Friedrich Engels
Über die Losung der Abschaffung des Staates

und die deutschen „Freunde der Anarchie"

|[1]| „Die Abschaffung des Staats hat nur einen Sinn bei den Kommunisten
als nothwendiges Resultat der Abschaffung der Klassen, mit denen von
selbst das Bedürfniß der organisirten Macht einer Klasse zur Niederhaltung
der andern wegfällt. In bürgerlichen Ländern bedeutet die Abschaffung des
Staats die Zurückführung der Staatsgewalt auf den Maßstab von Nordamerika. Hier sind die Klassengegensätze nur unvollständig entwickelt; die
Klassenkollisionen werden jedesmal vertuscht durch den Abzug der proletarischen Überbevölkerung nach dem Westen; das Einschreiten der Staatsmacht, im Osten auf ein Minimum reduzirt, existirt im Westen gar nicht. In
feudalen Ländern bedeutet die Abschaffung des Staats die Abschaffung des
Feudalismus und die Herstellung des gewöhnlichen bürgerlichen Staats. In
Deutschland verbirgt sich hinter ihr entweder die feige Flucht aus den
unmittelbar vorliegenden Kämpfen, die überschwängliche Verschwindelung
der bürgerlichen Freiheit zur absoluten Unabhängigkeit und Selbstständigkeit des Einzelnen, oder endlich die Gleichgültigkeit des Bürgers gegen jede
Staatsform, vorausgesetzt, daß die bürgerlichen Interessen in ihrer Entwicklung nicht gehemmt werden. Daß diese Abschaffung des Staats ‚im höheren
Sinn’ in so alberner Weise gepredigt wird, dafür können natürlich die
Berliner Stirner und Faucher nicht. La plus belle fille de la France ne peut
donner que ce qu'elle a." (N. Rh. Z. Heft IV, p. 58.)

Die Abschaffung des Staats, die Anarchie ist inzwischen in Deutschland
ein allgemeines Stichwort geworden. Die versprengten deutschen Schüler
Proudhons, die Berliner „höhere" Demokratie, und sogar die verschollenen
„edelsten Geister der Nation" aus dem Stuttgarter Parlament und der Reichsregentschaft haben sich, Jeder in seiner Weise, dies wildaussehende Stichwort angeeignet.

Alle diese Fraktionen stimmen in der Aufrechterhaltung der bestehenden
bürgerlichen Gesellschaft überein. Mit der bürgerlichen Gesellschaft vertreten sie daher nothwendig die Herrschaft der Bourgeoisie, und in Deutschland
sogar die Eroberung der Herrschaft durch die Bourgeoisie; sie unterscheiden

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Über die Losung der Abschaffung des Staates und die deutschen „Freunde der Anarchie"

sich von den wirklichen Vertretern der Bourgeoisie nur durch die fremdartige
Form, die ihnen der Schein ||[2]| des „Weitergehens", des „am Allerwertesten
Gehens" gibt. In allen praktischen Kollisionen verschwand dieser Schein;
gegenüber der wirklichen Anarchie revolutionärer Krisen, wo die Massen
mit „brutaler Gewalt" gegeneinander ankämpften, thaten diese Vertreter der
Anarchie jedes Mal ihr Möglichstes, um der Anarchie zu steuern. Der Inhalt
dieser vielgerühmten „Anarchie" lief schließlich auf denselben hinaus, den
man in „entwickelteren" Ländern mit dem Wort „Ordnung" ausdrückt. Die
„Freunde der Anarchie" in Deutschland stehen in voller entente cordiale mit
den „Freunden der Ordnung" in Frankreich.

Soweit die Freunde der Anarchie nicht von den Franzosen Proudhon und
Girardin abhängig sind, soweit ihre Anschauungsweise germanischen Ursprungs ist, haben sie alle eine gemeinsame Quelle: Stirner. Die Auflösungsperiode der deutschen Philosophie hat überhaupt der demokratischen Partei
in Deutschland den größten Theil ihrer allgemeinen Phrasen geliefert. Die
Vorstellungen und Phrasen der letzten deutschen Schriftgelehrten, namentlich Feuerbachs und Stirners, waren schon vor dem Februar in ziemlich
dissoluter Form in das gemeine belletristische Bewußtsein und die Zeitungsliteratur übergegangen, und diese büdeten wieder die Hauptquelle für die
nachmärzlichen demokratischen Wortführer. Stirners Predigt von der Staatlosigkeit namentlich paßte vortrefflich, um der Proudhonschen Anarchie und
der Girardinschen Abschaffung des Staats die deutsch-philosophische „höhere Weihe" zu geben. Stirners Buch: „Der Einzige und sein Eigenthum"
ist zwar verschollen, aber seine Vorstellungsweise, besonders seine Kritik

25 des Staats, taucht wieder auf in den Freunden der Anarchie. Haben wir schon

früher die Quellen dieser Herren, soweit sie französischen Ursprungs waren,
untersucht, so müssen wir, um ihre deutschen Quellen zu prüfen, abermals
hinabsteigen in die Tiefen der vorsündfluthlichen deutschen Philosophie.
Wenn man sich einmal mit der deutschen Tagespolemik befassen muß, ist
es immer angenehmer, sich an die ursprünglichen Erfinder einer Anschauungsweise zu halten als an die Trödler zweiter Hand.

