Friedrich Engels an Friedrich Albert Lange 
in Duisburg 
Manchester, Mittwoch, 29. März 1865 

1 7 South Gate, Manchester, 
29 März 65. 
Sehr Geehrter Herr 

Ich habe Sie sehr um Entschuldigung zu bitten daß ich Ihre freundlichen 

5 Zeilen vom 2/4 c. so lange habe unbeantwortet liegenlassen. Wollen Sie 
mich nur nicht ungehört verurtheilen. Nämlich in den ersten Tagen war 
ich theils durch gehäufte laufende Geschäfte sehr in Anspruch genom- 
men, theils aber auch durch die viele dringende Correspondenz, die Ei- 
nem immer entsteht, wenn man nach langem otium cum (vel sine) dig- 

10 nitate auf einmal wieder vors Publikum tritt, und dabei solche heitre 
Abenteuer erlebt, wie wir mit dem Sozialdemokrätchen. Dazu kam ein 
Wohnungswechsel, der meine Papiere momentan in einige Unordnung 
brachte & wobei Ihr Brief verlegt wurde; ich fand ihn erst vorgestern 
wieder & beeile mich nun Ihnen zu antworten. 

15 Für Ihr freundliches Anerbieten Marx & mir Ihre „Sphinx" & sonstige 
Publikationen zuschicken zu wollen, bin ich Ihnen sehr dankbar. Mein 
hiesiger Buchhändler ist Herr Franz Thimm, Manchester, durch dessen 
Vermittlung Sie mir Alles zukommen lassen können. Der Buchhändler- 
weg nimmt bis hierher in der Regel 3-4 Wochen in Anspruch; wenn Sie 

20 mir wenigstens die ersten N°’ unter einfachem offnem Papierband per 
Post zukommen lassen wollen (es kostet nicht viel) werde ich Ihnen ver- 
bunden sein & Ihnen die Kosten mit Vergnügen erstatten. Sendungen für 
Marx wollen Sie mir nur hieher machen, er erhält sie innerhalb 12 Stun- 
den nach Ankunft. Wie Sie selbst mit Recht einsehen, würde es mir un- 

25 möglich sein Ihnen schon jetzt wegen späterer etwaiger || Mitarbeiter- 
schaft irgend welche Zusagen zu machen; lassen wir das zunächst noch 
eine offene Frage, obwohl wir bei Ihnen jedenfalls nicht riskiren würden, 
in den Verdacht zu gerathen, als wollten wir von England aus irgend 
einen Theil des Proletariats in Deutschland regieren. 

30 Inzwischen hat mir die unfreiwillige Verschleppung meiner Antwort 
Gelegenheit verschafft Ihre Schrift über die Arbeiterfrage zu erhalten; ich 
habe sie mit vielem Interesse gelesen. Auch mir fiel gleich bei der ersten 

Leetiire Darwin's die frappante Ahnlichkeit seiner Darstellung des Pflan- 
zen- & Thierlebens mit der Malthusschen Theorie auf. Nur schloß ich 
anders als Sie, nämlich: daß dies die höchste Blamage für die moderne 35 
bürgerliche Entwicklung sei, daß sie es noch nicht über die ökonomi- 
schen Formen des Thierreichs hinaus gebracht habe. Für uns sind die 
sogenannten „ökonomischen Gesetze" keine ewigen Naturgesetze, son- 
dern historische, entstehende & verschwindende Gesetze, & der Codex 
der modernen politischen Oekonomie, soweit die Oekonomen ihn richtig 40 
objectiv aufgestellt, ist uns nur die Zusammenfassung der Gesetze & Be- 
dingungen, unter denen die moderne bürgerliche Gesellschaft allein be- 
stehen kann; mit einem Wort: ihre Productions- & Verkehrsbedingungen 
abstract ausgedrückt und resümirt. Für uns ist daher auch keins dieser 
Gesetze, soweit es rein bürgerliche Verhältnisse ausdrückt, älter als die 45 
moderne bürgerliche Gesellschaft; diejenigen, die mehr oder weniger für 
alle bisherige Geschichte Gültigkeit hatten, drücken eben nur solche Ver- 
hältnisse aus, die allen auf Klassenherrschaft & Klassen Ausbeutung be- 
ruhenden Gesellschaftszuständen gemeinsam sind. Zu den ersteren ge- 
hört das s. g. Ricardosche Gesetz, das weder für die Leibeigenschaft noch 50 
die antike Sclaverei Gültigkeit hat; zu den letzteren dasjenige was an der 
s.g. Malthusschen Theorie Haltbares ist. | 

j Der Pfaffe Malthus hat diese Theorie wie alle seine andern Gedanken, 
direct seinen Vorgängern abgestohlen; ihm gehört davon Nichts als die 
reine willkührliche Anwendung der beiden Progressionen. Die Theorie 55 
selbst ist in England von den Oekonomen längst auf ein rationelleres 
Maß reduzirt: die Bevölkerung drückt auf die Mittel - nicht der Subsi- 
stenz, sondern - der Beschäftigung; die Menschheit könnte sich rascher 
vermehren als die moderne bürgerliche Gesellschaft vertragen kann. Für 
uns ein neuer Grund, diese bürgerl. Gesellschaft für eine Schranke der 60 
Entwicklung zu erklären, die fallen muß. 

