Karl Marx an Ferdinand Lassalle 
in Aachen 
London, Freitag, 7. September 1860 

17 Sept. 1860. 
9, Grafton Terrace, Maitland Park, 
Haverstock Hill. London. 

Lieber Lassalle, 

Es hat mich gefreut endlich wieder ein Lebenszeichen von Dir zu erhal- 
ten, so sehr ich bedaure, daß Du mir nicht günstigere Nachrichten über 
Deinen Gesundheitszustand mittheilen kannst. Ich selbst laborire fort- 
während am Leberleiden; nicht so schmerzhaft wie Gicht (auch nicht so 
vornehm, wenigstens nach englischen Begriffen), aber für Kopfarbeiten 

vielleicht noch störender. 

Die Verzögerung in dem Erscheinen meiner Schrift gegen Vogt hat, 
ausser nothwendiger Beschäftigung mit dringendem Arbeiten, zwei 
Hauptursachen: 

1) Wollte ich das Ende des Processes gegen die Nationalzeitung abwar- 

ten, was ich jetzt jedoch aufgegeben habe. 

Der Proceß hat folgende Stadien durchlaufen: Staatsanwalt u. dann 
Oberstaatsanwalt wiesen die Klage ab, weil „kein öffentliches Interesse" 
zum Eingreifen ex officio vorliege. Nun kam die Civilklage. Das Stadt- 
gericht erließ eine ,,Verfügung", daß die Klage abzuweisen, weil Ehrver- 

letzenden Passus nur (was notabene falsch ist) ,,citirt" seien. Das Kam- 
mergericht erklärte die Motivirung des Stadtgerichts für falsch, kam aber 
zum selben Resultat, weil die kalumniirenden Passagen nicht auf mich 
sich bezögen u. beziehen könnten, (dieß wird durch „falsches Citiren" auf 
Seiten des Gerichts bewiesen) die Nationalz. nicht die Absicht zu belei- 

digen hatte u.s.w. Der Styl der „Verfügung" reicht hin, die Verlegenheit 
der Burschen zu beweisen. Wir befinden uns nun beim Obertribunal. So 
habe ich denn meine Kenntniß des pr. Justizwesens soweit bereichert, 
daß ich nun weiß, daß es von den richterlichen Beamten abhängt, ob ein 
Privatindividuum es überhaupt zum öffentlichen Process bringen kann. 

Denn alle diese Verfügungen sind ja nur „Etwas Vorläufiges", um mich 
überhaupt zu hindern, mit der Nat. Z. öffentlich vor Gericht zu treten. 

Justizrath Weber, der von meinen freundlichen Verhältnissen zur pr. Reg. 
nichts zu wissen schien, schlägt in seinen Briefen die Hände über dem 
Kopf zusammen über diese „unerklärlichen" Verfügungen. 

Du weißt, daß ich den Process gegen die Nat. Z. anhängig gemacht, 
bevor ich im Besitz von Vogt's Buch war. Indeß hatte ich richtig gegrif- 
fen, denn die Nat. Z. mit anerkennenswerthem Takt, hatte alle, aber auch 
alle juristisch verfolgbaren Verläumdungen (ich spreche von Calomnies 
hier im Sinne des Code: blose Schimpfereien der Burschen wollte ich 
nicht gerichtlich attaquiren) des Vogt'schen || Machwerks zusammenge- 
faßt, u. stellenweis sogar noch zugespitzt. Ich befand mich aber in der 
Lage bei jedem einzelnen Punkt nicht vom Gegner den Beweis der Wahr- 
heit zu verlangen, sondern meinerseits den Beweis der Falschheit zu füh- 
ren. Einzige Ausnahme: die hunderte von Drohbriefen zum Zweck der 
Gelderpressung nach Deutschland. Hier war es natürlich Sache der N.Z. 
vom Freund Vogt einen dieser Drohbriefe sich über schicken zu lassen. - 
Die Gerichte sahen also, daß sobald die Sache zum Öffentlichen Verfah- 
ren kam, die N.Z. verurtheilt werden mußte u. dieß, noch mehr ein ge- 
richtlicher Sieg meinerseits, wäre ja „gegen das öffentliche Interesse". Das 
„ Obertribunal" wird eine neue Finte finden. Jedenfalls aber liefern mir die 
Preussen so ein Material in die Hand, dessen angenehme Folgen in der 
Londoner Presse sie bald merken sollen. 

2) Dieß ist die Schwierigkeit, an der die Sache jetzt stockt: - Buchhänd- 
ler. - In Preussen kann die Sache nicht gut erscheinen, da gewisse auf 
Stieber etc bezügliche Passus dem Buchhändler einen Proceß an den Hals 
ziehn würden. In Hamburg etc habe ich bisher vergeblich unterhandelt. 
Entweder wollen die Kerls gar nicht eingehn, oder sie erlauben sich auf 
Ton u. Inhalt der Schrift bezügliche Bedingungen, auf die ich natürlich 
nicht eingehn kann. O. Meißner hätte die Sache genommen, wenn er 
nicht vorher die „Demokratischen Studien" herausgegeben, worin ausser 
Dir u. Grün, Vogt mit seiner ganzen Sippe, Bamberger, Simon etc mit- 

gearbeitet. 

Das Beste wäre das Zeug hier zu drucken, u. es durch einen hiesigen 
deutschen Buchhändler nach dem Continent vertreiben zu lassen (wie 
Vogt es von Genf aus machte.) Aber ich habe nicht wie Vogt bonapar- 
tistische Subsidien, um die 12-15 Bogen starke Brochure hier drucken zu 
lassen. 

So also steht die Sache. Du begreifst, daß ich gegen Vogt nicht in der 
sanften Weise auftrete, wie die deutschen Buchhändler es dem Herrn 
Professor gegenüber wünschen. Ich behandle ihn en Canaille u. als ko- 

mische Figur, d.h. seinem Wesen gemäß. 

Aus der Schweiz u. America habe ich auch Massen Anfragen über das 
Erscheinen des Wischs erhalten. 
Meine Frau läßt Dich bestens grüssen. Freiligrath habe ich vermieden 

seit vielen Monaten zu sehn, da ich keine unangenehme Begegnung mit 

ihm haben will; andrerseits die feige Rücksichtnahme (von wegen seines 
geschäftlichen Zusammenhangs mit James Fazy, der sein Principal ist) | 
I in einem entscheidenden Augenblick mir nicht zusagen konnte. (Na- 
mentlich aber fand ich es unpassend, daß er seinen intimen Umgang mit 
Blind fortsetzte, nachdem ich ihm durch gerichtliche Dokumente bewie- 
sen, daß Blind ein falsches Zeugniß vom Setzer Wiehe unter erschweren- 
den Umständen für Veröffentlichung in der A.Z. (bezüglich des Flug- 
blatts: „Zur Warnung") erschlich.) Nichtsdestoweniger sind wir, nach wie 

vor, vor der Welt „Freunde". Der Familienumgang ist aber ganz abge- 

brochen. Meine Frau ist wie Du weißt energischer Natur. 

Hoffentlich berichtest Du bald besseres über Dich selbst 
Salut 
D 
K.M.I