Karl Marx/Friedrich Engels 
Die Widerstandskraft Rußlands 


Neue Oder-Zeitung. 
Nr. 455, 29. September 1855. 
Mittagblatt 


X. Die Widerstandskraft Rußlands. 


Die Reise des Kaisers von Rußland nach Odessa; die Uebersiedelung 
seiner Gemahlin von Petersburg nach dem Herzen des heiligen Rußland, 
nach Moskau; die Zurücklassung Constantins, des kriegerischsten seiner 
5 Brüder, am Sitz der Regierung; alle die Umstände gelten als so viel Be- 
weise, daß Rußland zum äußersten Widerstand entschlossen ist. Nicola- 
jeff und Cherson, die zwei meist befestigten Punkte Südrußlands, bilden 
jetzt das Centrum einer Reservearmee, die in diesem Augenblicke in den 
Gouvernements von Taurida und Cherson zusammen gezogen wird. Ne- 
10 ben den Armeereserven (Mannschaften den Sten, 6ten, 7ten und 8ten 
Bataillons angehörig), deren Anzahl unbestimmbar, sollen 40 000 Mili- 
zen in Nicolajeff concentrirt sein, während sich zu Odessa ungefähr 
25 000 Mann befinden. Es ist unmöglich, die Richtigkeit dieser Angaben 
zu prüfen. So viel ist sicher: beträchtliche Streitkräfte concentriren sich in 
15 Südrußland. Der strategische Plan Rußlands zieht nicht nur den Verlust 
der Krim in Erwägung, sondern selbst einen feindlichen Einfall in Süd- 
rußland. Darum ist die Dnieprlinie als Hauptvertheidigungslinie gewählt 
mit Cherson und Nicolajeff als der ersten und Jekaterinoslaw als der 
nächsten Operationsbasis. Da Cherson und Nicolajeff im Wirkungskreis 
20 nicht nur von Kanonenbooten, sondern selbst von Kriegsschaluppen lie- 
gen, ist eine dem innern Lande angehörige Basis nöthig. Diese bietet 
Jekaterinoslaw. Gelegen an einem Punkte, wo der Dniepr, durch eine 
Biegung in seinem Laufe, einen Winkel von ungefähr 75 Graden bildet, 
ist es ein vorzügliches Centrum für eine nach dem Innern retirirende 
25 Armee, die sich erst hinter dem südlichen (N.O. nach S.W.) und dann 
hinter dem mittleren Laufe (N.W. nach S.O.) dieses Flusses zu decken 
gedenkt. Eine von Perekop ins Innere von Rußland vorrückende Armee 
hätte erst den Dniepr bei Cherson zu forciren und dann gegen Jekateri- 
noslaw zu avanciren, um dort denselben Fluß von neuem zu überschrei- 


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Karl Marx/Friedrich Engels 


ten. Jedes Détachement, das auf dem linken Ufer des Dniepr anvancirte, 
wäre leicht aufzuhalten einige Meilen südlich von Jekaterinoslaw, an der 
Linie der Woltschja, wo sich dieser Fluß in den Hauptstrom ergießt. Zu 
diesen Vortheilen kommt hinzu, daß das ganze Land südlich von Jeka- 
terinoslaw eine weite Steppe ist, 200 Meilen in der Ausdehnung, wo es 5 
eben so schwer ist, eine Armee hindurchzuführen, als sie zu nähren, wäh- 
rend die Stadt selbst, gelegen am nördlichen Auslauf der Steppe und 
dicht an den reichen, verhältnißmäßig dichtbevölkerten Provinzen von 
Kiew und Poltawa, jeden erforderlichen Betrag von Provisionen ohne 
Schwierigkeit beziehen kann. Endlich hält Jekaterinoslaw die Commu- 10 
nication mit der Armee des Centrums bei Kiew aufrecht und deckt den 
Weg nach Moskau. Jekaterinoslaw wird daher befestigt und mit allem 
Nöthigen zur Proviantirung der Südarmee versehen. Nahrungsmagazine, 
Equipirungen, Munitionen werden hier angehäuft. Wenn dies nun einer- 
seits für den strategischen Scharfblick der Russen spricht - und der alte 15 
General und Deserteur Jomini hat sie sicher nicht umsonst so lange ein- 
geschult - so beweist es andererseits ebenso sehr, daß sie für bedeutende 
Zeit nicht an Erfolge glauben. Rückten die Alliirten ins Innere von Ruß- 
land ein (von Perekop), so müßten sie allerdings Jekaterinoslaw forciren. 
Darum kann es sich aber nicht in diesem Feldzuge, und kaum in dem 20 
Feldzuge von 1856 handeln. Erst müßte Rußland die Krim geräumt ha- 
ben, ganz Transkaukasien, den Kaukasus bis zum Terek und Kuban, 
Odessa ein Raub der Flammen geworden, der Hafen bei Nikolajeff zer- 
stört und die Donau bis nach Galacz hin gesäubert sein - alle diese seine 
äußeren Extremitäten müßten erst amputirt sein, bevor die Alliirten auch 25 
nur auf den Einfall gerathen könnten, einen Feldzug ins Innere Rußlands 
zu unternehmen. Der weit vorsehende strategische Plan der Russen 
scheint daher de mauvais augure. Die alliirten Truppen bewegen sich 
nach dem Thal der oberen Tschernaja, um den äußersten rechten Flügel 
zu umgehen, bei Aitodor oder dem obern Belbek. So berichten gleich- 30 
mäßig die Depeschen Gortschakoff s und Pelissier's. Uns scheint dies 
Manöver der Alliirten zu ostensibel ausgeführt zu werden, um wirklich in 
dieser Art bezweckt zu sein. 

Die Aufgabe der Alliirten besteht jetzt offenbar darin, die Russen von 
der verschanzten Position auf den Mackenzie-Höhen zu vertreiben. Ge- 35 
lingt ihnen dies, so müssen die Russen das Nordfort räumen und damit 
die Krim. Zwischen den Mackenzie-Höhen und Simferopol gibt es näm- 
lich keine umgehbare Position und jenseits Simferopols hinaus bietet die 
Steppe, unhaltbar für große Armeen, gar keine Position dar. Ob die Rus- 
sen die Krim behaupten werden, hängt daher von ihrer Fähigkeit ab, ihre 40 
jetzige Position speciell auf den Mackenzie-Höhen zu behaupten. 


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