Friedrich Engels 
Aus Italien 

Vorwärts. 
Nr. 32, 16. März 1877 

Aus Italien. 

Endlich ist auch in Italien die sozialistische Bewegung auf einen festen Boden 
gestellt und verspricht eine rasche und siegreiche Entwicklung. Damit aber 
die Leser den vorgegangenen Umschwung vollständig verstehen, müssen wir 
auf die Entstehungsgeschichte des italienischen Sozialismus zurückgrei- 
fen. 

Die Anfänge der Bewegung in Italien führen auf bakunistische Einflüsse 
zurück. Während bei den arbeitenden Massen ein leidenschaftlicher aber 
höchst unklarer Klassenhaß gegen ihre Ausbeuter vorherrschte, bemächtigte 
sich eine Schaar junger Advokaten, Doktoren, Literaten, Commis u. s. W., 
unter Bakunins persönlichem Commando, der Leitung an allen Orten, wo 
ein revolutionäres Arbeiterelement hervortrat. Sie alle waren Mitglieder in 
verschiedenen Graden der Weihe, der geheimen Bakunistischen „Allianz", 
die den Zweck hatte, die gesammte europäische Arbeiterbewegung ihrer 
Führung zu unterwerfen und der Bakunistischen Sekte somit in der kom- 
menden sozialen Revolution die Herrschaft zu erschwindeln. Das Nähere 
darüber findet sich ausführlich dargestellt in der Schrift: „Ein Complot gegen 
die Internationale" (Braunschweig bei Bracke). 

Solange die Bewegung unter den Arbeitern selbstnoch im Entstehen war, 
ging dies vortrefflich. Die tollen Bakunistischen Revolutionsphrasen er- 
weckten überall den gewünschten Applaus; selbst die aus den früheren 
politisch-revolutionären Bewegungen herstammenden Elemente wurden 
vom Strom fortgeschwemmt und neben Spanien wurde Italien, nach Baku- 
nin's eigenem Ausdruck, „das revolutionärste Land Europas". Revolutionär 
im Sinne des vielen Geschreies und der wenigen Wolle. Im Gegensatz zudem 
wesentlich politischen Kampf, wodurch die englische, nach ihr die franzö- 
sische und zuletzt die deutsche Arbeiterbewegung groß und mächtig ge- 
worden war, wurde hier jede politische Thätigkeit verdammt, weil sie die 
Anerkennung des „Staats" in sich schließe, und „der Staat" der Inbegriff 

Boara: 

Vorwärts. Leipzig. Nr. 32, 16. März 1877. Titelkopf und Seite 3 
mit dem Artikel „Aus Italien" von Friedrich Engels. 

Friedrich Engels 

alles Bösen sei. Also: Verbot der Bildung einer Arbeiterpartei; Verbot der 
Erkämpf ung jeder Schutzmaßregel gegen die Ausbeutung, €. B. des Normal- 
arbeitstags, der Beschränkung der Weiber- und Kinderarbeit; Verbote, vor 
allem der Betheiligung an allen Warden. Dagegen Gebot der Agitation, 
Organisation und Conspiration für die zukünftige Revolution, die dann, 
sobald sie vom Himmel herabgeschneit kam, durchgeführt werden sollte, 
ohne irgend welche provisorische Regierung, unter vollständiger Vernich- 
tung aller staatlichen und an den Staat erinnernden Einrichtungen, durch die 
bloße (im Geheimen von der Allianz dirigirte) Initiative der arbeitenden 
Massen — „aber fragt mich nur nicht wie!" 

So lange die Bewegung, wie gesagt, in ihrer Kindheit war, zog dies Alles 
vortrefflich. Die große Mehrzahl der italienischen Städte steht noch immer 
so ziemlich außerhalb des Weltverkehrs, den sie nur in der Gestalt des 
Fremdenverkehrs kennt. Diese Städte versorgen die umliegenden Bauern mit 
Handwerkserzeugnissen und vermitteln den Verkauf der Ackerbauprodukte 
in größeren Kreisen; außerdem lebt der grundbesitzende Adel in ihnen und 
verzehrt dort seine Renten; endlich bringen die vielen Fremden ihr Geld 
dorthin. In diesen Städten sind die proletarischen Elemente wenig zahlreich 
und noch weniger entwickelt; dazu stark durchsetzt von Leuten ohne re- 
gelmäßige oder ständige Beschäftigung wie sie der Fremdenverkehr und das 
milde Klima begünstigen. Hier fand die hochrevolutionäre Phrase, die im 
Stillen auch wohl von Dolch und Gift munkelte, zunächst einen fruchtbaren 
Boden. Aber Italien hat auch Industriestädte, namentlich im Norden, und 
sobald die Bewegung unter den acht proletarischen Massen dieser Städte Fuß 
gefaßt, konnte eine so dunstige Nahrung nicht mehr genügen, und eben- 
sowenig konnten diese Arbeiter sich auf die Dauer bevormunden lassen 
durch jene gescheiterten jungen Bourgeois, die sich auf den Sozialismus 
geworfen, weü sie, in Bakunin's Worten, sich in einer „Carriere ohne Aus- 
weg" befanden. 

