Karl Marx
Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850

Neue Rheinische Zeitung.
Politisch-ökonomische Revue.
H. 1, Januar 1850

1848 bis 1849.

Mit Ausnahme einiger weniger Kapitel, trägt jeder bedeutendere Abschnitt
der Revolutionsannalen von 1848 bis 1849 die Ueberschrift: Niederlage der
Revolution!

Was in diesen Niederlagen erlag, war nicht die Revolution. Es waren die
vorrevolutionären traditionellen Anhängsel, Resultate gesellschaftlicher
Verhältnisse, die sich noch nicht zu scharfen Klassengegensätzen zugespitzt
hatten, — Personen, Illusionen, Vorstellungen, Projekte, wovon die revolutionäre Parthei vor der Februarrevolution nicht frei war, wovon nicht

der Februarsieg, sondern nur eine Reihe von Niederlagen sie befreien
konnte.

Mit Einem Worte: Nicht in seinen unmittelbaren tragikomischen Errungenschaften brach sich der revolutionäre Fortschritt Bahn, sondern umgekehrt in der Erzeugung einer geschlossenen mächtigen Contrerevolution, in

der Erzeugung eines Gegners, durch dessen Bekämpfung erst die Umsturzparthei zu einer wirklich revolutionären Parthei heranreifte.

Dies nachzuweisen, ist die Aufgabe der folgenden Blätter.

I. Die Juniniederlage 1848.

Nach der Julirevolution, als der liberale Bankier Laffitte seinen Compere,
den Herzog von Orleans im Triumph auf das Hotel de Ville geleitete, ließ
er das Wort fallen: Von nun an werden die Bankiers herrschen. Laffitte hatte
das Geheimniß der Revolution verrathen. |

6J Nicht die französische Bourgeoisie herrschte unter Louis Philipp,
sondern Eine Fraktion derselben, Bankiers, Börsenkönige, Eisenbahnkö-

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nige, Besitzer von Kohlen- und Eisenbergwerken und Waldungen, ein Theil
des mit ihnen ralliirten Grundeigenthums — die sogenannte Finanzaristokratie. Sie saß auf dem Throne, sie diktirte in den Kammern Gesetze, sie vergab
die Staatsstellen vom Ministerium bis zum Tabacksbureau.

Die eigentlich industrielle Bourgeoisie bildete einen Theil der officiellen 5
Opposition, d.h. sie war in den Kammern nur als Minorität vertreten. Ihre
Opposition trat um so entschiedener hervor, je reiner sich die Alleinherrschaft der Finanzaristokratie entwickelte, und jemehr sie selbst nach den in
Blut erstickten Erneuten 1832, 1834 und 1839 ihre Herrschaft über die Arbeiterklasse gesichert wähnte. Grandin, Fabrikant von Rouen, in der consti- 10
tuirenden, wie in der legislativen Nationalversammlung das fanatischste
Organ der bürgerlichen Reaktion, war in der Deputirtenkammer der heftigste
Widersacher Guizots. Leon Faucher, später durch seine ohnmächtigen
Anstrengungen bekannt, sich zum Guizot der französischen Contrerevolution aufzuschwingen, führte in den letzten Zeiten Louis Philipps einen 15
Federkrieg für die Industrie gegen die Spekulation und ihren Schleppträger,
die Regierung. Bastiat agitirte im Namen von Bordeaux und des ganzen
Weinproduzirenden Frankreichs gegen das herrschende System.

Die kleine Bourgeoisie in allen ihren Abstufungen, ebenso die Bauernklasse waren vollständig von der politischen Macht ausgeschlossen. Es 20
befanden sich endlich in der officiellen Opposition oder gänzlich außerhalb
des pays légal die ideologischen Vertreter und Wortführer der angeführten
Klassen, ihre Gelehrten, Advokaten, Aerzte u. s.w., mit einem Worte, ihre
sogenannten Capacitäten.

Durch ihre Finanznoth war die Julimonarchie von vorn herein abhängig 25
von der hohen Bourgeoisie und ihre Abhängigkeit von der hohen Bourgeoisie
wurde die unerschöpfliche Quelle einer wachsenden Finanznoth. Unmöglich
die Staatsverwaltung dem Interesse der nationalen Produktion unterzuordnen, ohne das Gleichgewicht | im Budget herzustellen, das Gleichgewicht
zwischen Staatsausgaben und Staatseinnahmen. Und wie dies Gleichgewicht 30
herstellen ohne Beschränkung des Staatsaufwandes, d.h. ohne Interessen
zu verletzen, die eben so viele Stützen des herrschenden Systems waren, und
ohne die Steuervertheilung neu zu regeln, d. h. ohne einen bedeutenden Theil
der Steuerlast auf die Schultern der hohen Bourgeoisie selbst zu wälzen?

