Friedrich Engels 
Preußischer Schnaps im Deutschen Reichstag 

Preußischer Schnaps im deutschen Reichstag. 

I. 

Am 4. Februar interpellirte Herr von Kardorff die Reichsregierung wegen 
der hohen Besteuerung des deutschen „Sprits" in England und Italien. Er 
machte die Herren darauf aufmerksam, daß (Referat der „Kölnischen 
Zeitung") „in unseren östlichen und nördlichen Provinzen weite Län- 
derstrecken, Hunderte von Quadratmeilen eines ziemlich unfruchtbaren, 
sterilen Bodens zu einer verhältnißmäßig hohen Ertragsfähigkeit und Cultur 
gediehen sind durch einen sehr ausgedehnten Kartoffelbau, und daß dieser 
Kartoffelbau wieder zur Grundlage die Thatsache hat, daß über diese Länder 

zahlreiche Brennereien zerstreutliegen, in welchen die Sprit-Fabrikation als 
landwirthschaftliches Nebengewerbe betrieben wird. Während früher in 
jenen Ländern auf der Quadratmeile etwa 1000 Menschen lebten, ernährt 
das Land jetzt in Folge der Sprit-Fabrikation etwa 3000 Menschen pro 
Quadratmeile, denn die Brennereien sind für die Kartoffel deshalb ein 
nothwendiger Absatzmarkt, weil sieihrem Volumen nach schwierig zu trans- 
portiren ist und im Winter wegen des Frostes gar nicht transportirt werden 
kann. Zweitens wandeln die Brennereien die Kartoffel in den werthvollen 
und leicht transportablen Alkohol um und machen endlich den Boden 
fruchtbarer durch zahlreiche Futterrückstände. Wie bedeutend die hierbei 
in Frage kommenden Interessen sind, das kann sich Jeder klar machen, der 
überlegt, daß wir aus der Spiritussteuer für unsere Staatseinnahmen etwa 
36 Millionen Mark entnehmen, trotzdem Deutschland von allen Ländern der 
Welt die niedrigste Spiritussteuer besitzt, €. B. eine fünf Mal niedrigere als 
Rußland." 

Den preußischen Junkern muß in der letzten Zeit der Kamm sehr ge- 

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schwollen sein, daß sie den Muth haben, die Augen der Welt auf ihre 
„Spritindustrie" vulgo Schnapsbrennerei zu ziehn. 

Im vorigen Jahrhundert wurde in Deutschland nur wenig Branntwein 
destillirt, und dieser nur aus Korn. Man verstand zwar nicht, das auch in 
diesem Branntwein enthaltene Fuselöl (wir kommen auf diesen Punkt zu- 
rück) auszuscheiden, da man dies Fuselöl selbst noch gar nicht kannte; aber 
man wußte aus Erfahrung, daß die Qualität des Branntweins durch längeres 
Aufbewahren sich wesentlich verbesserte, daß der brennende Geschmack 
sich verlor, und daß sein Genuß weniger berauschend und weniger störend 
auf die Gesundheit wirkte. Die kleinbürgerlichen Bedingungen, unter denen 
damals gebrannt wurde und die noch unentwickelte, mehr auf Qualität als 
auf Quantität sehende Nachfrage, erlaubten fast überall, das Produkt im 
Keller jahrelang aufzubewahren und ihm so durch allmähliche chemische 
Umwandlung der schädlicheren Bestandtheile einen weniger verderblichen 
Charakter zu geben. So finden wir am Ende des vorigen Jahrhunderts eine 
ausgedehntere Brennerei meist auf wenige städtische Orte beschränkt, 
Münster, Ulrichstein, Nordhausen u. A., und deren Produkt gewöhnlich mit 
dem Beiwort „alt" ausgestattet. 

Gegen Anfang dieses Jahrhunderts vermehrten sich die Brennereien auf 
dem Lande, als Nebengewerbe der größeren Gutsbesitzer und Pächter, 
besonders in Hannover und Braunschweig. Sie fanden Abnehmer, einerseits 
durch den sich stets weiter verbreitenden Branntweingenuß, andrerseits 
durch die Bedürfnisse der stets wachsenden und stets kriegführenden Ar- 
meen, die ihrerseits wieder den Geschmack am Branntwein in immer weitere 
Kreise trugen. So konnte denn nach dem Frieden von 1814 die Brennerei sich 
weiter und weiter ausdehnen, und in der beschriebenen, von der alten 
städtischen Brennerei ganz verschiedenen Art, als Nebengewerbe großer 
Gutsbewirthschafter, am Niederrhein, in Preußisch-Sachsen, Brandenburg 
und der Lausitz festen Fuß fassen. 

Der Wendepunkt für die Brennerei war aber die Entdeckung, daß man 
Branntwein nicht nur aus Korn lohnend herstellen könne, sondern auch aus 
Kartoffeln. Damit wurde das ganze Gewerbe revolutionirt. Einerseits wurde 
damit der Schwerpunkt der Brennerei endgültig von den Städten aufs Land 
verlegt, und die kleinbürgerlichen Produzenten von gutem alten Getränk 
mehr und mehr durch die, infamen Kartoffelfusel produzirenden, Groß- 
grundbesitzer verdrängt. Andrerseits aber, und dies ist geschichtlich viel 
wichtiger, wurde der kornbrennende Großgrundbesitzer vom kartoffel- 
brennenden Großgrundbesitzer verdrängt; die Brennerei verzog sich mehr 
und mehr vom fruchtbaren Kornland aufs unfruchtbare Kartoffelland, d.h. 

von Nordwestdeutschland nach Nordostdeutschland — nach Altpreußen 
östlich der Elbe. 

