Friedrich Engels
Die englische Zehnstundenbill

Neue Rheinische Zeitung.
Politisch-ökonomische Revue.
H.4, April 1850

Die englische Zehnstundenbill.

Die englischen Arbeiter haben eine bedeutende Niederlage erlitten, und von
einer Seite von der sie sie am wenigsten erwarteten. Der Court of Exchequer,
einer der vier höchsten Gerichtshöfe Englands, hat vor einigen Wochen ein
Urtheil gefällt, wodurch die Hauptbestimmungen der im Jahre 1847 erlassenen Zehnstundenbill so gut wie abgeschafft werden.

Die Geschichte der Zehnstundenbill bietet ein frappantes Beispiel für die
eigenthümliche Entwickelungsweise der Klassengegensätze in England, und
verdient daher ein näheres Eingehen.

Man weiß, wie mit dem Aufkommen der großen Industrie eine ganz neue,
gränzenlos unverschämte Exploitation der Arbeiterklasse durch die Fabrikbesitzer aufkam. Die neuen Maschinen machten die Arbeit erwachsener
Männer überflüssig; sie erforderten zu ihrer Beaufsichtigung Weiber und
Kinder, die zu diesem Geschäft weit geeigneter und zugleich wohlfeiler zu

haben waren als die Männer. Die industrielle Exploitation bemächtigte sich
also sofort der ganzen Arbeiterfamilie und sperrte sie in die Fabrik; Weiber
und Kinder mußten Tag und Nacht unaufhörlich arbeiten, bis die vollständigste physische Abmattung sie nieder warf. Die Armenkinder der Workhouses
wurden, bei der steigenden Nachfrage nach Kindern, ein vollständiger
Handelsartikel; vom vierten, javom dritten Jahre an wurden sie schockweise
in der Form von Lehrkontrakten an den meistbietenden Fabrikanten versteigert. Die Erinnerung an die schamlos-brutale Exploitation von Kindern und
Weibern in jener Zeit, eine Exploitation die nicht nachließ solange noch eine
Muskel, eine Sehne, ein Tropfen Bluts auszubeuten war, ist noch sehr lebendig unter der älteren Arbeitergeneration Englands, und Mancher von ihnen
trägt diese Erinnerung in der Gestalt einer Rückenverkrümmung oder eines
verstümmelten Gliedes, Alle tragen sie ihre durch und durch ruinirte Gesundheit mit sich herum. Das Loos der Sklaven in den schlimmsten amerika-

nischen Pflanzungen war golden im Vergleich mit dem der englischen Arbeiter jener Zeit.

Schon früh mußten von Staatswegen Maßregeln getroffen werden, um die
vollständig rücksichtslose Exploitationswuth der Fabrikanten zu zügeln,
die alle Bedingungen der civilisirten Gesellschaft mit Füßen trat. Diese ersten
gesetzlichen Beschränkungen waren indeß höchst unzureichend und wurden
bald umgangen. Erst ein halbes Jahrhundert nach Einführung der großen
Industrie, als der Strom der industriellen Entwicklung ein regelmäßiges Bett
gefunden hatte, erst 1833 war es möglich ein wirksames Gesetz zu Stande
zu bringen, das wenigstens den schreiendsten Excessen einigen Einhalt
that.

Schon seit dem Anfang dieses Jahrhunderts hatte sich unter der Leitung
einiger Philanthropen eine Partei gebildet, die die gesetzliche Beschränkung
der Arbeitszeit in den Fabriken auf zehn Stunden täglich forderte. Diese
Partei, die in den zwanziger Jahren unter Sadler's, und nach seinem Tode
unter Lord Ashley's und R. Oastler's Leitung ihre Agitation bis zur wirklichen Durchführung der Zehnstundenbül fortsetzte, vereinigte allmählig,
außer den Arbeitern selbst, die Aristokratie und alle den Fabrikanten feindlichen Fraktionen der Bourgeoisie unter ihrer Fahne. Diese Association der
Arbeiter mit den heterogensten und reaktionärsten Elementen der englischen
Gesellschaft machte es nöthig, daß die Zehnstunden-Agitation ganz au-
Berhalb der revolutionären Arbeiteragitation geführt wurde. Die Chartisten
waren zwar bis auf den letzten Mann für die Zehnstundenbül; sie machten
die Masse, den Chor in allen Zehnstundenmeetings; sie stellten ihre Presse
dem Zehnstundenkomite zur Verfügung. Aber nicht ein einziger Chartist
agitirte in offizieller Gemeinschaft mit den aristokratischen und bürgerlichen
Zehnstundenmännern, oder saß im Zehnstundenkomite (Short-Time-Committee) in Manchester. Dies Komite bestand ausschließlich aus Arbeitern
und Fabrikaufsehern. Aber diese Arbeiter waren vollständig gebrochene,
mattgearbeitete Charaktere, stille, gottselige und ehrbare Leute, die vor dem
Chartismus und Socialismus einen heiligen Abscheu hatten, Thron und Altar
in gebührendem Respekt hielten, und die, zu matt um die industrielle Bourgeoisie zu hassen, nur noch fähig waren zur demüthigen Verehrung der
Aristokratie, die wenigstens für ihr Elend sich zu interessiren geruhte. Der
Arbeitertorysmus dieser Zehnstundenleute war der Nachhall jener ersten
Opposition der Arbeiter gegen den industriellen Fortschritt, die den alten
patriarchalischen Zustand wieder herzustellen suchte und deren energischste Lebensäußerung nicht über das Zerschlagen von Maschinen hinausging. Ebenso reaktionär wie diese Arbeiter, waren die bürgerlichen und
aristokratischen Chefs der Zehnstundenpartei. Sie waren ohne Ausnahme
sentimentale Tories, meist schwärmerische Ideologen, die in der Erinnerung