Die Verschuldung des Staats war vielmehr das direkte Interesse der durch 35
die Kammern herrschenden und gesetzgebenden Bourgeoisfraktion. Das
Staatsdefizit, es war eben der eigentliche Gegenstand ihrer Spekulation und
die Hauptquelle ihrer Bereicherung. Nach jedem Jahre ein neues Defizit.
Nach dem Verlaufe von 4 bis 5 Jahren eine neue Anleihe. Und jede neue
Anleihe bot der Finanzaristokratie neue Gelegenheit, den künstlich in der 40
Schwebe des Bankerutts gehaltenen Staat zu prellen — er mußte unter den

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. I. Die Juniniederlage 1848

ungünstigsten Bedingungen mit den Bankiers contrahiren. Jede neue Anleihe
gab eine zweite Gelegenheit, das Publikum, das seine Capitalien in Staatsrenten anlegt, durch Börsenoperationen zu plündern, in deren Geheimniß
Regierung und Kammermajorität eingeweiht waren. Ueberhaupt bot der
schwankende Stand des Staatskredits und der Besitz der Staatsgeheimnisse
den Bankiers, wie ihren Affiliirten in den Kammern und auf dem Throne die
Möglichkeit, außerordentliche, plötzliche Schwankungen im Kurse der
Staatspapiere hervorzurufen, deren stetes Resultat der Ruin einer Masse
kleinerer Kapitalisten sein mußte und die fabelhaft schnelle Bereicherung
der großen Spieler. War das Staatsdefizit das direkte Interesse der
herrschenden Bourgeoisfraktion, so erklärt es sich, wie die außerordentlichen Staatsverwendungen in den letzten Regierungsjahren Louis Philipps
bei weitem um das Doppelte die außerordentlichen Staatsverwendungen
unter Napoleon überstiegen, ja beinahe jährlich die Summe von 400 Millionen Fcs. erreichten, während die jährliche Gesammtausfuhr Frankreichs im
Durchschnitt sich selten zur Höhe von 750 Millionen Fcs. erhob. Die enormen Summen, die so durch die Hände des Staats flössen, gaben überdem
Gelegenheit zu gaunerischen Lieferungskontrakten, Bestechun|gen,
Unterschleifen, Spitzbübereien aller Art. Die Uebervortheilung des Staats,
wie sie durch die Anleihen im Großen geschah, wiederholte sich bei den
Staatsarbeiten im Detail. Das Verhältniß zwischen Kammer und Regierung
vervielfältigte sich als Verhältniß zwischen den einzelnen Administrationen
und den einzelnen Unternehmern.

Wie die Staatsverwendungen überhaupt und die Staatsanleihen, so exploitirte die herrschende Klasse die Eisenbahnbauten. Dem Staate wälzten
die Kammern die Hauptlasten zu und der spekulirenden Finanzaristokratie
sicherten sie die goldenen Früchte. Man erinnert sich der Skandale in der
Deputirtenkammer, wenn es gelegentlich zum Vorschein kam, daß sämmtliche Mitglieder der Majorität, ein Theil der Minister eingerechnet, als Aktionäre bei denselben Eisenbahnbauten betheiligt waren, die sie hinterher als
Gesetzgeber auf Staatskosten ausführen ließen.

Die kleinste finanzielle Reform scheiterte dagegen an dem Einfluße der
Bankiers. So z.B. die Postreform. Rothschild protestirte. Durfte der Staat
Einnahmequellen schmälern, aus denen seine stets wachsende Schuld zu
verzinsen war?

Die Julimonarchie war nichts als eine Aktien-Compagnie zur Exploitation
des französischen Nationalreichthums, deren Dividenden sich vertheilten
unter Minister, Banquiers, 240000 Wähler und ihren Anhang. Louis Philipp
war der Direktor dieser Compagnie — Robert Macaire auf dem Throne.
Handel, Industrie, Ackerbau, Schiffahrt, die Interessen der industriellen
Bourgeoisie mußten beständig unter diesem System gefährdet und beein-

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trächtigt werden. Wohlfeile Regierung, gouvernement ä bon marche, hatte
sie in den Julitagen auf ihre Fahne geschrieben.

Indem die Finanzaristokratie die Gesetze gab, die Staatsverwaltung leitete,
über sämmtliche organisirte Öffentliche Gewalten verfügte, die öffentliche
Meinung durch die Thatsachen und durch die Presse beherrschte, wiederholte sich in allen Sphären, vom Hofe bis zum Cafe Borgne dieselbe Prostitution, derselbe schamlose Betrug, dieselbe Sucht sich zu bereichern nicht
durch die Produktion, sondern durch die Escamotage schon vorhandenen |
 fremden Reichthums, brach namentlich an den Spitzen der bürgerlichen
Gesellschaft die schrankenlose mit den bürgerlichen Gesetzen selbst jeden
Augenblick kollidirende Geltendmachung der ungesunden und liederlichen
Gelüste aus, worin der aus dem Spiele entspringende Reichthum naturgemäß
seine Befriedigung sucht, wo der Genuß crapuleux wird, wo Geld, Schmutz
und Blut zusammenfließen. Die Finanzaristokratie, in ihrer Erwerbsweise
wie in ihren Genüssen, ist nichts als die Wiedergeburt des Lumpenproletariats auf den Höhen der bürgerlichen Gesellschaft.

