Karl Marx an Julius Weber 
in Berlin 
Manchester, Freitag, 24. Februar 1860 

11)24 Feb. 1860. 

6. Thorncliffe Grove, 

Oxfordroad, Manchester. 
Hochgeehrter Herr, 

Es wundert mich, daß auch gestern noch keine Empfangsanzeige des 
Ihnen am 13 Feb. zugesandten registrirten Briefes von Berlin angekom- 
men war. 

Gestern sandte ich Ihnen von hier - Manchester - einen zweiten regi- 
strirten Brief, Vollmacht nebst sieben Anlagen, und erlaube mir heute, 
mit Bezug aufdie erwähnten u. numerirten Anlagen, einige fernere Rand- 
glossen zu den Hauptpunkten, die nach meiner Ansicht in der Verläum- 
dungsklage gegen die Berliner „Nationalzeitung" zu betonen sind. Ich 
schliesse gleichzeitig ein einen Brief vom 19 Nov. 1852 und ein Exemplar 
der von mir 1853 veröffentlichten „Enthüllungen". 

I) a) Das anonyme Flugblatt „Zur Warnung”. 

In No. 41 der Berliner „Nationalzeitung", Leitartikel, „Wie man radi- 
kale Flugblätter macht", Seite 1, Spalte 3, heißt es wörtlich: 

„Die Partei Marx konnte nun sehr leicht die Autorschaft des Flug- 
blatts auf Blind wälzen, eben weil und nachdem dieser im Gespräch mit 
Marx und in dem Artikel der Free Press' sich in ähnlichem Sinne ge- 
äussert hatte; mit Benutzung dieser Blind'schen Aussagen und Redewen- 
dungen konnte das Flugblatt geschmiedet werden, so daß es wie sein (sc. 
Blind's) Fabrikat aussah." Ueberhaupt ist der ganze animus dieser Spal- 
te, mich als den Schmieder des besagten Flugblatts darzustellen und mich 
zugleich mit der Infamie zu belasten, demselben das Aussehn gegeben zu 

haben, als sei es von Blind fabricirt. 

Ehe ich nun zu dem in den gestern geschickten Anlagen enthaltnen 
Beweise komme, halte ich es für nöthig Ihnen die Geschichte dieser Con- 
troverse kurz zusammenzustellen. 

Die Augsburger Allgemeine Zeitung, während ihres Processes mit 
Vogt, veröffentlichte unter andern Aktenstücken folgenden Brief von 

mir: 

„19 October, 1859, 9, Graftonterrace, Maitlandpark, Haverstockhill, 
London. 

35 Mein Herr, 

Solange ich eine Hand in der deutschen Presse hatte, habe ich die 
Allgem. Zeitung angegriffen, u. hat die Allgem. Zeitung mich angegrif- 
fen: dieß hindert mich natürlich keineswegs, der Allgem. Zeitung, soweit 
ich kann, behülflich zu sein in einem Fall, worin sie meiner Ueberzeu- 

40 gung nach die erste Pflicht der Presse erfüllt hat, die der Denunciation 
von Humbugs. Das anliegende Document wäre ein gerichtliches Docu- 
ment hier in London. Ich weiß nicht, ob es so in Augsburg ist. Ich habe 
mir besagtes Document verschafft, weil Blind verweigerte für Äusserun- 
gen einzustehn, die er mir u. andern gegenüber gemacht, die ich Lieb- 

45 knecht wieder erzählte, und die ihm kein Bedenken über die in dem an- 
onymen Pamphlet enthaltne Denunciation erlaubte. Ihr ganz ergebner 
Dr. K. Marx." 

Das diesem Brief an die Allg. Zeit, beigelegte u. ebenfalls von ihr ver- 
öffentlichte Aktenstück lautet also: 

50 „Ich erkläre hiemit in Gegenwart von Dr. Carl Marx u. Wilhelm Lieb- 
knecht, daß das unter dem Titel ‚Zur Warnung' anonym u. ohne Angabe 
des Druckorts herausgegebne Flugblatt, das in Nr. 7 des , Volk' abge- 
druckt wurde, 1)in der Druckerei des Fidelio Hollinger, 3 Litchfield- 
street, Soho, gesetzt und gedruckt ist, indem ich selbst einen Theil des 

55 Manuscripts, F. Hollinger den andern setzte; [2)] daß es in der Hand- 
schrift von Carl Blind geschrieben war, die mir bekannt ist aus Manu- 
scripten des Carl Blind für den ,Hermann', und aus anonymen, von Carl 
Blind geschriebenen Flugschriften, die an dem angeblichen Druckort 
‚Frankfurt a. M.', in der That aber bei F. Hollinger, 3 Litchfieldstreet 

60 Soho, gesetzt und gedruckt sind; 3) daß Fidelio Hollinger selbst den Carl 
Blind mir als Verfasser des gegen Prof. Vogt gerichteten Flugblatts ‚Zur 
Warnung' bezeichnet hat. August Vögele, Setzer. Die Richtigkeit der vor- 
stehenden Unterschrift bezeugt W. Liebknecht, Dr. K. Marx. London, 
17 Sept. 1859." (Sieh Vogt's Schrift: „Mein Process gegen die Allg. Zeit". 

65 Dokumente, p. 30, 31) 

In Antwort hierauf erschien in Nr. 313 der Allgem. Zeitung u. in der 
Kölnischen Zeitung folgender Brief von Karl Blind, nebst beigelegten 
Zeugnissen von Hollinger u. Wiehe: 

„London, 23 Townshend Road, St. John's Wood, 3 Nov. 1859. Zur 

70 Abweisung der Angabe als sei ich der Verfasser des Flugblatts ‚Zur War- 
nung', veröffentliche ich nur folgendes Document. Dieß nur als Abwehr - 
nicht zur Rechtfertigung Karl Vogt's, dessen Handlungsweise ich und 
meine Freunde von der republikanischen Partei, nach allem was uns seit 

einem halben Jahre bekannt wurde, unbedingt verurtheilen müssen. Be- 
zeugen kann ich die Richtigkeit der von Herrn Julius Fröbel gemachten 
Mittheilung, daß von Seiten Vogt's allerdings Geldanerbietungen hierher 
gelangten, um hiesige Deutsche zu bestimmen in dem bekannten Sinne 
auf die vaterländische Presse einzuwirken. Karl Blind." a) „Ich erkläre 
hiermit die in Nr. 300 der Allg. Z. ||2)| enthaltene Behauptung des Setzers 
Voegele, als sei das dort erwähnte Flugblatt ‚Zur Warnung' in meiner 
Druckerei gedruckt worden, oder als sei Herr Karl Blind der Urheber 
desselben, für eine böswillige Erdichtung. Fidelio Hollinger. 3, Litchfield- 
street, Soho, London, 2Nov. 1859." b) „Der Unterzeichnete, der seit 
11 Monaten in Nr. 3 Litchfieldstreet, wohnt u. arbeitet, giebt seinerseits 
Zeugniß für die Richtigkeit der Aussage des Herrn Hollinger. London. 
2Nvbr. 1859. J.F. Wiehe, Schriftsetzer." (Vergleich Vogts Buch, Doku- 
mente, S. 37 u. 38.) 

