Karl Marx an Friedrich Engels 
in Manchester 
London, Mittwoch, 28. Januar 1863 

I 28 Jan. 1863. 
Lieber Frederick, 
Durch eine Reihe sonderbarer Zufälle ward es mir gestern positiv un- 
möglich Dir den Empfang des Briefs nebst Wechsel anzuzeigen. 

5 Ich weiß ganz genau, wie riskirt es für Dich war, in dieser Weise so 
grosse u. unerwartete Hülfe zu bringen. Ich kann Dir nicht dankbar 
genug sein, obgleich ich, in meinem innern Forum, keines neuen Beweises 
Deiner Freundschaft bedurfte, um mich zu überzeugen, daß sie aufop- 
fernd. Wenn Du übrigens die Freude meiner Kinder gesehn, würde Dir 

10 das ein schöner Lohn gewesen sein. 

Ich kann Dir jezt auch ohne weitere Umstände sagen, daß trotz aller 
der Presse, worin ich während der letzten Wochen lebte, nichts auch nur 
verhältnißmässig so aufmich preßte als die Furcht, daß ein Riß in unsrer 
Freundschaft. Ich erklärte wiederholt meiner Frau, daß mir an dem gan- 

15 zen Dreck nichts liege verglichen damit, daß ich durch diese bürgerlichen 
Lausereien u. ihre excentrische Aufregung fähig gewesen sei Dich in ei- 
nem solchen Moment, statt zu trösten, roh mit meinen Privatbedürfnis- 
sen anzufahren. Consequently, war der Hausfriede sehr gestört u. die 
arme Frau mußte die Sache ausbaden, an der sie in der That so weit 

20 unschuldig war, als Frauen gewohnt sind das Unmögliche zu verlangen. 
Sie hatte natürlich keine Ahnung von dem, was ich schrieb, aber bei 
einiger Reflexion hätte sie berechnen Können, daß so was herauskommen 
mußte. Die Weiber sind komische Creaturen, selbst die mit viel Verstand 
ausgerüsteten. Morgens weinte meine Frau über die Marie u. Deinen 

25 Verlust, so daß sie ihr eignes Pech, was grade an dem Tag culminirte, 
ganz vergaß — u. Abends glaubte sie, daß ausser uns kein Mensch in der 
Welt leiden könne, der nicht den broker im Hause habe u. Kinder habe. 

Ich habe Dich im vorigen Brief wegen des selfactors gefragt. Die Frage 
nämlich die: In welcher Weise vor dessen Erfindung der s.g. Spinner 

eingriff. Der self actor ist mir erklärlich, aber || der vorhergehnde Zustand 
nicht. 

Ich lege einiges in den Abschnitt über Maschinerie ein. Es sind da 
einige curiose Fragen, die ich bei der ersten Bearbeitung ignorirte. Um 
darüber ins Klare zu kommen, habe ich meine Hefte (Auszüge) über 
Technologie ganz nachgelesen, höre ditto einen praktischen (nur experi- 
mentalen) Cursus des Prof. Willis (in Jerminstreet, dem Institut f. Geo- 
logie, wo auch Huxley seine Vorlesungen hielt) f. Arbeiter. Es geht mir 
mit der Mechanik wie mit den Sprachen. Die mathematischen Gesetze 
verstehe ich, aber die einfachste technische Realität, wozu Anschauung 
gehört, ist mir schwerer wie die größten Knoten. 

