Karl Marx
Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte

|[i]] Der achtzehnte Brumaire
des Louis Bonaparte

von
Karl Marx.

Hegel bemerkt irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Thatsachen
und Personen sich so zu sagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als große Tragödie, das andre Mal als lumpige Farce.
Caussidiere für Danton, Louis Blanc für Robespierre, die Montagne von
1848—51 für die Montagne von 1793—95, und der Londoner Konstabier mit
dem ersten besten Dutzend Schulden beladener Lieutenants für den kleinen
Korporal mit seiner Tafelrunde von Marschällen! Der achtzehnte Brumaire
des Idioten für den achtzehnten Brumaire des Genies! Und dieselbe Karrikatur in den Umständen, unter denen die zweite Auflage des achtzehnten
Brumaire herausgegeben wird. Das erste Mal Frankreich am Rande des
Bankerots, diesmal Bonaparte selbst am Rande des Schuldthurms; damals
die Koalition der großen Mächte an den Grenzen, — diesmal die Koalition
von Ruge-Darasz in England, von Kinkel-Brentano in Amerika; damals ein
St. Bernhard zu übersteigen, diesmal eine Kompagnie Gensdarmen über den
Jura zu schicken; damals mehr als ein Marengo zu gewinnen, diesmal das
Großkreuz des St. Andre-Ordens zu verdienen und die Achtung der „Berliner
National-Zeitung" zu verlieren.

Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht
aus freien Stücken unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vor-

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - I

handenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller
todten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und
wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen,
noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem
Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüme, um in
dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die
neue Weltgeschichtsszene aufzuführen. So maskirte sich Luther als Apostel
Paulus, die Revolution von 1789—1814 drappirte sich abwechselnd als römische Republik und alsrömisches Kaiserthum, und die Revolution von 1848
wußte nichts Besseres zu thun, als hier 1789, dort die revolutionäre Ueberlief erung von 1793—95 zu parodiren. So übersetzt der Anfänger, der eine neue
Sprache erlernt hat, sie immer zurück in seine Muttersprache, aber den Geist
der neuen Sprache hat er sich nur angeeignet und frei in ihr zu produziren
vermag er nur, sobald er sich ohne Rückerinnerung in ihr bewegt und die
ihm angestammte Sprache in ihr vergißt.

Bei Betrachtung jener weltgeschichtlichen Todtenbeschwörungen zeigt
sich sofort ein springender Unterschied. Camille Desmoulins, Danton,
Robespierre, St. Just, Napoleon, die Heroen wie die Parteien und die Masse

der alten französischen Revolution vollbrachten in dem römischen Kostüme
und mit römischen Phrasen die | Aufgabe ihrer Zeit, die Entfesselung und
Herstellung der modernen bürgerlichen Gesellschaft. Die Einen schlugen
den feudalen Boden in Stücke und mähten die feudalen Köpfe ab, die darauf
gewachsen waren. Der Andre schuf im Innern von Frankreich die Bedingungen, in denen erst die freie Konkurrenz entwickelt, das parzellirte Grundeigenthum ausgebeutet, die entfesselte industrielle Produktivkraft der Nation verwandt werden konnte, und jenseits der französischen Grenzen fegte
er überall die feudalen Gestaltungen weg, so weit es nöthig war, um der
bürgerlichen Gesellschaft in Frankreich eine entsprechende, zeitgemäße
Umgebung auf dem europäischen Kontinent zu verschaffen. Die neue
Gesellschaftsformation einmal hergestellt, verschwanden die vorsündfluthlichen Kolosse und mit ihnen das wieder auferstandene Römerthum —
die Brutusse, Gracchusse, Publicola's, die Tribunen, die Senatoren und Cäsar selbst. Die bürgerliche Gesellschaft in ihrer nüchternen Wirklichkeit
hatte sich ihre wahren Dollmetscher und Sprachführer erzeugtin den Say's,
Cousin's, Royer-Collard's, Benjamin Constant's und Guizot's, ihre wirklichen Heerführer saßen hinter dem Comptoirtisch und der Speckkopf Ludwigs XVIII. war ihr politisches Haupt. Ganz absorbirt in die Produktion des
Reichthums und in den friedlichen Kampf der Konkurrenz begriff sie nicht
mehr, daß die Gespenster der Römerzeit ihre Wiege gehütet hatten. Aber
unheroisch, wie die bürgerliche Gesellschaft ist, hatte es jedoch des Herois-

Karl Marx

mus bedurft, der Aufopferung, des Schreckens, des Bürgerkriegs und der
Völkerschlachten, um sie auf die Welt zu setzen. Und ihre Gladiatoren
fanden in den klassisch strengen Ueberlieferungen der römischen Republik
die Ideale und die Kunstformen, die Selbsttäuschungen, deren sie bedurften,
um den bürgerlich beschränkten Inhalt ihrer Kämpfe sich selbst zu verbergen

und ihre Leidenschaft auf der Höhe der großen geschichtlichen Tragödie zu
erhalten. So hatten auf einer andern Entwickelungsstufe, ein Jahrhundert
früher, Cromwell und das englische Volk dem alten Testamente Sprache,
Leidenschaften und Illusionen für ihre bürgerliche Revolution entlehnt. Als
das wirkliche Ziel erreicht, als die bürgerliche Umgestaltung der englischen

Gesellschaft vollbracht war, verdrängte Locke den Habakuk.

Die Todtenerweckung in jenen Revolutionen diente also dazu, die neuen
Kämpfe zu verherrlichen, nicht die alten zu parodiren, die gegebene Aufgabe
in der Phantasie zu übertreiben, nicht vor ihrer Lösung in der Wirklichkeit
zurückzuflüchten, den Geist der Revolution wieder zu finden, nicht ihr
Gespenst wieder umgehen zu machen.

1848—1851 ging nur das Gespenst der alten Revolution um, von Marrast
dem Républicain en gants jaunes, der sich in den alten Bailly verkleidete,
bis auf den Abentheurer, der seine trivial-widrigen Züge unter der eisernen
Todtenlarve Napoleons versteckt. Ein ganzes Volk, das sich durch eine
Revolution eine beschleunigte Bewegungskraft gegeben zu haben glaubt,
findet sich plötzlich in eine verstorbene Epoche zurückversetzt, und damit
keine Täuschung über den Rückfall möglich ist, stehn die alten Data wieder
auf, die alte Zeitrechnung, die alten Namen, die alten Edikte, die längst der
antiquarischen Gelehrsamkeit verfallen, und die alten Schergen, die längst
verfault schienen. Die Nation kömmt sich vor, wie jener närrische Engländer
in Bedlam, der zur Zeit der alten Pharaonen zu leben meint und täglich über
die harten Dienste jammert, die er in den äthiopischen Bergwerken als
Goldgräber verrichten muß, eingemauert in dies Unterirdische Gefängniß,
eine spärlich leuchtende Lampe auf dem eigenen Kopfe befestigt, hinter ihm
der Sklavenaufseher mit langer Peitsche und an den Ausgängen ein Gewirr
von barbarischen Kriegsknechten, die weder die Zwangsarbeiter in den
Bergwerken, noch sich unter einander verstehen, weil sie keine gemeinsame
Sprache reden. „Und dies Alles wird mir", — seufzt der närrische Engländer
— „mir dem freigebornen Britten zugemuthet, um Gold für die alten Pharaonen zu machen." „Um die Schulden der Familie Bonaparte zu zahlen", —
seufzt die französische Nation. Der Engländer, so lange er bei Verstände
war, konnte die fixe Idee des Goldmachens nicht los werden. Die Franzosen,
so lange sie revolutionirten, nicht die | napoleonische Erinnerung, wie die
Wahl vom 10. Dezember bewies. Sie sehnten sich aus den Gefahren der
Revolution zurück nach den Fleischtöpfen Aegyptens, und der 2. Dezember

Be

8%
pe

ae,
Hig

e:

lblatt zu

von Karl Marx

ite

T

New York 1852

des Louis Bonaparte

Erstes Heft.

ie Revolution.
Der 18. Bruma

D

ire

”

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - I

1851 war die Antwort. Sie haben nicht nur die Karrikatur des alten Napoleon,
sie haben den alten Napoleon selbst karrikirt, wie er sich ausnehmen muß
in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts.

Die soziale Revolution des neunzehnten Jahrhunderts kann ihre Poesie
nicht aus der Vergangenheit schöpfen, sondern nur aus der Zukunft. Sie kann
nicht mit sich selbst beginnen, bevor sie allen Aberglauben an die Vergangenheit abgestreift hat. Die früheren Revolutionen bedurften der weltgeschichtlichen Rückerinnerungen, um sich über ihren eigenen Inhalt zu
betäuben. Die Revolution des neunzehnten Jahrhunderts muß die Todten
ihre Todten begraben lassen, um bei ihrem eignen Inhalt anzukommen.
Dort ging die Phrase über den Inhalt, hier geht der Inhalt über die Phrase
hinaus.

Die Februar-Revolution war eine Ueberrumpelung, eine Ueberraschung
der alten Gesellschaft, und das Volk proklamirte diesen unverhofften
Handstreich als eine weltgeschichtliche That, womit die neue Epoche eröffnet sei. Am 2. Dezember wird die Februar-Revolution eskamotirt durch
die Volte eines falschen Spielers, und was umgeworfen scheint, ist nicht
mehr die Monarchie, es sind die liberalen Konzessionen, die ihr durch Jahrhundert lange Kämpfe abgetrotzt waren. Statt daß die Gesellschaft selbst
sich einen neuen Inhalt erobert hätte, scheint nur der Staat zu seiner ältesten
Form zurückgekehrt, zur unverschämt einfachen Herrschaft von Säbel und
von Kutte. So antwortet auf den coup de main vom Februar 1848 der coup
de téte vom Dezember 1851. Wie gewonnen, so zerronnen. Unterdessen ist
die Zwischenzeit nicht unbenutzt vorübergegangen. Die französische Gesellschaft hat während der Jahre 1848—1851 die Studien und Erfahrungen
nachgeholt, und zwar in einer abkürzenden weil revolutionären Methode,
die bei regelmäßiger, so zu sagen schulgerechter Entwickelung der Februar-Revolution hätten vorhergehen müssen, sollte sie mehr als eine
Erschütterung der Oberfläche sein. Die Gesellschaft scheint jetzt hinter
ihren Ausgangspunkt zurückgetreten; in Wahrheit hatte sie sich erst den
revolutionären Ausgangspunkt zu schaffen, die Situation, die Verhältnisse,
die Bedingungen, unter denen allein die moderne Revolution ernsthaft
wird.

Bürgerliche Revolutionen, wie die des achtzehnten Jahrhunderts, stürmen
rasch von Erfolg zu Erfolg, ihre dramatischen Effekte überbieten sich,
Menschen und Dinge scheinen in Feuerbrillanten gefaßt, die Extase ist der
Geist jedes Tages; aber sie sind kurzlebig, bald haben sie ihren Höhepunkt
erreicht und ein langer Katzenjammer erfaßt die Gesellschaft, ehe sie die
Resultate ihrer Drang- und Sturmperiode nüchtern sich aneignen lernt.
Proletarische Revolutionen dagegen, wie die des neunzehnten Jahrhunderts,
kritisiren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem

Karl Marx

eignen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder
von Neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten,
Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren
Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und
sich riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von
Neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eignen
Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht,
und die Verhältnisse selbst rufen:

Hic Rhodus, hic salta!
Hier ist die Rose, hier tanze!

Jeder erträgliche Beobachter übrigens, selbst wenn er nicht Schritt vor
Schritt dem Gang der französischen Entwicklung gefolgt war, mußte ahnen,
daß der Revolution eine unerhörte Blamage bevorstehe. Es genügte das
selbstgefällige Siegsgekläffe zu hören, womit die Herren Demokraten sich
wechselweis zu den Gnadenwirkungen des 2. Mai 1852 beglückwünschten.
Der 2. Mai 1852 war in ihren Köpfen zur fixen Idee geworden, zum Dogma,
wie der Tag, an dem Christus wiedererscheinen und das tausendjährige Reich
beginnen sollte, in den Köpfen der Chilliasten. Die Schwäche hatte sich
wie immer in den Wunderglauben gerettet, glaubte den Feind überwunden,
wenn sie ihn in der Phantasie weghexte, und verlor alles Verständniß der
Gegenwart über der thatlosen Verhimmelung der Zukunft, die ihr bevorstehe, und der Thaten, die sie in petto habe, aber nur noch nicht an den Mann
bringen wolle. Jene Helden, die ihre bewiesene Unfähigkeit dadurch zu
widerlegen suchen, daß sie sich wechselseitig ihr Mitleiden schenken und
sich zu einem Haufen zusammenthun, hatten ihre Bündel geschnürt, strichen
ihre Lorbeerkronen auf Vorschuß ein und waren eben damit beschäftigt, auf
dem Wechselmarkt die Republiken in partibus diskontiren zu lassen, für die
sie bereits in aller Stille ihres anspruchslosen Gemüths das Regierungspersonal vorsorglich organisirt hatten. Der 2. Dezember traf sie wie ein
Blitzstrahl aus heiterm Himmel, und die Völker, die in Epochen kleinmüthiger Verstimmung sich gern ihre innere Angst von den lautesten
Schreiern übertäuben lassen, werden sich vielleicht überzeugt haben, daß
die Zeiten vorüber sind, wo das Geschnatter von Gänsen das Kapitol retten
konnte.

Die Konstitution, die Nationalversammlung, die dynastischen Partheien,
die blauen und die rothen Republikaner, die Helden von Afrika, der Donner
der Tribüne, das Wetterleuchten der Tagespresse, die gesammte Literatur,
die politischen Namen und die geistigen Renoméen, das bürgerliche Gesetz
und das peinliche Recht, die liberté, égalité, fraternité und der 2. Mai 1852
—Alles ist verschwunden, wie eine Phantasmagorie vor der Bannformel eines

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte « I

Mannes, den seine Feinde selbst für keinen Hexenmeister ausgeben. Das
allgemeine Wahlrecht scheint nur einen Augenblick tiberlebt zu haben, damit
es eigenhändig vor den Augen aller Welt sein Testament mache und im
Namen des Volkes selbst erkläre: Alles was besteht, ist werth, daß es zu
Grunde geht.

Es genügt nicht zu sagen, wie die Franzosen thun, daß ihre Nation überrascht worden sei. Einer Nation und einer Frau wird die unbewachte Stunde
nicht verziehen, worin der erste beste Abentheurer ihnen Gewalt anthun und
sie sich aneignen konnte. Das Räthsel wird durch dergleichen Wendungen

nicht gelöst, sondern nur anders formulirt. Es bliebe zu erklären, wie eine
Nation von 36 Millionen durch drei vulgaire Industrieritter überrascht und
widerstandslos in die Gefangenschaft abgeführt werden kann.

Recapituliren wir in allgemeinen Zügen die Phasen, die die französische
Revolution vom 24. Februar 1848 bis zum Dezember 1851 durchlaufen
hat.

Drei Hauptperioden sind unverkennbar: die Februarpenode. 4. Mai 1848
bis zum 28. Mai 1849, Periode der Konstituirung der Republik oder der
konstituirenden Nationalversammlung. 28. Mai 1849 bis zum 2. Dezember
1851, Periode der konstitutionellen Republik oder der legislativen National-

Versammlung.

Die erste Periodevom 24. Februar oder dem Sturze Louis Philipp's bis zum
4.Mai 1848, dem Zusammentritt der konstituirenden Versammlung, die
eigentliche Februarperiode, kann als der Prolog der Revolution bezeichnet
werden. Ihr Charakter sprach sich offiziell darin aus, daß die von ihr im-

provisirte Regierung sich selbst für provisorisch erklärte, und wie die Re-

gierung gab Alles, was in dieser Periode angeregt, versucht, ausgesprochen
wurde, sich für nur provisorisch aus. Niemand und Nichts wagte das Recht
des Bestehens und der wirklichen That für sich in Anspruch zu nehmen. Alle
Elemente, die die Revolution vorbereitet oder bestimmt hatten, dynastische
Opposition, republikanische Bourgeoisie, demokratisch-republikanisches
Kleinbürgerthum, sozial-demokratisches Arbeiterthum fanden provisorisch
ihren Platz in der Februar-Regierung.

Es konnte nicht anders sein. Die Februartage bezweckten ursprünglich
eine Wahlreform, wodurch der Kreis der politisch Privilegirten unter der

besitzenden Klasse selbst erweitert und die ausschließliche Herrschaft der
Finanzaristokratie gestürzt werden sollte. Als es aber zum wirklichen Konflikt kam, das Volk auf die Barrikaden stieg, die Nationalgarde sich passiv
verhielt, die Armee keinen ernstlichen Widerstand leistete und das Königthum davonlief, schien sich die Republik von selbst | zu verstehen. Jede
Partei deutete sie inihrem Sinn. Von dem Proletariat, die Waffen in der Hand
ertrotzt, prägte es ihr seinen Stempel auf und proklamirte sie als soziale

Karl Marx

Republik. So wurde der allgemeine Inhalt der modernen Revolution angedeutet, der, wie es im Prologe des Drama's nicht anders sein kann, in
sonderbarstem Widerspruche stand zu Allem, was mit dem vorliegenden
Material, mit der erreichten Bildungsstufe der Masse, unter den gegebenen
Umständen und Verhältnissen zunächst unmittelbar in's Werk gesetzt
werden konnte. Andrerseits wurde der Anspruch aller übrigen Elemente, die
zur Februarrevolution mitgewirkt hatten, anerkannt in dem Löwenantheil,
den sie an der Regierung erhielten. In keiner Periode finden wir daher ein
bunteres Gemisch von überfliegenden Phrasen und thatsächlicher Unsicherheit und Unbeholfenheit, von enthusiastischerem Neuerungsstreben
und von gründlicherer Herrschaft der alten Routine, von mehr scheinbarer
Harmonie der ganzen Gesellschaft und von tieferer Entfremdung der Elemente, woraus sie besteht. Während das Pariser Proletariat noch in dem
Anblick der großen Perspektive, die sich ihm eröffnet hatte, schwelgte und

sich in ernstgemeinte Diskussionen über die sozialen Probleme erging, hatten 15

sich die alten Mächte der Gesellschaft gruppirt, gesammelt, besonnen und
fanden eine unerwartete Stütze an der Masse der Nation, den Bauern und
Kleinbürgern, die alle auf einmal auf die politische Bühne stürzten, nachdem
die Barrieren der Julimonarchie gefallen waren.

Die zweite Periode vom 4. Mai 1848 bis Ende Mai 1849 ist die Periode der
Konstituirung, der Begründung der bürgerlichen Republik. Unmittelbar nach
den Februartagen war nicht nur die dynastische Opposition überrascht
worden durch die Republikaner, die Republikaner durch die Sozialisten,
sondern ganz Frankreich durch Paris. Die Nationalversammlung die am
4. Mai 1848 zusammentrat, aus den Wahlen der ganzen Nation hervorgegangen, repräsentirte die ganze Nation. Sie war ein lebendiger Protest gegen
die Zumuthungen der Februartage und sollte die Resultate der Revolution
auf den bürgerlichen Maßstab zurückführen. Vergebens versuchte das
Pariser Proletariat, das den Charakter dieser Nationalversammlung sofort
begriff, wenige Tage nach ihrem Zusammentritt, am 15. Mai, ihre Existenz
gewaltsam wegzuläugnen, sie aufzulösen, die organische Gestalt, worin der
reagirende Geist der Nation es bedrohte, wieder in ihre einzelnen Bestandtheile zu zerstreuen. Der 15. Mai hatte bekanntlich kein anderes Resultat, als
Blanqui und Genossen, d.h. die wirklichen Führer der proletarischen Partei,
die revolutionären Kommunisten, für die ganze Dauer des Cyklus, den wir
betrachten, vom Öffentlichen Schauplatz zu entfernen.

Auf die bürgerliche Monarchie Louis Philippe's kann nur die bürgerliche
Republik folgen, d. h. wenn unter dem Namen des Königs ein beschränkter
Theil der Bourgeoisie geherrscht hat, so wird jetzt im Namen des Volks die
Gesammtheit der Bourgeoisie herrschen. Die Forderungen des Pariser Proletariats sind utopistische Flausen, womit geendet werden muß. Auf diese

do

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte « I

Erklärung der konstituirenden Nationalversammlung antwortete das Pariser
Proletariat mit der Juni-Insurrektion, dem kolossalsten Ereigniß in der
Geschichte der europäischen Bürgerkriege. Die bürgerliche Republik siegte.
Auf ihrer Seite stand die Finanzaristokratie, die industrielle Bourgeoisie, der
Mittelstand, die Kleinbürger, die Armee, das als Mobilgarde organisirte
Lumpenproletariat, die geistigen Kapacitäten, die Pfaffen und die Landbevölkerung. Auf der Seite des Pariser Proletariats stand Niemand als es
selbst. Ueber 3000 Insurgenten wurden niedergemetzelt nach dem Siege,
15 000 ohne Urtheil transportirt. Mit dieser Niederlage tritt das Proletariat
in den Hintergrund der revolutionären Bühne. Es versucht sich jedesmal
wieder vorzudrängen, sobald die Bewegung einen neuen Anlauf zu nehmen
scheint, aber mit immer schwächerem Kraftaufwand und stets geringerem
Resultat. Sobald eine der höher über ihm liegenden Gesellschaftsschichten
in revolutionäre Gährung geräth, geht es eine Verbindung mit ihr ein und
theüt so alle Niederlagen, die die verschiedenen Parteien nach einander
erleiden. Aber diese nachträglichen Schläge schwächen sich immer mehr ab,
je mehr sie sich auf die ganze | Oberfläche der Gesellschaft vertheilen.
Seine bedeutenderen Führer in der Versammlung und in der Presse fallen
der Reihe nach den Gerichten als Opfer und immer zweideutigere Figuren
treten an seine Spitze. Zum Theil wirft es sich auf doktrinäre Experimente,
in Tauschbanken und Arbeiter-Assoziationen, also in eine Bewegung, worin
es darauf verzichtet, die alte Welt mit ihren eigenen großen Gesammtmitteln
umzuwälzen, vielmehr hinter dem Rücken der Gesellschaft, auf Privatweise,
innerhalb seiner beschränkten Existenzbedingungen seine Erlösung zu

vollbringen sucht, also nothwendig scheitert. Es scheint weder in sich selbst
die revolutionäre Größe wiederfinden, noch aus den neu eingegangenen
Verbindungen neue Energie gewinnen zu können, bis alle Klassen, womit
es im Juni gekämpft, neben ihm selbst platt darniederliegen. Aber wenigstens
erliegt es mit den Ehren des großen weltgeschichtlichen Kampfes; nicht nur
Frankreich, ganz Europa zittert vor dem Junierdbeben, während die nachfolgenden Niederlagen der höhern Klassen so wohlfeil erkauft werden, daß
sie der frechen Uebertreibung von Seiten der siegenden Partei bedürfen,
um überhaupt als Ereignisse passiren zu können, und um so schmachvoller
werden, je weiter die unterliegende Partei von der proletarischen entfernt
ist.

Die Niederlage der Juniinsurgenten hatte nun allerdings das Terrain vorbereitet, geebnet, worauf die bürgerliche Republik begründet, aufgeführt
werden konnte; aber sie hatte zugleich gezeigt, daß es sich in Europa um
andre Fragen handelt, als „um Republik oder Monarchie". Sie hatte offen-

bart, daß bürgerliche Republik hier die uneingeschränkte Gesammtdespotie
einer Klasse über andre Klassen bedeute. Sie hatte bewiesen, daß in alt-

Karl Marx

zivilisirten Ländern mit entwickelter Klassenbildung, mit modernen Produktionsbedingungen und mit einem geistigen Bewußtsein, worin alle überlieferten Ideen durch Jahrhunderte lange Arbeit aufgelös’'t sind, die Republik
überhaupt nur die revolutionäre Zerstörungsform der bürgerlichen Gesellschaft bedeutet und nicht ihre konservative Entwickelungsform, wie z. B. in
den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo zwar schon Klassen bestehen,
aber sich noch nicht f ixirt haben, sondern in beständigem Flusse fortwährend
ihre Bestandtheile wechseln und an einander abtreten, wo die modernen
Produktionsmittel, statt mit einer stagnanten Uebervölkerung zusammenzufallen, vielmehr den relativen Mangel an Köpfen und Händen ersetzen,
und wo endlich die fieberhaft jugendliche Bewegung der materiellen Produktion, die eine neue Welt sich anzueignen hat, weder Zeit noch Gelegenheit
ließ, die alte Geisterwelt abzuschaffen.

Alle Klassen und Parteien hatten sich während der Junitage zur Partei der
Ordnung vereint gegenüber der proletarischen Klasse, als der Partei der
Anarchie, des Sozialismus, des Kommunismus. Sie hatten die Gesellschaft
„gerettet" gegen „die Feinde der Gesellschaft". Sie hatten die Stichworte
der alten Gesellschaft, „Eigenthum, Familie, Religion, Ordnung", als Parole
unter ihr Heer ausgetheilt und der kontrerevolutionären Kreuzfahrt zugerufen: „Unter diesem Zeichen wirst du siegen!" Von diesem Augenblick,
sobald eine der zahlreichen Parteien, die sich unter diesem Zeichen gegen
die Juniinsurgenten geschaart hatten, in ihrem eigenen Klasseninteresse den
revolutionären Kampfplatz zu behaupten sucht, unterliegt sie vor dem Rufe:
„Eigenthum, Familie, Religion, Ordnung". Die Gesellschaft wird eben so oft
gerettet, als sich der Kreis ihrer Herrscher verengt, als ein exclusives Interesse dem weiteren gegenüber behauptet wird. Jede Forderung der einfachsten bürgerlichen Finanzreform, des ordinärsten Liberalismus, des
formalsten Republikanerthums, der plattesten Demokratie, wird gleichzeitig
als „Attentat auf die Gesellschaft" bestraft und als „Sozialismus" gebrandmarkt. Und schließlich werden die Hohenpriester der „Religion der Ordnung" selbst mit Fußtritten von ihren Pythiastühlen verjagt, bei Nacht und
Nebel aus ihren Betten geholt, in Zellenwagen gesteckt, in Kerker geworfen
oder in's Exil geschickt, ihr Tempel wird der Erde gleich gemacht, ihr
Mund | wird versiegelt, ihre Feder zerbrochen, ihr Gesetz zerrissen, im
Namen der Religion, des Eigenthums, der Familie, der Ordnung. Ordnungsfanatische Bourgeois auf ihren Baikonen werden von besoffenen Soldatenhaufen zusammengeschossen, ihr Familienheiligthum wird entweiht, ihre
Häuser werden zum Zeitvertreib bombardirt — im Namen des Eigenthums,
der Familie, der Religion und der Ordnung. Der Auswurf der bürgerlichen
Gesellschaft bildet schließlich die heilige Phalanx der Ordnung und Held
Crapülinsky zieht in die Tuilerien ein als „Retter der Gesellschaft".

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - II

I.

Nehmen wir den Faden der Entwickelung wieder auf.

Die Geschichte der konstituirenden Nationalversammlung seit den Junitagen ist die Geschichte der Herrschaft und der Auflösung der republikanischen Bourgeois-Fraktion, jener Fraktion, die man unter dem Namen
trikolore Republikaner, reine Republikaner, politische Republikaner, formalistische Republikaner u. s. w. kennt.

Sie hatten unter der bürgerlichen Monarchie Louis Philippe's die offizielle
republikanische Opposition und daher einen anerkannten Bestandtheil der
damaligen politischen Welt gebildet. Sie besaß ihre Vertreter in den Kammern und in der Presse einen bedeutenden Wirkungskreis. Ihr Pariser Organ,
der „National", galt in seiner Weise für ebenso respektabel als das „Journal
des Débats". Dieser Stellung unter der konstitutionellen Monarchie entsprach ihr Charakter. Es war dies keine durch große gemeinsame Interessen
zusammengehaltene und durch eigenthümliche Produktionsbedingungen
abgegrenzte Fraktion der Bourgeoisie. Es war eine Koterie von republikanisch gesinnten Bourgeois, Schriftstellern, Advokaten, Offizieren und

. Beamten, deren Einfluß auf den persönlichen Antipathien des Landes gegen

Louis Philippe, auf Erinnerungen an die alte Republik, auf dem republikanischen Glauben einer Anzahl von Schwärmern, vor Allem aber auf dem
französischen Nationalismus beruhte, dessen Haß gegen die Wiener Verträge und gegen die Allianz mit England sie fortwährend wach hielt. Einen
großen Theil des Anhangs, den der „National" unter Louis Philippe besaß,
schuldete er diesem versteckten Imperialismus, der ihm daher später unter
der Republik als ein vernichtender Konkurrent in der Person Louis Bonaparte's gegenüber treten konnte. Die Finanzaristokratie bekämpfte er, wie
die ganze übrige bürgerliche Opposition es that. Die Polemik gegen das
Budget, die in Frankreich genau mit der Bekämpfung der Finanzaristokratie
zusammenhängt, verschaffte eine zu wohlfeile Popularität und zu reichhaltigen Stoff zu puritanischen leading articles, um nicht ausgebeutet zu
werden. Die industrielle Bourgeoisie war ihm dankbar für seine sklavische
Vertheidigung des französischen Schutzzollsystems, die er indeß auf mehr
nationale als national-ökonomische Gründe hin aufnahm, die Gesammtbourgeoisie für seine gehässigen Denunziationen des Kommunismus und

Sozialismus. Im Uebrigen war die Partei des „National" rein republikanisch,
d.h. sie verlangte eine republikanische statt einer monarchischen Form der
Bourgeois-Herrschaft und vor Allem ihren Löwenantheil an dieser Herrschaft. Ueber die Bedingungen dieser Umwandlung war sie sich durchaus
nicht klar. Was ihr dagegen sonnenklar war und auf den Reform-Banketten

Karl Marx

in der letzten Zeit Louis Philippe's öffentlich erklärt wurde, war ihre Unpopularität bei den demokratischen Kleinbürgern und insbesondere bei dem
revolutionären Proletariat. Diese reinen Republikaner, wie reine Republikaner denn sind, standen auch schon auf dem Sprunge, sich zunächst mit
einer Regentschaft der Herzogin von Orleans zu begnügen, als die
Februarrevolution ausbrach und ihren bekanntesten Vertretern einen Platz
in der provisorischen Regierung anwies. Sie besaßen natürlich von vornherein das Vertrauen der Bourgeoisie und die Majorität der konstituil|renden Nationalversammlung. Aus der Exekutiv-Commission, welche diese
Nationalversammlung bei ihrem Zusammentritt bildete, hatte sie sofort die
sozialistischen Elemente der provisorischen Regierung ausgeschlossen und
die Partei des „National" benutzte den Ausbruch der Juniinsurrektion, um
auch die Executiv-Commission abzudanken und damit ihre nächsten Rivalen, die kleinbürgerlichen oder demokratischen Republikaner (Ledru-Rollin
u.s.w.) los zu werden. Cavaignac, der General der bourgeois-republikanischen Partei, der die Junischlacht kommandirte, trat an die Stelle der
Exekutiv-Kommission mit einer Art diktatorischer Gewalt. Marrast, ehemaliger Redakteur en chef des „National", wurde der perpetuirliche Präsident der konstituirenden Nationalversammlung und die Ministerien, wie
sämmtliche übrigen bedeutenden Posten, fielen den reinen Republikanern
anheim.

Die republikanische Bourgeois-Fraktion, die sich seit lange als legitime
Erbin der Julimonarchie betrachtet hatte, fand sich so in ihrem Ideal übertroffen, aber sie gelangte zur Herrschaft, nicht wie sie unter Louis Philippe
geträumt hatte, durch eine liberale Revolte der Bourgeoisie gegen den Thron,
sondern durch eine niederkartätschte Emeute des Proletariats gegen das
Kapital. Was sie als das revolutionärste Ereigniß sich vorgestellt hatte, trug
sich in der Wirklichkeit zu als das kontrerevolutionärste. Die Frucht fiel ihr
in den Schooß, aber sie fiel vom Baum der Erkenntniß, nicht vom Baum des
Lebens.

Die ausschließliche Herrschaft der Bourgeois-Republikaner währte nur
vom 24. Juni bis zum 10. Dezember 1848. Sie resumirt sich in der Abfassung
einer republikanischen Konstitution und im Belagerungszustand von
Paris.

Die neue Konstitution war im Grunde nur die republikanisirte Ausgabe
der konstitutionellen Charte von 1830. Der enge Wahlcensus der Julimonarchie, der selbst einen großen Theil der Bourgeoisie von der politischen
Herrschaft ausschloß, war unvereinbar mit der Existenz der bürgerlichen
Republik. Die Februarrevolution hatte sofort an der Stelle dieses Census das
direkte allgemeine Wahlrecht proklamirt. Die Bourgeois-Republikaner
konnten dieses Ereigniß nicht ungeschehen machen. Sie mußten sich damit

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - II

begnügen, die beschränkende Bestimmung eines sechsmonatlichen Domizils
am Wahlorte hinzuzufügen. Die alte Organisation der Verwaltung, des
Gemeindewesens, der Rechtspflege, der Armee u.s.w. blieb unversehrt
bestehen, oder wo die Konstitution sie änderte, betraf die Aenderung das
Inhaltsregister, nicht den Inhalt, den Namen, nicht die Sache.

Der unvermeidliche Generalstab der Freiheiten von 1848, persönliche
Freiheit, Preß-, Rede-, Assoziations-, Versammlungs-, Lehr- und Religions-
Freiheit u. s. w., erhielt eine konstitutionelle Uniform, die sie unverwundbar
machte. Jede dieser Freiheiten wird nämlich als das unbedingte Recht des

französischen Citoyens proklamirt, aber mit der beständigen Randglosse,
daß sie schrankenlos seien, so weit sie nicht durch die „gleichen Rechte
Anderer und die öffentliche Sicherheit" beschränkt werden, oder durch
„Gesetze", die eben diese Harmonie der individuellen Freiheiten unter
einander und mit der öffentlichen Sicherheit vermitteln sollen. Z.B.: „die
Bürger haben das Recht sich zu assoziiren, sich friedlich und unbewaffnet
zu versammeln, zu petitioniren und ihre Meinungen durch die Presse oder
wie sonst immer auszudrücken. Der Genuß dieser Rechte hat keine andere
Schranke, als die gleichen Rechte Andrer und die öffentliche Sicherheit."
(Kap. II. der französischen Konstitution, §. 8.) — „Der Unterricht ist frei. Die
Freiheit des Unterrichts soll genossen werden unter den vom Gesetze fixirten Bedingungen und unter der Oberaufsicht des Staats." (A.a.O. §.9.)
— „Die Wohnung jedes Bürgers ist unverletzlich außer in den vom Gesetz
vorgeschriebenen Formen." (Kap. I. §. 3.) U. s. w., u. s. w.— Die Constitution
weis't daher beständig auf zukünftige organische Gesetze hin, die jene
Randglossen ausführen und den Genuß dieser unbeschränkten Freiheiten so
reguliren sollen, daß sie weder unter einander, noch mit der öffentlichen
Sicherheit | anstoßen. Und später sind diese organischen Gesetze von den
Ordnungsfreunden in's Leben gerufen und alle jene Freiheiten so regulirt
worden, daß die Bourgeoisie in deren Genuß an den gleichen Rechten der
andern Klassen keinen Anstoß findet. Wo sie „den Andern" diese Freiheiten
ganz untersagt oder ihren Genuß unter Bedingungen erlaubt, die eben so viele
Polizei-Fallstricke sind, geschah dies immer nur im Interesse der „öffentlichen Sicherheit", d. h. der Sicherheit der Bourgeoisie, wie die Konstitution
vorschreibt. Beide Seiten berufen sich daher in der Folge mit vollem Recht
auf die Konstitution, sowohl die Ordnungsfreunde, die alle jene Freiheiten
aufhoben, wie die Demokraten, die sie alle heraus verlangten. Jeder Paragraph der Konstitution enthält nämlich seine eigne Antithese, sein eignes
Ober- und Unterhaus in sich, nämlich in der allgemeinen Phrase die Freiheit,
in der Randglosse die Aufhebung der Freiheit. So lange also der Name der
Freiheit respektirt und nur die wirkliche Ausführung derselben verhindert
wurde, auf gesetzlichem Wege versteht sich, blieb das konstitutionelle

Karl Marx

Dasein der Freiheit unversehrt, unangetastet, mochte ihr gemeines Dasein
noch so sehr todtgeschlagen sein.

