Karl Marx an Friedrich Engels 
in Manchester 
London, Samstag, 10. Dezember 1859 

I London. 10 December, 1859. 
Lieber Engels, 

Den Artikel erhalten. Hoffe, daß es mit Deiner Gesundheit besser ist. 

Ueber die Geschichte m. Freiligrath im Verlauf dieses Briefs. Du hast 
doch auch Hermann v. heute vor 8 Tagen gesehn, worin „Vorlezte Sitzung 
des Schillercommittés" die lumpenproletarische Hallunkenbande, die sich 
um Gottfried Kinkel gruppirt hat, sich selbst schildert. Der Art. ist ver- 
faßt v. dem würdigen Beta. 

Was sagst Du dazu, daß Herr Lassalle all at once mir seine „Natio- 
nalökonomie" angekündigt? Wird es nun nicht klar, warum meine 
Schrift erstens so verzögert, zweitens so schlecht annoncirt worden ist? 
Lassalle wohnt im Haus Dunker's, wie mir Fischel (war f. einige Tage in 
England; Rédacteur des Berliner Portfolio (Urquhartisch) N. 1 u. 2 ent- 
halten Auszüge aus meinen Anti Palmerston pamphlets über Polen u. 
Unkiar skelessi.) aus Berlin erzählte. Er (Lass.) scheint in Berlin wegen 
seiner Eitelkeit aufgefallen zu sein. Der Stock, mit dem er durchgeprügelt 
wurde, war sein eigner - eine in Paris gekaufte Reliquie, Robespierre's 
Stock, mit der Devise: liberté, égalité, fraternité drauf! 

Ich hatte dem Lassalle geschrieben, ob er mir nicht Geld (auf einen 
Wechsel, den ich ihm dafür auf mich einhändigen würde) auftreiben kön- 
ne für mich. Darauf schrieb er, er selbst lebe bis Juli auf Credit u. habe 
das floating surplus des Dunkers sich angeeignet. Dann sollte ich einen 
Wechsel auf ihn (L.) ziehn, hier discontiren u. vor Verfallzeit das Geld 
ihm zuschicken. Aber natürlich der Name Lassalle ist hier nicht Vioo far- 
thing werth. Ich bin während der lezten Zeit von verschiedenen ganz 
kleinen Kerls, wie milkman etc, an den county court citirt worden und 
sehe in der That keine Möglichkeit über die Crise, die schon seit Vi Jahr 
im Wachsen, wegzukommen. Solche Nebenausgaben, wie 5 1. about f. 
den Lause Volk-Process, u. Herrn Biskamp, den ich seit 3 Monaten ge- 
nährt habe, (u. bin ich noch nicht los) haben zwar die Klemme im Klei- 
nen vermehrt. Im Wesentlichen war es Wurst. Der ganze Teufelsdreck ist, 

72. Marx an Engels + 10. Dezember 1859 

daß ich keinen Bamberger mehr in London habe, denn mit Wechsel- 
operationen wäre jezt viel zu machen. Wenn der dicke Philister Freilig- 
rath gewollt hätte, hätte er mir auch einen loan verschaffen können, u. 

35 der Philister hatte ja die Sicherheit in der Hand. Aber der Bursche glaub- 
te (renommirte wohl gar) viel gethan zu haben, wenn er mir 8 Tage, bevor 
ich den Wechsel auf die Tribune zog, 21. für 8 Tage vorschoß. Ich habe 
übrigens noch andre Versuche gemacht, um an Wuchrer zu kommen. But 
till now without any result. 

40 Ich weiß, daß Du durch Deinen lezten Process selbst in der Klemme, 
schreibe Dir den state ofthings also nur, weil es Bedürfniß sich m. some- 
body zu besprechen. Ich hoffe, daß das Pech, worin das Haus, Dich nicht 
abhalten wird, ein paar Tage herzukommen. Es ist durchaus nöthig, daß 
meine Mädchen wieder einmal einen „Menschen" im Haus sehn. Die 

45 armen |[ Kinder sind zu früh gequält mit der Bürgerscheisse. 

Nun ad vocem Freiligrath. 

Der Philister schrieb folgenden Brief, nachdem er 8 Tage gewartet: 

„Lieber Marx, 

Deinen Brief vom 23. d. M. (November) u. den Liebknechts vom näm- 

50 liehen Tage habe ich erhalten und beantworte beide, zur Vereinfachung 
der Sache, hiermit an Dich. 

