Karl Marx 
Kritik des Gothaer Programms 

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[Brief an Wilhelm Bracke] 

London, 5. Mai, '75 
Lieber Bracke. 

Nachstehende kritische Randglossen zu dem Coalitionsprogramm sind Sie 
wohl so gut, nach Durchlesung, zur Einsicht an Geib und Auer, Bebel und 
Liebknecht mitzutheilen. Notabene. Das Manuscript muss in Ihre Hände 
zurück kehren, damit es mir nöthigen Falls zu Gebot steht. Ich bin über- 
beschäftigt und muss schon weit über das Arbeitsmaas hinausschiessen, 
das mir ärztlich vorgeschrieben ist. Es war mir daher keineswegs ein 

„Genuss" solch langen Wisch zu schreiben. Doch war es nothwendig, damit 
später meinerseits zu thuende Schritte von den Parteifreunden, für welche 
diese Mittheilung bestimmt ist, nicht missdeutet werden. 

Nach abgehaltnem Coalitions-Congress werden Engels und ich nämlich 
eine kurze Erklärung veröffentlichen, des Inhalts, dass wir besagtem Prin- 
cipienprogramm durchaus fern stehn und nichts damit zu thun haben. 

Es ist diess unerlässlich, da man im Ausland die von Parteifeinden sorg- 
samst genährte Ansicht — die durchaus irrige Ansicht hegt, dass wir die 
Bewegung der s.g. Eisenacher Partei insgeheim von hieraus lenken. Noch 
in einer jüngst erschienenen russischen Schrift macht Bakunin mich z.B. 

nicht nur für alle Programme etc jener Partei verantwortlich, sondern sogar 
für jeden Schritt den Liebknecht vom Tag seiner Cooperation mit der 
Volkspartei an gethan hat. 

Abgesehn davon ist es meine Pflicht ein nach meiner Ueberzeugung 
durchaus verwerfliches und die Partei demoralisirendes Programm auch 
nicht durch diplomatisches Stillschweigen anzuerkennen. 

Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Pro- 
gramme. Konnte man also nicht — und die Zeitumstände liessen das nicht 
zu — über das Eisenacher Programm hinausgehn, so hätte man einfach eine 

Karl Marx 

Uebereinkunft für Action gegen den gemeinsamen Feind abschliessen sollen. 
Macht man aber Principien-Programme (statt diess bis zur Zeit aufzuschie- 
ben, wo dergleichen durch längere gemeinsame Thätigkeit vorbereitet war), 
so errichtet man vor aller Welt Marksteine, an denen sie die Höhe der 
Parteibewegung misst. 

Die Chefs der Lassalleaner kamen, weil die Verhältnisse sie dazu zwangen. 
Hätte man ihnen von vorn herein erklärt, man lasse sich auf keinen Prin- 
cipienschacher ein, so hätten sie sich mit einem Actionsprogramm 
oder ||[2]| Organisationsplan zu gemeinschaftlicher Action begnügen müssen. 
Statt dessen erlaubt man ihnen sich mit Mandaten bewaffnet einzustellen 
und erkennt diese Mandate seinerseits als bindend an, ergiebt sich also den 
Hilfsbedürftigen auf Gnade und Ungnade. Um der Sache die Krone auf- 
zusetzen, halten sie wieder einen Congress vor dem Compromisscongress, 
während die eigne Partei ihren Congress postfestum hält. Man wollte offen- 
bar alle Kritik eskamotiren und die eigne Partei nicht zum Nachdenken 
kommen lassen. Man weiss wie die blosse Thatsache der Vereinigung die 
Arbeiter befriedigt, aber man irrt sich wenn man glaubt dieser augenblick- 
liche Erfolg sei nicht zu theuer erkauft. 

Uebrigens taugt das Programm nichts, auch abgesenn von der Heiligspre- 
chung der lassall'sehen Glaubensartikel. 

Ich werde Ihnen in der nächsten Zeit die Schlusslieferungen der franzö- 
sischen Ausgabe des Kapitals schicken. Der Fortgang des Drucks war auf 
längere Zeit durch Verbot der französischen Regierung gehemmt. Diese 
Woche oder Anfang der nächsten wird die Sache fertig. Haben Sie die 
früheren 6 Lieferungen erhalten? Schreiben Sie mir gefälligst auch die 
Adresse von Bernhard Becker, dem ich ebenfalls die Schlusslieferungen 
schicken muss. 

Die Volksstaats-Buchhandlung hat eigne Manieren. So hat man mir bis zu 
diesem Augenblick z. B. auch nicht ein einziges Exemplar des Abdrucks des 
Kölner Kommunistenprocesses zukommen lassen. 

Mit bestem Gruss 
Ihr Karl Marx 

PRE Vo ER 

Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms. Seite 1. 

Randglossen zum: 
Programm der deutschen Arbeiterpartei. 

I. 

1) „Die Arbeit ist die Quelle alles Reichthums und aller Kultur, und da 
nutzbringende Arbeit nur in der Gesellschaft und durch die Gesellschaft 
möglich ist, gehört der Ertrag der Arbeit unverkürzt, nach gleichem Rechte, 
allen Gesellschaftsgliedern." Erster Theil des Paragraphen: „Die Arbeit ist 
die Quelle alles Reichthums und aller Kultur." 

Die Arbeit ist nicht die Quelle alles Reichthums. Die Naturist ebenso sehr 
die Quelle der Gebrauchswerthe (und aus solchen besteht doch wohl der 
sachliche Reichthum?) als die Arbeit, die selbst nur die Äusserung einer 
Naturkraft ist, der menschlichen Arbeitskraft. 

Jene Phrase findet sich in allen Kinderfibeln und ist insofern richtig 
als ||[3]| unterstellt wird, dass die Arbeit mit den dazu gehörigen Gegen- 
ständen und Mitteln vorgeht. Ein socialistisches Programm darf aber solchen 
bürgerlichen Redensarten nicht erlauben die Bedingungen zu verschweigen 
die ihnen allein einen Sinn geben. Nur soweit der Mensch sich von vorn 
herein als Eigenthümer zur Natur, der ersten Quelle aller Arbeitsmittel und 
-Gegenstände, verhält, sie als ihm gehörig behandelt, wird seine Arbeit 
Quelle von Gebrauchswerthen, also auch von Reichthum. Die Bürger haben 
sehr gute Gründe der Arbeit übernatürliche Schöpfungskraft anzudichten; 
denn grade aus der Naturbedingtheit der Arbeit folgt, dass der Mensch, der 
kein andres Eigenthum besitzt als seine Arbeitskraft, in allen Gesellschafts- 
und Kulturzuständen der Sklave der andern Menschen sein muss, die sich 
zu Eigenthümern der gegenständlichen Arbeitsbedingungen gemacht haben. 
Er kann nur mit ihrer Erlaubniss arbeiten, also nur mit ihrer Erlaubniss 
leben. 

Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms. Seite 2. 

Kad Marx 

Lassen wir jetzt den Satz, wie er geht und steht, oder vielmehr hinkt. Was 
hätte man als Schlussfolgerung erwartet? Offenbar diess: 

„Da die Arbeit die Quelle alles Reichthums ist, kann auch in der Ge- 
sellschaft sich Niemand Reichthum aneignen ausser als Produkt der Arbeit. 
Wenn er also nicht selber arbeitet, lebt er von fremder Arbeit undeignet sich 
auch seine Kultur auf Kosten fremder Arbeit an." 

Statt dessen wird durch die Wortschraube und da ein zweiter Satz an- 
gefügt, um aus ihm, nicht aus dem ersten, eine Schlussfolgerung zu ziehn. 

Zweiter Theil des Paragraphen. 

„Nutzbringende Arbeit ist nur in der Gesellschaft und durch die Ge- 
Seilschaft möglich." 

