Karl Marx 
Mitteilungen verschiedenen Inhalts. 26. Juni 1855 


X. London, 26. Juni. (Mittheilungen verschiedenen Inhalts.) In der ge- 
strigen Unterhaussitzung erhob sich Herr Otway: ,,Bezweckt Lord Palm- 
erston irgend welche Maßregeln zu ergreifen, um Lord Grosvenor zur 
Zurücknahme seiner Sunday Trading Bill zu veranlassen?" (Allgemeine 
Cheers.) Lord Palmerston: ,,Wenn mein edler Freund (Grosvenor) diese 
allgemeinen Cheers gehört hat, denke ich, wird er geneigt sein, sich nach 
ihnen zu richten." (Cheers.) Man sieht, die Massen-Demonstration im 
Hydepark hat das Unterhaus eingeschüchtert. Es läßt die Bill fallen und 
macht bonne mine a mauvais jeu. Die Times nennt die Sonntagsscene im 
Hydepark „einen großen Act vergeltender Justiz", die Bill ein Product 
der „Klassen-Gesetzgebung", „eine Maßregel organisirter Heuchelei" 
und erlustigt sich über „die parlamentarische Theologie". 


Mit Bezug auf das Hangö-Massacre zeigt der erste Lord der Admira- 
lität, Sir Charles Wood, an, er habe neue Depeschen von Admiral Dundas 
erhalten. Dadurch seien durch das Feuer der Russen getödtet worden 
5 Seeleute und der finnische Capitan, verwundet und gefangen genom- 
men 4 Seeleute und 2 Finnen, gefangen genommen ohne Verwundung 
3 Officiere, 4 Seeleute und 2 Finnen. Admiral Dundas habe einen Brief 
an den Gouverneur von Helsingfors gerichtet, die Thatsachen constat i rt 
und in entschiedenster Weise remonstrirt gegen den abscheulichen Act, 
auf ein Boot unter Friedensflagge zu feuern. Er habe eine Antwort er- 
halten, worin der Gouverneur den Act entschuldige und gewissermaßen į 
rechtfertige. Er erkläre, ihrer eignen Aussage gemäß hätten Officiere und j 
Soldaten die Friedensflagge nicht gesehen. Sie seien erbittert gewesen, 
weil bei verschiedenen anderen Gelegenheiten Schiffe die russische Flagge 
aufgezogen hätten und in Zeitungen berichtet stehe, wie englische Schiffe 
anderswo die Friedensflagge benutzt hätten, um mit dem Senkblei zu 
sondiren. Die ganze Rechtfertigung beschränkt sich also auf die j 
Kurzsichtigkeit der russischen Soldaten und Officiere. Jedenfalls ist es ein 
Zeichen der Civilisation, daß russische Soldaten Zeitungen lesen und von 
Zeitungsberichten „erbittert" werden. 


Die Administrativen haben ein neues Meeting in Drurylane für morgen 
angekündigt. Wie früher: Meeting mit Einlaßkarten und vorherbestellten 
Rednern. Pontius Pilatus fragte: Was ist Wahrheit? Palmerston fragte: 
Was ist Verdienst! Die Administrativen haben geantwortet: Verdienst ist, 

was ein Mann jährlich verdient. Demgemäß haben diese Reformer eine 
Umwandlung in ihrer innern Organisation vorgenommen. Früher wur- 
den die Mitglieder des General-Comite - in der That selbsterwählt - einer 
Scheinwahl durch allgemeine Abstimmung der Association unterworfen. 
Nun wird selbstredend Mitglied des General-Comite, wer 50 und mehr 

Pfunde Steri, jährliche Subscription zahlt. Früher wurde die Zehn-Gui- 
neen- und die Eine-Guinee-Clausel für hinreichend erachtet, um die „Be- 
wegung" gegen plebejische Zudringlichkeit zu schützen. Jetzt werden die 
Zehn-Guineen-Herren nicht mehr für hinreichend ,,respectabel", und die 
Ein-Guinee-Person völlig als „Mob" betrachtet. Es heißt wörtlich in den 

Plakaten, die das Meeting anzeigen: „Zulassung nur auf Eintrittskarte, 
die von Mitgliedern erhalten werden kann. Subscribenten von 50 Pfund 
und mehr sind Mitglieder des Generalcomitees, Subscribenten von 
10 Guifieen und 1 Guinee sind Mitglieder der Association." Die Rechte 
der Mitglieder innerhalb der Association sind also durch eine gleitende 