Sie selbst stellen die Frage auf, wie Bevölkerungszunahme & Zunahme 
der Subsistenzmittel in Einklang zu bringen; ich finde aber, außer einem 
Satz der Vorrede, keinen Versuch der Lösung. Wir gehen davon aus, daß 
dieselben Kräfte, welche die moderne bürgerl. Gesellschaft geschaffen - 65 
die Dampfmaschinen, die industrielle Maschinerie, die Kolonisation in 
Masse, die Eisenbahnen & Dampfschiffe, der Welthandel - & die jetzt 
bereits durch die permanenten Handels Krisen an ihrer Zerrüttung & 
schließlich Vernichtung arbeiten - daß diese Productions & Verkehrsmit- 
tel auch hinreichend sein werden, in kurzer Zeit das Verhältniß umzu- 70 
kehren & die Productionskraft jedes Einzelnen so zu steigern daß er eben 
für die Consumtion von 2, 3, 4, 5, 6 Individuen producirt; daß von der 
städtischen Industrie Leute genug entbehrlich werden um dem Ackerbau 

203. Engels an Friedrich Albert Lange + 29. März 1865 

ganz andre Kräfte wie bisher zuzuwenden; daß die Wissenschaft auch auf 
75 den Akkerbau endlich im Großen & mit derselben Konsequenz ange- 

wandt werde wie auf die Industrie; daß die Ausbeutung der, für uns, 

unerschöpflichen, von der Natur selbst gedüngten Gebiete Südosteuro- 

pa's & West-Amerikas auf einem ganz anders großartigen Maßstab be- 

trieben werde wie bisher. Sind diese Gebiete erst alle umgepflügt, & es 
80 tritt dann Mangel ein, wird es Zeit sein caveant consules zu sagen. 

Es wird zu wenig producirt, daran liegt die ganze Sache. Aber weshalb 
wird zu wenig producirt? Nicht weil die Grenze der Production - selbst 
für heute & mit heutigen Mitteln - erschöpft wäre. Nein, sondern des- 
halb, weil die Grenze der Production bestimmt wird, nicht durch die 

85 Anzahl der hungrigen Mägen, vielmehr durch die Anzahl der kaufenden 
zahlungsfähigen Geldbeutel. Die bürgerliche Gesellschaft will nicht, kann 
nicht wollen mehr produciren. Die geldlosen Mägen, die Arbeit die nicht 
mit Profit verwandt werden kann, die also nicht kaufen kann - die ver- 
fallen der Sterblichkeitsziffer. Lassen Sie durch einen plötzlichen indu- 

90 striellen Aufschwung, wie sie fortwährend vorkommen, diese Arbeit mit 
Profit verwendbar werden, so bekommt sie Geld zum Kaufen & die Sub- 
sistenzmittel haben sich noch immer gefunden. Es ist der ewige circulus 
vitiosus in dem sich die ganze Oekonomie herumdreht. Man supponirt 
die Gesammtheit der bürgerlichen Zustände & beweist dann daß jeder 

95 einzelne Theil ein nothwendiger Theil davon ist - ergo, ein „ewiges Ge- 
setz". 

Sehr amüsirt hat mich Ihre Schilderung der Schulzeschen Genossen- 
schaften. Alles das ist in seiner Art auch hier dagewesen, jetzt indeß doch 
ziemlich vorbei. Den Leuten in Deutschland muß der Proletarierstolz 

100 noch kommen. 

Unerwähnt kann ich eine Bemerkung über den alten Hegel nicht las- 
sen, dem Sie die tiefere mathematisch-naturwissenschaftliche Bildung ab- 
sprechen. Hegel wußte so viel Mathematik, daß keiner seiner Schüler im 
Stande war die zahlreichen mathematischen Manuscripte in seinem 

105 Nachlaß herauszugeben. Der einzige Mann der meines Wissens Mathe- 
matik & Philosophie genug versteht um dies zu können, ist Marx. Den 
Unsinn im Detail der Naturphilosophie gebe ich Ihnen natürlich gern zu, 
indeß steht seine wahre Naturphilosophie im zweiten Theil der Logik, in 
der Lehre vom Wesen, dem eigentlichen Kern der ganzen Doktrin. Die 

110 moderne naturwissenschaftliche Lehre von der Wechselwirkung der Na- 
turkräfte (Grove, Correlation of forces zuerst, 1838 glaub' ich) ist aber 
doch nur ein andrer Ausdruck oder vielmehr der positive Beweis der 
Hegeischen Entwicklung über Ursache & Wirkung, Wechselwirkung, 

Kraft usw. Ich bin natürlich kein Hegelianer mehr, habe aber doch im- 
mer noch eine große Pietät & Anhänglichkeit an den alten kolossalen 115 
Kerl. 
Hochachtungsvoll 
Friedrich Engels. |