Du weißt od. weißt auch nicht, denn die Sache an sich gleichgültig, daß 
grosser Streit darüber, wodurch sich Maschine v. Werkzeug unterschei- 
det. Die englischen (mathematischen) Mechaniker, in ihrer groben Ma- 
nier, nennen tool a simple machine u. machine a complicated tool. Die 
englischen Technologen jedoch, die etwas mehr Rücksicht auf Oekono- 
mie nehmen, unterscheiden beide dadurch (u. nach ihnen viele, die mei- 
sten engl. Oekonomen), daß in einem Fall die motive power vom Men- 
schen, im andern v. a natural force ausgeht. Die deutschen Esel, die in 
solchen Kleinigkeiten groß sind, haben daher geschlossen, daß ein Pflug 
z.B. eine Maschine ist u. die complicirtste Jenny etc, so weit durch Hand 
bewegt, nicht. Nun ist es aber gar keine Frage, daß wenn wir uns nach 
der Maschine in elementarischer Form umsehn, die industrielle Revolu- 
tion nicht v. der bewegenden Kraft ausgeht, sondern von dem Theil der 
Maschinerie, den der Engländer die working machine nennt, also nicht 
z.B. v. der Ersetzung des Fusses, der das Spinnrad bewegt durch Wasser 
od. Dampf, sondern v. der Verwandlung des unmittelbaren Spinnproces- 
ses selbst u. der Verdrängung des Theils der menschlichen Arbeit, der 
nicht bios exertion of power war (wie bei dem Treten des Rads), sondern 
die Bearbeitung, die direkte Wirkung auf den zu bearbeitenden Stoff 
betrifft. Andrerseits ist es eben so wenig eine Frage, daß, sobald es || sich 
nicht mehr um die historische Entwicklung der Maschinerie handelt, son- 
dern um Maschinerie auf Basis der jetzigen Productionsweise, die Ar- 
beitsmaschine (z. B. bei der Nähmaschine) die allein entscheidende ist, da, 
sobald dieser Proceß dem Mechanismus anheimgefallen, jeder heut zu 
Tage weiß, daß man je nach der Dimension des Dings es durch Hand, 
Wasser od. Dampfmaschine bewegen kann. 

Für die blosen Mathematiker sind diese Fragen gleichgültig, aber sie 
werden sehr wichtig, wo es sich darum handelt den Zusammenhang 
menschlicher Gesellschaftsverhältnisse mit der Entwicklung dieser ma- 
teriellen Productions weisen nachzuweisen. 

207. Marx an Engels « 28. Januar 1863 

Das Wiederdurchlesen der technologisch-historischen Excerpte hat 
mich zu der Ansicht gebracht, daß, abgesehn v. den Erfindungen v. Pul- 
ver, Compaß u. Buchdruckerei - diesen nothwendigen Vorbedingungen 
der bürgerlichen Entwicklung - vom 16 bis zur Mitte des 18' Jhdts, also 

75 für die Periode der vom Handwerk aus sich entwickelnden Manufactur 
bis zur eigentlichen grossen Industrie, die zwei materiellen Basen, an de- 
nen sich innerhalb der Manufactur die Vorarbeit für die Maschinenin- 
dustrie bildet, Uhr u. Mühle (zunächst Kornmühle u. zwar Wassermühle) 
sind, beide vom Alterthum überliefert. (Die Wassermühle zur Zeit v. Ju- 

so lius Cäsar aus Kleinasien nach Rom gebracht.) Die Uhr ist der erste zu 
praktischen Zwecken angewandte Automat, u. die ganze Theorie über 
Production gleichmässiger Bewegung an ihr entwickelt. Der Natur der 
Sache nach basirt sie selbst auf der Verbindung v. halbkünstlerischen 
Handwerk u. der direkten Theorie. Cardanus z.B. schrieb (u. gab prak- 

85 tische Recepte) über den Bau der Uhren. „Gelehrtes (nichtzünftiges) 
Handwerk" heißt die Uhrmacherei bei deutschen Schriftstellern des 
16. Jhdts u. an der Entwicklung der Uhr Hesse sich nachweisen wie ganz 
verschieden auf Basis des Handwerks das Verhältniß v. Gelehrsamkeit u. 
Praxis als z.B. in der grossen Industrie. Es unterliegt auch keinem Zwei- 

90 fei, daß im 18. Jhdt, die Uhr die erste Idee gab, Automaten (u. zwar 
durch Federn || bewegte) auf die Production anzuwenden. Vaucanson's 
Versuche in dieser Art wirkten historisch nachweisbar ausserordentlich 
auf die Phantasie der englischen Erfinder. 

Bei der Mühle andrerseits v. vorn herein, sobald die Wassermühle ge- 

95 liefert, die wesentlichen Unterschiede im Organismus einer Maschine da. 
Mechanische Triebkraft. Prime Motor, worauf sie wirkt. Transmissions- 
mechanismus. Endlich Arbeitsmaschine, die den Stoff anfaßt, alle in 
selbstständiger Existenzweise gegen einander. Die Lehre v. der Friktion u. 
damit die Untersuchungen über die mathematischen Formen v. Räder- 

100 werk, Zähnen, etc alle an der Mühle gemacht; ditto hier zuerst die Lehre 
v. dem Messen des Grads der bewegenden Kraft, v. der besten Art sie 
anzuwenden etc. Fast alle grossen Mathematiker seit Mitte des 17. Jhdts, 
so weit sie sich auf praktische Mechanik einlassen u. sie theoretisiren, 
gehn v. der einfachen Wasser-Kornmühle aus. In der That daher auch der 

105 Nähme Mühle u. mill, der während der Manufacturperiode entstand, für 
alles auf praktische Zwecke gerichtete mechanische Treibwerk. 