an die verlorene patriarchalische Winkelexploitation mit ihrem Gefolge von
Frömmigkeit, Häuslichkeit, Tugend und Bornirtheit, mit ihren stabilen, traditionellvererbten Zuständen schwelgten. Ihr enger Schädel wurde vom
Schwindel erfaßt beim Anblick des industriellen Revolutionsstrudels. Ihr
kleinbürgerliches Gemüth entsetzte sich vor den neuen, zauberhaft-plötzlich
emporwachsenden Produktivkräften, die die allerehrwürdigsten, unantastbarsten, wesentlichsten Klassen der bisherigen Gesellschaft in wenig Jahren
wegschwemmten und durch neue, bisher unbekannte Klassen ersetzten,
durch Klassen, deren Interessen, deren Sympathieen, deren ganze Lebensund Anschauungsweise im Widerspruch standen mit den Institutionen der
alten englischen Gesellschaft. Diese weichherzigen Ideologen unterließen
nicht, vom Standpunkte der Moral, der Humanität und des Mitleids aus gegen
die unbarmherzige Härte und Rücksichtslosigkeit zu Felde zu ziehen, womit
dieser gesellschaftliche Umwälzungsprozeß sich durchsetzte, und gegenüber
diesem Umwälzungsprozeß die Stabilität, die stille Behaglichkeit und Sittsamkeit des verendenden Patriarchalismus als Gesellschaftsideal aufzustellen.

Diesen Elementen schlossen sich in Zeiten, wo die Zehnstundenfrage die
öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zog, alle Fraktionen der Gesellschaft
an, die durch die industrielle Umwälzung in ihren Interessen verletzt, in ihrer
Existenz bedroht wurden. Die Bankiers, die Stockjobbers, die Rheder und
Kaufleute, die Grundaristokratie, die großen westindischen Grundbesitzer,
die Kleinbürgerschaft, vereinigten sich in solchen Zeiten mehr und mehr
unter der Leitung der Zehnstunden-Agitatoren.

Die Zehnstundenbill bot ein vortreffliches Terrain für diese reaktionären
Klassen und Fraktionen, um auf ihm sich mit dem Proletariat gegen die industrielle Bourgeoisie zu verbünden. Während sie die rasche Entwicklung des
Reichthums, des Einflusses, der gesellschaftlichen und politischen Macht
der Fabrikanten bedeutend hemmte, gab sie den Arbeitern einen bloß
materiellen, ja ausschließlich physischen Vortheil. Sie schützte sie vor
dem zu schnellen Ruin ihrer Gesundheit. Sie gab ihnen aber nichts, wodurch
sie ihren reaktionären Bundesgenossen gefährlich werden konnten; sie gab
ihnen weder politische Macht, noch änderte sie ihre gesellschaftliche Stellung als Lohnarbeiter. Im Gegentheü hielt die Zehnstunden-Agitation die

Arbeiter fortwährend unter dem Einfluß und theilweise selbst der Leitung
dieser ihrer besitzenden Bundesgenossen, der sie sich seit der Reformbill und
dem Aufkommen der Chartisten-Agitation mehr und mehr zu entziehen
trachteten. Es war ganz natürlich, besonders im Anfang der industriellen
Umwälzung, daß die Arbeiter, in direktem Kampf nur mit den industriellen

Bourgeois, sich an die Aristokratie und die übrigen Fraktionen der Bourgeoisie anschlossen, von denen sie nicht direkt exploitirt wurden und die eben-

falls gegen die industriellen Bourgeois ankämpften. Aber diese Allianz
verfälschte die Arbeiterbewegung mit einer starken reaktionären Beimischung, die sich erst nach und nach verliert; sie gab dem reaktionären Element in der Arbeiterbewegung — denjenigen Arbeitern, deren Arbeitszweig
noch der Manufaktur angehört und daher vom industriellen Fortschritt selbst
bedroht ist, wie z.B. den Handwebern — eine bedeutende Verstärkung.