Dieser Wendepunkt trat ein mit der Mißernte und Hungersnoth von 1816. 
Trotz der besseren Ernten der beiden folgenden Jahre blieben in Folge der 
anhaltenden Kornausfuhr nach England und andern Ländern die Kornpreise 
so hoch, daß es fast unmöglich wurde, Korn zur Brennerei zu verwenden. 
Das Oxhoft Schnaps, das 1813 nur 39Thlr. gegolten, wurde 1817 zu70Thlr. 
verkauft. Da trat die Kartoffel an die Stelle des Korns, und 1823 war das 
Oxhoft bereits zu 14 bis 17Thlr. zu haben! 

Wie aber kamen die armen, durch den Krieg und ihre dem Vaterland 
gebrachten Opfer angeblich total ruinirten ostelbischen Junker zu den 
Mitteln, vermöge deren sie ihre drückenden Hypothekenschulden in ein- 
trägliche Schnapsbrennereien verwandelten? Die günstigen Konjunkturen 
der Jahre 1816—19 lieferten ihnen zwar sehr vortheilhafte Erträge und ver- 
mehrten ihren Kredit durch die allgemein steigenden Bodenpreise; das 
reichte jedoch lange nicht hin. Unsre patriotischen Junker erhielten aber 
außerdem: erstens Staatshülfe in verschiedenen direkten und indirekten 
Formen, und zweitens kam ein Umstand hinzu, den wir besonders ins Auge 
fassen müssen. Bekanntlich war in Preußen 1811 die Ablösung der bäuerli- 
chen Frohndienste und überhaupt die Auseinandersetzung zwischen Bauern 
und Gutsherrn gesetzlich derart geregelt worden, daß die Naturalleistungen 
in Geldleistungen umgewandelt, diese kapitalisirt, und entweder in baarem 
Geld in bestimmten Ratenzahlungen oder aber durch Abtretung eines Stücks 
bäuerlichen Landes an den Gutsherrn, oder auch theilweise in Geld, theil- 
weise in Boden, abgelöst werden konnte. Dies Gesetz blieb ein todter Buch- 
stabe, bis die hohen Kornpreise 1816—19 die Bauern in den Stand setzten, 
mit der Ablösung voranzugehen. Von 1819 an nahmen die Ablösungen in 
Brandenburg raschen Fortgang, langsamer in Pommern, noch langsamer in 
Posen und Preußen. Das auf diese Weise den Bauern zwar gesetzlich aber 
widerrechtlich (denn die Frohnlasten waren ihnen widerrechtlich auf- 
gezwungen worden) abgenommene Geld, soweit es nicht in altadliger Weise 
sofort verjubelt wurde, diente hauptsächlich zur Anlage von Brennereien. 
Auch in den übrigen drei genannten Provinzen breitete sich die Brennerei 
in demselben Maße aus, in dem die bäuerlichen Ablösungen die Mittel dazu 
lieferten. Die Schnapsindustrie der preußischen Junker ist also buchstäblich 
mit dem den Bauern abgenommenen Gelde gegründet worden. Und sie ging 
flott voran, besonders seit 1825. Schon zwei Jahre später, 1827, wurden in 
Preußen 125 Millionen Quart Schnaps gebrannt, also IOV2 Quart für jeden 
Kopf der Bevölkerung, im Gesammtwerth von 15 Millionen Thaler; Han- 
nover dagegen, fünfzehn Jahre vorher der erste Schnapsstaat Deutschlands, 
produzirte nur 18 Millionen Quart. 

Man begreift, daß nunmehr ganz Deutschland, soweit sich die Einzelstaa- 
ten oder Zollverbände von Einzelstaaten nicht durch Zollschranken dagegen 

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Preußischer Schnaps im Deutschen Reichstag 

eindämmten, von einer wahren Sturmi luth von preußischem Kartoffelfusel 
überströmt wurde. Vierzehn Thaler das Ohm zu 180 Quart, also das Quart 
2Gr. 4Pf. im Großhandel! Die Besoffenheit, die früher das Drei- und Vier- 
fache gekostet hatte, war jetzt auch den Unbemitteltsten tagtäglich zugäng- 
lieh gemacht, seit der Mann für fünfzehn Silbergroschen die ganze Woche 
lang im höchsten Thran bleiben konnte. 

Die Wirkung dieser an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten, aber 
stets fast urplötzlich sich fühlbar machenden, beispiellos wohlfeilen Brannt- 
weinpreise war unerhört. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie Ende der 20er 

Jahre die Schnapswohlfeilheit plötzlich über den niederrheinisch-mär- 
kischen Industriebezirk hereinbrach. Namentlich im Bergischen, und ganz 
besonders in Elberfeld-Barmen verfiel die Masse der arbeitenden Bevölke- 
rung dem Trunk. Schaarenweise Arm in Arm, die ganze Breite der Straße 
einnehmend, schwankten von 9 Uhr Abends an die „besoffenen Männer" 

unter disharmonischem Gejohle von Wirthshaus zu Wirthshaus und endlich 
nach Hause. Bei dem damaligen Bildungszustand der Arbeiter, bei der 
vollständigen Auswegslosigkeit ihrer Lage, war das kein Wunder. Nament- 
lich nicht im gesegneten Wupperthal, wo seit sechszig Jahren immer eine 
Industrie die andre ablöst, wo also fortwährend ein Theil der Arbeiter ge- 

drückt, wo nicht brodlos war, während ein andrer (damals die Färber) für 
jene Zeit gut bezahlt wurde. Und wenn, wie damals, den Wupperthaler 
Arbeitern keine andre Wahl blieb als die zwischen dem irdischen Schnaps 
der Kneipen und dem himmlischen Schnaps der pietistischen Pfaffen — was 
Wunder, daß sie den ersteren vorgezogen, so schlecht er war. 