Nach dem ersten Satz war die Arbeit die Quelle alles Reichthums und aller 
Kultur, also auch keine Gesellschaft ohne Arbeit möglich. Jetzt erfahren wir 
umgekehrt, dass keine „nutzbringende" Arbeit ohne Gesellschaft möglich 
ist. 

Man hätte ebenso gut sagen können, dass nur in der Gesellschaft nutzlose 
und selbst gemeinschädliche Arbeit ein Erwerbszweig werden kann, dass 
man nur in der Gesellschaft vom Müssiggang leben kann, etc., etc., kurz den 
ganzen Rousseau abschreiben können. 

Und was ist „nutzbringende" Arbeit? Doch nur die Arbeit, die den be- 
zweckten Nutzeffekt hervorbringt. Ein Wilder — und der Mensch ist Wilder, 
nachdem er aufgehört hat Affe zu sein — der ein Thier mit einem Stein erlegt, 
der Früchte sammelt, etc., verrichtet „nutzbringende" Arbeit. 

Drittens: Die Schlussfolgerung: „Und da nutzbringende Arbeit nur in der 
Gesellschaft und durch die Gesellschaft möglich ist — gehört der Ertrag der 
Arbeit ||[4]]| unverkürzt, nach gleichem Rechte, allen Gesellschaftsglie- 
dern." 

Schöner Schluss! Wenn die nutzbringende Arbeit nur in der Gesellschaft 
und durch die Gesellschaft möglich ist, gehört der Arbeitsertrag der Ge- 
sellschaft — und kommt dem einzelnen Arbeiter davon nur so viel zu als nicht 
nöthig ist, um die „Bedingung" der Arbeit, die Gesellschaft, zu erhalten. 

In der That ist dieser Satz auch zu allen Zeiten von den Vorfechtern des 
jedesmaligen Gesellschaftszustands geltend gemacht worden. Erst kommen 
die Ansprüche der Regierung mit allem was dran klebt, denn sie ist das 
gesellschaftliche Organ zur Erhaltung der gesellschaftlichen Ordnung; dann 
kommen die Ansprüche der verschiednen Sorten von Privateigenthümern, 
denn die verschiednen Sorten Privateigenthum sind die Grundlagen der 
Gesellschaft, etc. Man sieht, man kann solche hohlen Phrasen drehn und 
wenden wie man will. 

Irgend welchen verständigen Zusammenhang haben der erste und zweite 

Theil des Paragraphen nur in dieser Fassung: 

Kritik des Gothaer Programms 

„Quelle des Reichthums und der Kultur wird die Arbeit nur als ge- 
sellschaftliche Arbeit" oder, was dasselbe ist, „in und durch die Gesell- 
schaft". 

Dieser Satz ist unstreitig richtig, denn wenn die vereinzelte Arbeit (ihre 
sachlichen Bedingungen vorausgesetzt) auch Gebrauchswerthe schaffen 
kann, kann sie weder Reichthum noch Kultur schaffen. 

Aber ebenso unstreitig ist der andre Satz: 

„Im Masse wie die Arbeit sich gesellschaftlich entwickelt, und dadurch 
Quelle von Reichthum und Kultur wird, entwickeln sich Armuth und Ver- 
wahrlosung auf Seite des Arbeiters, Reichthum und Kultur auf Seite des 
Nicht-Arbeiters."' 

Diess ist das Gesetz der ganzen bisherigen Geschichte. Es war also, statt 
allgemeine Redensarten über „die Arbeit" und „die Gesellschaft" zu ma- 
chen, hier bestimmt nachzuweisen, wie in der jetzigen kapitalistischen 
Gesellschaft endlich die materiellen etc. Bedingungen geschaffen sind, 
welche die Arbeiter befähigen und zwingen jenen geschichtlichen Fluch zu 
brechen. 

In der That aber ist der ganze, stylistisch und inhaltlich verfehlte Paragraph 
nur da um das Lassall'sehe Stichwort vom „unverkürzten Arbeitsertrag" als 
Losungswort auf die Spitze der Parteifahne zu schreiben. Ich komme später 
zurück auf den „Arbeitsertrag", „das gleiche Recht" etc., da dieselbe Sache 
in etwas andrer Form wiederkehrt. 

2) „In der heutigen Gesellschaft sind die Arbeitsmittel Monopol der 
Kapitalistenklasse; die hierdurch bedingte Abhängigkeit der Arbeiterklasse 
ist die Ursache des Elends und der Knechtschaft in allen Formen." | 

|[5]| Der dem internationalen Statut entlehnte Satz ist in dieser „verbes- 
serten" Ausgabe falsch. 

In der heutigen Gesellschaft sind die Arbeitsmittel Monopol der Grund- 
eigenthümer (das Monopol des Grundeigenthums ist sogar Basis des Ka- 
pitalmonopols) und der Kapitalisten. Das internationale Statut nennt im 
betreffenden Passus weder die eine noch die andre Klasse der Monopolisten. 
Es spricht vom „Monopol der Arbeitsmittel, d.h. der Lebensquellen"/der 
Zusatz: „Lebensquellen" zeigt hinreichend, dass der Grund und Boden in 
den Arbeitsmitteln einbegriffen ist. 

Die Verbesserung wurde angebracht weil Lassalle, aus jetzt allgemein 
bekannten Gründen, nur die Kapitalistenklasse angriff, nicht die Grund- 
eigenthümer. In England ist der Kapitalist meistens nicht einmal der Eigen- 
thümer des Grund und Bodens, auf dem seine Fabrik steht. 

3) „Die Befreiung der Arbeit erfordert die Erhebung der Arbeitsmittel zu 
Gemeingut der Gesellschaft und die genossenschaftliche Regelung der 
Gesammtarbeit mit gerechter Vertheilung des Arbeitsertrags." 

Karl Marx 

„Erhebung der Arbeitsmittel zu Gemeingut!" Soll wohl heissen ihre 
„Verwandlung in Gemeingut". Doch diess nur nebenbei. 

Was ist ,Arbeitsertrag'"! Das Product der Arbeit oder sein Werth? Und 
im letzteren Fall, der Gesammtwerth des Products oder nur der Werththeil, 
den die Arbeit dem Werth der aufgezehrten Productionsmittel neu zugesetzt 
hat? 

„Arbeitsertrag" ist eine lose Vorstellung, die Lassalle an die Stelle be- 
stimmter ökonomischer Begriffe gesetzt hat. 

Was ist „gerechte" Vertheilung? 

Behaupten die Bourgeois nicht, dass die heutige Vertheilung „gerecht" ist? 
Und ist sie in der That nicht die einzige „gerechte" Vertheilung auf Grund- 
lage der heutigen Productionsweise? Werden die ökonomischen Verhältnisse 
durch Rechtsbegriffe geregelt oder entspringen nicht umgekehrt die Rechts- 
verhältnisse aus den ökonomischen? Haben nicht auch die socialistischen 
Sektirer die verschiedensten Vorstellungen über „gerechte" Vertheilung? 

Um zu wissen, was man sich bei dieser Gelegenheit unter der Phrase 
„gerechte Vertheilung" vorzustellen hat müssen wir den ersten Paragraphen 
mit diesem zusammenhalten. Letzterer unterstellt eine Gesellschaft worin 
„die Arbeitsmittel Gemeingut sind und die Gesammtarbeit genossenschaft- 
lich geregelt ist", und aus dem ersten Paragraphen ersehn wir, dass „der 
Ertrag der Arbeit unverkürzt, nach gleichem Rechte, allen Gesellschafts- 
gliedern gehört". 