Ein Glück für die Arbeiter war es daher, daß in jener konfusen Epoche
von 1847, wo alle alten parlamentarischen Parteien aufgelöst und die neuen
noch gar nicht formirt waren, die Zehnstundenbül endlich durchging. Sie
passirte in einer Reihe der verworrensten, scheinbar nur vom Zufall beherrschten Abstimmungen, bei denen mit Ausnahme der entschieden freihändlerischen Fabrikanten auf der einen, und der enragirt-protektionistischen Grundbesitzer auf der andern Seite keine Partei geschlossen und
konsequent stimmte. Sie passirte als eine Chikane, die die Aristokratie, ein
Theil der Peeliten und der Whigs den Fabrikanten anhingen, um für den
großen Sieg, den diese in der Abschaffung der Korngesetze errungen, Revanche zu nehmen.

Die Zehnstundenbül gab den Arbeitern nicht nur die Befriedigung eines
unumgänglichen physischen Bedürfnisses, indem sie ihre Gesundheit einigermaßen vor der Exploitationswuth der Fabrikanten schützte. Sie befreite
die Arbeiter auch von der Genossenschaft der sentimentalen Schwärmer,
von der Solidarität mit sämmtlichen reaktionären Klassen Englands. Die
patriarchalischen Faseleien eines Oastier, die rührenden Theünahme-Versicherungen eines Lord Ashley fanden keine Zuhörer mehr, seitdem die
Zehnstundenbül nicht mehr die Pointe dieser Tiraden büdete. Die Arbeiterbewegung konzentrirte sich erst jetzt ganz auf die Durchführung der politischen Herrschaft des Proletariats als erstes Mittel der Umwälzung der
ganzen bestehenden Gesellschaft. Und hier standen ihr die Aristokratie und
die reaktionären Fraktionen der Bourgeoisie, so eben noch die Bundesgenossen der Arbeiter, als ebensoviel wüthende Feinde, als ebensoviel Bundesgenossen der industriellen Bourgeoisie entgegen.

Durch die industrielle Revolution war die Industrie, kraft deren England
den Weltmarkt erobert hatte und unterjocht hielt, zum entscheidenden
Produktionszweig für England geworden. England stand und fiel mit der
Industrie, hob sich und sank mit ihren Fluktuationen. Mit dem entscheidenden Einfluß der Industrie wurden die industriellen Bourgeois, die Fabrikanten, die entscheidende Klasse in der englischen Gesellschaft, wurde die
politische Herrschaft der Industriellen, die Entfernung aller gesellschaftlichen und politischen Institutionen die der Entwicklung der großen Industrie
im Wege standen, eine Nothwendigkeit. Die industrielle Bourgeoisie gab sich
ans Werk. Die Geschichte Englands von 1830 bis jetzt ist die Geschichte der

Siege, die sie nacheinander über ihre vereinigten reaktionären Gegner errungen hat.

Während die Julirevolution in Frankreich die Finanzaristokratie zur
Herrschaft brachte, war die Reformbill in England, die gleich nachher, 1832
durchging, grade der Sturz der Finanzaristokratie. Die Bank, die Nationalgläubiger und Börsenspekulanten, mit einem Wort die Geldhändler, denen
die Aristokratie tief verschuldet war, hatten unter dem buntscheckigen
Deckmantel des Wahlmonopols bisher fast ausschließlich England beherrscht. Je weiter sich die große Industrie und der Welthandel entwickelte,
desto unerträglicher wurde, trotz einzelner Konzessionen, ihre Herrschaft.
Die Allianz sämmtlicher übrigen Fraktionen der Bourgeoisie mit dem englischen Proletariat und mit den irischen Bauern stürzte sie. Das Volk drohte
mit einer Revolution, die Bourgeoisie gab der Bank ihre Noten in Massen
zurück und brachte sie an den Rand des Bankerotts. Die Finanzaristokratie gab zur rechten Zeit nach; ihre Nachgiebigkeit ersparte England
eine Februarrevolution.

Die Reformbül gab allen besitzenden Klassen des Landes bis zum kleinsten Krämer herab Antheil an der politischen Macht. Allen Fraktionen der
Bourgeoisie war damit ein gesetzliches Terrain gegeben, auf dem sie ihre
Ansprüche und ihre Macht geltend machen konnten. Dieselben Kämpfe der
einzelnen Fraktionen der Bourgeoisie unter sich, die in Frankreich unter der
Republik seit dem Junisieg von 1848 geführt werden, sind in England seit
der Reformbill im Parlament geführt worden. Es versteht sich, daß bei den
ganz verschiedenen Verhältnissen auch die Resultate in beiden Ländern
verschieden sind.

Die industrielle Bourgeoisie, hatte sie einmal in der Reformbill sich das
Terrain zum parlamentarischen Kampf erobert, konnte nicht anders als Sieg
auf Sieg erringen. In der Beschränkung der Sinekuren wurde ihr der aristokratische Schwanz der Financiers, im Armengesetz von 1834 die Paupers,
in der Herabsetzung des Tarifs und der Einführung der Einkommensteuer
die Steuerfreiheit der Financiers und Grundbesitzer geopfert. Mit den Siegen
der Industriellen mehrte sich die Zahl ihrer Vasallen. Der Groß- und Kleinhandel wurde ihr tributär. London und Liverpool fielen aufs Knie vor dem
Freihandel, dem Messias der Industriellen. Aber mit ihren Siegen wuchsen
ihre Bedürfnisse, ihre Ansprüche.