Und er war sehr schlecht. Wie er aus dem Kühlapparat kam, ohne weitere 
Reinigung, mit all' seinem Gehalt an Fuselöl, wurde er verschickt und frisch 
getrunken. Alle aus Weintrebern, Runkelrüben, Korn oder Kartoffeln de- 
stillirten Branntweine enthalten dieses Fuselöl, ein Gemisch von höheren 
Alkoholen, d. h. von dem gewöhnlichen Alkohol analog zusammengesetzten, 

jedoch mehr Kohlenstoff und Wasserstoff enthaltenden Flüssigkeiten (u. A. 
primärer Propylalkohol, Isobutylalkohol, bei weitem vorwiegend aber 
Amylalkohol). Alle diese Alkohole sind schädlicher als der gewöhnliche 
Weingeist (Aethylalkohol), und die Dosis, in der sie giftig wirken, ist viel 
geringer als bei diesem. Prof. Binz in Bonn hat neuerdings durch zahlreiche 

Versuche nachgewiesen, daß die berauschenden Wirkungenunsrer geistigen 
Getränke, ebensosehr wie deren unangenehme Nachwirkungen im wohl- 
löblichen Katzenjammer, respektive in ernsthafteren Krankheits- und Ver- 
giftungserscheinungen, weit weniger dem gewöhnlichen Weingeist oder 
Aethylalkohol, als vielmehr den höheren Alkoholen, also dem Fuselöl, 

zuzuschreiben sind. Nicht allein aber wirken sie berauschender und zer- 
störender, sie bestimmen auch den Charakter des Rausches. Jedermann weiß 

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aus eigner Anschauung, wo nicht Erfahrung, wie verschieden Weinrausch 
(ja selbst die Räusche der verschiedenen Weinsorten), Bierrausch, Schnaps- 
rausch in ihrer Wirkung auf das Gehirn sind. Je mehr Fuselöl im Getränk, 
und je ungesunder dies Fuselöl in seiner Zusammensetzung, desto wüster 
und wilder wird der Rausch. Junger ungereinigter Kartoffelschnaps enthält 
aber bekanntlich von allen gebrannten Getränken das meiste und das am 
ungünstigsten zusammengesetzte Fuselöl. Die Wirkung ungewöhnlich star- 
ker Quantitäten dieses Getränks auf eine so erregbare, leidenschaftliche 
Bevölkerung wie die des Bergischen Landes, war denn auch ganz dem 
entsprechend. Der Charakter des Rausches hatte sich total verändert. Jede 
Lustbarkeit, die früher mit gemüthlicher Anheiterung und nur selten mit 
Exzessen endigte, bei welchen letzteren dann freilich der Kneif (das Messer, 
engl, knife) nicht selten seine Rolle spielte, jede solche Lustbarkeit artete 
nun aus in ein wüstes Gelage, und endigte mit unfehlbarer Keilerei, wobei 
Messerverwundungen nie fehlten und die tödtlichen Messerstiche immer 
häufiger wurden. Die Pfaffen schoben das auf die zunehmende Gottlosigkeit, 
die Juristen und andren Philister auf die Kneipenbälle. Die wahre Ursache 
war die plötzliche Ueberfluthung mit preußischem Fuselöl, das eben seine 
normale physiologische Wirkung ausübte und Hunderte armer Teufel in die 
Festungsbaugefangenschaft ablieferte. 

Diese akute Wirkung des wohlfeilen Schnapses dauerte Jahre lang, bis sie 
allmählich sich mehr oder weniger verlor. Aber die Einwirkung auf die Sitten 
verschwand nicht ganz; der Branntwein blieb für die Arbeiterklasse ein 
Lebensbedürfniß in höherem Grade als vorher, und die Qualität, wenn sie 
sich auch etwas besserte, blieb weit unter der des früheren alten Korn- 
branntweins. 

Und wie im Bergischen, so ging es anderswo. Zu keiner Zeit waren die 
Wehklagen des Philisteriums über Zunahme des übermäßigen Brannt- 
weintrinkens unter den Arbeitern allgemeiner, einstimmiger und lauter als 
von 1825—1835. Es ist sogar fraglich, ob nicht die Dumpfheit, in der speciell 
die norddeutschen Arbeiter die Ereignisse von 1830 über sich ergehen ließen, 
ohne davon berührt zu werden, großentheils dem Schnaps zu danken ist, der 
sie damals mehr als je beherrschte. Ernstliche und besonders erfolgreiche 
Aufstände kamen nur in Weinländern oder in solchen deutschen Staaten vor, 
die sich durch Zölle vor preußischem Schnaps mehr oder weniger geschützt 
hatten. Es wäre nicht das einzige Mal, daß der Schnaps den preußischen Staat 
gerettet hätte. 

Die einzige Industrie, die es zu noch verheerenderen directen Wirkungen 
— und dies doch nicht gegen das eigene Volk, sondern gegen Fremde — 
gebracht hat, ist die englisch-indische Opium-Industrie zur Vergiftung von 
China. 

Indessen ging die Schnapsfabrikation lustig ihren Gang fort, dehnte sich 
mehr und mehr nach Osten zu aus, und brachte einen Morgen nach dem 
andern von der nordostdeutschen Sand- und Sumpfwüste unter die Kar- 
toffel. Nicht zufrieden damit, das Vaterland zu beglücken, strebte sie dar- 
nach, dem Ausland die Segnungen des altpreußischen Fuselöls zugänglich 
zu machen. Man destillirte den gewöhnlichen Schnaps nochmals, um einen 
Theil des darin enthaltenen Wassers zu entfernen, und nannte den so er- 
haltenen wasserhaltigen und unreinen Weingeist „Sprit", welches die 
Uebersetzung von Spiritus ins Preußische ist. Die höheren Alkohole haben 
sämmtlich höhere Siedepunkte als der Aethylalkohol. Während dieser bei 
7872° des hunderttheiligen Thermometers siedet, ist der Siedepunkt des 
primären Propylalkohols 97°, der des Isobutylalkohols 109°, der des 
Amylalkohols 132°. Nun sollte man glauben, bei vorsichtiger Destillation 
müsse mindestens der größte Theil des letzteren, des Hauptbestandtheils des 
Fuselöls, sowie ein Theil des Isobutylalkohols zurückbleiben, und es werde 
höchstens ein Theil von diesem mit überdestilliren, sowie der meiste primäre 
Propylalkohol, der indeß nur sehr schwach im Fuselöl vertreten ist. Aber 
selbst die wissenschaftliche Chemie verzichtet auf Trennung der drei nied- 
rigeren hier in Frage kommenden Alkohole durch die Destillation und kann 
den Amylalkohol nur durch die in der Brennerei unanwendbare fraktionirte 
Destillation aus dem Fuselöl absondern. Dabei geht es bei Destillationen in 
ländlichen Schnapsfabriken rauh genug her. Kein Wunder also, wenn der 
Anfangs der vierziger Jahre ausgeführte Sprit noch bedeutend mit Fuselöl 
versetzt war, wie man das am Geruch leicht erkennen konnte; der reine oder 
nur wasserhaltige Weingeist ist fast geruchlos. 

