Karl Marx an Ferdinand Lassalle 
in Berlin 
London, Freitag, 1., oder Samstag, 2. Juni 1860 

] Lieber Lassalle, 

Ich laborire seit ungefähr 3 Wochen an einer Leberkrankheit, die mich 
am Arbeiten jeder [Art] verhindert hat u. noch nicht ganz beseitigt ist. 
Diese Zustände machen sehr schreibfaul. 

Bevor ich nun auf Deinen Brief antworte, noch folgendes Vorläufige. 
Der Berliner Correspondent des Daily Telegraph heißt Abel. Kannst Du 
mir irgend welche Notizen über das Subject verschaffen? 

Oberstaatsanwalt Schwarck hat auch in zweiter Instanz die Criminal- 
klage gegen die National-Zeitung abgewiesen, weil kein „öffentliches In- 
teresse" vorliege. Die Civilklage wird nun bald vorkommen. 

Also nun zu Deinem Brief. 

Nach Berlin komme ich nicht. Ich war nicht in Köln zugegen u. weiß 
von dem, was Stieber geschworen hat daselbst, nur aus den Berichten der 
Kölnischen Zeitung. Auf diese Berichte gründet sich meine Kritik in den 
„Enthüllungen". Als Zeuge in dieser Sache könnte ich also nichts nützen. 
Will man mich über einen od. den andern Punkt vernehmen lassen, so 
bin ich bereit mein Zeugniß (wie es öfter bei andern Flüchtlingen ge- 
schehn sein soll) bei der pr. Gesandtschaft in London abzugeben. 

Als der Process Eichhoff sich noch in den ersten Stadien befand, wand- 
te sich Juch, der Herausgeber des „Hermann", in dieser Angelegenheit an 
mich. Ich gab ihm die „Enthüllungen", rieth Schneider II von Köln als 
Zeugen vorzuladen, u. machte auf die Nothwendigkeit aufmerksam, den 
Hirsch, der in Hamburg sitze, zu vernehmen. Lezteres Verhör scheint 
sehr ungeschickt angelegt worden zu sein. Auch wäre es durchaus nöthig, 
den Hirsch leiblich als Zeugen nach Berlin zu schaffen. Nur in diesem 
Falle würde bei ordentlicher cross-examination das ganze schandbare 
Getriebe öffentlich enthüllt werden können, da Hirsch in alle Mysterien 
von Stieber-Goldheim-Greif-Fleury eingeweiht war. 

Ein andrer nothwendiger Zeuge wäre Cherval (Joseph Crämer), jezt zu 
Paris. Daß er, der wegen Fälschung von Wechseln aus Aachen entsprang, 

6. Marx an Ferdinand Lassalle - 1. oder 2. Juni 1860 

von Preussen herausgefordert werden könnte, ist sicher. Aber die Regie- 
rung wird sich hüten. Ausserdem ist er fzs. Mouchard u. daher auch 
unter bonapart. Schutz. 

Die meisten andern Leute, deren Verhör wichtig sein könnte, sind in 
America. Nur ein einziger ist noch hier, ein gewisser de Laaspee aus 
Wiesbaden, angestellt als interpreter bei der englischen Polizei. Ich habe 
die nöthigen Schritte gethan, um eine Zusammenkunft mit || [ihm zu be- 
werkstelligen, u. werde sehn, ob er willig ist, entweder nach Berlin zu 
[reisen oder] [slich bei der pr. Gesandschaft vernehmen zu lassen. Im Jahr 
1853 hatte [er den Stieber bei der Times denuncirt. Der Artikel wurde 
unterdrückt, [erschien nicht, in Folge der Einmischung Bunsen's. 

Ich werde [nu]n ein paar Punkte angeben, die Du vielleicht vernutzen 
kannst. Die „Enthüllungen" schrieb ich gleich nach Beendigung des Köl- 
ner Processes. Ich habe aber später weitere Nachforschungen über diesen 
mir besonders nahliegenden casus angestellt. Vorher bemerke ich noch, 
daß es allerdings eine capitale Idee von Eichhoff war, Goldheim u. Greif, 
die Hauptmitschuldigen, als Schutzzeugen für sich zu citiren. Die ganze 
Sache liegt so, daß gerichtlich Stieber et Cons, eigentlich nur zu fassen 
wären, wenn die Regierung eine Untersuchung über den Kölner Process 
verhängte. Sie aber wird sich hüten. 