Und die nicht herrschenden Fraktionen der französischen Bourgeoisie
schrieen Corruption! Das Volk schrie: ä bas les grands voleurs! ä bas les
assassins! als im Jahre 1847 auf den erhabensten Bühnen der bürgerlichen
Gesellschaft dieselben Scenen Öffentlich aufgeführt wurden, welche das
Lumpenproletariat regelmäßig in die Bordells, in die Armen- und Irrenhäuser, vor den Richter, in die Bagnos und auf das Schaffot führen. Die industrielle Bourgeoisie sah ihre Interessen gefährdet, die kleine Bourgeoisie war
moralisch entrüstet, die Volksphantasie war empört, Paris war von
Pamphlets überflutet — „la dynastie Rothschild", „les juifs rois de l'epoque"
etc. — worin die Herrschaft der Finanzaristokratie mit mehr oder weniger
Geist denunzirt und gebrandmarkt wurde.

Rien pour la gloire! Der Ruhm bringt nichts ein! la paix partout et toujours!
Der Krieg drückt den Kurs der 3 und 4procentigen! hatte das Frankreich der
Börsenjuden auf seine Fahne geschrieben. Seine auswärtige Politik verlor
sich daher in eine Reihe von Kränkungen des französischen Nationalgefühls,
das um so lebhafter auffuhr, als mit der Einverleibung Krakau's in Oestreich
der Raub an Polen vollendet wurde, und Guizot im schweizerischen Sonderbundskriege aktiv auf Seiten der heiligen Allianz trat. Der Sieg der Schweizer
Liberalen in diesem Scheinkriege hob das Selbstgefühl der bürgerlichen
Opposition in Frankreich, die blutige Erhebung des Volkes zu Palermo
wirkte wie ein elektrischer Schlag auf die paralysirte Volksmasse und rief
ihre großen revolutionären Erinnerungen und Leidenschaften wach. |

1101 Der Ausbruch des allgemeinen Mißbehagens wurde endlich beschleunigt, die Verstimmung zur Revolte gereift durch zwei ökonomische Welter-

eignisse.

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. I. Die Juniniederlage 1848

Die Kartoffelkrankheit und Mißerndten von 1845 und 1846 steigerten die
allgemeine Gährung im Volke. Die Theurung von 1847 rief in Frankreich,
wie auf dem übrigen Continente blutige Conflikte hervor. Gegenüber den
schamlosen Orgien der Finanzaristokratie der Kampf des Volkes um die
ersten Lebensmittel! zu Biizan§ais die Emeutiers des Hungers hingerichtet,
zu Paris übersättigte Escrocs den Gerichten durch die königliche Familie
entrissen!

Das zweite große ökonomische Ereigniß, welches den Ausbruch der
Revolution beschleunigte war eine allgemeine Handels- und Industrie-Krise
in England; schon Herbst 1845 angekündigt durch die massenhafte Niederlage der Eisenbahnaktienspekulanten, hingehalten während des Jahres 1846
durch eine Reihe von Incidenzpunkten, wie die bevorstehende Abschaffung
der Kornzölle, eklatirte sie endlich Herbst 1847 in den Bankerutten der
großen Londoner Colonialwaarenhändler, denen die Fallite der Landbanken
und das Schließen der Fabriken in den englischen Industrie-Bezirken auf
dem Fuße nachfolgten. Noch war die Nachwirkung dieser Krise auf dem
Continent nicht erschöpft, als die Februarrevolution ausbrach.

Die Verwüstung des Handels und der Industrie durch die ökonomische
Epidemie machte die Alleinherrschaft der Finanzaristokratie noch unerträglieber. In ganz Frankreich rief die oppositionelle Bourgeoisie die Bankettagitation für eine Wahlreform hervor, welche ihr die Majorität in den
Kammern erobern und das Ministerium der Börse stürzen sollte. Zu Paris
hatte die industrielle Krisis noch speziell die Folge, eine Masse Fabrikanten
und Großhändler, die auf dem auswärtigen Markte unter den gegenwärtigen
Umständen keine Geschäfte mehr machen konnten, auf den innern Handel
zu werfen. Sie errichteten große Etablissements, deren Conkurrenz Epiciers
und Boutiquiers massenhaft ruinirte. Daher eine Unzahl Fallite in diesem
Theile der Pariser Bourgeoisie, daher ihr revolutionäres ||11] Auftreten im
Februar. Es ist bekannt, wie Guizot und die Kammern die Reformvorschläge
mit einer unzweideutigen Herausforderung beantworteten, wie Louis Philipp
sich zu spät zu einem Ministerium Barrot entschloß, wie es zum Handgemenge zwischen dem Volke und der Armee kam, wie die Armee durch die
passive Haltung der Nationalgarde entwaffnet wurde, wie die Julimonarchie
einer provisorischen Regierung den Platz räumen mußte.

