Friedrich Engels an Karl Marx 

in London 
Manchester, Montag, 1. Oktober 1860 

I Manchr 1 Oct 1860 
Lieber Mohr 

Wohin ist denn Deine Familie verreist gewesen, wenn sie glücklich wieder 
da ist? Ich weiß von Nichts. Wohl nach der seaside oder aufs Land? & 
5 hoffentlich gut bekommen. 

Navy kommt jetzt sehr ungelegen. Ich sitze tief im Dreck mit den 
lawyers wegen der Geschäftsgeschichten - was das für Verschleppungen 
hier sind, davon hat man in Dtschl keine Idee, & jetzt müssen mir die 
Kerls grade für diese Woche mit einer Masse Acten pp auf den Pelz 

10 rücken. Indeß will ich mein Bestes thun, aber sehr rasch wird & kanns 
nicht gehen, ich bin durchaus nicht au fait. 

Quanto a Vogt: ich muß sagen Dein Titel gefällt mir gar nicht. Willst 
Du ihm einen Spitznamen geben, so muß es doch einer sein den man 
versteht ohne das Buch gelesen zu haben, oder er darfim Buch selbst erst 

15 vorkommen nach der erklärenden Stelle. Ich glaube, je einfacher & un- 
gesuchter der Titel ist, desto besser, nur muß außer Vogt noch wo mög- 
lich Bonaparte oder mindestens Plonplon drin vorkommen. Genirt Dich 
„Carl" Vogt, so nenne ihn Herr Vogt, obwohl ich nicht sehe warum der 
„Carl" nicht vor dem „Karl" stehn kann - darüber wird Dir niemand 

20 einen Witz reißen. 

Druck in London: ich habe kein Zutrauen in einen Verlag wobei wir 
das ganze oder halbe Geld zuschießen müssen. Inl. Brief Siebeis beweist 
Dir daß er die Sache noch lange nicht für verloren gab, im Gegentheil, & 
daß er nur auf Instructionen gewartet hat um zu agiren (schick ihn zu- 

25 rück, er ist noch nicht beantwortet). Ich habe das mit dem Druck im 
Auslände nun zu oft angesehn, & ich fürchte es geht diesmal wieder 
grade so. Wenn Vogt eine Ausnahme macht (& doch war sein Ding in 
Frankfurt gedruckt!) so wurde er von der Presse poussirt was uns sicher 
nicht geschieht. Ausserdem wird Herr Petsch da er die Annoncen pp 

30 zahlen muß, nicht so sehr bei der Hand sein zu viel zu annonciren. Tu 
verras. Jedenfalls hättest Du in Dtschl. unbedingt längst einen Verleger 

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haben können wenn Du den Siebel ordentlich in Bewegung gesetzt, & ich 
halte das immer für besser; auch wird die kleine Hirschfeldsche Setzerei 
nicht zu eilig drucken. Indeß die Sache ist im Gang & wir müssen jetzt 
sehn wie's abläuft. In der Annonce glaube ich daß Du am besten weiter 
nichts zum Titel hinzusetzest als die Überschriften der Kapitel, das wird 
vollständig hinreichen. Und vor allen Dingen treibe daß die Geschichte 
fertig wird. 

Wenn Du 3-4 Bogen fertig gedruckt hast, könntest Du mir einen Ab- 
zug davon schicken. 

Apropos wieviel ist bei Dana 5 oder 10 Seiten? Ich hab keine Idee 
davon. 

Lamoriciere ist von den Piemontesen schmählich überfallen worden. 
Er war nach der Seite gar nicht gerüstet, deckte sich bloß gegen Garibaldi, 
& besetzte die schlechten Citadellen der Städte mit kleinen Garnisonen 
bloß gegen Aufstände hinreichend. Daher die Reihe von Capitulationen, 
die Piem. waren überall 6 gegen 1. Bei Castelfidardo haben sich die 
Östreicher sehr gut geschlagen, ebenso in Ancona das gar keine Festung 
ist, nach der Landseite, im Ganzen aber zeigt die päbstl. Armee wie 
wenig mit sonst theilweise guten aber heterogenen & von allerhand frem- 
den Offizieren commandirten Truppen zu machen ist. Freilich waren die 
Piemont 3:1. 