Noch einmal sattelt mir den Hippogryphen, ihr Musen
Zum Ritt ins alte romantische Land!|

|[3]| Ehe wir auf das erwähnte Stirnersche Buch selbst eingehn, müssen
wir uns zurückversetzen in das „alte romantische Land" und in die vergessene Zeit, in der dies Buch erschien. Die preußische Bourgeoisie, an die
Finanzverlegenheiten der Regierung sich anklammernd, begann sich politische Macht zu erobern, während gleichzeitig, neben der bürgerlich-konstitutionellen Bewegung, die kommunistische Bewegung im Proletariat
täglich weiter um sich griff. Die bürgerlichen Elemente der Gesellschaft, der

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proletarischen Unterstützung noch zur Erreichung ihrer eignen Zwecke
bedürftig, mußten überall einen gewissen Sozialismus affektiren; die konservative und feudale Partei war ebenfalls gezwungen dem Proletariat Versprechungen zu machen. Neben dem Kampf der Bourgeois und Bauern gegen
Feudaladel und Büreaukratie, der Kampf der Proletarier gegen die Bourgeois;
dazwischen eine Reihe von sozialistischen Mittelstufen, die alle Arten von
Sozialismus, den reaktionären, den kleinbürgerlichen, den Bourgeoissozialismus umfaßten; alle diese Kämpfe und Bestrebungen niedergehalten, in
ihrem Ausdruck gedämpft durch den Druck der herrschenden Gewalt, durch
die Censur, durch das Verbot der Vereine und Versammlungen — das war
die Stellung der Parteien zu jener Zeit, wo die deutsche Philosophie ihre
letzten kümmerlichen Triumphe feierte.

Die Censur nöthigte von vornherein allen mehr oder minder mißliebigen
Elementen die möglichst abstrakte Ausdrucksweise auf; die deutsche philosophische Tradition, die gerade bei der vollständigen Auflösung der Hegelschen Schule angekommen war, lieferte diesen Ausdruck. Der Kampf
gegen die Religion dauerte noch fort. Je schwieriger der politische Kampf
gegen die bestehende Gewalt in der Presse wurde, desto eifriger wurde er
in der Form des religiösen und philosophischen Kampfs fortgesetzt. Die
deutsche Philosophie, in ihrer aufgelöstesten Form, wurde Gemeingut der
„Gebildeten", und je mehr sie Gemeingut wurde, desto aufgelöster, zerfahrener und fader wurden die Philosophen, und diese Liederlichkeit und Fadheit
gab ihnen wieder um so höheres Ansehn in den Augen des „gebildeten"
Publikums.

Die Verwirrung in den Köpfen der „Gebildeten" war schreckenerregend
und nahm jeden Augenblick noch | zu. Es war eine wahre Racenkreuzung
von Ideen deutschen, französischen, englischen, antiken, mittelalterlichen
und modernen Ursprungs. Die Verwirrung war um so größer, da man alle
Ideen erst aus zweiter, dritter und vierter Hand besaß und sie daher in einer
bis zur Unkenntlichkeit entstellten Gestalt cirkulirten. Nicht nur die Gedanken der französischen und englischen Liberalen und Sozialisten, auch die
Ideen von Deutschen, z. B. Hegels, theilten dies Schicksal. Die ganze Literatur jener Zeit, und besonders, wie wir sehn werden, Stirners Buch liefert
zahllose Beweise davon, und die gegenwärtige deutsche Literatur laborirt
noch heute stark an den Folgen.

Die philosophischen Spiegelfechtereien dienten unter dieser Konfusion als
Abbild der wirklichen Kämpfe. Jede „neue Wendung" in der Philosophie
erregte die allgemeine Aufmerksamkeit der „Gebildeten", die in Deutschland
eine Unzahl müßiger Köpfe, Referendarien, Schulamtscandidaten, gescheiterte Theologen, brotlose Mediziner, Literaten pp in sich schließen. Für diese
Leute war mit jeder solchen „neuen Wendung" eine geschichtliche Entwick-

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und die deutschen „Freunde der Anarchie".
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lungsstufe überwunden und auf immer abgethan. Der bürgerliche Liberalismus z.B., sobald ein beliebiger Philosoph ihn beliebig kritisirt hatte, war todt,
aus der geschichtlichen Entwicklung gestrichen, und auch für die Praxis
vernichtet. Ebenso der Republikanismus, der Sozialismus usw. Wie sehr
diese Entwicklungsstufen „vernichtet", „aufgelöst", „abgethan" waren,
zeigte sich nachher in der Revolution, wo sie die Hauptrolle spielten und wo
von ihren philosophischen Vernichtern plötzlich keine Rede mehr war.
Die Liederlichkeit in Form und Inhalt, die arrogante Plattheit und aufgeblähte Fadaise, die bodenlose Trivialität und dialektische Misere dieser
letzten deutschen Philosophie übertrifft Alles was bisher in diesem Fach
dagewesen ist. Sie wird nur erreicht durch die unglaubliche Leichtgläubigkeit
des Publikums, das alle diese Sachen für baare Münze, für nagelneu, für
„noch nie dagewesen" nahm. Die deutsche Nation, die „gründliche"!