Friedrich Engels an Karl Marx 
in London 
Manchester, 6. Juni 1853 

I Mehr 6 Juni, Abends 
Lieber Marx 

Ich wollte Dir heute pr erste Post schreiben, wurde aber bis 8 Uhr durch 
Comptoirarbeiten aufgehalten. Die beiden Erklärungen Weydemeyers und 
Cluß's in der Crim[inal-]Ztg gegen Willich wirst Du erhalten haben, d.h. 
von Amerika direkt, wo nicht so schreib mir gleich. Vater Weyd ist wie ge- 
wöhnlich zu breit, weiß die Pointe nur stellenweise zu finden, stumpft sie 
auch dann durch seinen Styl ab, und entwickelt seinen bekannten Mangel 
an verve mit seltner Gelassenheit. Trotzdem hat der Mann sein Möglich- 
stes gethan, die Geschichte mit dem „Waffengefährten" Hentze und der 
von andern inspirirten Schreibart des Hirsch richtig gedreht, sein hane- 
büchner Styl und seine Gelassenheit, die dort für Impassibilität gilt, wird 
dem Philisterium zusagen, und im Ganzen kann man mit seiner Leistung 
zufrieden sein. Die Erklärung von Cluß dagegen gefällt mir ausgezeichnet. 
Der homme supérieur, der seiner Überlegenheit durch die „persönliche Be- 
rührung" mit Willich sich so zu sagen physisch bewußt geworden, lacht aus 
jeder Zeile hervor. An Leichtigkeit des Styls ist das Ding das Beste was 
Cluß je geschrieben. Auch nicht eine holprige Wendung drin, keine Spur 
von Géne oder Verlegenheit. Wie gut steht ihm der fingirte Biedermann 
mit der Miene des bonhomme der aber doch überall den Teufel durchblik- 
ken läßt, der ihm im Nacken sitzt. Wie famos ist die Wendung mit dem 
„Schwindel, wie Revolutionsagenturen sind", von denen er lebe, wie Wil- 
lich behaupten soll. Der Ritterliche wird sich gewundert haben, unter den 
rohen „Agenten" einen Kerl zu finden, der so flott, so geschickt, so von Na- 
tur offensiv und zu gleicher Zeit so unprätentiös nobel auftritt, und der 
ihm so fein, viel feiner und gewandter als er selbst, seine eignen Finten a 
tempo stößt. Wenn der Willich nur Geschmack genug hat das herauszufin- 
den, aber ich hoffe der Ärger und das nothwendige Spintisiren werden ihm 
schon ein gewisses Verständniß eröffnen. 
Daß man diese Scheiße bis auf den Grund ausfressen muß ist klar. Je re- 
soluter man dran geht, desto besser. Übrigens wirst Du sehn daß sie gar so 
arg nicht wird. Der Ritterliche hat Xmal mehr versprochen als er halten 

Engels an Marx, 6. Juni 1853 
(Dritte Seite) 

kann. Wir werden von Mordversuchen etc hören, die Schrammsche Ge- 
schichte wird feenhaft ausgeschmückt werden, es werden Phantastereien | 
Ivorkommen bei denen wir uns verwundert ansehn werden weil wir uns ab- 
solut nicht erklären können wovon der Mann eigentlich spricht, und im 
schlimmsten Fall erzählt er die Geschichte wie M. und E. eines Abends be- 
soffen in die Great Windmill Str. kamen (yide Kinkel in Cincinnati, coram 
Hutzelio). Kommt es dahin, so erzähl ich dem scandalliebenden amerika- 
nischen Publikum, wovon sich die Kompagnie Besançon zu unterhalten 
pflegte wenn Willich und formosus pastor Corydon Rau abwesend waren. 
Au bout du compte, was kann denn solch ein Vieh uns nachsagen? Gib 
Acht, es wird ebenso pauvre wie die Telleringsche Schmiere. 

Den Borchardt werde ich dieser Tage wieder sehn. Wenn Empfehlungen 
zu haben sind beiß ich sie heraus. Doch glaub ich nicht daß Steinthal etc 
derartige Verbindungen in London haben. Es liegt fast ganz außer ihrem 
Geschäftsbereich. Außerdem wird der Kerl schon der minderen Blamage 
halber die hiesige Geschichte in die Länge zu ziehen suchen. Wäre es 
nicht wegen Lupus, so könnte der Kerl mich hinten etc. Er ist mir unaus- 
stehlich, dies gesalbte, wichtigthuende, prahlhansige, verlogene Charlatans- 
gesicht. 