„Allen Gesellschaftsgliedern?" Auch den nicht Arbeitenden? wo bleibtda 
„der unverkürzte Arbeitsertrag"? Nur den arbeitenden Gesellschaftsglie- 
dern? Wo bleibt da „das gleiche Recht" aller Gesellschaftsglieder? 

Doch „alle Gesellschaftsglieder" und „das gleiche Recht" sind offenbar 
nur Redensarten. Der Kern besteht darin, dass in dieser kommunistischen 
Gesellschaft jeder Arbeiter seinen „unverkürzten" lassall'schen „Arbeits- 
ertrag" erhalten muss. | 

|[6]| Nehmen wir zunächst das Wort „Arbeitsertrag" im Sinn des Produkts 
der Arbeit, so ist der genossenschaftliche Arbeitsertrag das gesellschaftliche 
Gesamm  Gesamtprodukt. 

Davon ist nun abzuziehn: 

Erstens: Deckung zum Ersatz der verbrauchten Produktionsmittel; 

Zweitens: Zusätzlicher Theil für Ausdehnung der Produktion; 

Drittens: Reserve- oder Assekuranzfonds gegen Missfälle, Störungen 
durch Naturereignisse, etc. 

Diese Abzüge vom „unverkürzten Arbeitsertrag" sind eine ökonomische 
Nothwendigkeit und ihre Grösse ist zu bestimmen nach vorhandnen Mitteln 
und Kräften, zum Theil durch Wahrscheinlichkeitsrechnung, aber sie sind 
in keiner Weise aus der Gerechtigkeit kalkulirbar. 

Kritik des Gothaer Programms 

Bleibt der andre Theil des GesammGesamtprodukts, bestimmt als Consumtions- 
mittel zu dienen. 

Bevor es zur individuellen Theilung kommt geht hiervon wieder ab: 

Erstens: Die allgemeinen, nicht direkt zur Produktion gehörigen Ver- 

waltungskosten. 

Dieser Theil wird von vorn herein auf's bedeutendste beschränkt im 
Vergleich zur jetzigen Gesellschaft, und vermindert sich im selben Mass als 
die neue Gesellschaft sich entwickelt. 

Zweitens: Was zur gemeinschaftlichen Befriedigung von Bedürfnissen 

bestimmt ist, wie Schulen, Gesundheitsvorrichtungen, etc. 

Dieser Theil wächst von vorn herein bedeutend im Vergleich zur jetzigen 
Gesellschaft, und nimmt im selben Mass zu wie die neue Gesellschaft sich 
entwickelt. 

Drittens: Fonds für Arbeitsunfähige etc., kurz für was heute zur s.g. 
officiellen Armenpflege gehört. 

Erst jetzt kommen wir zu der „Vertheilung", die das Programm unter 
lassall'schem Einfluss bornirter Weise allein ins Auge fasst, nämlich an den 
Theil der Consumtionsmittel, der unter die individuellen Producenten der 
Genossenschaft vertheilt wird. 

Der „unverkürzte Arbeitsertrag" hat sich unter der Hand bereits in den 
„verkürzten" verwandelt, obgleich, was dem Producenten in seiner Eigen- 
schaft als Privatindividuum entgeht, ihm direkt oder indirekt in seiner Ei- 
genschaft als Gesellschaftsglied zu gut kommt. 

Wie die Phrase des „unverkürzten Arbeitsertrags" verschwunden ist, 
verschwindet jetzt die Phrase des „Arbeitsertrags" überhaupt. 

Innerhalb der genossenschaftlichen, auf Gemeingut an den Productions- 
mitteln gegründeten Gesellschaft tauschen die Producenten ihre Produkte 
nicht aus; eben so wenig erscheint hier die auf Produkte verwandte Arbeit 
als Werth dieser Produkte, als eine von ihnen besessne sachliche Eigen- 
schaft, da jetzt, im Gegensatz zur kapitalistischen Gesellschaft, die in- 
dividuellen Arbeiten nicht mehr auf einem Umweg, sondern unmittelbar als 
Bestandtheile der Gesammtarbeit existiren. Das Wort „Arbeitsertrag", auch 
heutzutag wegen seiner Zweideutigkeit verwerflich, verliert so allen Sinn. 

Womit wir es hier zu thun haben ist eine kommunistische Gesellschaft, 

nicht wie sie sich auf ihrer eignen Grundlage entwickelt hat, sondern um- 
gekehrt, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht, also 
in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich, geistig noch behaftet ist mit den 
Muttermalen der alten ||[7]| Gesellschaft, aus deren Schoos sie herkommt. 

Demgemäss erhält der einzelne Producent — nach den Abzügen — exakt 
zurück was er ihr giebt. Was er ihr gegeben hat, ist sein individuelles Ar- 
beitsquantum. Z. B. der gesellschaftliche Arbeitstag besteht aus der Summe 

Kad Marx 

der individuellen Arbeitsstunden. Die individuelle Arbeitszeit des einzelnen 
Producenten ist der von ihm gelieferte Theil des gesellschaftlichen Arbeits- 
tags, sein Antheil daran. Er erhält von der Gesellschaft einen Schein dass 
er so und so viel Arbeit geliefert (nach Abzug seiner Arbeit für die ge- 
meinschaftlichen Fonds) und zieht mit diesem Schein aus dem gesellschaft- 
lichen Vorrath von Consumtionsmitteln so viel heraus als gleich viel Arbeit 
kostet. Dasselbe Quantum Arbeit, das er der Gesellschaft in einer Form 
gegeben hat, erhält er in der andern zurück. 

Es herrscht hier offenbar dasselbe Princip, das den Waarenaustausch 
regelt, so weit er Austausch Gleichwerthiger ist. Inhalt und Form sind ver- 
ändert, weil unter den veränderten Umständen Niemand etwas geben kann 
ausser seiner Arbeit und andrerseits nichts in das Eigenthum der Einzelnen 
Übergehn kann ausser individuellen Consumtionsmitteln. Was aber die 
Vertheilung der letzteren unter die einzelnen Producenten betrifft, herrscht 
dasselbe Princip wie beim Austausch von Waarenequivalenten; es wird 
gleich viel Arbeit in einer Form gegen gleich viel Arbeit in einer andern 
ausgetauscht. 

Das gleiche Recht ist hier daher immer noch dem Princip nach — das 
bürgerliche Recht, obgleich Princip und Praxis sich nicht mehr in den Haaren 
liegen, während der Austausch von Equivalenten beim Waarenaustausch nur 
im Durchschnitt, nicht für den einzelnen Fall existirt. 

Trotz dieses Fortschritts ist diess gleiche Recht stets noch mit seiner 
bürgerlichen Schranke behaftet. Das Recht der Producenten ist ihren Ar- 
beitslieferungen proportioneil; die Gleichheit besteht darin, dass an gleichem 
Maßstab, der Arbeit, gemessen wird. Der eine ist aber physisch oder geistig 
dem andern überlegen, liefert also in derselben Zeit mehr Arbeit oder kann 
während mehr Zeit arbeiten; und die Arbeit, um als Maas zu dienen, muss 
der Ausdehnung oder der Intensivität nach bestimmt werden; sonst hörte 
sie auf Maasstab zu sein. Diess gleiche Recht ist ungleiches Recht für un- 
gleiche Arbeit. Es erkennt keine Klassenunterschiede an, weil jeder nun 
Arbeiter ist wie der andre, aber es erkennt stillschweigend die ungleiche 
individuelle Begabung und daher Leistungsfähigkeit der Arbeiter als natür- 
liche Privilegien an. Es ist daher ein Recht der Ungleichheit, seinem Inhalt 
nach, wie alles Recht. Das Recht kann seiner Natur nach nur in Anwendung 
von gleichem Maasstab bestehn; aber die ungleichen Individuen (und sie 
wären nicht verschiedne Individuen, wenn sie nicht Ungleiche wären) sind 
nur an gleichem Maßstab messbar, so weit man sie unter einen gleichen 
Gesichtspunkt bringt, sie nur von einer bestimmten Seite fasst, z.B. im 
gegebnen Fall sie nur als Arbeiter betrachtet, und weiter nichts in ihnen 
sieht, von allem andern absieht. 