Hierauf erwiederte ich in No. 325 der Allg. Zeit. u. habe Ihnen den 
betreffenden Ausschnitt aus der A. A. Z. in meinem ersten Briefvon Lon- 
don eingeschlossen. 

Karl Blind seinerseits gab eine neue Entgegnung in der Beilage der 
Allg. Zeit, vom 11'°" December, worin die Redaction erklärt: „Herr Karl 
Blind erklärt im Wesentlichen: Indem ich mich wiederholt aufdie von dem 
Druckereibesitzer Herrn Hollinger und dem  Schriftsetzer Wiehe  gezeich- 
neten Dokumente berufe, erkläre ich zum leztenmal die, jezt nur noch als 
Insinuation auftretende, Unterstellung als sei ich der Verfasser des oft 
erwähnten Flugblattes für eine platte Unwahrheit. In den neueren An- 
gaben über mich finden sich die gröbsten Entstellungen. Noch einmal: 
dieß nur als Abwehr gegen die Marx-Biscamp-Liebknecht'sehe Seite hin, 
nicht zur Rechtfertigung Vogt's, gegen den ich mich schon früher ausge- 
sprochen." Zu dieser Erklärung bemerkte die Redaction der Allgem. 
Zeit.: „Da fernere Aufklärungen dieser Verhältnisse oder das Hin- und 
Herziehn derselben in diesen Blättern längst für das grössere Publicum 
jedes Interesse verloren hat, so ersuchen wir die betreffenden Herrn, die 
dieß angeht, auf etwaige weitere Entgegnungen zu verzichten." (cf Vogts 
Buch, Dokumente, p. 41, 42.) 

Damit waren einstweilen die Akten geschlossen. Sobald mir die Artikel 
der 'Nationalzeitung mit dem Auszug aus Vogt's Pamphlet und dem Com- 
mentar darüber zu Gesicht kamen, veröffentlichte ich zunächst das eng- 
lische Circular (AnlageHl), gerichtet an den Rédacteur der Londoner 
Free Press. Ihr Zweck war den K. Blind zu einer Injurienklage gegen 
mich zu veranlassen, und mir so Gelegenheit zu geben, erstens in London 
die gerichtlichen Beweise über Druck und Urheberschaft des Pamphlet's 
„Zur Warnung" beizubringen, zweitens den wirklichen Verfasser dessel- 

ben zu zwingen, seine Ueberführungsstücke gegen Vogt einem englischen 
Gerichtshof vorzulegen. 

Die nächste Folge dieses Circulars (Anlage III), das ich, sobald es 
gedruckt war, sofort Karl Blind zusandte, war K. Blind's Erklärung, die 
in der Allgem. Zeitung vom 13 Februar erschien, in der Beilage zu 
Nr. 44. In dieser Erklärung, überschrieben „ Gegen Karl Vogt", wiederholt 
Blind, daß er nicht „Verfasser" des gegen Vogt gerichteten Flugblatts 
„Zur Warnung" sei, rückt aber, durch mein Circular gezwungen, mit 
einigen Argumenten hervor, daß Vogt ein Agent der bonapartistischen 
Propaganda in London sei. Dieß war die unmittelbare Folge des ersten 
Schritts, den ich durch Veröffentlichung des Circulars (Anlage III) ge- 
than. 

Unterdessen hatte ich mir die beiden Affidavits der Setzer Voegele u. 
Wiehe (Anlage I u. II) verschafft. Diese Affidavits bewiesen: Erstens: daß 
meine Behauptung, das Flugblatt „Zur Warnung" sei in der Setzerei des 
Hollinger gedruckt und in Blind's Handschrift geschrieben, wahr war. 
Zweitens: daß die von Blind in Nr. 313 der Allg. Zeit, ebenso in der Köln. 
Zeit, beigebrachten, u. von Blind in der Beilage der Allg. Zeit, vom 
11°" December wieder angezognen Zeugnisse von Hollinger u. Wiehe 

falsch waren. Drittens: Daß Blind und Hollinger (Sieh Anlage II, das 

Affidavit des Schriftsetzers Wiehe) eine conspiracy (Verschwörung) ein- 
gegangen, um falsche Zeugnisse gegen mich zu erhalten, u. mich in der 
öffentlichen Meinung als einen Lügner u. Verläumder zu verunglimpfen. 
Eine solche conspiracy ist nach englischem Recht kriminell. Der einzige 
Umstand, der mich verhindert hat Hollinger u. Blind kriminell zu ver- 
folgen ist Rücksicht auf Blinds Familie. 

Von den Affidavits (Anlage I und II) der beiden Setzer Voegele u. Wie- 
he schickte ich die Abschrift an einige mit Blind verkehrende Flüchtlinge, 
welche sie ihm mittheilten. Die unmittelbare Folge war die Erklärung des 
Dr Schäuble im Daily Telegraph vom 15'Feb. 1860, worin Schaible sich 
als Verfasser des Flugblatts „Zur Warnung" nennt u. für die darin ent- 
haltnen Beschuldigungen gegen Vogt die Verantwortlichkeit auf sich 
selbst nimmt. (Siehe Anlage VI.) Will Vogt also seine Unschuld beweisen, 
so muß er den Process von neuem beginnen - in London. Die Erklärung | 
|3)| Schaible's der Verfasser des Flugblatts „Zur Warnung" zu sein, ändert 
durchaus nichts an den Thatsachen, daß das Flugblatt in Hollinger's 
Setzerei gedruckt worden ist, daß Blind es drucken ließ, daß es in Blinds 
Handschrift geschrieben war, daß die von ihm beigebrachten Zeugnisse 
des Hollinger u. Wiehe falsch waren, endlich, daß Hollinger u. Blind sich 
durch falsche Zeugnisse aus der Schlinge zu ziehn und mich zu com- 

promittiren suchten. 

Ich habe nicht nöthig Ihnen weiter auseinanderzusetzen, daß die bei- 
den Affidavits von Voegele u. Wiehe (Anlage I u. II) und die Erklärung 
des Dr. Schaible im Daily Telegraph vom 14°" Februar (Anlage VI) Ihnen 
die positiven Beweise in die Hände liefern für die Falschheit der sub I) a) 
dieses Briefs von mir angeführte Verläumdung der Nationalzeitung. 

b) Mein Verhältniß zur Allgemeinen Zeitung. 

Die beiden Briefe der Redaction der Allgem. Zeitung an mich d.d. 
16 October 1859 (Anlage IV u. V) u. mein Antwortschreiben darauf d. d. 
19 Octob. 1859, das ich oben sub I, a) citirt habe, bilden meine ganze 
Correspondenz mit der All. Zeitung. Sie beschränkt sich also einfach dar- 
auf, daß ich der Allgem. Zeit, ein schriftliches Dokument zur Verfügung 
stellte, welches den Ursprung des Flugblattes, wegen dessen Abdruck die 
Allg. Zeit, von Vogt gerichtlich verfolgt war, aufhellen mußte. 

