Karl Marx an Georg Lommel
in Genf

London, Montag, 9. April 1860
(Entwurf)

9 April. 1860.
An G. Lommel. (Genf.)

Bürger,

Siebel, den ich vor einigen Tagen hier bei Freiligrath traf, auf seiner
Rückreise v. der Schweiz, erzählte mir, daß ein Brief, den ich am 26 Feb.
v. Manchester an die „Redaction der Neuen Schweizer Zeitung" ge-
schickt u. für Sie bestimmt hatte, in die Hände von Brass gefallen sei. Es
war mir nähmlich gesagt worden, Sie seien der Rédacteur der „Neuen
Schweizer Zeitung", die mir nie zu Gesicht gekommen. In diesem Glau-
ben schrieb ich, da Ihr Name mir rühmlichst bekannt war aus den Re-
volutionsannalen, Herrn Brass würde ich nicht geschrieben haben.

Was ich von Ihnen wünschte, war Aufklärung über Vogts Treiben. Es
sind mir Materialien über das Treiben V's u. der andern bonapar-
tistischen Agenten von Männern die den Emigrationen verschiedner Län-
der u. verschiedner Farben der revol. Partei angehören zugeströmt. Ich
wünsche aber kritisch zu Werk zu gehn u. streng wahrheitsgemäß. Ein
Beitrag v. Ihnen, bei Ihrer genauen Kenntniß der Schweizer Verhältnisse,
wäre mir daher vom höchsten Werth.

Was Ihre Schrift „Hinter den Coulissen" angeht, wovon Siebel mir
1 Copie gegeben, so hat sie mich sehr interessirt u. halte ich es für wich-
tig, daß der zweite Theil derselben erscheint. Für leztern könnte ich Ihnen
vielleicht einen zahlenden Buchhändler hier verschaffen. Was den V Theil
betrifft, so denke ich, daß ich 300 Exemplare, das Stück zu 1 franc un-
terbringen kann, theils durch directen Verkaufin den verschiednen Lond.
Vereinen, theils durch Buchhändler. Nur müssen die Exemplare erst hier
sein. Schicken Sie dieselben, wenn Ihnen die Sache zusagt, an die Buch-
handlung: „Petsch etc London".

Endlich habe ich Ihnen noch einen andern Vorschlag zu machen. Mein
Freund J. Weydemeyer (früher Mitredacteur der „Neuen Deutschen Zei-
tung" zu Frankfurt) hat seine Stelle als Deputy-Surveyor im Staat Wis-
consin aufgegeben, auf Aufforderung des Arbeiterbundes in den Ver.

224. Marx an Georg Lommel : 9. April 1860

Staaten, (der seinen Vorort v. New York nach Chicago verlegt), um in
Chicago die Redaction eines v. den Arbeiter- u. Turnvereinen gegrün-
deten Tagesblatts „Die Stimme des Volks" zu übernehmen. Ich bin v. ihm
35 ersucht, die Correspondenten in Europa zu werben, was ich bereits hier,
zu Paris u. Berlin gethan. Ich erlaube mir Sie zur Correspondenz f. die
Schweiz aufzufordern, zunächst einmal wöchentlich. Honorar für den
Brief 2 dollars (10 fcs) - Bezahlung ist einstweilen, wie v. einem solchen
Blatt u. namentlich im Beginn zu erwarten, schwach; wird sich verbessern
40 mit Hebung des Blatts. Bis jezt existirt nur Ein Tagesblatt im Staat Illi-
nois, die „Staatszeitung". Chicago wird aber täglich mehr Centrum des
ganzen Nordwestens v. America, wo die deutsche Bevölkerung sehr
stark. Für pünktliche Zahlung garantire ich. Wollen Sie auf den Vor-
schlag eingehn, so beginnen Sie gleich diese Woche u. machen mir gefal-
45 ligst Anzeige. Die Adresse ist:

J. Weydemeyer, care of Chicago Arbeiterverein, Box 1345, Chicago
(Illinois). United States.

Um auf Vogt zurückzukommen, so werden Sie aus einer Erklärung
(Anfang Februar) v. mir in verschiednen Deutschen Zeitungen ersehn

50 haben, daß ich auf sein Pasquill antworten werde nach Erledigung der
Verläumdungsklage, die ich gegen die Berliner Nationalzeitung führe we-
gen Abdrucks aus dem Vogtschen Machwerk.

S. 180-181 (sieh die Stelle) spricht Vogt v. einer „Verschwörung", die er
bei dem Lausanner Arbeiterfest vereitelt? Können Sie mir über diese Re-

55 nommage Aufschluß geben. Die Stelle lautet wörtlich wie folgt: Was ist
an der Sache?

Schließlich erlaube ich mir noch zu bemerken, daß die Darstellung v.
Vogts Treiben, die Sie in Briefform an mich richten könnten, u. wobei Sie
sich in sehr ehrenvoller Gesellschaft anderer Flüchtlinge befinden wür-

60 den, (die aber wegen des Processes in Berlin erst später erscheinen kann),
einen selbständigen Theil meiner Schrift als v. Ihnen herkommend bilden
würde u. ich f. den v. Ihnen gelieferten Theil das mir vom Buchhändler
per Bogen bezahlte Honorar Ihnen natürlich zukommen lassen würde.
Ich bemerke das, weil ich die Flüchtlingsverhältnisse, in denen ich selbst,

65 mit geringer Unterbrechung, seit 17 Jahren lebe, genau kenne, u. es sehr
Unrecht wäre, wenn Einer v. uns auf Kosten des andren sich v. einem
Buchhändler bezahlen liesse. Meine Schrift wird wegen des Processes in
Berlin u. weil Vogts Hauptangriff u.s.w. gegen mich gerichtet ist, viel
Nachfrage haben u. einen guten Buchhändler in Dtschd finden. Es fragt

sich, ob nicht im Interesse der Sache, die Concentration der Angriffs- 70
kräfte wünschenswerth. Sie werden darüber natürlich ganz nach Ihrem
Gutdünken urtheilen u. auf keinen Fall mein offnes Verfahren mißdeu-
ten.
Gruß u. Handschlag
Ihr ganz ergebener 75
K. M.

Wenn Sie mir schreiben, so schreiben Sie mir unter der Adresse: A. Wil-
liams, Esq. 9, Grafton Terrace, Maitland Park, Haverstock Hill, London.