Diese auf so sinnige Weise unverletzlich gemachte Konstitution war indeß
wie Achilles an einem Punkte verwundbar, nicht an der Ferse, aber am Kopfe
oder vielmehr an den zwei Köpfen, worin sie sich verlief, — gesetzgebende
Versammlung einerseits, Präsident andrerseits. Man durchfliege die Konstitution, und man wird finden, daß die Paragraphen, worin das Verhältniß
des Präsidenten zur gesetzgebenden Versammlung bestimmt wird, die einzig
absoluten, positiven, widerspruchslosen, unverdrehbaren sind, die sie enthält. Hier galt es nämlich für die Bourgeois-Republikaner, sich selbst sicher
zu stellen. §§.45—70 der Konstitution sind so abgefaßt, daß die Nationalversammlung den Präsidenten konstitutionel, der Präsident die Nationalversammlung nur inkonstitutionel beseitigen kann, nur indem er die Konstitution selbst beseitigt. Hier fordert sie also ihre gewaltsame Vernichtung
heraus. Sie heiligt nicht nur wie die Charte von 1830 die Theilung der Gewalten, sie erweitert sie bis zum unerträglichen Widerspruch. Das Spiel der
konstitutionellen Gewalten, wie Guizot den parlamentarischen Krakehl
zwischen gesetzgebender und vollziehender Gewalt nannte, spielt in der
Konstitution von 1848 beständig va banque. Auf der einen Seite 750 durch
allgemeines Stimmrecht gewählte und wieder wählbare Volksrepräsentanten, die eine unkontrollirbare, unauflösbare, untheilbare Nationalversammlung bilden, eine Nationalversammlung, welche gesetzgeberische Allmacht
genießt, Krieg, Frieden und Handelsverträge in letzter Instanz entscheidet,
allein das Recht der Amnestie besitzt und durch ihre Permanenz unaufhörlich
den Vordergrund der Bühne behauptet. Andrerseits der Präsident, mit allen
Attributen der königlichen Gewalt, noch dadurch vermehrt, daß er seine
Minister unabhängig von der Nationalversammlung ein- und absetzt, mit
allen Mitteln der exekutiven Gewaltin seinen Händen, alle Steilen vergebend
und d.h. in Frankreich wenigstens über IV2 Millionen Existenzen entscheiden, denn so vielhängen an den 500000 Beamten und an den Offizieren
aller Grade, — die ganze bewaffnete Macht hinter sich, mit dem Privilegium
begabt einzelne Verbrecher zu begnadigen, Nationalgarden zu suspendiren,
die von den Bürgern ernannten, erwählten General-, Kantonal- und Gemeinderäthe im Einverständniß mit dem Staatsrath abzusetzen, Initiative
und Leitung aller Verträge mit dem Ausland ihm vorbehalten, nicht wie die
Versammlung beständig auf den Brettern und dem kritisch gemeinen Tageslicht fortwährend ausgesetzt, sondern ein verborgnes Leben führend in den
elyseischen Gefilden und mit alledem Artikel 45 der Constitution vor Augen
und im Herzen, der ihm täglich zuruft: „frère, il faut mourir." „Deine Macht

hört auf am zweiten Sonntag des schönen Monats Mai im vierten Jahr deiner 40

Wahl! Dann ist die Herrlichkeit am Ende, das Stück spielt nicht zweimal,

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - II

und wenn du Schulden hast, siehe bei Zeiten zu, daß du sie mit den dir von
der Konstitution ausgeworfenen 600 000 Franken abbezahlst, ziehst du nicht
etwa vor, am zweiten Montag des schönen Monats Mai nach Clichy zu
wandern!" — Wenn die Konstitution so dem Präsidenten alle faktischen
Gewalten beilegt, sucht sie der Nationalversamm||lO|lung die moralische
Macht zu sichern. Abgesehen davon, daß es unmöglich ist, durch Gesetzesparagraphen eine moralische Macht zu schaffen, hebt die Konstitution sich
hierin wieder selbst auf, indem sie den Präsidenten von allen Franzosen
durch direktes Stimmrecht wählen läßt. Während die Stimmen Frankreichs
sich auf die 750 Mitglieder der Nationalversammlung zersplittern, konzentriren sie sich dagegen hier auf das eine Individuum. Während jeder
einzelne Volksrepräsentant nur diese oder jene Partei, diese oder jene Stadt,
diesen oder jenen Brückenkopf oder auch nur die Nothwendigkeit vertritt,
einen beliebigen Sieben hundert und fünfzigsten zu wählen, bei dem man sich
weder die Sache noch den Mann so genau ansieht, ist Er der Erwählte der
Nation und der Akt seiner Wahl ist der große Trumpf, den das souveräne
Volk alle 4 Jahre einmal ausspielt. Die erwählte Nationalversammlung steht
in einem metaphysischen, aber der erwählte Präsident in einem persönlichen
Verhältniß zur Nation. Die Nationalversammlung stellt wohl in ihren einzelnen Repräsentanten die mannigfaltigen Seiten des Nationalgeistes dar,
aber in dem Präsidenten inkarnirt er sich. Er besitzt ihr gegenüber eine Art
von göttlichem Recht, er ist von Volkesgnaden.

Thetis, die Meergöttin, hatte dem Achilles prophezeit, daß er in der Blüthe
der Jugend sterben werde. Die Konstitution, die ihren faulen Fleck hat, wie
Achilles, hatte auch ihre Ahnung, wie Achilles, daß sie eines frühen Todes
abgehen müsse. Es genügte den konstituirenden reinen Republikanern, einen
Blick aus dem Wolkenhimmel ihrer idealen Republik auf die profane Welt
zu werfen, um zu erkennen, wie der Uebermuth der Royalisten, der Bonapartisten, der Demokraten, der Kommunisten und ihr eigner Mißkredit
täglich stieg, in demselben Maaße, als sie sich der Vollendung ihres großen
gesetzgeberischen Kunstwerks näherten, ohne daß Thetis deshalb das
Meer zu verlassen und ihnen das Geheimniß mitzutheilen brauchte. Sie
suchten das Verhängniß konstitutionell-pfiffig zu überlisten durch §.111
der Konstitution, wonach jeder Vorschlag zur Revision der Verfassung
in drei successiven Debatten, zwischen denen immer ein ganzer Monat zu
liegen hat, von wenigstens '/, der Stimmen votirt werden muß, vorausgesetzt noch, daß nicht weniger als 500 Mitglieder an der Nationalversammlung Theil nehmen. Sie machten damit nur den ohnmächtigen Versuch,
noch als parlamentarische Minorität, als welche sie sich schon prophetisch im Geiste erblickten, eine Macht auszuüben, die in diesem Augenblicke, wo sie über die parlamentarische Majorität verfügten und über alle

Karl Marx

Mittel der Regierungsgewalt, täglich mehr ihren schwachen Händen entschlüpfte.

Endlich vertraut die Konstitution, in einem melodramatischen Paragraphen, sich selbst „der Wachsamkeit und dem Patriotismus des ganzen
französischen Volkes wie jedes einzelnen Franzosen" an, nachdem sie
vorher schon in einem andern Paragraphen die „Wachsamen" und „Patriotischen" der zarten, hochnothpeinlichen Aufmerksamkeit des eigens von ihr
erfundenen Hochgerichts „haute cour", anvertraut hatte.

Das war die Konstitution von 1848, die am 2. Dezember 1851 nicht von
einem Kopfe umgeworfen wurde, sondern vor der Berührung mit einem
bloßen Hute umfiel; allerdings war dieser Hut ein dreieckiger Napoleonshut.

Während die Bourgeois-Republikaner in der Versammlung damit beschäftigt waren, diese Konstitution auszuspintisiren, zu diskutiren und zu
votiren, hielt Cavaignac außerhalb der Versammlung den Belagerungszustand von Paris aufrecht. Der Belagerungszustand von Paris war der
Geburtshelfer der Konstituante bei ihren republikanischen Schöpfungswehen. Wenn die Konstitution später durch Bajonette aus der Welt geschafft
wird, so darf man nicht vergessen, daß sie ebenfalls durch Bajonette, und
zwar gegen das Volk gekehrte, schon im Mutterleibe beschützt und durch
Bajonette auf die Welt gesetzt werden mußte. Die Vorfahren der „honetten
Republikaner" hatten ihr Symbol, die Trikolore, die Tour durch Europa
machen lassen. Sie ihrerseits machten auch eine Erfindung, die von selbst
den Weg über den ganzen Kontinent fand, aber mit immer erneuter Liebe
nach Frankreich zurückkehrte, bis sie jetztin der Hälfte seiner Departements
Bürger||lljrecht erworben hat — den Belagerungszustand. Treffliche Erfindung, periodisch angewandt in jeder nachfolgenden Krise im Laufe der
französischen Revolution. Aber Kaserne und Bivuak, die man so der französischen Gesellschaft periodisch auf den Kopf legte, um ihr das Hirn
zusammenzupressen und sie zum stillen Mann zu machen; Säbel und Muskete, die man periodisch richten und verwalten, bevormunden und censiren,
Polizei üben und Nachtwächterdienst verrichten ließ; Schnurbart und
Kommißrock, die man periodisch als höchste Weisheit der Gesellschaft und
als Retter der Gesellschaft anposaunte ; — mußten Kaserne und Bivuak, Säbel
und Muskete, Schnurbart und Kommißrock nicht schließlich auf den Einfall
kommen, lieber ein für allemal die Gesellschaft zu retten, indem sie ihr eignes
regime als das oberste ausriefen und die bürgerliche Gesellschaft ganz von
der Sorge befreiten, sich selbst zu regieren? Kaserne und Bivuak, Säbel und
Muskete, Schnurbart und Kommißrock mußten um so mehr auf diesen
Einfall kommen, als sie dann auch beßre baare Zahlung für ihr erhöhtes
Verdienst erwarten konnten, während bei dem blos periodischen Belage-

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - II

mngszustand und den vorübergehenden Gesellschaftsrettungen im Geheiß
dieser oder jener Bourgeois-Fraktion wenig Solides abfiel außer einigen
Todten und Verwundeten und einigen freundlichen Bürgergrimassen. Sollte
das Militär nicht endlich auch einmal in seinem eignen Interesse für sein
eignes Interesse Belagerungszustand spielen und zugleich die bürgerlichen
Börsen belagern. Man vergesse übrigens nicht, im Vorbeigehn sei es bemerkt, daß Oberst Bernard, derselbe Militärkommissions-Präsident, der
unter Cavaignac 15000 Insurgenten zur Deportation ohne Urtheil verhalf,
sich in diesem Augenblick wieder an der Spitze der in Paris thätigen Militärkommissionen bewegt.

Wenn die honetten, die reinen Republikaner mit dem Belagerungszustand
in Paris die Pflanzschule anlegten, worin die Prätorianer des 2. Dezember
1851 groß wachsen sollten, verdienen sie dagegen das Lob, daß sie, statt wie
unter Louis Philippe das Nationalgefühl zu übertreiben, jetzt, wo sie über
die nationale Macht zu gebieten hatten, vielmehr darauf verzichteten und
statt Italien für sich zu erobern es von Oesterreichern und Neapolitanern
wiedererobern ließen. Louis Bonaparte's Wahl zum Präsidenten am 10. Dezember 1848 machte der Diktatur Cavaignac's und der Konstituante ein
Ende.

In §.44 der Konstitution heißt es: „der Präsident der französischen Republik darf nie seine Eigenschaft als französischer Bürger verloren haben."
Der erste Präsident der französischen Republik, L. N. Bonaparte, hatte nicht
allein seine Eigenschaft als französischer Bürger verloren, war nicht nur
englischer Spezial-Konstabler gewesen, er war sogar ein naturalisirter
Schweizer.

Ich habe an einem andern Orte die Bedeutung der Wahl vom 10. Dezember
entwickelt. Ich komme hier nicht darauf zurück. Es genügt hier zu bemerken,
daß sie eine Reaktion der Bauern, die die Kosten der Februarrevolution
hatten zahlen müssen, gegen die übrigen Klassen der Nation, eine Reaktion

des Landes gegen die Stadt war. Sie fand großen Anklang in der Armee, der
die Republikaner des „National" keinen Ruhm verschafft hatten, noch
Zulage, unter der großen Bourgeoisie, die Bonaparte als Brücke zur Monarchie, unter den Proletariern und Kleinbürgern, die ihn als Geißel für
Cavaignac begrüßten. Ich werde später Gelegenheit finden, auf das Verhältniß der Bauern zur französischen Revolution näher einzugehen.

Die Epoche vom 20. Dezember 1848 bis zur Auflösung der Konstituante
im Mai 1849 umfaßt die Geschichte des Untergangs der Bourgeois-Republikaner. Nachdem sie eine Republik für die Bourgeoisie gegründet, das
revolutionäre Proletariat von dem Terrain vertrieben und das demokratische
Kleinbürgerthum einstweilen zum Schweigen gebracht haben, werden sie
selbst von der Masse der Bourgeoisie bei Seite geschoben, die diese Republik

Karl Marx

mit Recht als ihr Eigenthum mit Beschlag belegt. Diese große Bourgeoisie
war aber royalistisch. Ein Theil derselben, die | großen Grundeigenthümer, hatte unter der Restauration geherrscht und war daher legitimistisch.
Der andre, die Finanzaristokraten und großen Industriellen hatte unter der
Julimonarchie geherrscht und war daher orleanistisch. Die Großwürdenträ-

ger der Armee, der Universität, der Kirche, des Barreau's, der Akademie und
der Presse vertheilten sich auf beide Seiten, wenn auch in verschiedener
Proportion. Hier in der bürgerlichen Republik, die weder den Namen Bourbon noch den Namen Orleans trug, sondern den Namen Kapital, hatten sie
die Staatsform gefunden, worunter sie gemeinsam herrschen konnten. Schon

die Juniinsurrektion hatte sie zur „Partei der Ordnung" vereinigt. Jetzt galt
es zunächst, die Koferie der Bourgeois-Republikaner zu beseitigen, die noch
die Sitze der Nationalversammlung inne hielt. Eben so brutal, wie diese
reinen Repubükaner dem Volke gegenüber die physische Gewalt geltend
gemacht hatten, ebenso feig, kleinlaut, muthlos, gebrochen, kampfunfähig
wichen sie jetzt zurück, wo es galt, der exekutiven Gewalt und den Royalisten gegenüber ihr Republikanerthum und ihr gesetzgeberisches Recht zu
behaupten. Ich habe hier nicht die schmähliche Geschichte ihrer Auflösung
zu erzählen. Es war ein Vergehen, kein Untergehen. Ihre Geschichte hat für

immer ausgespielt und in der folgenden Periode f iguriren sie, sei es innerhalb,

sei es außerhalb der Versammlung, nur noch als Erinnerungen, Erinnerungen, die wieder lebendig zu werden scheinen, sobald es sich wieder um den
bloßen Namen Republik handelt und so oft der revolutionäre Konflikt auf
das niedrigste Niveau herabzusinken droht. Ich bemerke im Vorbeigehn, daß
das Journal, welches dieser Partei ihren Namen gab, der „National", sich
in der folgenden Periode zum Sozialismus bekehrt.

Die Periode der Konstituirung oder Begründung der französischen Republik zerfiel also in drei Epochen: 4. Mai bis 24. Juni 1848, Kampf sämmtlicher im Februar vereinigter Klassen und Klassenzubehöre unter Anführung
der Bourgeois-Republikaner gegen das Proletariat, furchtbare Niederlage
des Proletariats; 25. Juni 1848 bis 10. Dezember 1848, Herrschaft der Bourgeois-Republikaner, Abfassung der Konstitution, Belagerungszustand von
Paris, Diktatur Cavaignac's; 20. Dezember 1848 bis Ende Mai 1849, Kampf
Bonaparte's und der Ordnungspartei mit der republikanischen Konstituante,
Niederlage derselben, Untergang der Bourgeois-Republikaner.

Ehe wir mit dieser Periode abschließen, müssen wir noch einen Rückblick
auf die beiden Mächte werfen, von denen die eine die andre am 2. Dezember
1851 vernichtet und die vom 20. Dezember 1848 bis zum Abtritte der
Konstituante in ehelichem Verhältnisse lebten. Wir meinen Louis Bonaparte
einerseits und die Partei der koalisirten Royalisten, der Ordnung, der großen
Bourgeoisie andrerseits. Beim Antritt seiner Präsidentschaft bildete Bo-

5

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - II

ñaparte sofort ein Ministerium der Partei der Ordnung, an dessen Spitze er
Odilon Barrot stellte, nota bene den alten Führer der liberalsten Fraktion der
parlamentarischen Bourgeoisie. Herr Barrot hatte endlich das Ministerium
erjagt, dessen Gespenst ihn seit 1830 verfolgte, und noch mehr, die Präsidentschaft in diesem Ministerium; aber nicht, wie er sich unter Louis
Philippe eingebildet hatte, als der avancirteste Chef der parlamentarischen
Opposition, sondern mit der Aufgabe ein Parlament todt zu machen, und als
Verbündeter mit allen seinen Erzfeinden, Jesuiten und Legitimisten. Er
führte endlich die Braut heim, aber erst nachdem sie prostituirt war. Bofiaparte selbst eklipsirte sich scheinbar vollständig. Jene Partei handelte für
ihn.

Gleich im ersten Ministerkonseil wurde die Expedition nach Rom beschlossen, die man hinter dem Rücken der Nationalversammlung auszuführen und wofür man ihr die Mittel unter falschem Vorwande zu entrei-
ßen übereinkam. So wurde begonnen mit einer Prellerei der Nationalversammlung und mit einer heimlichen Konspiration mit den absoluten Mächten
des Auslandes gegen die revolutionäre römische Republik. Bonaparte bereitete auf dieselbe Weise und durch dieselben Manöver seinen Coup vom
2. Dezember gegen die royalistische Legislative und ihre konstitutionelle
Republik vor. Vergessen wir nicht, daß dieselbe Partei, die am | 20. Dezember 1848 Bonaparte's Ministerium, am 2. Dezember 1851 die Majorität
der legislativen Nationalversammlung bildete.

Die Konstituante hatte im August beschlossen, sich nicht aufzulösen,
bevor sie nicht eine ganze Reihe organischer Gesetze, die die Konstitution
ergänzen sollten, ausgearbeitet und promulgirt habe. Die Ordnungspartei ließ
ihr durch den Repräsentanten Rateau am 6. Januar 1849 vorschlagen, die
organischen Gesetze laufen zu lassen und vielmehr ihre eigene Auflösung
zu beschließen. Nicht nur das Ministerium, Herrn Odilon Barrot an der
Spitze, sämmtliche royalistische Mitglieder der Nationalversammlung
herrschten ihr in diesem Augenblicke zu, ihre Auflösung sei nothwendig zur
Herstellung des Kredits, zur Konsolidirung der Ordnung, um dem unbestimmten Provisorium ein Ende zu machen und einen definitiven Zustand
zu gründen, sie hindre die Produktivität der neuen Regierung und suche ihr
Dasein blos aus Rancune zu fristen, das Land sei ihrer müde. Bonaparte
merkte sich alle diese Invektiven gegen die gesetzgebende Gewalt, lernte sie
auswendig und bewies den parlamentarischen Royalisten am 2. Dezember
1851, daß er von ihnen gelernt habe. Er wiederholte ihre eignen Stichworte
gegen sie.

Das Ministerium Barrot und die Ordnungspartei gingen weiter. Sie riefen

Petitionen an die Nationalversammlung in ganz Frankreich hervor, worin
diese freundlichst gebeten wurde, sich aufzulösen, zu verschwinden. So

Karl Marx

führten sie gegen die Nationalversammlung, den konstitutionell organisirten
Ausdruck des Volkes, seine unorganischen Massen in's Feuer. Sie lehrten
Bonaparte von den parlamentarischen Versammlungen an das Volk
appelliren. Endlich am 29. Januar 1849 war der Tag gekommen, an dem die
Konstituante über ihre eigne Auflösung beschließen sollte. Die National-
Versammlung fand ihr Sitzungsgebäude militärisch besetzt; Changarnier, der
General der Ordnungspartei, in dessen Händen der Oberbefehl über Nationalgarde und Linientruppen vereinigt war, hielt große Truppenschau in
Paris, als wenn eine Schlacht bevorstehe, und die koalisirten Royalisten
erklärten der Konstituante drohend, daß man Gewaltanwenden werde, wenn
sie nicht willig sei. Sie war willig und marktete sich nur noch eine ganz kurze
Lebensfrist aus. Was war der 29. Januar anders, als der Coup d'état vom
2. Dezember 1851, nur mit Bonaparte von den Royalisten gegen die republikanische Nationalversammlung ausgeführt. Die Herren bemerkten
nicht oder wollten nicht bemerken, daß Bonaparte schon den 29. Januar 1849
benutzte, um einen Theil der Truppen vor den Tuilerien an sich vorbeidefiliren zu lassen und gerade dies erste Öffentliche Aufgebot der Militärmacht gegen die parlamentarische Macht begierig aufgriff, um den
Caligula anzudeuten. Sie sahen allerdings nur ihren Changarnier.

Ein Motiv, das die Partei der Ordnung noch insbesondere bewog, die
Lebensdauer der Konstituante gewaltsam abzukürzen, waren die organischen, die Konstitution ergänzenden Gesetze, wie das Unterrichtsgesetz,
Kultusgesetz u. s.w. Den koalisirten Royalisten lag Alles daran, diese Gesetze selbst zu machen und nicht von den mißtrauisch gewordenen Republikanern machen zu lassen. Unter diesen organischen Gesetzen befand
sich indeß auch ein Gesetz über die Verantwortlichkeit des Präsidenten der
Republik. 1851 war die legislative Versammlung eben mit Abfassung eines
solchen Gesetzes beschäftigt, als Bonaparte diesem Coup durch den Coup
vom 2. Dezember zuvorkam. Was hätten die koalisirten Royalisten in ihrem
parlamentarischen Winterfeldzug von 1851 darum gegeben, wenn sie das
Verantwortlichkeitsgesetz fertig vorgefunden und zwar verfaßt von einer
mißtrauischen, gehässigen, republikanischen Versammlung.

Nachdem am 29. Januar 1849 die Konstituante ihre letzte Waffe selbst
zerbrochen hatte, hetzten das Ministerium Barrot und die Ordnungsfreunde
sie zu Tode, ließen nichts ungeschehen, was sie demüthigen konnte, und
trotzten ihrer an sich selbst verzweifelnden Schwäche Gesetze ab, die sie
den letzten Rest von Achtung bei dem Publikum verlieren ließen. Bonaparte
mit seiner fixen napoleonischen Idee beschäftigt, war keck genug, diese
Herabwürdigung der parlamentarischen Macht | öffentlich zu exploitiren.
Als nämlich die Nationalversammlung am 8. Mai 1849 dem Ministerium ein
Tadelsvotum wegen der Besetzung Civita-Vecchia's durch Oudinot ertheilte

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - I

und die römische Expedition zu ihrem angeblichen Zweck zurückzuführen
befahl, publizirte Bonaparte denselben Abend im Moniteur einen Brief an
Oudinot, worin er ihm zu seinen Heldenthaten Glück wünscht und sich schon
im Gegensatz zu den federfuchsenden Parlamentären als den großmüthigen
Protecteur der Armee geberdet. Die Royalisten lächelten dazu. Sie hielten
ihn einfach für ihren Dupe. Endlich als Marrast, der Präsident der Konstituante, einen Augenblick die Sicherheit der Nationalversammlung gefährdet glaubte und auf die Konstitution gestützt einen Oberst mit seinem
Regimenté requirirte, weigerte sich der Oberst, bezog sich auf die Disziplin
und verwies Marrast an Changarnier, der ihn höhnisch abwies mit der
Bemerkung, er liebe nicht die bayonettes intelligentes. November 1851, als
die koalisirten Royalisten den entscheidenden Kampf mit Bonaparte beginnen wollten, suchten sie in ihrer berüchtigten Qudstorenbill das Prinzip
der direkten Requisition der Truppen durch den Präsidenten der National-
Versammlung durchzusetzen und selbst zu übertreiben. Einer ihrer Generale,
Lefio, hatte den Gesetzvorschlag unterzeichnet. Vergebens stimmte Changarnier für den Vorschlag und huldigte Thiers der umsichtigen Weisheit der
ehemaligen Konstituante. Der Kriegsminister St. Arnaud antwortete ihm,
wie dem Marrast Changarnier geantwortet hatte, und— unter dem Beifallsruf
der Montagne.

So hatte die Partei der Ordnung selbst, als sie noch nicht Nationalversammlung, als sie nur noch Ministerium war, das parlamentarische Regime
gebrandmarkt. Und sie schreit auf, als der 2. Dezember 1851 es aus Frankreich verbannt!

Wir wünschen ihm glückliche Reise.

HI.

Am 28. Mai 1849 trat die gesetzgebende Nationalversammlung zusammen.
Am 2. Dezember 1851 ward sie gesprengt. Diese Periode umfaßt die Lebensdauer der konstitutionellen oder parlamentarischen Republik. Sie zerfällt in
drei Hauptepochen: 28. Mai 1849 bis 13. Juni 1849, Kampf der Demokratie
und der Bourgeoisie, Niederlage der kleinbürgerlichen oder demokratischen
Partei; — 13. Juni 1849 bis 31. Mai 1850, parlamentarische Diktatur der
Bourgeoisie, d.h. der koalisirten Orleanisten und Legitimisten oder der
Partei der Ordnung, Diktatur, die sich durch die Abschaffung des allgemeinen Wahlrechts vollendet; — 31. Mai 1850 bis zum 2. Dezember 1851,
Kampf der Bourgeoisie und Bonaparte's, Sturz der Bourgeois-Herrschaft,
Untergang der konstitutionellen oder parlamentarischen Republik.

In der ersten französischen Revolution folgt auf die Herrschaft der

Karl Marx

Konstitutionellen die Herrschaft der Girondin 's und auf die Herrschaft der
Girondin 's die Herrschaft der Jakobiner. Jede dieser Parteien stützt sich auf
die fortgeschrittenere. Sobald sie die Revolution weit genug geführt hat, um
ihr nicht mehr folgen, noch weniger ihr vorangehen zu können, wird sie von
dem kühnern Verbündeten, der hinter ihr steht, bei Seite geschoben und auf
die Guillotine geschickt. Die Revolution bewegt sich so in aufsteigender
Linie.

Umgekehrt die Revolution von 1848. Die proletarische Partei erscheint als
Anhang der kleinbürgerlich-demokratischen. Sie wird von ihr verrathen und
fallen gelassen am 16. April, am 15.Mai und in den Junitagen. Die demokratische Partei ihrerseits lehnt sich auf die Schultern der bourgeoisrepublikanischen. Die ||15] Bourgeois-Republikaner glauben kaum festzustehen, als sie den lästigen Kameraden abschütteln und sich selbst auf die
Schultern der Ordnungspartei stützen. Die Ordnungspartei zieht ihre
Schultern ein, läßt die Bourgeois-Republikaner purzeln und wirft sich selbst
auf die Schultern der bewaffneten Gewalt. Sie glaubt noch auf ihren
Schultern zu sitzen, als sie an einem schönen Morgen bemerkt, daß sich die
Schultern in Bajonette verwandelt haben. Jede Partei schlägt von hinten aus
nach der weiterdrängenden, und lehnt sich von vorn über auf die zurückdrängende. Kein Wunder, daß sie in dieser lächerlichen Positur das Gleichgewicht verliert, und, nachdem sie die unvermeidlichen Grimassen geschnitten, unter seltsamen Kapriolen zusammenstürzt. Die Revolution bewegt sich so in absteigender Linie, und sie findet sich in dieser rückgängigen
Bewegung, ehe die letzte Februar-Barrikade weggeräumt und die erste
Revolutionsbehörde constituirt ist.

Die Periode, die wir vor uns haben, umfaßt das bunteste Gemisch
schreiender Widersprüche: Konstitutionelle, die offen gegen die Konstitution konspiriren, Revolutionäre, die eingestandenermaßen konstitutionell
sind, eine Nationalversammlung, die allmächtig sein will und stets par-

lamentarisch bleibt ; eine Montagne, die im Dulden ihren Ruf findet und durch 30

die Prophezeiung künftiger Siege ihre gegenwärtigen Niederlagen parirt;
Royalisten, die die patres conscripti der Republik bilden, und durch die
Situation gezwungen werden, die feindlichen Königshäuser, denen sie anhängen, im Auslande, und die Republik, die sie hassen, in Frankreich zu
halten, eine Exekutivgewalt, die in ihrer Schwäche selbst ihre Kraft und in
der Verachtung, die sie einflößt, ihre Respektabilität findet, eine Republik,
die nichts anders ist, als die zusammengesetzte Infamie zweier Monarchien,
der Restauration und der Julimonarchie, mit einer imperialistischen Etiquette, — Verbindungen deren erste Klausel die Trennung, Kämpfe, deren
erstes Gesetz die Entscheidungslosigkeit ist, im Namen der Ruhe wüste,
inhaltslose Agitation, im Namen der Revolution feierlichstes Predigen der

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - II

Ruhe, Leidenschaften ohne Wahrheit, Wahrheiten ohne Leidenschaft,
Helden ohne Heldenthaten, Geschichte ohne Ereignisse, Entwickelung,
deren einzige Triebkraft der Kalender scheint, durch beständige Wiederholung derselben Spannungen und Abspannungen ermiidend, Gegensätze,
die sich selbst periodisch nur auf die Höhe zu treiben scheinen, um sich
abzustumpfen und zusammenzufallen, ohne sich auflösen zu können, pretentiös zur Schau getragene Anstrengungen und bürgerliche Schrecken vor
der Gefahr des Weltuntergangs und von den Weltrettern gleichzeitig die
kleinlichsten Intriguen und Hof komödien gespielt, die in ihrem Laisser aller
weniger an den jüngsten Tag als an die Zeiten der Fronde erinnern, — das
offizielle Gesammtgenie Frankreichs von der pfiffigen Dummheit eines
einzelnen Individuums zu Schanden gemacht, der Gesammtwille der Nation,
so oft er im allgemeinen Wahlrecht spricht, in den verjährten Feinden der
Masseninteressen seinen entsprechenden Ausdruck suchend, bis er ihn
endlich in dem Eigenwillen eines Flibustiers findet. Wenn irgend ein Geschichtsausschnitt grau in grau gemalt ist, so ist es dieser. Menschen und
Ereignisse erscheinen als umgekehrte Schlemihle, als Schatten, denen der
Körper abhanden gekommen ist. Die Revolution selbst paralysirt ihre eigenen Träger und stattet nur ihre Gegner mit leidenschaftlicher Gewaltsamkeit
aus. Wenn das „rothe Gespenst" von den Kontrerevolutionären beständig
geweckt, heraufbeschworen und gebannt, endlich erscheint, so erscheint es
nicht mit anarchischer Phrygiermütze auf dem Kopfe, sondern in der Uniform der Ordnung, in rothen Plumphosen.
Wir haben gesehen: das Ministerium, das Bonaparte am 20. Dezember
1848, am Tage seiner Himmelfahrt installirte, war ein Ministerium der Ordnungspartei, der legitimistischen und orleanistischen Koalition. Dies Ministerium Barrot-Falloux hatte die republikanische Konstituante, deren Lebensdauer es mehr oder minder gewaltsam abkürzte, überwintert und befand
sich noch am Ruder. Changarnier, der General der verbündeten Royalisten,
vereinigte fortwährend in seiner Person das Generalkommando der ersten
Militärdivision und der Pariser Nationalgarden, und die allgemeinen Wahlen
endlich hatten der Ordnungspartei die große Majorität in | der Nationalversammlung gesichert. Hier trafen die Deputirten und Pairs Louis Philipp's
zusammen, mit einer heiligen Schaar von Legitimisten, die aus ihrem Versteck hervortraten, nachdem zahlreiche Wahlzettel der Nation sich für sie
in Eintrittskarten auf die politische Bühne verwandelt hatten. Die bonapartistischen Volksrepräsentanten waren zu dünne gesäet, um eine selbstständige parlamentarische Partei bilden zu können. Sie waren hinreichend
vorhanden, um bei einer allgemeinen Musterung gegen die republikanischen
Streitkräfte als Ziffern zu zählen. Sie erschienen nur als mauvaise queue der
Ordnungspartei. So war die Ordnungspartei im Besitz der Regierungsgewalt,

Karl Marx

der Armee und des gesetzgebenden Körpers, kurz: der Gesammtmacht des
Staats, moralisch gekräftigt durch die allgemeinen Wahlen, die ihre Herrschaft als den Willen des Volkes erscheinen ließen, und durch den gleichzeitigen Sieg der Kontrerevolution auf dem gesammten europäischen
Kontinent.

Nie eröffnete eine Partei mit größern Mitteln und unter günstigem Auspicien ihren Feldzug.

Die schiffbrüchigen reinen Republikaner fanden sich in der gesetzgebenden Nationalversammlung auf eine Klique von ungefähr 50 Mann zusammengeschmolzen, an ihrer Spitze die afrikanischen Generale Cavaignac,
Lamoriciere, Bedeau. Die große Oppositionspartei aber wurde gebildet
durch die Montagne. Diesen parlamentarischen Taufnamen hatte sich die
sozial-demokratische Partei gegeben. Sie verfügte über mehr als 200 Stimmen von den 750 Stimmen der Nationalversammlung und war daher wenigstens eben so mächtig als irgend eine der drei Fraktionen der Ordnungspartei für sich genommen. Ihre relative Minorität gegen die gesammte royalistische Koalition schien durch besondere Umstände aufgewogen. Nicht
nur zeigten die Departementswahlen, daß sie einen bedeutenden Anhang
unter der Landbevölkerung gewonnen hatte. Sie zählte beinahe alle Deputirten von Paris unter sich, die Armee hatte durch die Wahl von drei
Unteroffizieren ein demokratisches Glaubensbekenntniß abgelegt und der
Chef der Montagne, Ledru-Roflin, war im Unterschiede von allen Repräsentanten der Ordnungspartei in den parlamentarischen Adelsstand erhoben
durch fünf Departements, die ihre Stimmen auf ihn vereinigt hatten. Die
Montagne schien also am 29. Mai 1849, bei den unvermeidlichen Kollisionen
der Royalisten unter sich und der gesammten Ordnungspartei mit Bonaparte,
alle Elemente des Erfolgs vor sich zu haben. Vierzehn Tage später hatte sie
alles verloren, die Ehre eingerechnet.

Ehe wir der parlamentarischen Geschichte weiter folgen, sind einige
Bemerkungen nöthig, um gewöhnliche Täuschungen über den ganzen
Charakter der Epoche, die uns vorliegt, zu vermeiden. In der demokratischen
Manier zu sehen, handelte es sich während der Periode der gesetzgebenden
Nationalversammlung, um was es sich in der Periode der konstituirenden
handelte, um den einfachen Kampf zwischen Republikanern und Royalisten.
Die Bewegung selbst aber fassen sie in Ein Stichwort zusammen: „Reaktion", Nacht, worin alle Katzen grau sind und die ihnen erlaubt, ihre nachtwächterlichen Gemeinplätze abzuleiern. Und allerdings, auf den ersten Blick
zeigt die Ordnungspartei einen Knäuel von verschiedenen royalistischen
Fraktionen, die nicht nur gegen einander intriguiren, um jede ihren eigenen
Prätendenten auf den Thron zu erheben und den Prätendenten der Gegenpartei auszuschließen, sondern, die sich alle vereinigen in gemeinschaft-

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte: M

lichem Haß und gemeinschaftlichen Angriffen gegen die „Republik". Die
Montagne ihrerseits erscheint im Gegensatze zu dieser royalistischen
Konspiration als Vertreterin der „Republik". Die Ordnungspartei erscheint
beständig beschäftigt mit einer „Reaktion", die sich nicht mehr nicht minder
wie in Oesterreich gegen die Presse, Assoziation u. dgl. richtet, und in brutalen Polizeieinmischungen der Bureaukratie, der Gensdarmerie und der
Parkette sich vollstreckt wie in Oesterreich. Die „Montagne" ihrerseits
wieder ist ebenso fortwährend beschäftigt, diese Angriffe abzuwehren und
so die „ewigen Menschenrechte" zu vertheidigen, wie jede sogenannte
Volkspartei mehr oder minder seit anderthalb Jahrhunderten gethan hat. Vor
einer nähern Betrachtung der Situation und der Parteien verschwindet indeß
dieser oberflächliche Schein, der den Klas\/”senkampf\nd die eigenthümliche Physiognomie dieser Periode verschleiert und sie so zu einer schatzhaltigen Mine für kannegießernde Politiker und republikanische Gesinnungsmanner macht.