Ferner: Ein Arbeiter ist verheirathet, der andre nicht; einer hat mehr 

Kritik des Gothaer Programms 

Kinder als der ||[8]| andre, etc. etc. Bei gleicher Arbeitsleistung und daher 
gleichem Antheil an dem gesellschaftlichen Consumtionsfonds erhält also 
der eine faktisch mehr als der andre, ist der eine reicher als der andre, etc. 
Um alle diese Missstände zu vermeiden müsste das Recht, statt gleich, 
vielmehr ungleich sein. 

Aber diese Missstände sind unvermeidbar in der ersten Phase der kom- 
munistischen Gesellschaft, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft 
nach langen Geburtswehen hervorgegangen ist. Das Recht kann nie höher 
sein als die ökonomische Gestaltung und dadurch bedingte Kulturentwick- 
lung der Gesellschaft. 

In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, nachdem die 
knechtende Unterordnung der Individuen unter die Theilung der Arbeit, 
damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit, verschwunden 
ist; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste 
Lebensbedürfniss geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der 
Individuen auch ihre Productivkräfte te gewachsen und alle Springquellen des 
genossenschaftlichen Reichthums voller fliessen — erst dann kann der enge 
bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft 
auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, Jedem nach seinen 
Bedürfnissen! 

Ich bin weitläufiger auf den „unverkürzten Arbeitsertrag" einerseits, „das 
gleiche Recht", „die gerechte Vertheilung" andrerseits eingegangen, um zu 
zeigen wie sehr man frevelt, wenn man einerseits Vorstellungen, die zu einer 
gewissen Zeit einen Sinn hatten, jetzt aber zu veraltetem Phrasenkram 
geworden, unsrer Partei wieder als Dogmen aufdrängen will, andrerseits aber 
die realistische Auffassung, die der Partei so mühvoll beigebracht worden, 
aber Wurzeln in ihr geschlagen, wieder durch ideologische Rechts- und 
andre, den Demokraten und französischen Socialisten, so geläufige Flausen 
verdreht. 

Abgesehn von dem bisher Entwickelten war es überhaupt fehlerhaft, von 
der s.g. Vertheilung Wesens zu machen und den Hauptaccent auf sie zu 
legen. 

Die jedesmalige Vertheilung der Consumtionsmittel ist nur Folge der 
Vertheilung der Produktionsbedingungen selbst; letztere Vertheilung aber 
ist ein Charakter der Produktionsweise selbst. Die kapitalistische Produk- 
tionsweise €. B. beruht darauf dass die sachlichen Produktionsbedingungen 
Nichtarbeitern zugetheilt sind unter der Form von Capitaleigenthum und 
Grundeigenthum, während die Masse nur Eigenthümer der persönlichen 
Produktionsbedingung, der Arbeitskraft, ist. Sind die Elemente der Pro- 
duktion derart vertheilt, so ergiebt sich von selbst die heutige Vertheilung 
der Consumtionsmittel. Sind die sachlichen Produktionsbedingungen ge- 

Karl Marx 

nossenschaftliches Eigenthum der Arbeiter selbst, so ergiebt sich ebenso 
eine von der heutigen verschiedne Vertheilung der Consumtionsmittel. Der 
Vulgärsocialismus (und von ihm wieder ein Theil der Demokratie)hates von 
den bürgerlichen Oekonomen überkommen die Distribution als von der 
Produktionsweise unabhängig zu betrachten und zu behandeln, daher den 
Socialismus hauptsächlich als um die Distribution sich drehend darzustellen. 
Nachdem das wirkliche Verhältniss längst klargelegt, warum wieder 
rückwärts gehn? | 

|[9]] 4) »Die Befreiung der Arbeit muss das Werk der Arbeiterklasse sein, 
der gegenüber alle andren Klassen nur eine reaktionaire Masse sind." 

Die erste Strophe ist aus den Eingangsworten der internationalen Statuten, 
aber ,,verbessert". Dort heisst es: ,,Die Befreiung der Arbeiterklasse muss 
die That der Arbeiter selbst sein"; hier hat dagegen ,,die Arbeiterklasse" zu 
befreien — was? ,die Arbeit". Begreife, wer kann. 

Zum Schadenersatz ist dagegen die Gegenstrophe lassallsches Citat vom 
reinsten Wasser. 

„der (der Arbeiterklasse) gegenüber alle andern Klassen nur eine reak- 
tionaire Masse büden." 

Im kommunistischen Manifest heisst es: 

„Von allen Klassen, welche heutzutage der Bourgeoisie gegenüberstehn, 
ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse. Die übrigen 
Klassen verkommen und gehn unter mit der grossen Industrie, das Proletariat 
ist ihr eigenstes Produkt." 

Die Bourgeoisie ist hier als revolutionaire Klasse aufgefasst—als Trägerin 
der grossen Industrie — gegenüber Feudalen und Mittelständen, welche alle 
gesellschaftliche Positionen behaupten wollen, die das Gebilde veralteter 
Produktionsweisen. Sie bilden also nicht zusammen mit der Bourgeoisie nur 
eine reaktionaire Masse. 

Andrerseits ist das Proletariat der Bourgeoisie gegenüber revolutionair, 
weil es, selbst erwachsen auf dem Boden der grossen Industrie, der Pro- 
duktion den kapitalistischen Charakter abzustreifen strebt, den die Bour- 
geoisie zu verewigen sucht. Aber das Manifest setzt hinzu: dass die ,,Mit- 
telstände ... revolutionär (werden)... im Hinblick auf ihren bevorstehenden 
Uebergang ins Proletariat". 

Von diesem Gesichtspunkt ist es also wieder Unsinn, dass sie ,zusammen 
mit der Bourgeoisie" und obendrein den Feudalen gegenüber der Arbeiter- 
klasse „nur eine reaktionaire Masse bilden". 

Hat man bei den letzten Wahlen Handwerkern, kleinen Industriellen, etc., 
und Bauern zugerufen: uns gegenüber büdet ihr mit Bourgeois und Feudalen 
nur eine reaktionaire Masse? 

Lassalle wusste das kommunistische Manifest auswendig, wie seine 

zo 

Kritik des Gothaer Programms 

Gläubigen die von ihm verfassten Heilsschriften. Wenn er es also so grob 
verfälschte, geschah es nur um seine Allianz mit den absolutistischen und 
feudalen Gegnern wider die Bourgeoisie zu beschönigen. 

Im obigen Paragraph wird nun zudem sein Weisheitsspruch an den Haaren 

herbeigezogen ohne allen Zusammenhang mit dem verballhornten Citat aus 

dem Statut der Internationalen. Er ist also hier einfach eine Impertinenz und 
zwar keineswegs Herrn Bismarck missfällige, eine jener wohlfeilen Fle- 
geleien, worin der Berliner Marat macht. 

5) „Die Arbeiterklasse wirkt für ihre Befreiung zunächst im Rahmen des 

heutigen nationalen Staats, sich bewusst, dass das nothwendige Ergebniss 
ihres Strebens, welches den Arbeitern aller Kulturländer gemeinsam ist, die 
internationale Völkerverbrüderung sein wird." 

Lassalle hatte im Gegensatz zum kommunistischen Manifest und zu allem 
früheren Socialismus die Arbeiterbewegung vom engsten nationalen Stand- 

punkt gefasst. Man folgt ihm darin — und diess nach dem Wirken der Inter- 
nationalen! 