Am 9°" Mai 1859, bei Gelegenheit eines von David Urquhart abgehalt- 
nen Öffentlichen Meeting's erzählte mir K. Blind sämmtliche im Flugblatt 
„Zur Warnung", das erst im folgenden Juni erschien, später wiederholten 
Anklagen gegen Vogt. Er versicherte mir, die Beweise seien in seiner 
Hand. Ich legte kein grosses Gewicht auf diese Mittheilung. Das Vogt- 
sche Pamphlet, betittelt „Studien zur gegenwärtigen Lage Europa's", fer- 
ner Vogt's Verhältniß zu Fazy, dem „Tyrannen von Genf, und Fazy's 
Verhältnisse zu L. Bonaparte, hatten mich bereits überzeugt, daß Vogt 
ein bonapartistischer Agent sei. Ob mit böser oder guter Absicht, ob 
bezahlt oder unbezahlt, war mir vollständig gleichgültig. Zwei oder drei 
Tage nach Blind's Mittheilung erschien Herr Biscamp, mit dem ich nie 
persönlich oder politisch irgendwie in Verbindung gestanden, in meinem 
Hause eingeführt von Liebknecht. Biscamp forderte mich auf, ich u. mei- 
ne Freunde möchten das von ihm gestiftete Blatt „Das Volk" mit litera- 
rischen u. Geldbeiträgen zu unterstützen. Ich wies sein Ansinnen zu- 
nächst ab, weil meine Zeit in der That sehr in Beschlag genommen sei, ich 
andrerseits „Das Volk", von dem nur noch eine Nummer erschienen war, 
erst näher kennen lernen müsse, bevor ich meine Freunde zur Mitwir- 
kung an demselben auffordern könne. Ich hob dabei hervor, daß ich jede 
Betheiligung an den in London erschienenen deutschen Journalen bisher 
principiell vermieden habe. Während dieser Zusammenkunft erzählte ich 
dem Liebknecht, in Biscamp's Gegenwart, Blind's Aussage auf dem 
Urquhartschen meeting wieder. Ich erwähnte dabei noch der süddeut- 
schen Neigung aus Wichtigthuerei zu übertreiben. Herr Biscamp machte 
später, in Nr. 2 des „Volk" vom 14° Mai, unter dem Titel „Der Reichs- 
regent als Reichsverräther" auf seine eigne Verantwortlichkeit, und mit 
ihm allein gehörigen Zusätzen, einen Artikel, citirt in Vogt's Schrift: 

„Mein Process etc" unter Documenten p. 17, 18, 19. 

Später, ungefähr Mitte Juni, zu einer Zeit wo ich von London abwe- 
send war u. mich in Manchester befand, erhielt Liebknecht von Hollinger 
in dessen Setzerei den Correcturbogen des Flugblatts „Zur Warnung", 
das er sofort als Reproduction der mir von Blind mündlich gemachten 
Mittheilungen [erkannte], und dessen Manuscript, wie er vom Setzer Voe- 
gele erfuhr, Blind dem Hollinger zum Druck übergeben hatte. Liebknecht 
schickte dieß Correcturblatt der Allg. Zeit, die es abdruckte u. sich so 
Vogt's Verläumdungsklage zuzog. Liebknecht war um so berechtigter die- 
sen Schritt zu thun, (von dem ich nichts wußte, da ich nicht in London 
anwesend war) als er wußte, daß Blind, Vogt's Ankläger, von Vogt selbst 
zur Mitarbeit am projectierten Propagandawerk aufgefordert worden 
war. Einem Menschen gegenüber, der es auf sich nahm für alle Bona- 
parte's Plänen günstige Artikel in der deutschen Presse eine Praemie zu 
zahlen, (Sieh Vogt's Geständniß hierüber in seinem Buche, Brief an 
Dr Löning, Dokumente, p. 36) war es Pflicht solche weitverbreitete Blät- 
ter wie die Allgem. Zeit. „Zur Warnung" zu benutzen. | 

|4)| Sobald Vogt seine Verläumdungsklage gegen die A. A. Z. wegen Ab- 
druck des Flugblatts „Zur Warnung" anhängig machte, schrieb die Re- 
daction der Allg. Zeit, an Liebknecht und bat ihn dringend Beweise bei- 
zubringen. Liebknecht wandte sich an mich. Ich verwies ihn an Blind u. 
begleitete ihn, auf sein Verlangen, selbst zu Blind, wie Sie aus Blind's 
Brief (Anlage VII) ersehn. Wir fanden Blind nicht, der sich im Bad zu 
St. Leonards befand. Liebknecht schrieb zwei Briefe an ihn. Sie blieben 
Wochenlang unbeantwortet bis zum Augenblick, wo Blind glauben 
mochte der Augsburger Process sei seinem Abschluß nah. (Diese Berech- 
nung wurde durchkreuzt durch den Aufschub, den die Allg. Zeit, unter- 
deß für ihren Process erwirkt hatte.) Dann endlich antwortete Blind dem 
Liebknecht in dem Brief vom 8 September, (Anlage VII) worin er mit 
kühlster Unverschämtheit sagt, er habe „an der erwähnten Sache, wie 
schon früher bemerkt, gar keinen Antheil" und wolle „über die im Pri- 
vatgespräch vorgekommnen Bemerkungen später einmal bei Gelegenheit 
mündlich zu sprechen kommen". Liebknecht kam mit diesem Brief zu 
mir. 

Ich sah, daß nun Gewaltmittel nöthig geworden, um Blind's Zunge zu 
lösen. Ich erinnerte mich in der London „Free Press" vom 27" Mai einen 
anonymen Artikel gelesen zu haben („The Grandduke Constantine to be 
King of Hungary"), der den wesentlichen Inhalt des Flugblatt's „Zur 
Warnung" und der mir von Blind mündlich gemachten Äusserungen ent- 
hielt. Styl und Inhalt des Artikels hatten mich keinen Augenblick zwei- 
feln lassen, daß Blind der Verfasser desselben. Um dieß zu vergewissern, 
begab ich mich mit Liebknecht zu Herrn Collet, dem verantwortlichen 

Herausgeber der Free Press. Nach einigem Hin- u. Herreden erklärte er 
Blind für den Verfasser des besagten Artikels. Kurz darauf erhielt ich die 
schriftliche Erklärung des Setzers Voegele, dahin lautend, daß das Flug- 
blatt in Hollinger's Druckerei gesezt worden, und daß das Manuscript in 
der Handschrift Blinds geschrieben war. 

Liebknecht schrieb nun nochmals einen längeren Brief an Blind, worin 
er ihm anzeigte, daß jezt Beweise über sein Verhältniß zu dem Flugblatt 
„Zur Warnung" in unserer Hand seien, ihn u.a. auf den Artikel in der 
„Free Press" verwies, u. ihn nochmals aufforderte die zu seiner Verfü- 
gung stehenden Aufschlüsse zu geben. K. Blind antwortete nicht, brach 
vielmehr vor wie während der Gerichtsverhandlungen in Augsburg kei- 
nen Augenblick sein Stillschweigen. Es war also jezt über allen Zweifel 
klar, daß K. Blind zu einem System des Abläugnens und diplomatischen 
Ignoriren's definitiv entschlossen sei. Unter diesen Umständen erklärte ich 
Liebknecht, ich sei bereit, wenn die Allg. Zeit, es schriftlich von mir 
verlange, ihr die in meinem Besitz befindliche Erklärung des Voegele zu 
überschicken. Dieß geschah in der That, nach Empfang der beiden Briefe 
der Allg. Zeit, vom 16° October, in meinem Antwortschreiben vom 
19°" October. 