Legitimisten und Orleanisten bildeten, wie gesagt, die zwei großen Fraktionen der Ordnungspartei. Was diese Fraktionen an ihren Prätendenten
festhielt, und sie wechselseitig auseinander hielt, war es nichts Andres, als
Lilie und Trikolore, Haus Bourbon und Haus Orléans, verschiedene
Schattirungen des Royalismus, war es überhaupt das Glaubensbekenntniß
des Royalismus? Unter den Bourbonen hatte das große Grundeigenthum
regiert mit seinen Pfaffen und Lakaien, unter den Orléans die hohe Finanz,
die große Industrie, der große Handel, d.h. das Kapital mit seinem Gefolge
von Advokaten, Professoren und Schönrednern. Das legitime Königthum
war blos der politische Ausdruck für die angestammte Herrschaft der Herren
von Grund und Boden, wie die Julimonarchie nur der politische Ausdruck
für die usurpirte Herrschaft der bürgerlichen Parvenues. Was also diese
Fraktionen auseinander hielt, es waren keine sogenannten Prinzipien, es
waren ihre materiellen Existenzbedingungen, zwei verschiedene Arten des
Eigenthums, es war der alte Gegensatz von Stadt und Land, die Rivalität
zwischen Kapital und Grundeigenthum. Daß gleichzeitig alte Erinnerungen,
persönliche Feindschaften, Befürchtungen und Hoffnungen, Vorurtheile
und Illusionen, Sympathien und Antipathien, Ueberzeugungen, Glaubensartikel und Prinzipien sie an das eine oder das andre Königshaus band, wer
leugnet es? Auf den verschiedenen Formen des Eigenthums, der sozialen
Existenzbedingungen, erhebt sich ein ganzer Ueberbau verschiedener und
eigenthürnlich gestalteter Empfindungen, Illusionen, Denkweisen und Lebensanschauungen. Die ganze Klasse schafft und gestaltet sie aus ihren
materiellen Grundlagen heraus und aus den gesellschaftlichen Verhältnissen,
die ihnen entsprechen. Das einzelne Individuum, dem sie durch Tradition
und Erziehung zufließen, kann sich einbilden, daß sie die eigentlichen Be-

Karl Marx

stünmungsgründe und den Ausgangspunkt seines Handelns bilden. Wie
Orleanisten, Legitimisten jede Fraktion sich selbst und der andern vorzureden suchte, daß die Anhänglichkeit an ihre zwei Königshäuser sie
trennte, so bewies später die Thatsache, daß vielmehr ihr gespaltenes Interesse die Vereinigung der zwei Königshäuser verbot. Und wie man im Privatleben unterscheidet zwischen dem, was ein Mensch von sich meint und sagt,
und dem, was er wirklich ist und thut, so muß man noch mehr in geschichtlichen Kämpfen die Phrasen und Einbildungen der Parteien von ihrer wirklichen Organisation und ihren wirklichen Interessen, ihre Vorstellung von
ihrer Realität unterscheiden. Orleanisten und Legitimisten fanden sich in der
Republik neben einander mit gleichen Ansprüchen. Wenn jede Seite gegen
die andre die Restauration ihres eignen Königshauses durchsetzen wollte,
so hieß das nichts Andres, als daß die zwei großen Interessen, worin die
Bourgeoisie sich spaltet — Grundeigenthum und Kapital — jedes seine eigne
Suprematie und die Unterordnung der andern zu restauriren suchte. Wir
sprechen von zwei Interessen der Bourgeoisie, denn das große Grundeigenthum, trotz seiner feudalen Koketterie und seines Racenstolzes war
durch die Entwicklung der modernen Gesellschaft vollständig verbürgerlicht. So haben die Tories in England sich lange eingebildet, daß sie für' das
Königthum, die Kirche und die Schönheiten der altenglischen Verfassung
schwärmten, bis der Tag der Gefahr ihnen das Geständniß entriß, daß sie
nur für die Grundrente schwärmen.

Die koalisirten Royalisten spielten ihre Intrigue gegen einander in der
Presse, in Ems, in Claremont, außerhalb des Parlaments. Hinter den Coulissen zogen sie ihre alten orleanistischen und legitimistischen Livreen wieder
an und führten ihre alten Turniere wieder auf. Aber auf der öffentlichen
Bühne, in ihren Haupt- und Staatsaktionen, als große parlamentarische
Partei, fertigten sie ihre respektiven Königshäuser mit bloßen Reverenzen
ab, vertagten die Restauration der Monarchie in infinitum und verrichteten
ihr wirkliches Geschäft als Partei der Ordnung, d. h. unter einem gesellschaftlichen nicht unter einem politischen Titel, | als Vertreter der bürgerlichen
Weltordnung, nicht als Ritter fahrender Prinzessinnen, als Bourgeoisklasse
gegenüber andern Klassen, nicht als Royalisten gegenüber den Republikanern. Und als Partei der Ordnung haben sie eine unumschränktere und
härtere Herrschaft über die andern Klassen der Gesellschaft ausgeübt, als
sie je weder unter der Restauration noch unter der Julimonarchie vermochten, wie sie überhaupt nur unter der Form der parlamentarischen Republik
möglich war, denn nur unter dieser Form konnten die zwei großen Abtheilungen der französischen Bourgeoisie sich vereinigen und die Herrschaft
ihrer Klasse statt des Regimes einer privilegirten Fraktion derselben auf die
Tagesordnung setzen. Wenn sie trotzdem auch als Partei der Ordnung die

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - M

Republik insultiren und ihren Widerwillen gegen sie aussprechen, so geschieht es nicht nur aus royalistischer Erinnerung, sondern aus dem Instinkt,
daß die republikanische Form zwar ihre politische Herrschaft vollendet und
ihr allen fremden Schein abstreift, aber zugleich deren gesellschaftliche
Grundlage unterwühlt, indem sie nun ohne Vermittlung, ohne den Versteck
der Krone, ohne das nationale Interesse durch ihre unterordneten Kämpfe
unter einander und mit dem Königthum ableiten zu Können, den unterjochten
Klassen gegenüberstehen und mit ihnen ringen müssen. Es geschieht aus
Schwäche, die sie vor den reinen Bedingungen ihrer eignen Klassenherrschaft zurückbeben und sich nach den unvollständigem, unentwickelteren
und eben darum gefahrloseren Formen derselben zurücksehnen läßt. So oft
die koalisirten Royalisten dagegen in Konflikt mit dem Prätendenten gerathen, der ihnen gegenübersteht, mit Bonaparte, so oft sie ihre parlamentarische Allmacht von der Exekutivgewalt gefährdet glauben, so oft sie
also den politischen Titel ihrer Herrschaft herauskehren müssen, treten
sie als Republikaner auf und nicht als Royalisten, von dem Orleanisten
Thiers, der der Nationalversammlung zuruft, daß die Republik sie am wenigsten trenne, bis auf den Legitimisten Berryer, der am 2. Dezember 1851
die dreifarbige Schärpe umgewunden, das vor dem Mairiegebäude des zehnten Arondissements versammelte Volk als Tribun im Namen der Republik haranguirt. Allerdings ruft ihm das Echo spottend zurück: Henri V.!
Henri V.!

Der koalisirten Bourgeoisie gegenüber hatte sich eine Koalition zwischen
Kleinbürgern und Arbeitern gebildet, die sogenannte sozial-demokratische

25 Partei. Die Kleinbürger sahen sich nach den Junitagen 1848 schlecht belohnt,

ihre materiellen Interessen gefährdet und die demokratischen Garantien, die
ihnen die Geltendmachung dieser Interessen sichern sollten, von der
Kontrerevolution in Frage gestellt. Sie näherten sich daher den Arbeitern.
Ihre parlamentarische Repräsentation andrerseits, die Montagne, während
der Diktatur der Bourgeois-Republikaner bei Seite geschoben, hatte in der
letzten Lebenshälfte der Konstituante durch den Kampf mit Bonaparte und
den royalistischen Ministern ihre verlorne Popularität wiedererobert. Sie
hatte mit den sozialistischen Führern eine Allianz geschlossen. Februar 1849
waren Versöhnungs-Banquette gefeiert worden. Ein gemeinschaftliches
Programm wurde entworfen, gemeinschaftliche Wahlkomités wurden gestiftet und gemeinschaftliche Kandidaten aufgestellt. Den sozialen Forderungen des Proletariats wurde die revolutionäre Pointe abgebrochen und eine
demokratische Wendung gegeben, den demokratischen Ansprüchen des
Kleinbürgerthums wurde die blos politische Form abgestreift und ihre sozialistische Pointe herausgekehrt. So entstand die Sozial-Demokratie. Die
neue Montagne, das Ergebniß dieser Kombination, enthielt, einige Figuran-

Karl Marx

ten aus der Arbeiterklasse und einige sozialistische Sektirer abgerechnet,
dieselben Elemente wie die alte Montagne, nur numerisch stärker. Aber im
Laufe der Entwickelung hatte sie sich verändert mit der Klasse, die sie
vertrat. Der eigenthümliche Charakter der Sozial-DemokratiefaBt sich dahin
zusammen, daß demokratisch-republikanische Institutionen als Mittel verlangt werden, nicht um zwei Extreme, Kapital und Lohnarbeit, beide aufzuheben, sondern um ihren Gegensatz abzuschwächen und in Harmonie zu
verwandeln. Wie verschiedene Maßregeln zur Erreichung dieses Zweckes
vorgeschlagen werden mögen, wie sehr er mit mehr oder minder revolutionären Vorstellungen sich verbrämen mag, | der Inhalt bleibt derselbe.
Dieser Inhalt ist die Umänderung der Gesellschaft auf demokratischem
Wege, aber eine Umänderung innerhalb der Grenzen des Kleinbürgerthums.
Man muß sich nur nicht die bornirte Vorstellung machen, als wenn das
Kleinbürgerthum prinzipiell ein egoistisches Klasseninteresse durchsetzen
wolle. Es glaubt vielmehr, daß die besondern Bedingungen seiner Befreiung
die allgemeinen Bedingungen sind, innerhalb deren allein die moderne
Gesellschaft gerettet und der Klassenkampf vermieden werden kann. Man
muß sich ebensowenig vorstellen, daß die demokratischen Repräsentanten
nun alle shopkeepers sind oder für dieselben schwärmen. Sie können ihrer
Bildung und ihrer individuellen Lage nach himmelweit von ihnen getrennt
sein. Was sie zu Vertretern des Kleinbürgers macht, ist, daß sie im Kopfe
nicht über die Schranken hinauskommen, worüber jener nicht im Leben
hinauskommt, daß sie daher zu denselben Aufgaben und Lösungen theoretisch getrieben werden, wohin jenen das materielle Interesse und die gesellschaftliche Lage praktisch treiben. Dies istüberhaupt das Verhältniß der
politischen und literarischen Vertreter einer Klasse zu der Klasse, die sie
vertreten.

Nach der gegebenen Auseinandersetzung versteht sich von selbst, daß,
wenn die Montagne mit der Ordnungspartei fortwährend um die Republik
und die sogenannten Menschenrechte ringt, weder die Republik noch die
Menschenrechte ihr letzter Zweck sind, so wenig wie eine Armee, die man
ihrer Waffen berauben will und die sich zur Wehr setzt, auf den Kampfplatz
getreten ist, um sich den Besitz ihrer eignen Waffen zu sichern.

Die Partei der Ordnung provozirte gleich beim Zusammentritte der Nationalversammlung die Montagne. Die Bourgeoisie fühlte jetzt die
Nothwendigkeit, mit den demokratischen Kleinbürgern fertig zu werden, wie
sie ein Jahr vorher die Nothwendigkeit begriffen hatte, mit dem revolutionären Proletariat zu enden. Nur war die Situation des Gegners eine verschiedene. Die Stärke der proletarischen Partei war auf der Straße, die der
Kleinbürger in der Nationalversammlung selbst. Es galt also, sie aus der
Nationalversammlung auf die Straße zu locken und sie selbst ihre par-

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte II

lamentarische Macht zerbrechen zu lassen, ehe Zeit und Gelegenheit sie
konsolidiren konnte. Die Montagne sprengt mit verhängtem Zügel in die
Falle.

Das Bombardement Rom's durch die französischen Truppen war der
Köder, der ihnen hingeworfen wurde. Es verletzte Artikel V der Konstitution, der der französischen Republik untersagt, ihre Streitkräfte gegen die
Freiheiten eines andern Volks zu verwenden. Zudem verbot auch Artikel IV
jede Kriegserklärung von Seiten der Exekutivgewalt ohne Zustimmung der
Nationalversammlung, und die Konstituante hatte durch ihren Beschluß vom
8. Mai die römische Expedition gemißbilligt. Auf diese Gründe hin deponirte
Ledru-Rollin am 11. Juni 1849 einen Anklageakt gegen Bonaparte und seine
Minister und, durch die Wespenstiche von Thiers aufgereizt, ließ er sich zu
der Drohung fortreißen, die Konstitution mit allen Mitteln vertheidigen zu
wollen, selbst mit den Waffen in der Hand. Die Montagne erhob sich wie
Ein Mann und wiederholte diesen Waffenruf. Am 12.Juni verwarf die
Nationalversammlung den Anklageakt und die Montagne verließ das Parlament. Die Ereignisse des 13. Juni sind bekannt: die Proklamation eines
Theils der Montagne, wodurch Bonaparte und seine Minister „außerhalb der
Konstitution" erklärt wurden; die Straßenprozession der demokratischen

20 Nationalgarden, die waffenlos, wie sie waren, bei dem Zusammentreffen mit

den Truppen Changarnier's auseinander stoben u. s. w. u. s. w. Ein Theil der
Montagne flüchtete in's Ausland, ein anderer wurde dem Hochgerichte in
Bourges überwiesen, und ein parlamentarisches Reglement unterwarf den
Rest der schulmeisterlichen Aufsicht des Präsidenten der Nationalversammlung. Paris wurde wieder in Belagerungszustand versetzt und der demokratische Theil seiner Nationalgarde aufgelés't. So war der Einfluß der Montagne im Parlamente und die Macht der Kleinbürger in Paris gebrochen.

Lyon, wo der 13. Juni das Signal zu einem blutigen Arbeiterauf stände
gegeben hatte, wurde mit den fünf umliegenden Departements ebenfalls in
Belagerungszustand erklärt, ein Zustand, der bis auf diesen Augenblick
fortdauert. |

 Das Gros der Montagne hatte seine Avantgarde im Stiche gelassen,
indem es ihrer Proklamation die Unterschriften verweigerte. Die Presse war
desertirt, indem nur zwei Journale das Pronunziamento zu veröffentlichen

35 wagten. Die Kleinbürger verriethen ihre Repräsentanten indem die National-

garden ausblieben oder wo sie erschienen, den Barrikadenbau verhinderten.
Die Repräsentanten hatten die Kleinbürger dupirt, indem die angeblichen
Affiliirten von der Armee nirgends zu erblicken waren. Endlich, statt von
ihm Kraftzuschuß zu gewinnen, hatte die demokratische Partei das Proletariat mit ihrer eignen Schwäche angesteckt, und, wie gewöhnlich bei
demokratischen Hochthaten, hatten die Führer die Genugthuung, ihr „Volk"

Karl Marx

der Desertion und das Volk die Genugthuung, seine Führer der Prellerei
beschuldigen zu können.

Selten war eine Aktion mit größerem Geräusch verkündet worden, als der
bevorstehende Feldzug der Montagne, selten ein Ereigniß mit mehr Sicherheit und länger vorher austrompetet, als der unvermeidliche Sieg der Demokratie. Ganz gewiß: die Demokraten glauben an die Posaunen, vor deren
Stößen die Mauern Jericho's einstürzten. Und so oft sie den Wällen des
Despotismus gegenüberstehen, suchen sie das Wunder nachzumachen.
Wenn die Montagne im Parlamente siegen wollte, durfte sie nicht zu den
Waffen rufen. Wenn sie im Parlamente zu den Waffen rief, durfte sie sich
auf der Straße nicht parlamentarisch verhalten. Wenn die friedliche Demonstration ernst gemeint war, so war es albern, nicht vorherzusehen, daß
sie kriegerisch empfangen werden würde. Wenn es auf den wirklichen
Kampf abgesehen war, so war es originell, die Waffen abzulegen, mit denen
er geführt werden mußte. Aber die revolutionären Drohungen der Kleinbürger und ihrer demokratischen Vertreter sind bloße Einschüchterungsversuche des Gegners. Und wenn sie sich in eine Sackgasse verrannt, wenn
sie sich hinlänglich kompromittirt haben, um zur Ausführung ihrer Drohungen gezwungen zu sein, so geschieht es in einer zweideutigen Weise, die
nichts mehr vermeidet als die Mittel zum Zwecke und nach Vorwänden zum
Unterliegen hascht. Die schmetternde Ouverture, die den Kampf verkündete, verliert sich in ein kleinlautes Knurren, sobald er beginnen soll, die
Schauspieler hören auf sich au sérieux zu nehmen und die Handlung fällt
platt zusammen, wie ein luftgefüllter Ballon, den man mit einer Nadel
pickt.

Keine Partei übertreibt sich mehr ihre Mittel, als die demokratische, keine
täuscht sich leichtsinniger über die Situation. Wenn ein Theil der Armee für
sie gestimmt hatte, war die Montagne nun auch überzeugt, daß die Armee
für sie revoltiren werde. Und bei welchem Anlasse? Bei einem Anlasse, der
vom Standpunkte der Truppen keinen andern Sinn hatte, als daß die Revolutionäre für die römischen Soldaten gegen die französischen Soldaten
Partei ergriffen. Von den Arbeitern mußte die Montagne wissen, daß die
Erinnerungen an den Juni 1848 noch zu frisch waren, als daß nicht eine tiefe
Abneigung des Proletariats gegen die Nationalgarde und ein durchgreifendes
Mißtrauen der Chefs der geheimen Gesellschaften gegen die demokratischen
Chefs existiren mußten. Um diese Differenzen auszugleichen, dazu bedurfte
es großer gemeinschaftlicher Interessen, die auf dem Spiele standen. Die
Verletzung eines abstrakten Verfassungsparagraphen konnte das Interesse
nicht bieten. War die Verfassung nicht schon wiederholt verletzt worden
nach der Versicherung der Demokraten selbst? Hatten die populärsten
Journale sie nicht als ein kontrerevolutionäres Machwerk gebrandmarkt?

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - M

Aber der Demokrat, weil er das Kleinbiirgerthum vertritt, also eine
Uebergangsklasse, worin die Interessen zweier Klassen sich zugleich abstumpfen, dünkt sich über den Klassengegensatz überhaupt erhaben. Die
Demokraten geben zu, daß eine privilegirte Klasse ihnen gegenübersteht,
aber sie mit der ganzen übrigen Umgebung der Nation bilden das Volk. Was
sie vertreten, ist das Volksrecht; was sie interessirt, ist das Volksinteresse.
Sie brauchen daher bei einem bevorstehenden Kampfe die Interessen und
Stellungen der verschiedenen Klassen nicht zu prüfen. Sie brauchen ihre
eignen Mittel nicht allzu bedenklich abzuwägen. Sie haben eben nur das

1 o Signal zu geben, damit das Vo7imit allen seinen unerschöpflichen Resourcen

über | die Dränger herfalle. Stellen sich nun in der Ausführung ihre
Interessen als uninteressant und ihre Macht als Ohnmacht heraus, so liegt
das entweder an verderblichen Sophisten, die das untheilbare Volk in verschiedene feindliche Lager spalten, oder die Armee war zu verthiert und zu
verblendet, um die reinen Zwecke der Demokratie als ihr eignes Beste zu
begreifen, oder an einem Detail der Ausführung ist das Ganze gescheitert,
oder aber ein unvorhergesehener Zufall hat für diesmal die Partie vereitelt.
Jedenfalls geht der Demokrat eben so makellos aus der schmählichsten
Niederlage heraus, wie er unschuldig in sie hineingegangen ist, mit der
neugewonnenen Ueberzeugung, daß er siegen muß, nicht daß er selbst und
seine Partei den alten Standpunkt aufzugeben, sondern umgekehrt, daß die
Verhältnisse ihm entgegenzureifen haben.
Man muß sich daher die dezimirte, gebrochene und durch das neue parlamentarische Reglement gedemüthigte Montagne nicht gar zu unglücklich
vorstellen. Die Diäten und die offizielle Stellung waren für viele derselben
ein täglich neuer Quell des Trostes. Wenn der 13. Juni die Chefs beseitigt
hatte, so machte er andrerseits ihren Platz untergeordneteren Kapazitäten
zugänglich, denen diese neue Stellung schmeichelte. Wenn ihre Machtlosigkeit im Parlamente nicht mehr bezweifelt werden konnte, so waren sie nun
auch berechtigt, ihre That auf Ausbrüche sittlicher Entrüstung und polternder Deklamationen zu beschränken. Wenn die Ordnungspartei in ihnen als
den letzten offiziellen Repräsentanten der Revolution alle Schrecken der
Anarchie verkörpert zu sehen vorgab, so konnten sie in der Wirklichkeit
desto platter und bescheidener sein. Ueber den 13. Juni aber vertrösteten
sie sich mit der tiefen Wendung: Aber wenn man das allgemeine Wahlrecht
anzugreifen wagt, aber dann! Dann werden wir zeigen, wer wir sind. Nous
verrons.
Was die in's Ausland geflüchteten Montagnards betrifft, so genügt es hier
zu bemerken, daß Ledru-Rollin, weil es ihm gelungen war, in kaum zwei
Wochen die mächtige Partei, an deren Spitze er stand, rettungslos zu ruiniren,
sich nun berufen fand, eine französische Regierung in partibus zu bilden, daß

Karl Marx

seine Figur, in der Ferne, vom Boden der Aktion weggehoben, im Maßstab
als das Niveau der Revolution sank und die offiziellen Größen des offiziellen
Frankreichs zwerghafter wurden, an Größe zu wachsen schien, daß er als
republikanischer Prätendent für 1852 figuriren konnte, daß er periodische
Rundschreiben an die Wallachen und andere Völker erließ, worin den
Despoten des Kontinents mit seinen und seiner Verbündeten Thaten gedroht
wird. Hatte Proudhon ganz Unrecht, wenn er diesen Herren zurief: „Vous
n'êtes que des blagueurs?"

Die Ordnungspartei hatte am 13. Juni nicht nur die Montagne gebrochen,
sie hatte die Unterordnung der Konstitution unter die Majoritätsbeschlüsse
der Nationalversammlung durchgesetzt. Und so verstand sie die Republik.
Daß die Bourgeoisie hier in parlamentarischen Formen herrsche, ohne wie
in der Monarchie an dem Veto der Exekutivgewaltoder an der Auflösbarkeit
des Parlaments eine Schranke zu finden. Das war die parlamentarische
Republik, wie Thiers sie nannte. Aber wenn die Bourgeoisie am 13. Juni ihre
Allmacht innerhalb des Parlamentsgebäudes sicherte, schlug sie nicht das
Parlament selbst der Exekutivgewalt und dem Volke gegenüber mit unheilbarer Schwäche, indem sie den populärsten Theil desselben ausstieß? Indem
sie zahlreiche Deputirte ohne weitere Ceremonien den Requisitionen der
Parkette preisgab, hob sie ihre eigne parlamentarische Unverletzlichkeit auf.
Das demüthigende Reglement, dem sie die Montagne unterwarf, erhöhte in
demselben Maße den Präsidenten der Republik, als es den einzelnen Repräsentanten des Volks herabdrückte. Indem sie die Insurrektion zur Behauptung der konstitutionellen Verfassung als anarchische, auf den Umsturz
der Gesellschaft abzweckende That verdammte, verbot sie sich selbst den
Appell an die Insurrektion, sobald die Exekutivgewalt ihr gegenüber die
Verfassung verletzen würde. Die Ironie der Geschichte wollte, daß der
General, der im Auftrage | Bonaparte's Rom bombardirt, und so den
unmittelbaren Anlaß zu der konstitutionellen Erneute vom 13. Juni gegeben
hatte, daß Oudinot am 2. Dezember 1851 dem Volke vonder Ordnungspartei
flehentlich und vergeblich als General der Konstitution gegen Bonaparte
angeboten werden mußte. Ein anderer Held des 13. Juni, Vieyra, der von der
Tribüne der Nationalversammlung Lob einärndtete für die Brutalitäten, die
er in demokratischen Zeitungslokalen an der Spitze einer der hohen Finanz
angehörigen Rotte von Nationalgarden verübt hatte, dieser selbe Vieyra war
in die Verschwörung Bonaparte's eingeweiht und trug wesentlich dazu bei,
in ihrer Todesstunde der Nationalversammlung jeden Schutz von Seiten der
Nationalgarde abzuschneiden.

Der 13. Junihatte noch einen andern Sinn. Die Montagne hatte Bonaparte's
Versetzung in Anklagezustand ertrotzen wollen. Ihre Niederlage war also
ein direkter Sieg Bonaparte's, sein persönlicher Triumph über seine qe-

i 28

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte M

mokratischen Feinde. Die Partei der Ordnung erfocht den Sieg, Bonaparte
hatte ihn nur einzukassiren. Er that es. Am 14. Juni war eine Proklamation
an den Mauern von Paris zu lesen, worin der Präsident, gleichsam ohne sein
Zuthun, widerstrebend, durch die bloße Macht der Ereignisse gezwungen aus
seiner klösterlichen Abgeschiedenheit hervortritt, als verkannte Tugend über
die Verläumdungen seiner Widersacher klagt und während er seine Person
mit der Sache der Ordnung zu identif iziren scheint, vielmehr die Sache der
Ordnung mit seiner Person identif izirt. Zudem hatte die Nationalversammlung die Expedition gegen Rom zwar nachträglich gebilligt, aber Bonaparte
hatte die Initiative dazu ergriffen. Nachdem er den Hohepriester Samuel in
den Vatikan wieder eingeführt, konnte er hoffen, als König David wieder
die Tuilerien zu beziehen. Er hatte die Pfaffen gewonnen.

Die Emeute vom 13.Juni beschränkte sich, wie wir gesehen, auf eine
friedliche Straßenprozession. Es waren also keine kriegerischen Lorbeeren
gegen sie zu gewinnen. Nichts desto weniger, in dieser Helden- und Ereignißarmen Zeit verwandelte die Ordnungspartei diese Schlacht ohne Blutvergießen in ein zweites Austerlitz. Tribüne und Presse priesen die Armee als
die Macht der Ordnung gegenüber den Volksmassen als der Ohnmacht der
Anarchie und den Changarnier als das „Bollwerk der Gesellschaft". Mystifikation, an die er schließlich selbst glaubte. Unter der Hand aber wurden
die Korps, die zweideutig schienen, aus Paris verlegt, die Regimenter, deren
Wahlen am demokratischsten ausgefallen waren, aus Frankreich nach Algier
verbannt, die unruhigen Köpfe unter den Truppen in Strafabtheilungen
verwiesen, endlich die Absperrung der Presse von der Kaserne und der
Kaserne von der bürgerlichen Gesellschaft systematisch durchgeführt.

Wir sind hier bei dem entscheidenden Wendepunkte in der Geschichte der
französischen Nationalgarde angelangt. 1830 hatte sie den Sturz der Restauration entschieden. Unter Louis Philippe mißglückte jede Emeute, worin die
Nationalgarde auf Seite der Truppen stand. Als sie in den Februartagen 1848
sich passiv gegen den Aufstand und zweideutig gegen Louis Philippe zeigte,
gab er sich verloren und war er verloren. So hatte die Ueberzeugung Wurzel
geschlagen, daß die Revolution nicht ohne, und die Armee nicht gegen die
Nationalgarde siegen könne. Es war dies der Aberglaube der Armee an die
bürgerliche Allmacht. Die Junitage 1848, wo die gesammte Nationalgarde mit
den Linientruppen die Insurrektion niederwarf, hatten den Aberglauben
befestigt. Nach Bonaparte's Regierungsantritt sank die Stellung der Nationalgarde einigermaßen durch die konstitutionswidrige Vereinigung ihres
Kommandos mit dem Kommando der ersten Militärdivision in der Person
Changarnier's.

Wie das Kommando über sie hier als ein Attribut des militärischen Oberbefehlshabers erschien, so sie selbst nur noch als Anhang der Linientruppen.

Karl Marx

Am 13.Juni endlich wurde sie gebrochen: Nicht nur durch die theilweise
Auflösung der Nationalgarde, die sich seit dieser Zeit periodisch an allen
Punkten Frankreichs wiederholte und nur Trümmer von ihr zurückließ. Die
Demonstration | des 13.Juni war vor Allem eine Demonstration der
demokratischen Nationalgarden. Sie hatten zwar nicht ihre Waffen, wohl
aber ihre Uniformen der Armee gegenübergeführt, aber gerade in dieser
Uniform saß der Talisman. Die Armee überzeugte sich, daß diese Uniform
ein wollener Lappen wie ein andrer war. Der Zauber ging verloren. In den
Junitagen 1848 waren Bourgeoisie und Kleinbürgerthum als Nationalgarde
mit der Armee gegen das Proletariat vereinigt, am 13.Juni 1849 ließ die
Bourgeoisie die kleinbürgerliche Nationalgarde von der Armee auseinander
sprengen, am 2. Dezember 1851 war die Nationalgarde der Bourgeoisie selbst
verschwunden und Bonaparte konstatirte nur dies Faktum, als er nachträglich ihr Auflösungsdekret unterschrieb. So hatte die Bourgeoisie selbst ihre

letzte Waffe gegen die Armee zerbrochen, aber sie mußte sie zerbrechen von 15

dem Augenblicke, wo das Kleinbürgerthum nicht mehr als Vasall hinter ihr,
sondern als Rebell vor ihr stand, wie sie überhaupt alle ihre Vertheidigungsmittel gegen den Absolutismus mit eigner Hand zerstören mußte, sobald sie
selbst absolut geworden war.

Die Ordnungspartei feierte unterdeß in der Nationalversammlung die
Wiedereroberung einer Macht, die 1848 nur verloren schien, um 1849 von
ihren Schranken befreit wiedergefunden zu werden, durch Invektiven gegen
die Republik und die Konstitution, durch Verfluchung aller zukünftigen,
gegenwärtigen und vergangenen Revolutionen, die eingerechnet, welche ihre
eignen Führer gemacht hatten, und in Gesetzen, wodurch die Presse geknebelt, die Assoziation vernichtet und der Belagerungszustand als organisches Institut regulirt wurde. Die Nationalversammlung vertagte sich dann
von Mitte August bis Mitte Oktober, nachdem sie eine Permanenzkommission für die Zeit ihrer Abwesenheit ernannt hatte. Während dieser Ferien
intriguirten die Legitimisten mit Ems, die Orleanisten mit Claremont, Bofaparte durch prinzliche Rundreisen und die Departementalräthe in Berathungen über die Revision der Verfassung, — Vorfälle, die in den periodischen Ferien der Nationalversammlung regelmäßig wiederkehren und auf
die ich erst eingehen will, sobald sie zu Ereignissen werden. Hier sei nur noch
bemerkt, daß die Nationalversammlung unpolitisch handelte, als sie für
längere Intervalle von der Bühne verschwand und auf der Spitze der Republik nur noch Eine, wenn auch klägliche Gestalt erblicken ließ, die Louis
Bonaparte's, während die Partei der Ordnung zum Skandale des Publikums
in ihre royalistischen Bestandteile auseinander und ihren sich widerstreitenden Restaurationsgelüsten nachging. So oft während diesen Ferien
der verwirrende Lärm des Parlaments verstummte und sein Körper sich in

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - IV

die Nation auflöste, zeigte sich unverkennbar, daß nur noch Eins fehle, um
die wahre Gestalt dieser Republik zu vollenden: Seine Ferien permanent
machen und ihre Aufschrift: Liberté, égalité, fraternité, ersetzen durch die
unzweideutigen Worte: Infanterie, Cavallerie, Artillerie!

Mitte Oktober 1849 war die Nationalversammlung zusammengetreten. Am
1. November überraschte Bonaparte sie mit einer Botschaft, worin er die
Entlassung des Ministeriums Barrot-Falloux und die Bildung eines neuen
Ministeriums anzeigte. Man hat Lakaien nie mit weniger Ceremonien aus
dem Dienste gejagt, als Bonaparte seine Minister. Die Fußtritte, die der
Nationalversammlung bestimmt waren, erhielt vorläufig Herr Barrot und
Companie.

Das Ministerium Barrot war, wie wir gesehen haben, aus Legitimistenund
Orleanisten zusammengesetzt, ein Ministerium der Ordnungspartei. Bofiaparte hatte desselben bedurft, um die republikanische Konstituante aufzulösen, die Expedition gegen Rom zu bewerkstelligen und die demokratische Partei zu brechen. Hinter diesem Ministerium hatte er sich scheinbar
eclipsirt, die Regierungsgewalt in die | Hände der Ordnungspartei abgetreten und die bescheidene Charaktermaske angelegt, die zu Paris die
verantwortlichen Geranten der Zeitungspresse tragen, die Maske des homme
de paille. Jetzt warf er eine Larve weg, die nicht mehr der leichte Vorhang
war, worunter er seine Physiognomie verstecken konnte, sondern die eiserne
Maske, die ihn verhinderte, eine eigne Physiognomie zu zeigen. Er hatte das
Ministerium Barrot eingesetzt, um im Namen der Ordnungspartei die republikanische Nationalversammlung zu sprengen; er entließ es, um seinen
eignen Namen von der Nationalversammlung der Ordnungspartei unabhängig zu erklären.

An plausiblen Vorwänden zu dieser Entlassung fehlte es nicht. Das Ministerium Barrot vernachlässigte selbst die Anstandsformen, die den Präsidenten der Republik als eine Macht neben der Nationalversammlung hätten
erscheinen lassen. Während der Ferien der Nationalversammlung veröffentlichte Bonaparte einen Brief an Edgar Ney, worin er das liberale Auftreten
des Pabstes zu mißbilligen schien, wie er im Gegensatz zur Konstituante
einen Brief veröffentlicht hatte, worin er Oudinot für den Angriff auf die
römische Republik belobte. Als nun die Nationalversammlung das Budget
für die römische Expedition votirte, brachte Victor Hugo aus liberalem
Interesse jenen Brief zur Sprache. Die Ordnungspartei erstickte den Einfall,
als ob Bonaparte's Einfälle irgend ein politisches Gewicht haben könnten,

Karl Marx

unter verächtlich ungläubigen Ausrufungen. Keiner der Minister nahm den
Handschuh für ihn auf. Bei einer andern Gelegenheit ließ Barrot mit seinem
bekannten hohlen Pathos Worte der Entrüstung von der Rednerbühne auf
die „abominablen Umtriebe" fallen, die nach seiner Aussage in der nächsten
Umgebung des Präsidenten vorgingen. Endlich weigerte sich das Ministerium, während es der Herzogin von Orleans einen Witwengehalt von der
Nationalversammlung erwirkte, die Erhöhung der präsidentiellen Civüliste
zu beantragen. Und in Bonaparte war der kaiserliche Prätendent so innig
verschmolzen mit dem heruntergekommenen Glücksritter, daß die Eine
große Idee, er sei berufen, das Kaiserthum zu restauriren, stets von der
andern ergänzt ward, das französische Volk sei berufen, seine Schulden zu
bezahlen.

