Friedrich Engels an Karl Marx 
in London 
Manchester, um den 20. Juli 1851 

I Lieber Marx 

Inliegend die Dokumente zurück. Der Brief von Miquel gefallt mir. Der Kerl 
denkt wenigstens und würde gewiß sehr gut werden wenn er einige Zeit ins 
Ausland käme. Seine Befürchtungen wegen der nachtheiligen Einwirkung 
unsres jetzt publizierten Aktenstücks auf die Demokraten sind für seine 
Gegend gewiß sehr richtig; diese niedersächsische naturwüchsige Mittel- 
bauerndemokratie, der die Köln. Ztg neulich in den Arsch kroch und ihr die 
Allianz anbot, ist aber auch danach und steht weit unter der spießbürger- 
lichen Demokratie der größeren Städte, von der sie doch beherrscht wird. 
Und diese kleinbürgerliche Normaldemokratie, obwohl schwer pikirt offen- 
bar durch dies Aktenstück, ist selbst viel zu geklemmt und gedrückt als daß 
sie nicht, mit der großen Bourgeoisie, viel eher auf die Nothwendigkeit des 
passer par la mer rouge käme. Die Kerle werden sich mehr und mehr in die 
Nothwendigkeit einer momentanen terroristischen Herrschaft des Pro- 
letariats ergeben — das kann ja doch || nicht von langer Dauer sein, denn der 
positive Inhalt des Aktenstücks ist ja so unsinnig daß von permanenter 
Herrschaft solcher Leute und endlicher Durchführung solcher Prinzipien 
keine Rede sein kann! Dagegen der hannoversche große und Mittelbauer, 
der nichts hat als seinen Boden, dessen Haus, Hof, Scheune pp bei dem 
vorauszusehenden Ruin aller Assecuranzkompagnieen allen Gefahren aus- 
gesetzt sind, der ohnehin seit Ernst August alle Süßigkeiten des gesetzüchen 
Widerstands durchgekostet hat — dieser deutsche sturdy yeoman wird sich 
hüten eher als er muß ins rothe Meer zu gehn. 

Nach B[e]r[mbach]'s Brief wäre Haupt der Verräther — was ich nicht 
glauben kann. Die Geschichte müßte übrigens jedenfalls ergründet werden. 
Verdächtig kann allerdings scheinen daß soviel ich weiß, Hpt. noch auf freien 
Füßen ist. An eine Reise nach Hamburg von Göttingen oder Köln aus wird 
nicht zu denken sein. Was und wann man aus den Prozeßakten oder Ver- 
handlungen darüber für Aufklärung erhält, ist nicht zu sagen. S'il y atrahison, 
darf mans nicht vergessen und ein Exempel bei passender Gelegenheit wäre 
sehr gut. | 

I Ich hoffe Daniels wird bald freigelassen, après tout c'est la seule tête 
politique qu'il y ait dans Cologne, und er würde trotz aller polizeilichen 
Uberwachung doch im Stande sein die Geschichte im rechten Gleis zu er- 
halten. 

Um noch einmal auf den Effekt unsres Aktenstücks auf die Demokraten 
zurückzukommen: M. sollte doch bedenken daß wir die Herren fortwährend 
und ununterbrochen in Schriften verfolgt haben die mehr oder weniger doch 
Parteimanifeste waren. Woher also nun das Geschrei über ein Programm das 
blos das schon längst Gedruckte in sehr ruhiger und besonders ganz un- 

persönlicher Weise resumirt? Hatten uns unsre continentalen Jünger denn 
verläugnet, hatten sie sich tiefer als die Parteipolitik und Parteiehre zuließen, 
mit den Demokraten eingelassen? Wenn die Demokraten eben aus Gegen- 
satzlosigkeit so revolutionär schrieen, wer machte sie gegensatzlos, doch 
nicht wir, sondern höchstens die deutschen Kommunisten in Deutschland. 
Da scheint allerdings der Haken zu liegen. Jeder irgendwie intelligente 
Demokrat mußte von vorn herein wissen was er von unsrer Partei zu er- 
warten hatte — das Aktenstück konnte ihm nicht viel Neues bringen. Alliirten 
sie sich pro tempore mit den Kommunisten, so waren sie über Bedingungen 
und Dauer der Allianz vollständig instruirt, und es kann bloß hannoverschen 

Mittel] |bauern und Advokaten eingefallen sein zu glauben die Kommunisten 
hätten sich seit 1850 von den Prinzipien und der Politik der N Rh. Zeitung bekehrt. 
Waldeck und Jacoby haben sich das gewiß nie träumen lassen. In jedem Fall 
werden alle derartigen Veröffentlichungen auf die Dauer weder gegen „die 
Natur der Dinge" noch gegen „den Begriff des Verhältnisses", um mit Stirner 

zu sprechen, etwas ausrichten und die demokratische Schreierei und Wühl- 

huberei wird bald wieder in voller Blüthe stehn und mit den Kommunisten 
Hand in Hand gehn. Und daß uns die Kerle den lendemain der Bewegung 
doch schlechte Streiche spielen werden wissen wir längst und wird durch 
keine Diplomatie verhindert. 

Dagegen daß sich überall, wie ich voraussetzte, kleine communistische 
Kliquen auf Grundlage des Manifests bilden, hat mich sehr gefreut. Das 
fehlte uns grade, bei der Schwachheit des bisherigen Generalstabs. Die 
Soldaten finden sich von selbst, wenn die Verhältnisse soweit sind, aber die 
Aussicht auf einen Generalstab der nicht aus Straubingerelementen besteht 

und größere Auswahl zuläßt als derbisherige von25 Mann, die irgend welche 
Bildung besitzen, ist sehr angenehm. Gut wäre eine allgemeine Empfehlung, 
überall unter den Commis Propaganda zu machen. Für den Fall daß man eine 
Verwaltung organisiren müßte, sind die Kerls unentbehrlich — sie sind ans 
Schanzen und an übersichtliche Buchführung gewöhnt, und der |/Commerce 
ist die einzige praktische Schule für brauchbare Büreauschreiber. Unsre 

Juristen pp taugen dazu nicht. Commis für die Buchführung und Comp- 

tabilität, //talentvolle Studirte für Redaction von Depeschen, Briefen, Akten- 
stücken voila ce qu'il faut. Mit 6 Commis organisir' ich einen Verwaltungs- 
zweig 1000 mal //einfacher, tibersichtlicher und praktischer als mit 60 Re- 
gierungsräthen und Cameralisten. Diese letzteren können ja nicht einmal 
leserlich schreiben, und versauen Einem alle Bücher, sodaß kein Teufel 
draus klug wird. Da man doch mehr und mehr //gezwungen wird auf diese 
Eventualität sich einzurichten so war die Sache nicht ohne Wichtigkeit. 
Ohnehin sind diese Commis an anhaltende mechanische Thätigkeit gewöhnt, 
weniger anspruchsvoll, leichter vom Bummeln abzubekommen, und bei 
Unbrauchbarkeit leichter zu beseitigen. / 

/Der Brief nach Köln ist fort — sehr schön besorgt; wenn der nicht richtig 
ankommt, weiß ichs nicht. Sonst ist die Adresse von Schulz nicht sehr 
empfehlenswert!! — Ex-Cogerant!/