Friedrich Engels an Marie Engels
in Mannheim
Barmen, Anfang Mai 1841

|Liebe Marie!

Gestern Abend begann ich einen Brief an Dich, kam aber nicht über die
dritte Zeile hinaus und das schnitt die Anna ab, um dieses Papier noch zu
benutzen. Deine beiden Briefe hab ich bekommen, auch den Bremer, der
eine schöne Reise gemacht hat. Im Übrigen gehts hier ziemlich trocken,
wenn nicht etwa dann und wann ein Abendessen, mit etwas Maitrank, ein
Biercommers, eine Kneiperei oder Regenwetter in Bänken ist. Das Beste an
der ganzen Wirthschaft ist daß ich den ganzen Tag rauche, was unbezweifelt
ein hoher unbezahlbarer Genuß ist. Von Bremen hab ich mit meiner Kiste
noch einige sehr hübsche Arbeiten bekommen, ein Cigarrenkörbchen,
Aschenbecher, Pfeifentroddel etc. Der Vater ist nach Engelskirchen, ich
sitze in seinem Schläfer mit der langen Pfeife auf seinem Bock und dampfe
ein Erkleckliches. In acht bis zehn Tagen werden wir wohl nach Mailand
abreisen, wobei uns nur gutes Wetter zu wünschen ist. Heut regnets wieder
toll drauf los. Ich bin begierig, wie Du Dich in Mannheim entwickelt haben
wirst, ob Du noch dasselbe magre, alberne Küken von ehemals bist oder
Dir neue Tollheiten zugelegt hast. Die Anna hat auch zuweilen so einen
tollen Strich und ergeht sich dann in Albernheiten, ihr drittes Wort ist:
„Og, Drikes!" Der Hermann entwickelt || glänzen[de] [Ajnlage zum Hypo-
chonder, kann oft tagelang mit dem gleichgültigsten Gesicht von der Welt
dasitzen, das Maul hangen lassen und kein Wort sprechen. Krigt er dann
plötzlich den Rappel, so weiß er sich vor Tollheit nicht zu lassen. Der Emil
ist noch immer groß in Mißverständnissen. Hedwig entwickelt, etwas Eigen-
sinn ausgenommen, sehr wenig Charakter. Rudolf ist ein Kerl wie der
Hermann war, er daselt den halben Tag in Träumen herum und die übrige
Zeit macht er dumme Streiche. Sein größtes Plaisir ist, wenn ich ihm ein
Rappier gebe und es ihm aus der Faust schlage. Die kleine Elise wird
sich bedeutend machen, jetzt aber ist sie noch unbedeutend. Sie zeigt
Keime von Liebenswürdigkeit und. sticht Euch am Ende alle aus. Und
Ich? ich würde vielleicht interessant aussehen, hätte ich statt meines jetzi-

Engels an Marie Engels - Anfang Mai 1841

gen jungen Schnurrbarts noch meinen alten Bremer und meinen langen
Haarwuchs.
Jetzt hast Du für heut genug, ich schreib Dir von Mailand aus, wenn wir
dort Regenwetter haben sollten.
Dein
Friedrich