Das Ministerium Barrot-Falloux war das erste und letzte parlamentarische
Ministerium, das Bonaparte in's Leben rief. Die Entlassung desselben bildet
daher einen entscheidenden Wendepunkt. Mit ihm verlor die Ordnungspartei, um ihn nie wieder zu erobern, einen unentbehrlichen Posten für die
Behauptung des parlamentarischen Regimes, die Handhabe der Exekutivgewalt. Man begreift sogleich, daß in einem Lande wie Frankreich, wo die
Exekutivgewalt über ein Beamtenheer von mehr als einer halben Million von
Individuen verfügt, also eine ungeheure Masse von Interessen und Existenzen beständig in der unbedingtesten Abhängigkeit erhält, wo der Staat die
bürgerliche Gesellschaft von ihren umfassendsten Lebensäußerungen bis zu
ihren unbedeutendsten Regungen hinab, von ihren allgemeinsten Daseinsweisen bis zur Privatexistenz der Individuen umstrickt, kontrollirt, maßregelt, überwacht und bevormundet, wo dieser Parasitenkörper durch die
außerordentlichste Centralisation eine Allgegenwart, Allwissenheit, eine
beschleunigte Bewegungsfähigkeit und Schnellkraft gewinnt, die nur in der
hülflosen UnSelbstständigkeit, in der zerfahrenen Unförmlichkeit des wirklichen Gesellschaftskörpers ein Analogon finden, daß in einem solchen Lande

die Nationalversammlung mit der Verfügung über die Minister stellen jeden 30

wirklichen Einfluß verloren gab, wenn sie nicht gleichzeitig die Staatsverwaltung vereinfachte, das Beamtenheer möglichst verringerte, endlich die
bürgerliche Gesellschaft und die öffentliche Meinung ihre eignen von der
Regierungsgewalt unabhängigen Organe erschaffen ließ. Aber das materielle
Interesse der französischen Bourgeoisie ist gerade auf das Innigste mit der
Erhaltung jener breiten und vielverzweigten Staatsmaschine verwebt. Hier
bringt sie ihre überschüssige Bevölkerung unter und ergänzt in der Form von
Staatsgehalten, was sie nicht in der Form von Profiten, Zinsen, Renten und
Honoraren einstecken kann. Andrerseits zwang ihr politisches Interesse sie,
die Repression, also die Mittel und das Personal der Staatsgewalt täglich
zu | vermehren, während sie gleichzeitig einen ununterbrochenen Krieg

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - IV

gegen die öffentliche Meinung führen und die selbstständigen Bewegungsorgane der Gesellschaft mißtrauisch verfolgen, verstümmeln, lähmen mußte,
wo es ihr nicht gelang sie gänzlich zu amputiren. So war die französische
Bourgeoisie durch ihre Klassenstellung gezwungen, einerseits die Lebensbedingungen einer jeden, also auch ihrer eignen parlamentarischen Gewalt
zu vernichten, andrerseits die ihr feindliche Exekutivgewalt unwiderstehlich
zu machen.

Das neue Ministerium hieß das Ministerium d'Hautpoul. Nicht als hätte
General d'Hautpoul den Rang eines Ministerpräsidenten erhalten. Mit Barrot
schaffte Bonaparte vielmehr zugleich diese Würde ab, die den Präsidenten
der Republik allerdings zur legalen Nichtigkeit eines konstitutionellen
Königs verdammte, aber eines konstitutionellen Königs ohne Thron und
ohne Krone, ohne Scepter und ohne Schwert, ohne Unverantwortlichkeit,
ohne den unverjährbaren Besitz der höchsten Staatswürde, und was das
fatalste war, ohne Civilliste. Das Ministerium d'Hautpoul besaß nur einen
Mann von parlamentarischem Rufe, den Juden Fould, eins der berüchtigsten Glieder der hohen Finanz. Ihm fiel das Finanzministerium anheim.
Man schlage die Pariser Börsennotationen nach und man wird finden, daß
vom 1.November 1849 an die französischen Fonds steigen und fallen mit
dem Fallen und Steigen der bonapartistischen Aktien. Während Bonaparte
so seinen Affiliirten in der Börse gefunden hatte, bemächtigte er sich zugleich der Polizei, indem er Carlier zum Polizeipräfekten von Paris ernannte.

Indeß konnten sich die Folgen des Ministerwechsels erst im Laufe der
Entwickelung herausstellen. Zunächst hatte Bonaparte nur einen Schritt
vorwärts gethan, um desto augenfälliger rückwärts getrieben zu werden.
Seiner barschen Botschaft folgte die servilste Unterthänigkeitserklärung an
die Nationalversammlung. So oft die Minister den schüchternen Versuch
wagten, seine persönlichen Marotten als Gesetzesvorschläge einzubringen,
schienen sie selbst nur widerwillig und durch ihre Stellung gezwungen die
komischen Aufträge zu erfüllen, von deren Erfolglosigkeit sie im voraus
überzeugt waren. So oft Bonaparte im Rücken der Minister seine Absichten
ausplauderte und mit seinen „idees napol&oniennes" spielte, desavouirten
ihn die eignen Minister von der Tribüne der Nationalversammlung herab.
Seine Usurpationsgelüste schienen nur laut zu werden, damit das schadenfrohe Gelächter der Gegner nicht verstumme. Er gebärdete sich als ein
verkanntes Genie, das alle Welt für einen Simpel ausgibt. Nie genoß er in
vollerem Maße die Verachtung aller Klassen, als während dieser Periode.
Nie herrschte die Bourgeoisie unbedingter, nie trug sie prahlerischer die
Insignien der Herrschaft zur Schau.

Ich habe hier nicht die Geschichte ihrer gesetzgeberischen Thätigkeit zu

Karl Marx

schreiben, die sich während dieser Periode in zwei Gesetzen resurnirt: indem
Gesetze, das die Weinsteuerwiederherstellt, indem Unterrichtsgesetze, das
den Unglauben abschafft. Wenn den Franzosen das Weintrinken erschwert,
ward ihnen desto reichlicher vom Wasser des wahren Lebens geschenkt.
Wenn die Bourgeoisie in dem Gesetze über die Weinsteuer das alte gehässige
französische Steuersystem für unantastbar erklärt, sucht sie durch das
Unterrichtsgesetz den alten Gemüthszustand der Massen zu sichern, der es
ertragen ließ. Man ist erstaunt, die Orleanisten, die liberalen Bourgeois, diese
alten Apostel des Voltairianismus und der eklectischen Philosophie, ihren
Stammfeinden, den Jesuiten, die Verwaltung des französischen Geistes
anvertrauen zu sehen. Aber Orleanisten und Legitimisten konnten in Beziehung auf den Kronprätendenten auseinandergehen, sie begriffen, daß
ihre vereinte Herrschaft die Unterdrückungsmittel zweier Epochen zu vereinigen gebot, daß die Unterdrückungsmittel der Julimonarchie durch die
Unterdrückungsmittel der Restauration ergänzt und verstärkt werden mußten.

Die Bauern, in allen ihren Hoffnungen getäuscht, durch den niedrigen
Stand der Getreidepreise einerseits, durch die wachsende Steuerlast und
Hypothekenschuld andrerseits mehr als je erdrückt, begannen sich in den
Departements zu regen. Man antwortete ihnen durch die Hetzjagd auf die
Schulmeister, die den Geistlichen, |J26| durch die Hetzjagd auf die Maires,
die dem Präfekten, und durch ein System der Spionage, dem Alle unterworfen wurden. In Paris und den großen Städten trägt die Reaktion selbst
die Physiognomie ihrer Epoche und fordert mehr heraus, als sie niederschlägt. Auf dem Lande wird sie platt, gemein, kleinlich, ermüdend, plakkend, mit einem Worte Gensdarm. Man begreift, wie drei Jahre vom Regime
des Gensdarmen, eingesegnet durch das Regime des Pfaffen unreife Massen
demoralisiren mußten.

Welche Summe von Leidenschaft und Deklamation die Ordnungspartei
von der Tribüne der Nationalversammlung herab gegen die Minorität aufwenden mochte, ihre Rede blieb einsylbig, wie die des Christen, dessen
Worte sein sollen: Ja, ja, nein, nein! Einsylbig von der Tribüne herab, wie
in der Presse. Fad wie ein Räthsel, dessen Lösung im voraus bekannt ist.
Handelte es sich um Petitionsrecht oder um Weinsteuer, um Preßfreiheit
oder um Freihandel, um Klubs oder um Munizipalverfassung, um Schutz der
persönlichen Freiheit oder um Regelung des Staatshaushaltes, das Losungswort kehrt immer wieder, das Thema bleibt immer dasselbe, der Urtheilsspruch ist immer fertig und lautet unveränderlich: „Sozialismus"! Für sozialistisch wird selbst der bürgerliche Liberalismus erklärt, für sozialistisch
die bürgerliche Aufklärung, für sozialistisch die bürgerliche Finanzreform.
Es war sozialistisch, eine Eisenbahn zu bauen, wo schon ein Kanal vor-

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - IV

handen war, und es war sozialistisch, sich mit dem Stocke zu vertheidigen,
wenn man mit dem Degen angegriffen wurde.

Es war dies nicht bloße Redeform, Mode, Parteitaktik. Die Bourgeoisie
hatte die richtige Einsicht, daß alle Waffen die sie gegen den Feudalismus
geschmiedet, ihre Spitze gegen sie selbst kehrten, daß alle Bildungsmittel,
die sie erzeugt, gegen ihre eigne Civilisation rebellirten, daß alle Götter, die
sie geschaffen, von ihr abgefallen waren. Sie begriff, daß alle sogenannten
bürgerlichen Freiheiten und Fortschrittsorgane ihre Klassenherrschaft
zugleich an der gesellschaftlichen Grundlage und an der politischen Spitze

angriffen und bedrohten, also „sozialistisch" geworden waren. In dieser
Drohung und in diesem Angriffe fand sie mit Recht das Geheimniß des
Sozialismus, dessen Sinn und Tendenz sie richtiger beurtheilt, als der sogenannte Sozialismus sich selbst zu beurtheilen weiß, der daher nicht begreifen kann, wie die Bourgeoisie sich verstockt gegen ihn verschließt, mag
er nun sentimental über die Leiden der Menschheit winseln, oder christlich
das tausendjährige Reich und die allgemeine Bruderliebe verkünden, oder
humanistisch von Geist, Bildung, Freiheit faseln, oder doktrinär ein System
der Vermittlung und der Wohlfahrt aller Klassen aushecken. Was sie aber
nicht begriff, war die Konsequenz, daß ihr eignes parlamentarisches Regime,

daß ihre politische Herrschaft überhaupt nun auch als sozialistisch dem
allgemeinen Verdammungsurtheil verfallen mußte. So lange die Herrschaft
der Bourgeoisklasse sich nicht vollständig organisirt, nicht ihren reinen
politischen Ausdruck gewonnen hatte, konnte auch der Gegensatz der andern Klassen nicht rein hervortreten, und wo er hervortrat, nicht die gefährliche Wendung nehmen, die sofort das Eigenthum, die Religion, die
Familie, die Ordnung in Frage stellt, jeden Kampf gegen die Staatsgewalt
in einen Kampf gegen das Kapital verwandelt. Wenn sie in jeder Lebensregung der Gesellschaft die „Ruhe" gefährdet sah, wie konnte sie an der
Spitze der Gesellschaft das Regime der Unruhe, ihr eignes Regime, das
parlamentarische Regime behaupten wollen, dieses Regime, das nach dem
Ausdrucke eines ihrer Redner im Kampfe und durch den Kampf lebt? Das
parlamentarische Régime lebt von der Diskussion, wie soll es die Diskussion
verbieten? Jedes Interesse, jede gesellschaftliche Einrichtung wird hier in
allgemeine Gedanken verwandelt, als Gedanken verhandelt, wie soll irgend
ein Interesse, irgend eine Einrichtung sich über dem Denken behaupten und
als Glaubensartikel imponiren? Der Rednerkampf auf der Tribüne ruft den
Kampf der Preßbengel hervor, der debattirende Klub im Parlament ergänzt
sich nothwendig durch debattirende Klubs in den Salons und in den Kneipen,
die Repräsentanten, die beständig an die Volks|meinung appelliren, berechtigen die Volksmeinung in Petitionen ihre wirkliche Meinung zu sagen.
Das parlamentarische Régime überläßt Alles der Entscheidung der Majori-

Karl Marx

täten, wie sollen die großen Majoritäten jenseits des Parlaments nicht entscheiden wollen? Wenn ihr auf dem Gipfel des Staates die Geige streicht,
was Andres erwarten, als daß die drunten tanzen?

Indem also die Bourgeoisie, was sie früher als „übereil" gefeiert, jetzt als
„sozialistisch" verketzert, gesteht sie ein, daß ihr eignes Interesse gebiete,
sie der Gefahr des Selbstregierens zu überheben, daß um die Ruhe im Lande
herzustellen, vor Allem das Bourgeois-Parlament zur Ruhe gebracht, um ihre
gesellschaftliche Macht unversehrt zu erhalten, ihre politische Macht gebrochen werden müsse, daß die Privatbourgeois nur fortfahren können, die
andern Klassen zu exploitiren und sich ungetrübt des Eigenthums, der
Familie, der Religion und der Ordnung zu erfreuen, unter der Bedingung, daß
ihre Klasse neben den andern Klassen zu gleicher politischer Nichtigkeit
verdammt werde, daß um ihren Beutel zu retten, die Krone ihr abgeschlagen
und das Schwert, das sie beschützen solle, zugleich als Damoklesschwert
über ihr eignes Haupt gehängt werden müsse.

In dem Bereiche der allgemeinen bürgerlichen Interessen zeigte sich die
Nationalversammlung so unproduktiv, daß z. B. die Verhandlungen über die
Paris-Avignoner Eisenbahn, die im Winter 1850 begannen, am 2. Dezember
1851 noch nicht zum Schluß reif waren. Wo sie nicht unterdrückte, reagirte,
war sie mit unheilbarer Unfruchtbarkeit geschlagen.

Während Bonaparte's Ministerium theils die Initiative zu Gesetzen im
Geiste der Ordnungspartei ergriff, theils ihre Härte in der Ausführung und
Handhabung derselben noch übertrieb, suchte er andrerseits durch kindisch
alberne Vorschläge Popularität zu erobern, seinen Gegensatz zur Nationalversammlung zu konstatiren und auf einen geheimen Hinterhalt hinzudeuten,
der nur durch die Verhältnisse einstweilen verhindert werde, dem französischen Volke seine verborgenen Schätze zu spenden. So der Vorschlag, den
Unteroffizieren eine tägliche Zulage von vier Sous zu dekretiren. So der
Vorschlag einer Ehrenleihbank für die Arbeiter. Geld geschenkt und Geld
gepumptzu erhalten, das war die Perspektive, womiter die Massen zu ködern
hoffte. Schenken und Pumpen, darauf beschränkt sich die Finanzwissenschaft des Lumpenproletariats, des vornehmen und des gemeinen. Darauf
beschränkten sich die Springfedern, die Bonaparte in Bewegung zu setzen
wußte. Nie hat ein Prätendent platter auf die Plattheit der Massen spekulirt.

Die Nationalversammlung brauste wiederholt auf bei diesen unverkennbaren Versuchen aufihre Kosten Popularität zu erwerben, bei der wachsenden Gefahr, daß dieser Abentheurer, den die Schulden voranpeitschten, und
kein erworbener Ruf zurückhielt, einen verzweifelten Streich wagen werde.
Die Verstimmung zwischen der Ordnungspartei und dem Präsidenten hatte
einen drohenden Charakter angenommen, als ein unerwartetes Ereigniß ihn

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - IV

reuig in ihre Arme zurückwarf. Wir meinen die Nachwahlen vom 10. März
1850. Diese Wahlen fanden statt, um die Repräsentantenstellen, die nach dem
13. Juni durch das Gefängniß oder das Exil erledigt worden waren, wieder
zu besetzen. Paris wählte nur sozialdemokratische Kandidaten. Es vereinte
sogar die meisten Stimmen auf einen Insurgenten des Juni 1848, auf Deflotte.
So rächte sich das mit dem Proletariat aliirte Pariser Kleinbürgerthum für
seine Niederlage am 13. Juni 1849. Es schien im Augenblick der Gefahr nur
vom Kampfplatz verschwunden zu sein, um ihn bei günstiger Gelegenheit
mit massenhafteren Streitkräften und mit einer kühnern Kampf parole wieder

1 o einzunehmen. Ein Umstand schien die Gefahr dieses Wahlsieges zu erhöhen.

Die Armee stimmte in Paris für den Juniinsurgenten gegen Lahitte, einen
Minister Bonaparte's, und in den Departements zum großen Theil für die
Montagnards, die auch hier, zwar nicht so entschieden wie in Paris, das
Uebergewicht über ihre Gegner behaupteten.

Bonaparte sah sich plötzlich wieder die Revolution gegenüber erstehen.
Wie am 29. Januar 1849, wie am 13. Juni 1849, verschwand er am 10. März
1850 | hinter der Partei der Ordnung. Er beugte sich, er that kleinmüthig
Abbitte, er erbot sich auf Befehl der parlamentarischen Majorität jedes
beliebige Ministerium zu ernennen, er flehte sogar die orleanistischen und
legitimistischen Parteiführer, die Thiers, die Berryer, die Broglie, die Mole,
kurz die sogenannten Burggrafen an, das Staatsruder in eigner Person zu
ergreifen. Die Partei der Ordnung wußte diesen unwiederbringlichen Augenblick nicht zu benutzen. Statt sich kühn der angebotenen Gewalt zu bemächtigen, zwangen sie Bonaparte nicht einmal, das am 1. November entlassene Ministerium wieder einzusetzen; sie begnügten sich, ihn durch die
Verzeihung zu demüthigen und dem Ministerium d'Hautpoul Herrn Baroche
beizugesellen. Herr Baroche hatte als öffentlicher Ankläger, das eine Mal
gegen die Revolutionäre vom 15. Mai, das andre Mal gegen die Demokraten
des 13. Juni vor dem Hochgerichte zu Bourges gewüthet, beide Male wegen

Attentat auf die Nationalversammlung. Keiner der Minister Bonaparte's trug
später mehr dazu bei, die Nationalversammlung herabzuwürdigen, und nach
dem 2. Dezember 1851 finden wir ihn wieder als wohlbestallten und theuer
bezahlten Vizepräsidenten des Senats. Er hatte den Revolutionären in die
Suppe gespuckt, damit Bonaparte sie aufesse.

Die sozial-demokratische Partei ihrerseits schien nur nach Vorwänden zu
haschen, um ihren eignen Sieg wieder in Frage zu stellen und ihm die Pointe
abzubrechen. Vidal, einer der neu erwählten Pariser Repräsentanten war
gleichzeitig in Straßburg gewählt worden. Man bewog ihn, die Wahl für Paris
abzulehnen und die für Straßburg anzunehmen. Statt also ihrem Siege auf

dem Wahlplatze einen definitiven Charakter zu geben und dadurch die
Ordnungspartei zu zwingen, ihn sofort im Parlamente streitig zu machen,

Karl Marx

statt so den Gegner im Augenblick des Volksenthusiasmus und der günstigen
Stimmung der Armee zum Kampfe zu treiben, ermiidete die demokratische
Partei Paris während der Monate März und April mit einer neuen Wahlagitation, ließ die aufgeregten Volksleidenschaften in diesem abermaligen
provisorischen Stimmenspiele sich aufreiben, die revolutionäre Thatkraft in
konstitutionellen Erfolgen sich sättigen, in kleinen Intriguen, hohlen Deklamationen und Scheinbewegungen verpuffen, die Bourgeoisie sich sammeln und ihre Vorkehrungen treffen, endlich die Bedeutung der Märzwahlen
in der nachträglichen Aprilwahl, in der Wahl Eugen Sue's einen sentimental
abschwächenden Kommentar finden. Mit einem Worte, sie schickte den
10. März in den April.

Die parlamentarische Majorität begriff die Schwäche ihres Gegners. Ihre
siebzehn Burggrafen, denn Bonaparte hatte ihr die Leitung und die Verantwortlichkeit des Angriffs überlassen, arbeiteten ein neues Wahlgesetz
aus, dessen Vorlage Faucher, der sich diese Ehre ausbat, anvertraut wurde.
Am 8.Mai brachte er das Gesetz ein, wodurch das allgemeine Wahlrecht
abgeschafft, ein dreijähriges Domizil an dem Orte der Wahl den Wählern als
Bedingung auferlegt, endlich der Nachweis dieses Domizils für die Arbeiter
von dem Zeugnisse ihrer Arbeitgeber abhängig gemacht wurde.

Wie revolutionär die Demokraten während des konstitutionellen Wahlkampfes aufgeregt und getobt hatten, so konstitutionell predigten sie jetzt,
wo es galt, mit den Waffen in der Hand den Ernst jener Wahlsiege zu beweisen, Ordnung, majestätische Ruhe (calme majestueux), gesetzliche
Haltung d.h. blinde Unterwerfung unter den Willen der Kontrerevolution,
der sich als Gesetz breit machte. Während der Debatte beschämte der Berg
die Partei der Ordnung, indem er ihrer revolutionären Leidenschaftlichkeit
gegenüber die leidenschaftslose Haltung des Biedermanns geltend machte,
der den Rechtsboden behauptet, und indem er sie mit dem furchtbaren
Vorwurfe zu Boden schlug, daß sie revolutionär verfahre. Selbst die neugewählten Deputirten bemühten sich durch anständiges und besonnenes
Auftreten zu beweisen, welche Verkennung es war, sie als Anarchisten zu
verschreien und ihre Wahl als einen Sieg der Revolution auszulegen. Am
31. Mai ging das neue Wahlgesetz durch. Die Montagne begnügte sich damit,
dem Präsidenten einen Protest in die Tasche zu schmuggeln. Dem Wahlgesetz folgte ein neues Preßgesetz, | wodurch die revolutionäre Zeitungspresse vollständig beseitigt wurde. Sie hatte ihr Schicksal verdient. „National" und „la Presse", zwei bürgerliche Organe, blieben nach dieser Sündf luth
als äußerste Vorposten der Revolution zurück.

Wir haben gesehen, wie die demokratischen Führer während März und
April Alles gethan hatten, um das Volk von Paris in einen Scheinkampf zu
verwickeln, wie sie nach dem 8. Mai Alles thaten, um es vom wirklichen

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - IV

Kampfe abzuhalten. Wir dürfen zudem nicht vergessen, daß das Jahr 1850
eines der glänzendsten Jahre industrieller und kommerzieller Prosperität,
also das Pariser Proletariat vollständig beschäftigt war. Allein das Wahlgesetz vom 31. Mai 1850 schloß es von aller Theilnahme an der politischen
Gewalt aus. Es schnitt ihm das Kampfterrain selbst ab. Es warf die Arbeiter
in die Pariastellung zurück, die sie vor der Februarrevolution eingenommen
hatten. Indem sie einem solchen Ereignisse gegenüber sich von den Demokraten lenken lassen und das revolutionäre Interesse ihrer Klasse über
einem augenblicklichen Wohlbehagen vergessen konnten, verzichteten sie
auf die Ehre eine erobernde Macht zu sein, unterwarfen sich ihrem Schicksale, bewiesen daß die Niederlage vom Juni 1848 sie für Jahre kampfunfähig
gemacht hatte und daß der geschichtliche Prozeß zunächst wieder überihren
Köpfen vor sich gehen müsse. Was die kleinbürgerliche Demokratie betrifft,
die am 13. Juni geschrien hatte, „aber wenn erst das allgemeine Wahlrecht
angetastet wird, aber dann!" — so tröstete sie sich jetzt damit, daß der
kontrerevolutionäre Schlag, der sie getroffen, kein Schlag und das Gesetz
vom 31. Mai kein Gesetz sei. Am 2. Mai 1852 erscheint jeder Franzose auf
dem Wahlplatze, in der einen Hand den Stimmzettel, in der andern das
Schwert. Mit dieser Prophezeihung that sie sich selbst Genüge. Die Armee
endlich wurde, wie für die Wahlen am 29. Mai 1849, so für die vom März und
April 1850 von ihren Vorgesetzten gezüchtigt. Diesmal sagte sie sich aber
entschieden: „die Revolution prellt uns nicht zum dritten Mal."

Das Gesetz vom 31. Mai 1850 war der coup d'état der Bourgeoisie. Alle
ihre bisherigen Eroberungen über die Revolution hatten einen nur provisorischen Charakter. Sie waren in Frage gestellt, sobald die jetzige Nationalversammlung von der Bühne abtrat. Sie hingen von dem Zufall einer
neuen allgemeinen Wahl ab und die Geschichte der Wahlen seit 1848 bewies
unwiderleglich, daß in demselben Maße wie die faktische Herrschaft der
Bourgeoisie sich entwickelte, ihre moralische Herrschaft über die Volksmassen verloren ging. Das allgemeine Wahlrecht erklärte sich am 10. März
direkt gegen die Herrschaft der Bourgeoisie, die Bourgeoisie antwortete mit
der Aechtung des allgemeinen Wahlrechts. Das Gesetz vom 31. Mai war also
eine der Nothwendigkeiten des Klassenkampfes. Andrerseits erheischte die
Konstitution, damit die Wahl des Präsidenten der Republik gültig sei, ein
Minimum von zwei Millionen Stimmen. Erhielt keiner der Präsidentschaftskandidaten das Minimum, so sollte die Nationalversammlung unter den fünf
Kandidaten, denen die meisten Stimmen zufallen würden, den Präsidenten
wählen. Zur Zeit, wo die Konstituante dies Gesetz machte, waren zehn
Millionen Wähler auf den Stimmlisten eingeschrieben. In ihrem Sinne reichte
also ein Fünftel der Wahlberechtigten hin, um die Präsidentschaftswahl
gültig zu machen. Das Gesetz vom 31. Mai strich wenigstens drei Millionen

Karl Marx

Stimmen von den Wahllisten, reduzirte die Zahl der Wahlberechtigten auf
sieben Millionen und behielt nichts desto weniger das gesetzliche Minimum
von zwei Millionen für die Präsidentschaftswahl bei. Es erhöhte also das
gesetzliche Minimum von ein Fünftel auf beinahe ein Drittel der wahlfähigen
Stimmen, d.h. es that Alles, um die Präsidentenwahl aus den Händen des
Volkes in die Hände der Nationalversammlung hinüberzuschmuggeln. So
schien die Partei der Ordnung durch das Wahlgesetz vom 31. Mai ihre
Herrschaft doppelt befestigt zu haben, indem sie die Wahl der Nationalversammlung und des Präsidenten der Republik dem stationären Theil der
Gesellschaft anheimgab. |

130] V.

Der Kampf brach sofort wieder aus zwischen der Nationalversammlung und
Bonaparte, sobald die revolutionäre Krise überdauert und das allgemeine
Wahlrecht abgeschafft war.

Die Konstitution hatte das Gehalt Bonaparte's auf 600000 Francs festgesetzt. Kaum ein halbes Jahr nach seiner Installirung gelang es ihm, diese
Summe auf das Doppelte zu erhöhen. Odilon Barrot ertrotzte nämlich von
der konstituirenden Nationalversammlung einen jährlichen Zuschuß von
600000 Francs für sogenannte Repräsentationsgelder. Nach dem 13. Juni
hatte Bonaparte ähnliche Anliegen verlauten lassen, ohne diesmal bei Barrot
Gehör zu finden. Jetzt nach dem 31. Mai benutzte er sofort den günstigen
Augenblick und ließ seine Minister eine Civilliste von drei Millionen in der
Nationalversammlung beantragen. Ein langes abentheuerndes Vagabundenleben hatte ihn mit den entwickeltsten Fühlhörnern begabt, um die schwachen Momente herauszutasten, wo er seinem Bourgeois Geld abpressen
durfte. Er trieb förmliche Chantage. Die Nationalversammlung hatte die
Volkssouveränität mit seiner Mithülfe und seinem Mitwissen geschändet. Er
drohte ihr Verbrechen dem Volksgerichte zu denunziren, falls sie nicht den
Beutel ziehe und sein Stillschweigen mit drei Millionen jährlich erkaufe. Sie
hatte drei Millionen Franzosen ihres Stimmrechts beraubt. Er verlangte für
jeden außer Cours gesetzten Franzosen einen Cours habenden Franken,
genau drei Millionen Francs. Er, der Erwählte von sechs Millionen fordert
Schadenersatz für die Stimmen, um die man ihn nachträglich geprellt hatte.
Die Kommission der Nationalversammlung wies den Zudringlichen ab. Die
bonapartistische Presse drohte. Konnte die Nationalversammlung mit dem
Präsidenten der Republik brechen in einem Augenblicke, wo sie prinzipiell
und definitiv mit der Masse der Nation gebrochen hatte? Sie verwarf zwar
die jährliche Civilliste, aber sie bewilligte einen einmaligen Zuschuß von

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - V

2160000 Francs. Sie machte sich so der doppelten Schwäche schuldig, das
Geld zu bewilligen und zugleich durch ihren Aerger zu zeigen, daß sie es nur
widerwillig bewillige. Wir werden später sehen, wozu Bonaparte das Geld
brauchte. Nach diesem ärgerlichen Nachspiel, das der Abschaffung des
allgemeinen Stimmrechts auf dem Fuße folgte, und worin Bonaparte seine
demüthige Haltung während der Krise des März und April mit herausfordernder Unverschämtheit gegen das usurpatorische Parlament vertauschte,
vertagte sich die Nationalversammlung für drei Monate, vom 11. August bis
11.November. Sie ließ an ihrer Stelle eine Permanenzkommission von
18 Mitgliedern zurück, die keinen Bonapartisten enthielt, wohl aber einige
gemäßigte Republikaner. Die Permanenzkommission vom Jahre 1849 hatte
nur Männer der Ordnung und Bonapartisten gezählt. Aber damals erklärte
sich die Partei der Ordnung in Permanenz gegen die Revolution. Diesmal
erklärte sich die parlamentarische Republik in Permanenz gegen den Präsidenten. Nach dem Gesetze vom 31. Mai stand der Partei der Ordnung nur
noch dieser Rival gegenüber.

Als die Nationalversammlung im November 1850 wieder zusammentrat,
schien statt ihrer bisherigen kleinlichen Plänkeleien mit dem Präsidenten ein
großer rücksichtsloser Kampf, ein Kampf der beiden Gewalten auf Leben
und Tod unvermeidlich geworden zu sein.

Wie im Jahre 1849 war die Partei der Ordnung während der diesjährigen
Parlamentsferien in ihre einzelnen Fraktionen aus einander gegangen, jede
mit ihren eignen Restaurationsintriguen beschäftigt, die durch den Tod Louis
Philippe's neue Nahrung erhalten hatten. Der Legitimistenkönig Heinrich V.
hatte sogar ein förmliches Ministerium ernannt, das zu Paris residirte und
Mitglieder der Permanenzkommission unter sich zählte. Bonaparte war also
berechtigt, seinerseits Rundreisen durch die französischen Departements zu
machen und je nach der Stimmung der Stadt, die er mit seiner Gegenwart
beglückte, bald versteckter, bald offener seine eignen Restaurationspläne
auszuplaudern und Stimmen für sich zu werben. ||31] Auf diesen Zügen, die
der große offizielle Moniteur und die kleinen Privatmoniteure Bonaparte's
natürlich als Triumphzüge feiern mußten, war er fortwährend begleitet von
Afführten der Gesellschaft des 10. Dezember. Diese Gesellschaft datirtnoch
vom Jahre 1849. Unter dem Vorwande eine Wohlthätigkeitsgesellschaft zu
stiften, war das Pariser Lumpenproletariat in geheime Sektionen organisirt
worden, jede Sektion von bonapartistischen Agenten geleitet, an der Spitze
des Ganzen ein bonapartistischer General. Neben zerrütteten Roués der
Aristokratie mit zweideutigen Subsistenzmitteln und von zweideutiger
Herkunft, neben verkommenen und abentheuernden Ablegern der Bourgeoisie Vagabunden, entlassene Soldaten, entlassene Zuchthaussträflinge,
entlaufene Galeerensklaven, Gauner, Gaukler, Lazzaroni, Taschendiebe,

Karl Marx

Taschenspieler, Spieler, Maquereaus, Bordellhalter, Lastträger, Tagelöhner,
Orgeldreher, Lumpensammler, Scheerenschleifer, Kesselflicker, Bettler,
kurz die ganze unbestimmte, aufgelöste, hin und hergeworfene Masse, die
die Franzosen la Boh&me nennen; mit diesem ihm verwandten Elemente
bildete Bonaparte den Stock der Gesellschaft vom 10. Dezember. „Wohlthätigkeitsge Seilschaft" — in sofern alle Mitglieder wie Bonaparte das Bedürfniß fühlten, sich auf Kosten der arbeitenden Nation wohlzuthun. Dieser
Bonaparte, der sich als Chef des Lumpenproletariats konstituirt, der hier
allein in massenhafter Form die Interessen wiederfindet, die er persönlich
verfolgt, der in diesem Auswurfe, Abfall, Abhub aller Klassen die einzige
Klasse erkennt, auf die er sich unbedingt stützen kann, er ist der wirkliche
Bonaparte, der Bonaparte sans phrase, unverkennbar selbst dann noch, wenn
er später allmächtig neben den Revolutionären einem Theile seiner alten
Mitverschwörer die Schuld dadurch abträgt, daß er sie nach Cayenne transportirt. Alter durchtriebener Roué faßt er das geschichtliche Leben der
Völker und die Haupt- und Staatsaktionen derselben als Komödie im ordinärsten Sinne, als eine Maskerade, wo die großen Kostüme, Worte und
Posituren nur der kleinlichsten Lumperei als Maske dienen. So bei seinem
Zuge nach Straßburg, wo ein eingeschulter Schweizer Geier den napoleonischen Adler vorstellte. Für seinen Einfall in Boulogne steckt er einige
Londoner Lakaien in französische Uniformen. Sie stellen die Armee vor.
In seiner Gesellschaft vom 10. Dezember sammelt er 10000 Lumpenkerls,
die das Volk vorstellen müssen, wie Klaus Zettel den Löwen. In einem
Augenblicke, wo die Bourgeoisie selbst die vollständigste Komödie spielte,
aber in der ernsthaftesten Weise von der Welt, ohne irgend eine der pedantischen Bedingungen der französischen dramatischen Etiquette zu verletzen, und selbst halb geprellt, halb überzeugt von der Feierlichkeit ihrer
eignen Haupt- und Staatsaktionen, mußte der Abentheurer siegen, der die
Komödie platt als Komödie nahm. Erst wenn er seinen feierlichen Gegner
beseitigt hat, wenn er nun selbst seine kaiserliche Rolle im Ernste nimmt und
mit der napoleonischen Maske den wirklichen Napoleon vorzustellen meint,
wird er das Opfer seiner eignen Weltanschauung, der ernsthafte Hanswurst,
der nicht mehr die Weltgeschichte als eine Komödie, sondern seine Komödie
als Weltgeschichte nimmt. Was für die sozialistischen Arbeiter die Nationalateliers, was für die Bourgeois-Republikaner die Gardes mobiles, das war
für Bonaparte die Gesellschaft vom 10. Dezember, die ihm eigenthümliche
Parteistreitkraft. Auf seinen Reisen mußten die auf der Eisenbahn verpackten Abtheilungen derselben ihm ein Publikum improvisiren, den öffentlichen Enthusiasmus aufführen, vive l'Empereur heulen, die Republikaner
insultiren und durchprügeln, natürlich unter dem Schutze der Polizei. Auf
seinen Rückfahrten nach Paris mußten sie die Avantgarde bilden, Gegen-

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - V

demonstrationen zuvorkommen oder sie auseinanderjagen. Die Gesellschaft
vom 10. Dezember gehörte ihm, sie war sein Werk, sein eigenster Gedanke.
Was er sich sonst aneignet, gibt ihm die Macht der Verhältnisse anheim, was
er sonst thut, thun die Verhältnisse für ihn oder begnügt er sich von den
Thaten Andrer zu kopiren; aber er, mit den offiziellen Redensarten der
Ordnung, der Religion, der Familie, des Eigenthums öffentlich vor den
Bürgern, hinter sich die geheime Gesellschaft der Schufteries und der
Spiegelbergs, die Gesellschaft der Unordnung, der Prostitution und des
Diebstahls, das ist Bonaparte selbst als Originalautor |]32| und die Geschichte
der Gesellschaft des 10. Dezember ist seine eigne Geschichte. Es hatte sich
nun ereignet, daß ausnahmsweise der Ordnungspartei angehörige Volksrepräsentanten unter die Stöcke der Dezembristen geriethen. Noch mehr.
Der der Nationalversammlung zugewiesene, mit der Bewachung ihrer Sicherheit beauftragte Pohzeikommissär Yon hatte auf die Aussage eines
gewissen Alais hin der Permanenzkommission angezeigt, daß eine Sektion
der Dezembristen die Ermordung des Generals Changarnier und Dupin's, des
Präsidenten der Nationalversammlung, beschlossen und zu deren Vollstreckung schon die Individuen bestimmt habe. Man begreift den Zorn des
Herrn Dupin. Eine parlamentarische Enquéte über die Gesellschaft vom
10. Dezember, d.h. die Profanirung der bonaparte'schen Geheimwelt, schien
unvermeidlich. Grade vor dem Zusammentritt der Nationalversammlung
löste Bonaparte vorsorglich seine Gesellschaft auf, natürlich nur auf dem
Papiere, denn noch Ende 1851 suchte der Polizeipräfekt Carlier in einem
ausführlichen Memoire ihn vergeblich zur wirklichen Auseinanderjagung der
Dezembristen zu bewegen.

