interest of Our British trade, than that of Our State, that the Czar be 
not suffered to retain a Fleet, ifneeds must that he should a Sea Port in the Bal- 
tick etc London 1719." 

fa 

Marx an Engels ° 12. Februar 1856 

Der Verfasser war von 1710-15 Gesandter in Petersburgh und wie er 
sagt: "dismissed the service because the Czar desired it; for that he had 
learnt, that I had given Our Court such Light into his affairs, as is contain'd 
in this Paper etc." | 

I b) Mémoire presente a Sa Maj. Britannique par M. Wesselowsky, Ministre 
de sa Maj. Czar. London. 1717. 

Vertheidigungsschrift der Russen wegen ihrer Mogeleien mit dem Prä- 
tendenten, besonders merkwürdig, weil schon ganz der Styl (obgleich noch 
nicht ganz die Glätte) der Pozzo di Borgo und Consorten und so Beweis, 
daß kein qualitativer Fortschritt in der russischen Diplomatie seit 
Pierre I. 

c) The defensive treaty concluded in the year 1700 between His late M. King 
William of Glorious Memory, and His Present Swedish Maj. King Charles XII 
etc to which some queries are appended. (1716). 

d) The Northern Crisis, or, Impartial Reflections on the Policies of the Czar ... 
Parvo motu primo mox se attollit in auras. London 1716. 

Eins der außerordentlichsten Pamphlets, die je geschrieben worden. 
Hätte mit unwesentlichen modifications im Jahre 1853 erscheinen können. 
Enthält so wie a) und c) Nachweise der englischen Verrätherei. In dem 
Postscript sagt der anonyme Autor: "I flatter myself, that this little History 
is of that curious Nature, and on Matters hitherto so unobserved, that I 
consider it with Pride, as a valuable New Year's Gift to the present world; 
and that posterity will accept it, as the like, for many years after, and read it 
over on the Anniversary, and call it their Warning-Piece. I must have my 
Exegi Monumentum as well as others." 

e) An Inquiry into the Reasons of the Conduct of Great Britain with Relation 
to the present State of Affairs in Europe. London 1727. 

Deßwegen nur interessant, weil daraus zu ersehn, daß der spanische di- 
plomatische chevalier d'industrie und spätere Minister Ripperda „had a 
very particular intimacy with the Russian minister" etc. Ebenso der andre 
Hauptschwindler in der damaligen diplomatischen Welt, Baron Görtz. 

f) Tagebuch Peters des Großen vom Jahre 1698 bis zum Schlüsse des Neustäd- 
ter Friedens, aus dem russischen Original übersezt, so nach denen im Archive be- 
findlichen und von Seiner Kaiserlichen Majestät eigenhändigen ergänzenden 

Handschriften gedruckt worden. Mit Vorbericht des russischen Herausgebers 
Fürst Michael Schtscherbatoff (mepoaTOBi) (Petersburg, 2 August 1770), 
deutsch Berlin und Leipzig. 1773. 

Obgleich Catharine II dieß Tagebuch natürlich vor dem Druck Censur 
passiren ließ, so finden sich doch darin allerhand Bestätigungen der in den 
vorstehenden Pamphlets angegebnen facts. 

g) Copies and Extracts of several letters written by the King of Sweden and his 

Marx an Engels « 12. Februar 1856 

Ministers || relating to the Négociations of Baron Görtz etc published at Copen- 
hagen by order of the King of Denmark. London 1717. 

h) Letters which passed between Count Gyllenborg, the Baron Görtz, Spane 
etc published by authority. London 1717. g) und h) sind natürlich allen Hi- 
storikern wohlbekannt, es fehlt ihnen aber der Schlüssel zum Verständniß 
derselben. Beide Publicationen drehn sich besonders um den Plan den 
Charles XII aus Rache gegen England gefaßt hatte, mit einer schwedischen 
Armee an der englischen Küste zu landen und den Prätendenten zu procla- 
miren. 

Neben diesen Pamphlets noch eine Reihe andrer Schriften, die sich gele- 
gentlich auf die schwedisch-englisch-russische Geschichte beziehn, oder 
englische Pamphlets, die vom schwedischen Gesandten Gyllenborg nach- 
weisbar inspirirt sind wie z.B. „Remarks on Mr.Jackson's Memorial etc." 