Was Liebknecht's Brief betrifft, so hat mich derselbe weder durch sei- 
nen anmassenden u. naseweisen Ton, noch durch seinen Inhalt: - den 
mißglückten Versuch, den Spieß umzudrehen - überraschen können! Sehr 

55 schön, in der That: der Londoner // Correspondent der A.A.Z. kann 
meinen Namen ad libitum, u. ohne mich vorher davon zu benachrichti- 
gen, zur Verfügung des Herrn Kolb stellen; ich aber, wenn ich gegen 
diesen Mißbrauch protestire habe deßwegen erst schuldige Anzeige zu 
machen!! Die Argumentation Liebknechts zu Gunsten dieser säubern 

60 Doctrin ist so schülerhaft, daß sie einer ernstlichen Widerlegung meiner- 
seits nicht bedarf. Ich bemerke dazu nur einfach: daß ich unter keinen 
Umständen, u. aus keinerlei persönlichen od. Partei Rücksichten, Will- 
kürlichkeiten dieses Schlags mir gefallen lasse. 

So viel von u. für Liebknecht! 

65 Und nun zu Deinem Briefe: 

Deinen Protest gegen den in meinem Briefe an Liebknecht (vom 
21 Nov.) vorkommenden Ausdruck ‚zugab', lasse ich mit Vergnügen gel- 
ten. Ich lege keinen Werth aufjenen Ausdruck. Es versteckte sich dahin- 
ter keine Intention irgendeiner Art, u. ich hätte ebensogut: ,bemerkte' 

70 oder ‚äusserte' sagen können. Also das ,zugab' ist Dir ohne Widerspruch 
zugegeben. Waren wir Beide von vornherein der nämlichen Ansicht, um 
so besser! (Dieser Pfifficus merkt nicht, daß er mir hiermit meine Ansicht 
über Vogt u. Blind zugiebt.) 

Mit Deiner Erklärung gegen Beta mußt Du es natürlich ganz nach 
Deinem Ermessen halten. Obgleich ich meine, Dein erster Impuls, die 
Sache zu ignoriren, sei der bessere, u. Deiner würdiger gewesen! Du wirst 
nun, da die 2 mal 24 Stunden Ueberlegungszeit mehr als um sind, Deinen 
Entschluß so oder so gefaßt haben. So oder so mir ganz gleichgültig! 

Daß Du, ‚wie es zwischen Freunden paßt', mich von Deiner Erklärung 
gegen Beta im voraus hast unterrichten wollen, ist sehr dankenswerth. 
Uebrigens, soviel ich verstehe, sollte ja Deine Erklärung gegen Beta, 
nicht gegen mich, gerichtet sein, u. hätte es drum der vorherigen Mit- 
theilung Deiner Absicht kaum bedurft. 

Jedenfalls will ich, en revanche, nicht unerwähnt lassen, daß ich wahr- 
scheinlich auch noch eine Erklärung veröffentliche, worin ich wiederholt, 
u. ein für allemal, die Hereinziehung meines Namens in die Vogtsche 
Angelegenheit mir verbitte. 

Dein 
F Freiligrath". 

Diesen mit so vielen !! geschmückten u. „bös" sein sollenden Brief, 
konnte ich natürlich, under circumstances, nur in a very moderate tone 
beantworten. Ich schrieb || also umgehend: 

„Lieber F., 

Weder bin ich Liebknecht's Briefsteller, noch sein Attorney. Indeß wer- 
de ich ihm Abschrift des aufihn bezüglichen Theils Deines Briefs zustel- 
len. 

Die einen Augenblick beabsichtigte Erklärung habe ich unterlassen, 
eingedenk des ,Odi profanum vulgus et arceo'. 

Die Erklärung war allerdings gegen Beta, aber eben deßhalb unver- 
meidlich, wie Du aus dem summary ersehn, zugleich über Dich. Schon 
deßhalb gab ich Dir Notiz davon, von der Intimität abgesehn, worin 
Deine u. Beta's Familien in seinem opusculum erscheinen. 

Es ist Dir unangenehm Deinen Namen in der Vogt'schen Angelegen- 
heit eingemischt zu sehn. Ich frage den Teufel nach Vogt u. seinen infa- 
men Lügen im Bieler Handelskurier, aber ich will meinen Namen nicht 
als Maske für demokratische Schlauköpfe hergeben. Ist Jemand gezwun- 
gen, Zeugen aufzurufen, so weißt Du, daß kein andrer sich ,verbitten' 
kann, als Zeuge citirt zu werden. Nach älterm englischen Rechtsusus 
konnten restive witnesses - horribile dictu - sogar zu Tod gepreßt wer- 
den. 

Was schließlich Parteirücksichten betrifft, so bin ich gewohnt in der 
Presse für die ganze Partei mit Koth beworfen zu werden u. meine Pri- 

vatinteressen beständig v. Parteirücksichten beschädigt zu sehn, andrer- 
seits ebenso gewohnt auf keine Privatrücksichten gegen mich zu rechnen. 
115 Salut 
D 
KM." 
Hieraufhat F. nicht geantwortet, u. ich weiß nicht exactly, wie wir nun 
zusammen stehn. 
120 Gruß an lupus. 

KMI