Die provisorische Regierung, die sich auf den Februarbarrikaden erhob,
spiegelte in ihrer Zusammensetzung nothwendig die verschiedenen Partheien ab, worunter sich der Sieg vertheilte. Sie konnte nichts anders sein,
als ein Compromiß der verschiedenen Klassen, die gemeinsam den Julithron
umgestürzt, deren Interessen sich aber feindlich gegenüberstanden. Ihre
große Majorität bestand aus Vertretern der Bourgeoisie. Das republikanische
Kleinbürgerthum vertreten in Ledru Rollin und Flocon, die republikanische

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Bourgeoisie in den Leuten vom National, die dynastische Opposition in
Cremieux, Dupont de l'Eure u. s.w. Die Arbeiterklasse besaß nur zwei
Repräsentanten, Louis Blanc und Albert. Lamartine endlich in der provisorischen Regierung, das war zunächst kein wirkliches Interesse, keine
bestimmte Klasse, das war die Februarrevolution selbst, die gemeinsame
Erhebung mit ihren Illusionen, ihrer Poesie, ihrem eingebildeten Inhalt und
ihren Phrasen. Uebrigens gehörte der Wortführer der Februarrevolution,
seiner Stellung wie seinen Ansichten nach, der Bourgeoisie an.

Wenn Paris in Folge der politischen Centralisation Frankreich beherrscht,
beherrschen die Arbeiter in Augenblicken revolutionärer Erdbeben Paris.
Der erste Lebensakt der provisorischen Regierung war der Versuch, sich
diesem überwältigenden Einflüsse zu entziehn durch einen Appell von dem
trunknen Paris an das nüchterne Frankreich. Lamartine bestritt den Barrikadenkämpfern das Recht, die Republik auszurufen, dazu sei nur die
Majorität der Franzosen befugt, ihre Stimmgebung sei abzuwarten, das
Pariser Proletariat dürfe seinen Sieg nicht beflecken durch eine Usurpation.
Die Bourgeoisie erlaubt dem Proletariat nur Eine Usurpation — die des
Kampfes. I

 Um die Mittagsstunde des 25. Februar war die Republik noch nicht
ausgerufen, waren dagegen sämmtliche Ministerien schon vertheilt unter die
bürgerlichen Elemente der provisorischen Regierung und unter die Generäle,
Bankiers und Advokaten des National. Aber die Arbeiter waren entschlossen, diesmal keine ähnliche Escamotage zu dulden wie im Juli 1830. Sie
waren bereit von neuem den Kampf aufzunehmen und die Republik durch
Waffengewalt zu erzwingen. Mit dieser Botschaft begab sich Raspail auf das
Hotel de Ville. Im Namen des Pariser Proletariats befahl er der provisorischen Regierung die Republik auszurufen, sei dieser Befehl des Volkes im
Laufe von zwei Stunden nicht vollstreckt, so werde er an der Spitze von
200 000 Mann zurückkehren. Noch waren die Leichen der Gefallenen kaum

erkaltet, die B arrikaden nicht weggeräumt, die Arbeiter nicht entwaffnet und 30

die einzige Macht, die man ihnen entgegenstellen konnte, war die Nationalgarde. Unter diesen Umständen verschwanden plötzlich die staatsklugen
Bedenken und juristischen Gewissensskrupel der provisorischen Regierung.
Die Frist von zwei Stunden war nicht abgelaufen und schon prangten an allen
Mauern von Paris die historischen Riesenworte:

République francaise! Liberté, Egalité, Fraternité!

Mit der Proklamation der Republik auf der Grundlage des allgemeinen
Wahlrechts war selbst die Erinnerung an die beschränkten Zwecke und
Motive ausgelöscht, welche die Bourgeoisie in die Februarrevolution gejagt
hatten. Statt einiger weniger Fraktionen des Bürgerthums sämmtliche Klassen der französischen Gesellschaft plötzlich in den Kreis der politischen

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. I. Die Juniniederlage 1848

Macht hineingeschleudert, gezwungen, die Logen, das Parterre, die Gallerie
zu verlassen und in eigner Person auf der revolutionären Bühne mitzuspielen ! Mit dem konstitutionellen Königthum auch der Schein einer eigenmächtig der bürgerlichen Gesellschaft gegenüberstehenden Staatsmacht verschwunden, und die ganze Reihe von untergeordneten Kämpfen, welche
diese Scheinmacht herausfordert!

Das Proletariat, indem es der provisorischen Regierung und durch die
provisorische Regierung ganz Frank||l3|reich die Republik diktirte, trat
sofort als selbstständige Parthei in den Vordergrund, aber es forderte
zugleich das ganze bürgerliche Frankreich gegen sich in die Schranken. Was
es eroberte, war das Terrain für den Kampf um seine revolutionäre Emancipation, keinesweges diese Emancipation selbst.

Die Februarrepublik mußte zunächst vielmehr die Herrschaft der Bourgeoisie vervollständigen, indem sie neben der Finanzaristokratie sämmtliche
besitzenden Klassen in den Kreis der politischen Macht eintreten ließ. Die
Majorität der großen Grundbesitzer, die Legitimisten wurden von der politischen Nichtigkeit emancipirt, wozu die Julimonarchie sie verurtheilt hatte.
Nicht umsonst hatte die Gazette de France gemeinsam mit den Oppositionsblättern agitirt, nicht umsonst Larochejaquelin in der Sitzung der Deputirten-
Kammer vom 24. Februar die Parthei der Revolution ergriffen. Durch das
allgemeine Wahlrecht wurden die nominellen Eigenthümer, welche die große
Majorität der Franzosen bilden, die Bauern zu Schiedsrichtern über das
Schicksal Frankreichs eingesetzt. Die Februarrepublik ließ endlich die
Bourgeoisherrschaft rein hervortreten, indem sie die Krone abschlug, hinter
der sich das Kapital versteckt hielt.

