Karl Marx an Friedrich Engels 
in Manchester 
London, 2. Dezember 1854 

I 2 December. 1854. 
28, Deanstreet, Soho. 
Lieber Engels! 

I think not, Sir, daß Dein Brief oder auch nur Dein Name in Verbindung 
mit dem würdigen „Freund" gebracht werden kann. (Der Jude ist so drin- 
gend, weil er durch eine vornehme Unterrichtsanstalt, die er seine Frau in 
St. John's Wood hat errichten lassen, sich at the very brink of bankruptcy 
gebracht hat. Ich habe jezt via Cornelius die Details erfahren.) Ich habe 
ihm, auf Deinen Brief fussend folgendes geschrieben: 1) Beiliegend sende 
ich ihm einen Briefvon A. Dana, woraus er ersehn könne, wie die commer- 

cielle Crise in America auf mich und durch mich auf ihn gewirkt habe; 
2) Ich habe indeß, um den Ausfall zu decken neue literarische Verbindun- 
gen eingegangen, auf die gestüzt ich mich schriftlich verpflichten wolle 
ihm den 10* jedes Monats, von Januar 1855 an, £4 zu zahlen. Die Summe 
beträgt ca. 17 £. St. noch. Geht Herr Freund hierauf nicht ein, so soll er 
mich verklagen. Der Brief von Dana deckt mich vor jedem Court, wie er 
selbst einsehn wird. Wenn ich Dich direkt hereinziehe, verliere ich 
1) meine ganze Position dem Freund gegenüber; 2) erzählt er (und theilt 
den Brief gleich mit) dem Lehrer an seiner Anstalt, Herrn Gottfried Kin- 
kel; dieser an Herrn Gerstenberg, dieser an jeden deutschen Juden in der 
City, bis es zu Blanc dringt, was by no means wünschenswerth wäre. 

Ich hatte Lassalle aufgefordert, ob er irgend ein literarisches business in 
Deutschland für mich auftreiben könne, denn in regard der verminderten 
Einnahme und der vermehrten Ausgaben muß ich Ernst machen. Lassalle 
macht mir nun folgenden Vorschlag, worüber ich Dein wohlerwognes Ur- 
theil wünsche. Sein Vetter Dr. M. Friedländer wird Anfang dieses Monats Ei- 
genthümer der „Neuen Oderzeitung" aber - in Co. von Stein und Eisner. 
Ich solle Londoner Correspondent für das Blatt werden. Friedländer glaubt 
im Anfang nicht im Stande zu sein mehr als 20 Thaler monatlich zu zah- 
len. Lassalle meint ihn aber zu 30 treiben zu können. Voilä la proposition. 
Die Summe ist miserabel. Indeß wäre auch das bischen Correspondenz für 
ein deutsches Winkelblatt nicht hoch anzuschlagen. 40-50 £ wären immer 
mitzunehmen. Aber Haupthaken - Eisner und Stein! Dieß ist um so reifli- 

eher zu überlegen, als die Herren keine Conservativen, sondern sogar Libe- 
rale sind und uns direkt mehr entgegenstehn als die „Neue Preussische Zei- 
tung". That is the question. Ueberleg Dir das genau. 

Ich schicke Dir eine Nummer vom „People's Paper", damit Du Jones' 
dodge mit Barbes (den er unter uns gesagt für Blanqui hielt) und seine Agi- 
tation gegen Bonaparte - für dessen eventuelle Reise nach England - ken- 
nen lernst. Die Sache beunruhigt die hiesigen „Behörden" ernstlich und 
die Polizei hat, wo immer thunlich, die Plakate abreissen lassen. Selbst 
„Reynolds" und „Leader" haben ihn denuncirt wegen seiner unpatrioti- 
sehen Gesinnung. Er hatte ursprünglich zu dem Comité wegen der AntiBo- 
napartistischen Bewegung Ehrenmitglieder zu seinem Comité, u. a. auch 
mich, erwählen lassen. Ich habe ihn ausgelacht und ihn speziell darauf ver- 
wiesen, daß wenn das move hier und auf dem Continent wirken soll, es 
einen rein englischen Charakter behalten muß. Dieß hat er eingesehn, wie 
Du aus seinen Bemerkungen in der Vorsitzung mit den French Refugees 
ersehn || wirst. 