Stieber (sieh p. 10 meiner „Enthüllungen") soll in Köln geschworen 
haben, er sei „auf das Archiv der Verschwörung" bei Oswald Dietz in 
London „aufmerksam gemacht" worden durch die ihm vom Berliner Po- 
lizeipräsidium nach London geschickte Copie „der bei Nothjung gefund- 
nen Papiere". Diese falsche eidliche Aussage muß einfach widerlegt wer- 
den können durch Einsicht der Kölner Akten, worin die bei Nothjung 
gefundnen Papiere enthalten sein müssen. 

Die Sache hing so zusammen: Cherval (Joseph Crämer) war der Pariser 
Correspondent des Willich-Schapperschen Bundes u. correspondirte als 
solcher mit Oswald Dietz. Gleichzeitig war Cherval Agent des preussi- 
schen Gesandten zu Paris, des Fürsten Hatzfeld. Er denuncirte diesem 
nicht nur Dietz als Secretär seiner Londoner Behörde, sondern schrieb an 
Dietz Briefe, die bestimmt waren als Beweisstücke später zu figuriren. 
Stieber u. Greif (wie Greif selbst dem Hirsch in Gegenwart Fleury's er- 
zählte) waren von Hatzfeld unterrichtet. Was sie durch Reuter ermitteln 
liessen war der Aufenthaltsort des Dietz, worauf Fleury, in Stieber's Auf- 
trag, mit Reuter zusammen den Diebstahl bei Dietz ausübte. Auch dieß 
weiß Hirsch. 

En passant kann hierbei folgender Umstand, dem Herrn Hirsch wohl- 

70 bekannt, in Betracht kommen. Fleury hatte sich genaue Abschriften von 

den bei Reuter gestohlenen Briefen gemacht u. sie dem Hirsch zum 

6. Marx an Ferdinand Lassalle - 1. oder 2. Juni 1860 

Durchlesen || mitgetheilt. Unter diesen Briefen befand sich einer von Ste- 
chan aus Hannover, worin dieser von der Uebersendung von 30 Thlr. für 
die Flüchtlinge spricht. Stieber (zusammen mit seinem Freund Wermuth 
in Hannover) fälschte dieß in 530 Thaler für die Führer. Ueber diesen 
Punkt könnte vielleicht Stechan, der so viel ich weiß, sich in Edinburgh 
befindet, eine Aussage an Eidesstatt machen u. Stieber (nach der Köln. 
Zeit. Sieh p. 11 der „Enthüllungen") schwört ferner, am 5 August 1851 
habe er das Archiv Dietz nach Berlin von London aus zugeschickt er- 
halten. Das fact ist, daß Stieber dieß „Archiv" am 20 Juli 1851 mit von 
London nach Paris nahm. Es ist dieser Punkt, den der obenbesagte Las- 
pée, wenn er will, eidlich erhärten kann. 

Herr Greif hat in Berlin geschworen, daß er den Hirsch nicht kenne od. 
doch nur ganz oberflächlich. Das fact ist, daß Hirsch in der damaligen 
Privatwohnung von Alberts, (damals u. noch jezt Secretär der pr. Ge- 
sandschaft in London) 39, Brewerstreet, Goldensquare, durch den Greif 
erst mit Fleury bekannt gemacht wurde, nachdem Greif schon vorher 
einen Bericht über die Thätigkeit der revolut. Emigration von Hirsch sich 
hatte abstatten lassen. Seit der Zeit wirkten Greif-Fleury-Hirsch (unter 
der Leitung des Greif) zusammen u. verfaßten namentlich auch zusam- 
men das falsche Protocollbuch. 

Im Monat April 1853 waren Goldheim u. Stieber wieder nach London 
gekommen, um einen Zusammenhang zwischen dem mysteriösen Pulver- 
complott Kossuths u. der Berliner (Ladendorfschen) Verschwörung zu- 
rechtzuconstruiren. Hirsch begleitete sie damals (also viele Monate nach 
Schluß des Köln. Processes) beständig durch London u. operirte mit ih- 
nen. 