Wie die Arbeiter in den Julitagen die bürgerliche Monarchie, hatten sie in
den Februartagen die bürgerliche Republik erkämpft. Wie die Julimonarchie
gezwungen war, sich anzukündigen als eine Monarchie, umgeben von republikanischen Institutionen, so die Februarrepublik als eine Republik,

umgeben von socialen Institutionen. Das Pariser Proletariat erzwang auch
diese Concession.

Marche, ein Arbeiter, diktirte das Dekret, worin die eben erst gebildete
provisorische Regierung sich verpflichtete, die Existenz der Arbeiter durch
die Arbeit sicher zu stellen, allen Bürgern Arbeit zu verschaffen u. s. w. Und

als sie wenige Tage später ihre Versprechungen vergaß und das Proletariat
aus den Augen verloren zu haben schien, marschirte eine Masse von
20000 Arbeitern auf das Hotel de Ville mit dem Rufe: Organisation der
Arbeit! Bildung eines eignen Ministeriums \WA\ der Arbeit! Widerstrebend
und nach langen Debatten ernannte die provisorische Regierung eine permanente Spezialkommission, beauftragt die Mittel zur Verbesserung der arbeitenden Klassen auszufinden! Diese Kommission wurde gebildet aus

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Delegirten der Pariser Handwerkscorporationen und präsidirt von Louis
Blanc und Albert. Das Luxembourg wurde ihr als Sitzungssaal angewiesen.
So waren die Vertreter der Arbeiterklasse von dem Sitze der provisorischen
Regierung verbannt, der bürgerliche Theil derselben behielt die wirkliche
Staatsmacht und die Zügel der Verwaltung ausschließlich in den Händen,
und neben den Ministerien der Finanzen, des Handels, der öffentlichen
Arbeiten, neben der Bank und der Börse erhob sich eine socialistische
Synagoge, deren Hohepriester, Louis Blanc und Albert, die Aufgabe hatten,
das gelobte Land zu entdecken, das neue Evangelium zu verkünden und das
Pariser Proletariat zu beschäftigen. Zum Unterschiede von jeder profanen
Staatsmacht stand ihnen kein Budget, keine executive Gewalt zur Verfügung. Mit dem Kopfe sollten sie die Grundpfeiler der bürgerlichen Gesellschaft einrennen. Während das Luxembourg den Stein der Weisen suchte,
schlug man im Hotel de Ville die Kurshabende Münze.

Und dennoch, die Ansprüche des Pariser Proletariats, so weit sie über die
bürgerliche Republik hinausgingen, sie konnten keine andere Existenz gewinnen, als die nebelhafte des Luxembourg.

Gemeinsam mit der Bourgeoisie hatten die Arbeiter die Februarrevolution
gemacht, neben der Bourgeoisie suchten sie ihre Interessen durchzusetzen,
wie sie in der provisorischen Regierung selbst neben die bürgerliche Majoritat einen Arbeiter installirt hatten. Organisation der Arbeit! Aber die Lohnarbeit ist die vorhandene, die bürgerliche Organisation der Arbeit. Ohne sie
kein Kapital, keine Bourgeoisie, keine bürgerliche Gesellschaft. Ein eignes
Ministerium der Arbeit! Aber die Ministerien der Finanzen, des Handels, der
öffentlichen Arbeiten, sind sie nicht die bürgerlichen Ministerien der Arbeit
und neben ihnen ein proletarisches Ministerium der Arbeit, es mußte ein
Ministerium der Ohnmacht sein, ein Ministerium der frommen Wünsche,
eine || 151 Commission des Luxembourg. Wie die Arbeiter glaubten, neben der
Bourgeoisie sich emancipiren, so meinten sie neben den übrigen Bourgeoisnationen innerhalb der nationalen Wände Frankreichs eine proletarische
Revolution vollziehen zu können. Aber die französischen Produktionsverhältnisse sind bedingt durch den auswärtigen Handel Frankreichs, durch
seine Stellung auf dem Weltmarkt und die Gesetze desselben, wie sollte
Frankreich sie brechen ohne einen europäischen Revolutionskrieg, der auf
den Despoten des Weltmarkts, England, zurückschlüge?

Eine Klasse, worin sich die revolutionären Interessen der Gesellschaft
concentriren, sobald sie sich erhoben hat, findet unmittelbar in ihrer eigenen
Lage den Inhalt und das Material ihrer revolutionären Thätigkeit, Feinde
niederzuschlagen, durch das Bedürfniß des Kampfes gegebene Maaßregeln
zu ergreifen; die Consequenzen ihrer eigenen Thaten treiben sie weiter. Sie
stellt keine theoretischen Untersuchungen über ihre eigene Aufgabe an. Die

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. I. Die Juniniederlage 1848

französische Arbeiterklasse befand sich nicht auf diesem Standpunkte, sie
war noch unfähig, ihre eigne Revolution durchzuführen.

