Karl Marx an Friedrich Engels 

in Manchester 
London, Montag, 31. Juli 1865 

131 Juli. 1865. 
Lieber Engels, 

Mein verlängertes Schweigen kam, wie Du vielleicht geahnt hast, nicht 
aus den angenehmsten Gründen her. 

5 Ich bin schon seit zwei Monaten rein auf das Pfandhaus lebend u. also 
mit gehäuften u. täglich unerträglicher werdenden Sturmforderungen auf 
mich. Dieß fact kann Dich nicht Wunder nehmen, wenn Du erwägst, 
l)daß ich während der ganzen Zeit keinen farthing verdienen konnte, 
2)daß das blosse Abzahlen der Schulden u. die Einrichtung des Hauses 

10 mich an 500£ kostete. Ich habe darüber pence für pence (as to this item) 
Buch geführt, weil es mir selbst fabelhaft war, wie das Geld verschwand. 
Es kam hinzu, daß aus Deutschland, wo man verbreitet hatte Gott weiß 
was, alle möglichen antediluvianischen Forderungen gemacht wurden. 

Ich wollte im Anfang zu Dir kommen, um die Sache persönlich zu 

15 besprechen. Aber in diesem Augenblick ist jeder Zeitverlust für mich 
unersetzlich, da ich meine Arbeit nicht gut unterbrechen kann. Ich habe 
letzten Samstag dem subcomité der „International" meine Abreise er- 
klärt, um wenigstens einmal 14 Tage ganz frei u. ungestört zum pushing 
on der Arbeit zu haben. 

20 Ich versichre Dir, ich hätte mir lieber den Daumen abhauen lassen, als 
diesen Brief an Dich zu schreiben. Es ist wahrhaft niederschmetternd sein 
halbes Leben abhängig zu bleiben. Der einzige Gedanke, der mich dabei 
aufrecht hält, ist der, daß wir zwei ein Compagniegeschäft treiben, wo ich 
meine Zeit für den theoretischen u. Parteitheil des business gebe. || Ich 

25 wohne allerdings zu theuer für meine Verhältnisse u. ausserdem haben 
wir dieß Jahr besser gelebt als sonst. Aber es ist das einzige Mittel, damit 
die Kinder, abgesehn v. dem Vielen, was sie gelitten hatten u. wofür sie 
wenigstens kurze Zeit entschädigt wurden, Beziehungen u. Verhältnisse 
eingehn können, die ihnen eine Zukunft sichern können. Ich glaube, Du 

30 selbst wirst der Ansicht sein, daß selbst blos kaufmännisch betrachtet, 
eine reine Proletariereinrichtung hier unpassend wäre, die ganz gut ginge, 
wenn meine Frau u. ich allein, od. wenn die Mädchen Jungen wären. 

509 

Was nun meine Arbeit betrifft, so will ich Dir darüber reinen Wein 
einschenken. Es sind noch 3 Capitel zu schreiben, um den theoretischen 
Theil (die 3 ersten Bücher) fertig zu machen. Dann ist noch das 4. Buch, 35 
das historisch-litterarische zu schreiben, was mir relativ der leichteste 
Theil ist, da alle Fragen in den 3 ersten Büchern gelöst sind, dieß letzte 
also mehr Repetition in historischer Form ist. Ich kann mich aber nicht 
entschliessen irgend etwas wegzuschicken, bevor das Ganze vor mir liegt. 
Whatever shortcomings they may have, das ist der Vorzug meiner Schrif- 40 
ten, daß sie ein artistisches Ganzes sind, u. das ist nur erreichbar mit 
meiner Weise sie nie drucken zu lassen, bevor sie ganz vor mir liegen. Mit 
der Jacob Grimmschen Methode ist dieß unmöglich u. geht überhaupt 
besser für Schriften, die kein dialektisch Gegliedertes sind. 