Zur Charakteristik der pr. Agenten in London, da die Polizei ihren 
Fleury vor Gericht eingestanden hat: Dieser Fleury heißt Krause, Sohn 
des Schuhmachers Krause, der vor 22-5 Jahren wegen Ermordung der 
Gräfin Schoenberg u. deren Kammerfrau in Dresden hingerichtet wurde. 
Einige Zeit nach dem Kölner Process wurde derselbe Fleury-Krause we- 
gen Fälschung zu London in zwei od. 3 Jahre hulks verurtheilt. Er hat 
jezt seine Strafzeit abgesessen u. wirkt wieder in der alten Weise. | 

I Das französ. Complott (complot allemand-français) wurde gemacht 
von Cherval unter Leitung Stiebers zusammen mit Greif, Fleury, Beck- 
mann, Sommer u. dem fzs. Spion Lucien De la Hodde (unter dem Na- 
men Duprez). Auf Veranlassung Cherval's reiste Greif (der, ebenso wie 
Stieber, die fzs. preussischen Spione Cherval u. Gipperich nicht zu ken- 
nen schwört) nach Nord-Dtschld, um zunächst in Hamburg den Aufent- 
halt eines gewissen Schneiders Tietz zu erspähn u. sich in Besitz der ihm 
von Cherval in polizeilichem Auftrag geschriebnen Briefe zu setzen. In 

6. Marx an Ferdinand Lassalle - 1. oder 2. Juni 1860 

Hamburg begab er sich in die Wohnung der Braut des Tietz, um „als 
Freund des leztern" etwaige gefahrliche Briefschaften in Sicherheit zu 
bringen. Der coup mißlang jedoch. 

Greif correspondirte auch mit Maupas durch de la Hodde Duprez über 
die Freilassung von Cherval u. Gipperich. Sobald Cherval nach London 
kam, stellte ihn Greif auf festes Salair von 1 L. 10 sh. wöchentlich an. 
Namentlich wurde er auch von Greif nach Jersey geschickt, um dort eine 

grosse politische Verschwörung vorzubereiten. Später löste sich Greifs 
Verhältniß zu Cherval auf. Alle diese Punkte kann Herr Hirsch, wenn er 
will, eidlich betheuern. Sie sind wichtig, sowohl, weil Greif wieder falsch 
geschworen, als weil sie das Verhältniß Cherval's zu Stieber u. die „Wahr- 
haftigkeit" der von Stieber mit Bezug auf Cherval zu Köln gemachten 

Aussagen betreffen. Grade zur Zeit, wo Stieber in Köln schwor, er wisse 
nicht, wo Cherval sich aufhalte u.s.w. (sieh p. 27 der Enthüllungen) fand 
diese Cooperation zwischen Cherval u. dem im Auftrage Stieber's han- 
delnden Greif statt. Aber natürlich kann nur durch die Zeugnisse von 
Hirsch (der vielleicht in öffentlicher Gerichtssitzung sprechen wird) u. 

Cherval (dessen nicht habhaft zu werden ist) die Sache gerichtlich bewie- 
sen werden. Der Gesandschaftssecretär Alberts wird natürlich nicht spre- 
chen; eben so wenig De la Hodde, Beckmann, Maupas etc. 

Hirsch u. Fleury (welcher leztre zu diesem Behuf in der Stanburyschen 
Druckerei, Fether Lane, Fleetstreet, London, eine lithogr. Presse gemie- 
thet) machten in Greifs Auftrag Flugblätter „An das Landproletariat", 
„An die Kinder des Volkes" etc, die Greif als von der Marx'schen Partei 
ausgehend der Preuß. Reg. einsandte. | 

|5)| Nachdem Zeuge Haupt v. Hamburg plötzlich „verschwunden" war, 
während des Kölner Cornmunistenprocesses, beauftragte Hinckeldey per 
Courier die pr. Gesandschaft zu London Jemanden zu schaffen, der die 
Rolle Haupts übernehme u. die Denunciationen Haupts vor den Assisen 
„schwöre". Das Polizeipräsidium zahle 1000 Th. Belohnung. Hinckeldey 
schrieb, daß an der Entscheidung dieses Processes die ganze Existenz der 
polit. Polizei hänge. Hirsch, nach Verabredung mit Fleury (wie er selbst 
später sagte, aus „edlen" Absichten) erklärte sich bereit. Alles war auf 
dem besten Weg, als Fleury mit abschlägiger Antwort von der pr. Ge- 
sandschaft zurückkehrte. Ein neues Schreiben des Hinckeldey besagte: 
„Der Staatsprocurator hoffe bei der glücklichen Zusammensetzung der 
Geschwornen auch ohne aussergewöhnliche Maafregeln, das Schuldig zu 
erlangen, u. er (Hinck.) ersuche deßhalb keine weiteren Anstrengungen 
zu machen." Der pr. Spion Beckmann in Paris, der auch schon ordre 
erhalten hatte nach Köln zu kommen, um Stieber's Aussagen über das 
complot allemand-français zu bestätigen, erhielt aus demselben Grund 
Gegenbefehl. 