Die moderne große Industrie kann nur bestehn unter der Bedingung sich
fortwährend auszudehnen, fortwährend neue Märkte zu erobern. Die unendliche Leichtigkeit der massenhaftesten Produktion, die unaufhörliche
Fortentwicklung und Weiterbildung der Maschinerie, die dadurch bedingte
ununterbrochene Verdrängung von Kapitalien und Arbeitskräften zwingt sie
dazu. Jeder Stillstand ist hier nur der Anfang des Ruins. Aber die Ausdeh-

nung der Industrie ist bedingt durch die Ausdehnung der Märkte. Und da
die Industrie auf ihrer heutigen Höhe der Entwicklung ihre Produktivkräfte
unverhältnismäßig rascher vermehrt, als sie ihre Märkte vermehren kann,
so entstehen jene periodischen Krisen, in denen aus Ueberfülle an Produktionsmitteln und Produkten die Cirkulation im kommerziellen Körper plötzlieh ins Stocken geräth und Industrie und Handel fast gänzlich stillstehn,
bis das Uebermaß von Produkten durch neue Kanäle seinen Abfluß gefunden
hat. England ist der Brennpunkt dieser Krisen, deren lähmende Wirkung
unfehlbar die entferntesten, verborgensten Winkel des Weltmarkts erreicht
und überall einen bedeutenden Theil der industriellen und kommerziellen

Bourgeoisie in den Ruin hinabzieht. In solchen Krisen, die übrigens allen
Theilen der englischen Gesellschaft ihre Abhängigkeit von den Fabrikanten
aufs Handgreiflichste zu erkennen geben, gibt es nur ein Rettungsmittel:
Ausdehnung der Märkte, sei es durch Eroberung neuer, sei es durch gründlichere Ausbeutung der alten. Abgesehn von den wenigen Ausnahmsfällen,

in denen wie 1842 China, ein bisher hartnäckig verschlossener Markt durch
Waffengewalt gesprengt wird, gibt es nur ein Mittel, auf industriellem Wege
sich neue Märkte zu eröffnen und die alten gründlicher auszubeuten: durch
wohlfeilere Preise, d.h. durch Verringerung der Produktionskosten. Die
Produktionskosten werden verringert durch neue, vollkommnere Produk-

tionsweisen, durch Verminderung des Profits, oder durch Verminderung des
Arbeitslohns. Aber die Einführung vervollkommneter Produktionsweisen
kann nicht aus der Krise retten, weil sie die Produktion vermehrt, also selbst
neue Märkte nöthig macht. Von Herabsetzung des Profits kann in der Krise
keine Rede sein, wo Jeder froh ist, selbst mit Verlust zu verkaufen. Ebenso

mit dem Arbeitslohn, der zudem, wie der Profit, nach Gesetzen sich
bestimmt, die von dem Wollen oder Meinen der Fabrikanten unabhängig
sind. Und doch bildet der Arbeitslohn den Hauptbestandtheil der Produktionskosten, und seine dauernde Herabsetzung ist das einzige Mittel zur
Ausdehnung der Märkte und zur Rettung aus der Krise. Der Arbeitslohn wird

aber fallen, wenn die Lebensbedürfnisse des Arbeiters wohlfeiler hergestellt
werden. Die Lebensbedürfnisse des Arbeiters waren aber in England vertheuert durch die Schutzzölle auf Getreide, englische Kolonialprodukte etc.
und durch die indirekten Steuern.

Daher die anhaltende, heftige, allgemeine Agitation der Industriellen für
den Freihandel und namentlich für die Aufhebung der Kornzölle. Daher das
bezeichnende Faktum, daß von 1842 an jede Handels- und Industriekrisis
ihnen einen neuen Sieg brachte. In der Aufhebung der Kornzölle wurden
ihnen die englischen Grundbesitzer, in der Aufhebung der Differentialzölle
auf Zucker etc. die Grundbesitzer der Kolonien, in der Aufhebung der
Navigationsgesetze die Rheder geopfert. In diesem Augenblick agitiren sie

für Beschränkung der Staatsausgaben und Vermindrung der Steuern, sowie
für Zulassung des Theils der Arbeiter zum Wahlrecht, der am meisten
Garantieen bietet. Sie wollen neue Bundesgenossen ins Parlament ziehn, um
desto schneller die direkte politische Herrschaft sich zu erobern, durch die
allein sie mit den sinnlos gewordenen, aber sehr kostbaren traditionellen
Anhänsgseln der englischen Staatsmaschine, mit der Aristokratie, der Kirche,
den Sinekuren, der halbfeudalen Jurisprudenz fertig werden können. Es ist
unzweifelhaft, daß die gerade jetzt sehr nahe bevorstehende, neue Handelskrisis, die allem Anschein nach mit neuen und großartigen Kollisionen auf
dem Kontinent zusammenfällt, mindestens diesen Fortschritt in der englischen Entwicklung herbeiführen wird.

