Friedrich Engels an Karl Marx
in London
Manchester, 17. Dezember 1850

Lieber Marx.

Ich bin die letzte Zeit ausnahmsweise sehr beschäftigt gewesen und habe
andre Störungen gehabt die mich aus meinem gewöhnlichen Lebenssystem
herausrissen, und mich am Schreiben verhinderten. Daher meine späte
Antwort.

Das Manifest Fanon Caperon Goûté ist wirklich ein Meisterstück nach
Inhalt und Form. Die Cränerie hat ihren vollendeten Ausdruck erreicht, und
Monsieur Barthélémy hat der Welt endlich einmal ein Exempel davon
gegeben ce que c'est que de parler carrément. Die militärische Aufstellung des
homme de marbre ist eben so heiter; der bonhomme hat die meisten Corps
der östreichischen Armee zweimal gezählt wie die oberflächlichste reference
zu den Zeitungen beweist. Übrigens geht die Unverschämtheit doch zu weit,
nach all den Blamagen seit 48 und bei der gegenwärtigen gemüthlichen
Stimmung aller Nationen, obenan der crapauds, von einer marée populaire
zu sprechen qui menace d'engloutir des trönes. Die Versammlung von
Namen die drunter steht ist freilich die schönste feature des ganzen. Solch
ein europäischer Kongreß ist noch nie gesehn worden. Ledru-R[ollin]
Mazz[ini] & Co erhalten ordentlich eine gewisse Wichtigkeit durch diese
Kinderei. Übrigens möchte ich wissen worin sich der Waschlappen Sa-
waszkiewicz, der drunter steht, von dem Polacken des Ledru, Darasz,
unterscheidet, und in wie fern die beiden Ungarn, die darunter stehn, dem
Mazzini vorzuziehen sind. Schapper und Rüge stehn sich freilich ziemlich
gleich, und falls nicht Kakerlak Dietz ein schweres Gewicht zu Gunsten des
neuen europäischen Comités in die Wagschale legt, so werden die Herren
die Konkurrenz mit ihrem Original schwerlich bestehen können.

Neulich war ich bei John Watts, der Kerl scheint gut zu mogeln, er hat
jetzt einen viel größeren Shop in Deansgate, etwas höher hinauf. Er ist
vollständiger radikaler Spießbürger geworden, kümmert sich um nichts als
das educational movement, schwärmt für moral force und hat Herrn
Proudhon zu seinem Herrn und Meister acceptirt. Er hat die Contradictions
économiques und andres Zeug übersetzt und viel Geld daran verloren, da
die englischen Arbeiter noch nicht „Erziehung" genug haben um diese fa-
mosen Sachen zu verstehn. Er erzählte mir verschiedne Exempel aus denen
hervorgeht daß er sehr gut versteht seinen Schneidercommerce vermittelst
Affichirung seines bürgerlichen Liberalismus zu poussiren. In den Educa-
tional committees sitzt er mit seinen ehemaligen wüthenden Gegnern, den
Dissenterpfaffen, brüderlich zusammen und läßt sich von Zeit zu Zeit
Dankvoten von ihnen geben for the very able address he delivered on that
evening. Der Kerl scheint mir in dieser Metamorphose allen Witz verloren
zu haben; ich bin seitdem noch nicht wieder bei ihm gewesen. Für Leute die
derartige Wandlungen in die bürgerliche Solidität durchmachen, ist natürlich
Proudhon hier zu Lande ein gefunden Fressen; scheinbar am weitsten
gehend, weiter als Owen, ist er doch fully respectable.

Ich habe nichts dagegen, über Hrn Mazzini und die italienische Geschichte
zu schreiben. Mir fehlen nur — außer dem Ding im Red, alle Mazzinischen
Schriften. Vor Weihnacht komme ich indeß doch zu Nichts, da ich in 8 Tagen
doch in London bin. Ich werde mir dann das Nöthige mitnehmen. Vielleicht
fällt uns bis dahin auch sonst noch was ein.

Deiner Frau meinen besten Dank für ihre freundlichen Zeilen. Mit dem
Cotton-lord ists so arg nicht, mein Herr Alter scheint gar nicht so geneigt
zu sein mich länger hier zu halten als absolut nöthig ist. Cependant nous
verrons. Peter Ermen läuft hier herum wie ein Fuchs dem sein Schwanz im
Eisen hangen geblieben ist und sucht mich fortzuchikaniren — der dumme
Teufel glaubt er könnte mich ärgern!

An Dronke ist geschrieben.

Grüß Deine Frau und Kinder.

Dein
F.E.
Manchester, 17. Dez. 50.