Es versteht sich ganz von selbst, dass um überhaupt kämpfen zu können, 
die Arbeiterklasse sich bei sich zu Haus organisiren muss als Klasseund dass 
das Inland der unmittel||[10]|bare Schauplatz ihres Kampfes. Insofern ist ihr 

Klassenkampf, nicht dem Inhalt, sondern wie das kommunistische Manifest 
sagt „der Form nach" national. 

Aber der „Rahmen des heutigen nationalen Staats", z.B. des deutschen 
Reichs, steht selbst wieder, ökonomisch im „Rahmen des Weltmarkts", 
politisch „im Rahmen des Staatensystems". Der erste beste Kaufmann 
weiss, dass der deutsche Handel zugleich ausländischer Handel ist, und die 
Grösse des Herrn Bismarck besteht ja eben in seiner Art internationaler 
Politik. 

Und worauf reducirt die deutsche Arbeiter Partei ihren Internationalis- 
mus? Auf das Bewusstsein, dass das Ergebniss ihres Strebens „die inter- 

nationale Völkerverbrüderung sein wird" — eine dem bürgerlichen Freiheits- 
und Friedensbund entlehnte Phrase, die als Equivalent passiren soll für die 
internationale Verbrüderung der Arbeiterklassen im gemeinschaftlichen 
Kampf gegen die herrschenden Klassen und ihre Regierungen. Von inter- 
nationalen Funktionen der deutschen Arbeiterklasse also kein Wort! Und 

so soll sie ihrer eignen mit den Bourgeois aller andern Ländern bereits gegen 
sie verbrüderten Bourgeoisie und Herrn Bismarcks internationaler Ver- 
schwörungspolitik das Paroli bieten! 

In der That steht das internationale Bekenntnis des Programms noch 
unendlich tief unter dem der Freihandelspartei. Auch sie behauptet, das 
Ergebniss ihres Strebens sei „die internationale Völkerverbrüderung". Sie 
thut aber auch etwas um den Handel international zu machen und begnügt 

Karl Marx 

sich keineswegs bei dem Bewusstsein — dass alle Völker bei sich zu Haus 
Handel treiben. 

Die internationale Thätigkeit der Arbeiterklassen hängt in keiner Art von 
der Existenz der „Internationalen Arbeiterassociation" ab. Diese war nur 
der erste Versuch, jener Thätigkeit ein Centralorgan zu schaffen; ein Ver- 
such, der durch den Anstoss, welchen er gab, von bleibendem Erfolg, aber, 
in seiner ersten historischen Form, nach dem Fall der Pariser Commune, 
nicht länger durchführbar war. 

Bismarck's „Norddeutsche" war vollständig im Recht, wenn sie zur 
Zufriedenheit ihres Meisters's verkündete, die deutsche Arbeiterpartei habe 
in dem neuen Programm dem Internationalismus abgeschworen. 

IL. 

„Von diesen Grundsätzen ausgehend, erstrebt die deutsche Arbeiterpartei 
mit allen gesetzlichen Mitteln den freien Staat — und — die socialistische 
Gesellschaft: die Aufhebung des Lohnsystems mit dem ehernen Lohn- 
gesetze — und — der Ausbeutung in jeder Gestalt; die Beseitigung aller 
socialen und politischen Ungleichheit." 

Auf den „freien" Staat komme ich später zurück. 

Also in Zukunft hat die deutsche Arbeiterpartei an Lassalle's „ehernes 
Lohngesetz" zu glauben! Damit es nicht verloren geht, begeht man den 
Unsinn von „Aufhebung des Lohnsystems (sollte heissen: Systems der 
Lohnarbeit) mit dem ehernen Lohngesetz" zu sprechen. Hebe ich die 
Lohnarbeit auf, so hebe ich natürlich auch ihre Gesetze auf, seien sie „ehern" 
oder schwammig. Aber Lassalle's Bekämpfung der Lohnarbeit drehte sich 
fast nur um diess s.g. Gesetz. Um daher zu beweisen, dass die Lassallsche 
Sekte gesiegt hat, muss das „Lohnsystem mit dem ehernen Lohngesetz" 
aufgehoben werden, und nicht ohne dasselbe. | 

|[[11]] Von dem „ehernen Lohngesetz" gehört Lassalle bekanntlich nichts 
als das den Göthischen „ewigen, ehernen, grossen Gesetzen" entlehnte Wort 
„ehern". Das Wort ehern ist seine Signatur, woran sich die Rechtgläubigen 
erkennen. Nehme ich aber das Gesetz mit Lassalle's Stempel und daher in 
seinem Sinn, so muss ich es auch mit seiner Begründung nehmen. Und was 
ist sie? Wie Lange schon kurz nach Lassalles Tod zeigte: Die (von Lange 
selbst gepredigte) Malthus'sche Bevölkerungstheorie. Ist diese aber richtig, 
so kann ich wieder das Gesetz nicht aufheben und wenn ich hundertmal die 
Lohnarbeit aufhebe, weil das Gesetz dann nicht nur das System der Lohn- 
arbeit, sondern jedes gesellschaftliche System beherrscht. Grade hierauf 
fussend, haben seit fünfzig Jahren und länger die Oekonomisten bewiesen, 

Kritik des Gothaer Programms 

dass der Socialismus das naturbegründete Elend nicht aufheben, sondern nur 
verallgemeinern, gleichmässig über die ganze Oberfläche der Gesellschaft 
vertheilen könne! 

Aber all das ist nicht die Hauptsache. Ganz abgesehn von der falschen 
lassall'schen Fassung des Gesetzes, besteht der wahrhaft empörende Rück- 
schritt darin: 

Seit Lassalle's Tode hat sich die wissenschaftliche Einsicht in unsrer Partei 
Bahn gebrochen, 

dass der Arbeitslohn nicht das ist, was er zu sein scheint, nämlich der 

Werth, respective Preis der Arbeit, sondern nur eine maskirte Form für den 
Werth, resp. Preis der Arbeitskraft. Damit war die ganze bisherige bürger- 
liche Auffassung des Arbeitslohns, sowie die ganze bisher gegen selbe 
gerichtete Kritik ein für allemal über den Haufen geworfen und klargestellt, 
dass der Lohnarbeiter nur die Erlaubniss hat für sein eignes Leben zu ar- 
beiten, d.h. zu leben, soweit er gewisse Zeit umsonst für den Kapitalisten 
(daher auch für dessen Mitzehrer am Mehrwerth) arbeitet; dass das ganze 
kapitalistische Productionssystem sich darum dreht, diese Gratisarbeit zu 
verlängern durch Ausdehnung des Arbeitstags oder durch Entwicklung der 
Produktivität, grössere Spannung der Arbeitskraft, etc. ; dass also das System 
der Lohnarbeit ein System der Sklaverei und zwar einer Sklaverei ist, die 
im selben Mass härter wird, wie sich die gesellschaftlichen Productivkräfte 
der Arbeit entwickeln, ob nun der Arbeiter bessere oder schlechtere Zahlung 
empfange. Und nachdem diese Einsicht unter unsrer Partei sich mehr und 
mehr Bahn gebrochen, kehrt man zu Lassalle's Dogma zurück, obgleich man 

nun wissen musste, dass Lassalle nicht wusste, was der Arbeitslohn war, 
sondern, im Gefolg der bürgerlichen Oekonomen, den Schein für das Wesen 
der Sache nahm. 

Es ist als ob unter Sklaven, die endlich hinter das Geheimniss der Sklaverei 
gekommen und in Rebellion ausgebrochen, ein in veralteten Vorstellungen 
befangner Sklave auf das Programm der Rebellion schriebe: Die Sklaverei 
muss abgeschafft werden, weil die Beköstigung der Sklaven im System der 
Sklaverei ein gewisses, niedriges ||[12]] Maximum nicht überschreiten kann! 