So geschah es. Die Unzufriedenheit der oberitalienischen Arbeiter mit dem 
Verbot jeder politischen d.h. jeder über leeres Geschwätz und über Ver- 
schwörungsschwindel hinausgehenden, wirklichen Thätigkeit wuchs von 
Tage zu Tage. Die deutschen Wahlsiege von 1874 und ihre die Vereinigung 
der deutschen Sozialisten erzielende Nachwirkung blieb auch in Italien nicht 
unbekannt. Die aus der alten republikanischen Bewegung hervorgegangenen 
Elemente, die sich nur mit Widerwillen dem „anarchischen" Geschrei gefügt 
hatten, fanden mehr und mehr Gelegenheit, die Nothwendigkeit des poli- 
tischen Kampfes zu betonen und gaben der erwachenden Opposition Aus- 
druck in dem Journal „La Plebe". Dies Wochenblatt, in den ersten Jahren 
seines Bestehens republikanisch, hatte sich bald der sozialistischen Be- 
wegung angeschlossen, und sich von aller „anarchischen" Sektirerei solange 

Aus Italien 

wie möglich fern gehalten. Als endlich in Oberitalien die Arbeitermassen 
ihren zudringlichen Führern über den Kopf wuchsen und eine wirkliche 
Bewegung an die Stelle einer phantastischen setzten, bot sich ihnen in der 
„Plebe" ein williges Organ, das von Zeit zu Zeit ketzerische Andeutungen 
über die Nothwendigkeit des politischen Kampfes verlauten lieb. 

Wire Bakunin am Leben geblieben, er hätte diese Ketzerei in seiner 
gewohnten Weise bekämpft. Er hätte den Leuten von der „Plebe" „Auto- 
ritarismus", Herrschsucht, Ehrgeiz u. s. w. angedichtet, allerhand kleinliche 
persönliche Klagen gegen sie erhoben und dies durch sämmtliche Organe der 

„Allianz" in der Schweiz, in Italien, in Spanien aber- und abermals wieder- 
holen lassen. Erst in zweiter Linie hätte er dann nachgewiesen, daß alle diese 
Verbrechen nichts anderes seien als unvermeidliche Folgen jener Urtod- 
sünde, der Ketzerei der Anerkennung der politischen Aktion; denn politische 
Aktion das sei Anerkennung des Staates, der Staat aber die Verkörperung 

des Autoritarismus, der Herrschaft, und folglich müsse Jeder, der politische 
Aktion der Arbeiterklasse wolle, consequenter Weise die politische Herr- 
schaft für sich selbst wollen, sei also ein Feind der Arbeiterklasse—steiniget 
ihn! In dieser dem seligen Maximilian Robespierre abgelernten Methode 
besaß Bakunin eine große Gewandtheit, nur daß er sie allzu regelmäßig und 

allzu einförmig anwandte. Und dennoch war diese Methode noch die einzige, 
die wenigstens augenblicklichen Erfolg versprach. 

Aber Bakunin war gestorben und damit war die geheime Weltregierung 
in die Hände des Herrn James Guillaume von Neuchätel in der Schweiz 
übergegangen. Andie Stelle des in vielen Wassern gewaschenen Weltmannes 

trat ein engherziger Pedant, der den Fanatismus des schweizer Calvinisten 
auf die Lehre von der Anarchie anwandte. Der wahre Glaube sollte um jeden 
Preis durchgesetzt und der beschränkte Schulmeister von Neuchätel un- 
bedingt als der Papst dieses wahren Glaubens anerkannt werden. Das 
„Bulletin der jurassischen Föderation" — die eingestandenermaßen kaum 

