Karl Marx an Friedrich Engels 
in Manchester 
London, 2. Juni 1853 

I2June. 1853. 
28, Deanstreet, Soho. 

Dear Frederic! 

Die erste Hälfte der 201. Note eingesprungen. Ich schreibe Dir vor meinem 
Gang ins Museum, also noch sehr früh zu Tag. 

Einliegende Erklärung des grossen Willich an die Neuenglandzeitung 
hätte ich Dir längst geschickt, wenn ich nicht vorausgesezt, daß Weyde- 
meyer Dir die Sache zugesandt. Das -Concept dieser zweiten Erklärung ist 
genuine, echter Willich. Die Andern schreiben „Aufsätze", er schreibt 

„Thatsachen", und man muß „in persönlicher Beziehung" zu ihm gestan- 
den haben, damit die Verläumdung ihren Stachel verliert. Dann das kleine 
Partisanenmanöver. Er antwortet nicht auf seinen eignen Hirsch. Er sezt 
dem Publicum vielmehr die „Motive" auseinander, warum Marx seinen 
Hirsch nicht wiederlegt. Und nun hat er das Terrain gefunden, wo er sich 
mit einiger Virtuosität herumtreiben kann. Und der edle Mann übergiebt 
„ungern" der „Oeffentlichkeit" die Thatsachen. Natürlich, er zog es vor, sie 
geheim hinter der Bierbank den Philistern vorzuraunen und sie durch zwei 
Erdtheile auf „Contrabandweg" seit 3 Jahren zu colportiren, juvante Kinke- 
lio. Dann das Manöver, das Publicum gespannt zu halten. Es vergißt die 
Thatsachen, unter denen er sich windet. Es ist gespizt auf die Thatsachen, 
die die „kritischen Schriftsteller" vernichten sollen. Dabei ist der edle 
Mann auch „vornehm", wie es einem „Öffentlichen Charakter" geziemt. 
Wenn er antwortet, geschieht es nicht auf die rohen „Agenten" von Marx, 
sondern auf die „geschickten" Federfuchser. Schließlich giebt er dem Pu- 
blicum zu verstehn, daß seine Gegner nur so keck auftreten, weil sie an sei- 
nen „Entschluß" glaubten sich zurückzuziehn und der wichtige Mann kün- 
det mit Trommelschlag an, daß er seinen Entschluß „geändert" hat. 

Tout ça n'est pas trop mal pour un vieux souslietenant. Was aber den 
Styl der Erklärung NQ 2 angeht, - so schlecht er ist, er ist dennoch apo- 
kryph. Es sind andre Hände drüber gefahren, wahrscheinlich die von Ma- 
dame Anneke. Jedenfalls wird jezt das nöthige Supplement zu Tellerings 
Brochure von Herrn Willich herausgegeben werden, und da die Scheisse 
einmal vors Publicum gebracht ist, il faut aller jusqu'au bout. Wenn Wey- 

demeyer, Cluß et Co. geschickt operiren, so müßten siejezt dem Willich in 
die Parade fahren und im Voraus den Ueberraschungen, die er dem Publi- 
cum vorbehält, die Pointe und Neuheit abbrechen. Nous verrons. 