Die Motive, die mich zu diesem Schritt bestimmten, waren folgende: 

Erstens: Ich schuldete es Liebknecht, der von mir Blind's Äusserungen 
über Vogt zuerst erfahren, Beweise beizubringen, daß er nicht aufs Un- 
gefähr Anklagen gegen dritte Personen weiter verbreite. 

Zweitens: Die Allg. Zeitung war nach meiner Ansicht völlig berechtigt 
zum Abdruck des Pamphlet's „Zur Warnung", da sie wußte, daß es von 
einer Seite ausging, die Herr Vogt selbst zur Mitarbeit an seinem Pro- 
pagandawerk aufgefordert hatte. Der Umstand, daß die Allg. Zeit, einer 
mir feindlichen Partei angehört u. mich selbst persönlich stets feindlich 
behandelt, sogar wiederholt den albernsten Klatsch gegen mich veröf- 
fentlicht hat, änderte nichts an meiner Ansicht, sowenig wie der Umstand | 
|5)| daß ich mich zufällig ausserhalb des Gerichtsbanns des Augsburger 
Gerichts befinde, die Allgem. Zeit, mich also nicht zwangsweise als Zeu- 
gen vorladen konnte. 

Drittens: Vogt hatte im „Bieler Handelskourier", Nr. 150 vom 2. Juni, 
Beilage (cf. p. 31 der Dokumente in Vogt's Buch) ein Pasquill gegen mich 
veröffentlicht, offenbar unter der Voraussetzung, ich sei Verfasser des im 
„Volk" am 14°“ Mai von Biscamp gegen ihn veröffentlichten Artikels. 
Ebenso ging er in seiner Anklage gegen die Allg. Zeit, von der Voraus- 
setzung aus, ich sei der Verfasser des Flugblatts: „Zur Warnung". Blind 
war offenbar entschlossen das dem Vogt so willkommne Quipro Quo zu 

verewigen. 

Viertens: u. dieß war die Hauptsache für mich. Ich wollte Vogt u. seine 
Ankläger einander gegenüberstellen, und zwar auf einem Terrain, wo die 
Sache zur Entscheidung kommen mußte u. von beiden Seiten alle Win- 
kelzüge abgeschnitten waren. Dazu war es wesentlich, daß ich den wirk- 
lichen Verfasser u. den Veröffentlicher des Flugblatts: „Zur Warnung" 
gewaltsam aus ihrem Versteck herauszog. Daß ich richtig gerechnet hatte, 
beweist Dr Schaible's Erklärung (Anlage VI) und Blind's vorher citirter 
Briefin der Allg. Zeit, vom 13' Februar, Beilage zu No. 44. 

Meine Correspondenz mit der Allg. Zeit, beschränkt sich auf die bei- 
den Briefe (Anlage IV u. V) des Dr. Orges u. mein oben (sub I, a) citirtes 
Antwortschreiben vom 19 October. Das hat Herrn Vogt (u. der Natio- 
nalzeitung) genügt mich zum Mitarbeiter der Allg. Zeit, zu ernennen, u. 
sich selbst dem deutschen Publicum als das unschuldige Opfer einer Con- 
spiration zwischen den Reactionaeren u. der äussersten Linken vorzufüh- 
ren. 

Liebknecht ist Correspondent der Allg. Zeit, seit 1855, ganz wie Herr 
Vogt selbst früher ihr Correspondent war. Liebknecht wird nöthigenfalls 
die Wahrheit eidlich erklären, nähmlich, daß ich niemals ihn benuzt, um 
auch nur eine Zeile in die Allg. Zeit, einzuschmuggeln. Sein Verhältniß 
mit der Allg. Zeit, ging u. geht mich absolut nichts an. Uebrigens be- 
schränkt sich seine Correspondenz ausschließlich auf englische Politik, 
und dieselben Ansichten, die er in der Allg. Zeit, vertritt, vertrat u. ver- 
tritt er in radicalen deutsch-amerikanischen Zeitungen. Es ist keine Zeile 
in seiner Correspondenz enthalten, die nicht seine Ansicht enthält, u. die 
er also nicht überall vertreten könnte. Liebknecht verfolgt in der aus- 
wärtigen englischen Politik ungefähr dieselbe Anti-Palmerston'sche An- 
sieht wie Bucher in der Berliner Nationalzeitung. In der Innern englischen 
Politik hat er stets die Ansichten der fortgeschrittensten englischen Partei 
vertreten. Er hat nie eine Zeile über den Londoner Flüchtlingsklatsch in 
die Allg. Zeit, geschrieben. 

Soviel über mein angebliches Verhältniß zur Allgem. Zeitung. 

I) In Nr. 41 der Nationalzeitung, Leitartikel „Wie man radikale Flug- 
blätter macht", Seite 1, Spalte 2, Zeile 45 von oben u. flgde, heißt es 
wörtlich: 

„Im Mai v.J. wurde von dem neulich schon genannten Biscamp in 
London eine Zeitung ‚Das Volk' gegründet ... Woher das Geld für das 
freigebig vertheilte Blatt kam, wissen die Götter; daß Marx u. Biscamp 
kein  überflüssiges Geld haben, wissen die Menschen. " 

Im Zusammenhang mit dem ganzen Artikel Nr. 41 u. ebenso dem Leit- 
artikel Nr. 37 der Nationalzeitung, worin ich als „Verbündeter der gehei- 
men Polizei in Frankreich u. Deutschland" dargestellt bin, u. namentlich 

mit Bezug auf den sub III) von mir zu citirenden Passus, - deutet die eben 
angeführte Stelle darauf hin, daß das Geld für „Das Volk" auf ehrlose 
Weise von mir verschafft worden sei. | 

|6)| Ich bemerke mit Bezug hierauf: 

Vogt selbst, in seinem von der Nationalzeitung besprochnen Pamphlet 
citirt S. 41 der „Dokumente", die den Anhang seines Buchs bilden, fol- 
gende editorische Notiz aus N. 6 des „Volk" d.d. 11 Juni: 

„Wir haben die Genugthuung, unsern Lesern mittheilen zu können, 
daß K. Marx, Fr. Engels, Ferd. Freiligrath, W. Wolff, H. Heise etc ... 
entschlossen sind, dem ,Volk' ihre Unterstützung zu gewähren." 

