Karl Marx
Vierter jährlicher Bericht des Generalrats

der Internationalen Arbeiterassoziation

|[i]| Vierter Jährlicher Bericht des Generalraths
der Internationalen Arbeiterassociation

Das Jahr 1867-68 macht Epoche in der Internationalen Arbeiterassociation. Nach einer Periode ruhigen Fortschritts schwoll ihr Wirkungskreis
mächtig genug, um bittre Denunciation von Seiten der herrschenden
Klassen u. Regierungsverfolgungen hervorzurufen. Sie trat in das Stadium des Kampfes.

Die französische Regierung ging natürlich voran in der Reaction gegen
die Arbeiterklasse. Schon im vorigen Jahre hatten wir einzelne feindliche
Manöver derselben zu denunciren - Unterschlagung von Briefen, Confiskation unsrer Statuten, Abfangung der Dokumente des Lausanner
Congresses an der französischen Grenze. Letztere, lange vergeblich zu
Paris herausverlangt, wurden uns endlich nur zurück erstattet unter dem
officiellen Druck von Lord Stanley, dem englischen Minister des Auswärtigen.

In diesem Jahre jedoch hat das Kaiserthum die Maske ganz weggeworfen. Es hat offen die Internationale Arbeiterassociation durch seine
Polizei und seine Gerichte zu vernichten gesucht. Die Decemberdynastie
schuldet ihre Existenz dem Klassenkampf, dessen großartigste Erscheinung die Juniinsurrection von 1848 war. Sie spielte daher nothwendig
abwechselnd die Rollen des Retters der Bourgeoisie u. des patriarchalischen Gönners des Proletariats. Sobald die wachsende Macht der Internationalen Arbeiterassociation in den Strikes von Amiens, Roubaix,
Paris, Genf u.s. w. deutlich hervortrat, war der selbsternannte Arbeiterpatron auf die Alternative beschränkt, sich unsrer Gesellschaft zu bemächtigen oder sie zu unterdrücken. Im Anfang verlangte man nicht viel.
Ein Manifest, welches die Pariser Abgeordneten auf dem Congreß zu
Genf (1866) verlesen u. im folgenden Jahre zu Brüssel veröffentlicht hat-

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ten, war an der französischen Grenze confiscirt worden. Auf Anfrage
unsres Pariser Comittes über die Gründe dieses Gewaltschritts lud der
Minister Rouher ein Comittemitglied zu persönlicher Besprechung ein.
Während der | darauf folgenden Zusammenkunft verlangte er zunächst
5 Milderung und Änderung einiger Stellen des Manifests. Auf die abschlägige Antwort erwiderte er: „Dennoch könnte man sich verständigen,
wenn Sie nur einige Worte des Danks an den Kaiser einfließen ließen, der
so sehr viel für die Arbeiterklasse gethan hat." Dieser zarte Wink Rouhers, des Unterkaisers, fand nicht das erwartete Verständniß. Von diesem
10 Augenblick lauerte das Decemberregime auf irgend einen Vorwand zur
gewaltsamen Beseitigung der Association. Sein Ärger wuchs in Folge der
antichauvinistischen Agitation unsrer französischen Mitglieder nach dem
preußisch-östreichischen Krieg. Kurz darauf, als der fenische Panik seinen Höhepunkt in England erreicht, richtete der Generalrat der I.A. A.
15 eine Petition an die britische Regierung, worin die bevorstehende Hinrichtung der drei Manchester Märtyrer als gerichtlicher Mord bezeichnet
war. Gleichzeitig hielten wir öffentliche Meetings in London zur Vertheidigung der Rechte Irlands. Stets ängstlich um Englands Gunst buhlend, hielt die französische Regierung jetzt die Umstände reif zu einem
20 Schlag gegen die I.A. A. auf beiden Seiten des Kanals. Während der
Nacht brach ihre Polizei in die Wohnungen unsrer Pariser Komitemitglieder ein, durchstöberte ihre Privatbriefe u. verkündete geräuschvoll in
der englischen Presse, man habe das Centrum der fenischen Verschwörung endlich entdeckt. Eins ihrer Hauptorgane sei die I.A. A. Viel Lärm
25 um nichts! Die gerichtliche Untersuchung fand trotz besten Willens nicht
den Schatten eines corpus delicti. Nachdem der Versuch, die I.A. A. in
eine geheime Verschwörungsgesellschaft zu verwandeln, so schmählich
gescheitert war, griff man zur nächsten besten Ausflucht. Man verfolgte
das Pariser Komite als eine unautorisirte Gesellschaft von mehr als
30 20 Mitgliedern. Die französischen Richter eingebrochen in die kaiserliche
Disciplin erklärten natürlich ohne Weiteres die Gesellschaft für aufgelöst
u. verurtheilten die Komitemitglieder zu Geldstrafe u. Gefängniß. Jedoch
beging das Gericht die Naivetät in den Erwägungsgründen seines Urteilsspruchs zweierlei zu proklamiren, einerseits die wach| |[3]|sende
35 Macht der I.A. A. andrerseits die Unverträglichkeit des Decemberreichs
mit der Existenz einer Arbeitergesellschaft, welche Wahrheit, Recht und
Moral ernsthaft als leitende Prinzipien behandele. Die Folgen dieser Vorgänge machten sich bald fühlbar in den Departements, wo kleinliche
Präfecturhetzereien den Pariser Verurtheilungen auf dem Fuß nachfolg-
40 ten. Statt jedoch vor diesen Regierungschikanen zu fallen, saugte die
I.A. A. nur neue Lebenskraft daraus. Nichts hat ihren Einfluß in Frank-

