Friedrich Engels an Carl Siebel 
in Barmen 
Manchester, Mittwoch, 4. Juni 1862 

I Mehr 4 Juni 1862 
Lieber Siebel 

Du bist doch ein ordentlicher Kerl daß Du mir nach der Manier mit der 
ich Deine verschiednen Briefe & Sendungen zu beantworten, noch die 

5 Geburt Deines Mädchens anzeigst wozu ich Dir aufs Herzlichste gratu- 
lire. Ich hoffe Du wirst viel Spaß daran erleben. Deiner Frau geht es doch 
wohl? 

Hier gehts noch immer den alten Schlendrian weiter. Ich merke doch 
allmählig daß dies ruhige bürgerliche Leben mich moralisch herunter- 

10 bringt, man verliert alle Energie & wird ganz schlapp, ich habe dieser 
Tage sogar wieder einen Roman gelesen. 

Die s.g. salva venia Schilleranstalt (auch Jerusalem-Club genannt) ist 
ein reines Juden-Institut geworden, & von 722-3 Uhr herrscht ein Lärm 
da, daß man ganz toll davon wird. Ich gehe auch fast gar nicht mehr in 

15 das edle Institut. Es geht wie immer mit den Juden. Haben sie doch Gott 
gedankt im Anfang daß sie haben eine Schilleranstalt, & kaum sind sie 
drin, wie heißt, ists ihnen schon nicht mehr gut genug & wollen sie bauen 
ein großes Haus, einen wahren Tempel Moses wohin die Geschichte ver- 
legt werden soll. Das ist natürlich der allerkürzeste Weg zum Bankerott. 

20 Und dafür hast Du Prologe schreiben & Regisseur spielen müssen! Und 
das nennt man ein deutsches Nationalinstitut. Gib Acht, in ein paar 
Jahren bekommst Du ein Cirkular: „Anknüpfend an den Bankerott der 
verewigten Schilleranstalt" usw. 

„Anknüpfend" an Deine Briefe, so will ich doch in aller Kürze darauf 

25 folgendes antworten. Was die Geschichte mit Marx betrifft, so würde er 
sich sicher nicht an Dich gewandt haben wenn meine Ressourcen nicht 
bereits erschöpft gewesen wären, dies war aber in der That der Fall, ich 
konnte also augenblicklich nichts thun. Was den rothen Becker angeht 
(dessen Broschüre mir sehr interessant war, theils wegen || der darin ent- 

30 haltenen Recantation seiner früheren „wilden" Meinungen, wie auch we- 
gen der preußischen Regierung die den Kerl mit aller Gewalt wieder zu 

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einer Lokalgröße & damit zum Deputirten gemacht hat), so geht uns 
dieser Mann näher gar nichts an. Er hat nie zu unsrer eigentlichen Partei 
gehört, war immer bloß Demokrat, & wenn er in die Kölner Kommuni- 
stengeschichten verwickelt war, so hatte er sich hineinbegeben weiler die 35 
Sache als Agitationsmittel ansah. Beim Prozeß trennte er sich auch voll- 
ständig von den übrigen Angeklagten & nahm eine Sonderstellung in 
Anspruch. Seitdem ist er eingestandener Maßen königl. preuß. Demokrat 
geworden, erklärt sich für Monarchie usw. Wir sind also politisch mit 
dem Mann außer aller Verbindung was mich natürlich nicht hindern wür- 40 
de persönlich auf gutem Fuß mit ihm zu stehn bis wir mit seinen Leuten 

in directen polit. Conflikt kämen. Für die jetzige preußische Kammer ist 

er immer ganz gut. 

Ich glaub ich sprach Dir in Barmen von einem kleinen dänischen 
Volksliedchen das ich in den Kjämpeviser entdeckt & für Dich speciell in 45 
deutsche Reime übersetzt habe. Ich lege es Dir bei. Leider war ich nicht 
im Stande den flotten, trotzig-lustigen Ton des Originals auch nur halb 
wiederzugeben, es ist das Flotteste das ich kenne. Indeß Du mußt Dich 
mit der (übrigens fast wörtlichen) Übersetzung begnügen. Ich glaube 
nicht daß das Ding sonst schon ins Deutsche übersetzt ist. 50 

Mit besten Empfehlungen & Glückwünschen an Deine Frau 

Dein 
F.E.I 

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