Also bis Mitte Juni hatte ich dem ,,Volk" noch keine Unterstützung 
gewährt u. seine financiellen Verhältnisse bis zu dieser Zeit gehn mich 
absolut nichts an. Indeß kann ich beiläufig so viel bemerken: Biscamp, 
der damals vom Unterrichtgeben in London lebte, redigirte „Das Volk" 
stets gratis. Ebenso gaben alle Mitarbeiter vom ersten Erscheinen bis zum 
Untergang des Blatts ihre Beiträge gratis. Die einzigen Productionsko- 
sten, die zu bestreiten waren, bestanden daher aus den Druckkosten und 
Expeditionskosten. Diese waren indeß stets bedeutend höher als der Er- 
trag des Blatts. Bevor ich dem Blatt meine Mitwirkung gab, wurden die 
Ausfälle gedeckt durch öffentliche Sammlungen unter Deutschen in Lon- 
don. Später verschaffte ich 20-25 1. St. (133 bis 166 Thaler), die aus- 
schließlich beigeschossen waren von Dr Borchardt, praktischem Arzt, 
Dr Gumpert, ditto, DrHeckscher, ditto, Wilhelm Wolff, Lehrer, 
Friedrich Engels, Kaufmann, (alle wohnhaft zu Manchester) und von mir 
selbst. Ein Theil dieser Herrn stimmt keineswegs mit den politischen An- 
sichten von mir, Engels u. W. Wolff überein; alle hielten es aber höchst 
zeitgemäß den bonapartistischen Umtrieben in der Emigration (u. dieß 
war der Hauptzweck des „Volk") entgegenzutreten. 

Endlich hinterließ „Das Volk" eine Schuld, ich glaube von 8 1. St. 
(53 Th.), für die Biscamp verantwortlich ist, u. wofür Hollinger einen 
Schuldschein von ihm in Händen hat. 

Dieß ist die ganze Finanzgeschichte des „Volk". 

Was Herrn Biscamp betrifft, so hat er jezt selbst, in der Beilage zu 
Nr. 46 der Allg. Zeit, vom 15 Februar 1860, erklärt: 

„Mein ganzer politischer Zusammenhang mit Herrn Marx beschränkt 
sich auf wenige journalistische Beiträge, die er für das von mir gegründete 

. Wochenblatt Volk lieferte." 

Was meine eignen Einnahmequellen angeht, so will ich nur bemerken, 
daß ich seit 1851 fortwährender Mitarbeiter der „New York Tribune”, 
des ersten englisch-amerikanischen Blattes, für das ich nicht nur Corre- 
spondenzen, sondern auch Leitartikel liefre. Das Blatt zählt an 200 000 

1P- 

160. Marx an Julius Weber : 24. Februar 1860 

Abonnenten und zahlt demgemäß. Ich bin ferner seit mehreren Jahren 
Mitarbeiter an der von Herrn Dana, einem der Redacteure der New York 
Tribune herausgegebnen Cyclopaedia Americana. Ich denke, daß ich noch 
für die Gerichtsverhandlungen einen auf diese Verhältnisse bezüglichen 
Brief des Herrn Dana von New York erhalten werde. Sollte dieser Brief 
jedoch nicht rechtzeitig eintreffen, ||7)| so genügt es Sie auf Herrn Ferdi- 
nand Freiligrath, manager der General Bank of Switzerland, 2, Royal 
Exchange Buildings, London, zu verweisen, der seit vielen Jahren so ge- 
fällig war meine Wechsel auf America einzukassiren. 

Die Schamlosigkeit Vogt's u. der mit ihm verbündeten Nationalzeitung 
mich wegen meiner Betheiligung an einem Blatt zu verdächtigen, das 
nicht zahlte, ist um so grösser als derselbe Vogt, Seite 226 seines von der 
Nationalzeitung besprochnen Buches, offen sagt, daß „er" auch „ferner- 
hin" das Geld für seine Zwecke „nehmen wird, woher er es bekommen 

kann". 

III) In Nr. 37 der Nationalzeitung, Leitartikel, betittelt: „Karl Vogt u. 
die Allgemeine Zeitung", Seite 1, Spalte 2, Zeile 22 von oben u. folgende, 
sagt die Nationalzeitung, u. ich betrachte diesen passus als den aggravir- 
endsten der Verläumdungsklage, wörtlich wie folgt: 

„Vogt berichtet S. 136 u. folg.: Unter dem Namen der Schwefelbande 
oder auch Bürstenheimer war unter der Flüchtlingschaft von 1849 eine 
Anzahl von Leuten bekannt, die Anfangs in der Schweiz, Frankreich und 
England zerstreut, sich allmählich in London sammelten und dort als ihr 
sichtbares Oberhaupt Herrn Marx verehrten ... Eine der Hauptbeschäf- 

tigungen der Schwefelbande war Leute im  Vaterlande so zu compromittiren, 
daß sie Geld zahlen mußten, damit die Bande das Geheimniß ihrer Com- 
promittirung bewahre. Nicht einer, sondern Hunderte von Brie- 
fen wurden nach Deutschland geschrieben, daß man die Be- 
theiligung an diesem od. jenem Akt der Revolution denun- 
ciren werde, wenn nicht bis zu einem bestimmten Zeit- 
punkt eine gewisse Summe an eine bezeichnete Adresse ge- 
lange ... Die Proletarier' (als deren Chef ich dargestellt werde) füllten 
die Spalten der reactionären Presse in Deutschland mit ihren Angebereien 
gegen diejenigen Demokraten, die ihnen nicht huldigten. Sie wurden die 

Verbündeten der geheimen Polizei in Deutschland und Frankreich. " 

In Bezug auf diesen infamen Passus, den die Nationalzeitung ohne wei- 
teres von Hrn Vogt sich aneignet, u. dem sie eine Circulation bei ihren 
9000 Abonenten gab, bemerke ich folgendes: 

Erstens: Wie ich schon in meinem ersten Briefe an Sie bemerkt habe, 
wird es nun die Aufgabe der Nationalzeitung sein von den „Hunder- 

ten" von Drohbriefen einen einzigen Brief oder eine einzige Zeile aufzu- 

weisen, deren Urheber ich oder irgend ein notorisch mit mir in Verbin- 
dung stehender Mann war. 

Zweitens: Ich wiederhole, was ich schon in meinem ersten Brief sagte, 
daß ich nie an eine deutsche Zeitung schrieb seit Juli 1849 ausser an die 
Neue Oderzeitung zu Breslau (1854) zur Zeit wo sie von Dr Eisner u. 
Dr Stein redigirt wurde. Wie sowohl die Nummern des Blattes selbst 
zeigen, u. wie die Herrn Eisner u. Stein sicher willig sein werden zu be- 
zeugen, hielt ich es nie der Mühe werth der Emigration ||8)| auch nur mit 
einem einzigen Wort zu gedenken. 

Von den von mir oder meinen Freunden mit „Angebereien" „gefüllten" 
Spalten der „reactionären Presse", wird es die Aufgabe der Nationalzei- 
tung sein eine einzige Spalte herbeizuschaffen. Wahr ist es dagegen, u. 
erweislich, daß ein grosser Theil der Londoner Deutschen Emigration 
deutsche Zeitungen aller Farben systematisch u. Jahrelang mit ihrem 
Klatsch gegen mich füllten. Ich habe nie, weder meine Verbindung mit 
der New York Tribune, noch mit den Chartistenblättern, noch mit der 
Free Press benuzt, um meine Revanche zu nehmen. 