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reich mehr gefördert, als daß sie das Decemberregime endlich zum offnen
Bruch mit der Arbeiterklasse zwang.

In Belgien rühmt sich unsre Gesellschaft großer Fortschritte. Die Minenbesitzer im Becken von Charleroi trieben ihre Kohlenarbeiter durch
unausgesetzte Plackereien zur Erneute, um hinterher die bewaffnete Gewait auf die unbewaffnete Menge loszulassen. In Mitte dieses hervorgerufenen Paniks nahm der belgische Zweig der I.A. A. die Sache der
Kohlenarbeiter in die Hand, enthüllte durch die Presse u. auf öffentlichen
Meetings ihre elende ökonomische Lage, unterstützte die Familien der
Gefallenen u. Verwundeten u. verschaffte gerichtlichen Beistand für die
Gefangenen. Sie alle wurden schließlich durch die Jury freigesprochen.
Seit den Ereignissen in Charleroi war unser Erfolg in Belgien gesichert.
Unterdeß denuncirte der Justizminister Jules Bara in der Belgischen Deputirtenkammer die I.A. A. u. machte ihre Existenz zum Hauptvorwand
für die Erneuerung des Fremdengesetzes. Er drohte sogar mit Verbot des
Brüßler Kongresses. Die Belgische Regierung sollte endlich einsehn, daß
kleine Staaten nur noch den einen Existenzgrund in Europa haben, die
Asyle der Freiheit zu sein.

In Italien ward die Association gelähmt durch die Reaktion im Gefolge
der Metzelei von Mentana. Eine der nächsten Folgen waren polizeiliche
Beschränkungen des Vereins- u. Versammlungsrechts. Dennoch beweist
unsre ausgedehnte Correspondenz daß die italienische Arbeiterklasse sich
mehr u. mehr eine von allen alten Parteien unabhängige Individualität
erringt.

In Preußen kann die I.A. A. nicht gesetzlich |[[| bestehn, weil ein
Gesetz jeden Zusammenhang preußischer Arbeitervereine mit auswärtigen Gesellschaften untersagt. Zudem wiederholt die preußische Regierung auf kleinlichem Maßstab die bonapartistische Politik z.B. in ihren
Quängeleien mit dem „Allgemeinen deutschen Arbeiterverein". Stets auf
dem Sprung sich in die Haare zu fallen, sind die Militairregierungen stets
einig, wenn es einen Kreuzzug gegen ihren gemeinschaftlichen Feind, die
Arbeiterklasse, gilt.

Trotz aller gesetzlichen Hindernisse, jedoch haben sich seit lange kleine
über ganz Deutschland zerstreute Zweige um unser Komite zu Genf
gruppirt.

Auf seinem letzten Kongreß zu Hamburg beschloß der „Allgemeine
deutsche Arbeiterverein", der besonders in Norddeutschland verbreitet
ist, im Einklang mit der LA. A. zu handeln, wenn auch gesetzlich außer
Stand sich ihr officiell anzuschließen. Der bevorstehende Nürnberger
Congreß, Repräsentant von ungefähr 100 Arbeitervereinen, die namentlieh Mittel- u. Süd-Deutschland angehören, hat den direkten Anschluß

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an die I.A. A. auf seine Tagesordnung gesetzt. Auf den Wunsch seines
leitenden Komités haben wir einen Delegirten nach Nürnberg geschickt.