Mitten unter diesen ununterbrochenen Siegen der industriellen Bourgeoisie gelang es den reaktionären Fraktionen, ihr die Fessel der Zehnstundenbill
anzuschmieden. Die Zehnstundenbill ging durch in einem Moment, der

weder der der Prosperität noch der der Krise war, in einer jener Zwischenepochen, in denen die Industrie noch hinreichend an den Folgen der Ueberproduktion laborirt, um nur einen Theil ihrer Ressourcen in Bewegung setzen
zu Können, in denen die Fabrikanten also selbst nicht die volle Zeit arbeiten
lassen. In einem solchen Moment, wo die Zehnstundenbill die Konkurrenz
unter den Fabrikanten selbst beschränkte, in einem solchen Moment allein
war sie erträglich. Aber dieser Moment machte bald einer erneuerten Prosperität Platz. Die leergekauften Märkte verlangten neue Zufuhren; die Spekulation erhob sich wieder und verdoppelte die Nachfrage; die Fabrikanten
konnten nicht genug arbeiten. Jetzt wurde die Zehnstundenbill für die mehr
als je der vollsten Unabhängigkeit, der uneingeschränktesten Verfügung
über all ihre Ressourcen bedürftige Industrie eine unerträgliche Fessel. Was
sollte aus den Industriellen während der nächsten Krisis werden, wenn man
ihnen nicht gestattete, die kurze Periode der Prosperität mit allen Kräften
zu exploitiren? Die Zehnstundenbill mußte fallen. War j man noch nicht
stark genug, sie im Parlament widerrufen zu lassen, so mußte man suchen
sie zu umgehn.

Die Zehnstundenbill beschränkte die Arbeitszeit der jungen Leute unter
18 Jahren und aller weiblichen Arbeiter auf zehn Stunden täglich. Da diese
und die Kinder die entscheidende Klasse von Arbeitern in den Fabriken sind,

so war die nothwendige Folge, daß die Fabriken überhaupt nur zehn Stunden
täglich arbeiten konnten. Die Fabrikanten jedoch, als die Prosperität ihnen
eine Vermehrung der Arbeitsstunden zum Bedürfniß machte, fanden einen
Ausweg. Wie bisher bei den Kindern unter 14 Jahren, deren Arbeitszeitnoch
mehr beschränkt ist, engagirten sie einige Weiber und junge Leute mehr als
bisher zur Aushülfe und Ablösung. So konnten sie ihre Fabriken und ihre
erwachsenen Arbeiter dreizehn, vierzehn, fünfzehn Stunden arbeiten lassen,

ohne daß ein einziges der unter die Zehnstundenbül fallenden Individuen
mehr als zehn Stunden täglich gearbeitet hätte. Dies war theilweise dem
Buchstaben, noch mehr aber dem ganzen Geist des Gesetzes und der Absicht
der Gesetzgeber entgegen; die Fabrikinspektoren klagten, die Friedensrichter waren uneinig und urtheilten verschieden. Je höher die Prosperität stieg,
desto lauter reklamirten die IndustrieUen gegen die Zehnstundenbül und
gegen die Eingriffe der Fabrikinspektoren. Der Minister des Innern, Sir
G. Grey, gab den Inspektoren Befehl, das Ablösungssystem (relay oder shift
System) zu toleriren. Aber viele von ihnen, auf das Gesetz gestützt, ließen
sich dadurch nicht stören. Endlich wurde ein eklatanter FaU bis vor den Court
of Exchequer gebracht, und dieser sprach sich zu Gunsten der Fabrikanten
aus. Mit dieser Entscheidung ist die Zehnstundenbül faktisch abgeschafft,
und die Fabrikanten sind wieder vollständig die Herren ihrer Fabriken
geworden; sie können in der Krise zwei, drei oder sechs Stunden, in der
Prosperität dreizehn bis fünfzehn Stunden arbeiten, und der Fabrikinspektor
darf sich nicht mehr einmischen.

War die Zehnstundenbül hauptsächlich von Reaktionären vertreten, und
ausschließlich von reaktionären Klassen durchgesetzt worden, so sehen wir
hier, daß sie in der Weise, wie sie durchgesetzt wurde, eine durchaus reaktionäre Maßregel war. Die ganze gesellschaftliche Entwicklung Englands ist
gebunden an die Entwicklung, an den Fortschritt der Industrie. Alle
Institutionen, die diesen Fortschritt hemmen, die ihn beschränken oder nach
außer ihm liegenden Maßstäben regeln und beherrschen wollen, sind reaktionär, sind unhaltbar und müssen ihm erliegen. Die revolutionäre Kraft, die
so spielend mit der ganzen patriarchalischen Gesellschaft des alten Englands,
mit der Aristokratie und der Finanzbourgeoisie fertig geworden ist, wird sich
wahrlich nicht in das gemäßigte Bett der Zehnstundenbül eindämmen lassen.
Alle Versuche Lord Ashley's und seiner Genossen, die gefallene Bül durch
eine authentische Erklärung wiederherzustellen, werden fruchtlos sein oder
im günstigsten Fall nur ein ephemeres Scheinresultat erlangen.