Ich sende Montag mit der angegebnen Parcelcomp. Ripley und Solis' 
„Conquista de Mexico". Leztres, sobald Du es nicht mehr brauchst, zurück- 
zusenden, da der Solis mir nicht gehört. Ich habe nun den Ripley ganz (na- 
türlich flüchtig, wie es für meinen Zweck genügt) durchgelesen. Ich bin 
darüber nun ganz klar - und Ripley giebt es oft in „gehalten" sarkastischer 
Form auf die flache Hand - daß der grosse Scott ein ganz ordinärer, klein- 
licher, talentloser, quänglender, neidischer Hund und Humbug ist, der im 
Bewußtsein, daß er alles der Tapferkeit seiner Soldaten und der skill seiner 
Divisionäre verdankt, gemeine Streiche machte, um sich den Ruhm zu si- 
chern. Er scheint ein ebenso grosser General zu sein, als der many - sided 
Greeley ein grosser philosopher ist. Der Kerl hat den ganzen Feldzug durch 
alles brouillirt und Streiche gemacht, wofür er von jedem anständigen 
Kriegsgericht füsilirt zu werden verdiente. Aber er ist der erste (dem Rang 
nach) General von America. Darum glaubt Dana wahrscheinlich an ihn. 
Taylor ist sicher immer noch mehr werth als Scott, was das amerikanische 
Publicum gefühlt zu haben scheint, indem es den ersten zum United 
States Präsidenten macht, den 2‘ trotz aller seiner Anstrengungen durch- 
fallen ließ again and again. Mir scheint General Worth der bedeutendste, 
worüber Du mir Deine Meinung sagen mußt, sobald Du die Sache gelesen. 
Dann noch hauptsächlich über einen Punkt. Ist es nicht curious daß Scott 
immer 2-10 Meilen von den active operations entfernt, nie auf dem 
Schlachtfeld selbst erscheint, sondern stets blos „is observing the progress 
of events" von einem sichern Hinterhalt aus. Er erscheint selbst nicht, wie 
Taylor doch thut, wenn die Erscheinung des Oberfeldherrn nöthig für das 
„moral" der Armee. Nach der sehr heissen battle of Contreras trabt er mit 

seinem ganzen staff vor, nachdem die Geschichte vorbei. Während der 
schwankenden Battle of Molino del Rey läßt er den „braven" Leuten sagen, 
sie sollten aushalten, er würde vielleicht selbst erscheinen. Sein „diploma- 
tisches" Talent ist nur mit seinem militairischen zu vergleichen. Wo er 
Mißtrauen zeigt, ist es stets gegen seine talentvolleren Divisionäre, aber 
nie gegen Santa Anna, der ihn wie ein altes Kind an der Nase herum- 
führt. - Das Charakteristischste in dem Krieg scheint mir daß jede Divi- 
sion und jedes einzelne kleine Truppencorps, trotz falscher oder mangeln- 
der Befehle von dem Chief, immer stubbornly auf das Ziel losgeht und 
jeden Incident spontaneously benuzt, so daß schließlich doch etwas Gan- 
zes herauskommt. Yankee Gefühl von Independenz und individueller 
Tüchtigkeit, vielleicht noch mehr als bei den Anglo-Saxons. - Die Spanier 
sind schon verkommen. Aber nun ein verkommener Spanier, ein Mexica- 
ner, das ist ein Ideal. Alle Laster, Renommisterei, Großmäuligkeit und 
Don Quixoterie der Spanier auf der 3° Potenz, aber lange nicht das So- 
lide, was diese besitzen. Der mexicanische Guerillakrieg eine Carrikatur 
des spanischen und selbst das Davonlaufen der regular armies unendlich 
übertroffen. Dafür haben die Spanier aber auch kein Talent wie den Santa 
Anna producirt. 
Vale. 
Dein 
KM | 

/ Hast Du Jacobus Venedey - Kobes I. von Köln - Schimpfereien auf 
Heine im Feuilleton der Kölnlischen] Zeit[ung] vom Samstag gelesen? Die- 
sen Genuß mußt Du Dir nicht versagen. Und Kossuths Avanciren zum Ge- 

neralü! /