In Ostreich gewinnt die Arbeiterbewegung einen mehr u. mehr ausgeprägten Charakter. Für Anfang September wurde von Wien aus ein

5 Congreß anberaumt zur Verbrüderung der Arbeiter der verschiedenen
Völkerschaften des Kaiserreichs. Man veröffentlichte zugleich ein Einladungsschreiben an Engländer u. Franzosen, worin die Prinzipien der
I.A. A. proklamirt sind. Euer Generalrath hatte bereits einen Delegirten
für Wien ernannt, als das gegenwärtige liberale östreichische Kabinet, auf

10 dem Punkt der Feudalreaktion zu erliegen, so hellsichtig war auch um die
Feindschaft der Arbeiter durch das Verbot ihres Kongresses zu werben.

In den Kämpfen der Bauarbeiter zu Genf handelte es sich gewissermassen um die Existenz der I.A. A. in der Schweiz. Die Bauherrn |
|[]| machten nämlich den Austritt der Arbeiter aus der I.A. A. zur vor-

15 läufigen Bedingung jeden Compromisses. Die Arbeiter wiesen diese Anmassung entschieden zurück. Dank der Hülfe die ihnen in der Schweiz
selbst ward, als auch, vermittelst der I.A. A. von Frankreich, England,
Deutschland und Belgien, haben sie schließlich eine Verkürzung des Arbeitstags u. eine Erhöhung des Arbeitslohns erobert. Bereits tief gewur-

20 zeit im Schweizer Boden, griff die I.A. A. nun rasch um sich. Unter
anderem beschlossen 50 deutsche Arbeiter Bildungsvereine, vielleicht die
ältesten in Europa, vorigen Herbste auf ihrem Kongreß zu Neuenburg
einstimmig den Anschluß an die I.A. A.

In England hat die politische Bewegung, die Auflösung der alten Par-

25 teien u. die Vorbereitung für den kommenden Wahlkampf viele unsrer
besten Kräfte in Anspruch genommen und unsre Propaganda daher verlangsamt. Nichtsdestoweniger eröffneten wir eine lebhafte Correspondes mit den provinzialen Trades' Unions. Ein Theil derselben hat bereits
seinen Zutritt erklärt. Unter den neugewonnenen Verzweigungen in Lon-

30 don behaupten die Trades’ Unions der Lederarbeiter u. Cityschuhmacher, der Zahl ihrer Mitglieder nach, den ersten Rang.

Euer Generalrath unterhielt eine beständige Verbindung mit der
„Nationalen Arbeiterunion der Vereinigten Staaten". Auf ihrem letzten
Congreß August 1867, hatte die amerikanische Union die Absendung

35 eines Vertreters zum dießjährigen Brüßler Congreß votirt, versäumte aus
Zeitmangel jedoch die nöthigen Maßregeln zur Ausführung des Beschlusses zu treffen.

Die latente Macht der nordamerikanischen Arbeiterklasse leuchtet hervor aus der gesetzlichen Einführung eines 8stündigen Arbeitstags in den

40 öffentlichen Werkstätten der Federalregierung ||[6]| u. aus der Erlassung
eines allgemeinen 8 Stunden Gesetzes in 8 bis 9 Einzelstaaten der Federa-

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tion. Dennoch untergeht die amerikanische Arbeiterklasse augenblicklich, in New York z.B., einen verzweifelten Kampf gegen das rebellische
Kapital, welches die Ausführung des 8 Stunden Gesetzes mit allen großen
ihm zu Gebot stehenden Mitteln zu vereiteln sucht. Diese Thatsache beweist, daß selbst unter den günstigsten politischen Verhältnissen jeder
ernsthafte Erfolg der Arbeiterklasse von der Reife der Organisation abhängt, welche ihre Kräfte schult u. concentrirt.

Und selbst ihre nationale Organisation scheitert leicht an dem Mangel
ihrer Organisation jenseits der Landesgrenzen, da alle Länder auf dem
Weltmarkt konkurriren u. einander daher wechselseitig beeinflussen. Nur
ein internationales Band der Arbeiterklasse kann ihren definitiven Sieg
sichern. Es war dies Bedürfniß, welches die Internationale Arbeiterassociation schuf. Sie ist nicht die Treibhauspflanze einer Sekte oder einer
Theorie. Sie ist ein naturwüchsiges Gebild der proletarischen Bewegung,
die ihrerseits aus den normalen u. unwiderstehlichen Tendenzen der modernen Gesellschaft entspringt. Tief durchdrungen von der Größe ihres
Berufs, läßt sich die I.A. A. weder einschüchtern, noch mifleiten. Ihr
Geschick ist von nun an unzertrennbar verschlungen mit dem geschichtlichen Fortschritt der Klasse, die in ihrem Schoos die Wiedergeburt der
Menschheit birgt.

London 1 September 1868.

Für den Generalrath
Robert Shaw Vorsitzender
J. George Eccarius General Secretär |