Das Lob, das Du meinem Jungen" Englisch ertheilst, hat sehr aufmun- 
ternd auf mich gewirkt. Was mir hauptsächlich fehlt, ist einmal grammati- 
sehe Sicherheit und zweitens die Gewandheit in gewissen sekundären 
Wendungen, ohne die alles schlagfertige Schreiben unmöglich ist. Herr 
„Tribüne" hat zu meinem 2° Artikel über Gladstone's Budget eine Bemer- 
kung an die Spitze ihres Blatts gesezt, worin sie das Publicum auf die „ma- 
sterly exposition" || aufmerksam macht und erklärt, sie habe nowhere „a 
more able criticism" gesehn und thue „not expect to see one". Das ist nun 
all right. Aber in dem folgenden Artikel blamirt sie mich wieder, indem sie 
einen ganz unbedeutend und unbedeutend sein sollenden Kopf von mir 
unter meinem Namen druckt, während sie sich Deinen „Schweizer" aneig- 
net. Ich werde Dana schreiben, es sei mir sehr „schmeichelhaft", wenn sie 
die Sachen manchmal als leader benutzen. Nur sollten sie dann gefällig 
meinen Namen nicht unter unbedeutende Notizen setzen. Ich habe den 
Eseln jezt u.a. 2 Artikel über „China" in Beziehung auf England geschickt. 
Wenn Deine Zeit Dir erlaubt und Du grade Lust hast zu schreiben über 
irgend etwas, Schweiz, Orient, Frankreich, England oder cotton oder Däne- 
mark, so thu es von Zeit zu Zeit, da ich jezt gewaltsam auf den Beutel des 
Kerls losarbeite, um den Ausfall von 3 weeks zu decken. Wenn Du mir von 
Zeit zu Zeit so was schickst, - de omnibus rebus - so kann ich's immer 
unterbringen, denn Du weißt, daß ich das „Mädchen für alles" bei den 
Kerls bin und es ist immer leicht alles an alles, an jeden Tag anzuknüpfen. 
nmavta Ev nAvra. 

In Bezug auf die Hebräer und Araber war Dein Brief mir sehr interes- 
sant. Es lassen sich übrigens 1) allgemeines Verhältniß nachweisen bei allen 
orientalischen Stämmen, zwischen dem settlement des einen Theils dersel- 
ben und der Fortdauer im Nomadisiren bei dem andern, seit die Ge- 
schichte geschieht. 2) Zur Zeit Mohammeds hatte sich der Handelsweg von 
Europa nach Asien bedeutend modificirt und die Städte Arabiens, die am 
Handel nach Indien etc grossen Antheil nahmen, befanden sich commer- 
ciell im Verfall, was jedenfalls mit Anstoß gab. 3.) Was die Religion an- 
geht, so wird sich die Frage in die allgemeine und drum leichtbeantwort- 
bare auflösen: Warum erscheint die Geschichte des Orients als eine 
Geschichte der Religionen? 

Ueber die orientalische Städtebildung kann man nichts brillanteres, an- 
schaulicheres und schlagenderes lesen als den alten Francois Bernier 
(9 Jahre Arzt von Aurang Zebe): „Voyages contenant la description des 
etats du Grand Mogol etc". Auch sezt er das Militairwesen, die Art wie 

Juni 

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Marx an Engels 

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Marx an Engels ° 2. Juni 1853 