Die blosse Thatsache, dass die Vertreter unsrer Partei fähig waren, ein so 
ungeheuerliches Attentat auf die in der Parteimasse verbreitete Einsicht zu 
begehn, beweist sie nicht allein, mit welchem frevelhaften Leichtsinn, mit 
welcher Gewissenlosigkeit sie bei Abfassung des Compromissprogramms zu 
Werk gingen? 

Anstatt der unbestimmten Schlussphrase des Paragraphen „die Beseiti- 
gung aller socialen und politischen Ungleichheit" war zu sagen, dass mit der 
Abschaffung der Klassenunterschiede von selbst alle aus ihnen ent- 
springende sociale und politische Ungleichheit verschwindet. 

Karl Marx 

II. 

„Die deutsche Arbeiterpartei verlangt, um die Lösung der socialen Frage 
anzubahnen, die Errichtung von Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe 
unter der demokratischen Controlle des arbeitenden Volks. Die Produktiv- 
genossenschaften sind für Industrie und Ackerbau in solchem Umfang ins 
Leben zu rufen, dass aus ihnen die socialistische Organisation der Ge- 
sammtarbeit entsteht." 

Nach dem Lassallschen „ehernen Lohngesetz" das Heilsmittel des Pro- 
pheten! Es wird in würdiger Weise „angebahnt" ! An die Stelle des existiren- 
den Klassenkampfs tritt eine Zeitungsschreiberphrase — „die sociale Frage” 
deren ,,Lösung" man „anbahnt". Statt aus dem revolutionären Umwand- 
lungsprocesse der Gesellschaft „entsteht" die „socialistische Organisation 
der Gesammtarbeit" aus der „Staatshülfe" die der Staat Produktivgenos- 
senschaften giebt, die er, nicht die Arbeiter, „ins Leben ruft". Es ist diess 
würdig der Einbildung Lassalle's, dass man mit Staatsanlehn eben so gut 
eine neue Gesellschaft bauen kann wie eine neue Eisenbahn! 

Aus einem Rest von Schaam stellt man „die Staatshilfe" — „unter die 
demokratische Controlle des arbeitenden Volkes". 

Erstens besteht „das arbeitende Volk" in Deutschland zur Majorität aus 
Bauern und nicht aus Proletariern. 

Zweitens heisst „demokratisch" zu deutsch „volksherrschaftlich". Was 
heisst aber „die volksherrschaftliche Controlle des arbeitenden Volkes"? 
Und nun gar bei einem Arbeitervolk, das durch diese Forderungen, die es 
an den Staat stellt, sein volles Bewusstsein ausspricht, dass es weder an der 
Herrschaft ist, noch zur Herrschaft reif ist! 

Auf die Kritik des von Büchez unter Louis Philippe im Gegensatz gegen 
die französischen Socialisten verschriebnen und von den reaktionären 
Arbeitern des Atelier angenommenen Recepts ist es überflüssig hier ein- 
zugehn. Es liegt auch der Hauptanstoss nicht darin, dass man diese speci- 

f ische Wunderkur ||[13]| ins Programm geschrieben, sondern dass man über- 30 

haupt vom Standpunkt der Klassenbewegung zu dem der Sektenbewegung 
zurückgeht. 

Dass die Arbeiter die Bedingungen der genossenschaftlichen Produktion 
auf socialem, und zunächst bei sich, also nationalem Maßstab herstellen 
wollen, heisst nur dass sie an der Umwälzung der jetzigen Produktions- 
bedingungen arbeiten, und hat nichts gemein mit der Stiftung von 
Cooperativgesellschaften mit Staatshilfe! Was aber die jetzigen Cooperativ- 
gesellschaften betrifft, so haben sie nur Werth, soweit sie unabhängige, 
weder von den Regierungen noch von den Bourgeois protegirte Arbeiter- 

schöpfungen sind. 

Kritik des Gothaer Programms 

[IV.] 

Ich komme jetzt zum demokratischen Abschnitt. 

A.) „Freiheitliche Grundlage des Staats. " 

Zunächst nach II erstrebt die deutsche Arbeiterpartei „den freien 
Staat". 

Freier Staat — was ist das? 

Es ist keineswegs Zweck der Arbeiter, die den beschränkten Unterthanen- 
verstand losgeworden, den Staat „frei" zu machen. Im deutschen Reich ist 
der „Staat" fast so „frei" als in Russland. Die Freiheit besteht darin, den 

Staat aus einem der Gesellschaft übergeordneten in ein ihr durchaus unter- 
geordnetes Organ zu verwandeln, und auch heurig sind die Staatsformen 
freier oder unfreier im Maas worin sie die „Freiheit des Staats" beschrän- 
ken. 

Die deutsche Arbeiterpartei — wenigstens, wenn sie das Programm zudem 
ihrigen macht — zeigt wie ihr die socialistischen Ideen nicht einmal hauttief 
sitzen, indem sie statt die bestehende Gesellschaft (und das gut von jeder 
künftigen) als „Grundlage" des bestehenden Staats (oder künftigen; für 
künftige Gesellschaft) zu behandeln, den Staat vielmehr als ein selbsstän- 
diges Wesen behandelt, das seine eignen „geistigen, sittlichen, freiheitlichen 

Grundlagen" besitzt. 

Und nun gar der wüste Missbrauch, den das Programm mit den Worten 
„heutiger Staat" „heutige Gesellschaft" treibt, und den noch wüsteren 
Missverstand, den es über den Staat anrichtet, an denes seine Forderungen 
richtet! 

Die „heutige Gesellschaft" ist die kapitalistische Gesellschaft, die in allen 
Kulturländern existirt, mehr oder weniger frei von mittelaltrigem Beisatz, 
mehr oder weniger durch die besondre geschichtliche Entwicklung jedes 
Landes modificirt, mehr oder weniger entwickelt. Dagegen der „heutige 
Staat" wechselt mit der Landesgränze. Er ist ein andrer im preussisch- 

deutschen Reich als in der Schweiz, ein andrer in England als in den Ver- 
einigten Staaten. „Der heutige Staat" ist also eine Fiktion. 

Jedoch haben die verschiednen Staaten der verschiednen Kulturländer, 
trotz ihrer bunten Formverschiedenheit, alle das gemein dass sie auf dem 
Boden der modernen bürgerlichen Gesellschaft stehn, nur einer mehr 
oder 4]| minder kapitalistisch entwickelten. Sie haben daher auch gewisse 
wesentliche Charaktere gemein. In diesem Sinn kann man von „heutigem 
Staatswesen" sprechen, im Gegensatz zur Zukunft, worin seine jetzige 
Wurzel, die bürgerliche Gesellschaft, abgestorben ist. 

Es fragt sich dann: welche Umwandlung wird das Staatswesen in einer 
kommunistischen Gesellschaft untergehn? In andern Worten, welche ge- 

Kad Marx 

seilschaftliche Funktionen bleiben dort übrig, die jetzigen Staatsfunktionen 
analog sind? Diese Frage ist nur wissenschaftlich zu beantworten und man 
kommt dem Problem durch tausendfache Zusammensetzung des Worts Volk 
mit dem Wort Staat auch nicht um einen Flohsprung näher. 

Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaftliegt 
die Periode der revolutioniren Umwandlung der einen in die andre. Der 
entspricht auch eine politische Uebergangsperiode, deren Staat nichts andres 
sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats. 

Das Programm nun hat es weder mit letztrer zu thun, noch mit dem zu- 
künftigen Staatswesen der kommunistischen Gesellschaft. 

Seine politischen Forderungen enthalten nichts ausser der aller Welt 
bekannten demokratischen Litanei, allgemeines Wahlrecht, direkte Gesetz- 
gebung, Volksrecht, Volkswehr, etc. Sie sind blosses Echo der bürgerlichen 
Volkspartei, des Friedens- und Freiheitsbundes. 