Wenn Lassalle Dir eine gute, gleichgültige Adresse in Düsseldorf gege- 
ben hat, so kannst Du mir 100 Ex. schicken. Wir werden sie in Twistballen 
durch hiesige Häuser verpacken lassen; aber sie dürfen nicht an L. selbst 
adressirt sein, da die Pakete nach Gladbach, Elberfeld oder so gehn und 
von da, als postpflichtig, pr Post nach Düsseldorf gehn müssen. Ein Paket an 
Lass, oder die Hatzfeld können wir aber keinem hiesigen Hause geben, 
denn 1) ist in jedem dieser Häuser hier mindestens ein Rheinländer der 
den Tratsch kennt, oder 2) wenn das gut geht, so wissen die Empfänger des 
Ballens drüben Bescheid, oder 3) im günstigsten Fall sieht sich die Post die 
Sachen an eh sie sie abgibt. In Köln haben wir eine gute Adresse, kennen 
aber leider die Leute nicht besonders, die hier die Haupt-Einkäufer für das 
Kölner Haus sind, und können ihnen daher keinen Schmuggel zumuthen. 
Wir sagen hier den Leuten nämlich, die Pakete enthielten Präsente für Da- 
men. 

Du wirst hieraus sehen daß ich mich mit Charles wieder || auf einen 
gangbaren Fuß gesetzt habe. Wie sich erst eine passende Gelegenheit fand 
machte sich die Sache sehr rasch. Trotzdem begreifst Du daß der Narr im- 
mer noch eine gewisse Freude dran hat, mir durch den Neid des Herrn 
G. E[rmen] gegen meinen Alten wenigstens in Einer lausigen Beziehung 
vorauspoussirt worden zu sein. Habeat sibi. Er hat jedenfalls gemerkt daß 
wenn es mir darauf ankäme, ich binnen 48 Stunden immer wieder maitre 

de la situation sein kann, und das ist genug. 

Die Abwesenheit des Grundeigenthums ist in der That der Schlüssel zum 
ganzen Orient. Darin liegt die politische und religiöse Geschichte. Aber 
woher kommt es daß die Orientalen nicht zum Grundeigenthum kommen, 
nicht einmal zum feudalen? Ich glaube es liegt hauptsächlich im Klima 
verbunden mit den Bodenverhältnissen, speziell mit den großen Wüsten- 
strichen die sich von der Sahara quer durch Arabien, Persien, Indien und 
die Tatarei bis ans höchste asiatische Hochland durchziehn. Die künstli- 
che Bewässerung ist hier erste Bedingung des Ackerbaus, und diese ist Sa- 
che entweder der Communen, Provinzen oder der Centrairegierung. Die 
Regierung im Orient hatte immer auch nur drei Departements: Finanzen 
(Plünderung des Inlands), Krieg (Plünderung des Inlands und des Aus- 
lands) und travaux publics, Sorge für die Reproduction. Die britische Re- 
gierung in Indien hat NQ 1 und 2 etwas philiströser geregelt und Ns 3 ganz 
bei Seite geworfen, und der indische Ackerbau geht zu Grunde. Die freie 
Concurrenz blamirt sich dort vollständig. Diese künstliche Fruchtbarma- 
chung des Bodens, die sofort aufhörte, wenn die Wasserleitungen in Verfall 
kamen, erklärt die sonst kuriose Thatsache daß jetzt ganze Striche wüst 
und öde sind die früher brillant bebaut waren (Palmyra, Petra, die Ruinen 
in Jemen, X Lokalitäten in Aegypten, Persien und Hindustan); sie erklärt 
die Thatsache, daß ein einziger Verwüstungskrieg ein Land für Jahrhun- 
derte entvölkern und seiner ganzen Civilisation entkleiden konnte. Dahin 
gehört, glaub' ich, auch die Vernichtung des südarabischen Handels vor 
Mohamed, die Du sehr richtig als ein Hauptmoment der mohamedani- 
schen Revolution ansiehst. Ich kenne die Handelsgeschichte der sechs er- 
sten christlichen Jahrhunderte nicht genau genug um urtheilen zu können 
in wie weit allgemeine materielle Weltverhältnisse den Handelsweg durch 
Persien nach dem schwarzen Meer und durch den Persischen Meerbusen 
nach Syrien und Kleinasien dem übers rothe Meer vorziehen ließen. Aber 
jedenfalls war nicht ohne bedeutende Wirkung die relative Sicherheit der 
Karawanen im persischen, geregelten Sassanidenreich während Jemen von 
den Abessiniern von Anno 200-600 fast fortwährend unterjocht, invasirt 
und geplündert wurde. Die zur Römerzeit noch blühenden Städte des süd- 
lichen Arabiens waren im siebten Jahrhundert wahre Wüsten von Ruinen, 
die benachbarten Beduinen hatten in 500 Jahren rein mythische, fabel- 
hafte Traditionen über ihren Ursprung sich angeeignet (s. den Koran und 
den arabischen Geschichtschreiber Novairi) und das Alphabet in dem die 
dortigen Inschriften geschrieben, war fast total unbekannt, obwohl kein 
andres dawar, sodaß de facto das Schreiben in Vergessenheit gerathen. 
Dergl. Sachen setzen neben einem, durch etwaige allgemeine Handelsver- 
hältnisse veranlaßten superseding auch noch eine ganz direkte gewaltsame 
Zerstörung voraus, wie sie nur durch die äthiopische Invasion zu erklären 