6. Marx an Ferdinand Lassalle - 1. oder 2. Juni 1860 

Nun aber kommt die curioseste Geschichte, die Herr Hirsch sehr ge- 
nau kennt, u. die gleich charakteristisch für Stieber u. Goldheim. 

Fleury hatte erfahren, daß ich beabsichtige, die wirklichen Hand- 
schriften der angeblichen Protocollunterzeichner (W. Liebknecht, Rings 
u. Ulmer) gerichtlich in London legalisiren zu lassen. Er wußte, daß ein 
Flüchtling, Namens Becker, in demselben Hause mit Willich wohnte. Er 
schrieb daher folgenden Brief in dem Namen des Beckers: 
An das hohe Kgl Polizeipräsidium in Berlin. 

London, d.d. 
„In der Absicht, die Unterschriften der Unterzeichner der Bundesproto- 
colle als gefälscht darzustellen, beabsichtigen Marx u. seine Freunde hier 
die Legalisation von Handschriften zu bewerkstelligen, die dann als die 
wirklich echten Signaturen dem Assisenhofe vorgelegt werden sollen. 

Jeder, der die englischen Gesetze kennt, weiß auch, daß sie sich in 
dieser Beziehung drehen u. wenden lassen, u. daß Derjenige, welcher die 
Echtheit garantirt, im Grunde genommen, eigentlich keine Bürgschaft 
leistet. 

Derjenige, welcher diese Mittheilung macht, scheut sich nicht, in einer 
Sache, wo es sich um die Wahrheit handelt, seinen Namen zu unterzeich- 
nen. Becker, 4 Litchfield Street." 

Stieber hatte zu Köln vor den Assisen erklärt, er habe das Protocoll- 
buch 14 Tage vorher (bevor er es vorlegte) in Händen gehabt u. sich 
besonnen, ehe er Gebrauch davon gemacht; er erklärte weiter, es sei ihm 
in der Person eines Couriers, des Greif, zugekommen. Herr Goldheim 
aber schrieb an die pr. Gesandschaft zu London: 

„man habe das Protocollbuch nur deßhalb so spät gebracht, um dem 
Erfolg ||6)| etwaiger Interpellationen über seine Echtheit zu entgehn." 

Der Brief unterzeichnet „Becker" war an das Polizeipräsidium in Ber- 
lin gerichtet. Rührte er also wirklich von Becker her, so mußte er nach 
Berlin gehn. Statt dessen ging der Briefan den Polizeibeamten Goldheim, 
Frankfurter Hof in Köln, u. ein Couvert zu diesem Briefe an das Poli- 
zeipräsidium in Berlin mit einem einliegenden Zettel: „Herr Stieber in 
Köln wird genaue Auskunft über den Zweck geben." Stieber wußte also, 
zu welchem Zweck der Brief gefälscht war. Auch hatte Fleury noch be- 
sonders an Goldheim darüber geschrieben. 

Zwischen Fleury, Goldheim, Stieber u. dem pr. Polizeipräsidium war 
man also stillschweigend einig über die Fälschung. 

(Stieber machte keinen Gebrauch von dem Briefe, weil er schon vorher 
gezwungen war das Protocollbuch fallen zu lassen, indem unabhängig 

6. Marx an Ferdinand Lassalle - 1. oder 2. Juni 1860 

von den von mir eingeschickten Legalisationen Schneider II eine Unter- 
schrift Liebknecht's u. Ring's zu Köln aufgetrieben, auch aus einem viel 
früher von mir geschriebnen Brief ersehn hatte, daß Hirsch der Fabrikant 
war. Stieber erhielt Wind davon, daß Schneider, u. nach ihm andre Ad- 
vokaten, auf der Greffe die Unterschriften des Liebknecht etc verglichen 
hatten. Es war dann, daß er in der folgenden Sitzung mit der Erfindung 
des H. Liebknecht hervorsprang. (Sieh p. der „Enthüllungen".)) 