Dieser Sprit ging vorzugsweise nach Hamburg. Was geschah damit? Ein 
Theil wurde in solche Länder verschickt, wo die Eingangszölle ihm nicht 
Thor und Thür versperrten — an diesem Export nahm auch Stettin Theil; die 
Hauptmasse aber wurde in Hamburg und Bremen zur Fälschung von Rum 
benutzt. Dieser in Westindien theilweise aus dem Zuckerrohr selbst, größ- 
tentheils aber aus den bei der Zuckerbereitung bleibenden Abfällen des 
Rohrs destillirte Schnaps war der einzige, der in Folge seiner wohlfeilen 
Herstellungskosten als eine Art Luxusgetränk der Massen noch mit dem 
Kartoffelschnaps concurriren konnte. Um nun einen „feinen" aber dennoch 
wohlfeilen Rum herzustellen, nahm man &.B. ein Faß wirklich feinen Ja- 
maica-Rum, dreibis vier Fässer wohlfeilen schlechten Berbice Rum und zwei 

bis drei Fässer preußischen Kartoffelsprit — und dies oder ein ähnliches 

Gemisch durcheinander ergab denn das Gewünschte. Dieses „Gift", wie es 
bei der Fälschung betheiligte Kaufleute selbst in meiner Gegenwart nannten, 
wurde verschifft nach Dänemark, Schweden, Norwegen und Rußland, sehr 
bedeutenden Theils aber auch ging es wieder elbaufwärts oder über Stettin 
in die Länder, woher der edle Sprit gekommen war und wurde dort theils 
für Rum getrunken, theils nach Oesterreich und Polen eingeschmuggelt. 

Die Hamburger Kaufleute blieben nicht bei der Rumfälschung stehen. Mit 
der ihnen eigenen Genialität sahen sie zuerst, welche welterschütternde 
Zukunftsrolle dem preußischen Kartoffelschnaps vorbehalten war. Sie 
hatten sich schon an allerlei*andern Getränken versucht, und bereits Ende 
der dreißiger Jahre wollte Niemand im außerpreußischen Norddeutschland, 
der von Wein etwas verstand, weiße französische Weine aus Hamburg 
beziehen, da es allgemein hieß, diese würden dort mit Bleizucker süß ge- 
macht und damit gleichzeitig vergiftet. Wie dem aber auch sei, der Kartoffel- 
sprit wurde bald die Grundlage einer immer wachsenden Getränkefälschung. 
Dem Rum folgte der Cognac, der schon mehr Kunst in der Behandlung 
erforderte. Bald fing man ari, Wein mit Sprit zu behandeln, und endlich kam 
man dahin, Portwein und spanische Weine ganz ohne Wein zu bereiten, aus 
Sprit, Wasser und Pflanzensäften, die mehrfach durch Chemikalien ersetzt 
wurden. Das Geschäft florirte um so mehr, als in vielen Ländern dergleichen 
Practiken entweder direkt verboten waren, oder doch so nahe an das Straf- 
gesetz anstreiften, daß man es noch nicht für gerathen hielt, sich daran zu 
wagen. Aber Hamburg war der Sitz des unbeschränkten Freihandels, und 
so wurde „auf Hamburgs Wohlergehen" flott drauf los gefälscht. 

Indeß das Monopol der Fälschung dauerte nicht lange. Nach der Revo- 
lution von 1848, als in Frankreich die ausschließliche Herrschaft der großen 
Finanz und einiger weniger hervorragender Großindustrieller durch die 
momentane Herrschaft der gesammten Bourgeoisie ersetzt worden, fingen 
die französischen Produzenten und Händler an einzusehen, welche 
Wunderkräfte in so einem Faß preußischen Kartoffelsprits schlummerten. 
Man begann seinen Cognac schon zu Hause zu versetzen, statt ihn un- 
verfälscht ins Ausland zu senden, und noch mehr den für die inländische 
Consumtion bestimmten Cognac (ich nenne so der Kürze halber allen aus 
Weintrebern destillirten Schnaps) durch kräftigen Zusatz von preußischem 
Kartoffelsprit zu veredeln. Dadurch wurde der Cognac — der einzige 
Schnaps, der in Frankreich in die Massenconsumtion eingeht — bedeutend 
wohlfeiler. Das zweite Kaiserreich begünstigte diese Manöver natürlich im 
Interesse der leidenden Massen, und so finden wir beim Sturze der na- 
poleonischen Dynastie, daß Dank den Gnadenwirkungen des altpreußischen 
Schnapses, die Trunkenheit, früher dort fast unbekannt, in Frankreich eine 
bedeutende Ausdehnung erlangt hat. 