Die Gesellschaft vom 10. Dezember sollte so lange die Privatarmee Bonaparte's bleiben, bis es ihm gelang, die öffentliche Armee in eine Gesellschaft vom 10. Dezember zu verwandeln. Bonaparte machte hierzu den
ersten Versuch kurz nach Vertagung der Nationalversammlung, und zwar
mit dem eben ihr abgetrotzten Gelde. Als Fatalistlebter der Ueberzeugung,
daß es gewisse höhere Mächte gibt, denen der Mensch und insbesondere der
Soldat nicht widerstehen kann. Unter diese Mächte zählt er in erster Linie
Cigarre und Champagner, kaltes Geflügel und Knoblauchswurst. Er traktirt
daher in den Gemächern des Elysee zuerst Offiziere und Unteroffiziere mit
Cigarre und Champagner, mit kaltem Geflügel und Knoblauchswurst. Am
3. Oktober wiederholt er dieses Manöver mit den Truppenmassen bei der
Revue von St. Maurund am 10. Oktober dasselbe Manöver auf noch größerer
Stufenleiter bei der Armeeschau von Satory. Der Onkel erinnerte sich der
Feldzüge Alexander's in Asien, der Neffe der Eroberungszüge des Bacchus
in demselben Lande. Alexander war allerdings ein Halbgott, aber Bacchus
war ein Gott und dazu der Schutzgott der Gesellschaft vom 10. Dezember.

Karl Marx: Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte.
Teilentwurf zu Teil V, Seite 2

Karl Marx

Nach der Revue vom 3.Oktober lud die Permanenzkommission den
Kriegsminister d'Hautpoul vor sich. Er versprach, jene Disziplinarwidrigkeiten sollten sich nicht wiederholen. Man weiß, wie Bonaparte am
10. Oktober d'Hautpoul's Wort hielt. In beiden Revuen hatte Changarnier
kommandirt als Oberbefehlshaber der Armee von Paris. Er, zugleich Mitglied der Permanenzkommission, Chef der Nationalgarde, „Retter" vom
29. Januar und 13.Juni, „Bollwerk der Gesellschaft", Candidat der Ordnungspartei für die Präsidentenwürde, der geahnte Monk zweier Monarchien, hatte bisher nie seine Unterordnung unter den Kriegsminister anerkannt, die republikanische Konstitution stets offen verhöhnt, Bonaparte
mit einer zweideutig vornehmen Protektion verfolgt. Jetzt eiferte er für die
Disziplin gegen den Kriegsminister und für die Konstitution gegen Bonaparte. Während am 10. Oktober ein Theil der Kavallerie den Ruf „vive
Napoleon! vivent les saucissons!" ertönen ließ, veranstaltete Changarnier,
daß wenigstens die unter dem Kommando seines Freundes Neumeyer vorbeidefilirende Infanterie ein eisiges Stillschweigen beobachtete. Zur Strafe
entsetzte der Kriegsminister auf Bonaparte's Antrieb den General Neumeyer
seines Postens in Paris, unter dem Vorwand, ihn als Obergeneral der 14. und
15. Müitärdivision zu bestellen. Neumeyer schlug diesen Stellenwechsel aus

und mußte so seine Entlassung nehmen. Changarnier seinerseits veröff ent-

lichte am 2. November eine Tagesordnung, worin er den Truppen verbot,
politische Ausrufungen und Demonstrationen irgend einer Art sich unter den
Waffen zu erlauben. Die elyseischen Blätter griffen Changarnier an, die
Blätter der Ordnungspartei Bonaparte, die Permanenzkommission wiederholte geheime Sitzungen, worin wiederholt beantragt wurde, das Vaterland
in Gefahr zu erklären, die Armee schien in zwei feindliche Lager getheilt mit
zwei feindlichen Generalstäben, der eine im Elysée, wo Bonaparte, der
andere in den Tuilerien, ||33] wo Changarnier hauste. Es schien nur des
Zusammentritts der Nationalversammlung zu bedürfen, damit das Signal
zum Kampfe erschalle. Das französische Publikum beurtheilte diese Reibungen zwischen Bonaparte und Changarnier wie jener englische Journalist,
der sie mit folgenden Worten charakterisirt hat: „Die politischen Hausmägde
Frankreichs kehren die glühende Lava der Revolution mit alten Besen weg,
und keifen sich aus, während sie ihre Arbeit verrichten."

Unterdeß beeüte sich Bonaparte, den Kriegsminister d'Hautpoul zu entsetzen, ihn Hals über Kopf nach Algier zu spediren und an seine Stelle
General Schramm zum Kriegsminister zu ernennen. Am 12. November
sandte er der Nationalversammlung eine Botschaft von amerikanischer
Weitläufigkeit, überladen mit Details, ordnungsduftend, versöhnungslüstern, konstitutionell-resignirt, von Allem und Jedem handelnd, nur nicht
von den questions brülantes des Augenblickes. Wie im Vorbeigehen ließ er

5

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - V

die Worte fallen, daß den ausdrücklichen Bestimmungen der Konstitution
gemäß der Präsident allein über die Armee verfüge. Die Botschaft schloß
mit folgenden hochbetheuernden Worten:

„Frankreich verlangt vor allem Andern Ruhe. ... Allein durch einen Eid

gebunden, werde ich mich innerhalb der engen Grenzen halten, die er mir
gezogen hat.... Was mich betrifft, vom Volke gewählt, und ihm allein meine
Macht schuldend, ich werde mich stets seinem gesetzlich ausgedrückten
Willen fügen. Beschließt Ihr in dieser Sitzung die Revision der Konstitution,
so wird eine konstituirende Versammlung die Stellung der Exekutivgewalt
regeln. Wo nicht, so wird das Volk 1852 feierlich seinen Entschluß verkünden. Was aber immer die Lösungen der Zukunft sein mögen, laßt uns zu
einem Verständniß kommen, damit niemals Leidenschaft, Ueberraschung
oder Gewalt über das Schicksal einer großen Nation entscheide___ Was vor
Allem meine Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, ist nicht, zu wissen, wer

1852 über Frankreich regieren wird, sondern die Zeit, die zu meiner Ver-

fügung steht, so zu verwenden, daß die Uebergangszeit ohne Agitation und
Störung vorübergehe. Ich habe mit Aufrichtigkeit mein Herz vor Euch
eröffnet, Ihr werdet meiner Offenheit mit Eurem Vertrauen antworten,
meinen guten Strebungen durch Eure Mitwirkungen, und Gott wird das
Uebrige thun."

Die honette, heuchlerisch gemäßigte, tugendhaft gemeinplätzliche Sprache der Bourgeoisie offenbart ihren tiefsten Sinn im Munde des Selbstherrschers der Gesellschaft vom 10. Dezember und des Piknikhelden von
St. Maur und Satory.

25 Die Burggrafen der Ordnungspartei täuschten sich keinen Augenblick über

das Vertrauen, das diese Herzenseröffnung verdiene. Ueber Eide waren sie
längst blasirt, sie zählten Veteranen, Virtuosen des politischen Meineids in
ihrer Mitte, sie hatten die Stelle über die Armee nicht überhört. Sie bemerkten mit Unwillen, daß die Botschaft in der weitschweifigen Aufzählung
der jüngst erlassenen Gesetze das wichtigste Gesetz, das Wahlgesetz, mit
affektirtem Stillschweigen überging und vielmehr im Falle der Nichtrevision
der Verfassung die Wahl des Präsidenten für 1852 dem Volke anheimstellte.
Das Wahlgesetz war die Bleikugel an den Füßen der Ordnungspartei, die sie
am Gehen verhinderte und nun gar am Stürmen! Zudem hatte Bonaparte
durch die amtliche Auflösung der Gesellschaft vom 10. Dezember und die
Entlassung des Kriegsministers d'Hautpoul die Sündenböcke mit eigener
Hand auf dem Altare des Vaterlandes geopfert. Er hatte der erwarteten
Kollision die Spitze abgebrochen. Endlich suchte die Ordnungspartei selbst
ängstlich jeden entscheidenden Conflikt mit der Exekutivgewalt zu umgehen, abzuschwächen, zu vertuschen. Aus Furcht, die Eroberungen über
die Revolution zu verlieren, ließ sie ihren Rivalen die Früchte derselben

Karl Marx

gewinnen. „Frankreich verlangt vor allem Andern Ruhe." So rief die Ordnungspartei der Revolution seit Februar zu, so rief Bonaparte's Botschaft
der Ordnungspartei zu. „Frankreich verlangt vor Allem Ruhe." Bonaparte
beging Handlungen, die auf Usurpation hinzielten, aber die Ordnungspartei
beging die „Unruhe", wenn sie Lärm über diese Handlungen schlug und sie
hypochondrisch auslegte. Die Würste von Satory waren | mausstill, wenn
Niemand von ihnen sprach. „Frankreich verlangt vor Allem Ruhe." Also
verlangte Bonaparte, daß man ihn ruhig gewähren lasse, und die parlamentarische Partei war von doppelter Furcht gelähmt, von der Furcht die
revolutionäre Unruhe wieder heraufzubeschwören, von der Furcht selbst
als der Unruhstifter in den Augen ihrer eignen Klasse, in den Augen der
Bourgeoisie zu erscheinen. Da Frankreich also vor allem Andern Ruhe
verlangte, wagte die Ordnungspartei nicht, nachdem Bonaparte in seiner
Botschaft „Frieden" gesprochen hatte, „Krieg" zu antworten. Das Publikum, das sich mit großen Skandalscenen bei Eröffnung der Nationalver-
Sammlung geschmeichelt hatte, wurde in seinen Erwartungen geprellt. Die
Oppositionsdeputirten, die Vorlage der Protokolle der Permanenzkommission über die Oktoberereignisse verlangten, wurden von der Majorität überstimmt. Man floh prinzipiell alle Debatten, die aufregen konnten. Die Arbeiten der Nationalversammlung während November und Dezember waren
ohne Interesse.

Endlich gegen Ende Dezember begann der Guerillakrieg um einzelne
Prärogative des Parlaments. In kleinlichen Chikanen um die Prärogative der
beiden Gewalten versumpfte die Bewegung, seitdem die Bourgeoisie mit der
Abschaffung des allgemeinen Wahlrechts den Klassenkampf zunächst abgemacht hatte.

Gegen Mauguin, einen der Volksrepräsentanten, war Schulden halber ein
gerichtliches Urtheü erwirkt worden. Auf Anfrage des Gerichtspräsidenten
erklärte der Justizminister Rouher, es sei ohne weitere Umstände ein Verhaftsbefehi gegen den Schuldner auszufertigen. Mauguin wurde also in den
Schuldthurm geworfen. Die Nationalversammlung brauste auf, als sie das
Attentat erfuhr. Sie verordnete nicht nur seine sofortige Freilassung, sondern
ließ ihn auch noch denselben Abend von ihrem Greffier gewaltsam aus
Clichy herausholen. Um jedoch ihren Glauben an die Heiligkeit des Privat-

eigenthums zu bewähren, und mit dem Hintergedanken, im Nothf all ein Asyl 35

für lästig gewordene Montagnards zu eröffnen, erklärte sie die Schuldhaft
von Volksrepräsentanten nach vorheriger Einholung ihrer Erlaubniß für
zulässig. Sie vergaß zu dekretiren, daß auch der Präsident Schulden halber
eingesperrt werden könne. Sie vernichtete den letzten Schein von Unverletzlichkeit, der die Glieder ihres eigenen Körpers umgab.

Man erinnert sich, daß der Polizeikommissär Yon eine Sektion der De-

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - V

zembristen auf Aussage eines gewissen Alais hin wegen Mordplans auf
Dupin und Changarnier denunzirt hatte. Gleich in der ersten Sitzung machten
die Quästoren mit Bezug hierauf den Vorschlag, eine eigne parlamentarische
Polizei zu bilden, besoldet aus dem Privatbudget der Nationalversammlung
und durchaus unabhängig von dem Polizeipräfekten. Der Minister des Innern, Baroche, hatte gegen diesen Eingriff in sein Resort protestirt. Man
schloß darauf einen elenden Kompromiß, wonach der Polizeikommissär der
Versammlung zwar aus ihrem Privatbudget besoldet und von ihren Quästoren ein- und abgesetzt werden solle, aber nach vorheriger Verständigung
mit dem Minister des Innern. Unterdessen war Alais gerichtlich von der
Regierung verfolgt worden und hier war es leicht, seine Aussage als eine
Mystifikation darzustellen und durch den Mund des öffentlichen Anklägers
einen lächerlichen Schein auf Dupin, Changarnier, Yon und die ganze Nationalversammlung zu werfen. Jetzt am 29. Dezember schreibt der Minister
Baroche einen Brief an Dupin, worin er die Entlassung Yon's verlangt. Das
Bureau der Nationalversammlung beschließt Yon in seiner Stelle zu erhalten,
aber die Nationalversammlung, über ihre Gewaltsamkeit in Mauguin's
Angelegenheit erschreckt, und gewohnt, wenn sie einen Schlag gegen die
Exekutivgewalt gewagt hat, zwei Schläge von ihr in Austausch zurückzuerhalten, sanktionirt diesen Beschluß nicht. Sie entläßt Yon zur Belohnung seines Diensteifers und beraubt sich einer parlamentarischen Prärogative, unerläßlich gegen einen Menschen, der nicht in der Nacht beschließt,
um bei Tage auszuführen, sondern bei Tage beschließt und in der Nacht
ausführt.

Wir haben gesehen, wie die Nationalversammlung während der Monate
November und Dezember bei den großen schlagenden Veranlassungen den
Kampf mit der Exekutivgewalt umging, niederschlug. Jetzt sehen wir sie
gezwungen, ihn bei den | kleinlichsten Anlässen aufzunehmen. In der
Angelegenheit Mauguin's bestätigt sie dem Prinzipe nach die Schuldhaft der
Volksrepräsentanten, behält sich aber vor, es nur auf ihr mißliebige Repräsentanten anwenden zu lassen, und um dieses infame Privilegium hadert
sie mit dem Justizminister. Statt den angeblichen Mordplan zu benutzen, um
eine Enquéte über die Gesellschaft vom 10. Dezember zu verhängen und
Bonaparte in seiner wahren Gestalt als das Haupt des Pariser Lumpenproletariats vor Frankreich und Europa rettungslos bioszustellen, läßt sie die
Kollision auf einen Punkt herabsinken, wo es sich zwischen ihr und dem
Minister des Innern nur noch darum handelt, zu wessen Kompetenz die Einund Absetzung eines Polizeikommissärs gehört. So sehen wir die Partei der
Ordnung während dieser ganzen Periode durch ihre zweideutige Stellung

gezwungen, ihren Kampf mit der Exekutivgewalt in kleinliche Kompetenzzwiste, Chikanen, Rabulistereien, Grenzstreitigkeiten mit den Ministern zu

Karl Marx

verpuffen, zu verbröckeln und die abgeschmacktesten Formfragen zum
Inhalt ihrer Thatigkeit zu machen. Sie wagt die Kollision nicht aufzunehmen
in demselben Augenblicke, wo sie eine prinzipielle Bedeutung hat, wo die
Exekutivgewalt sich wirklich blosgestellt hat und die Sache der Nationalversammlung die nationale Sache wäre. Sie würde dadurch der Nation eine
Marschordre ausstellen und sie fürchtet nichts mehr, als daß sich die Nation
bewege. Bei solchen Gelegenheiten weist sie daher die Anträge der Montagne
zurück und geht zur Tagesordnung über. Nachdem die Streitfrage so in ihren
großen Dimensionen aufgegeben ist, wartet die Exekutivgewalt ruhig den
Zeitpunkt ab, wo sie dieselbe bei kleinlich unbedeutenden Anlässen wieder
aufnehmen kann, wo sie so zu sagen nur noch ein parlamentarisches Lokalinteresse bietet. Dann bricht die verhaltene Wuth der Ordnungspartei aus,
dann reißt sie den Vorhang von den Coulissen, dann denunzirt sie den
Präsidenten, dann erklärt sie die Republik in Gefahr, aber dann erscheint
auchihr Pathos abgeschmackt und der Anlaß des Kampfes als heuchlerischer
Vorwand oder überhaupt des Kampfes nicht Werth. Der parlamentarische
Sturm wird zu einem Sturm in einem Glase Wasser, der Kampf zur Intrigue,
die Kollision zum Skandal. Während die Schadenfreude der revolutionären
Klassen sich an der Demüthigung der Nationalversammlung weidet, denn

sie schwärmen eben so sehr für die parlamentarischen Prärogative derselben,

wie jene Versammlung für die öffentlichen Freiheiten, begreift die Bourgeoisie außerhalb des Parlaments nicht, wie die Bourgeoisie innerhalb des
Parlaments ihre Zeit mit so kleinlichen Zänkereien vergeuden, und die Ruhe
durch so elende Rivalitäten mit dem Präsidenten blosstellen kann. Sie wird
verwirrt, verwildert über eine Strategie, die in dem Augenblicke Frieden
schließt, wo alle Welt Schlachten erwartet, und indem Augenblicke angreift,
wo alle Welt den Frieden geschlossen glaubt.

Am 20. Dezember interpellirte Pascal Duprat den Minister des Innern über
die Goldbarren-Lotterie. Diese Lotterie war eine „Tochter aus Elysium",
Bonaparte hatte sie mit seinen Getreuen auf die Welt gesetzt und der Polizeipräf ekt Carlier sie unter seine offizielle Protektion gestellt, obgleich das
französische Gesetz alle Lotterien mit Ausnahme der Verloosung zu wohlthätigen Zwecken untersagt. Sieben Millionen Loose, Stück für Stück ein
Frank, der Gewinn angeblich bestimmt zur Verschiffung Pariser Vagabunden nach Kalifornien. Einerseits sollten goldene Träume die sozialistischen
Träume des Pariser Proletariats verdrängen, die verführerische Aussicht auf
das große Loos das doktrinäre Recht auf Arbeit. Die Pariser Arbeiter erkannten natürlich in dem Glänze der kalifornischen Goldbarren die unscheinbaren Franken nicht wieder, die man ihnen aus der Tasche lockte. In
der Hauptsache aber handelte es sich um eine direkte Prellerei. Die Vagabunden, die kalifornische Goldminen eröffnen wollten, ohne sich aus Paris

5

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - V

wegzubemühen, waren Bonaparte selbst und seine schuldenzerrüttete Tafelrunde. Die von der Nationalversammlung bewilligten drei Millionen waren
verjubelt, die Kasse mußte auf eine oder die andre Weise wieder gefüllt
werden. Vergebens hatte Bonaparte zur Errichtung von sogenannten cités
ouvriéres eine Nationalsubscription eröffnet, an deren Spitze er sich selbst
mit einer bedeutenden Summe voranstellte. Die harther|zigen Bourgeois
warteten mißtrauisch die Einzahlung seiner Aktie ab, und da diese natürlich
nicht erfolgte, fiel die Spekulation auf die sozialistischen Luftschlésser platt
zu Boden. Die Goldbarren zogen besser. Bonaparte und Genossen begniigten
sich nicht damit, den Ueberschuß der sieben Millionen über die auszuspielenden Barren theilweise in die Tasche zu stecken, sie fabrizirten
falsche Loose, sie gaben auf dieselbe Nummer 10, fünfzehn bis zwanzig
Loose aus, Finanzoperation im Geiste der Gesellschaft vom 10. Dezember.
Hier hatte die Nationalversammlung nicht den fiktiven Präsidenten der
Republik sich gegenüber, sondern den Bonaparte in Fleisch und Blut. Hier
konnte sie ihn auf der That ertappen im Konflikte nicht mit der Konstitution,
sondern mit dem Code pénal. Wenn sie auf Duprat's Interpellation zur
Tagesordnung überging, geschah es nicht nur, weil Girardin's Antrag sich
für „satisfait" zu erklären, der Ordnungspartei ihre systematische Korrup-

20 tion in’ s Gedächtniß rief. Der Bourgeois, und vor Allem der zum Staatsmann

aufgeblähte Bourgeois ergänzt seine praktische Gemeinheit durch eine theoretische Ueberschwenglichkeit. Als Staatsmann wird er und die Staatsgewalt, die ihm gegenübersteht, ein höheres Wesen, das nur in höherer,
geweihter Weise bekämpft werden kann.

Bonaparte, der eben als Bohémien, als prinzlicher Lumpenproletarier den
Vorzug vor dem schuftigen Bourgeois hatte, daß er den Kampf gemein
führen konnte, sah nun, nachdem die Versammlung selbst ihn über den
schlüpfrigen Boden der MUitärbanquets, der Revuen, der Gesellschaft vom
10. Dezember und endlich des Code pénal mit eigner Hand hinübergeleitet
hatte, den Augenblick gekommen, wo er aus der scheinbaren Defensive in
die Offensive übergehen konnte. Wenig genirten ihn die mitten durch
spielenden kleinen Niederlagen des Justizministers, des Kriegsministers, des
Marineministers, des Finanzministers, wodurch die Nationalversammlung
ihr knurriges Mißvergnügen kundgab. Er verhinderte nicht nur die Minister
abzutreten und so die Unterwerfung der Exekutivgewalt unter das Parlament
anzuerkennen. Er konnte nun vollbringen, womit er während der Ferien der
Nationalversammlung begonnen hatte, die LosreiBung der Militärgewalt
vom Parlamente, die Absetzung Changamier's.

Ein elyseisches Blatt veröffentlichte einen Tagesbefehl, während des
Monats Mai angeblich an die erste Militärdivision gerichtet, also von
Changarnier ausgehend, worin den Offizieren empfohlen wurde, im Falle

Karl Marx

einer Empörung den Verräthern in ihren eignen Reihen kein Pardon zu geben,
sie sofort zu erschießen und der Nationalversammlung die Truppen zu
verweigern, wenn sie dieselben requiriren sollte. Am 3. Januar 1851 wurde
das Kabinet über diesen Tagesbefehl interpellirt. Es verlangt zur Prüfung
dieser Angelegenheit erst drei Monate, dann eine Woche, endlich nur vier
und zwanzig Stunden Bedenkzeit. Die Versammlung besteht auf sofortigem
Aufschlüsse. Changarnier erhebt sich und erklärt, daß dieser Tagesbefehl
nie existirt habe. Er fügt hinzu, daß er sich stets beeilen werde, den Aufforderungen der Nationalversammlung nachzukommen, und daß sie in einem
Kollisionsfalle auf ihn rechnen könne. Sie empfängt seine Erklärung mit
unaussprechlichem Applaus und dekretirt ihm ein Vertrauensvotum. Sie
dankt ab, sie dekretirt ihre eigne Machtlosigkeit und die Allmacht der Armee,
indem sie sich unter die Privatprotektion eines Generals begibt, aber der
General täuscht sich, indem er ihr gegen Bonaparte eine Macht zu Gebote
stellt, die er nur als Lehen von demselben Bonaparte hält, indem er seinerseits Schutz von diesem Parlamente, von seinem schutzbedürftigen
Schützlinge erwartet. Aber Changarnier glaubt an die mysteriöse Macht,
womit ihn die Bourgeoisie seit dem 29. Januar 1849 ausgestattet. Er hält sich
für die dritte Gewalt neben den beiden übrigen Staatsgewalten. Er theilt das
Schicksal der übrigen Helden oder vielmehr Heiligen dieser Epoche, deren
Größe eben in der interessirten großen Meinung besteht, die ihre Partei von
ihnen aufbringt, und die in Alltagsfiguren zusammenfallen, sobald die Verhältnisse sie einladen Wun|der zu verrichten. Der Unglaube istüberhaupt
der tödtliche Feind dieser vermeinten Helden und wirklichen Heiligen. Daher
ihre würdevoll-sittliche Entrüstung über die enthusiasmusarmen Witzlinge
und Spötter.

An demselben Abende wurden die Minister nach dem Elysée beschieden,
Bonaparte dringt auf die Absetzung Changarnier's, fünf Minister weigern
sich sie zu zeichnen, der Moniteur kündigt eine Ministerkrise an und die
Ordnungspresse droht mit der Bildung einer parlamentarischen Armee unter
dem Kommando Changarnier's. Die Partei der Ordnung hatte die konstitutionelle Befugniß zu diesem Schritte. Sie brauchte blos Changarnier zum
Präsidenten der Nationalversammlung zu ernennen und eine beliebige
Truppenmasse zu ihrer Sicherheit zu requiriren. Sie konnte es um so sicherer,
als Changarnier noch wirklich an der Spitze der Armee und der Pariser
Nationalgarde stand, und nur darauf lauerte, mit sammt der Armee requirirt
zu werden. Die bonapartistische Presse wagte noch nicht einmal das Recht
der Nationalversammlung zu direkter Requisition der Truppen in Frage zu
stellen, ein juristischer Skrupel, der unter den gegebenen Verhältnissen
keinen Erfolg versprach. Daß die Armee dem Befehle der Nationalversammlung gehorcht hätte, ist wahrscheinlich, wenn man erwägt, daß Bonaparte

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - V

acht Tage in ganz Paris suchen mußte, um endlich zwei Generale zu finden
— Baraguay d'Hilliers und St. Jean d'Angely —, die sich bereit erklärten, die
Absetzung Changarnier's zu kontrasigniren. Daß die Ordnungsparteiinihren
eignen Reihen und im Parlamente die zu einem solchen Beschlüsse nöthige
Stimmenzahl gefunden hätte, ist mehr als zweifelhaft, wenn man bedenkt,
daß acht Tage später 286 Stimmen sich von ihr trennten, und daß die
Montagne einen ähnlichen Vorschlag noch im Dezember 1851 in der letzten
Stunde der Entscheidung verwarf. Indessen wäre es vielleicht den Burggrafen jetzt noch gelungen, die Masse ihrer Partei zu einem Heroismus
hinzureißen, der darin bestand, sich hinter einem Walde von Bajonetten
sicher zu fühlen und den Dienst einer Armee anzunehmen, die in ihr Lager
desertirt war. Statt dessen begaben sich die Herren Burggrafen am Abende
des 6. Januar in's Elysée, um durch staatskluge Wendungen und Bedenken
Bonaparte von der Absetzung Changarnier's abstehen zu machen. Wen man
zu überreden sucht, den erkennt man als den Meister der Situation an.
Bonaparte, durch diesen Schritt sicher gemacht, ernennt am 12. Januar ein
neues Ministerium, worin die Führer des alten, Fould und Baroche, verbleiben. St. Jean d'Angely wird Kriegsminister, der Moniteur bringt das
Absetzungsdekret Changarniers, sein Kommando wird getheilt unter
Baraguay d'Hilliers, der die erste Militärdivision, und Perrot, der die Nationalgarde erhält. Das Bollwerk der Gesellschaft ist abgedankt, und wenn
kein Stein darüber vom Dache fällt, steigen dagegen die Börsenkurse.
Indem sie die Armee, die sich ihr in Changarnier's Person zur Verfügung
stellt, zurückstößt und so unwiderruflich dem Präsidenten überantwortet,
erklärt die Ordnungspartei, daß die Bourgeoisie den Beruf zum Herrschen
verloren hat. Es existirte kein parlamentarisches Ministerium mehr. Indem
sie nun noch die Handhabe der Armee und Nationalgarde verlor, welches
Gewaltmittel blieb ihr, um gleichzeitig die usurpirte Gewalt des Parlaments
über das Volk und seine konstitutionelle Gewalt gegen den Präsidenten zu
behaupten? Keins. Es blieb ihr nur noch der Appell an gewaltlose Prinzipien,
die sie selbst stets nur als allgemeine Regeln ausgelegt hatte, die man Dritten
vorschreibt, um sich selbst desto freier bewegen zu können. Mit der Absetzung Changarnier's, mit dem Anheimfallen der Militärgewalt an Bonaparte, schließt der erste Abschnitt der Periode, die wir betrachten, die

35 Periode des Kampfes zwischen der Ordnungspartei und der Exekutivgewalt.

Der Krieg zwischen den beiden Gewalten ist jetzt offen erklärt, wird offen
geführt, aber erst nachdem die Ordnungspartei Waffen und Soldaten verloren hat. Ohne Ministerium, ohne Armee, ohne Volk, ohne öffentliche
Meinung, seit ihrem Wahlgesetz vom 31. Mai nicht mehr die Repräsentantin
der souveränen Nation, ohn' Aug’, ohn' Ohr, ohn' Zahn, ohn' Alles hatte sich
die Natio|nalversammlung allgemach in ein altfranzösisches Parlament

Karl Marx

verwandelt, das die Aktion der Regierung überlassen und sich selbst mit
knurrenden Remonstrationen post festum begnügen muß.

Die Ordnungspartei empfängt das neue Ministerium mit einem Sturme der
Entrüstung. General Bedeau ruft die Milde der Permanenzkommission
während der Ferien in's Gedächtniß zurück und die übergroße Rücksicht,
womit sie auf die Veröffentüchung ihrer Protokolle verzichtet habe. Der
Minister des Innern besteht nun selbst auf Veröffentlichung dieser Protokolle, die jetzt natürlich schaal wie abgestandenes Wasser geworden sind,
keine neue Thatsache enthüllen und ohne die geringste Wirkung in das blasirte Publikum fallen. Auf Remusat's Vorschlag zieht sich die Nationalver-
Sammlung in ihre Bureaux zurück und ernennt ein „Komite außerordentlicher Maßregeln". Paris tritt um so weniger aus dem Geleise seiner alltäglichen Ordnung, als der Handel in diesem Augenblicke prosperirt, die Manufakturen beschäftigt sind, die Getreidepreise niedrig stehen, die Lebensmittel überfließen, die Sparkassen täglich neue Depositen erhalten. Die
„außerordentlichen Maßregeln", die das Parlament so geräuschvoll angekündigt hat, verpuffen am 18. Januar in ein Mißtrauensvotum gegen die
Minister, ohne daß General Changarnier auch nur erwähnt wurde. Die
Ordnungspartei war zu dieser Fassung ihres Votums gezwungen, um sich
die Stimmen der Republikaner zu sichern, da diese von allen Maßregeln des
Ministeriums gerade nur die Absetzung Changarnier's billigen, während die
Ordnungspartei in der That die übrigen ministeriellen Akte nicht tadeln kann,
die sie selbst diktirt hatte.

Für das Mißtrauensvotum vom 18.Januar entschieden 415 gegen
286 Stimmen. Es wurde also nur durchgesetzt durch eine Koalition der
entschiedenen Legitimisten und Orleanisten mit den reinen Republikanern
und der Montagne. Es bewies also, daß die Partei der Ordnung nicht nur das
Ministerium, nicht nur die Armee, sondern in Konflikten mit Bonaparte auch
ihre selbstständige parlamentarische Majorität verloren hatte, daß ein Trupp
von Repräsentanten aus ihrem Lager desertirt war, aus Vermittlungsf anatis
mus, aus Furcht vor dem Kampfe, aus Abspannung, aus Familienrücksicht
für blutverwandte Staatsgehalte, auf Spekulation für frei werdende Ministerposten (Odilon Barrot), aus dem platten Egoismus, womit der gewöhnliche Bourgeois stets geneigt ist, das Gesammtinteresse seiner Klasse diesem
oder jenem Privatmotive zu opfern. Die bonapartistischen Repräsentanten
gehörten von vornherein der Ordnungspartei nur im Kampfe gegen die
Revolution. Der Chef der katholischen Partei, Montalembert, warf seinen
Einfluß schon damals in die Wagschale Bonaparte's, da er an der Lebensfähigkeit der parlamentarischen Partei verzweifelte. Die Führer dieser Partei

endlich, Thiers und Berryer, der Orleanist und Legitimist, waren gezwungen,

sich offen als Republikaner zu proklamiren, zu bekennen, daß ihr Herz

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte « V

königlich, aber ihr Kopf republikanisch gesinnt, daß die parlamentarische
Republik die einzig mögliche Form für die Herrschaft der Gesammtbourgeoisie sei. Sie waren so gezwungen, die Restaurationspläne, die sie
unverdrossen hinter dem Rücken des Parlaments weiter verfolgten, vor den
Augen der Bourgeoisklasse selbst als eine eben so gefahrvolle wie kopflose
Intrigue zu brandmarken.

Das Mißtrauensvotum vom 18.Januar traf die Minister und nicht den
Präsidenten. Aber der Präsident hatte Changarnier abgesetzt und nicht die
Minister. Sollte die Ordnungspartei Bonaparte selbst in Anklagezustand
versetzen? Wegen seiner Restaurationsgelüste? Sie ergänzten nur ihre
eignen. Wegen seiner Konspiration in den Militärrevuen und der Gesellschaft
vom 10. Dezember? Sie hatten diese Themata längst unter einfachen Tagesordnungen begraben. Wegen der Absetzung des Helden vom 29. Januar und
vom 13. Juni, des Mannes, der Mai 1850 im Falle einer Erneute Paris an allen

15 vier Ecken in Brand zu stecken drohte ? Ihre Allürten von der Montagne und

Cavaignac erlaubten ihnen nicht einmal, das gefallene Bollwerk der Gesellschaft durch eine offizielle Beileidsbezeugung aufzurichten. Sie selbst
konnten dem Präsidenten die konstitutionelle Be|]39|fugniß einen General
abzusetzen nicht bestreiten. Sie tobten nur, weil er von seinem konstitutionellen Rechte einen unparlamentarischen Gebrauch machte. Hatten
sie von ihrer parlamentarischen Prärogative nicht fortwährend einen inkonstitutionellen Gebrauch gemacht und namentlich bei der Abschaffung
des allgemeinen Wahlrechts? Sie waren also darauf angewiesen, sich genau
innerhalb der parlamentarischen Schranken zu bewegen. Und es gehörte jene
eigenthümliche Krankheit dazu, die seit 1848 auf dem ganzen Kontinente
grassirte, der parlamentarische Kretinismus, der die Angesteckten in eine
eingebüdete Welt festbannt und ihnen allen Sinn, alle Erinnerung, alles
Verständniß für die rauhe Außenwelt raubt, dieser parlamentarische
Kretinismus gehörte dazu, wenn sie, die alle Bedingungen der parlamentarischen Macht mit eignen Händen zerstört hatten und in ihrem Kampfe mit
den andern Klassen zerstören mußten, ihre parlamentarischen Siege noch
für Siege hielten und den Präsidenten zu treffen glaubten, indem sie auf seine
Minister schlugen. Sie gaben ihm nur Gelegenheit, die Nationalversammlung
von Neuem in den Augen der Nation zu demüthigen. Am 20. Januar meldete
der Moniteur, daß die Entlassung des Gesammtministeriums angenommen
sei. Unter dem Vorwande, daß keine parlamentarische Partei mehr die
Majorität besitze, wie das Votum vom 18. Januar, diese Frucht der Koalition
zwischen Montagne und Royalisten beweise, und um die Neubildung einer
Majorität abzuwarten, ernannte Bonaparte ein sogenanntes Uebergangsministerium, wovon kein Mitglied dem Parlamente angehörte, lauter durchaus unbekannte und bedeutungslose Individuen, ein Ministerium von bloßen

Karl Marx

Kommis und Schreibern. Die Ordnungspartei konnte sich jetzt im Spiele mit
diesen Marionetten abarbeiten, die Exekutivgewalt hielt es nicht mehr der
Mühe werth, ernsthaft in der Nationalversammlung vertreten zu sein. Bonaparte konzentrirte um so sichtbarer die ganze Exekutivgewalt in seiner
Person, er hatte um so freiem Spielraum, sie zu seinen Zwecken auszubeuten, je mehr seine Minister reine Statisten waren.