ist. Die Vertreibung der Abessinier geschah um 40 Jahre vor Muhamed 
und war offenbar der erste Akt des erwachenden arabischen Nationalge- 
fühls, das außerdem durch persische Invasionen von Norden her, die fast 
bis nach Mekka drängen, gestachelt war. Ich werde die Geschichte Muha- 
meds selbst erst dieser Tage vornehmen; bis jetzt scheint sie mir aber den 
Charakter einer beduinischen Reaktion gegen die ansässigen, aber verkom- 
menden Fellahs der Städte zu tragen, die damals auch religiös sehr zerfal- 
len waren, und mit einem verkommenen Naturcultus ein verkommenes Ju- 
denthum und Christenthum vermischten. 

Die Sachen vom alten Bernier sind wirklich sehr schön. Man freut sich 
ordentlich einmal wieder etwas von einem alten nüchternen, klaren Fran- 
zosen zu lesen der überall den Nagel auf den Kopf trifft sans avoir l'air de 
s'en apercevoir. 

Da ich nun doch einmal auf ein paar Wochen in der orientalischen 
Schmiere festsitze, so habe ich die Gelegenheit benutzt um Persisch zu ler- 
nen. Von dem Arabischen schreckt mich einerseits mein eingeborner Haß 
gegen die semitischen Sprachen zurück, andrerseits die Unmöglichkeit in 
einer so weitläuftigen Sprache, die 4000 Wurzeln hat, und sich über 
2000-3000 Jahre erstreckt, ohne viel Zeitverlust es zu etwas zu bringen. 
Persisch dagegen ist ein wahres Kinderspiel von einer Sprache. Wäre es 
nicht wegen des verfluchten arabischen Alphabets worin immer je sechs 
Buchstaben sich gleich sehn und wo man die Vokale nicht schreibt, so 
würde ich mich anheischig machen die ganze Grammatik binnen 48 Stun- 
den zu lernen. Dies zum Trost für Pieper, wenn er etwa Lust haben sollte, 
mir diesen schlechten Witz nachzumachen. Ich habe mir drei Wochen als 
Maximum für das Persische angesetzt, wenn er also 2 Monate || dran riskirt 
so schlägt er mich jedenfalls. Für Weitling ist es ein Pech daß er kein Per- 
sisch kann, er würde seine langue universelle toute trouvée haben, da es 
meines Wissens die einzige Sprache ist wo kein Krakehl zwischen Mir und 
Mich entsteht, da der Dativ und der Accusativ sich immer gleich sind. 

Ubrigens ist es ganz angenehm den liederlichen alten Hafis in der Ur- 
sprache zu lesen, die ganz passabel klingt, und der alte Sir William Jones 
gebraucht mit Vorliebe persische Zoten als Beispiele in seiner Grammatik 
die er dann nachher in seinen Commentariis poeseos asiaticae in griechi- 
sche Verse übersetzt, da ihm das doch im Lateinischen selbst noch zu un- 
flathig vorkommt. Diese Commentare, Jones Works Band II, de poesi ero- 
tica, werden Dich amüsieren. Dagegen ist die persische Prosa zum 
Todtschießen. Z. B. der Rauzät-us-Safä des edlen Mirchond, der die persi- 
sche Heldensage in sehr bilderreicher aber inhaltsloser Sprache erzählt. 
Hier heißt es von Alexander dem Großen: Der Name Iskander heißt in der 
jonischen Sprache Akschid Rüs (verstümmelt, wie Iskander, aus Alexand- 

Engels an Marx « 6. Juni 1853 

ros) das bedeutet soviel wie Filusüf, welches herkommt von fila, Liebe, und 
sufa, Weisheit, sodaß Iskander dasselbe ist wie ein Freund der Weisheit. - 
Von einem retired König heißt es: „Er schlug die Trommel der Abdankung 
mit dem Trommelstock des Sichzurückziehens", wie pere Willich dies 
5 thun wird, wenn er sich etwas weiter in den literarischen Kampf lancirt. 
Demselben Willich wird es auch ergehn wie dem König Afrasiab von Tu- 
rän, als seine Truppen ausrissen, und von dem Mirchond sagt: „er biß sich 
die Nägel des Entsetzens mit den Zähnen der Verzweiflung, bis das Blut 
des geschlagenen Bewußtseins ihm aus den Fingerspitzen der Scham 
10 quoll." - Morgen mehr. |