Eine unerhörte Reihe schlechter Weinernten und schließlich der Handels- 
vertrag von 1861, der England dem französischen Weinhandel öffnete, gaben 
den Anlaß zu einem neuen Fortschritt. Die schwachen Weine schlechter 
Jahrgänge, deren Säure durch Zuckerzusatz nicht zu beseitigen war, be- 

durften eines Alkoholbeisatzes, um haltbar zu werden. Man mischte sie also 
mit preußischem Sprit. Ferner war derenglische Geschmack an starke Weine 
gewöhnt — die natürlichen französischen Landweine, die jetzt massenhaft 
zum Export kamen, waren den Engländern zu dünn und zu kalt. Was in der 
Welt konnte man Besseres finden, um sie kräftig und warm zu machen, als 

den preußischen Sprit? Bordeaux wurde mehr und mehr der Hauptplatz für 
die Fälschung französischer, spanischer und italienischer Weine, die dortin 
„feinen Bordeaux" umgewandelt wurden, und — für die Vernutzung von 
preußischem Sprit. 

Jawohl, spanische und italienische Weine. Seitdem der Consum franzö- 
sischer Rothweine — und andere will kein Bourgeois trinken — so enormin 
England, Nord- und Südamerika und den Colonien zugenommen hat, reicht 
selbst der fast unerschöpfliche Weinreichthum Frankreichs nicht mehr aus. 
Fast die ganze brauchbare Weinernte von Nordspanien, u. A. die ganze Ernte 
der weinreichen Rioja im Ebrothal geht nach Bordeaux. Ebendahin schicken 

Genua, Livorno, Neapel ganze Schiffsladungen von Wein. Während diese 
Weine mit Hilfe des preußischen Sprits fähig gemacht werden, den See- 
transport auszuhalten, steigert diese Weinausfuhr die Weinpreise in Spanien 
und Italien derart, daß der Wein ganz unerschwinglich wird für die Masse 
der arbeitenden Bevölkerung, die ihn früher täglich trank. Statt dessen trinkt 
sie Schnaps und der Hauptbestandtheil dieses Schnapses ist wieder — 
preußischer Kartoffelsprit. Ja, Herr v. Kardorff beklagt sich im Reichstag 
darüber, daß dies in Italien noch nicht in hinreichendem Maß der Fall sei. 

Wohin wir uns wenden, überall finden wir preußischen Sprit. Der preu- 
Bische Sprit reicht unvergleichlich weiter als der Arm der deutschen Reichs- 
regierung. Und wo wir diesen Sprit finden, dient er vor Allem — der Fäl- 
schung. Er wird das Mittel, wodurch südeuropäische Weine verschiffbar und 
damit der inländischen arbeitenden Bevölkerung entzogen werden. Und wie 
die Lanze des Achilles die Wunden heilt, die sie geschlagen, so bietet der 
preußische Sprit den des Weins beraubten Arbeiterklassen gleichzeitig den 

Ersatz in verfälschtem Branntwein! Kartoffelsprit ist für Preußen das, was 
Eisen und Baumwollenwaaren für England sind, der Artikel, deres auf dem 
Weltmarkt repräsentirt. Wohl mag daher der neueste Adept und zugleich 
Regenerator des Sozialismus, Herr Eugen Dühring, die Brennerei „in erster 
Linie ... als natürlichen Anschluß (der Industrie) an die landwirthschaft- 
liehen Thätigkeiten" feiern und triumphirend ausrufen: „Die Spirituser- 

zeugung ist von einer solchen Bedeutung, daß man sie eher unterschätzen, 

als überschätzen wird!" — Aber freilich, das Anch'io son pittore (auch ich 
bin Maler, wie Correggio sagte) heißt auf preußisch: ,Auchich bin Schnaps- 
brenner." 

Damit aber sind die Wunderthaten des preußischen Kartoffelschnapses 
noch lange nicht erschöpft. „Während früher in jenen Ländern, sagt Herr 
v. Kardorff, auf der Quadratmeile etwa 1000 Menschen wohnten, ernährt das 
Land jetzt in Folge der Spritfabrikation etwa 3000 Menschen pro Quadrat- 
meile." Und das istim Ganzen richtig. Ich weiß nicht, von welcher Zeit Herr 
v. Kardorff spricht, wenn er die Bevölkerung auf 1000 Köpfe pro Quadrat- 
meile angibt. So eine Zeit hat sicher einmal existirt. Wenn wir aber die 
Provinzen Sachsen und Schlesien ausschließen, in denen die Brennerei 
neben den andern Industrien eine weniger hervorragende Rolle spielt, ferner 
Posen, dessen größter Theil trotz aller Anstrengungen der Regierung noch 
immer keine Lust bezeigt, etwas anders zu sein als polnisch, so bleiben uns 
die drei Provinzen Brandenburg, Pommern und Preußen. Diese drei Pro- 
vinzen haben eine Oberfläche von zusammen 2415 Quadratmeilen. Sie hatten 
eine Gesammtbevölkerung 1817 von 3479825 Köpfen oder 1441 auf die 
Quadratmeile; 1871 von 7432407 Köpfen oder 3078 auf die Quadratmeile. 
Wir stimmen ganz mit Herrn v. Kardorff überein, wenn er diesen Zuwachs 
der Bevölkerung wesentlich als directe oder indirecte Folge der Schnaps- 
brennerei ansieht. Rechnen wir hierzu die Altmark, das nördliche, 
ackerbautreibende Niederschlesien und den überwiegend deutschen Theil 
von Posen, wo die Bevölkerungsverhältnisse sich ähnlich gestaltet haben 
werden, so haben wir das eigentliche Schnapsgebiet, aber auch gleichzeitig 
den Kern der preußischen Monarchie. Und hiermit eröffnet sich eine ganz 
andere Perspektive. Die Brennerei zeigt sich jetzt als die eigentliche ma- 
terielle Grundlage des gegenwärtigen Preußens. Ohne sie mußte das preu- 
Bische Junkerthum zu Grunde gehen; seine Güter wären zum Theil von 
großen Landmagnaten aufgekauft worden, die eine wenig zahlreiche Aristo- 
kratie im englischen Sinn gebildet hätten; zum Theil wären sie zerschlagen 
worden und hätten die Grundlage zu einem selbstständigen Bauernstand 
gebildet. Ohne sie wäre der Kern Preußens ein Land von etwa 2000 Köpfen 
auf die Quadratmeile geblieben, unfähig in der Geschichte weiterhin eine 
Rolle zu spielen, weder im Guten noch im Schlechten, bis die bürgerliche 
Industrie sich hinreichend entwickelt, um auch hier die gesellschaftliche und 
vielleicht politische Leitung zu übernehmen. Die Brennerei hat der Ent- 
wicklung eine andere Wendung gegeben. Auf einem Boden, der fast nichts 
hervorbringt als Kartoffeln und Krautjunker, aber diese auch massenhaft, 
konnte sie der Concurrenz einer Welt Trotz bieten. Mehr und mehr be- 
günstigt von der Nachfrage — aus schon erklärten Umständen — konnte sie 
sich zur Centralschnapsfabrik der Welt erheben. Unter den vorgefundenen 