Die mit der Montagne koalisirte Ordnungspartei rächte sich, indem sie die
präsidentielle Dotation von 1800000 Fres, verwarf, zu deren Vorlage das
Haupt der Gesellschaft vom 10. Dezember seine ministeriellen Kommis
gezwungen hatte. Diesmal entschied eine Majorität von nur 102 Stimmen,
es waren also seit dem 28. Januar neuerdings 27 Stimmen abgefallen, die
Auflösung der Ordnungspartei ging voran. Damit man sich keinen Augenblick über den Sinn ihrer Koalition mit der Montagne täusche, verschmähte
sie gleichzeitig einen von 189 Mitgliedern der Montagne unterzeichneten
Antrag auf allgemeine Amnestie der politischen Verbrecher auch nur in
Betracht zu ziehen. Es genügt, daß der Minister des Innern, ein gewisser
Vaissé erklärt, die Ruhe sei nur scheinbar, im Geheimen herrsche große
Agitation, im Geheimen organisirten sich allgegenwärtige Gesellschaften, die
demokratischen Blätter machten Anstalten um wieder zu erscheinen, die
Berichte aus den Departements lauteten ungünstig, die Flüchtlinge von Genf
leiteten eine Verschwörung über Lyon durch ganz Südfrankreich, Frankreich stehe am Rande einer industriellen und kommerziellen Krise, die
Fabrikanten von Roubaix hätten die Arbeitszeit vermindert, die Gefangenen
von Belle Isle sich empört — es genügte, daß selbst nur ein Vaisse das rothe
Gespenst heraufbeschwor, damit die Partei der Ordnung ohne Diskussion
einen Antrag verwarf, der der Nationalversammlung eine ungeheure Popularität erobern und Bonaparte in ihre Arme zurückwerfen mußte. Statt sich
von der Exekutivgewalt durch die Perspektive neuer Unruhen einschüchtern
zu lassen, hätte sie vielmehr dem Klassenkampf einen kleinen Spielraum
gewähren müssen, um die Exekutive von sich abhängig zu erhalten. Aber
sie fühlte sich nicht der Aufgabe gewachsen, mit dem Feuer zu spielen.

Unterdessen vegetirte das sogenannte Uebergangsministerium bis Mitte
April fort. Bonaparte ermüdete, foppte die Nationalversammlung mit beständig neuen Ministerkombinationen. Bald schien er ein republikanisches
Ministerium bilden zu wollen mit Lamartine und Billault, bald ein parlamentarisches mit dem unvermeidlichen Odilon Barrot, dessen Name nie
fehlen darf, wenn ein Dupe nothwendig | ist, bald ein legitimistisches mit
Vatimesnü und Benoist d'Azy, bald ein orleanistisches mit Maleville.
Während er so die verschiedenen Fraktionen der Ordnungspartei in Spannung gegen einander erhält und sie insgesammt mit der Aussicht auf ein
republikanisches Ministerium und die dann unvermeidlich gewordene Her-

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte •° V

Stellung des allgemeinen Wahlrechts ängstet, bringt er gleichzeitig bei der
Bourgeoisie die Ueberzeugung hervor, daß seine aufrichtigen Bemühungen
um ein parlamentarisches Ministerium an der Unversöhnlichkeit der royalistischen Fraktionen scheitern. Die Bourgeoisie schrie aber um so lauter
nach einer „starken Regierung", sie fand es um so unverzeihlicher, Frankreich „ohne Administration" zu lassen, jemehr eine allgemeine Handelskrise
nun im Anmärsche schien und in den Städten für den Sozialismus warb, wie
der ruinirend niedrige Preis des Getreides auf dem Lande. Der Handel wurde
täglich flauer, die unbeschäftigten Hände vermehrten sich zusehends, in
Paris waren wenigstens 10000 Arbeiter brodlos, in Rouen, Mühlhausen,
Lyon, Roubaix, Tourcoing, St.Etienne, Elbeuf u.s.w. standen zahllose
Fabriken still. Unter diesen Umständen konnte Bonaparte es wagen, am
11. April das Ministerium vom 18. Januar zu restauriren. Die Herren Rouher,
Fould, Baroche etc. verstärkt durch Herrn Léon Faucher, den während der
letzten Tage der Konstituante die Versammlung einstimmig mit Ausnahme
von fünf Ministerstimmen wegen Verbreitung falscher telegraphischer
Depeschen mit einem Mißtrauensvotum gebrandmarkt hatte. Die Nationalversammlung hatte also am 18. Januar einen Sieg über das Ministerium
davongetragen, sie hatte während drei Monaten mit Bonaparte gekämpft,
damit am 11. April Fould und Baroche den Puritaner Faucher als Dritten in
ihrem ministeriellen Bunde aufnehmen konnten.
November 1849 hatte sich Bonaparte mit einem unparlamentarischen
Ministerium begnügt, Januar 1851 mit einem außerparlamentarischen, am
11. April fühlte er sich stark genug, ein antiparlamentarisches Ministerium
zu bilden, das die Mißtrauensvota beider Versammlungen, der Konstituante
und der Legislativen, der republikanischen und royalistischen harmonisch
in sich vereinigte. Diese Stufenleiter von Ministerien war der Termometer,
woran das Parlament die Abnahme der eignen Lebenswärme messenkonnte.
Diese war Ende April tief genug gesunken, daß Persigny den Changarnier
in einer persönlichen Zusammenkunft auffordern konnte, in das Lager des
Präsidenten überzugehen. Bonaparte, versicherte er ihm, betrachte den
Einfluß der Nationalversammlung als vollständig vernichtet und schon liege
die Proklamation bereit, die nach dem beständig beabsichtigten, aber zufällig
wieder aufgeschobenen coup d'état veröffentlicht werden solle. Changarnier theilte den Führern der Ordnungspartei die Todesanzeige mit, aber wer
glaubt, daß der Biß von Wanzen tödte? Und das Parlament, so geschlagen,
so aufgelöst, so sterbefaul es war, konnte sich nicht überwinden, in dem
Duelle mit dem grotesken Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember etwas
Andres zu sehen, als das Duell mit einer Wanze. Aber Bonaparte antwortete
der Partei der Ordnung wie Agesilaus dem Könige Agis: „Ich scheine Dt

”

Ameise aber ich werde einmal Löwe sein.

Karl Marx

VI.

Die Koalition mit der Montagne und den reinen Republikanern, wozu die
Ordnungspartei in ihren vergeblichen Anstrengungen den Besitz der Militargewalt zu behaupten und die oberste Leitung der Exekutivgewalt wieder
zu erobern, sich verurtheilt sah, bewies unwidersprechlich, daß sie die
selbstständige parlamentarische Majorität eingebüßt hatte. Die bloße Macht
des Kalenders, der Stundenzeiger gab am 28. Mai das Signal ihrer völligen
Auflösung. Mit dem 28. Mai begann das letzte Lebensjahr der Nationalversammlung. Sie mußte sich | nun entscheiden für unveränderte Fortdauer oder für Revision der Verfassung. Aber Revision der Verfassung das

hieß nicht nur Herrschaft der Bourgeoisie oder kleinbürgerliche Demokratie,
Demokratie oder proletarische Anarchie, parlamentarische Republik oder
Bonaparte, das hieß zugleich Orleans oder Bourbon! So fiel mitten in das
Parlament der Erisapf el, an dem sich der Widerstreit der Interessen, die die
Ordnungspartei in feindliche Fraktionen sonderten, offen entzünden mußte.

Die Ordnungspartei war eine Verbindung von heterogenen gesellschaftlichen
Substanzen. Die Revisionsfrage erzeugte eine politische Temperatur, worin
das Produkt wieder in seine ursprünglichen Bestandtheile zerfallen mußte.

Das Interesse der Bonapartisten an der Revision war einfach. Für sie handelte es sich vor Allem um Abschaffung des Artikels 45, der Bonaparte's
Wiederwahl untersagte und die Prorogation seiner Gewalt. Nicht minder
einfach schien die Stellung der Republikaner. Sie verwarfen unbedingt jede
Revision, sie sahen in ihr eine allseitige Verschwörung gegen die Republik.
Da sie über mehr als ein Viertel der Stimmen in der Nationalversammlung
verfügten, und verfassungsmäßig drei Viertel der Stimmen zum rechtgültigen
Beschlüsse der Revision und zur Einberufung einer revidirenden Versammlung erfordert waren, brauchten sie nur ihre Stimmen zu zählen, um des
Sieges sicher zu sein. Und sie waren des Sieges sicher.

Diesen klaren Stellungen gegenüber befand sich die Partei der Ordnung
in unentwirrbaren Widersprüchen. Verwarf sie die Revision, so gefährdete
sie den Statusquo, indem sie Bonaparte nur noch einen Ausweg übrig ließ,
den der Gewalt, indem sie Frankreich am 2. Mai 1852, im Augenblick der
Entscheidung der revolutionären Anarchie preisgab, mit einem Präsidenten,
der seine Autorität verlor, mit einem Parlamente, das sie längst nicht mehr
besaß, und mit einem Volke, das sie wieder zu erobern dachte. Stimmte sie
für die verfassungsmäßige Revision, so wußte sie, daß sie umsonst stimmte
und am Veto der Republikaner verfassungsmäßig scheitern müsse. Erklärte
sie verfassungswidrig die einfache Stimmenmajorität für bindend, so konnte
sie die Revolution nur zu beherrschen hoffen, wenn sie sich unbedingt der

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - VI

Botmäßigkeit der Exekutivgewalt unterwarf, so machte sie Bonaparte zum
Meister über die Verfassung, über die Revision und über sich selbst. Eine
nur theilweise Revision, die die Gewalt des Präsidenten verlängerte, bahnte
der imperialistischen Usurpation den Weg. Eine allgemeine Revision die die
Existenz der Republik abkiirzte, brachte die dynastischen Ansprüche in
unvermeidlichen Konflikt, denn die Bedingungen für eine bourbonische und
die Bedingungen für eine orleanistische Restauration waren nicht nur verschieden, sie schlössen sich wechselseitig aus.

Die parlamentarische Republik war mehr als das neutrale Gebiet, worin
die zwei Fraktionen der französischen Bourgeoisie, Legitimisten und Orleanisten, großes Grundeigenthum und Industrie gleichberechtigt nebeneinander hausen konnten. Sie war die unumgängliche Bedingung ihrer gemeinsamen Herrschaft, die einzige Staatsform, worin ihr allgemeines Klasseninteresse sich zugleich die Ansprüche ihrer besondern Fraktionen wie alle

übrigen Klassen der Gesellschaft unterwarf. Als Royalisten fielen sie inihren

alten Gegensatz zurück, in den Kampf um die Suprematie des Grundeigenthums oder des Geldes, und der höchste Ausdruck dieses Gegensatzes,
die Personifikation desselben, waren ihre Könige selbst, ihre Dynastien.
Daher das Sträuben der Ordnungspartei gegen die Ruckberufung der Bornbonen.

Der Orleanist und Volksrepräsentant Creton hatte 1849, 1850 und 1851
periodisch den Antrag gestellt, das Verbannungsdekret gegen die königlichen
Familien aufzuheben. Das Parlament bot eben so periodisch das Schauspiel
einer Versammlung von Royalisten, die ihren verbannten Königen hartnäckig die Thore verschließt, durch die sie heimkehren Könnten. Richard III.
hatte Heinrich VI. ermordet mit dem Bemerken, daß er zu gut für diese Welt
sei und in den Himmel gehöre. Sie erklärten Frankreich für zu schlecht, seine
Könige wieder zu besitzen. Durch die Macht der Verhältnisse gezwungen
waren sie zu Republikanern geworden | und sanktionirten wiederholt den

Volksbeschluß, der ihre Könige aus Frankreich verjagte.

Die Revision der Verfassung — und sie in Betracht zu ziehen zwangen die
Umstände — stellte mit der Republik zugleich die gemeinsame Herrschaft
der beiden Bourgeois-Fraktionen in Frage und rief mit der Möglichkeit der
Monarchie, die Rivalität der Interessen, die sie abwechselnd vorzugsweise
vertreten hatte, in's Leben zurück, den Kampf um die Suprematie der einen
Fraktion über die andre. Die Diplomaten der Ordnungspartei glaubten den
Kampf schlichten zu können durch eine Verschmelzung beider Dynastien,
durch eine sogenannte Fusion der royalistischen Parteien und ihrer Königshäuser. Die wirkliche Fusion der Restauration und der Julimonarchie war
die parlamentarische Republik, worin orleanistische und legitimistische
Farben ausgelöscht wurden und die Bourgeois-Arten in dem Bourgeois

Karl Marx

schlechtweg, in der Bourgeois-Gattung verschwanden. Jetzt aber sollte der
Orleanist Legitimist, der Legitimist Orleanist werden. Das Königthum, worin
sich ihr Gegensatz personifizirte, sollte ihre Einheit verkörpern, der Ausdruck ihrer ausschließlichen Fraktionsinteressen zum Ausdruck ihres gemeinsamen Klasseninteresses werden, die Monarchie das leisten, was nur
die Aufhebung zweier Monarchien, die Republik leisten konnte und geleistet
hatte. Es war dies der Stein des Weisen, an dessen Herstellung sich die
Doktoren der Ordnungspartei die Köpfe zerbrachen. Als könnte die legitime
Monarchie jemals die Monarchie der industriellen Bourgeois oder das
Bürgerkönigthum jemals das Königthum der angestammten Grundaristokratie werden. Als könnten Grundeigenthum und Industrie sich unter einer
Krone verbrüdern, wo die Krone nur auf ein Haupt fallen konnte, auf das
Haupt des altern Bruders oder des jungem. Als könnte die Industrie sich
überhaupt mit dem Grundeigenthum ausgleichen, so lange das Grund-

eigenthum sich nicht entschließt, selbst industriell zu werden. Wenn Henri V.

morgen stürbe, der Graf von Paris würde darum nicht der König der Legitimisten, es sei denn, daß er aufhörte, der König der Orleanisten zu sein.
Die Philosophen der Fusion jedoch, die sich in dem Maße breit machten, als
die Revisionsfrage in den Vordergrund trat, die sich in der „Assemblee
nationale" ein offizielles Tagesorgan geschaffen hatten, die sogar in diesem
Augenblicke (Februar 1852) wieder am Werke sind, erklärten sich die ganze
Schwierigkeit aus dem Widerstreben und der Rivalität der beiden Dynastien.
Die Versuche, die Familie Orleans mit Heinrich V. zu versöhnen, seit dem
Tode Louis Philippe's begonnen, aber wie die dynastischen Intriguen überhaupt nur während der Ferien der Nationalversammlung, in den Zwischenakten, hinter den Coulissen gespielt, mehr sentimentale Koquetterie mit dem
alten Aberglauben, als ernstgemeintes Geschäft, wurden nun zu Haupt- und
Staatsaktionen und von der Ordnungspartei auf der öffentlichen Bühne
aufgeführt, statt wie bisher auf dem Liebhabertheater. Die Kuriere flogen
von Paris nach Venedig, von Venedig nach Claremont, von Claremont nach
Paris. Der Graf von Chambord erläßt ein Manifest, worin er „mit Hülfe aller
Glieder seiner Familie" nicht seine, sondern die „nationale" Restauration
anzeigt. Der Orleanist Salvandy wirft sich Heinrich V. zu Füßen. Die Legitimistenchef s Berryer, Benoit d'Azy, St. Priest, wandern nach Claremont,
um die Orleans zu überreden, aber vergeblich. Die Fusionisten gewahren zu
spät, daß die Interessen der beiden Bourgeois-Fraktionen weder an Ausschließlichkeit verlieren, noch an Nachgiebigkeit gewinnen, wo sie in der
Form von Familieninteressen, von Interessen zweier Königshäuser sich
zuspitzen. Wenn Heinrich V. den Grafen von Paris als Nachfolger anerkannte — der einzige Erfolg, den die Fusion im besten Fall erzielen
konnte —, so gewann das Haus Orleans keinen Anspruch, den ihm die

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - VI

Kinderlosigkeit Heinrich V. nicht schon gesichert hatte, aber es verlor alle
Ansprüche, die es durch die Julirevolution erobert hatte. Es verzichtete auf
seine Originalanspriiche, auf alle Titel die es in einem mehr als hundertjährigen Kampfe dem älteren Zweige der Bourbonen abgerungen, es tauschte
seine historischen Prärogative, die Prärogative des modernen Königthums,
gegen die Prärogative seines | Stammbaums aus. Die Fusion war also
nichts, als eine freiwillige Abdankung des Hauses Orleans, die legitimistische
Resignation desselben, der reuige Rücktritt aus der protestantischen Staatskirche in die katholische. Ein Rücktritt, der es dazu nicht einmal auf den
Thron, den es verloren hatte, sondern auf die Stufe des Throns brachte, auf
der es geboren war. Die alten orleanistischen Minister Guizot, Duchateletc,
die ebenfalls nach Claremont eilten, um die Fusion zu bevorworten, vertraten
in der That nur den Katzenjammer über die Julirevolution, die Verzweiflung
am Bürgerkönigthum und am Königthum der Bürger, den Aberglauben an
die Legitimität als das letzte Amulet gegen die Anarchie. In ihrer Einbildung
Vermittler zwischen Orleans und Bourbon waren sie in der Wirklichkeit nur
noch abgefaline Orleanisten, und als solche empfing sie der Prinz von Joinville. Der lebensfähige, kriegerische Theil der Orleanisten dagegen, Thiers,
Baze u. s. w., überzeugten die Familie Louis Philippe's um so leichter, daß
wenn jede unmittelbar monarchische Restauration die Fusion der beiden
Dynastien, jede solche Fusion aber die Abdankung des Hauses Orleans
voraussetze, es dagegen ganz der Tradition ihrer Vorfahren entspreche,
vorläufig die Republik anzuerkennen und abzuwarten, bis die Ereignisse
erlaubten, den Präsidentenstuhl in einen Thron zu verwandeln. Joinville's
Kandidatur wurde gerüchtsweise ausgesprengt, die öffentliche Neugier in
der Schwebe erhalten, und einige Monate später, nach Verwerfung der
Revision, im September öffentlich proklamirt.

Der Versuch einer royalistischen Fusion zwischen Orleanisten und Legitimisten war so nicht nur gescheitert, er hatte ihre parlamentarische Fusion,

30 ihre republikanische Gemeinform gebrochen und die Ordnungspartei wieder

in ihre ursprünglichen Bestandtheile zersetzt; aber je mehr die Entfremdung
zwischen Claremont und Venedig wuchs, ihre Ausgleichung sich zerschlug,
die Joinvüle-Agitation um sich griff, desto eifriger, ernster wurden die
Verhandlungen zwischen Faucher, dem Minister Bonaparte's und den Legitimisten.

Die Auflösung der Ordnungspartei blieb nicht bei ihren ursprünglichen
Elementen stehen. Jede der beiden grofen Fraktionen zersetzte sich
ihrerseits von Neuem. Es war, als wenn alle die alten Nuanzen, die sich
früher innerhalb jedes der beiden Kreise, sei es des legitimen, sei es des

40 orleanistischen, bekämpft und gedrängt hatten, wieder auf gethaut wären, wie

vertrocknete Infusorien bei Berührung mit Wasser, als wenn sie von Neuem

Karl Marx

Lebenskraft genug gewonnen hätten, um eigne Gruppen und selbstständige
Gegensätze zu bilden. Die Legitimisten träumten sich zurück in die Streitfragen zwischen den Tuilerien und dem Pavillon Marsan, zwischen Villéle
und Polignac. Die Orleanisten durchlebten von Neuem die goldene Zeit der
Turniere zwischen Guizot, Mole, Broglie, Thiers und Odilon Barrot.

Der revisionslustige, aber über die Grenzen der Revision wieder uneinige
Theil der Ordnungspartei, zusammengesetzt aus den Legitimisten unter
Berryer und Falloux einerseits, unter Larochejaquelin andrerseits, und den
kampfmüden Orleanisten unter Mole, Broglie, Montalembert und Odilon
Barrot, vereinbarte sich mit den bonapartistischen Repräsentanten zu folgenden unbestimmten und weitgefaßten Antrage: „Die unterzeichneten
Repräsentanten, mit dem Zwecke, der Nation die volle Ausübung ihrer
Souveränität wiederzugeben, stellen die Motion, daß die Verfassung revidirt
werde." Gleichzeitig aber erklären sie einstimmig durch ihren Berichterstatter Tocqueville, die Nationalversammlung habe nicht das Recht, die
Abschaffung der Republik zu beantragen, dies Recht stehe nur der Revisionskammer zu. Uebrigens könne die Verfassung nur auf „legale" Weise
revidirt werden, also nur, wenn das verfassungsmäßig vorgeschriebene
Dreiviertel der Stimmenzahl für Revision entscheide. Nach sechstägigen
stürmischen Debatten, am 19. Juli, wurde die Revision, wie vorherzusehen,
verworfen. Es stimmten 446 dafür, aber 278 dagegen. Die entschiedenen
Orleanisten Thiers, Changarnier etc. stimmten mit den Republikanern und
der Montagne. |

 Die Majorität des Parlaments erklärte sich so gegen die Verfassung,
aber diese Verfassung selbst erklärte sich für die Minorität, und ihren
Beschluß für bindend. Hatte aber die Ordnungspartei nicht am 31. Mai 1850,
nicht am 13. Juni 1849 die Verfassung der parlamentarischen Majorität
untergeordnet? Beruhte ihre ganze bisherige Politik nicht auf der Unterordnung der Verfassungsparagraphen unter die parlamentarischen Majoritätsbeschlüsse? Hatte sie den alttestamentarischen Aberglauben an den
Buchstaben des Gesetzes nicht den Demokraten überlassen und an den
Demokraten gezüchtigt? In diesem Augenblicke aber hieß Revision der
Verfassung nichts Andres, als Fortdauer der präsidentiellen Gewalt, wie
Fortdauer der Verfassung nichts Andres hieß, als Absetzung Bonaparte's.
Das Parlament hatte sich für ihn erklärt, aber die Verfassung erklärte sich
gegen das Parlament. Er handelte also im Sinne des Parlaments, wenn er die
Verfassung zerriß, und er handelte im Sinne der Verfassung, wenn er das
Parlament auseinanderjagte.

Das Parlament hatte die Verfassung und mit ihr seine eigne Herrschaft
„außerhalb der Majorität" erklärt, es hatte durch seinen Beschluß die Verfassung aufgehoben und die präsidentielle Gewalt verlängert und zugleich

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - VI

erklärt, daß weder die eine sterben noch die andre leben könne, so lange es
selbst fortbestehe. Die Füße derer, die es begraben sollten, standen vor der
Thüre. Während es die Revision debattirte, entfernte Bonaparte den General
Baraguay d'Hilliers, der sich unschlüssig zeigte, von dem Kommando der
ersten Militärdivision und ernannte an seine Stelle den General Magnan, den
Sieger von Lyon, den Helden der Dezembertage, eine seiner Kreaturen, der
sich schon unter Louis Philippe bei Gelegenheit der Expedition von Boulogne mehr oder minder für ihn kompromittirt hatte.

Die Ordnungspartei bewies durch ihren Beschluß über die Revision, daß
sie weder zu herrschen noch zu dienen, weder zu leben noch zu sterben,
weder die Republik zu ertragen noch sie umzustürzen, weder die Verfassung
aufrecht zu erhalten noch sie über den Haufen zu werfen, weder mit dem
Präsidenten zusammenzuwirken noch mit ihm zu brechen verstand. Von
wem erwartete sie denn die Lösung aller Widersprüche? Von dem Kalender,
von dem Gang der Ereignisse. Sie hörte auf, sich die Gewalt über die Ereignisse anzumaßen. Sie forderte also die Ereignisse heraus, ihr Gewalt
anzuthun, und damit die Macht, an die sie im Kampfe mit dem Volke ein
Attribut nach dem andern abgetreten hatte, bis sie selbstihr gewaltlos gegenüberstand, damit der Chef der Exekutivgewalt desto ungestörter den Kampfplan gegen sie entwerfen, seine Angriffsmittel verstärken, seine Werkzeuge
auswählen, seine Positionen befestigen könne, beschloß sie mitten in diesem
kritischen Augenblicke von der Bühne abzutreten und sich auf drei Monate
zu vertagen, vom 10. August bis 4. November.

Die parlamentarische Partei war nicht nur in ihre zwei großen Fraktionen,
jede dieser Fraktionen war nicht nur innerhalb ihrer selbst aufgelöst,
sondern die Ordnungspartei im Parlamente war mit der Ordnungspartei
außerhalb des Parlaments zerfallen. Die Wortführer und die Schriftgelehrten
der Bourgeoisie, ihre Tribüne und ihre Presse, kurz die Ideologen der
Bourgeoisie und die Bourgeoisie selbst, die Repräsentanten und die Repräsentirten, standen sich entfremdet gegenüber und verstanden sich nicht
mehr.

Die Legitimisten in den Provinzen mit ihrem beschränkten Horizont und
ihrem unbeschränkten Enthusiasmus bezüchtigten ihre parlamentarischen
Führer, Berryer und Falloux der Desertion in's bonapartistische Lager und
des Abfalls von Heinrich V. Ihr Lilienverstand glaubte an den Sündenfall,
aber nicht an die Diplomatie.

Ungleich verhängnißvoller und entscheidender war der Bruch der kommerziellen Bourgeoisie mit ihren Politikern. Sie warf ihnen vor, nicht wie
die Legitimisten den ihren, von dem Prinzip abgefallen zu sein, sondern
umgekehrt, an unnütz gewordenen Prinzipien festzuhalten. |

 Ich habe schon früher angedeutet, daß seit dem Eintritt Fould's in's

Karl Marx

Ministerium der Theil der kommerziellen Bourgeoisie, der den Löwenantheil
an Louis Philippe's Herrschaft besessen hatte, daß die Finanzaristokratie
bonapartistisch geworden war. Fould vertrat nicht nur Bonaparte's Interesse
an der Börse, er vertrat zugleich das Interesse der Börse bei Bonaparte. Die
Stellung der Finanzaristokratie schildert am schlagendsten ein Citat aus
ihrem europäischen Organ, dem Londoner Oekonomist. In seiner Nummer
vom 1. Februar 1851 läßt er sich aus Paris schreiben: „Nun haben wir es
konstatirt von allen Seiten her, daß Frankreich vor Allem nach Ruhe verlangt. Der Präsident erklärt es in seiner Message an die legislative Versammlung, es tönt als Echo zurück von der nationalen Rednertribüne, es wird
betheuert von den Zeitungen, es wird verkündet von der Kanzel, es wird
bewiesen durch die Empfindlichkeit der Staatspapiere bei der geringsten
Aussicht auf Störung, durch ihre Festigkeit, so oft die Exekutivgewalt
siegt."

In seiner Nummer vom 29. November 1851 erklärt der Oekonomist in
seinem eignen Namen: „Aufallen Börsen von Europa ist der Präsident nun
als die Schüdwache der Ordnung anerkannt. " Die Finanzaristokratie verdammte also den parlamentarischen Kampf der Ordnungspartei mit der
Exekutivgewalt als eine Störung der Ordnung, und feierte jeden Sieg des
Präsidenten über ihre angeblichen Repräsentanten als einen Sieg der Ordnung. Man muß hier unter der Finanzaristokratie nicht nur die großen
Staatsgläubiger und Spekulanten in Staatspapieren verstehen, von denen es
sich sofort begreift, daß ihr Interesse mit dem Interesse der Staatsgewalt
zusammenfallt. Das ganze moderne Geldgeschäft, die ganze Bankwirthschaft ist auf das Innigste mit dem öffentlichen Kredit verwebt. Ein
Theil ihres Geschäftskapitals wird nothwendig in schnell konvertiblen
Staatspapieren angelegt und verzins't. Ihre Depositen, das ihnen zur Verfügung gestellte und von ihnen unter Kaufleute und Industrielle vertheilte
Kapital strömt großentheils aus den Dividenden der Staatsrentner her. Der
ganze Geldmarkt und die Priester dieses Geldmarkts, wenn so zu jeder
Epoche die Stabilität der Staatsgewalt Moses und die Propheten für sie
bedeutet; wie nicht erst heute, wo jede Sündfluth mit den alten Staaten die
alten Staatsschulden wegzuschwemmen droht?

Auch die industrielle Bourgeoisie ärgerte sich in ihrem Ordnungsfanatismus über die Zänkereien der parlamentarischen Ordnungspartei mit der
Exekutivgewalt. Thiers, Angles, Sainte-Beuve u. s.w. erhielten nach ihrem
Votum vom 18. Januar, bei Gelegenheit der Absetzung Changarnier's, öffentliche Zurechtweisungen von ihren Mandatgebern gerade aus den industriellen Bezirken, worin namentlich ihre Koalition mit der Montagne als Hochverrath an der Ordnung gegeißelt wurde. Wenn wir gesehen haben, daß die
prahlerischen Neckereien, die kleinlichen Intriguen, worin sich der Kampf

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - V!

der Ordnungspartei mit dem Präsidenten kundgab, keine bessere Aufnahme
verdienten, so war andrerseits diese Bourgeoispartei, die von ihren Vertretern verlangt, die Militärgewalt aus den Händen ihres eignen Parlaments
widerstandslos in die eines abentheuernden Prätendenten übergehen zu

5 lassen, nicht einmal der Intriguen werth, die in ihrem Interesse verschwendet

wurden. Sie bewies, daß der Kampf um die Behauptung ihres öffentlichen
Interesses, ihres eignen Klasseninteresses, ihrer politischen Macht sie als
Störung des Privatgeschäfts nur belästige und verstimme.

Die bürgerlichen Honoratioren der Departementalstädte, die Magistrate,
Handelsrichter u.s.w. empfingen mit kaum einer Ausnahme Bonaparte
überall auf seinen Rundreisen in der servilsten Weise, selbst wenn er in Dijon
die Nationalversammlung und speziell die Ordnungspartei rückhaltlos angriff.

Wenn der Handel gut ging, wie noch Anfang 1851, tobte die kommerzielle
Bourgeoisie gegen jeden parlamentarischen Kampf, damit dem Handel ja
nicht der Humor ausgehe. Wenn der Handel schlecht ging, wie fortdauernd
seit Ende Februar 1851, klagte sie die parlamentarischen Kämpfe als Ursache
der Stockung | an und schrie nach ihrem Verstummen, damit der Handel
wieder laut werde. Die Revisionsdebatten fielen gerade in diese schlechte
Zeit. Da es sich hier um Sein oder Nichtsein der bestehenden Staatsform
handelte, fühlte sich die Bourgeoisie um so berechtigter von ihren Repräsentanten das Ende dieses folternden Provisoriums und zugleich die Erhaltung
des Statusquo zu verlangen. Es war dies kein Widerspruch. Unter dem Ende
des Provisoriums verstand sie gerade seine Fortdauer, das Hinausschieben
des Augenblicks, wo es zu einer Entscheidung kommen mußte, in eine blaue
Ferne. Der Statusquo konnte nur auf zwei Wegen erhalten werden, Verlängerung der Gewalt Bonaparte's oder verfassungsmäßiger Abtritt desselben und Wahl Cavaignac's. Ein Theil der Bourgeoisie wünschte die letztre
Lösung und wußte seinen Repräsentanten keinen bessern Rath zu geben, als
zu schweigen, den brennenden Punkt unberührt zu lassen. Wenn ihre Repräsentanten nicht sprächen, meinten sie, werde Bonaparte nicht handeln.
Sie wünschten sich ein Straußenparlament, das seinen Kopf verstecke, um
ungesehen zu bleiben. Ein andrer Theil der Bourgeoisie wünschte Bonaparte,
weil er einmal auf dem Präsidentenstuhl saß, auf dem Präsidentenstuhl sitzen
zu lassen, damit Alles im alten Geleise bleibe. Es empörte sie, daß ihr Parlament nicht offen die Konstitution brach und ohne Umstände abdankte.

Die Generalräthe der Departements, diese Provinzialvertretungen der
großen Bourgeoisie, die während der Ferien der Nationalversammlung vom
25. August an tagten, erklärten sich fast einstimmig für die Revision, also
gegen das Parlament und für Bonaparte.

Noch unzweideutiger als den Zerfall mit ihren parlamentarischen Re-

Karl Marx

Präsentanten, legte die Bourgeoisie ihre Wuth über ihre literarischen Vertreter, tiber ihre eigne Presse an den Tag. Die Verurtheilungen zu unerschwinglichen Geldsummen und zu schamlosen Gefängnißstrafen durch
die Bourgeois-Juris für jeden Angriff der Bourgeois-Journalisten auf die
Usurpationsgelüste Bonaparte's, für jeden Versuch der Presse, die politischen Rechte der Bourgeoisie gegen die Exekutivgewalt zu vertheidigen,
setzten nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa in Erstaunen.

Wenn die parlamentarische Ordnungspartei, wie ich gezeigt habe, durch
ihr Schreien nach Ruhe sich selbst zur Ruhe verwies, wenn sie die politische
Herrschaft der Bourgeoisie für unverträglich mit der Sicherheit und dem
Bestand der Bourgeoisie erklärte, indem sie im Kampfe gegen die andern
Klassen der Gesellschaft alle Bedingungen ihres eignen Regimes, des parlamentarischen Regimes mit eigner Hand vernichtete, so forderte dagegen
die außerparlamentarische Masse der Bourgeoisie durch ihre Servilität gegen
den Präsidenten, durch ihre Schmähungen gegen das Parlament, durch die
brutale Mißhandlung der eignen Presse Bonaparte auf, ihren sprechenden
und schreibenden Theil, ihre Politiker und ihre Literaten, ihre Rednertribüne
und ihre Presse zu unterdrücken, zu vernichten, damit sie nun vertrauensvoll
unter dem Schutze einer starken und uneingeschränkten Regierung ihren
Privatgeschäften nachgehen könne. Sie erklärte unzweideutig, daß sie ihre
eigne politische Herrschaft loszuwerden schmachte, um die Mühen und
Gefahren der Herrschaft loszuwerden.

Und die Elende, die Feige, die sich schon gegen den blos parlamentarischen und literarischen Kampf für die Herrschaft ihrer eignen Klasse
empört und die Führer dieses Kampfes verrathen hatte, sie wagt jetzt
nachträglich das Proletariat anzuklagen, daß es nicht zum blutigen Kampfe,
zum Kampfe auf Leben und Tod für sie aufgestanden sei! Sie, die jeden
Augenblick ihr allgemeines Klasseninteresse, d.h. ihr politisches Interesse
dem bornirtesten, schmutzigsten Privatinteresse aufopferte und an ihre
Vertreter die Zumuthung eines ähnlichen Opfers stellte, sie jammert jetzt,
das Proletariat habe seinen materiellen Interessen ihre idealen politischen
Interessen geopfert. Sie gebahrt sich als schöne Seele, die von dem durch
Sozialisten irregeleiteten und egoistisch gewordenen Proletariat verkannt
und im entscheidenden Augenblicke verlassen worden sei. Und sie findet
ein allgemeines Echo in der bürger|J47Jlichen Welt. Ich spreche natürlich hier
nicht von deutschen Winkelpolitikernund Gesinnungslümmeln. Ich verweise
z.B. auf denselben Oekonomist, der noch am 29.November 1851, also vier
Tage vor dem Staatsstreich, Bonaparte für die „Schildwache der Ordnung",
die Thiers und Berryer aber für „Anarchisten" erklärte und schon am
27. Dezember 1851, nachdem Bonaparte jene Anarchisten zur Ruhe gebracht
hat, über den Verrath schreit, den „ignorante, unerzogne, stupide Pro-

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - VI

letariermassen an dem Geschick, der Kenntniß, der Disziplin, dem geistigen
Einfluß, den intellektuellen Hülf squellen und dem moralischen Gewicht der
mittleren und höheren Gesellschaftsränge" verübt hatten. Die stupide,
ignorante und gemeine Masse war Niemand anders, als die Bourgeoismasse
selbst.

