Friedrich Engels an Karl Marx 
in London 
Manchester, 26. September 1851 

I Lieber Marx 

Was die Techowsche Kriegsgeschichte angeht so ist sie auch militärisch 
ungeheur flach, und stellenweise direkt falsch. Abgesehen von den tiefen 
Wahrheiten daß gegen die Gewalt nur die Gewalt hilft, von den ab- 
geschmackten Entdeckungen daß die Revolution nur dann siegen kann wenn 
sie allgemein ist (also wörtlich wenn sie gar keinen Widerstand findet, und 
dem Sinne nach, wenn sie eine Bourgeoisrevolution ist) abgesehn von der 
wohlmeinenden Absicht die fatale „innere Politik", die eigentliche Revolu- 
tion also, durch einen bis jetzt, trotz Cavaignac und Willich, noch nicht 
entdeckten Militärdiktator zu erdrücken, und abgesehn von dieser sehr 
bezeichnenden politischen Formulirung der Ansicht dieser Herren über die 
Revolution, ist müitärisch zu bemerken: 

1) Die eiserne Disciplin, die allein den Sieg verschaffen kann, ist genau 
die Kehrseite der „Vertagung derinnern Politik" und der Militärdiktatur. Wo 
soll diese Disziplin herkommen? Die Herren sollten doch in Baden und der 
Pfalz einige Erfahrungen gemacht haben. Es ist eine evidente Thatsache daß 
die Desorganisation der Armeen und die gänzliche Lösung der Disziplin 
sowohl Bedingung wie Resultat jeder bisher siegreichen Revolution 
war. Frankreich brauchte von 1789—92, um nur Eine Armee von 
c’ 60— 80000 Mann— die Dumouriezsche — wieder zu organisiren, und selbst 
die zerfiel wieder und es gab sozusagen keine organisirte Armee in Frank- 
reich bis Ende 93. Ungarn brauchte von März 1848 bis Mitte 1849, eh'es eine 
ordent||lich organisirte Armee hatte. Und wer brachte in der ersten franzö- 
sischen Revolution die Disziplin in die Armee? nicht die Generäle, die erst 
nach einigen Siegen in einer Revolution, bei improvisirten Armeen Einfluß 
und Autorität bekommen, sondern die terreur der innern Politik, der Civü- 
gewalt. 

Streitkräfte der Coalition. 1) Rußland. Die Annahme von 300000 M. 
Effektivtruppen, von denen 200000 unter Gewehr auf dem Kriegs- 
schauplatz, ist hoch. Passe encore. Aber in 2 Monaten können sie weder 
am Rhein (allenfalls die Avantgarde am Niederrhein, bei Köln) noch in 

Oberitalien sein. Um gleichzeitig agiren zu können, sich mit Preußen, 
Oestreich pp gehörig zu dislociren, gehn 3 Monate hin—eine russische Armee 
marschirt nicht über 2—21, deutsche Meilen den Tag und ruht jeden Dritten. 
Es dauerte fast 2 Monate, bis sie in Ungarn auf dem Kriegsschauplatz er- 
schienen. 

2) Preußen. Mobilisirung: mindestens 4-6 Wochen. Die Spekulationen auf 
Abfallen, Aufstände pp sehr riskirt. Kann im besten Falle doch 150000 M., 
im schlechtesten aber vielleicht nicht 50000 disponibel machen. Da mit V3 
und V4 zu rechnen, ist reiner Humbug, es kommt Alles auf Zufälligkeiten 
an. 

3) Oestreich. Ebenso chanceux, noch vertuckter. Wahrscheinlichkeits- 
rechnung à la Techow hier außer aller Möglichkeit. Im besten Fall stellt es, 
wie T. angibt, vielleicht 200000 M. gegen Frankreich, im schlechtesten 
kommt es nicht dazu einen Mann zu detachiren und kann den Franzosen 
vielleicht 100000 Mann höchstens bei Triest entgegenstellen. 

4) Bundesarmee — die bairische geht gewiß zu’J, gegen die Revolution, 
und hie und da auch noch ein Stück. Mit 3 Monat Zeit läßt sich allenfalls 
ein Corps von 30—50000 M. daraus bilden, und gegen Revol|lutionssoldaten 
sind sie im Anfang gut genug. 

5) Dänemarkstelltgleich40-50000M.guteSoldateninsFeldundwiel813 
werden die Schweden und auch die Norweger mitmüssen auf den großen 
Kreuzzug. T. denkt daran nicht, auch nicht an Belgien und Holland. 

Streitkräfte der Revolution. 1) Frankreich. Hat 430000M. unter den 
Waffen. Davon 100000 in Algier. 90000 nicht présens sous les armes — 7, 
des Rests. Bleiben 240000 — von denen in 4-6 Wochen, trotz der jetzt 
bedeutend vervollständigten Eisenbahnen, nicht über IOOOOOM. an der 
belgisch-deutschen, und 80 000 M. an der savoyisch-piemontesischen Gränze 
erscheinen können. Sardinien wird diesmal versuchen, wie Belgien 1848, den 
Fels im Meere zu spielen; ob daher das piemontesische Heer, ohnehin voll 
sardinischer bigotter Bauerjungen, — wenigstens in seiner jetzigen Gestalt 
— mit aristokratischen Offizieren — der Revolution so sicher ist als T. sich 
einbildet, ist sehr die Frage. Victor Emanuel hat sich Leopold zum Muster 
genommen, c'est dangereux. 

2) Preußen — ? 3) Oestreich — ?, d.h. was regelmäßige, organisirte Solda- 
ten angeht. Was Freischaaren angeht so werden sich ihrer Legion melden, 
natürlich zu nichts zu brauchen. Wenn in den ersten Monaten aus den 
abgefallnen Truppen 50—60000 brauchbare Soldaten zu machen sind so ist 
das viel. Wo sollen in so kurzer Zeit die Offiziere herkommen? 

Nach alledem ist es wahrscheinlicher, da gerade Das was Napoleon die 
rasche Formirung riesiger Armeen möglich machte, gute Cadres nämlich, in 
jeder Revolution nothwendig fehlen (selbst in Frankreich) daß die Revolu- 

tion, wenn sie im nächsten Jahre zu Stande kommt, vor der Hand entweder 
auf der Defensive bleiben oder sich auf hohle Proklamationen || von Paris 
aus und sehr ungenügende, blamable und schädliche Risquons-tout Ex- 
peditionen in größerem Maßstab beschränken muß. Es sei denn daß die 
Rheinfestungen im ersten Sturm Übergehn und daß das Piemontesische Heer 
dem Aufruf des Bürgers Techow folgt; oder daß die Desorganisation der 
preußischen und östreichischen Truppen sofort Beriin und Wien zu Centren 
erhält, und dadurch Rußland auf die Defensive versetzt; oder daß sonst 
Geschichten passiren die sich nicht vorhersehn lassen. Und darauf à la 
Techow zu spekuliren und wahrscheinlichkeitszurechnen ist müßig und 
willkührlich, wie ich das in meinen eignen Experimenten hinlänglich gesehn 
habe. Es läßt sich da bloß sagen daß von der Rheinprovinz enorm viel 

abhängt. |