Was die „Verbindung mit der geheimen Polizei in Frankreich u. 
Deutschland" angeht, so war Hoerfel zu Paris, ein notorischer französi- 
scher Polizeiagent, lange Zeit der Hauptagent des Kinkel'schen Emigra- 
tionsvereins. Er stand seinerseits in Verbindung mit Beckmann, der zu- 
gleich preussischer Polizeiagent und Correspondent der Kölnischen Zei- 
tung war. Andrerseits war Engländer, ebenfalls ein notorischer französi- 
scher Polizeiagent, längere Zeit der Pariser Correspondent der Ru- 
ge'schen Clique. Auf diese Weise hatte „die demokratische Emigration" 
zu London ihre „Verbindung mit der geheimen Polizei in Frankreich und 
Deutschland" vollständig hergestellt, natürlich ohne ihr Wissen. 

Endlich spricht Vogt und mit ihm die Nationalzeitung von „einer An- 
zahl Leute, die, unter dem Namen Schwefelband oder auch der Bür- 
stenheimer unter der Flüchtlingschaft von 1849 bekannt war, die Anfangs 
in der Schweiz, Frankreich u. Deutschland zerstreut, sich allmählich in 
London sammelten u. dort als ihr sichtbares Oberhaupt Herrn Marx 
verehrten". 

Ich betrachte diesen Passus als Nebensache, will aber doch zur Auf- 
klärung und Bloslegung der verläumderischen Absicht des Vogt und der 
Nationalzeitung folgendes bemerken: 

Schwefelbande war der Name einer Gesellschaft junger deutscher 
Flüchtlinge, die sich im Jahr 1849-50 zu Genf aufhielten und daselbst im 
Café de l'Europe ihr Hauptquartier aufgeschlagen hatten. Es war dieß 
eine weder politische, noch socialistische Gesellschaft, sondern im eigent- 
lichen Sinn des Worts eine „Gesellschaft lustiger Brüder", die durch tolle 

Streiche den ersten Katzenjammer des Exil's zu überwinden suchten. Sie 
bestand aus: 

Eduard Rosenblum, stud, med.; Max Cohnheim, Handlungsdiener; 
Korn, Chemiker u. Apotheker; Becker, Ingenieur u. L. S. Borkheim, Stu- 
diosus und Kanonier. Ich hatte nie einen dieser Herrn gesehn ausser 
Herrn Becker einmal auf dem Demokraten Congress zu Köln, 1848. 
Mitte 1850 wurden die Mitglieder der Gesellschaft, mit Ausnahme 
Korns, aus Genf ausgewiesen. Die Gesellschaft zerstob nach ||9)| allen vier 
Winden. 

Es ist der Güte des Herrn Borkheim, der jezt einem grossen kaufmän- 
nischen Geschäft in der City (44, Marklane) vorsteht, daß ich vorstehen- 
de Notizen über diese mir früher gänzlich unbekannte Gesellschaft ver- 
danke. Herrn Borkheim selbst lernte ich erst vor ungefähr 14 Tagen ken- 
nen, als ich mich schriftlich an ihn um Auskunft gewandt hatte. 

Soviel über die Schwefelbande. 

Was nun die Bürstenheimer betrifft, so war dieß ein Schimpfname, den 
ein gewisser Abt, jezt Secretär des Bischofs von Freiburg, dem Arbeiter- 
bildungsverein in Genf beilegte. Abt war nähmlich in einer allgemeinen 
Flüchtlingsgesellschaft, worin sich nebst ehmaligen Frankfurter Parla- 
mentlern auch Mitglieder (Flüchtlinge) des Arbeiterbildungsvereins be- 
fanden, für ehrlos erklärt worden. Um sich zu rächen, schrieb er ein 
Pamphlet, worin er den Arbeiterbildungsverein „Bürstenheimer" taufte, 
weil ein Bürstenmacher Namens Sautern/ze/m damals in dem Verein prä- 
sidirte. Dieser Arbeiterbildungsverein in Genf stand mit mir u. der Lon- 
doner kommunistischen Gesellschaft, zu der ich gehörte, nicht in irgend 
einer Verbindung. Im Sommer 1851 wurden zwei Mitglieder desselben, 
Advocat Schilly, jezt zu Paris, u. P. Imandt, jezt Professor am Seminar zu 
Dundee, von den Schweizer Behörden ausgewiesen u. begaben sich nach 
London, wo sie in den damals von Willich und Schapper geleiteten Ar- 
beiterverein eintraten, den sie jedoch nach einigen Monaten wieder ver- 
liessen. Ihr Verhältniß zu mir war das von Landsleuten u. alten persön- 
lichen Freunden. Der einzige Mensch in Genf, mit dem ich je, seit meiner 
Ausweisung (1849) aus Preussen in Verbindung stand, war Dr. Dronke, 
jezt Kaufmann zu Liverpool. 

Die Namen Schwefelbande u. Bürstenheimer, ebenso wie die zwei dis- 
paraten Gesellschaften, die sie bezeichneten, gehörten also ausschließlich 
Genf an. Beide Gesellschaften standen nie in irgend einer Verbindung mit 
mir. In London wurden sie zuerst bekannt durch die Leitartikel der Na- 
tionalzeitung, die der Daily Telegraph, ein Londoner Tagesblatt, im Aus- 

zug reproducirte. 

160. Marx an Julius Weber + 24. Februar 1860 

Meine Verbindung mit der „Schwefelbande" u. den „Bürstenheimern" 
ist also eine bewußte Lüge Vogt's, zu deren Canal sich die Nationalzei- 
tung gemacht hat. 

IV) Die Nationalzeitung, N. 41, Leitartikel „Wie man radicale Flug- 
blätter macht", S. 1, Spalte 1, Zeile 49 von oben, sagt: 

„Vogt spricht zunächst blos von der .Partei der Proletarier' unter 
Marx", wodurch sie mich also mit der „Partei der Proletarier" identi- 
ficirt, u. alles, was sie über diese Partei sagt, mich daher persönlich be- 
trifft. 

Nun heißt es weiter in demselben Artikel, Spalte 2, Zeile 18 sqq. von 
oben: | 

j10)| „In dieser Art wurde 1852 eine Verschwörung der schändlichsten 
Art, mit massenhafter Verfertigung von falschem Papiergeld (man sehe 
das Nähere bei Vogt) gegen die Schweizerischen Arbeitervereine einge- 
fädelt, eine Verschwörung, welche den Schweizerischen Behörden die äus- 
serten Unannehmlichkeiten bereitet haben würde, wenn sie nicht zu 
rechter Zeit entdeckt worden wäre". Und weiter unten in derselben Spal- 
te, Zeile 33 v. oben: „Die ‚Partei der Proletarier' hat einen besonderen 
Haß gegen die Schweiz etc". 