gesellschaftlichen Verhältnissen hieß dies nichts Anderes, als die Ausbildung 
einerseits einer Klasse mittelgroßer Grundbesitzer, deren jüngere Söhne das 
Hauptmaterial lieferten für die Offiziere der Armee und für die Büreaukratie, 
d.h. eine neue Lebensfrist für das Junkerthum; andererseits einer sich 
verhältnißmäßig rasch vermehrenden Klasse von Halbhörigen, aus denen 
sich die Masse der „Kernregimenter" der Armee rekrutirt. Was die Lage 
dieser nominell Freien, aber meist durch Jahrescontracte, durch Natural- 
empfänge, durch die Wohnungsverhältnisse, schließlich durch die gutsherr- 
liche Polizei, die mit der neuen Kreisordnung nur eine veränderte Form 
angenommen hat, dem Gutsherrn practisch vollständig hörig gemachten 
Arbeitermasse ist, darüber kann man in den Schriften von Professor 
v.d. Goltz sich Raths erholen. Kurz, wenn Preußen in den Stand gesetzt 
wurde, die 1815 verschluckten westelbischen Brocken einigermaßen zu 
verdauen, 1848 die Revolution in Berlin zu erdrücken, 1849 trotz der rhei- 
nisch-westphälischen Aufstände an die Spitze der deutschen Reaction zu 
treten, 1866 den Krieg mit Oesterreich durchzuführen und 1871 ganz Klein- 
deutschland unter die Führung dieses zurückgebliebensten, stabilsten, un- 
gebildetsten, noch halbfeudalen Theils von Deutschland zu bringen, wem 
verdankt es das? Der Schnapsbrennerei. 

IL 

Kehren wir indeß zum Reichstag zurück. An der Debatte betheiligen sich 
vorwiegend Hr. von Kardorff, Hr.v. Delbrück und der Hamburgische 
Bundesbevollmächtigte Krüger. Nach dieser Debatte scheint es fast, als 
thäten wir dem preußischen Kartoffelspiritus ein himmelschreiendes Un- 
recht. Nicht der preußische, sondern der russische Sprit ist vom Uebel. 
Hr. v. Kardorff beklagt sich, daß Hamburger Industrielle russischen Schnaps 
(und dieser ist, wie Herr Krüger ausdrücklich hervorhebt, aus Korn, nicht 
aus Kartoffeln gebrannt) zu Sprit verarbeiten, „als deutschen Sprit versen- 
den und damit dem Renommé des deutschen Sprits Abbruch thun". Herrn 
Delbrück „ist gesagt worden, daß eine solche Unterschiebung dadurch große 
Schwierigkeiten finden würde, daß es bis jetzt noch nicht gelungen sei, aus 
russischem Branntwein geruchlosen Sprit herzustellen wie aus deutschem", 
er fügte aber vorsichtig hinzu: „Meine Herren, das kann ich natürlich nicht 
wissen." 

Also nicht der preußische Kartoffelspiritus, sondern der russische 
Kornspiritus ist vom Uebel. Der preußische Kartoffelsprit ist „geruchlos", 

d.h. fuselfrei; der russische Kornsprit ist bis jetzt noch nicht geruchlos 
herzustellen, enthält also Fuselöl, und wenn er als preußischer verkauft wird, 
so bringt er diesen um sein fuselfreies Renommé. Hiernach hätten wir den 
preußischen „Fuselfreien" allerdings in bübischer Weise und in durchaus 
reichsfeindlicher Absicht verläumdet. Sehen wir zu, wie es in der Wirklich- 
keit sich verhält. 

Man hat allerdings ein Verfahren, um Branntwein zu entf useln, indem man 
ihn mit frisch geglühter Holzkohle behandelt. In Folge dessen ist derin den 
Handel kommende Sprit überhaupt in letzter Zeit weniger mit Fuselöl ver- 
setzt gewesen. Nun aber ist zwischen den beiden Spritsorten, die uns hier 
angehen, folgender Unterschied: der Kornspiritus kann ohne große Mühe 
vollständig entfuselt werden, während die Entfuselung des Kartoffelsprits 
viel schwieriger und in der Großproduktion praktisch so sehr unmöglich ist, 
daß selbst der reinste aus Kartoffelschnaps hergestellte Spiritus beim Zer- 
reiben auf der Hand stets Fuselgeruch zurückläßt. Daher ist es Regel, daß 
für Verwendung in Apotheken und zu feinen Liqueuren nur Kornspiritus, 
nie aber Kartoffelsprit genommen wird oder doch genommen werden soll 
(denn auch hier wird ja gefälscht!). 