Dem Garibaldi scheint militärisch der Athem auszugehn. Er hat seine 
guten Truppen so zertheilt unter die sicil. & neapol. Bataillone daß er 
nichts Organisirtes mehr hat, || & sowie er an eine einigermaßen verthei- 
digte Flußlinie kommt, mit einer nicht dominirten Festung wie Capua, 
kommt er zum Stehen. Ernsthaft ist das vor der Hand nicht weil die 
30 000 Neapol. auf dem kleinen Strich nicht leben können, & in 14 Tagen 
sich auflösen müssen oder vorgehn, was ihnen nicht gelingen wird. Aber 
auf den Quirinal wird G. wohl schwerlich ohne ganz besondre Zufälle so 
bald kommen. Dazu jetzt das Geschrei der Cavourianer, diese elenden 
Bourgeois sind im Stande seine Position in kurzem unhaltbar zu machen, 
so daß er als pis aller angreifen muß ehe er im Stande ist zu siegen. 
Wichtig wäre es sonst, die Neapol. so rasch wie möglich kaput zu ma- 
chen, & dann die Piémont, zum Fraternisiren zu bringen, ehe Victor 
Emanuel zu ihnen kommt denn dann ists zu spät, & sie werden dem 
Victor Em. treu bleiben. Aber es ist von der allerhöchsten Wichtigkeit 
daß G. die Franzosen in Rom Öffentlich in dieselbe Kategorie wie die 
Oestr. in Venedig gesetzt hat ob das jetzt gleich ausgeführt wird sie aus- 
zutreiben oder nicht, ist weniger wichtig. 

In Oestreich sieht es famos aus. Ein Nationalvereinsphilister, Rhein- 
preuß der in Baiern (Franken) wohnt, erzählt, die Münchner, die neulich 

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nach Wien zum Eisenbahnfest gegangen, im guten Glauben an die Be- 
richte der A.A.Z. über die östr. Zustände, seien ganz begossen zurück- 
gekommen, so andres hätten sie alles gefunden. Die Oestr. hätten ihnen 
erklärt das sei alles Schwindel & die Zustände dort seien nicht länger 
mehr zu ertragen. Auch hätten die Bourgeois in Oestreich bereits ihr 
Specificum gegen die Finanzverwickelungen: in Oestr. gehören 20% alles 
Grundeigenthums den Pfaffen und diese müßten  confiscirt werden. Kann 
man sich eine famosere revolutionäre Lage denken? Wo bleibt gegen ein 
solches Programm die ganze preuß. Klugscheißerei mit sammt ihrem 
Nationalverein? | 
I Aus den Schriften des Prinz Friedrich Karl & des Hrn Waldersee habe 
ich mich jetzt definitiv überzeugt, daß die Preußen ihre Armee so famos 
eingerichtet & abgerichtet haben daß sie nothwendig geschlagen werden 
müssen. Um über die Übelstände des 45jährigen Mangels an Kriegser- 
fahrung wegzukommen, haben sie sich einen künstlichen conventionellen 
Krieg in den Manövern geschaffen, wo Alles anders ist als im wirklichen 
Krieg, & wo den Soldaten & Offizieren das Sichzurückziehen bei jedem 
Vorwand ausdrücklich beigebracht wird, & so ihnen ganz falsche Vor- 
stellungen & Dinge eingepaukt werden. Z.B. bei einem Manöver dürfen 
die Soldaten natürlich nicht in die Häuser eindringen & sie besetzen; man 
markirt also die Häuser als besetzt, indem man die Soldaten auswendig 
herum aufstellt. Ein pr. Hauptmann bekam in Schleswig die Ordre im 
Gefecht ein Gehöft zu besetzen, & stellt richtig seine Leute auswendig um 
die Umzäunung auf, wie beim Manöver! Dies hat Waldersee selbst ge- 
sehn. Übrigens ist der Prinz Fr. Karl als Soldat gar kein übler Kerl, & 
haßt den pr. Kamaschendienst sehr. Ob er aber als Kommandant was 
werth ist, ist nicht zu sagen. 
Dein 
F.E.I 

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