Frankreich hatte allerdings im Jahre 1851 eine Art von kleiner Handelskrisis erlebt. Ende Februar zeigte sich Verminderung des Exports gegen
1850, im Marz litt der Handel und schlössen sich die Fabriken, im April schien
der Stand der industriellen Departements so verzweifelt wie nach den
Februartagen, im Mai war das Geschäft noch nicht wieder aufgelebt, noch
am 28. Juni zeigte das Portefeuille der Bank von Frankreich durch ein ungeheures Wachsen der Depositen und eine eben so große Abnahme der
Vorschüsse auf Wechsel den Stillstand der Produktion, und erst Mitte
Oktober trat wieder eine progressive Besserung des Geschäfts ein. Die
französische Bourgeoisie erklärte sich diese Handelsstockung aus rein
politischen Gründen, aus dem Kampfe zwischen dem Parlamente und der
Exekutivgewalt, aus der Unsicherheit einer nur provisorischen Staatsform,
aus der Schreckensaussicht auf den 2. Mai 1852. Ich will nicht läugnen, daß
alle diese Umstände einige Industriezweige in Paris und in den Departements
herabdrückten. Jedenfalls war aber diese Einwirkung der politischen Verhältnisse nur lokal und unerheblich. Bedarf es eines andern Beweises, als
daß die Besserung des Handels gerade in dem Augenblicke eintrat, wo sich
der politische Zustand verschlechterte, der politische Horizont verdunkelte
und jeden Augenblick ein Blitzstrahl aus dem Elysium erwartet wurde, gegen
Mitte Oktober? Der französische Bourgeois, dessen „Geschick, Kenntniß,
geistige Einsicht und intellektuelle Hülf squellen" nicht weiter reichen als
seine Nase, konnte übrigens während der ganzen Dauer der Industrieausstellung in London mit der Nase auf die Ursache seiner Handelsmisere
stoßen. Während in Frankreich die Fabriken geschlossen wurden, brachen
in England kommerzielle Bankerutte aus. Während der industrielle Panic im
April und Mai einen Höhepunkt in Frankreich erreichte, erreichte der
kommerzielle Panic April und Mai einen Höhepunkt in England. Wie die
französische litt die englische Wollindustrie, wie die französische die englische Seidenmanufaktur: Wenn die englischen Baumwollfabriken weiter
arbeiteten, geschah es nicht mehr mit demselben Profit, wie 1849 und 1850.
Der Unterschied war nur der, daß die Krise in Frankreich industriell, in
England kommerziell, daß während in Frankreich die Fabriken stillsetzten,
sie sich in England ausdehnten, aber unter ungünstigeren Bedingungen wie
in den vorhergehenden Jahren, daß in Frankreich der Export, in England der
Import die Hauptschläge erhielt. Die gemeinsame Ursache, die natürlich
nicht innerhalb der Grenzen des französisch-politischen Horizonts zu suchen

Karl Marx

ist, war augenscheinlich. 1849 und 1850 waren Jahre der größten materiellen
Prosperität und einer Ueberproduktion, die erst 1851 als solche hervortrat.
Sie wurde im Anfang dieses Jahres durch die Aussicht auf die Industrieausstellung noch besonders befördert. Als eigenthümliche Umstände kamen
hinzu: erst der Mißwachs der Baumwollenerndte von 1850 und 1851, dann
die Sicherheit einer größern Baumwollenerndte als erwartet war, erst das
Steigen, dann das plötzliche Fallen, kurz die Schwankungen der Baumwollenpreise. Die Rohseidenerndte war wenigstens in Frankreich noch unter
dem Durchschnittsertrage ausgefallen. Die Wollenmanufaktur endlich hatte
sich seit 1848 so sehr ausgedehnt, daß die Wollproduktion ihr nicht nachfolgen konnte und der Preis der Rohwolle in einem großen Mißverhältnisse
zu dem Preise der Wollfabrikate stieg. Hier haben wir also in dem Rohmaterial von drei Weltmarktsindustrieen schon dreifaches Material zu einer
Handelsstockung. Von diesen besondern Um|sténden abgesehen war die
scheinbare Krise des Jahres 1851 nichts Anders als der Halt, den Ueber-
Produktion und Ueberspekulation jedes Mal in der Beschreibung des industriellen Kreislaufes macht, bevor sie ihre letzten Kraftanstrengungen zusammenrafft, um fieberhaft den letzten Kreisabschnitt zu durchjagen und
bei ihrem Ausgangspunkt, der allgemeinen Handelskrise, wieder anzulangen.
In solchen Intervallen der Handelsgeschichte brechen in England kom-

merzielle Bankerutte aus, während in Frankreich die Industrie selbst stillgesetzt wird, theils durch die gerade dann unerträglich werdende Konkurrenz
der Engländer auf allen Märkten zum Rückzug gezwungen, theils als Luxusindustrie vorzugsweise von jeder Geschäftsstockung angegriffen. So macht
Frankreich außer den allgemeinen Krisen seine eignen nationalen Handels-

krisen durch, die jedoch weit mehr durch den allgemeinen Stand des Weltmarkts als durch französische Lokaleinflüsse bestimmt und bedingt werden.
Es wird nicht ohne Interesse sein, dem Vorurtheil des französischen
Bourgeois das Urtheil des englischen Bourgeois gegenüber zu stellen. Eins
der größten Liverpooler Häuser schreibt in seinem Jahres-Handelsberichte

für 1851: „Wenige Jahre haben die bei ihrem Beginnen gehegten Anticipationen mehr getäuscht, als das eben abgelaufene; statt der großen
Prosperität der man einstimmig entgegensah, bewies es sich als eins der
entmuthigendsten Jahre seit einem Vierteljahrhundert. Es gilt dies natürlich
nur von den merkantilen, nicht von den industriellen Klassen. Und doch
waren sicherlich Gründe vorhanden beim Beginne des Jahres auf das Gegentheil zu schließen, die Produktenvorräthe waren spärlich, Kapital überflüssig, Nahrungsmittel wohlfeil, ein reicher Herbst war gesichert; ungebrochner
Friede auf dem Kontinent und keine politischen oder finanziellen Störungen
zu Hause; in der That, die Flügel des Handels waren nie fesselloser. ...

Wem dies ungünstige Resultat zuschreiben? Wir glauben dem Ueberhandel

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - VI

sowohl in Importen als Exporten. Wenn unsere Kaufleute nicht selbst ihrer
Thätigkeit engere Grenzen ziehen, kann uns Nichts im Gleise halten, als
alle drei Jahre ein panic."

Man stelle sich nun den französischen Bourgeois vor, wie mitten in diesem
Geschäftspanic sein handelskrankes Gehirn gefoltert, umschwirrt, betäubt
wird von Gerüchten über Staatsstreiche und Herstellung des allgemeinen
Wahlrechts, von dem Kampfe zwischen Parlament und Exekutivgewalt, von
dem Frondekrieg der Orleanisten und Legitimisten, von kommunistischen
Konspirationen in Südfrankreich, von angeblichen Jacquerien in den Niévreund Cher-Departements, von den Reklamen der verschiedenen Präsidentschaftskandidaten, von den marktschreierischen Lösungen der Journale, von
den Drohungen der Republikaner, mit den Waffen in der Hand die Konstitution und das allgemeine Stimmrecht behaupten zu wollen, von den
Evangelien der emigrirten Helden in partibus, die den Weltuntergang für den
2. Mai 1852 anzeigten, und man begreift, daß der Bourgeois in dieser unsäglichen, geräuschvollen Konfusion von Fusion, Revision, Prorogation,
Konstitution, Konspiration, Koalition, Emigration, Usurpation und Revolution seiner parlamentarischen Republik toll zuschnaubt: „Lieber ein Ende
mit Schrecken, als ein Schrecken ohn' Endel"

Bonaparte verstand diesen Schrei. Sein Begriffsvermögen wurde geschärft durch den wachsenden Ungestüm von Gläubigern, die mit jedem
Sonnenuntergang, der den Verfalltag, den 2.Mai 1852 näher rückte, einen
Protest der Gestirnbewegungen gegen ihre irdischen Wechsel erblickten. Sie
waren zu wahren Astrologen geworden. Die Nationalversammlung hatte
Bonaparte die Hoffnung auf konstitutionelle Prorogation seiner Gewalt
abgeschnitten, die Kandidatur des Prinzen von Joinville gestattete kein
längeres Schwanken.

Wenn je ein Ereigniß lange vor seinem Eintritt seinen Schatten vor sich
hergeworfen hat, so war es Bonaparte's Staatsstreich. Schon am 29. Januar
1849, kaum einen Monat nach seiner Wahl, hatte er den Vorschlag dazu
Changarnier gemacht. Sein eigner Premierminister Odilon Barrot hatte im
Sommer 1849 verhüllt, Thiers im Winter 1850 offen die Politik der Staatsstreiche denunzirt. | Persigny hatte im Mai 1851 Changarnier noch einmal
für den Coup zu gewinnen gesucht, der „Messager de l'Assemblée" hatte
diese Unterhandlung veröffentlicht, die bonapartistischen Journale drohten
bei jedem parlamentarischen Sturme mit einem Staatsstreiche, und je näher
die Krise rückte, desto lauter wurde ihr Ton. In den Orgien, die Bonaparte
jede Nacht mit männlichem und weiblichem swell mob feierte, so oft die
Mitternachtsstunde heranrückte und reichliche Libationen die Zungen
gelös't und die Phantasieen erhitzt hatten, wurde der Staatsstreich für den
folgenden Morgen beschlossen. Die Schwerter wurden gezogen, die Gläser

Karl Marx

erklirrten, die Repräsentanten flogen zum Fenster hinaus, der Kaisermantel
fiel auf die Schultern Bonaparte's, bis der nächste Morgen wieder den Spuck
vertrieb und das erstaunte Paris von wenig verschlossenen Vestalinnen und
indiskreten Paladinen die Gefahr erfuhr, der es noch einmal entwischt war.
In den Monaten September und Oktober überstürzten sich die Gerüchte von
einem Coup d'état. Der Schatten nahm zugleich Farbe an, wie ein buntes
Daguerreotypbild. Man schlage die Monatsgänge für September und Oktober
in den Organen der europäischen Tagespresse nach und man wird wörtlich
Andeutungen wie folgende finden: Staatsstreich-Gerüchte erfüllen Paris. Die

Hauptstadt soll während der Nacht mit Truppen gefüllt werden und der andre 1 o

Morgen Dekrete bringen, die die Nationalversammlung auflösen, das Departement der Seine in Belagerungszustand versetzen, das allgemeine
Wahlrecht wiederherstellen, an's Volk appelliren. Bonaparte soll Minister
für die Ausführung dieser illegalen Dekrete suchen. Die Korrespondenzen,
die diese Nachrichten bringen, enden stets mit dem einsilbigen „aufgeschoben ". Der Staatsstreich war stets die fixe Idee Bonaparte's. Mit dieser
Idee hatte er den französischen Boden wiederbetreten. Sie besaß ihn so sehr,
daß er sie fortwährend verrieth und ausplauderte. Er war so schwach, daß
er sie ebenso fortwährend wieder aufgab. Der Schatten des Staatsstreiches
war den Parisern als Gespenst so familiär geworden, daß sie nicht an ihn
glauben konnten, als er endlich in Fleisch und Blut erschien. Es war also
weder die verschlossene Zurückhaltung des Chefs der Gesellschaft vom
10. Dezember, noch eine ungeahnte Ueberrumpelung von Seiten der Nationalversammlung, was den Staatsstreich gelingen ließ. Wenn er gelang, gelang
er trotz seiner Indiskretion und mit ihrem Vorwissen, ein nothwendiges,
unvermeidliches Resultat der vorhergegangenen Entwickelung.

Am 10. Oktober kündete Bonaparte seinen Ministern den Entschluß an,
das allgemeine Wahlrecht wieder herstellen zu wollen, am 16. gaben sie ihre
Entlassung, am 26. erfuhr Paris die Bildung des Ministeriums Thorigny. Der

Polizeipräf ekt Carlier wurde gleichzeitig durch Maupas ersetzt, der Chef der 30

ersten Militärdivision, Magnan, zog die zuverlässigsten Regimenter der
Hauptstadt zusammen. Am 4. November eröffnete die Nationalversammlung wieder ihre Sitzungen. Sie hatte nichts mehr zu thun, als in einem kurzen
bündigen Repetitorium den Cursus, den sie durchgemacht hatte, zu wiederholen und zu beweisen, daß sie erst begraben wurde, nachdem sie gestorben
war.

Der erste Posten, den sie im Kampfe mit der Exekutivgewalt eingebüßt
hatte, war das Ministerium. Sie mußte diesen Verlust feierlich eingestehn,
indem sie das Ministerium Thorigny, ein bloßes Scheinministerium, als voll
hinnahm. Die Permanenzkommission hatte Herrn Giraud mit Lachen
empfangen, als er sich im Namen der neuen Minister vorstellte. Ein so

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - VI

schwaches Ministerium für so starke Maßregeln, wie die Wiederherstellung
des allgemeinen Wahlrechts! Aber es handelte sich eben darum, Nichts im
Parlamente, Alles gegen das Parlament durchzusetzen.

Gleich am ersten Tage ihrer Wiedereröffnung erhielt die Nationalver-
Sammlung die Message Bonaparte's, worin er Wiederherstellung des allgemeinen Wahlrechts und Abschaffung des Gesetzes vom 31.Mai 1850
verlangte. Seine Minister brachten an demselben Tage ein Dekretin diesem
Sinne ein. Die Versammlung verwarf sofort den Dringlichkeitsantrag der
Minister und das Gesetz selbst am 13. November mit 355 gegen 348 Stimmen.
Sie zerriß so noch einmal ihr Mandat, | sie bestätigte noch einmal daß sie
sich aus der freigewählten Repräsentation des Volkes in das usurpatorische
Parlament einer Klasse verwandelt, sie bekannte noch einmal, daß sie selbst
die Muskeln entzweigeschnitten hatte, die den parlamentarischen Kopf mit
dem Körper der Nation verbanden.

Wenn die Exekutivgewalt durch ihren Antrag auf Wiederherstellung des
allgemeinen Wahlrechts von der Nationalversammlung an das Volk,
appellirte die gesetzgebende Gewalt durch ihre Quästorenbill von dem Volke
an die Armee. Diese Quästorenbill sollte ihr Recht auf unmittelbare Requisition der Truppen, auf Bildung einer parlamentarischen Armee festsetzen. Wenn sie so die Armee zum Schiedsrichter zwischen sich und dem
Volke, zwischen sich und Bonaparte ernannte, wenn sie die Armee als die
höchste Staatsgewalt anerkannte, mußte sie andrerseits bestätigen, daß sie
längst den Anspruch auf Herrschaft über dieselbe aufgegeben habe. Indem
sie, statt sofort Truppen zu requiriren, das Recht der Requisition debattirte,
verrieth sie den Zweifel an ihrer eignen Macht. Indem sie die Quästorenbill
verwarf, gestand sie offen ihre Ohnmacht. Diese Bill fiel durch mit einer
Minorität von 108 Stimmen, die Montagne hatte so den Ausschlag gegeben.
Sie befand sich in der Lage von Buridan's Esel, zwar nicht zwischen zwei
Säcken Heu, um zu entscheiden, welcher der anziehendere, wohl aber
zwischen zwei Trachten Prügel, um zu entscheiden, welche die härtere sei.
Auf der einen Seite die Furcht vor Changarnier, auf der andern die Furcht
vor Bonaparte. Man muß gestehen, daß die Lage keine heroische war.

Am 18.November wurde zu dem von der Ordnungspartei selbst eingebrachten Gesetze über die Kommunalwahlen das Amendement gestellt,
daß statt drei Jahren ein Jahr Domizil für die Kommunalwähler genügen
solle. Das Amendement fiel mit einer einzigen Stimme durch, aber diese eine
Stimme stellte sich sofort als ein Irrthum heraus. Die Ordnungspartei hatte
durch Zersplitterung in ihre feindlichen Fraktionen längst ihre selbstständigparlamentarische Majorität eingebüßt. Sie zeigte jetzt, daß überhaupt keine
Majorität im Parlament mehr vorhanden war. Die Nationalversammlung war
beschlußunfähig geworden. Ihre atomistischen Bestandteile hingen durch

Karl Marx

keine Kohäsionskraft mehr zusammen, sie hatte ihren letzten Lebensathem
verbraucht, sie war todt.

Die außerparlamentarische Masse der Bourgeoisie endlich sollte ihren
Bruch mit der Bourgeoisie im Parlamente noch einmal einige Tage vor der
Katastrophe feierlich bestätigen. Thiers, als parlamentarischer Held vorzugsweise von der unheilbaren Krankheit des parlamentarischen Kretinismus angesteckt, hatte nach dem Tode des Parlaments eine neue parlamentarische Intrigue mit dem Staatsrathe ausgeheckt, ein Verantwortlichkeitsgesetz, das den Präsidenten in die Schränkender Verfassungfestbannen
sollte. Wie Bonaparte am 15. September bei Grundlegung zu den neuen
Markthallen von Paris die dames des halles, die Fischweiber als zweiter
Masaniello bezaubert hatte — allerdings wog ein Fischweib an realer Gewalt
17 Burggrafen auf —, wie er nach Vorlegung der Quästorenbill die in dem
Elysée traktirten Lieutenants begeisterte, so riß er jetzt am 25. November
die industrielle Bourgeoisie mit sich fort, die im Circus versammelt war, um
aus seiner Hand Preismedaillen für die Londoner Industrieausstellung entgegenzunehmen. Ich gebe den bezeichnenden Theil seiner Rede nach dem
„Journal des débats": „Mit solch' unverhofften Erfolgen bin ich berechtigt
zu wiederholen, wie groß die französische Republik sein würde, wenn es ihr
gestattet wäre, ihre realen Interessen zu verfolgen und ihre Institutionen zu
ref ormiren, statt beständig gestört zu werden einerseits durch die Demagogen, andrerseits durch die monarchischen Hallucinationen. (Lauter, stürmischer und wiederholter Applaus von jedem Theile des Amphitheaters.) Die
monarchischen Hallucinationen verhindern allen Fortschritt und alle ernsten
Industriezweige. Statt des Fortschritts nur Kampf. Man sieht Männer, die
früher die eifrigsten Stützen der königlichen Autorität und Prärogativen
waren, Parteigänger eines Konvents werden, blos um die Autorität zu
schwächen, die aus dem allgemeinen Stimmrecht entsprungen ist. (Lauter
und wiederholter Applaus.) | Wir sehen Männer, die am meisten von der
Revolution gelitten und sie am meisten bejammert hatten, eine neue provoziren, und nur um den Willen der Nation zu fesseln. ... Ich verspreche
Euch Ruhe für die Zukunft etc. etc. (Bravo, bravo, stürmisches Bravo.)" —
So klatscht die industrielle Bourgeoisie dem Staatsstreiche vom 2.Dezember, der Vernichtung des Parlaments, dem Untergang ihrer eignen
Herrschaft, der Diktatur Bonaparte's ihr serviles Bravo zu. Der Beifallsdonner vom 25. November erhielt seine Antwort in dem Kanonendonner
vom 3. bis zum 6. Dezember, und das Haus des Herrn Sallandrouze, der die
meisten Bravos geklatscht hatte, wurde von den meisten Bomben zerklatscht.

Cromwell, als er das lange Parlament auflös'te, begab sich allein in die
Mitte desselben, zog seine Uhr heraus, damit es keine Minute über die von

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - VI

ihm festgesetzte Frist fortexistire und verjagte jedes einzelne Parlamentsglied mit heiter humoristischen Schmähungen. Napoleon, kleiner als sein
Vorbild, begab sich am 18. Brumaire wenigstens in den gesetzgebenden
Körper und verlas ihm, wenn auch mit beklommener Stimme, sein Todesurtheil. Der zweite Bonaparte, der sich übrigens im vorhandenen Besitz einer
ganz andern Exekutivgewalt befand, als Cromwell und Napoleon, suchte
sein Vorbild nicht in den Annalen der Weltgeschichte, sondern in den
Annalen der Gesellschaft vom 10. Dezember, in den Annalen der Kriminalgerichtsbarkeit. Er bestiehlt die Bank von Frankreich um 25 Millionen
Francs, kauft den General Magnan mit einer Million, die Soldaten Stück für
Stück mit 15 Francs und mit Schnaps, findet sich wie ein Dieb in der Nacht
mit seinen Spießgesellen heimlich zusammen, läßt in die Häuser der gefährlichsten Parlamentsführer einbrechen und Cavaignac, Lamoriciére, Lefio,
Changarnier, Charras, Thiers, Baze etc. aus ihren Betten entfiihren, die
Hauptplätze von Paris sowie das Parlamentsgebäude mit Truppen besetzen
und früh am Morgen marktschreierische Plakate an allen Mauern anschlagen,
worin die Auflösung der Nationalversammlung und des Staatsraths, die
Wiederherstellung des allgemeinen Wahlrechts und die Versetzung des
Seinedepartements in Belagerungszustand verkündet wird. So rückt er kurz
nachher ein falsches Dokument in den Moniteur ein, wonach einflußreiche
parlamentarische Namen sich in einer Staatsconsulta um ihn gruppirt hätten.

Das im Mairiegebäude des 10. Arrondissements versammelte Rumpfparlament, hauptsächlich aus Legitimisten und Orleanisten bestehend, beschließt unter dem wiederholten Rufe, „es lebe die Republik", die Absetzung
Bonaparte's, haranguirt umsonst die vor dem Gebäude gaffende Masse und
wird endlich unter dem Geleite afrikanischer Scharfschützen erst in die
Kaserne d'Orsey geschleppt, später in Zellenwagen verpackt und nach den
Gefängnissen von Mazas, Ham und Vincennes transportirt. So endete die
Ordnungspartei, die legislative Versammlung und die Februarrevolution.
Ehe wir zum Schluß eilen, kurz das Schema ihrer Geschichte:

I. Erste Penode. Vom 24. Februar bis 4. Mai 1848. Februarperiode. Prolog. Allgemeiner Verbrüderungs Schwindel.

II. Zweite Periode. Periode der Konstituirung der Republik und der
konstituirenden Nationalversammlung.

1) 4. Mai bis 25.Juni 1848. Kampf sämmtlicher Klassen gegen das
Proletariat. Niederlage des Proletariats in den Junitagen.

2) 25. Juni bis 10. Dezember 1848. Diktatur der reinen Bourgeois-
Republikaner. Entwerfung der Konstitution. Verhängung des Belagerungszustandes über Paris. Die Bourgeois-Diktatur am 10. Dezember beseitigt durch die Wahl Bonaparte's zum Präsidenten.

Karl Marx

3) 20. Dezember 1848 bis 28. Mai 1849. Kampf der Konstituante mit

HI.

lativen
1) 28. Mai 1849 bis 13.Juni 1849. Kampf der Kleinbürger mit der

Bonaparte und der mit ihm vereinigten Ordnungspartei. Untergang

der Konstituante. Fall der republikanischen Bourgeoisie.

Dritte Periode. Periode der konstitutionellen Republik und der legis-
Nationalversammlung.

Bourgeoisie und mit Bonaparte. Niederlage der kleinbürgerlichen
Demokratie. |

 2) 13. Juni 1849 bis 31.Mai 1850. Parlamentarische Diktatur der Ord-

3

wm

nungspartei. Vollendet ihre Herrschaft durch Abschaffung des all-

gemeinen Wahlrechts, verliert aber das parlamentarische Ministe-

rium.

31.Mai 1850 bis 2.Dezember 1851. Kampf zwischen der par-

lamentarischen Bourgeoisie und Bonaparte.

a) 31.Mai 1850 bis 12. Januar 1851. Das Parlament verliert den
Oberbefehl über die Armee.

b) 12. Januar bis 11. April 1851. Es unterliegt in den Versuchen sich
der Administrativgewalt wieder zu bemächtigen. Die Ordnungspartei verliert die selbstständige parlamentarische Majorität.
Koalition mit den Republikanern und der Montagne.

c) 11. April 1851 bis 9. Oktober 1851. Revisions-, Fusions-, Prorogations-Versuche. Die Ordnungspartei lös't sich in ihre einzelnen Bestandtheile auf. Der Bruch des Bourgeoisparlaments und
der Bourgeoispresse mit der Bourgeoismasse konsolidirt sich.

d) 9. Oktober bis 2. Dezember 1851. Offener Bruch zwischen dem
Parlament und der Exekutivgewalt. Es vollzieht seinen Sterbeakt
und unterliegt, von seiner eignen Klasse, von der Armee, von allen
übrigen Klassen im Stiche gelassen. Untergang des parlamentarischen Regime's und der Bourgeoisherrschaft. Sieg Bonaparte's.
Imperialistische Restaurationsparodie.

VII.

Die soziale Republik erschien als Phrase, als Prophezeiung an der Schwelle

der Februarrevolution. In den Junitagen 1848 wurde sie im Blute des Pariser

Proletariats erstickt, aber sie geht in den folgenden Akten des Dramas als
Gespenst um. Die demokratische Republik kündigte sich an. Sie verpufft am
13. Juni 1849 mit ihren davongelaufenen Kleinbürgern, aber im Fliehen wirft

sie doppelt renomirende Reklamen hinter sich. Die parlamentarische Repu-

blik mit der Bourgeoisie bemächtigt sich der ganzen Bühne, sie lebt sich aus

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - VII

in der vollen Breite ihrer Existenz, aber der 2. Dezember 1851 begräbt sie
unter dem Ansstschrei der koalisirten Royalisten: „Es lebe die Republik!"

Die soziale und die demokratische Republik haben Niederlagen erlebt,
aber die parlamentarische Republik, die Republik der royalistischen Bourgeoisie ist untergegangen, wie die reine Republik, die Republik der Bourgeois-Republikaner, untergegangen ist.

Die französische Bourgeoisie bäumte sich gegen die Herrschaft des arbeitenden Proletariats, sie hat das Lumpenproletariat zur Herrschaft gebracht, an der Spitze den Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember. Die
Bourgeoisie hielt Frankreich in athemloser Furcht vor den zukünftigen
Schrecken der rothen Anarchie; Bonaparte escomptirte ihr diese Zukunft,
als er am 3. und 4. Dezember die vornehmen Bürger des Boulevard Montmartre und des Boulevard des Italiens durch die schnapsbegeisterte Armee
der Ordnung von ihren Fenstern herabschießen ließ. Sie apotheosirte den
Säbel; der Säbel beherrscht sie. Sie vernichteten die revolutionäre Presse;
ihre eigne Presse ist vernichtet. Sie stellte die Volksversammlungen unter
Polizeiaufsicht; ihre Salons stehen unter der Aufsicht der Polizei. Sie lösten
die demokratischen Nationalgarden auf; ihre eigne Nationalgarde ist aufgelöst. Sie verhingen den Belagerungszustand; der Belagerungszustand ist
über sie verhängt. Sie verdrängten die Jurys durch Militärkommissionen; ihre
Jurys sind durch Militärkommissionen verdrängt. Sie unterwarfen den
Volksunterricht den Pfaffen; die Pfaffen unterwarfen sie ihrem eigenen
Unterricht. Sie transportirten ohne Urtheil; sie werden ohne Urtheil transportirt. Sie unterdrückten jede Regung der | Gesellschaft durch die
Staatsmacht; jede Regung ihrer Gesellschaft wird durch die Staatsmacht
erdrückt. Sie rebellirten aus Begeisterung für ihre Geldbeutel, gegen ihre
eignen Politiker und Literaten; ihre Politiker und Literaten sind beseitigt,
aber ihr Geldbeutel wird geplündert, nachdem sein Mund geknebelt und seine
Feder zerbrochen ist. Die Bourgeoisie rief der Revolution unermüdlich zu,
wie der heilige Arsenius den Christen: „Fuge, Tace, Quiesce! Fliehe,
Schweige, Ruhe !" Bonaparte ruft der Bourgeoisie zu: „Fuge, Tace, Quiesce!
Fliehe, Schweige, Ruhe!"

Die französische Bourgeoisie hatte längst das Dilemma Napoleon's gelöst:
«Dans cinquante ans l'Europe sera républicaine ou cosaque. » Sie hatte es
gelöst in der „republique cosaque". Keine Circe hat das Kunstwerk der
bürgerlichen Republik durch bösen Zauber in eine Ungestalt verzerrt. Jene
Republik hat nichts verloren, als ihre rhetorischen Arabesken, die Anstandsformen, mit einem Wort den Schein der Respektabilität. Das jetzige
Frankreich war fertig in der parlamentarischen Republik enthalten. Es
bedurfte nur eines Bajonetstichs, damit die Blase platze und das Ungeheuer
in die Augen springe.

Karl Marx

Der nachste Zweck der Februarrevolution war, die Dynastie Orleans und
den Theil der Bourgeoisie, der unter ihr herrschte, zu stürzen. Erst am
2.Dezember 1851 ist dieser Zweck erreicht worden. Nun wurden die Ungeheuern Besitzungen des Hauses Orleans, die reale Grundlage seines Ein-

flusses, konf iszirt, und was man nach der Februarrevolution erwartet hatte, 5

trat nach dem Dezember ein, Gefängniß, Flucht, Absetzung, Verbannung,
Entwaffnung, Verhöhnung der Männer, die seit 1830 Frankreich mit ihrem
Rufe ermüdet hatten. Aber unter Louis Philippe herrschte nur ein Theil der
kommerziellen Bourgeoisie. Die andern Fraktionen derselben bildeten eine
dynastische und eine republikanische Opposition, oder standen ganz
außerhalb des sogenannten legalen Landes. Erst die parlamentarische Republik nahm alle Fraktionen der kommerziellen Bourgeoisie in ihren Staatskreis auf. Unter Louis Philippe schloß zudem die kommerzielle Bourgeoisie
die landbesitzende aus. Erst die parlamentarische Republik stellte sie gleichberechtigt neben einander, vermählte die Julimonarchie mit der legitimen
Monarchie und verschmolz zwei Epochen der Herrschaft des Eigenthums
in Eine. Unter Louis Philippe verbarg der bevorzugte Theil der Bourgeoisie
seine Herrschaft unter der Krone; in der parlamentarischen Republik zeigte
die Herrschaft der Bourgeoisie, nachdem sie alle ihre Elemente vereint und
ihr Reich zum Reiche ihrer Klasse erweitert hatte, nacktihr Haupt. So mußte
die Revolution selbst erst die Form schaffen, worin die Herrschaft der
Bourgeoisklasse ihren weitesten, allgemeinsten und letzten Ausdruck gewinnen, also nun auch gestürzt werden konnte, ohne wieder auf stehn zu
können.

Erst jetzt wurde das im Februar erlassene Urtheil an der orleanistischen
Bourgeoisie, d.h. an der lebensfähigsten Fraktion der französischen Bourgeoisie vollstreckt. Jetzt wurde sie geschlagen an ihrem Parlamente, ihrem
Advokatenbarreau, ihren Handelsgerichten, ihren Provinzialvertretungen,
ihrem Notariat, ihrer Universität, ihrer Tribüne und ihren Tribunalen, ihrer
Presse und ihrer Literatur, ihren Administrationseinkünften und ihren
Gerichtssporteln, ihren Armeegehalten und ihren Staatsrenten, an ihrem
Geistund anihrem Körper, ß/anqui hatte die Auflösung der Bourgeoisgarden
als erste Forderung an die Revolution gestellt, und die Bourgeoisgarden, die
im Februar der Revolution die Hand reichten, um sie am Gehen zu hindern,
sind im Dezember von der Bühne verschwunden. Das Pantheon selbst
verwandelt sich wieder in eine ordinäre Kirche. Mit der letzten Form des
Bourgeoisregimes ist auch der Zauber gebrochen, der seine Initiatoren vom
achtzehnten Jahrhundert in Heilige verklärt hatte. Als Guizot das Gelingen
des Staatsstreichs am 2. Dezember erfuhr, rief er daher aus: Cesile triomphe
complet et definitif du Socialisme! Das ist der vollständige und definitive
Triumph des Sozialismus!Das heißt: das ist der definitive und vollständige
Sturz der Bourgeoisherrschaft.

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - VII

Warum hat das Proletariat nicht die Bourgeoisie gerettet? Darin löst sich
die | Frage auf: Warum hat sich das Pariser Proletariat nicht nach dem
2. Dezember erhoben?

Noch war der Sturz der Bourgeoisie erst dekretirt, das Dekret war nicht
vollzogen. Jede wirklich revolutionäre Erhebung des Proletariats hätte sie
sofort neu belebt, mit der Armee ausgesöhnt und den Arbeitern eine zweite
Juniniederlage gesichert.

Am 4. Dezember wurde das Proletariat von Bourgeois und Epicier zum
Kampfe aufgestachelt. Am Abende dieses Tages versprachen mehrere

1 o Legionen der Nationalgarde bewaffnet und unif ormirt auf dem Kampf platze

zu erscheinen. Bourgeois und Epicier waren nämlich dahinter gekommen,
daß Bonaparte in einem seiner Dekrete vom 2. Dezember das geheime Votum
abschaffte und ihnen anbefahl, in den offiziellen Registern hinter ihre Namen
ihr Ja oder Nein einzutragen. Der blutige Widerstand vom 4. Dezember
schüchterte Bonaparte ein. Während der Nacht ließ er anallen Straßenecken
von Paris Plakate anschlagen, die die Wiederherstellung des geheimen
Votums verkündeten. Bourgeois und Epicier glaubten ihren Zweck erreicht
zu haben. Wer nicht am andern Morgen erschien, waren Epicier und
Bourgeois.

Das Pariser Proletariat, zudem durch einen Handstreich Bonaparte's
während der Nacht vom 1. auf den 2. Dezember seiner Führer, der Barrikadenchefs beraubt, eine Armee ohne Offiziere, durch seine Erinnerungen
vom Juni 1848 und 1849 und vom Mai 1850 zu aufgeklärt, um unter dem
Banner der Montagnards zu kämpfen, handelte also mit richtiger Würdigung

seiner eignen Kräfte und der allgemeinen Situation, wenn es seiner Avantgarde, den geheimen Gesellschaften überließ, die insurrektioneile Ehre von
Paris zu retten, die von den Bourgeois so widerstandslos der Soldateska
preisgegeben wurde, daß Bonaparte später die Nationalgarde mit dem
höhnischen Motive entwaffnen konnte: nicht weil er fürchte, sie mißbrauchten ihre Waffen gegen ihn, sondern die Anarchisten mißbrauchten
diese Waffen gegen sie selbst.

«C'est le triomphe complet et definitif du Socialisme !» So charakterisirte
Guizot den 2. Dezember. Aber wenn der Sturz der parlamentarischen Republik dem Keime nach den Triumph der proletarischen Revolution in sich

enthält, so war ihr nächstes handgreifliches Resultat der Sieg Bonaparte's
über das Parlament, der Exekutivgewalt über die Legislativgewalt, der
Gewalt ohne Phrase über die Gewalt der Phrase. Die eine Gewalt des alten
Staats ist so zunächst nur von ihrer Schranke befreit, zur unumschränkten,
absoluten Gewalt geworden. In dem Parlamente erhob die Nation ihren
allgemeinen Willen zum Gesetze, d.h. das Gesetz der herrschenden Klasse
zu ihrem allgemeinen Willen. Vor der Exekutivgewalt dankt sie jeden eignen

Karl Marx

Willen ab und unterwirft sich dem Machtgebot des Fremden, der Autorität.
Die Exekutivgewalt im Gegensatz zur legislativen drückt die Heteronomie
der Nation im Gegensatz zu ihrer Autonomie aus. Frankreich scheint also
nur der Despotie einer Klasse entlaufen, um unter die Despotie eines Individuums zurückzufallen und zwar unter die Autorität eines Individuums
ohne Autorität. Der Kampf scheint so geschlichtet, daß alle Klassen gleich
machtlos und gleich lautlos vor dem Kolben niederknien.