Dagegen wird es sich anders mit der englischen Bearbeitung machen. 45 
Fox hat keinen Zweifel, daß er mir einen Buchhändler verschaffen kann, 
sobald ich die ersten Druckbogen zurück habe. Ich || würde dann mit 
Meißner abmachen, daß er ausser den Correcturbogen mir v. jedem Bo- 
gen den Reinabzug schickt, so daß die Correctur des Deutschen u. die 
Uebersetzung ins Englische Hand in Hand gingen. Bei dem letztern muß 50 
ich allerdings auf Deine Mitwirkung rechnen. Ich erwarte v. der engli- 
schen Ausgabe die eigentliche Zahlung dieser Arbeit. 

Was die „International" angeht, so verhält es sich damit so: 

Ich übermachte Cremer die £5 zum Aktienkauf im Beehive. Da aber 
Cremer, Odger etc. damals nach Manchester gingen, fiel die Sache ins 55 
Wasser, u. Potter had the better of it. Sie beschlossen die Sache zu ver- 
tagen bis zur nächsten Aktionärversammlung, (der eigentlich jährlichen). 
Ich glaube aber nicht, daß etwas aus der Sache wird. Erstens weil in- 
zwischen der Krakehl zwischen Odger u. Potter zum Öffentlichen Skan- 
dal geworden. Zweitens, weil der „Miner, and Workingmen's Advocate" 60 
sich uns angeboten hat. (A Propos. In einer kürzlichen Zusammenkunft 
mit dem „Miner" verpflichteten wir uns, ihm Gratiscorrespondenzen zu 
schaffen. Wenn Du also Zeit hast, um hie u. da einen kleinen Artikel über 
Foreign Politics (Preussische etc) zu schreiben, so schick es mir zur 
Besorgung an das Blatt.) 65 

Gemäß unsern Statuten sollte in diesem Jahr ein öffentlicher Congress 
in Brüssel gehalten werden. Die Pariser, Schweitzer, u. auch ein Theil der 
Hiesigen, drangen mit Mord u. Brand darauf. Ich seh, unter den jetzigen 
Umständen - namentlich auch bei meinem Zeitmangel, für den Central 
Council die nöthigen Papiere zu schreiben - nur Blamage dabei. Es ist 70 
mir, trotz vielen Widerstrebens v. andrer Seite, gelungen, den öffentlichen 
Congress in Brüssel zu verwandeln in a private préalable Conference zu 
London (25 Sept.), wohin nur delegates of the administrative committees 

510 

Marx an Engels, 31. Juli 1865 (Erste Seite) 

282. Marx an Engels « 31. Juli 1865 

kommen werden u. wo der künftige Congress || vorbereitet werden soll. 
75 Als öffentliche Gründe der Vertagung des Congresses angegeben: 
1) Die Nothwendigkeit eines préalable understanding zwischen den 
executive committees; 
2) Die Hindernisse in der Propaganda der Gesellschaft durch die 
strikes in France, die Wahlen, Reformmovement u. Workingmen's exhi- 
80 bitions in England. 
3) Die alien bill, recently passed in Belgium, was Brüssel unmöglich 
mache als Rendezvous eines Intern. Work. Congress. 
Ich sehe den Soc. Dem. nicht mehr, da ihn auch der Arbeiterverein 
abgeschafft hat. Den Nordstern halte ich auch nicht mehr, sehe ihn aber 
85 v. Zeit zu Zeit im Verein. Die rhein. Gemeinden waren danach der 
Hauptsache nach abgefallen v. Bernhard. 
Edgar ist grade in den jetzigen Umständen ein sehr kostspieliger Gast 
für uns u. scheint durchaus nicht geneigt to decamp. 
In Folge des heissen Wetters u. der damit verbundnen Gallenzustände, 
90 habe ich seit 3Monaten wieder fast tägliches Erbrechen, wie früher in 
Brüssel. 
Salut 
D 
KMI 

513 

283