Aus dem Kölner Communistenprocess, October 1852, mußte die Na- 
tionalzeitung wissen, (ganz wie Vogt es wußte aus meinen „Enthüllungen 
über den CommunistenproceB'\\, daß ich niemals mit dem Cherval, der 
1852 die Umtriebe in der Schweiz gemacht haben soll, in Verbindung 
stand; (Herr Karl Schapper zu London, (5, Percystreet, Bedfordsquare) 
mit dem Cherval vor dem Kölner Prozeß in Verbindung stand, ist bereit 
jede Aufklärung hierüber zu geben); daß ich während des Kölner Com- 
munistenproceßes den Cherval durch die Advocaten als einen Verbün- 

deten Stieber's denuncirte; daß nach Stieber's eignen ihm abgenöthigten 510 

Aussagen Cherval 1851, als er das Complot franco-allemand zu Paris 
unter Stieber's Leitung machte, einer mir feindlichen Gesellschaft ange- 
hörte. Die Nationalzeitung wußte aus Vogt's Buch, das sie zum Gegen- 
stand zweier Leitartikel macht, daß ich ebenso nach Beendigung des Köl- 
ner Processes in einer zum Druck nach der Schweiz geschickten Schrift: 
„Enthüllungen über den Communistenproceß zu Köln" den Cherval als 
Mouchard denuncirt hatte. Als Cherval während des Kölner Processes 
aus dem Pariser Gefängniß angeblich entsprang, in der That aber als 
Mouchard nach London kam, wurde mit offnen Armen in dem damali- 
gen Willich-Schapper'schen Arbeiterverein empfangen, aber ausgestossen 
in Folge der Interpellation, die die Advokaten in Köln (namentlich 
Schneider II), durch mich instruirt, an den Stieber hinsichtlich des Cher- 
val während der Gerichtsverhandlungen richteten. 

Es war also die schamloseste u. absichtlichste Verläumdung des Vogt u. 
der mit ihm affiliirten Nationalzeitung für die angeblichen Schweizer Tha- 
ten dieses von mir enthüllten, verfolgten u. mir notorisch feindlichen 
Individuums mich verantwortlich zu machen. Vogt spricht von 
Marx'schen Affiliirten in Genf, mit denen Cherval umgegangen. Jezt 
noch, wie 1852, stehe ich mit keinem einzigen Menschen in der Schweiz in 
Verbindung. 

Ich wiederhole, was ich Ihnen früher geschrieben: Am 15°" September 
1850 trennten ich u. meine Freunde sich von einem Theil der Londoner 
Centraibehörde der damals existirenden kommunistischen deutschen Ge- 
sellschaft (genannt: „Bund der Communisten") - von dem Theil, der 
unter Willich's Leitung sich auf die (übrigens höchst kindische u. unge- 
fährliche) Revolutions- u. Conspirationsmacherei der „demokratischen 
Emigration" einließ. Wir verlegten die Centraibehörde nach Köln und 
führten keine Correspondenz mehr mit irgend einem Theil des Continents 
ausser Köln. ||11)| Diese Correspondenz, wie der Kölner Proceß nachwies, 
enthielt nichts Kriminalistisches. Seit dem Frühling 1851, sobald die Ver- 
haftungen einzelner Glieder der Gesellschaft in Köln vorfielen, brachen 
wir (der Londoner Theil der Gesellschaft) alle und jede Verbindung mit 
dem Continent ab. Ich correspondirte nur noch mit einem mir übrigens 
persönlich unbekannten Freunde der Verhafteten (Herr Bernbach, früher 
Deputirter der Reichsvers, in Frankfurt) wegen der Vertheidigungsmittel. 
Meine Freunde in London versammelten sich wöchentlich einmal, um die 
von Stieber auf das Schamloseste angewandten und täglich erneuerten 
Polizeimanoeuvres zu vereiteln. Mitte November (1852), nach dem 
Schluß des Kölner Processes, erklärte ich, mit Einstimmung meiner 
Freunde, den „Bund der Communisten" für aufgelöst u. habe seit der 
Zeit bis jezt weder einer geheimen noch öffentlichen Gesellschaft ange- 
hört. Ferdinand Freiligrath, der Mitglied der kommunistischen Gesell- 
schaft war, sich von Herbst 1848 bis Frühling 1851 in Köln befand, u. 
von Frühling 1851 bis jezt sich zu London aufhält, kann die exakte 
Wahrheit der vorstehenden Angaben bezeugen. Uebrigens ist ein hinläng- 
liches Beweisstück der beiliegende, mit den Londoner u. Manchester 
Poststempeln versehne Brief vom 19 Nov. 1852, den mein Freund, F. En- 
gels, unter seinen alten Papieren wieder aufgefunden hat. 

Die anliegende, von Vogt u. der Nationalzeitung citirte Brochure ließ 
ich in Boston (in America) drucken, nachdem die in Basel bei Schablitz 
erschienene Originalausgabe in 2000 Exemplaren an der badischen Gren- 
ze confiscirt worden war. Sie werden daraus ersehn, ebenso später aus 
dem jezt in Berlin anhängigen Process Stieber-Eichhoff, daß die kom- 
munistische Gesellschaft, der ich bis Mitte November 1852 angehörte, so 

160. Marx an Julius Weber + 24. Februar 1860 

durchaus keinen Thatbestand für die Anklage bot, u. daß ich u. meine 
Londoner Freunde andrerseits mit unsern sehr beschränkten Mitteln so 
energisch alle Netze der Polizeiintrigue zerrissen, daß die Verurtheilung 
der Angeklagten, wie der jezt in Hamburg gefangen sitzende, frühere 
Agent Stiebers, ein gewisser Hirsch, in seinen Geständnissen in der „New 
Yorker Criminalzeitung vom 22 April 1853" sagt, zulezt noch dadurch 
gesichert werden sollte, daß Hirsch unter dem Namen Haupt nach Köln 
reisen u. in dem Namen des von ihm vorgestellten Haupt's einen Meineid 
schwören sollte. Dieser coup war auf dem Punkt der Ausführung, als, 
sagt Hirsch, Herr v. Hinckeldey schrieb: 

„Der Staatsprocurator hoffe, bei der glücklichen Zusammensetzung 
der Geschwornen, auch ohne aussergewöhnliche Maßregeln, das Schuldig 
zu erlangen, u. er (Hinckeldey) ersuche deßhalb keine weiteren Anstren- 
gungen zu machen." 

Es versteht sich von selbst, daß die beigelegte Brochure nur juristisch 
Werth hat zur Aufhellung meines Kampfes gegen Stieber-Hinckeldey und 
das preussische damalige Polizeisystem. Die darin erwähnten Gesell- 
schaften gehören seit vielen Jahren der Geschichte. | 

|12)| V) Schließlich, um die Wichtigkeit, die diese Verläumdungsklage 
gegen die Nationalzeitung für mich hat, Ihnen klar zu machen, will ich 
noch ganz kurz der Londoner Consequenzen der Leitartikel der National- 
zeitung erwähnen. 

In dem Daily Telegraph (einer täglich in London erscheinenden Zei- 
tung) vom 6 Februar 1860 erschien ein zwei und ein halb Spalten langer 
Artikel unter dem Titel: „The Journalistic Auxiliaries of Austria" (Die 
journalistischen Helfershelfer von Oestreich".) 