diese grossen Armeen sich ernährten etc schön auseinander. Ueber Beides 
bemerkt er u.a.: „Die Cavallerie bildet den Haupttheil, die Infanterie nicht 
so groß als das Gerücht geht, si ce n'est qu'avec les véritables gens de 
guerre, on ne confond tous ces gens de service et de bazars ou marchés qui 
suivent l'armée; car, en ce cas-la, je croirais bien qu'ils auraient raison de 
mettre les 2 et 300000 hommes dans l'armée seule qui est aves le roi, et 
quelquefois encore davantage, comme quand on est assuré qu'il sera long- 
temps absent de la ville capitale; ce qui ne semblera pas si fort étonnant à 
qui saura l'étrange || embarras de tentes, de cuisines, de hardes, de meubles 
et de femmes méme assez souvent, et par conséquent d'éléphans, de cha- 
meaux, de bœufs, de chevaux, de porte-faix, de fourrageurs, vivandiers, 
marchands de toutes sortes et serviteurs qui trainent aprés soi ces armées, 
et à qui saura l'état et gouvernement particulier du pays, à savoir que le roi 
est le seul et unique propriétaire de toutes les terres du royaume, d'où vient par 
une certaine suite nécessaire que toute une ville capitale comme Delhi ou 
Agra ne vit presque que de la milice, et est par conséquent obligée de sui- 
vre le roi quand il va en campagne pour quelque temps, ces villes-la n'étant 
ni ne pouvant être rien moins qu'un Paris, mais n'étant proprement qu'un 
camp d'armée un peu mieux et plus commodément placé qu'en rase cam- 
pagne." 
Bei Gelegenheit des Marschs des Großmogols nach Cachemire, mit 
400 000 Mann etc Armee, sagt er: „la difficulté est de savoir d'où et com- 
ment peut subsister une si grande armée en campagne, une si grande quan- 
tité d'hommes et d'animaux. Il ne faut pour cela que supposer, ce qui est 
tres vrai, que les Indiens sont fort sobres et fort simples dans leur manger, 
et que de tout ce grand nombre de cavaliers, il n'y a pas la 10°”, ni même 
la 20°”‘ partie, qui, dans la marche, mange de la viande ; pourvu qu'ils aient 
leur kicheris ou mélange de riz et d'autres légumes, sur lesquels ils versent 
du beurre roux quand ils sont cuits, ils sont contents. Il faut encore savoir 
que les chameaux resistent extrêmement au travail, à la faim et à la soif, vi- 
vent de peu et mangent de tout, et qu' aussitôt que l'armée est arrivée les 
chameliers les mènent brouter à la campagne, où ils mangent tout ce qu'ils 
attrapent; de plus que les mémes marchands qui entretiennent les bazars 
dans Delhi, sont obligés de les entretenir dans les campagnes, ebenso die 
petits marchands etc. ... enfin à l'égard du fourrage, tous ces pauvres gens 
s'en vont rödant de tous les côtés dans les villages pour en acheter et y ga- 
gner quelque chose, et que leur grand et ordinaire refuge est de râper, avec 
une espèce de truelle, les campagnes entiéres, battre ou laver cette petite 
herbe qu'ils ont rapée, et l'apporter vendre à l'armée ..." | 
I Bernier findet mit Recht die Grundform für sämmtliche Erscheinungen 
des Orients - er spricht von Türkei, Persien, Hindustan - darin daß kein 

Privatgrundeigenthum existirt. Dieß ist der wirkliche clé, selbst zum orienta- 
lischen Himmel. 

Da es mit Borchard nicht zu sein scheint, glaube ich doch, daß der Kerl 
bereit sein wird, von Steinthal etc dem Lupus Empfehlungen an Londoner 
Kaufleute auszuwirken. Das kannst Du ihm wenigstens abzwingen, und 
das wäre für Lupus sehr wichtig. 

Was sagst Du zum failure des „financial scheme for reducing the na- 
tional debt" des hudibrasiac Rodolpho Gladstone? 

Das „Journal des Débats" hat vorgestern das wahre Geheimniß ausge- 
sprochen, warum Rußland so frech ist. Entweder, sagt es, muß der Conti- 
nent seine Unabhängigkeit russischer Gefahr aussetzen oder er muß dem 
Krieg sich aussetzen und das ist „la révolution sociale". Nur vergißt das 
elende „Debats", daß Rußland sich eben so sehr vor der Revolution 
fürchtet wie Mr Bertin und daß der ganze Witz jezt darin liegt, wer sich 
den meisten Schein der „Nichtfurcht" zu geben weiß. Aber England und 
France - die officiellen - sind so miserabel, daß wenn Nicholas steifhält, 
er alles ausrichten kann. 

Vale faveque. 

CM. 

An Lassalle ist geschrieben und er wird wohl ready sein ein paar 100 Exem- 
plare der Brochure in Empfang zu nehmen und in Deutschland zu vertrei- 
ben. Nun fragt es sich, wie hinüberbringen? Charles meinte, als ich in 
Manchester war, es liesse sich thun durch Verpackung mit Kaufmannsgü- 
tern? Frag ihn jezt einmal darüber. 

P.S. Die Abschickung des Briefs hat sich verspätet, und so kann ich Dir 
noch nachträglich Ankunft des Bücherpakets und der 2' Hälfte der Note 
anzeigen. |