Es sind lauter Forderungen, die, soweit nichtin phantastischer Vorstellung 
übertrieben, bereits realisti sind. Nur liegt der Staat, dem sie angehören, 
nicht innerhalb der deutschen Reichsgrenze, sondern in der Schweiz, den 
Vereinigten Staaten, etc. Diese Sorte „Zukunftsstaat" ist heutiger Staat, 
obgleich ausserhalb „des Rahmens" des deutschen Reichs existirend. 

Aber man hat eins vergessen. Da die deutsche Arbeiterpartei ausdrücklich 
erklärt, sich innerhalb „des heutigen nationalen Staats", also ihres Staats, 
des preussisch-deutschen Reichs, zu bewegen — ihre Forderungen wärenja 
sonst auch grossentheils sinnlos, da man nur fordert, was man noch nicht 
hat — so durfte sie die Hauptsache nicht vergessen, nämlich dass alle jene 
schönen Sächelchen auf der Anerkennung der s.g. Volkssouveränität be- 
ruhn, dass sie daher nur in einer demokratischen Republik am Platz sind. 

Da man nicht den Muth hat — und weislich, denn die Verhältnisse gebieten 
Vorsicht — die demokratische Republik zu verlangen, wie es die franzö- 
sischen Arbeiterprogramme unter Louis Philippe und unter Louis Napoleon 
thaten — so hätte man auch [nicht] zu der weder „ehrlichen" noch würdigen 
Finte flüchten sollen, Dinge, die nur in einer demokratischen Republik Sinn 
haben, von ||[15]] einem Staat zu verlangen, der nichts andres als ein mit 
parlamentarischen Formen verbrämter, mit feudalem Beisatz vermischter, 
und zugleich schon von der Bourgeoisie beeinflusster, bureaukratisch ge- 
zimmerter, polizeilich gehüteter Militairdespotismus ist, und diesem Staat 
obendrein noch zu betheuern, dass man ihm dergleichen „mit gesetzlichen 
Mitteln" aufdringen zu können wähnt! 

Selbst die Vulgairdemokratie, die in der demokratischen Republik das 
tausendjährige Reich sieht, und keine Ahnung davon hat, dass grade in dieser 
letzten Staatsform der bürgerlichen Gesellschaftder Klassenkampf definitiv 

auszufechten ist — selbst sie steht noch berghoch über solcher Art De- 

Kritik des Gothaer Programms 

mokratenthum innerhalb der Grenzen des polizeilich Erlaubten und logisch 
Unerlaubten. 

Dass man in der Thatunter „Staat" die Regierungsmaschine versteht, oder 
den Staat soweit er einen durch Theilung der Arbeit von der Gesellschaft 
besonderten eignen Organismus bildet, zeigen schon die Worte: 

„Die deutsche Arbeiterpartei verlangt als wirthschaftliche Grundlage des 
Staats: eine einzige progressive Einkommensteuer etc." 

Die Steuern sind die wirthschaftliche Grundlage der Regierungsmaschine- 
rie und von sonst nichts. In dem in der Schweiz existirenden Zukunftsstaat 
ist diese Forderung ziemlich erfüllt. Einkommensteuer setzt die verschied- 
nen Einkommenquellen der verschiednen gesellschaftlichen Klassen voraus, 
also die kapitalistische Gesellschaft. Es ist also nichts Auffälliges, dass die 
Financial Reformers von Liverpool — Bourgeois mit Gladstone's Bruder an 
der Spitze — dieselbe Forderung stellen, wie das Programm. 

B.) „Die deutsche Arbeiterpartei verlangt als geistige und sittliche Grund- 
lage des Staats: 

1) Allgemeine und gleiche Volkserziehung durch den Staat. Allgemeine 
Schulpflicht. Unentgeldlichen Unterricht." 

Gleiche Volkserziehung? Was bildet man sich unter diesen Worten ein? 
Glaubt man, dass in der heutigen Gesellschaft (und man hat nur mit ihr zu 
thun) die Erziehung für alle Klassen gleich sein kann? Oder verlangt man, 
dass auch die höheren Klassen zwangsweise auf das Modicum Erziehung 
— der Volksschule—reducirt werden sollen, das allein mit den ökonomischen 
Verhältnissen nicht nur der Lohnarbeiter, sondern auch der Bauern, ver- 
träglich ist? 

„Allgemeine Schulpflicht. Unentgeldlicher Unterricht." Die erste existirt 
selbst in Deutschland, der zweite in der Schweiz, den Vereinigten Staaten 
für Volksschulen. Wenn in einigen Staaten der letzteren auch „höhere" 
Unterrichtsanstalten „unentgeldlich" sind, so heisst das faktisch nur den 
höheren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuersäckel 
bestreiten. Nebenbei gilt dasselbe von der unter A. 5) verlangten „unentgelt- 
lichen Rechtspflege". Die Kriminaljustiz ist überall unentgeldlich zu haben; 
die Civiljustiz dreht sich fast nur um Eigenthumskonflikte, 6]| berührt also 
fast nur die besitzenden Klassen. Sollen sie auf Kosten des Volksäckels ihre 
Processe führen? 

Der Paragraph über die Schulen hätte wenigstens technische Schulen 
(theoretische und praktische) in Verbindung mit der Volksschule verlangen 
sollen. 

Ganz verwerflich ist eine „ Volkserziehung durch den Staat". Durch ein 

allgemeines Gesetz die Mittel der Volksschulen bestimmen, die Qualificirung 
des Lehrerpersonals, die Unterrichtszweige etc., und, wie es in den Ver- 

Karl Marx 

einigten Staaten geschieht, durch Staatsinspektoren die Erfüllung dieser 
gesetzlichen Vorschriften überwachen, ist etwas ganz andres als den Staat 
zum Volkserzieher zu ernennen! Vielmehr sind Regierung und Kirche 
gleichmässig von jedem Einfluss auf die Schule auszuschliessen. Im preus- 
sisch deutschen Reich nun gar (und man helfe sich nicht mit der faulen 
Ausflucht, dass man von einem „Zukunftsstaat" spricht; wir haben gesehn 
welche Bewandtniss es damit hat) bedarf umgekehrt der Staat einer sehr 
rauhen Erziehung durch das Volk. 

Doch das ganze Programm, trotz allen demokratischen Geklingels, ist 
durch und durch vom Unterthanenglauben der Lassalle'schen Sekte an den 
Staat verpestet, oder, was nicht besser, vom demokratischen Wunderglau- 
ben, oder vielmehr ist es ein Compromiss zwischen diesen zwei Sorten, dem 
Socialismus gleich fernen, Wunderglauben. 

2.) „Freiheit der Wissenschaft" lautet ein Paragraph der preussischen 
Verfassung. Warum also hier? 

, Gewissensfreiheit!" Wollte man zu dieser Zeit des Kulturkampfs dem 
Liberalismus seine alten Stichworte zu Gemüth führen, so konnte es doch 
nur in dieser Form geschehn: Jeder muss seine religiöse, wie seine leibliche 
Nothdurft verrichten können, ohne dass die Polizei ihre Nase hineinstreckt. 
Aber die Arbeiterpartei musste doch bei dieser Gelegenheit ihr Bewusstsein 
darüber aussprechen, dass die bürgerliche „Gewissensfreiheit" nichts ist 
ausser der Duldung aller möglichen Sorten religiöser Gewissensunfreiheit, 
und dass sie vielmehr die Gewissen vom religiösen Spuck zu befreien strebt. 
Man beliebt aber das „bürgerliche" Niveau nicht zu überschreiten. 