Dieser Artikel, datirt vom Frankfurt am Main, aber wirklich geschrie- 
ben in Berlin, ist, wie die oberflächlichste Vergleichung zeigt, zum Theil 
blose Paraphrase, zum Theil wörtliche Uebersetzung der beiden von mir 
incriminirten Leitartikel der Nat. Zeit, N. 37 u. Nr. 41. Ich werde Ihnen 
die betreffende Nummer des Daily Telegraph in den nächsten Tagen zu- 
schicken. In diesem Artikel des Telegraph bin ich mit meinen Freunden 
erstens ganz wie in der Nationalzeitung zu „einem Verbündeten der ge- 
heimen Polizei" gemacht; zweitens ist der ganze sub IV) von mir ange- 
zogne Passus über die Schwefelbande, die Gelddrohbriefe, meinen Zu- 
sammenhang mit ChervaPs Falschmünzerei in der Schweiz u. s.w. wört- 
lieh aus der Nationalzeitung übersezt. 

Sobald dieser Artikel erschienen war, schrieb ich sofort an den Redac- 
teur des Daily Telegraph u. forderte ihn, unter Androhung einer Ver- 
laumdungsklage faction for libel) auf, mir eine amende honorable zu ma- 
chen. Er antwortete: Er habe meinen Brief an seinen Correspondenten in 

160. Marx an Julius Weber + 24. Februar 1860 

Deutschland geschickt u. werde dessen Antwort abwarten. Diese Ant- 
wort erschien in der Nummer des Daily Telegraph vom 13” Februar 
1860, u. lautet in wörtlicher Uebersetzung (das Original erhalten Sie in 
wenigen Tagen) wie folgt: 

„Frankfurt am Main. Febr. 8. Ich werde kurz sein in meiner Abferti- 
gung der Bemerkungen, die Dr Marx in Antwort auf eins meiner Re- 
ferate an Sie gerichtet hat. Er hat seinen Brief einfach falsch adressirt. 
Hätte der gelehrte Herr seine Bemerkungen an Dr Vogt selbst gerichtet, 
oder an einen der hundert deutschen Redacteure, die das Buch des 
DrVogt citirten, so würde sein Behaben dem, was die Sache zu erhei- 
schen scheint, entsprochen haben. So aber läßt Dr Marx die zahlreichen 
in seinem eignen Vaterland gegen ihn erhobnen Anklagen unwiderlegt u. 
zieht es vor seinen Aerger zu kühlen durch einen Angriff auf das einzige 
englische Blatt, das eine Angabe in seine Spalten aufnahm, die fast in 
Jeder deutschen Stadt von irgend welcher Grösse gedruckt u. wieder ab- 
gedruckt worden ist. Der gelehrte Herr scheint die Thatsache ganz zu 
vergessen, daß er nicht das geringste Recht hat sich zu beklagen über die 
Veröffentlichung eines gewissen Stücks unangenehmer Nachricht in ei- 
nem englischen Blatt, so lange er es nicht für passend hält die Urheber 
u.  Verbreiter des Unheils in seinem Vaterland zur Rechenschaft zu ziehn. 
Ich schliesse diese Zeilen mit der Erklärung meiner Bereitwilligkeit die 
Unwahrheit der in der bewußten Mittheilung enthaltnen Angaben zu- 
zugestehn, sobald Dr Marx die Welt von deren Falschheit überzeugt ha- 
ben wird. Wenn er im Besitz der zu einem solchen Zweck erheischten 
Beweise ist, kann nichts leichter für ihn sein als ein so wünschenswerthes 
Ding zu erreichen. Es sind mindestens 50 deutsche Städte zu seiner Ver- 
fügung, wo er Processe einzuleiten u. die Redacteure zur gebührenden 
Strafe zu bringen haben wird. Wenn er diesen Weg nicht einzuschlagen 
beliebt, ist es nicht die Pflicht eines englischen Correspondenten das zu 
widerrufen, was nicht er versichert hat, sondern nur wiederholte auf die 
unwidersprochne Autorität der respectabelsten Quellen. " 

Ich mache nur en passant aufmerksam auf die Uebertreibungen, wor- 
unter der Berliner Correspondent des „Daily Telegraph" (ich glaube ein 
Jude Namens Meier) sein Plagiat aus der Nationalzeitung zu verstecken 
sucht. Erst sind es hundert deutsche Redacteure, dann viele tausende, 
(nämlich soviel Redacteure als es irgend wie bedeutende Städte in 
Deutschland giebt), u. schließlich sind es mindestens 50 Redacteure, die 
ich zu verklagen hätte. Unter den respectabelsten Quellen versteht er 
übrigens seine einzige Quelle, die Berliner Nationalzeitung. 

Ich erwähne auch nur vorübergehend, daß ich in meinem am 
gen p.b,..... (Jen Herausgeber des „Daily Telegraph" gerichteten Brief, 

160. Marx an Julius Weber + 24. Februar 1860 

den er, wie er mir selbst schrieb, seinem deutschen Correspondenten zu- 
schickte, dem Herausgeber des ,,Telegraph", also auch seinem Corre- 
spondenten angezeigt hatte, daß ich eine Verläumdungsklage gegen die 
Berliner Nationalzeitung anhängig machen werde. 

Was ich hier als das einzig u. entscheidend Wichtige betrachte, ist, daß 
der Daily Telegraph, hinter seinen Correspondenten sich verkriechend, 
mir alle Genugthuung versagt, bevor ich den Proceß gegen ein deutsches 
Blatt geführt habe. Er beruft sich auf die „respectable" Autorität der 
Nationalzeitung, die allein grade die von ihm gemachten Angaben in die- 
sem Zusammenhang bringt. 

Sie begreifen, welchen Skandal der Artikel des Telegraph in London 
machte. Diesen Skandal verdanke ich der Nationalzeitung. Schon im In- 
teresse meiner Familie muß ich eine Verläumdungsklage (action for libel) 
gegen den „Telegraph" führen, wofür die nöthigen Vorschüsse hier sich zu 
mindestens 2001. St. - vor Entscheidung des Processes belaufen. Die bo- 
denlose Gemeinheit, wozu Vogt fähig ist herabzusteigen, werden Sie aus 
der hallunkenartigen Insinuation ersehn haben, daß meine angebliche 
Verbindung mit der Neuen Preußischen Zeitung ||14)| sich daraus erkläre, 
daß meine Frau die Schwester des ehmaligen preußischen Ministers v. 
Westphalen ist. 

Ich erwarte nun umgehend (sollte vorher kein Brief an mich abgegan- 
gen sein) die Anzeige, daß Sie folgende Briefe erhalten: 

1) Brief von London vom 13 Febr. nebst Vorschuß von 15 Th. 

2) Brief von Manchester vom 21 Feb. nebst Vollmacht u. 7 Anlagen. 

3) Diesen Brief von Manchester vom 24 Febr., worin eingeschlossen 
die Brochure: „Enthüllungen über den Communistenproceß zu Köln" u. 
ein Brief, den ich am 19 Nov. 1852 an F. Engels schrieb u. der mit den 
Poststempeln von London u. Manchester versehn. 

Mit vollkommner Hochachtung 
Ihr ganz ergebner 
Dr Karl Marx | 

I Registered 
Gerichtliche Documente 
An den königl. Justizrath 
Herrn Weber 
Berlin I