Stieber kannte die Falschheit des Protocollbuchs. Warum brauchte er 
sonst die Legalisation der ächten Unterschriften zu fürchten? 

Am 29 October langte Goldheim in London an. Stieber hatte ihn dahin 
geschickt, um mit Fleury u. Greif an Ort u. Stelle zu unterhandeln, durch 
welchen coup das Protocollbuch gerettet werden könnte. Er mußte re- 
sultatlos zurückkehren, nachdem er dem Fleury mitgetheilt, Stieber sei 
entschlossen, um nicht die Polizeichefs zu compromittiren, ihn, den Fleu- 
ry, im Nothfall bloszustellen. 

Fleury griff nun zu einem lezten Mittel. Er brachte dem Hirsch eine 
Handschrift, nach welcher Hirsch eine Erklärung copiren u. mit dem 
Namen Liebknecht versehn dann vor dem Lord Mayor beschwören solle, 
unter der fälschlichen Angabe, daß er, Hirsch, Liebknecht sei. Als Fleury 
dem Hirsch die besagte Handschrift zum Copiren überbrachte, sagte er 
ihm, die Handschrift rühre von demjenigen her, der das Protocollbuch 
geschrieben habe u. Goldheim habe sie (die Handschrift) von Köln mit- 
gebracht. 

(Es folgt daher, daß das in Köln vorgelegte Protocollbuch nicht das 
von Hirsch u. Fleury geschriebne war. Stieber selbst hatte es copiren 
lassen. ||7)| Es unterschied sich v. dem v. Fleury u. Hirsch verfertigten 
dadurch hauptsächlich, abgesehn von einigen andern unwesentlichen 
Aenderungen, daß die von Fleury eingeschickten Protocolle keine Un- 
terschriften hatten, die von Stieber eingereichten mit Unterschriften ver- 
sehn waren.) 

Hirsch copirte die Erklärung der Handschrift möglichst ähnlich. (Lez- 
tre selbst war noch in seinem Besitz als er London verließ.) Die Erklä- 
rung war des Inhalts, daß der Unterzeichnete, Liebknecht nähmlich, die 
von Marx u. Consorten geschehne Legalisation seiner Unterschrift für 
falsch, u. diese, seine Signatur, für die einzig richtige erkläre. Auf dem 
Weg zum Lord Mayor erklärte Hirsch, er werde nicht von dem Lord 
Mayor schwören. Fleury darauf: er werde selbst die Beeidigung leisten. 
Vorher noch sprach er vor im preussischen Consulate (wo er natürlich 
wohlgekannt war) u. ließ dort seine Handschrift (als Liebknecht) vom pr. 
Consul contrasigniren. Dann begab er sich mit Hirsch zum Lord Mayor, 
zum Zweck der Vereidigung. Der Lord Mayor verlangte jedoch Bürg- 

6. Marx an Ferdinand Lassalle - 1. oder 2. Juni 1860 

Schäften, die Fleury nicht leisten konnte u. der Eidschwur unterblieb. 
(Einen Tag später - aber trop tard - erlangte Fleury eine Advocaturbe- 
glaubigung.) 

Diesen ganzen Dreck erklärte Hirsch vor dem Polizeimagistrat Jardine 
in Bowstreet an Eides statt. Dieselbe wurde an den Präsidenten des Ap- 
pellationshofs Göbel u. gleichzeitig zwei Abschriften an Schneider II u. 
Advocat Esser geschickt. 

Ob Hirsch von Hamburg leiblich nach Berlin gebracht werden kann 
zur Zeugenaussage in Öffentlicher Sitzung u. Confrontation mit Stieber- 
Goldheim-Greif, weiß ich nicht. Cherval, zudem jezt erklärter „Civilisa- 
tor" u. „Liberator", ist keinenfalls unter dem gegenwärtigen Regime zu 
haben. 

| In meiner eignen Zeugenaussage könnte ich natürlich nicht einmal 
nachweisen, ohne Indiscretionen aller Art zu begehn, wie ich dieser u. 
jener Thatsache auf die Spur gekommen bin. Zudem wäre solche Aus- 
sage kein Beweis. 

Der Proceß wäre ausserordentlich einfach, wenn die Regierung de bon- 
ne foi wäre. So ist er sehr schwer zu führen. | 

IIch komme nun zu Fischel. 