Die Entwickelung des industriellen Proletariats ist überhaupt bedingt
durch die Entwickelung der industriellen Bourgeoisie. Unter ihrer Herrschaft gewinnt es erst die ausgedehnte nationale Existenz, die seine Revolution zu einer nationalen erheben kann, schafft es selbst erst die modernen Produktionsmittel, welche eben so viele Mittel seiner revolutionären
Befreiung werden. Ihre Herrschaft reißt erst die materiellen Wurzeln der
feudalen Gesellschaft aus und ebnet das Terrain, worauf allein eine proletarisehe Revolution möglich ist. Die französische Industrie ist ausgebildeter und
die französische Bourgeoisie revolutionärer entwickelt als die des übrigen
Continents. Aber die Februarrevolution, war sie nicht unmittelbar gegen die
Finanzaristokratie gerichtet? Diese Thatsache bewies, daß die industrielle
Bourgeoisie Frankreich nicht beherrschte. Die industrielle Bourgeoisie kann
nur daherrschen, wo die moderne Industrie alle Eigenthumsverhältnisse sich
gemäß gestaltet und nur da kann die Industrie diese Gewalt gewinnen, wo
sie den Weltmarkt erobert hat, denn die nationalen Grenzen genügen ihrer
Entwickelung nicht. Frank||l6|reichs Industrie aber zum großen Theile
behauptet selbst den nationalen Markt nur durch ein mehr oder minder
modifizirtes Prohibitivsystem. Wenn das französische Proletariat daher in
dem Augenbücke einer Revolution zu Paris eine faktische Gewalt und einen
Einfluß besitzt, die es zu einem Anlaufe über seine Mittel hinaus anspornen,
so ist es in dem übrigen Frankreich an einzelnen zerstreuten industriellen
Centraipunkten zusammengedrängt, fast verschwindend unter einer
Ueberzahl von Bauern und Kleinbürgern. Der Kampf gegen das Kapital in
seiner entwickelten modernen Form, in seinem Springpunkt, der Kampf des
industriellen Lohnarbeiters gegen den industriellen Bourgeois ist in
Frankreich ein partielles Faktum, das nach den Februartagen um so weniger
den nationalen Inhalt der Revolution abgeben konnte, als der Kampf gegen
die untergeordneten Exploitationsweisen des Capitals, des Bauern gegen den
Wucher und die Hypotheke, des Kleinbürgers gegen den Großhändler,
Bankier und Fabrikanten, mit einem Worte gegen den Bankerutt, noch eingehüllt war in die allgemeine Erhebung gegen die Finanzaristokratie. Nichts
erklärlicher also, als daß das Pariser Proletariat sein Interesse neben dem
bürgerlichen durchzusetzen suchte, statt es als das revolutionäre Interesse
der Gesellschaft selbst zur Geltung zu bringen, daß es die rothe Fahne vor
der trikoloren fallen ließ. Die französischen Arbeiter konnten keinen Schritt
vorwärts thun, kein Haar der bürgerlichen Ordnung krümmen, bevor der
Gang der Revolution die zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie
stehende Masse der Nation, Bauern und Kleinbürger nicht gegen diese
Ordnung, gegen die Herrschaft des Capitals empört, sie gezwungen hatte,

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sich den Proletariern als ihren Vorkämpfern anzuschließen. Nur durch die
ungeheure Niederlage im Juni konnten die Arbeiter diesen Sieg erkaufen.

Der Commission des Luxembourg, diesem Geschöpfe der Pariser Arbeiter,
bleibt das Verdienst, das Geheimniß der Revolution des 19ten Jahrhunderts
von einer europäischen Tribüne herab verrathen zu haben: die Emancipation
des Proletariats. Der Moniteur erröthete als er die „wilden Schwärmereien"
officiell propagiren | mußte, die bisher vergraben lagen in den apokryphischen Schriften der Socialisten, und nur von Zeit zu Zeit als ferne halb
fürchterliche halb lächerliche Sagen an das Ohr der Bourgeoisie anschlugen.
Europa fuhr überrascht aus seinem bürgerlichen Halbschlummer auf. In der
Idee der Proletarier also, welche die Finanzaristokratie mit der Bourgeoisie
überhaupt verwechselten; in der Einbildung republikanischer Biedermänner,
welche die Existenz selbst der Klassen leugneten oder höchstens als Folge
der constitutionellen Monarchie zugaben; in den heuchlerischen Phrasen der
bisher von der Herrschaft ausgeschlossenen bürgerlichen Fraktionen war die
Herrschaft der Bourgeoisie abgeschafft mit der Einführung der Republik.
Alle Royalisten verwandelten sich damals in Republikaner und alle Millionäre von Paris in Arbeiter. Die Phrase, welche dieser eingebildeten Aufhebung
der Klassenverhältnisse entsprach, war die fraternite, die allgemeine Verbrüderung und Brüderschaft. Diese gemüthliche Abstraktion von den Klassengegensätzen, diese sentimentale Ausgleichung der sich widersprechenden Klasseninteressen, diese schwärmerische Erhebung über den Klassenkampf, die fraternité, sie war das eigentliche Stichwort der Februarrevolution. Die Klassen waren durch ein bloßes Mißverständniß gespalten und
Lamartine taufte die provisorische Regierung am 24. Februar: „un gouvernement qui suspende ce malentendu terrible qui existe entre les différentes
classes." Das Pariser Proletariat schwelgte in diesem großmüthigen Fraternitätsrausche.

