Friedrich Engels an Karl Marx 
in London 
Manchester, Montag, 2. Dezember 1861 

I 2 07595. Newcastle on Tyne 14 Aug 60. 
Lieber Mohr 

Obiges die N° des inliegenden Fiinfers der erst heute abgehn kann weil 
der erste Dez. auf einen Sonntag fiel. Ich registrire wieder nicht. 

Ich habe endlich dieser Tage im Lassalle gelesen. Die Geschichte mit 
der Rückwirkung ist sehr plausibel aber nicht stichhaltig wie sich z.B. bei 
der Ehescheidungs Gesetzgebung zeigt; wo man auch sagen kann, wie 
mancher Berliner Philister in der That sagte: hätte ich das gewußt daß 
man mir die Scheidung so erschweren würde so hätte ich nicht geheira- 
thet. Übrigens ist es doch ein starker Aberglaube von dem Kerl, noch an 
„die Rechtsidee", das absolute Recht zu glauben. Seine Einwendungen 
gegen die Hegeische Rechtsphilosophie sind großentheils sehr richtig, 
aber mit seiner neuen Philosophie des Geistes ist er doch noch nicht recht 
in den Fluß gekommen; selbst vom philosophischen Standpunkte müßte 
er doch so weit sein nur den Prozeß, nicht dessen bloßes momentanes 
Resultat, als das Absolute zu fassen, & da könnte doch keine andre 
Rechtsidee herauskommen als eben der || historische Prozeß selbst. 
Hübsch ist auch der Styl. Die „händeringende Verzweiflung der Wider- 
sprüche" &c. Dann die Vorrede. Reiner Ephraim Gescheit. Viel weiter 
werd' ich übrigens wohl nicht kommen, es sei denn daß ich finde es als 
einen Cursus des römischen Rechts benutzen zu können, in welchem Fall 
ich es durchlesen werde. Wie man übrigens Spaß daran finden kann, 
einen so einfachen & au fond wenig bedeutenden Gedanken nun durch 
das ganze Corpus Juris durchzuheizen & aufjeden einzelnen Punkt an- 
zuwenden - als ob er dadurch fetter würde - das ist mehr als ich begrei- 
fen kann. Noch schöner aber ist die Behauptung, als ob diese wild goose 
chase, auf der „Fülle des Concreten" herum, die Probe auf sein Exempel 
sei & es ihm jetzt also gar nicht mehr fehlen könnte. 

In Berlin wird es jetzt hübsch werden. Der matte ,,Fortschritts"demo- 
kratismus des neuen Kämmerleins wird dem schönen Wilhelm doch 

schon zu roth sein, & bis März wird wohl schon eine gelinde chronische 
Krisis dasein. 
Ich bin begierig wie das wird. Wenn die J| Kerle in der Kammer nur 
nicht zu feig sind, so kriegen sie den Schönen schließlich doch unter, aber 
ich hab kein Fiduz auf dies Demokratengezücht. 
Hoffentlich geht es Deiner Frau besser. Grüß sie & die Mädchen herz- 

lich. 
Dein 
F.E.I