Friedrich Engels an Karl Marx 
in Köln 
Bern, 7.-8. Januar 1849 

1 Lieber Marx 
Nachdem ich mich jetzt während mehrerer Wochen sündhaften Lebens- 
wandels von meinen Strapazen und Avantiiren erholt habe, fühle ich erstens 
das Bedürfniß wieder zu arbeiten (wovon der beiliegende magyaroslawische 
Artikel ein schlagender Beweis) und zweitens das Bedürfniß nach Geld. 
Letzteres ist das Dringendste, und wenn Ihr bei Ankunft Dieses mir noch 
nichts geschickt haben solltet so thut es doch gleich, denn ich bin seit 
mehreren Tagen sans le sou und Pump ist in dieser lausigen Stadt keiner. 

Wenn in dieser lausigen Schweiz nur irgend etwas vorfiele um drüber 
schreiben zu können. Aber lauter Lokaldreck der lausigsten Art. Ein paar 
allgemeine Artikel drüber schick ich indeß bald. Wenn ich noch lang im 
Ausland bleiben muß so geh ich nach Lugano besonders wenn in Italien etwas 
losgeht wie es den Anschein hat. 

Aber ich denke immer ich kann bald zurück. Dies faule Hocken im Ausland 
wo man doch nichts Ordentliches thun kann und ganz außer der Bewegung 
steht ist scheußlich unerträglich. Ich komme bald zu der Einsicht daß es 
selbst im Untersuchungsarrest in Köln besser ist als in der freien Schweiz. 
Schreib mir doch ob denn gar keine Chance vorhanden daß ich ebenso 
günstig behandelt werd wie Bürgers, Becker pp. 

Raveaux hat Recht: selbst in dem oktroyirten Preußen ist man freier als 
in der freien Schweiz. Jeder Spießbürger ist hier zugleich Mouchard und 
Assommeur. Davon hab ich in der Neujahrsnacht ein Exempel gesehn. 

Wer Teufel hat neulich den langweiligen sittlichreligiösen Artikel aus 
Heidelberg über den Märzverein in die Zeitung gesetzt? Daß Henricus von 
Zeit zu Zeit einen Artikel aushaucht hab ich ebenfalls mit Vergnügen be- 
merkt, an dem Seufzer über das Ladenbergsche Cirkular der sich durch 
2 Nummern hinzieht. 

Unsre Zeitung wird jetzt in der Schweiz sehr häufig zitirt, die Berner Ztg 
nimmt viel und die National] Ztg, und dann geht das die Runde durch alle 
Blätter. Auch in den schweizer französischen Blättern wird sie, nach dem 
National pp. viel citirt, mehr als die Kölnische. 

Die Annonce werdet Ihr aufgenommen haben. Beiliegend ein Abdruck der 
unsrigen in der Berner Ztg. Grüß die ganze Gesellschaft. 
Dein E. 
Bern 7. Jan. 49. 

Gestern zu spät zur Post. Heute also noch die Bemerkung, daß die N. Rh. Z. 
seit dem 1. Januar hier nicht mehr eingetroffen ist. Sieh doch nach ob sie 
regelmäßig abgeschickt. Ich hab mich erkundigt, mit dem Abonniren ists 
nichts, ich müßte auf 7, Jahr abonniren, so lang bleib ich nicht und hab auch 
kein Geld. Wie gesagt es ist wichtig daß sie herkommt, nicht bloß meinet- 
wegen sondern auch hauptsächlich weil die uns günstige, von einem 
Kommunisten redigierte Berner Ztg alles thut um sie hier en vogue zu 
bringen. | 

I An die Redaktion der Neuen Rheinischen 
Zeitung 
Kölna/Rh\