Die provisorische Regierung ihrerseits, einmal gezwungen, die Republik
zu proklamiren, that alles, um sie der Bourgeoisie und den Provinzen annehmbar zu machen. Die blutigen Schrecken der ersten französischen
Republik wurden desavouirt durch die Abschaffung der Todesstrafe für
politische Verbrechen, die Presse wurde allen Meinungen freigegeben, die
Armee, die Gerichte, die Administration blieben mit wenigen Ausnahmen
in den Händen ihrer alten Würdenträger, keiner der großen Schuldigen der
Julimonarchie wurde zur Rechenschaft gezogen. Die bürgerlichen Republikaner des National | amüsirten sich damit, monarchische Namen und
Kostüme mit altrepublikanischen zu vertauschen. Für sie war die Republik
nichts als ein neuer Ballanzug für die alte bürgerliche Gesellschaft. Ihr
Hauptverdienst suchte die junge Republik darin, nicht abzuschrecken, vielmehr selbst beständig zu erscheinen und durch die weiche Nachgiebigkeit

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und Widerstandslosigkeit ihrer Existenz Existenz zu gewinnen und den
Widerstand zu entwaffnen. Den privilegirten Klassen im Innern, den despotischen Mächten nach Außen wurde laut verkündet, die Republik sei friedfertiger Natur. Leben und leben lassen sei ihr Motto. Es kam hinzu, daß kurz
nach der Februarrevolution Deutsche, Polen, Oestreicher, Ungarn, Italiener,
jedes Volk seiner unmittelbaren Situation gemäß revoltirte. Rußland und
England waren, letzteres selbst bewegt, und das andere eingeschüchtert,
nicht vorbereitet. Die Republik fand also vor sich keinen nationalen Feind.
Also keine großartigen auswärtigen Verwickelungen, welche die Thatkraft
entzünden, den revolutionären Prozeß beschleunigen, die provisorische
Regierung vorwärts treiben oder über Bord werfen konnten. Das Pariser
Proletariat, das in der Republik seine eigene Schöpfung erblickte, akklamirte
natürlich jedem Akt der provisorischen Regierung, der sie leichter in der
bürgerlichen Gesellschaft Platz greifen ließ. Von Caussidiere ließ es sich
willig zu Polizeidiensten verwenden, um das Eigenthum in Paris zu beschützen, wie es die Salairzwiste zwischen Arbeitern und Meistern von Louis
Blanc schlichten ließ. Es war sein Point d'Honneur, vor den Augen von
Europa die bürgerliche Ehre der Republik unangetastet zu erhalten.

Die Republik fand keinen Widerstand, weder von Außen noch von Innen.
Damit war sie entwaffnet. Ihre Aufgabe bestand nicht mehr darin, die Welt
revolutionär umzugestalten, sie bestand nur noch darin, sich den Verhältnissen der bürgerlichen Gesellschaft anzupassen. Mit welchem Fanatismus sich
die provisorische Regierung dieser Aufgabe unterzog, dafür giebt es keine
sprechenderen Zeugnisse als ihre finanziellen Maßregeln.

Der öffentliche Kredit und der Privatkredit waren natürlich erschüttert.
Der öffentliche Kredit | beruht auf dem Vertrauen, daß sich der Staat
durch die Juden der Finanz exploitiren läßt. Aber der alte Staat war verschwunden und die Revolution war vor allem gegen die Finanzaristokratie
gerichtet. Die Schwingungen der letzten europäischen Handelskrise hatten
noch nicht ausgeschlagen. Noch folgten Bankerutte auf Bankerutte.

Der Privatkredit war also paralysirt, die Circulation gehemmt, die Produktion gestockt, ehe die Februarrevolution ausbrach. Die revolutionäre Krise
steigerte die commercielle. Und wenn der Privatkredit auf dem Vertrauen
beruht, daß die bürgerliche Produktion in dem ganzen Umfange ihrer Verhältnisse, daß die bürgerliche Ordnung unangetastet und unantastbar ist, wie
mußte eine Revolution wirken, welche die Grundlage der bürgerlichen Produktion, die ökonomische Sklaverei des Proletariats in Frage stellte, welche
der Börse gegenüber die Sphinx des Luxembourg aufrichtete? Die Erhebung
des Proletariats, das ist die Abschaffung des bürgerlichen Kredits; denn es
ist die Abschaffung der bürgerlichen Produktion und ihrer Ordnung. Der
öffentliche Credit und der Privatcredit sind der ökonomische Thermometer,

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woran man die Intensität einer Revolution messen kann. In demselben Grade, worin sie fallen, steigt die Glut und die Zeugungskraft der Revolution.

Die provisorische Regierung wollte der Republik den antibürgerlichen
Schein abstreifen. Sie mußte daher vor allem den Tauschwerth dieser neuen
Staatsform, ihren Curs auf der Börse zu sichern suchen. Mit dem Preiscourant der Republik auf der Börse hob sich nothwendig wieder der Privatkredit.

