Friedrich Engels an Karl Marx 
in London 
Manchester, Sonntag, 4. September 1864 

I Manchester 86 Mornington Str 

Stockp. Road, 4 Sept 64. 
Lieber Mohr 

Dein Telegramm kam gestern an, noch ehe ich Deinen Brief erbrochen 
hatte, da mich allerlei Geschäfte gleich in Anspruch genommen. Du 5 
kannst Dir denken, wie mich die Nachricht überraschte. Lassalle mag 
sonst gewesen sein, persönlich, literarisch, wissenschaftlich, was er war, 
aber politisch war er sicher einer der bedeutendsten Kerle in Deutsch- 
land. Er war für uns gegenwärtig ein sehr unsichrer Freund, zukünftig ein 
ziemlich sichrer Feind, aber einerlei, es trifft Einen doch hart wenn man 10 
sieht wie Deutschland alle einigermaßen tüchtigen Leute der extremen 
Partei kaput macht. Welcher Jubel wird unter den Fabrikanten & unter 
den Fortschrittsschweinhunden herrschen, L. war doch der einzige Kerl 

in Deutschland selbst, vor dem sie Angst hatten. 

Aber was ist das für eine sonderbare Art ums Leben zu kommen. Sich 15 
in eine bairische Gesandtentochter ernstlich zu verlieben - dieser would- 
be Don Juan - sie heirathen wollen, in Collision kommen mit einem 
abgedankten Nebenbuhler der noch dazu ein walachischer Schwindler 
ist, & sich von ihm todtschießen zu lassen. Das konnte nur dem L. pas- 
siren bei dem sonderbaren Gemisch von Frivolität & Sentimentalität, 20 
Judenthum und Chevalereskthuerei, das ihm ganz allein eigen war. Wie 
kann ein politischer Mann wie er sich mit einem walachischen Abenteu- 
rer schießen! 

Wie rasch übrigens die Nachricht reiste, siehst Du daraus daß sein Tod 
bereits Donnerstag Abend in der Kölnischen Zeitung stand, die gestern 25 
Mittag - 2 Stunden nach Deinem Telegramm - hier ankam; 

Was hältst Du von den Dingen in Amerika? Lee || benutzt sein ver- 
schanztes Lager von Richmond ganz meisterhaft; kein Wunder, es ist ja 
schon die dritte Campagne die sich darum dreht. Er hält Grants Massen 
mit verhältnißmäßig wenigen Truppen fest & benutzt den größten Theil 30 
seiner Leute offensiv in Westvirginien & zur Bedrohung von Washington 
& Pennsylvanien. Ausgezeichnetes Muster zum Studium für die Preußen, 

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die daraus bis ins Detail lernen können wie man einen Feldzug um das 
verschanzte Lager von Koblenz führen muß, die aber natürlich viel zu 

35 hochmüthig sind etwas von diesen improvisirten Generalen zu lernen. 
Grant - vor 6 Jahren ein wegen Trunk aus der Armee entlassener Lieu- 
tenant, später versoffner Ingenieur in S' Louis - hat viel unity of purpose, 
& große Verachtung gegen das Leben seines Kanonenfutters, scheint 
auch als kleiner Strategiker (d.h. für Bewegungen von heute auf morgen) 

40 viel Ressourcen zu haben, aber ich suche vergebens nach Zeichen daß er 
Überblick genug hat um die Campagne als Ganzes zu über sehn. Die 
Campagne gegen Richmond scheint mir am Scheitern zu sein, die Unge- 
duld mit der Gr. bald hier, bald dort angreift, aber an keinem Punkt 
nachhaltig mit Sappe & Mine vorgeht, ist ein schlechtes Zeichen. Das 

45 Ingenieurwesen scheint bei den Yankees überhaupt schlecht bestellt zu 
sein, dazu gehört, außer den theoretischen Kenntnissen, auch eine Tra- 
ditionelle Praxis, die nicht so leicht improvisirt wird. - Ob Sherman mit 
Atlanta fertig wird, ist fraglich, doch hat er, glaub’ ich, bessere Chancen. 
Die Guerillas & Cavaleriestreifereien in seinem Rücken werden ihm 

50 schwerlich viel schaden. Der Fall Atlantas wäre sehr hart für den Süden, 
Rome fiele gleich mit, & da sind ihre Kanonengießereien &c, dazu ginge 
die Eisenbahnverbindung zwischen Alabama & Süd Carolina verloren. - 
Farragut bleibt sich gleich. Der Kerl weiß was er thut. Aber ob Mobile 
selbst'fallen wird, ist sehr fraglich. Die Stadt ist sehr stark befestigt, || & 

55 kann, soviel ich weiß, nur von der Landseite her genommen werden, da 
tiefgehende Schiffe nicht nahe genug heran kommen können. Aber welch 
ein Blödsinn ist diese Zersplitterung der Angriffskräfte an der Küste, wo 
Charleston & Mobile gleichzeitig angegriffen werden, statt eins nach dem 
andern, aber jedesmal mit allen Kräften. 

60 Auf den Friedenskohl, der sich jetzt so breit macht, geb’ ich nicht viel. 
Selbst nicht auf die vorgeblichen directen Unterhandlungen Lincolns. 
Das halte ich alles für Wahlmanöver. Wie die Sache bis jetzt steht, scheint 
mir Lincolns Wiederwahl ziemlich gewiß. 

Meine Mutter ist in Ostende & reist Samstag wieder nach Hause, in 

65 Folge welcher Nachricht ich meine Reisepläne geändert habe & Donners- 
tag Abend nach Ostende reise. Ich fürchte, ich komme erst mit dem 
Nachtzug nach London, der vor 6 Uhr Morgens dort ankommt. Ist es 
mir aber möglich, so reise ich um 4.15, so daß ich 9.15 an Euston Station 
bin, & entweder nach Dover durchfahre (s'il y a moyen) oder in dem 

70 Hotel an London Bridge Station schlafe. In diesem letzten Fall schreib’ 
ich Dir's vorher, damit wir uns möglicher Weise treffen können. Schreib 
mir inzwischen was Du von Amerika hältst. 

Beste Grüße an die Girls. 
Dein 

75 F.E.I 

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