Und dennoch ist für die Arbeiter die Zehnstundenbül unentbehrlich. Sie
ist eine physische Nothwendigkeit für sie. Ohne die Zehnstundenbül geht
die ganze englische Arbeitergeneration physisch zu Grunde. Aber zwischen
der Zehnstundenbül, die die Arbeiter heute verlangen und der Zehnstundenbül, die von Sadler, Oastier und Ashley propagirt und von der reaktionären
Koalition 1847 durchgesetzt worden ist, besteht ein ungeheurer Unterschied.
Die Arbeiter haben durch die kurze Lebensdauer der Bill, durch ihre leichte
Vernichtung — ein einfacher Gerichtsbeschluß, nicht einmal eine Parlamentsakte reichte hin sie zu annulliren — durch das spätere Auftreten ihrer
reaktionären ehemaligen Bundesgenossen erfahren, welchen Werth eine
Allianz mit der Reaktion hat. Sie haben erfahren was es ihnen hüft einzelne

Detailmaßregeln gegen die industriellen Bourgeois durchzusetzen. Sie haben
erfahren daß die industriellen Bourgeois zunächst noch die Klasse sind, die
allein im Stande ist, im gegenwärtigen Augenblick an die Spitze der Bewegung zu treten, daß es vergeblich wäre, ihnen in dieser progressiven Mission
entgegen zu arbeiten. Trotz ihrer direkten und nicht im Mindesten eingeschlafenen Feindschaft gegen die Industriellen sind die Arbeiter daher jetzt
viel geneigter, sie in ihrer Agitation für vollständige Durchführung des
Freihandels, Finanzreform und Ausdehnung des Wahlrechts zu unterstützen, als sich abermals durch phüanthropische Vorspiegelungen unter die

Fahne der vereinigten Reaktionäre locken zu lassen. Sie fühlen, daß ihre Zeit

erst kommen kann, wenn die Industriellen sich abgenutzt haben, und deßhalb
haben sie den richtigen Instinkt, den Entwicklungsproze8, der diesen
die Herrschaft geben und damit ihren Sturz vorbereiten muß, zu beschleunigen. Aber darum vergessen sie nicht, daß sie in den Industriellen ihre eigensten, direktesten Feinde zur Herrschaft bringen, und daß sie nur durch den
Sturz der Industriellen, durch die Erobrung der politischen Macht für sich
selbst zu ihrer eignen Befreiung gelangen können. Die Annullirung der
Zehnstundenbill hat ihnen auch dies abermals aufs Schlagendste bewiesen.
Die Wiederherstellung dieser Bill hat jetzt nur noch Sinn unter der Herrschaft des allgemeinen Stimmrechts, und das allgemeine Stimmrecht in dem
zu zwei Dritteln von industriellen Proletariern bewohnten England ist die
ausschließliche politische Herrschaft der Arbeiterklasse mit allen den revolutionären Veränderungen der gesellschaftlichen Zustände, die davon
unzertrennlich sind. Die Zehnstundenbill, die die Arbeiter heute verlangen,
ist daher eine ganz andre, als die so eben vom Court of Exchequer umgesto-
Bene. Sie ist nicht mehr ein vereinzelter Versuch, die industrielle Entwicklung zu lähmen, sie ist ein Glied in einer langen Verkettung von Maßregeln,
die die ganze gegenwärtige Gestalt der Gesellschaft umwälzen und die bisherigen Klassengegensätze nach und nach vernichten; sie ist keine reaktionäre,
sondern eine revolutionäre Maßregel.

Die faktische Aufhebung der Zehnstundenbill, zunächst durch die Fabrikanten auf eigne Faust, dann durch den Court of Exchequer, hat vor Allem
dazu beigetragen, die Zeit der Prosperität zu verkürzen und die Krisis zu
beschleunigen. Was aber die Krisen beschleunigt, das beschleunigt zugleich

den Gang der englischen Entwicklung und ihr nächstes Ziel, den Sturz der
industriellen Bourgeoisie durch das industrielle Proletariat. Die Mittel, die
den Industriellen zur Ausdehnung der Märkte und zur Beseitigung der Krisen
zu Gebote stehn, sind sehr beschränkt. Die Cobdensche Reduktion der
Staatsausgaben ist entweder eine bloße Whigphrase oder sie kommt, wenn
sie auch nur momentan helfen soll, einer vollständigen Revolution gleich.
Und wird sie in der ausgedehntesten, revolutionärsten Weise — soweit die