Und ein paar Tage nachdem die „Kölnische Zeitung" obige Schnaps- 
debatte gebracht, bringt sie (8. Febr. erstes Blatt) inden Vermischten Nach- 
richten folgenden Stoßseufzer eines rheinischen Schoppenstechers: 
„Aeußerst wünschenswerth wäre es nun, auch den Zusatz von Kartoffelsprit 
zum dünnen Wein darzuthun. Wüste Eingenommenheit des Kopfes hinter- 
her weist allerdings, aber zu spät, darauf hin. Der Kartoffelsprit enthält noch 
Fuselöl, dessen sonst unangenehmer Geruch durch den eigenthümlichen des 
Weins verdeckt wird. Diese Verfälschung gehört zu den häufigsten." 

Endlich, um die altpreußischen Schnapsbrenner zu beruhigen, läßt 
Hr. Krüger das bedenkliche Factum an's Tageslicht, daß der russische 
Kornspiritus im Hamburger Markt vier Mark theurer bezahlt wird als der 
preußische Kartoffelsprit. Letzterer wurde am 7. Febr. in Hamburg mit 
35 Mark pro 100 Liter notirt; der russische holt also einen um 12 Prozent 
besseren Preis als der preußische, dessen Renommé er angeblich Abbruch 
thut! 

Und nun sehe man sich nach allen diesen Thatsachen die verletzte Un- 
schuldsmiene des verleumdeten, ,,geruchlosen", auf sein Renommé 
eifersüchtigen, tugendhaften preußischen „Fuselfreien" an, der im Groß- 
handel nur 35 Markpfennige das Liter kostet, wohlfeiler als Bier! Wenn man 
jene Debatte und diese Thatsachen zusammenhält, kommt man da nicht in 
Versuchung, zu fragen: Wer wird hier zum Narren gehalten? 

Weltumfassend ist der gesegnete Einfluß des preußischen Fuselöls, denn 
mit dem Kartoffelsprit fließt es injedes Getränk ein. Vondem sauren dünnen 

Mosel- und Rheinwein schlechter Lagen, der mit Kartoffelzucker und 
Kartoffelsprit in Brauneberger und Niersteiner umgezaubert wird, von dem 
schlechten Rothwein, der seit Gladstone's Handelsvertrag England über- 
schwemmt und dort ,,Gladstone" genannt wird, bis zum Chateau Lafitte und 
Champagner, Portwein und Madeira, den die Bourgeois in Indien, China, 
Australien und Amerika trinken, ist kein Getränk, in dessen Zusammen- 
setzung nicht preußisches Fuselöl einträte. Die Produktion dieser Getränke 
florirt überall, wo Wein wächst und wo Wein in großen Massen lagert, und 
sie jubelt dem Kartoffelsprit Dithyramben entgegen. Aber die Consumtion? 
Ja, die Consumtion wird es inne, vermittelst der „wüsten Eingenommenheit 
des Kopfes", worin die Segnungen des preußischen Fuselöls bestehen, und 
versucht sich diese Segnungen vom Leibe zu halten. In Italien, sagt Hr. von 
Kardorff, wendet man den Handelsvertrag so an, daß der preußische Sprit 
einen viel zu hohen Zoll zahlt. Belgien, Amerika, England machen durch 
hohe Zölle die Spritausfuhr dorthin unmöglich. In Frankreich kleben die 
Zollbeamten rothe Zettel auf die Spritfässer, um sie als preußische zu kenn- 
zeichnen — wirklich das erste Mal, daß die französischen Zollbeamten irgend 
etwas Gemeinnütziges gethan haben! Kurz, es ist soweit gekommen, daß 
Hr. von Kardorff verzweiflungsvoll ausruft: „Meine Herren, wenn Sie sich 
die Lage der deutschen Spritindustrie vergegenwärtigen, werden Sie finden, 
daß sich alle Länder auf's ängstlichste gegen unsere Sprits verschließen!" 
Natürlich genug! Die Gnadenwirkungen dieser Sprits sind allgemach welt- 
bekannt geworden, und die einzige Manier, sich die „wüste Eingenommen- 
heit des Kopfes" vom Leibe zu halten, ist die, das Fuselzeug überhaupt nicht 
ins Land zu lassen. 

Und nun zieht noch gar, schwer und dumpfig, eine Wetterwolke von Östen 
über die bedrängten Schnapsjunker empor. Der große Bruder in Rußland, 
der letzte Hort und Schirm aller altehrwürdigen Einrichtungen gegen mo- 
derne Zerstörungswuth, fängt nun auch an, Schnaps zu brennen und aus- 

zuführen und zwar Kornschnaps, und diesen liefert er obendrein eben so 

wohlfeil, wie die preußischen Junker ihren Kartoffelschnaps. Von Jahr zu 
Jahr mehrt sich die Produktion und die Ausfuhr dieses russischen Schnapses, 
und wenn er bisher in Hamburg zu Sprit rectificirt wurde, so erzählt uns 
Hr. Delbrück, daß „in den russischen Häfen ... jetzt schon in der Anlage 
befindlich sind eine Anzahl mit vorzüglichsten Apparaten ausgestatteter 
Anstalten zur Rectification von russischem Branntwein", und bereitet die 
Herren Junker darauf vor, daß die russische Concurrenz mit jedem Jahre 
ihnen mehr über den Kopf wachsen wird. Herr von Kardorff fühlt das sehr 
gut und verlangt, die Regierung solle die Durchfuhr von russischem Spiritus 
durch Deutschland kurzer Hand verbieten. 