Ich stehe mit David Urquhart u. seinem Anhang (ich sage nicht Partei, 
weil Urquhart in Bezug auf seine eigentliche Domäne, Foreign Policy, 
ausser der Sekte, die ihn in allen Disciplinen für einen Propheten hält, 
Anhänger unter allen englischen Parteien hat, von den Tories bis zu den 
Chartisten) im Cartellverhältniß seit 1853, als mein erstes Pamphlet ge- 
gen Palmerston erschien. Seitdem habe ich fortwährend theils von ihnen 
Information erhalten, theils ihnen Gratisbeiträge für ihre Free Press ge- 
liefert (z.B. meine "Revelations of the diplomatic history of the 18" cen- 
tury" ebenso über den "Progress of Russia in Central Asia" etc) geliefert 
u. meine Personalkenntniß russischer Agenten wie des Bangya etc ihnen 
zur Disposition gestellt. Fischel nun ist der anerkannte, so zu sagen of- 
ficielle Agent der Urquhartiten in Berlin u. von seiner dortigen Thätigkeit 
ist mir nur das Portfolio von Hörensagen bekannt. So also kam ich mit 
Fischel (den ich zu London nur zufällig in einem Zeitungsbureau trafu. 
Dich bei der Gelegenheit grüssen ließ) in Verbindung. Er hat verschiedne 
Aufträge für mich u. Engels in Berlin besorgt. Wir haben nie ein Wort, 
weder mündlich noch schriftlich, über innere Politik mit einander ge- 
wechselt, wie ich das überhaupt auch nie mit Urquhart gethan, seitdem 
ich ihm ein für allemal erklärt, ich sei ein Revolutionist, u. er mir ebenso 
offen erklärt hat, alle Revolutionists seien Agenten oder Dupes des Pe- 

tersburger Cabinets. 

6. Marx an Ferdinand Lassalle - 1. oder 2. Juni 1860 

In den Briefen, die wir mit Fischel gewechselt, hat er immer grosse 
Discretion beobachtet, u. sich auf das Gebiet der auswärtigen Politik 
beschränkt, worin wir mit den Urquhartiten übereinstimmen. 

Du wirst die Schriften Urquhart's gelesen haben u. es wäre (der lange 
Brief hat mich ohnedieß in meinem jezigen Zustand sehr angegriffen) 
daher überflüssig, wollte ich mich hier auf eine Analyse dieser sehr 
complicirten Erscheinung einlassen. Er ist allerdings subjektiv-reactionär 
(romantisch) (zwar sicher nicht im Sinne irgend einer wirklichen reactio- 
nären Partei, sondern metaphysisch so zu sagen); dieß verhindert die 
Bewegung in der auswärtigen Politik, die er leitet, durchaus nicht objec- 

tiv-revolutionär zu sein. 

Daß seine deutschen Anhänger wie Bucher, Fischel etc (des leztern 
„Moskowitterthum" kenne ich nicht, wohl aber weiß ich, ohne es gelesen 
zu haben, was drin steht) auch seine „angelsächsischen" Marotten, die 
übrigens nicht ohne eine eigne Art verzwickter Kritik sind, adoptirt ha- 
ben, ist mir ganz gleichgültig; so gleichgültig, wie es Dir sein würde in 
einem Krieg gegen Rußland z.B., ob Dein Nebenmann auf die Russen 
schießt aus schwarzrothgoldnen od. revolut. Motiven. || Urquhart ist eine 
Macht, die von Rußland gefürchtet wird. Er ist der einzige officielle 
Mensch in England, der den Muth u. die Ehrlichkeit hat, Front gegen die 
public opinion zu machen. Er ist der einzig unbestechliche (sei es durch 
Geld od. Ambition) unter ihnen. Ich habe endlich bisher ausnahmsweise 
grade unter seinen Anhängern nur ehrliche Menschen kennen gelernt u. 
muß daher bis auf den Beweis des Gegentheils auch den Fischel dafür 
halten. 