Scala von Guifieen auskalkulirt. Die nackte, unverbrämte Herrschaft der 
Guifieen ist brutal proclamirt. Die Cityreformer haben ihr Geheimniß 
ausgeplaudert. Welche Agitatoren! Die letzten Zeiten waren ihnen zudem 
nicht günstig. Drummond warf ihnen offen im Parlament „systematische 
Immoralität" und „Corruption" vor. Und welche Illustrationen der Rein- 

heit ihrer Klasse folgten sich Schlag auf Schlag, wie auf ein Comman- 
dowort! Erst bringt das Lancet (medicinische Zeitschrift) Beweise, daß 
die Verfälschung und Vergiftung aller Waaren und Lebensmittel sich kei- 
neswegs auf Kleinkrämer beschränkt, sondern vom Großhandel princi- 
pien betrieben wird. Dann verlautet, daß „respectable" Cityfirmen fal- 

sehe Dockwarrants circulirt haben. Endlich der große fraudulente mit 
direktem Diebstahl an deponirten Sicherheiten verbundene Bankerutt 
der Privatbank von Strahan, Sir John Paul und Bates. In letzterem Falle 
hat die Aristokratie dem „administrativen" Talent der Cityherren huldi- 
gen gelernt, denn die Bank „administrirte" vor allen aristokratische Gui- 

neen. Palmerston ist Dulder, so der Marquis von Clanricarde, und Ad- 
miral Napier hat beinahe sein ganzes Vermögen eingebüßt. Die Kirche ist 
auch um viel irdisches Hab gekommen, da die Herren Strahan, Paul und 
Bates in einem besonderen Geruch der Heiligkeit standen, Meetings zur 
„Heidenbekehrung" in Exeterhall gelegentlich präsidirten, unter den er- 

sten Subscribenten der Gesellschaft für „die Verbreitung der Bibel" fi- 
gurirten, und sich im Vorstande des „Vereins zur Reform von Verbre- 


ehern" befanden. Ihr Glaube hatte ihnen Credit verschafft. Sie waren die 
Lieblingsbank geistlicher Herren und freier Stiftungen. Aber ihr „admi- 
nistratives" Talent hat nichts verschont, von Wittwen- und Waisengel- 
dern bis zu den Sparpfennigen von Matrosen hinab. Warum sie nicht zur 
Administration der „Staatsgelder" zulassen, nach der sie jetzt die Hand 
ausstrecken? „Es zeigen sich jetzt," ruft wehmüthig die Daily News, das 
Organ par excellence der Cityreformer, „Symptome unter uns, die be- 
weisen, daß keine Zeit zu verlieren, um einen Fall von dem hohen un- 
moralischen Tone unter den industriellen Klassen vorzubringen." Die 
Krise der Herren Strahan u. Co. hat natürlich einen „run" des Publikums
auf die Kassen der City-Privatbanken hervorgerufen, die bis dahin für 
ungleich respectabler galten als die Aktienbanken. Schon sehen sich die 
großen Privat-Banquiers genöthigt ,6ffentlich" sich zur wechselseitigen 
periodischen Einsicht in den Bestand der bei ihnen deponirten Sicher- 
heiten „aufzumuntern" und ebenso ihre Kunden zur augenscheinlichen
Besichtigung der ihnen anvertrauten Effecten durch die Times einzula- 
den. Ein andrer Umstand, der den reformirenden Cityherrn durchaus 
ungelegen kommt, ist folgender: Einer ihrer Könige, Rothschild, steht 
bekanntlich als ihr erwählter Repräsentant an der Schwelle des Unter- 
hauses, ohne in das Allerheiligste zugelassen zu werden, weil er nicht den
„Eid eines wahren Christen" schwören und Lord John Russell, sein Col- 
lege, die Judenbill nicht „realisiren" will. Nun erhebt sich gestern Dun- 
combe, hat ausgespürt, daß einem Parlamentsact von 1782 gemäß jeder 
Deputirte, der einen Lieferungscontract mit der Regierung nach seiner 
Wahl geschlossen, seines Sitzes im Unterhause verlustig geht, daß Roth-
schild die letzte Anleihe von 16 Mill. Pfd. St. übernommen, und zeigt 
daher an, daß er morgen Abend die Ausschreibung einer neuen Citywahl 
beantragen werde. Noch mehr. Malins folgt Duncombe auf dem Fuße 
nach und kündigt einen ähnlichen Antrag gegen Lindsay an, der in der 
Reformdebatte von Sir Charles Wood offen angeklagt sei, Lieferungs-
contracte für Schiffe mit der Regierung geschlossen zu haben, während er 
als Parlamentsglied sitzt und saß. Der Incident ist nicht nur wichtig we- 
gen der compromittirten Personen, ein Citymagnat und ein Cityreform- 
magnat! Er ist wichtig, weil er dem Publikum ins Gedächtniß ruft, daß 
Pitt, Perceval und Liverpool, die sich über den Act von 1782 hinwegsetz-
ten, gerade in den Großwürdenträgern der City, den Contrahenten von 
Anleihen und Lieferungen für die Regierung in und außerhalb des Par- 
laments ihre Grundpfeiler fanden. Diese Finanzaristokratie - damals cor- 
rupter wie unter Louis Philipp - war die Seele des Antijakobinerkriegs. 
Während sie seine goldenen Hesperidenäpfel pflückte, demonstrirte sie
der Nation in berüchtigten Citymeetings, daß „sie Geld und Blut opfern 


müsse, um die gebenedeiten Comforts unsrer heiligen Religion vor den 
altarschänderischen Franzosen und sich selbst vor der düstern Verzweif- 
lung des Atheismus zu retten." So, zur ungelegensten Zeit wird die 
Nation erinnert, daß die gegen die Oligarchie rebellirende City das Treib- 

haus war, worin dieselbe Oligarchie großwuchs und ihre üppigsten Blü-
then trieb.