Aber bei der Mühle, ganz so wie bei Preßmaschinen, Hammerwerk, 
Pflug u.s.w. von vorn herein die eigentliche Arbeit, Schlagen Zerquet- 
schen, Mahlen, Zerkleinern etc ohne menschliche Arbeit gethan, wenn 

110 auch die moving force menschlich od. viehisch. Daher diese Art Ma- 
schinerie wenigstens in ihren Anfängen sehr alt u. früher bei ihr eigentlich 

mechanische Triebkraft angewandt. Daher auch fast die einzige Ma- 
schinerie, die in der Manufacturperiode vorkommt. Die industrielle Re- 
volution beginnt, sobald der Mechanismus da angewandt, wo von Alters 
her das finale Result menschliche Arbeit erheischt, also w o nicht wie bei 1 1 5 
jenen Werkzeugen v. jeher der eigentliche zu bearbeitende Stoff nie mit 
der menschlichen Hand zu thun hatte; wo der Mensch der Natur der 
Sache nach nicht von vorn herein als blosse power wirkte. Will man mit 
den deutschen Eseln die Anwendung thierischer (also ganz so gut frei- 
williger Bewegung wie die menschliche) Powers f. Maschinerie erklären, 1 2 0 
so istjedenfalls die Anwendung dieser Art Locomotiven viel älter als das 
einfachste Handwerkszeug. | 

I Itzig schickt mir, was unvermeidlich, seine Vertheidigungsrede (ist zu 
4 Monaten verurtheilt) vor Gericht zu. Macte puer virtute! Erstens hat 
dieser Renommist, die Brochure die D u hast, Rede, über „den Arbeiter- 1 2 5 
stand", in der Schweiz wieder abdrucken lassen unter dem pompösen 
Titel: „Arbeiterprogramm”. 

Du weißt, daß die Sache nichts ist als schlechte Vulgarisation des 
„Manifests" u. andrer von uns so oft gepredigten Sachen, daß sie gewis- 
sermassen schon Gemeinplätze geworden sind. (Der Bursche nennt z.B. 130 
„Stand" die Arbeiterklasse.) 

Well. In seiner Rede vor dem Berliner Gericht hat er die Schamlosig- 
keit zu sagen: 

„Ich behaupte ferner, daß diese Brochure nicht nur ein wissenschaft- 
liches Werk, wie so manches andre ist, welches bereits bekannte Resultate 135 
zusammenfaßt, sondern daß sie sogar in der vielfachsten Hinsicht eine 
wissenschaftliche That, eine Entwicklung v. neuen wissenschaftlichen 
Gedanken ist.... In verschiedenen u. schwierigen Gebieten der Wissen- 
schaft habe ich umfangreiche Werke zu Tage gefördert, keine Mühen u. 
keine Nachtwachen gescheut, um die Grenzen der Wissenschaft selbst zu 140 
erweitern, u. ich kann vielleicht mit Horaz sagen: militavi non sine gloria. 
Aber ich selbst erkläre Ihnen: Niemals, nicht in meinen umfangreichsten 
Werken habe ich eine Zeile geschrieben, die strenger wissenschaftlich ge- 
dacht wäre, als diese Production v. ihrer ersten Seite bis zur letzten. ... 
Werfen Sie also einen Blick auf den Inhalt dieser Broschüre. Dieser Inhalt 145 
ist nichts andres als eine auf 44 Seiten zusammengedrängte Philosophie 
der Geschichte. ... Es ist eine Entwicklung des objektiven vernünftigen 
Gedankenprocesses, welcher || der Europäischen Geschichte seit länger 
denn einem Jahrtausende zu Grunde liegt, eine Entfaltung der innern 
Seele etc." 150 

207, Marx an Engels ¢ 28. Januar 1863 

Ist diese Schamlosigkeit nicht baum-hoch? Der Kerl denkt offenbar, er 
sei der Mann um unser Inventarium anzutreten. Dabei das Grotesk Lä- 

cherliche! 
Salut 

D 
KM 

Laß Dir den Star v. heute vom lupus geben u. siehe darin den Abdruck 
der Briefe über die Times u. Delane aus dem Morning Herald. |