Herr von Kardorff sollte doch, als freiconservativer Abgeordneter, in der 

Lage sein, die Stellung der deutschen Reichsregierang zu Rußland besser zu 
würdigen. Nach der Annexion von Elsaß-Lothringen und der unerhörten 
Kriegsentschädigung der fünf Milliarden, wodurch man Frankreich zum 
nothwendigen Bundesgenossen jedes Feindes von Deutschland gemacht 
hatte, und bei der Politik, sich überall geachtet oder vielmehr gefürchtet, aber 

nirgends geliebt zu machen, blieb nur Eine Wahl: entweder nun auch rasch 
Rußland niederzuschlagen, oder aber — sich die russische Allianz zu sichern 
(soweit auf Rußland Verlaß ist), indem man der gehorsame Diener der rus- 
sischen Diplomatie wurde. Da man sich zur ersten Alternative nicht ent- 
schließen konnte, verfiel man rettungslos der zweiten. Preußen, und mit ihm 

das Reich, ist wieder in derselben Abhängigkeit von Rußland, wie nach 1815 
und nach 1850; und gerade wie nach 1815, dient die „heilige Allianz" zum 
Deckmantel dieser Abhängigkeit. Das Resultat aller glorreichen Siege ist, daß 
man nach wie vor das fünfte Rad am europäischen Wagen bleibt. Und da 
wundert sich Bismarck, daß das deutsche Publikum nach wie vor sich um 

die Angelegenheiten des Auslandes kümmert, wo die wirklichen Schwer- 
punkte der Entscheidung liegen, statt um die Thaten der Reichsregierung, 
die in Europa, und um die Reden des Reichstags, der in Deutschland nichts 
zu sagen hat! Die Durchfuhr russischen Sprits verbieten! Ich möchte den 
Reichskanzler sehen, der das wagte, ohne gleichzeitig die Kriegserklärung 

gegen Rußland im Sack zu haben! Und wenn Herr von Kardorff ein so 
senderbares Verlangen an die Reichsregierung stellt, so sollte man fast glau- 
ben, nicht nur das Schnaps trinken, sondern schon das Schnapsbrennen wirke 
benebelnd auf den Verstand. Haben doch auch berühmtere Schnapsbrenner, 
als Herr von Kardorff, in der letzten Zeit Dinge vorgenommen, für die sich, 

von ihrem eigenen Standpunkte aus, absolut keine rationelle Erklärung fin- 
den läßt. 

Im Uebrigen ist nichts begreiflicher, als daß die russische Concurrenz 
unsern Schnapsjunkern ein unheimliches Grauen einflößt. Im Innern von 
Rußland gibt es große Landstriche, wo Korn eben so wohlfeil zu haben ist, 
wie Kartoffeln in Preußen. Brennmaterial ist zudem in Rußland meistens 
wohlfeiler als in unsern Brennereidistricten. Alle materiellen Vorbedingun- 
gen sind da. Was Wunder, daß ein Theil des russischen Adels, ganz wie die 
preußischen Junker, das vom Staat bei der Frohnden-Ablösung für Rech- 
nung der Bauern vorgeschossene Geld in Brennereien anlegt? Daß diese 
Brennereien, bei dem stets wachsenden Markt und bei dem Vorzug, den 
Kornbranntwein bei gleichem oder wenig höherem Preis stets vor Kartoffel- 
branntwein haben wird, sich rasch ausdehnen, und daß schon jetzt die Zeit 
abzusehen ist, wo ihr Produkt den preußischen Kartoffelsprit gänzlich vom 
Markte verdrängt? Da hilft kein Klagen und kein Jammern. Die Gesetze der 
kapitalistischen Produktion, so lange diese dauert, sind ebenso unerbittlich 

für Junker wie für Juden. Dank der russischen Concurrenz, rückt der Tag 
heran, wo die heilige Ilios hinsinkt, wo die herrliche preußische Schnaps- 
industrie vom Weltmarkt verschwindet und höchstens noch den innern 
Markt befuselt. Aber an dem Tage, wo den preußischen Junkern der De- 
stillirhelm entwunden wird und ihnen nur noch der Wappenhelm oder 
höchstens der Armeehelm bleibt—an dem Tage istes aus mit Preußen. Sehen 
wir ganz ab vom übrigen Gang der Weltgeschichte, von der Möglichkeit, 
Wahrscheinlichkeit oder Unvermeidlichkeit neuer Kriege oder Umwälzun- 
gen — die russische Schnapsconcurrenz allein muß Preußen ruiniren, indem 
sie die Industrie vernichtet, die den Ackerbau der östlichen Provinzen auf 
seiner jetzigen Entwickelungsstuf e erhält. Damit vernichtet sie aber auch die 
Lebensbedingungen der ostelbischen Junker und ihrer 3000 Hörigen auf die 
Quadratmeile; und damit vernichtet sie die Grundlage des preußischen 
Staats: das Material der Offiziere wie der Unteroffiziere und der unbedingt 
Ordre parkenden Soldaten, dazu das Material des Kerns der Bureaukratie, 
das Material, das dem jetzigen Preußen seinen specifischen Charakter auf- 
drückt. Mit dem Sturz der Branntweinbrennerei stürzt der preußische Mi- 
litarismus, und ohne ihn ist Preußen Nichts. Dann werden diese Ostprovin- 
zen in den Rang zurücksinken, der ihnen nach ihrer dünnen Bevölkerung, 
ihrer unter dem Ackerbau geknechteten Industrie, ihren halbfeudalen Zu- 
ständen, ihrem Mangel an bürgerlicher Entwickelung und allgemeiner Bil- 
dung in Deutschland zukommt. Dann werden die übrigen Länder des 
deutschen Reichs, befreit von dem Druck dieser halbmittelalterlichen 
Herrschaft, aufathmen und die ihnen nach ihrer industriellen Entwickelung 
und fortgeschritteneren Bildung zukommende Stellung einnehmen. Die 
Ostprovinzen selbst werden sich andere, weniger vom Ackerbau abhängige 
und weniger feudalen Betrieb zulassende Industrien aussuchen und in der 
Zwischenzeit, statt dem preußischen Staat, der Sozialdemokratie ihre Armee 
zuführen. Die ganze übrige Welt wird jubeln, daß es mit der preußischen 
Fuselölvergiftung endlich einmal zu Ende ist; die preußischen Junker und 
der dann endlich „in Deutschland aufgegangene" preußische Staat aber 

werden sich trösten müssen mit den Worten des Dichters: 

Was unsterblich im Gesang soll leben, 
Muß im Leben untergeh'n.