englischen Industriellen revolutionär sein können — durchgeführt, wie soll
der nächsten Krise begegnet werden? Es ist evident, die englischen Industriellen, deren Produktionsmittel eine ungleich höhere Expansivkraft besitzen als ihre Debouches, gehen mit raschen Schritten dem Punkt entgegen, wo ihre Hülf smittel erschöpft sind, wo die Periode der Prosperität, die
jetzt noch jede Krise von der folgenden trennt, unter dem Gewicht der
nachdrückenden, übermäßig angewachsenen Produktivkräfte gänzlich verschwindet, wo die Krisen nur noch durch kurze Perioden einer matten,
halbschlummernden industriellen Lebensthätigkeit getrennt sind, und wo die
Industrie, der Handel, die ganze moderne Gesellschaft an Ueberfülle unver-
wendbarer Lebenskraft auf der einen Seite, und an gänzlicher Abzehrung
auf der andern zu Grunde gehn müßte, trüge nicht dieser abnorme Zustand
sein eignes Heilmittel in sich, und hätte nicht die industrielle Entwicklung
zugleich die Klasse erzeugt, die dann allein die Leitung der Gesellschaft
übernehmen kann: das Proletariat. Die proletarische Revolution ist dann
unvermeidlich und ihr Sieg ist gewiß.

Das ist der regelmäßige normale Lauf der Ereignisse, wie er mitunabwendbarer Nothwendigkeit aus den ganzen gegenwärtigen Gesellschaftszuständen Englands hervorgeht. In wie weit dieser normale Verlauf durch kontinentale Kollisionen und revolutionäre Ueberstürzungen in England abge-
kürzt werden kann, wird sich bald zeigen.

Und die Zehnstundenbül?

Von dem Augenblick an, wo die Grenzen des Weltmarkts selbst für die
volle Entfaltung aller Ressourcen der modernen Industrie zu eng werden,
wo sie eine gesellschaft tliche Revolution nöthig hat um für ihre Kräfte wieder
freien Spielraum zu gewinnen — von diesem Augenblick an ist die Beschränkung der Arbeitszeit nicht mehr reaktionär, ist sie kein Hemmniß der Industrie mehr. Sie stellt sich im Gegentheil ganz von selbst ein. Die erste Folge
der proletarischen Revolution in England wird die Centralisation der großen
Industrie in den Händen des Staats, d.h. des herrschenden Proletariats sein
und mit der Centralisation der Industrie fallen alle jene Konkurrenzverhältnisse weg, die heutzutage die Regulirung der Arbeitszeit mit dem Fortschritt
der Industrie in Konflikt bringen. Und so liegt die einzige Lösung der Zehnstundenfrage wie aller Fragen, die auf dem Gegensatz von Kapital und
Lohnarbeit beruhen in der proletarischen Revolution.

Friedrich Engels.

Karl Marx

Louis-Napoleon und Fould

Neue Rheinische Zeitung,
Politisch-ökonomische Revue.
H.4, April 1850

Louis Napoleon und Fould.

Unsre Leser erinnern sich, daß wir im vorigen Heft nachwiesen wie die
Finanzaristokratie in Frankreich wieder zur Herrschaft gekommen ist. Wir
wiesen bei dieser Gelegenheit hin auf die Association von Louis Napoleon
und Fould zur Durchführung einträglicher Börsencoups. Es ist schon aufgefallen daß seit dem Eintritt Foulds ins Ministerium die unaufhörlichen
Geldforderungen Louis Napoleons an die gesetzgebende Versammlung
plötzlich aufhörten. Seit den letzten Wahlen sind aber Thatsachen verlautet,
die auf die Erwerbsquellen des Präsidenten Bonaparte ein sehr grelles Licht
werfen. Nur ein Beispiel.

Wir werden uns bei unsrer Erzählung hauptsächlich auf die ,,Patrie"
beziehn, das honette Blatt der Union électorale, dessen Besitzer, der Banquier Delamarre, selbst einer der bedeutendsten Pariser Börsenspieler ist.

Auf die Wahlen vom 10. März hin wurde eine große Spekulation à la hausse
organisirt. Herr Fould stand an der Spitze der Intrigue, die ersten Ordnungsfreunde betheiligten sich dabei, die Camarilla des Herrn Bonaparte sowie
er selbst waren mit bedeutenden Summen interessirt.

Am 7. März stiegen die 3 % um 5 Centimen, und die 5 % um 15 Centimen;
die Patrie hatte nämlich das Resultat der vorläufigen Wahl der Ordnungsfreunde bekannt gemacht. Dieser Aufschlag war unsern Spekulanten indeß
zu gering; es mußte „eingeheizt" werden. Die Patrie am 8. März, den Abend
vorher ausgegeben, zeigt also in ihrem Börsenbülletin an, daß an dem Siege
der Ordnungspartei nicht der entfernteste Zweifel sei. Sie sagt U.A.:
„Wir werden sicher nicht die Zurückhaltung der Kapitalisten tadeln; indessen wenn es Umstände gibt, wo der Zweifel nicht erlaubt ist, so ist es hier,
nach dem in der Vorwahl erhaltenen Resultat." — Um den Einfluß des
Börsenbülletins und der Mittheilungen der Patrie überhaupt auf die Börse
zu würdigen, muß man wissen daß sie der eigentliche Moniteur der gegenwär-

tigen Regierung ist, und die offiziellen Nachrichten vor dem Moniteur mitgetheilt erhält. Indessen mißlingt der Coup diesmal.

