Friedrich Engels an Karl Marx 
in London 
Manchester, 9. Mai 1854 

I Manchr 9 Mai 54. 
Lieber Marx 

Die späte Ankunft des Trib[une-]Artikels ist mir unbegreiflich. Der Brief 
ist um % nach 7 mit den Geschäftsbriefen zugleich, und unter specieller Re- 
commandation an den Ausläufer, zur Post gebracht - die gleichzeitigge- 
sandten Geschäftsbriefe sind rechtzeitig angekommen. Wäre er erst mit 
der 2°" Post gegangen so hätte er spätestens um 2 Uhr in Deinen Händen 
sein müssen. Ich kann darin nur einen Beweis der Sorgfalt des Herrn Pal- 
merston für Dich sehn. Da sich inzwischen die Geschichte von der 
Schlacht nicht realisirt hat, so hast Du den Artikel hoffentlich nicht abge- 
schickt. 

Über Urquharts Militaria nächstens. Diesen Gegenstand kann ich natür- 
lich nur in Notizen abmachen die ich Dir gleich englisch niederschreiben 
werde; Du wirst sie selbst dann in Deinen Artikel verweben müssen. 

Die Historia vom Dr. Wiß ist sehr erbaulich und wird in den Händen von 
Cluß gewiß an die rechten Leute gerathen. Was den armen Teufel Miskow- 
ski angeht so wird der Edelmüthige nun doch sagen, er sei also schließlich 
doch „spurlos verschwunden". Als ich die Geschichte in den Londoner 
Blättern sah, dachte ich gleich es seien ganz gewiß Flüchtlinge die dabei 
verbrannt seien. 

Den Heise werde ich möglichst ans Arbeiten setzen, was ihm zu vermei- 
den unmöglich sein wird sobald ich mich etwas zurückhalte. Der Kerl ist 
jetzt in Bradford wohin der Kleine ihn bei Gelegenheit der Abwesenheit 
seines Prinzipals berufen hat, und von wo er jedenfalls äußerst versoffen 
zurückkommt, sodaß er erst || einige Tage Quarantaine stehn muß ehe er 
zu etwas kapabel ist. Das Artikelchen des Kleinen hat mich sehr amüsirt 
wegen der Genauigkeit mit der er alle stehenden Witze der N[euen] 
Rh[einischen] Zfeitung] über Schleswig-Holstein, Belgien pp. apportirt und 
rapportirt. 

„Feldzug der schleswig-holsteinischen Armee und Marine 1850", von 
A. Lütgen, Ex-Major, ist das erste vernünftige und zusammenfassende 
Buch über die Willisen-Episode. Es bestätigt vollkommen was ich mir 

schon aus den Vorstudien über diese Geschichte abstrahirt hatte. Mon- 
sieur Willisens ursprünglicher Plan war sehr gut, blos, etwas zu ausge- 
dehnt, so gut, daß selbst der verstümmelte und verspätete Versuch zu ihm 
zurückzukehren, die Dänen die 36 000 gegen 26 000 M. stark und fast alle 
ihre Truppen schon engagirt hatten - die Schleswig-Holsteiner hatten 
noch gewiß '/, nichtengagirte Truppen - bereits zum Gedanken an den 
Rückzug brachte. Aber als Monsieur Willisen nun wirklich vor dem Feinde 
stand, verlor er den Kopf unter den widersprechenden Meldungen und 
noch confuseren Vorschlägen die ihm gemacht wurden. Noch in der Nacht 
vor der Schlacht detachirte er seine eignen Reserven links aufeinen Punkt 
wo sie ganz aus dem Bereich waren, gegen einen imaginären Feind, und 
suspendirt zugleich den gegebnen Befehl zur Offensive, auf den alle Dispo- 
sitionen berechnet waren. Also Concentrirung der Reserven links, wo kein 
Feind war, Entblößung des Centrums auf das der Hauptangriff stattfand, 
Confusionirung des rechten Flügels, der den Hauptgegenschlag thun sollte. 
Das allein ist hinreichend das Resultat zu erklären, und trotzdem hätte er 
gesiegt, wenn er nur nicht so übereilt, schon um 8 Uhr Morgens, Alles | 
I verloren gegeben hätte. Selbst um 11 Uhr konnte er noch gewinnen, aber 
sein Schrecken bei der Nachricht daß 2 dänische Bataillone rückwärts sei- 
ner linken Flanke ständen (2 Schwadronen und 4 Kanonen waren genug 
sie zu schlagen) brachten dem „strategischen Umgeher mit ganzer Kraft" 
den Lehrsatz zur Erinnerung: „wer umgeht, ist selbst umgangen", und jetzt 
entschloß er sich mit aller Kraft auszureißen. Dem Theoretiker stand ein 
alter im Kommando, wenn auch meist Friedenscommando, grau geworde- 
ner bornirter Kamaschengeneral entgegen der nicht einer spießbürgerlich- 
gemäßigten Statthalterschaft ohne Macht, sondern einem wirklichen König 
und Ministerium verantwortlich war, und schon deßhalb zäher aushielt. 
Dadurch gewann er die Schlacht; der Erfolg mit dem schwache schleswig- 
holsteinische Abtheilungen sich gegen doppelt und dreifach überlegne dä- 
nische schlugen (nach dem offiziellen dänischen Bericht selbst) reicht hin 
zum Beweis daß die 26000 Schleswig-holsteiner den 36 000 Dänen voll- 
kommen gewachsen waren. Die Kerle haben sich ganz ausgezeichnet ge- 
schlagen, trotz der vielen Rekruten die drunter waren und trotz der Confu- 
sion die Willisen noch 14 Tage vor Ausbruch der Campagne durch seine 
neuen Anordnungen in der ganzen Armee hervorgerufen, und besonders 
trotz der mangelhaften Cadres. Diese Armee hätte die doppelte Anzahl 
Preußen mit Vergnügen geworfen. 

Das Bombardement von Odessa mußten die Alliirten unternehmen we- 
gen der Insultirung der Parlamentärflagge. Viel Schaden scheints nicht ge- 
than zu haben und da sie nicht gelandet sind und die Stadt besetzt haben, 

ist es mehr eine Niederlage als ein Sieg. Am schönsten ist der Humbug sie 

seien „abgesegelt in der Richtung von Sewastopol". Übrigens geräth durch 
jeden russischen Act und die damit nöthig gewordene wenigstens schein- 
bare und versuchte Retaliation || der Krieg mehr und mehr aus den Hän- 
den Aberdeens und Palmerstons und wird doch nach und nach einen etwas 
kriegerischeren Verlauf nehmen. Ohnehin muß Bonaparte bald etwas tan- 
giblere gloire haben, obwohl sein getreuer Fridolin Saint Arnaud grade der 
Mann ist ihn tiefin die Sauce zu reiten. Hätte dieser Edle nicht ein Ver- 
mögen, ein bereits mehreremale seit 1851 verschwindeltes Vermögen zu re- 
faire, er wäre nie in den Orient gegangen. Diese Sorte sind aber die rechten 
um die besten Truppen zu ruiniren durch betrügerische Lieferungscon- 
tracte und sie dann durch militärische Dummheiten recht in den Dreck zu 
führen. Ich verspreche mir sehr schöne Resultate von der Campagne dieses 
Bayard du bas-Empire. 
Dein 
F. E. I