Was F's Verhältniß mit dem Herzog v. Gotha betrifft, so glaube ich 
nicht, aus sehr guten Gründen, daß es ein Soldverhältniß ist. Da dieser 
Gothaer zur englischen Dynastie gehört, die Urquhart gegen Palmerston 
u. die Ministerusurpation überhaupt verwendet, („warum schießt man 
nie auf die Cabinetsräthe"? fragt Humboldt in Ahnung dieser Cabinets- 
Usurpation) so konnte ihm nichts gelegner sein, als unter dessen Namen 
in Deutschland gegen Rußland u. Palmerston opponiren zu lassen. Fi- 
schel's Brochure „Despoten als Revolutionäre" wurde daher ins Engli- 
sche übersetzt als "The Duke of Coburg's pamphlet" u. erschien Pal- 
merston doch wichtig genug eigenhändig in einem Pamphlet (anonym) zu 
antworten, das ihn sehr compromittirt hat. Palmerston hatte nähmlich 
bisher die unglücklichen Coburger zum Sündenbock seines Russenthums 
gemacht u. die Brochure zwang ihn, diesen false pretext fallen zu lassen. 

Es ist sehr möglich u. wahrscheinlich, daß Fischeis Antipalmerstonia- 
nismus in Berlin von wenig Bedeutung ist. Er ist dagegen wichtig für 
England (u. dadurch par Ricochet für Deutschland), indem diese Pole- 

6. Marx an Ferdinand Lassalle - 1. oder 2. Juni 1860 

mik durch die Urquhartiten geschickt ausgebeutet, großgemacht u. als 
deutsche Ansicht über Palmerston in der englischen Polemik vernutzt 
wird. 

In dem Krieg, den wir zusammen mit den Urquhartiten gegen Ruß- 
land, Palmerston u. Bonaparte führen, u. woran Personen aller Parteien 
u. Stände in allen Hauptstädten Europa's bis Constantinopel theilneh- 
men, ist daher auch Fischel ein Glied. Mit Bucher dagegen habe ich nie 
eine Sylbe gewechselt, weil es nutzlos wäre. Sasse er, statt zu London, zu 
Berlin, so wäre das etwas andres. 

Kommen wir in Deutschland in eine revolutionäre Epoche, so hört die 
Diplomatie ||10)| natürlich auf, eine Diplomatie, in der sich übrigens von 
keiner Seite das Geringste vergeben oder auch nur vorgeheuchelt wird. 
Selbst dann wird uns diese englische Verbindung nützlich sein. 

Daß übrigens in auswärtiger Politik mit solchen Phrasen wie „reactio- 
när" u. „revolutionär" nichts gedient ist, versteht sich von selbst. Revo- 
lutionäre Partei existirt jezt überhaupt nicht in Deutschland u. die wider- 
lichste Form der Reaction ist für mich die kgl. pr. Hofdemokratie, wie sie 
etwa in der „Nationalzeitung" u. zu einem gewissen Grade (Begeisterung 
für den Lump Vincke, für den Regenten etc) auch in der „Volkszeitung" 
geführt wird. 

Jedenfalls haben die Urquhartiten den Vorzug, daß sie „unterrichtet" 
sind in der auswärtigen Politik, die Ignoranten Mitglieder derselben ihre 
Inspiration von Unterrichteten erhalten, u. daß sie ein bestimmtes großes 
Ziel, den Kampf mit Rußland, verfolgen, u. die Hauptstütze der russi- 
schen Diplomatie, Downingstreet at London, auf Leben u. Tod bekämp- 
fen. Sie mögen sich einbilden, daß dieser Kampf die Herstellung „angel- 
sächsischer" Zustände herbeiführen wird. Wir Revolutionäre haben sie 
zu benutzen, so lange sie nöthig sind. Es hindert dieß nicht, ihnen direkt 
auf den Kopf zu schlagen, wo sie in der innern Politik hemmend entge- 
gentreten. Mir haben die Urquhartiten nie übel genommen, daß ich mit 
meinem Namen gleichzeitig in dem ihnen tödtlich verhaßten Chartisten- 
blatt, dem People's Paper von Ernest Jones, schrieb, so lange es existirte. 
E. Jones lachte über Urquhart's Marotten, machte sie lächerlich in sei- 
nem Blatt, u. erkannte dennoch öffentlich in demselben Blatt seinen aus- 
serordentlichen Werth in der Foreign Policy an. 

Schließlich noch ist der Urquhartitische Romanticismus, trotz seines 
fanatischen Hasses gegen die französische Revolution u. alles „Allgemei- 
ne", äusserst liberal. Die Freiheit des Individuums, nur in sehr verzwick- 
ter Weise, ist sein leztes Wort. Um das fertig zu bringen, maskirt er al- 
lerdings das „Individuum" in allerlei alterthümliche Trachten. 

Salut D KM