Ich bin jetzt zu Ende gelangt, denn dernun im Programm folgende Anhang 
bildet keinen karakteristischen Bestandtheil desselben. Ich habe mich daher 
hier ganz kurz zu fassen. 

2) „Normalarbeitstag. " Die Arbeiterpartei keines andren Landes hat sich 
auf solch unbestimmte Forderung beschränkt, sondern stets die Länge des 
Arbeitstags fixirt, die sie unter den gegebnen Umständen für normal hielt. 

3) „Beschränkung der Frauen- und Verbot der Kinderarbeit." 

Die Normirung des Arbeitstags muss die Beschränkung der Frauenarbeit 
schon einschliessen, so weit sie sich auf Dauer, Pausen, etc des Arbeitstags 
bezieht; sonst kann sie nur Ausschluss der Frauenarbeit ||[17]| aus Arbeits- 
zweigen bedeuten, die speciell gesundheitswidrig für den weiblichen Körper 
oder die für das weibliche Geschlecht sittenwidrig sind. Meinte man das, so 
musste es gesagt werden. 

„Verbot der Kinderarbeit!" Hier war absolut nöthig die Altersgrenze 
anzugeben. 

Allgemeines Verbot der Kinderarbeit ist unverträglich mit der Existenz 
der grossen Industrie und daher leerer frommer Wunsch. 

Kritik des Gothaer Programms 

Durchführung desselben — wenn möglich — wäre reaktionär, da, bei 
strenger Reglung der Arbeitszeit nach den verschiednen Altersstufen, und 
sonstigen Vorsichtsmassregeln zum Schutz der Kinder, frühzeitige Ver- 
bindung produktiver Arbeit mit Unterricht eins der mächtigsten Umwand- 
lungsmittel der heutigen Gesellschaft ist. 

4) „Staatliche Ueberwachung der Fabrik-Werkstatt-und Hausindu- 
strie." 

Gegenüber dem preussisch deutschen Staat war bestimmt zu verlangen, 
dass die Inspectoren nur gerichtlich absetzbar sind; dass jeder Arbeiter sie 
wegen Pflichtverletzung den Gerichten denunciren kann; dass sie dem ärzt- 
lichen Stand angehören müssen. 

5) „Regelung der Gefängnissarbeit." 

Kleinliche Forderung in einem allgemeinen Arbeiterprogramm. Jedenfalls 
musste man klar aussprechen, dass man aus Konkurrenzneid die gemeinen 
Verbrecher nicht wie Vieh behandelt wissen und ihnen namentlich ihr 
einziges Besserungsmittel, produktive Arbeit, nicht abschneiden will. Das 
war doch das geringste, was man von Socialisten erwarten durfte. 

6) „Ein wirksames Haftgesetz." 

Es war zu sagen, was man unter „wirksamem" Haftgesetz versteht. 

Nebenbei bemerkt hat man beim Normalarbeitstag den Theil der Fabrik- 
gesetzgebung übersehn, der Gesundheitsmassregeln und Schutzmittel gegen 
Gefahr etc. betrifft. Das Haftgesetz tritt erst in Wirkung, sobald diese 
Vorschriften verletzt worden. 

Kurz auch dieser Anhang zeichnet sich durch schlottrige Redactionaus. 

Dixi et salvavi animam meam. I 

Friedrich Engels 
An den Generalrat 
der Internationalen Arbeiterassoziation in New York 

I London, 122 Regents Park Road 
N.W. 13. Aug 1875. 

An den Generalrath 
der Internationalen Arbeiterassociation 

Bürger, 

Die mit Brief des Sekretärs Speyer mir zugesandten (4Juni, empfangen 21.) 
Cirkulare sind nach Instruktion in Cirkulation versetzt, und zwar habe ich 
Folgendes im Interesse der Sache thun können: 

1) Da der hiesige Arbeiterverein (deutsche Sektion) durch Verschmelzung 
mit den Lassalleanern und übergroße Liberalität in der Aufnahme von 
Mitgliedern — circa 120 —sich für vertrauliche Mittheilungen nur dann eignen 
würde wenn man solche sofort veròff entlieht wünscht, so habe ich Cirkulare 
an Leßner und Frankel gegeben die mit mir einig waren, daß der Inhalt sich 
nicht zu offizieller Mittheilung im Verein eigne und man sich auf Mittheilung 
an geeignete Personen beschränken müsse und sonstim Stillen im Interesse 
der angeregten Angelegenheit zu wirken habe. Da von hier aus sicher keine 
deutschen Arbeiter || nach Philadelphia geschickt werden, so wird das an den 
praktischen Folgen nichts ändern. 

2) Unser Freund Mesa aus Madrid der jetzt in Paris wohnt war grade hier ' 

als das Cirkular ankam. Er nahm die Sache sehr lebhaft auf, ich übersetzte 
ihm das Cirkular und da er Mitglieder des Comités kennt das in Paris die 
Subscriptionen zum Zweck der Arbeitersendung nach Philadelphia ver- 
waltet, so wird er bei seiner bekannten Thätigkeit wohl etwas ausrichten 
können. Er schickt es auch nach Spanien. 

3) Nach Belgien konnte ichs nicht schicken weil ja die ganze Belgische 
Internationale zu den Allianzisten hält und es doch nicht inunserm Interesse 
liegt diesen den Plan mitzutheilen. In Portugal und Italien habe ich keine 
Adressen. Die Plebe von Lodi hat sich so ziemlich den Allianzisten an- 

geschlossen und wäre im Stande die Geschichte sofort zu veröffentlichen. 

An den Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation in New York 

4) Da in der Instruktion Deutschland, Oestreich und die Schweiz nicht 
erwähnt sind, auch der Generalrath dortreichliche direkte Verbindungen hat, 
so habe ich dort keine Schritte gethan, um nicht die etwa direkt von dort 
aus Gethanen zu durchkreuzen. | 

I 5) Das Cirkular hat bei Allen die es gesehn, großen Anklang gefunden 
und wird der gemachte Vorschlag einer Konferenz allgemein als der einzig 
praktische angesehn. Aber eine Abstimmung darüber zu Stande zu bringen, 
erscheint uns hier unmöglich. Der hiesige Verein ist schon erwähnt. Andre 
Sektionen in England sind alle eingeschlafen, die besten Leute meist fort. 

In Dänemark, Frankreich, Spanien, wo die Internationale direkt verboten ist, 
kann von Abstimmung keine Rede sein. In Deutschland hat man nie über 
so etwas abgestimmt und nach der Vereinigung mit den Lassalleanern die 
ohnehin lose Verbindung mit der Internationale ganz abgesagt. Unter diesen 
Umständen sollten die amerikanischen Stimmen hinreichen, den Generalrath 

zu decken wenn er den Vorschlag zum Beschluß erhebt, um somebr als wir 
durch gute Quelle wissen daß die Allianzisten ebenfalls dies Jahr (und auch 
wohl nie wieder) keinen Congreß abhalten. 

6) Wäre es nicht gut wenn um die Zeitder Ausstellungs-Eröffnung in den 
europäischen Parteiblättern eine kurze Notiz eingerückt würde etwa der Art: 

„Sozialistische Arbeiter welche die Ausstellung in Philadelphia besuchen, 
werden gebeten sich ... (Adresse) zu begeben wo sie mit den Phil. Partei- 
genossen in Verbin||dung gesetzt werden" oder wenn man ein „Konnte zur 
Unterbringung sozialistischer Arbeiter resp. deren Beschützung vor Prelle- 
rei" stiftete und dessen Adresse veröffentlichte? Letzteres besonders würde 

sehr unschuldig aussehn, aber ein Paar Privatbriefe würden hinreichen den 
Sachverhalt genügend zu verbreiten. 
Brüderlichen Gruß 
F. Engels