200 Mitglieder zählt gegenüber den 5000 des schweizerischen Arbeiterbundes 
— wurde zum Staatsanzeiger der Sekte ernannt und fing an, die im Glauben 
Wankenden einfach zu „rüffeln". Aber die lombardischen Arbeiter, die sich 
als „oberitalische Föderation" constituirt hatten, waren nicht mehr gewillt, 
sich diese Vermahnungen gefallen zu lassen. Und als gar vorigen Herbst das 

jurassische Bulletin sich unterstand, der „Plebe" befehlen zu wollen, einen 
dem Herrn Guillaume mißliebigen Pariser Correspondent abzuschaffen, da 
war es mit der Freundschaft am Ende. Das Bulletin fuhr in seinen Ver- 
ketzerungen der „Plebe" und der Oberitaliener fort. Aber diese wußten jetzt, 
woran sie waren; sie wußten, daß hinter der Predigt von der Anarchie und 

Selbstherrschaft der Anspruch einiger weniger Intriguanten steckte, die 

ganze Arbeiterbewegung dictatorisch zu commandiren. „Vier kleine sehr 

Friedrich Engels 

ruhige Zeilen Anmerkung haben dem Jura-Bülletin den Senf in die Nase 
steigen lassen, und es thut, als wären wir wüthend über es, da es uns doch 
blos erbaut hat. Wahrhaftig, man müßte sehr kindlich sein, um auf den Köder 
von Leuten anzubeißen die, krank vor Mißgunst, an alle Thüren klopfen, um 
mittelst der Verleumdung ein bischen Bosheit gegen uns und die Unsern zu 

erbetteln. — Die Hand, die seit langer Zeit umgeht, Unkraut und Streit säend, 
ist bekannt genug, als daß ihre jesuitischen (loyolasche) Umtriebe noch 
täuschen könnten." („Plebe" 21.Januar 1877.) Und in der Nummer vom 
26. Februar werden eben diese Leute bezeichnet als „einige beschränkte 
anarchische und — ungeheuerlicher Widerspruch — zugleich diktatorische 

Köpfe"; der beste Beweis, daß diese Herren in Mailand vollkommen durch- 
schaut sind und dort kein ferneres Unheil mehr anrichten werden. 

Die deutschen Wahlen vom 10. Januar und der damit zusammenhängende 
Umschwung in der belgischen Bewegung — die Beseitigung der bisherigen 
politischen Enthaltungspolitik und deren Ersetzung durch die Agitation für 
allgemeines Stimmrecht und ein Fabrikgesetz — thaten den Rest. Am 17. und 
18. Februar hielt die oberitalische Föderation in Mailand ihren Congreß ab. 
Die Beschlüsse enthalten sich jeder unnöthigen und unangebrachten Feind- 
seligkeiten gegen die Bakunistischen Gruppen der italienischen Internatio- 
nalen. Sie erklären auch die Bereitwilligkeit, den nach Brüssel berufenen 
Congreß zu beschicken, der eine Vereinigung der verschiedenen Fraktionen 
der europäischen Arbeiterbewegung versuchen soll. Aber sie sprechen 
gleichzeitig mit der größten Bestimmtheit drei Punkte aus, die für die italie- 
nische Bewegung von der entschiedensten Wichtigkeit sind: 

1)daß zur Förderung der Bewegung alle sich darbietenden Mittel an- 
gewandt werden müssen — also auch die politischen; 

2) daß die sozialistischen Arbeiter sich als eine sozialistische Partei zu 
constituiren haben, unabhängig von jeder anderen politischen oder religiösen 
Partei, und 

3) daß der oberitalische Bund, unter Vorbehalt seiner eigenen Autonomie 
und auf Grundlage der ursprünglichen Statuten der Internationale sich als 
Glied dieser großen Verbindung betrachtet und zwar unabhängig von allen 
anderen italienischen Verbindungen, denen er indeß wie bisher, auch fer- 
nerhin Beweise seiner Solidarität geben wird. 

Also: politischer Kampf, Organisation als politische Partei, und Trennung 
von den Anarchisten. Mit diesen Beschlüssen hat sich der oberitalische Bund 
endgültig von der Bakunistischen Sekte losgesagt und sich auf den ge- 
meinsamen Boden der großen europäischen Arbeiterbewegung gestellt. Und 
da er den industriellsten Theil Italiens umfaßt — Lombardei, Piémont, Ve- 
netien — so können ihm die Erfolge nicht ausbleiben. Gegenüber der An- 
Wendung derselben rationellen Agitationsmittel, die durch die Erfahrung 

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aller andern Länder bewährt sind, wird die Klüngelei der Bakunistischen 
Wunderdoktoren rasch genug ihre Ohnmacht offenbaren, das italienische 
Proletariat aber auch im Süden des Landes bald das Joch von Leuten ab- 
schütteln, die ihren Beruf zur Führung der Arbeiterbewegung herleiten aus 

ihrer Stellung als verkommene Bourgeois.