Am 8. werden einige der rothen Partei günstige Abstimmungen der Armee
bekannt, und sofort fallen die Course. Ein panischer Schrecken scheint sich
der Spekulanten zu bemächtigen; es gilt jetzt alle Mittel aufzubieten. Das
Börsenbülletin der Patrie behauptet seinen Posten; sämmtliche Journale der
Union électorale werden ins Feuer kommandirt; einige Unrichtigkeiten in
unbedeutenden Abstimmungen werden mit Emphase debattirt; ein Journal
veröffentlicht an seiner Spitze die Abstimmungen eines Regiments, welches
monarchisch gewählt hat; die republikanischen Journale endlich bringen
gezwungen einige offizielle Dementis, die sich ein paar Tage später als
ebenso viele Lügen erweisen.

Diesen vereinigten Versuchen gelingt es am 9. bei Beginn der Börse ein
kleines Steigen der Staatspapiere hervorzubringen, das indeß nicht lange
vorhält. Der Cours ist ziemlich niedrig bis um 2'U Uhr; von diesem Moment
an steigt er fortwährend bis zum Schluß der Börse. Die Ursachen dieses
plötzlichen Umschwungs plaudert die Patrie selbst aus, wie folgt: „Man
versichert daß einige, sehr bei dem Aufschlag interessirte Spekulanten,
beträchtliche Ankäufe gegen Schluß der Börse gemacht haben, um die
Gemiither in der Provinz beim Augenblick der Wahl gut zu stimmen, und
durch das Vertrauen, das sich der Provinz bemächtigen würde, neue Ankäufe
hervorzurufen, die die Course noch mehr in die Höhe treiben mußten." Diese
Operation belief sich auf mehrere Millionen, ihr Erfolg war, daß die 3 % um
40 Centimes stiegen, und die 5 % um 60 Centimes.

Soviel also klar: Es gab Spekulanten die beim Aufschlag interessirt waren,
und die daher im entscheidenden Moment neue bedeutende Ankäufe machten um ein neues Steigen hervorzurufen. Wer waren diese Spekulanten?
Die Thatsachen mögen antworten.

Am 11. März Sinken auf der Börse. Alle Versuche der Spekulanten sind
ohnmächtig gegenüber dem Schwanken des Wahlresultats.

Am 12. März neues, bedeutendes Sinken, da das Wahlresultat beinahe
bekannt ist und es so gut wie fest steht daß die drei sozialistischen Kandidaten eine imposante Majorität haben. Die Spekulanten a la hausse machen
nun einen verzweifelten Versuch. Die Patrie und der Moniteur du Soir
veröffentlichen, unter dem Titel von offiziellen telegraphischen Depeschen,
Wahlresultate aus den Provinzen, die rein erfunden waren. Das Manöver
gelingt. Den Abend, bei Tortoni, leichtes Steigen der Course. Es handelt sich
also nur noch darum weiter zu „heizen." Die Patrie druckt folgende Nachricht: „Nach den bis jetzt bekannten Abstimmungen trägt der Bürger de
Flotte nur eine Majorität von 341 Stimmen über den Bürger J. Foy davon.
Dies Wahlresultat kann noch durch die Abstimmungen der mobilen Gens-

darmerie zu Gunsten unsres Kandidaten entschieden werden. — Man versichert daß die Regierung morgen der Versammlung zwei Gesetze über die
Presse und über die Wahlversammlungen vorlegen und die Dringlichkeit
dafür verlangen wird." Die zweite Nachricht war falsch; erst nach langem
Zögern, nach langwierigen Berathungen mit den Chefs der Ordnungspartei,
und nach einer ministeriellen Veränderung entschloß sich die Regierung
diese Gesetze vorzulegen. Die erste Nachricht war eine noch unverschämtere Lüge; in demselbem Augenblick wo sie in der Patrie veröffentlicht
wurde, schickte die Regierung eine telegraphische Depesche in die Departements, daß de Flotte gewählt sei.

Indessen der Coup gelang; die Papiere stiegen um 1 Fr. 35 Cent., und die
Herren Spekulanten realisirten zwischen 3 und 4 Millionen. Man kann es den
„Freunden des Eigenthums" sicherlich nicht verübeln, wenn sie ihres Fetisches im Interesse der Ordnung und der Gesellschaft so viel wie möglich
habhaft zu werden suchen.

In Folge dieses gelungenen dodge wurden die Herren Spekulanten so
übermüthig, daß sie sofort neue Ankäufe im großartigsten Maßstab unternahmen und dadurch eine Menge andrer Kapitalisten ebenfalls zum Kaufen
veranlaßten. Der Aufschlag war so prononcirt, daß selbst die muthmaßlichen Profite auf diese Transaktion auf der Börse schon wieder verhandelt
wurden. Da kam am Morgen des 15. der niederschmetternde Schlag, die
Proklamirung Carnots, de Flottes und Vidals zu Volksrepräsentanten; die
Course fielen plötzlich und unaufhaltsam, und die Niederlage unsrer Spekulanten war durch keine erlogenen Nachrichten und telegraphischen Erfindungen mehr aufzuhalten.