Aber die Revolution ist gründlich. Sie ist noch auf der Reise durch das
Fegefeuer begriffen. Sie vollbringt ihr Geschäft mit Methode. Bis zum
2. Dezember 1851 hatte sie die eine Hälfte ihrer Vorbereitung absolvirt, sie
absolvirt jetzt die andre. Sie vollendete erst die parlamentarische Gewalt,
um sie stürzen zu können. Jetzt, wo sie dies erreicht, vollendet sie die
Exekutivgewalt, reduzirt sie auf ihren reinsten Ausdruck, isolirt sie, stellt
sie als einzigen Vorwurf sich gegenüber, um alle ihre Kräfte der Zerstörung
gegen sie zu konzentriren. Und wenn sie diese zweite Hälfte ihrer Vorarbeit
vollbracht hat, wird ganz Europa von seinem Sitze aufspringen und jubeln:
Brav gewühlt, alter Maulwurf!

Diese Exekutivgewalt mit ihrer ungeheuren bureaukratischen und militärischen | Organisation, mit ihrer weitschichtigen und künstlichen Staatsmaschinerie, ein Beamtenheer von einer halben Million neben einer Armee
von einer andern halben Million, dieser fürchterliche Parasitenkörper, der
sich wie eine Netzhaut um den Leib der französischen Gesellschaft schlingt
und ihr alle Poren verstopft, entstand in der Zeit der absoluten Monarchie,
beim Verfall des Feudalwesens, den er beschleunigen half. Die herrschaftlichen Privilegien der Grundeigenthümer und Städte verwandelten sich in
eben so viele Attribute der Staatsgewalt, die feudalen Würdenträger in
bezahlte Beamte und die bunte Mustercharte der widerstreitenden mittelalterlichen Machtvollkommenheiten in den geregelten Plan einer Staatsmacht, deren Arbeit fabrikmäßig getheilt und zentralisirt ist. Die erste
französische Revolution mit ihrer Aufgabe, alle lokalen, territorialen, städtischen und provinziellen Sondergewalten zu brechen, um die bürgerliche
Einheit der Nation zu schaffen, mußte entwickeln, was die absolute Monarchie begonnen hatte, die Centralisation, aber zugleich den Umfang, die
Attribute und die Handlanger der Regierungsgewalt. Napoleon vollendete
diese Staatsmaschinerie. Die legitime und die Juli-Monarchie fügten nichts
hinzu, als eine größere Theilung der Arbeit, in demselben Maaße wachsend,
als die Theüung der Arbeit innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft neue
Gruppen von Interessen schuf, also neues Material für die Staatsverwaltung. Jedes gemeinsame Interesse wurde sofort von der Gesellschaft losgelös't, als höheres, allgemeines Interesse ihr gegenübergestellt, der Selbstthätigkeit der Gesellschaftsglieder entrissen und zum Gegenstand der

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - VII

Regierungs-Thätigkeit gemacht, von der Brücke, dem Schulhaus und dem
Kommunalvermögen einer Dorfgemeinde bis zu den Eisenbahnen, dem
Nationalvermögen und der Landesuniversität Frankreichs. Die parlamentarische Republik endlich sah sich in ihrem Kampfe mit der Revolution gezwungen, mit den Repressivmaßregeln die Mittel und die Centralisation der
Regierungsgewalt zu verstärken. Alle Umwälzungen vervollkommneten
diese Maschine statt sie zu brechen. Die Parteien, die abwechselnd um die
Herrschaft rangen, betrachteten die Besitznahme dieses ungeheuren Staatsgebäudes als die Hauptbeute des Siegers.

10 Aber unter der absoluten Monarchie, während der ersten Revolution, unter

Napoleon, war die Bureaukratie nur das Mittel, die Klassenherrschaft der
Bourgeoisie vorzubereiten. Unter der Restauration, unter Louis Philippe,
unter der parlamentarischen Republik war sie das Instrument der herrschenden Klasse, so sehr sie auch nach Eigenmacht strebte.

Erst unter dem zweiten Bonaparte scheint sich der Staat der Gesellschaft
gegenüber verselbstständigt und sie unterjocht zu haben. Die Selbstständigkeit der Exekutivgewalt tritt offen hervor, wo ihr Chef nicht mehr des
Genie's, ihre Armee nicht mehr des Ruhms und ihre Bureaukratie nicht mehr
der moralischen Autorität bedarf, um sich zu rechtfertigen. Die Staats-

maschme hat sich der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber so befestigt, daß
an ihrer Spitze der Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember genügt, ein aus
der Fremde herbeigelaufener Glücksritter, auf das Schild gehoben von einer
trunkenen Soldateska, die er durch Schnaps und Würste erkauft hat, nach
der er stets von Neuem mit der Wurst werfen muß. Daher die kleinlaute
Verzweiflung, das Gefühl der ungeheuersten Demüthigung, Herabwürdigung, das die Brust Frankreichs beklemmt und seinen Athem stocken macht.
Es fühlt sich wie entehrt. Wie Napoleon ihm kaum noch einen Vorwand für
die Freiheit, läßt ihm der zweite Bonaparte keinen Vorwand mehr für die
Knechtschaft.

Und dennoch schwebt die Staatsgewalt nicht in der Luft. Bonaparte
vertritt eine Klasse und zwar die zahlreichste Klasse der französischen
Gesellschaft, die Parzellenbauern.

Wie die Bourbons die Dynastie des großen Grundeigenthums, wie die
Orleans die Dynastie des Geldes, so sind die Bonaparte's die Dynastie der
Bauern, d.h. der französischen Volksmassen. Nicht der Bonaparte, der sich
dem Bourgeoisparlamente unterwarf, sondern der Bonaparte, der das
Bourgeoisparlament auseinanderjagte, ist der Auserwählte der Bauern. Drei
Jahre war es den Städten | gelungen, den Sinn der Wahl vom 10. Dezember
zu verfälschen und die Bauern um die Wiederherstellung des Kaiserreichs
zu prellen. Die Wahl vom 10. Dezember 1848 ist erst erfüllt worden durch
den coup d'état vom 2. Dezember 1851.

17&

Karl Marx

Die Parzellenbauern bilden eine ungeheure Masse, deren Glieder in gleicher Situation leben, aber ohne in mannichf ache Beziehung zu einander zu
treten. Ihre Produktionsweise isolirt sie von einander, statt sie in wechselseitigen Verkehr zu bringen. Die Isolirung wird gefördert durch die schlechten französischen Kommunikationsmittel und die Armuth der Bauern. Ihr
Produktionsfeld, die Parzelle, läßt in ihrer Kultur keine Theilung der Arbeit
zu, keine Anwendung der Wissenschaft, also keine Mannichfaltigkeit der
Entwickelung, keine Verschiedenheit der Talente, keinen Reichthum der
gesellschaftlichen Verhältnisse. Jede einzelne Bauernfamilie genügt beinahe
sich selbst, produzirt unmittelbar selbst den größten Theil ihres Konsums
und gewinnt so ihr Lebensmaterial mehr im brutalen Austausche mit der
Natur, als im Verkehr mit der Gesellschaft. Die Parzelle, der Bauer und die
Familie; daneben eine andre Parzelle, ein andrer Bauer und eine andre
Familie. Ein Schock davon macht ein Dorf und ein Schock von Dörfern
macht ein Departement. So wird die große Masse der französischen Nation
gebildet durch einfache Addition gleichnamiger Größen, wie etwa ein Sack
von Kartoffeln einen Kartoffelsack bildet. Insofern Millionen von Familien
unter ökonomischen Existenzbedingungen leben, die ihre Lebensweise, ihre
Interessen und ihre Bildung von denen der andern Klassen trennen und ihnen
feindlich gegenüberstellen, bilden sie eine Klasse. Insofern ein nur lokaler
Zusammenhang unter den Parzellenbauern besteht, die Dieselbigkeit ihrer
Interessen keine Gemeinsamkeit, keine nationale Verbindung und keine
politische Organisation unter ihnen erzeugt, bilden sie keine Klasse. Sie sind
daher unfähig ihr Klasseninteresse im eigenen Namen, sei es durch ein
Parlament, sei es durch einen Konvent geltend zu machen. Sie können sich
nicht vertreten, sie müssen vertreten werden. Ihr Vertreter muß zugleich als
ihr Herr, als eine Autorität über ihnen erscheinen, als eine unumschränkte
Regierungsgewalt, die sie vor den andern Klassen beschützt und ihnen von
oben Regen und Sonnenschein schickt. Der politische Einfluß der Parzellenbauern findet also darin seinen letzten Ausdruck, daß die Exekutivgewalt
sich das Parlament, der Staat sich die Gesellschaft unterordnet.

Durch die geschichtliche Tradition ist der Wunderglaube der französischen Bauern entstanden, daß ein Mann Namens Napoleon ihnen alle
Herrlichkeit wiederbringen werde. Und es fand sich ein Individuum, das sich
für diesen Mann ausgibt, weil es den Namen Napoleon trägt, in Folge des
Code Napoléon, der anbefiehlt: «Toute recherche de la paternité est interdite.» Nach zwanzigjähriger Vagabundage und einer Reihe von grotesken
Abentheuern erfüllt sich die Sage und der Mann wird Kaiser der Franzosen.
Die fixe Idee des Neffen verwirklichte sich, weil sie mit der fixen Idee der
zahlreichsten Klasse der Franzosen zusammenfiel.

Aber, wird man mir vorwerfen, die Bauernaufstände in halb Frankreich,

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - VII

die Treibjagden der Armee auf die Bauern, die massenhafte Einkerkerung
und Transportation der Bauern?

Seit Ludwig XLV. hat Frankreich keine ähnliche Verfolgung der Bauern
„wegen demagogischer Umtriebe" erlebt.

Aber man verstehe wohl. Die Dynastie Bonaparte repräsentirt nicht den
revolutionären, sondern den konservativen Bauer, nicht den Bauer, der über
seine soziale Existenzbedingung, die Parzelle hinausdringt, sondern der sie
vielmehr befestigen will, nicht das Landvolk, das durch eigne Energie im
Anschlüsse an die Städte die alte Ordnung umstürzen, sondern umgekehrt

dumpf verschlossen in dieser alten Ordnung sich mit sammt seiner Parzelle
von dem Gespenste des Kaiserthums gerettet und bevorzugt sehen will. Sie
repräsentirt nicht die Aufklärung, sondern den Aberglauben des Bauern,
nicht sein Urtheil, sondern sein Vorurtheil, | nicht seine Zukunft, sondern
seine Vergangenheit, nicht seine modernen Cevennen, sondern seine moderne Vendée.

Die dreijährige harte Herrschaft der parlamentarischen Republik hatte
einen Theil der französischen Bauern von der napoleonischen Illusion befreit
und wenn auch nur noch oberflächlich revolutionirt, aber die Bourgeoisie
warf sie gewaltsam zurück, so oft sie sich in Bewegung setzten. Unter der
parlamentarischen Republik rang das moderne mit dem traditionellen Bewußtsein der französischen Bauern. Der Prozeß ging vor sich in der Form
eines unaufhörlichen Kampfes zwischen den Schulmeistern und den Pfaffen.
Die Bourgeoisie schlug die Schulmeister nieder. Die Bauern machten zum
ersten Mal Anstrengungen, der Regierungsthätigkeit gegenüber sich selbstständig zu verhalten. Es erschien dies in dem fortgesetzten Konflikte der
Maires mit den Präfekten. Die Bourgeoisie setzte die Maires ab. Endlich
erhoben sich die Bauern verschiedener Orte Frankreichs während der Periode der parlamentarischen Republik gegen ihre eigne Ausgeburt, die
Armee. Die Bourgeoisie bestrafte sie mit Belagerungszuständen und Exekutionen. Und dieselbe Bourgeoisie schreit jetzt über die Stupidität der
Massen, der vile multitude, die sie an Bonaparte verrathen hat. Sie selbst
hat den Imperialismus der Bauernklasse gewaltsam befestigt, sie hielt die
Zustände fest, die die Geburtsstätte dieser Bauernreligion bilden. Allerdings
muß die Bourgeoisie die Dummheit der Massen fürchten, so lange sie
konservativ bleiben, und die Einsicht der Massen, sobald sie revolutionär
werden.

In den Aufständen nach dem coup d'état protestirte ein Theil der französischen Bauern mit den Waffen in der Hand gegen sein eignes Votum vom
10. Dezember 1848. Die Schule seit 1848 hatte sie gewitzigt. Allein sie hatten
sich der geschichtlichen Unterwelt verschrieben, die Geschichte hielt sie
beim Worte und noch war die Mehrzahl so befangen, daß gerade in den

Karl Marx

rothesten Departements die Bauernbevölkerung Öffentlich für Bonaparte
stimmte. Die Nationalversammlung hatte ihn nach ihrer Ansicht am Gehen
verhindert. Er hatte jetzt nur die Fessel gebrochen, die die Städte dem Willen
des Landes angelegt. Sie trugen sich stellenweise sogar mit der grotesken
Vorstellung: neben einem Napoleon ein Konvent.

Nachdem die erste Revolution die halbhörigen Bauern in freie Grundeigenthümer verwandelt hatte, befestigte und regelte Napoleon die Bedingungen, worin sie ungestört den eben erst ihnen anheim gefallenen Boden
Frankreichs ausbeuten und die jugendliche Lust am Eigenthum büßen
konnten. Aber woran der französische Bauer jetzt untergeht, es ist seine
Parzelle selbst, die Theilung des Grund und Bodens, die Eigenthumsform,
die Napoleon in Frankreich konsolidirte. Es sind eben die materiellen Bedingungen, die den französischen Feudalbauer zum Parzellenbauer und
Napoleon zum Kaiser machten. Zwei Generationen haben hingereicht, um
ihr unvermeidliches Resultat zu erzeugen: progressive Verschlechterung des
Ackerbaues, progressive Verschuldung des Ackerbauers. Die „Napoleonische" Eigenthumsform, die im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts die
Bedingung für die Befreiung und die Bereicherung des französischen Landvolkes war, hat sich im Laufe dieses Jahrhunderts als das Gesetz ihrer
Sklaverei und ihres Pauperismus entwickelt. Und eben dies Gesetz ist die
erste der „idees napol&oniennes", die der zweite Bonaparte zu behaupten
hat. Wenn er mit den Bauern noch die Illusion theilt, nicht im Parzelleneigenthum selbst, sondern außerhalb im Einflüsse sekundärer Umstände die
Ursache ihres Ruins zu suchen, so werden seine Experimente wie Seifenblasen an den Produktionsverhältnissen zerschellen, jener Illusion den
letzten Schlupfwinkel abschneiden und im besten Falle die Krankheit acuter
machen.

Die ökonomische Entwickelung des Parzelleneigenthums hat das Verhältniß der Bauern zu den übrigen Gesellschaftsklassen von Grund aus
verkehrt. Unter Napoleon ergänzte die Parzellirung des Grund und Bodens
auf dem Lande die freie Konkurrenz und die beginnende große Industrie in
den Städten. Selbst ||58j die Bevorzugung der Bauernklasse lag im Interesse
der neuen bürgerlichen Ordnung. Diese neugeschaffene Klasse war die
allseitige Verlängerung des bürgerlichen Regimes über die Thore der Städte
hinaus, seine Ausführung in nationalem Maßstab. Diese Klasse war der
allgegenwärtige Protest gegen die eben erst gestürzte Grundaristokratie.
Wurde sie vor allen bevorzugt, so bot sie aber auch vor allen den Angriffspunkt für die Restauration der Feudalen. Die Wurzeln, die das Parzelleneigenthum in dem französischen Grund und Boden schlug, entzogen
dem Feudalismus jeden Nahrungsstoff. Seine Grenzpfähle bildeten das
natürliche Befestigungswerk der Bourgeoisie gegen jeden Handstreich ihrer

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - VII

alten Oberherren. Aber im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts trat an die
Stelle des Feudalen der städtische Wucherer, an die Stelle der Feudalpflichtigkeit des Bodens die Hypotheke, an die Stelle des aristokratischen
Grundeigenthums das bürgerliche Kapital. Die Parzelle des Bauern ist nur
noch der Vorwand, der dem Kapitalisten erlaubt, Profit, Zinsen und Rente
von dem Acker zu ziehen und den Ackerbauer selbst zusehen zu lassen, wie
er seinen Arbeitslohn herausschlägt. Die auf dem französischen Boden
lastende Hypothekarschuld legt der französischen Bauernschaft einen Zins
auf, so groß wie der Jahreszins der gesammten britannischen Nationalschuld.
Das Parzelleneigenthum in dieser Sklaverei vom Kapital, wozu seine Entwickelung unvermeidlich hindrängt, hat die Masse der französischen Nation
in eine Nation von Troglodyten verwandelt. Sechszehn Millionen Bauern
(Frauen und Kinder eingerechnet) hausen in Höhlen, wovon ein großer Theil
nur Eine Oeffnung, der andre nur zwei, und der bevorzugteste nur drei
Oeffnungen hat. Die Fenster sind an einem Haus, was die fünf Sinne für den
Kopf sind. Die bürgerliche Ordnung, die im Anfange des Jahrhunderts den
Staat als Schildwache vor die neu entstandene Parzelle stellte und sie mit
Lorbeeren düngte, ist zum Vampyr geworden, der ihr Herzblut und Hirnmark aussaugt und sie in den Alchymistenkessel des Kapitals wirft. Der Code
Napoleon ist nur noch der Code der Exekution, der Subhastation und der
Zwangsversteigerung. Zu den vier Millionen (Kinder u. s. w. eingerechnet)
offizieller Paupers, Vagabunden, Verbrecher und Prostituirten, die Frankreich zählt, kommen fünf Millionen hinzu, die an dem Abgrunde der Existenz
schweben und entweder auf dem Lande selbst hausen oder beständig mit
ihren Lumpen und ihren Kindern von dem Lande in die Städte und von den
Städten auf das Land desertiren. Das Interesse der Bauern befindet sich also
nicht mehr, wie unter Napoleon, im Einklänge, sondern im tödtlichsten
Gegensatze mit den Interessen der Bourgeoisie, mit dem Kapital. Sie finden
also ihren natürlichen Verbündeten und Führer in dem städtischen Proletariat, dessen Aufgabe der Umsturz der bürgerlichen Ordnung ist. Aber die
starke und unumschränkte Regierung, — und dies ist die zweite „idee napoléonienne", die der zweite Napoleon auszuführen hat, ist zur gewaltsamen
Vertheidigung dieser „materiellen" Ordnung berufen. Auch giebt dieser
„ordre matériel" in allen Proklamationen Bonaparte's gegen die aufrührerischen Bauern das Stichwort ab.

Neben der Hypotheke, die das Kapital ihr auferlegt, lastet auf der Parzelle
die Steuer. Die Steuer ist die Lebensquelle der Bureaukratie, der Armee, der
Pfaffen und des Hofes, kurz des ganzen Apparats der Exekutivgewalt.
Starke Regierung und starke Steuer sind identisch. Das Parzelleneigenthum
eignet sich seiner Natur nach, die Grundlage einer allgewaltigen und zahllosen Bureaukratie abzugeben. Es schafft ein gleichmäßiges Niveau der

Karl Marx

Verhältnisse und der Personen über der ganzen Oberfläche des Landes. Es
erlaubt also auch die gleichmäßige Einwirkung nach allen Punkten dieser
gleichmäßigen Masse von einem obersten Centrum aus. Es vernichtet die
aristokratischen Mittelstufen zwischen der Volksmasse und der Staatsgewalt. Es ruft also von allen Seiten das direkte Eingreifen dieser Staatsgewalt und das Zwischenschieben ihrer unmittelbaren Organe hervor. Es
erzeugt endlich eine unbeschäftigte Ueberbevölkerung, die weder auf dem
Lande noch in den Städten Platz findet und daher nach den Staatsämtern
als | einer Art von respektablen Almosen greift und die Schöpfung von
Staatsämtern provozirt. Unter Napoleon war dieses zahlreiche Regierungspersonal nicht nur unmittelbar produktiv, indem es unter der Form von
Staatsbauten u. s.w. mit den Zwangsmitteln des Staats für die neu entstandene Bauernschaft ausführte, was die Bourgeoisie im Wege der Privatindustrie noch nicht leisten konnte. Die Staatssteuer war ein nothwendiges
Zwangsmittel, um den Austausch zwischen Stadt und Land zu erhalten. Der
Parzellenbesitzer würde sonst, wie in Norwegen, wie in einem Theile der
Schweiz, in bäurischer Selbstgenügsamkeit den Zusammenhang mit den
Städten abgebrochen haben. Und Napoleon gab in den neuen Märkten, die
er mit dem Bajonette eröffnete, in der Plünderung des Kontinents, die
Zwangssteuer mit Zinsen zurück. Sie war ein Stachel für die Industrie des
Bauern, während sie jetzt seine Industrie der letzten Hülfsquellen beraubt,
seine Widerstandslosigkeit gegen den Pauperismus vollendet. Und eine
enorme Bureaukratie, wohlgalonirt und wohlgenährt, ist die „idee napoléonienne", die dem zweiten Bonaparte von allen am meisten zusagt. Wie sollte
sie nicht, daer gezwungen ist, neben den wirklichen Klassen der Gesellschaft
eine künstliche Kaste zu schaffen, für welche die Erhaltung seines Regimes
zur Messer- und Gabelfrage wird. Eine seiner ersten Finanzoperationen war
daher auch die Wiedererhöhung der Beamtengehalte auf ihren alten Betrag
und Schöpfung neuer Sinekuren.

Eine andre „idee napol&onienne" ist die Herrschaft der Pfaffen als ein
Regierungsmittel. Aber wenn die neu entstandene Parzelle in ihrem Einklang
mit der Gesellschaft, in ihrer Abhängigkeit von den Naturgewalten und ihrer
Unterwerfung unter die Autorität, die sie von oben beschützte, natürlich
religiös war, wird die schuldzerrüttete, mit der Gesellschaft und der Autorität zerfallene, über ihre eigne Beschränktheit hinausgetriebene Parzelle
natürlich irreligiös. Der Himmel war eine ganz schöne Zugabe zu dem eben
gewonnenen schmalen Erdstrich, zumal da er das Wetter macht; er wird zum
Insult, sobald er als Ersatz für die Parzelle aufgedrängt wird. Der Pfaffe
erscheint dann nur noch als der gesalbte Spürhund der irdischen Polizei, —
eine andre „idee napol&onienne" — die unter dem zweiten Bonaparte nicht
wie unter Napoleon den Beruf hat, die Feinde des Bauernregimes in den

lo

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte ¢ VII

Städten, sondern die Feinde Bonaparte's auf dem Lande zu überwachen. Die
Expedition gegen Rom wird das nächste Mal in Frankreich selbst stattfinden,
aber im umgekehrten Sinne des Herrn von Montalembert.

Der Kulminirpunkt der ,,idees napoléoniennes" endlich ist das Uebergewicht der Armee. Die Armee war der point d'honneur der Parzellenbauern,
sie selbst in Heroen verwandelt, nach außen hin den neuen Besitz vertheidigend, ihre eben erst errungene Nationalität verherrlichend, die Welt
plündernd und revolutiorrirend. Die glänzende Uniform war ihr eignes
Staatskostüm, der Krieg ihre Poesie, die in der Phantasie verlängerte und
abgerundete Parzelle das Vaterland und der Patriotismus die ideale Form des
Eigenthumssinnes. Aber die Feinde, wogegen der französische Bauer jetzt
sein Eigenthum zu vertheidigen hat, es sind nicht die Kosacken, es sind die
Huissiers und Steuerexekutoren. Die Parzelle liegt nicht mehr im sogenannten Vaterland, sondern im Hypothekenbuch. Die Armee selbst ist nicht mehr
die Blüthe der Bauernjugend, sie ist die Sumpfblume des bäuerlichen
Lumpenproletariats. Sie besteht großentheils aus Remplagants, aus Ersatzmännern, wie der zweite Bonaparte selbst nur Remplagant, der Ersatzmann
für Napoleon ist. Ihre Heldenthaten verrichtet sie jetzt in den Gems- und
Treibjagden auf die Bauern, im Gensdarmendienst, und wenn die innern
Widersprüche seines Systems den Chef der Gesellschaft des 10. Dezember
über die französische Grenze jagen, wird sie nach einigen Banditenstreichen
keine Lorbeeren, sondern Prügel erndten.

Man sieht: Alle „idees napoléoniennes" sind Ideen der unentwickelten,
Jugendfrischen Parzelle, sie sind ein Widersinn für die überlebte Parzelle.
Sie sind nur die Hallucinationen ihres Todeskampfes, Worte, die in Phrasen, Geister, die in Gespenster, sinnige Trachten, die in abgeschmackte |
 Theaterkostüme verwandelt sind. Aber die Parodie des Imperialismus
war nothwendig, um die Masse der französischen Nation von der Wucht
der Tradition zu befreien und den Gegensatz der Staatsgewalt zur Gesellschaft rein herauszuarbeiten. Die Zertrümmerung der Staatsmaschine wird
die Centralisation nicht gefährden. Die Bureaukratie ist nur die niedrige und
brutale Form einer Centralisation, die noch mit ihrem Gegensatze, dem
Feudalismus behaftet ist. Mit der Verzweiflung an der napoleonischen
Restauration scheidet der französische Bauer von dem Glauben an seine
Parzelle, stürzt das ganze auf diese Parzelle aufgeführte Staatsgebäude
zusammen, und erhält die proletarische Revolution das Chor, ohne das ihr
Sologesang in allen Bauernnationen zum Sterbelied wird.

Die französischen Bauernverhältnisse enthüllen uns das Räthsel der allgemeinen Wahlen vom 20. und 21. Dezember, die den zweiten Bonaparte auf
den Berg Sinai führten, nicht um Gesetze zu erhalten, sondern um sie
zugleich zu geben und auszuführen. Allerdings beging die französische

Karl Marx

Nation in jenen verhängnißvollen Tagen eine Todsünde gegen die Demokratie, die auf den Knieen liegt und täglich betet: Heiliges allgemeines
Wahlrecht, bitt' für uns ! Die Gläubigen an das allgemeine Wahlrecht wollen
natürlich nicht auf eine Wunderkraft verzichten, die so große Dinge anihnen
selbst vollbracht, die einen Bonaparte II. in einen Napoleon, einen Saulus
in einen Paulus und einen Simon in einen Petrus verwandelt hat. Der Volksgeist spricht zu ihnen durch die Wahlurne, wie der Gott des Propheten
Ezechiel zu den marklosen Knochen: „Haec dicit dominus deus ossibus suis:
Ecce, ego intromittam in vos Spiritum et vivetis." „So sprach der Herr Gott
zu seinen Knochen: Siehe, ich werde Euch Geist einblasen und Ihr werdet
leben!"

Die Bourgeoisie hatte offenbar keine andere Wahl, als Bonaparte zu
wählen. Despotie oder Anarchie. Sie stimmte natürlich für die Despotie. Als
die Puritaner auf dem Konzile von Konstanz über das lasterhafte Leben der
Päpste klagten und über die Nothwendigkeit der Sittenreform jammerten,
donnerte der Kardinal Pierre d'Ailly ihnen zu: „Nur noch der Teufel in eigner
Person kann die katholische Kirche retten und Ihr verlangt Engel." So rief
die französische Bourgeoisie nach dem coup d'état: Nur noch der Chef der
Gesellschaft vom 10. Dezember kann die bürgerliche Gesellschaft retten!
Nur noch der Diebstahl das Eigenthum, der Meineid die Religion, das Bastardthum die Familie, die Unordnung die Ordnung!

Bonaparte als die verselbstständigte Macht der Exekutivgewalt fühlt
seinen Beruf, die „bürgerliche Ordnung" sicher zu stellen. Aber die Stärke
dieser bürgerlichen Ordnung ist die Mittelklasse. Er weiß sich daher als
Repräsentant der Mittelklasse und erläßt Dekrete in diesem Sinne. Er ist
jedoch nur dadurch etwas, daß er die politische Macht dieser Mittelklasse
gebrochen hat und täglich von Neuem bricht. Er weiß sich daher als Gegner
der politischen und literarischen Macht der Mittelklasse. Aber indem er ihre
materielle Macht beschützt, erzeugt er von Neuem ihre öffentliche, ihre
politische Macht. Die Ursache muß daher am Leben erhalten, aber die
Wirkung, wo sie sich zeigt, aus der Welt geschafft werden. Aber ohne kleine
Verwechselungen von Ursache und Wirkung kann dies nicht abgehen, da
beide in der Wechselwirkung ihre Unterscheidungsmerkmale verüeren.
Neue Dekrete, die die Grenzlinie verwischen. Bonaparte weiß sich zugleich
gegen die Bourgeoisie als Vertreter der Bauern und des Volkes überhaupt,
der innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft die untern Volksklassen beglücken will. Neue Dekrete, die die „wahren Sozialisten" im voraus um ihre
Regierungsweisheit prellen. Aber Bonaparte weiß sich vor Allem als Chef
der Gesellschaft vom 10. Dezember, als Repräsentanten des Lumpenproletariats, dem er selbst, seine entourage, seine Regierung und seine Armee
angehören, und für das es sich vor Allem darum handelt, sich wohlzuthun

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte - VII

und kalifornische Loose aus dem Staatsschatze zu ziehen. Und er bestätigt
sich als | Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember mit Dekreten, ohne
Dekrete und trotz der Dekrete.

Diese widerspruchsvolle Aufgabe des Mannes erklärt die Widersprüche
seiner Regierung, das unklare Hin- und Hertappen, das bald diese, bald jene
Klasse bald zu gewinnen, bald zu demüthigen sucht und alle gleichmäßig
gegen sich aufbringt, dessen praktische Unsicherheit einen hochkomischen
Kontrast bildet zu dem gebieterischen, kategorischen Style der Regierungsakte, der dem Onkel folgsam nachkopirt wird. So soll die Hast und das
Ueberstürzen dieser Widersprüche die allseitige Thätigkeit und Schlagfertigkeit des Kaisers nachäffen.

Industrie und Handel, also die Geschäfte der Mittelklasse sollen unter der
starken Regierung treibhausmäßig aufblühen. Verleihen einer Unzahl von
Eisenbahnkonzessionen. Aber das bonapartistische Lumpenproletariat soll

sich bereichern. Tripotage mit den Eisenbahnkonzessionen auf der Börse

von den vorher Eingeweihten. Aber es zeigt sich kein Kapital für die Eisenbahnen. Verpflichtung der Bank, auf Eisenbahnaktien vorzuschießen. Aber
die Bank soll zugleich persönlich exploitirt und daher cajolirt werden.
Entbindung der Bank von der Pflicht ihren Bericht wöchentlich zu veröffentlichen. Leoninischer Vertrag der Bank mit der Regierung. Das Volk
soll beschäftigt werden. Anordnungen von Staatsbauten. Aber die Staatsbauten erhöhen die Steuerpflichten des Volkes. Also Herabsetzung der
Steuern durch Angriff auf die Rentiers durch Konvertirung der fünfprozentigen Renten in 4'/2prozentige. Aber der Mittelstand muß wieder ein
Douceur erhalten. Also Verdoppelung der Weinsteuer für das Volk, das ihn
en detail kauft und Herabsetzung um die Hälfte für den Mittelstand, der ihn
en gros trinkt. Auflösung der wirklichen Arbeiterassoziationen, aber Verheißung von künftigen Assoziationswundern. Den Bauern soll geholfen
werden. Hypothekenbanken, die ihre Verschuldung und die Conzentration
des Eigenthums beschleunigen. Aber diese Banken sollen benutzt werden,
um persönlich Geld aus den konfiszirten Gütern des Hauses Orleans herauszuschlagen. Kein Kapitalist will sich zu dieser Bedingung verstehen, die
nicht in dem Dekrete steht, und die Hypothekenbank bleibt ein bloßes
Dekret, u. s.w. u. S.w.

Bonaparte möchte als der patriarchalische Wohlthäter aller Klassen erscheinen. Aber er kann keiner geben, ohne der andern zu nehmen. Wie man
zur Zeit der Fronde vom Herzog von Guise sagte, daß er der obligeanteste
Mann von Frankreich sei, weil er alle seine Güter in Obligationen seiner
Partisanen gegen sich verwandelt habe, so möchte Bonaparte der obligeanteste Mann von Frankreich sein und alles Eigenthum, alle Arbeit Frankreichs
in eine persönliche Obligation gegen sich verwandeln. Er möchte ganz

Karl Marx

Frankreich stehlen, um es an Frankreich verschenken, oder vielmehr um
Frankreich mit französischem Gelde wiederkaufen zu können, denn als Chef
der Gesellschaft vom 10. Dezember muß er kaufen, was ihm gehören soll.
Und zu dem Institute des Kauf ens werden alle Staatsinstitute, der Senat, der
Staatsrath, der gesetzgebende Körper, die Ehrenlegion, die Soldatenmédaille, die Waschhäuser, die Staatsbauten, die Eisenbahnen, der état
major der Nationalgarde ohne Gemeine, die konfiszirten Güter des Hauses
Orléans. Zum Kauf mittel wird jeder Platz in der Armee und der Regierungsmaschine. Das Wichtigste aber bei diesem Prozesse, wo Frankreich genommen wird, um ihm zu geben, sind die Prozente, die während des Umsatzes für das Haupt und die Glieder der Gesellschaft vom 10. Dezember
abfallen. Das Witzwort, womit die Gräfin L., die Maitresse des Herrn de
Morny, die Konfiskation der orléans'schen Güter charakterisirte: «Cesile
premier vol de l'aigle»*, paßt auf jeden Flug dieses Adlers, der mehr Rabe
ist. Er selbst und seine Anhänger rufen sich täglich zu, wie jener italienische

Karthäuser dem Geizhals, der prunkend die Güter aufzählte, an denen er
noch für Jahre zu zehren habe: «Tu fai conto sopra i beni, bisogna prima
far il | conto sopra gli anni. »** Um sich in den Jahren nicht zu verrechnen, zählen sie nach Minuten. An den Hof, in die Ministerien, an die
Spitze der Verwaltung und der Armee drängt sich ein Haufe von Kerlen, von
deren Bestem zu sagen ist, daß man nicht weiß, von wannen er kommt, eine
geräuschvolle, anrüchige, plünderungslustige Bohéme, die mit derselben
grotesken Würde in gallonirte Röcke kriecht, wie Soulouque's Großwürdenträger. Man kann diese höhere Schichte der Gesellschaft vom 10. Dezember sich anschaulich machen, wenn man erwägt, daß Veron-Crevel' ihr

Sittenprediger ist und Gramer de Cassagnac ihr Denker. Als Guizot zur Zeit
seines Ministeriums diesen Granier in einem Winkelblatte gegen die dynastische Opposition verwandte, pflegte er ihn mit der Wendung zu rühmen:
« C'est le roi des drôles », „das ist der Narrenkönig". Man hätte Unrecht, bei
dem Hofe und der Sippe Louis Bonaparte's an die Regentschaft oder Lud-

wig XV. zu erinnern. Denn „oft schon hat Frankreich eine Maitressenregierung erlebt, aber noch nie eine Regierung von hommes entretenus".t
Und Cato, der sich den Tod gab, um in den elyseischen Gefilden mit Heroen
umzugehen! Armer Cato!

Durch die widersprechenden Forderungen seiner Situation gejagt,
zugleich wie ein Taschenspieler in der Nothwendigkeit, durch beständige

* Vol heißt Flug und Diebstahl.

** Du berechnest deine Güter, du solltest vorher deine Jahre berechnen.

* Balzac in der Cousine Bette stellt in Crevel, den er nach Dr. Véron, dem Eigenthümer des
Constitutionnel kopirt, den grundliederlichen Pariser Philister dar.

+ Worte der Frau Girardin.

Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte VII

Ueberraschung die Augen des Publikums auf sich als den Ersatzmann
Napoleons gerichtet zu halten, also jeden Tag einen Staatsstreich en miniature zu verrichten, bringt Bonaparte die ganze bürgerliche Wirthschaft
in Wirrwarr, tastet Alles an, was der Revolution von 1848 unantastbar schien,
macht die Einen revolutionsgeduldig, die Andern revolutionslustig und erzeugt die Anarchie selbst im Namen der Ordnung, während er zugleich der
ganzen Staatsmaschine den Heiligenschein abstreift, sie profanirt, sie
zugleich ekelhaft und lächerlich macht. Den Kultus des heiligen Rocks zu
Trier wiederholt er zu Paris im Kultus des napoleonischen Kaisermantels.
Aber wenn der Kaisermantel endlich auf die Schultern des Louis Bonaparte
fällt, wird das eherne Standbüd Napoleons von der Höhe der Vendomesäule
herabstürzen. |