Zu welchen Mitteln die Whigs ihre Zuflucht nahmen, kannst Du daraus 
sehn, daß sie verbreiteten, „that the King of Sweden was a Roman-Catho- 
lick and that the Czar was a good Protestant". Es muß jedem auffallen, daß 
die Engländer während jener Zeit so einen lächerlichen Lärm machten we- 
gen der Compagnie des Indes, die Ostreich in Ostende bildete, während sie 
dem Peter förmlich ihre Flotte zur Verfügung stellten und ihm halfen seine 
Häfen in der Ostsee gründen. Dabei geht aus den Klagschriften der engli- 
sehen Baitick merchants der damaligen Zeit hervor, daß Herr Peter keines- 
wegs sanft mit ihnen umging. England war auch die erste europäische 
Großmacht, die seinen Kaisertitel anerkannte etc. Vor allem beweisen die 
oben angeführten Pamphlets, daß man keineswegs aus Illusion oder Igno- 
ranz handelte. 

Folgende Anecdotes aus den Memoiren der Schwester Friedrich des Großen 
über Peter werden Dich amüsiren. Peter und die Czarine besuchen sie zu 
Potsdam. «La Czarine débuta par baiser la main ä la reine qu'il voulut em- 
brasser, mais elle le repoussa. Elle lui présenta ensuite le duc et la du- 
chesse de Meklenbourg qui les avaient accompagnés et 400 soi-disant 
dames qui étaient à sa suite. C'était, pour la plupart, des servantes alle- 
mandes, qui faisaient les fonctions de dames, de femmes de chambre, de 
cuisinières et de blanchisseuses. Presque toutes ces créatures portaient cha- 
cune sur les bras un enfant richement vétu; et lorsqu'on leur demandait si 
c'étaient les leurs elles répondaient, en faisant des salamalecs à la Rus- 
sienne: Le Czar m'a fait l'honneur de me faire cet enfant. La reine ne voulut 
pas saluer ces créatures», etc. 

In einem der Zimmer in Potsdam stand ein Priap « dans une posture trés 
indécente. Le Czar admira cette statue beaucoup et ordonna à la Czarine 
de la baiser. Elle voulut s'en défendre: il se facha et lui dit en allemand 

corrompu: || Kop ab ... La Czarine eut si peur, qu'elle fit tout ce qu'il vou- 

lut. Il demanda sans façon cette statue et plusieurs autres au roi qui ne put 
les lui refuser etc. » 

Die Curiosa, die ich auf dem Museum aufgethan, möchte ich an den 
Mann bringen. Für eine Zeitung sind sie zu retrospectiv. Ich will mich da- 
her an Putnam wenden. Du mußt mir aber vorher schreiben, für wann die 
„improvements in modern warfare" fertig sein können, da P. natürlich erst 
die bestellte Ware verlangen wird, eh er sich auf neuangebotne einläßt. 

Die französischen Geschichten haben mich sehr interessirt und ich bitte 
Dich mir den Examiner zu schicken, so oft er ähnliches enthält. Der Guar- 
dian ist hier bei Wylde. Die Zeitungsschreiberei ist jezt sehr lästig, da in 
England selbst nichts vorgeht und die Wendung in den ökonomischen Ver- 
hältnissen noch sehr unklar ist. Das Entscheidende hierin sind für den Mo- 
ment die Börsenschwindeleien, worüber einem das nöthige Material 
fehlt. 

Bruno seit der Zeit ein- oder 2mal wiedergesehn. Der Bursche hat offen- 
bar einen Plan, da er sans sous zu seinem cher frere gekommen ist. Er ist 
durch und durch altjunggesellig, ängstlich für seine Conservation und Pre- 
servation bedacht, und nicht ohne einige geheime misgivings über sein 
Verhältniß zur Gegenwart. Nach und nach fängt er an zu entdecken, daß 
London ein merkwürdiger Platz ist, daß es daselbst „Gegensätze zwischen 
Arm und Reich" giebt, und was dergleichen andre „Entdeckungen" sind. 
Seine Vornehmthuerei und Abgethansein mit der Welt auf der einen Seite, 
und seine kindische Neugier und bäuerliche Ueberraschung über every- 
thing und anything andrerseits, bilden einen keineswegs erquicklichen 
Contrast. Er ochst jezt hauptsächlich englisch. Sobald ich wieder ein Ren- 
dezvous mit ihm habe, werde ich Dir darüber berichten. 

Salut. 

Dein 
KMI