Um selbst den Verdacht zu beseitigen, als wolle oder könne sie den von
der Monarchie übernommenen Verpflichtungen nicht nachkommen, um an
die bürgerliche Moral und Zahlungsfähigkeit der Republik glauben zu machen, nahm die provisorische Regierung zu einer ebenso würdelosen als
kindischen Renommage ihre Zuflucht. Vordem gesetzlichen Zahlungstermin
zahlte sie den Staatsgläubigern die Zinsen der 5%, 4'/,%, 4% aus. Das
bürgerliche Aplomb, das Selbstgefühl der Capitalisten | erwachte plötzlich, als sie die ängstliche Hast sahen, womit man ihr Vertrauen zu erkaufen
suchte.

Die Geldverlegenheit der provisorischen Regierung verminderte sich
natürlich nicht durch einen Theaterstreich, der sie des vorräthigen baaren
Geldes beraubte. Die Finanzklemme war nicht länger zu verbergen, und
Kleinbürger, Dienstboten, Arbeiter mußten die angenehme Ueberraschung
zahlen, welche man den Staatsgläubigern bereitet hatte.

Die Sparkassenbücher über den Betrag von 100 Frs. hinaus wurden für
nicht mehr in Geld einwechselbar erklärt. Die in den Sparkassen niedergelegten Summen wurden confiscirt und durch ein Dekret in eine nicht rückzahlbare Staatsschuld verwandelt. Damit wurde der ohnehin bedrängte Kleinbürger gegen die Republik erbittert. Indem er an die Stelle seiner Sparkassenbücher Staatsschuldscheine erhielt, wurde er gezwungen auf die Börse zu
gehen, um sie zu verkaufen und sich so direkt in die Hände der Börsenjuden
zu liefern, gegen die er die Februarrevolution gemacht hatte.

Die Finanzaristokratie, welche unter der Julimonarchie herrschte, hatte
ihre Hochkirche in der Bank. Wie die Börse den Staatskredit regiert, so die
Bank den Handelskredit.

Durch die Februarrevolution direkt bedroht, nicht nur in ihrer Herrschaft,
sondern in ihrer Existenz, suchte die Bank von vorn herein die Republik zu
diskreditiren, indem sie die Creditlosigkeit allgemein machte. Den Bankiers,
den Fabrikanten, den Kaufleuten kündigte sie plötzlich den Credit auf.
Dieses Manöver, indem es nicht sofort eine Contrerevolution hervorrief,
schlug nothwendig auf die Bank selbst zurück. Die Capitalisten zogen das
Geld zurück, das sie in den Kellern der Bank niedergelegt hatten. Die Inhaber
von Banknoten stürzten an ihre Kasse, um sie gegen Gold und Silber auszuwechseln.

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. I. Die Juniniederlage 1848

Ohne gewaltsame Einmischung, auf legale Weise konnte die provisorische
Regierung die Bank zum Bankerutt zwingen; sie hatte sich nur passiv zu
verhalten | und die Bank ihrem Schicksale zu überlassen. Der Bankerutt
der Bank — das war die Sündf luth, welche die Finanzaristokratie, die mächtigste und gefährlichste Feindin der Republik, das goldne Piedestal der
Julimonarchie in einem Nu von dem französischen Boden wegfegte. Und die
Bank einmal bankerutt, mußte die Bourgeoisie selbst es als einen letzten
verzweifelten Rettungsversuch betrachten, wenn die Regierung eine Nationalbank schuf und den nationalen Credit der Controlle der Nation unterwarf.

Die provisorische Regierung gab dagegen den Noten der Bank Zwangskurs. Sie that mehr. Sie verwandelte alle Provinzialbanken in Zweiginstitute
der Banque de France und ließ sie ihr Netz über ganz Frankreich auswerfen.
Sie versetzte ihr später die Staatswaldungen als Garantie für eine Anleihe,
die sie bei ihr contrahirte. So befestigte und erweiterte die Februarrevolution
unmittelbar die Bankokratie, die sie stürzen sollte.

Unterdessen krümmte sich die provisorische Regierung unter dem Alpe
eines wachsenden Defizits. Vergebens bettelte sie um patriotische Opfer.
Nur die Arbeiter warfen ihr Almosen hin. Es mußte zu einem heroischen

Mittel geschritten werden, zur Ausschreibung einer neuen Steuer. Aber wen
besteuern? Die Börsenwölfe, die Bankkönige, die Staatsgläubiger, die Rentiers, die Industriellen? Das war kein Mittel, die Republik bei der Bourgeoisie
einzuschmeicheln. Das hieß von der einen Seite den Staatskredit und den
Handelskredit gefährden, während man ihn von der andern Seite mit so

großen Opfern und Demüthigungen zu erkaufen suchte. Aber Jemand mußte
blechen. Wer wurde dem bürgerlichen Credit geopfert? Jacques le bonhomme, der Bauer.

Die provisorische Regierung schrieb eine Zusatzsteuer von 45 Centimes
per Franc auf die vier direkten Steuern aus. Dem Pariser Proletariat schwindelte die Regierungspresse vor, diese Steuer falle vorzugsweise auf das große
Grundeigenthum, auf die Inhaber der von der Restauration octroyirten
Milliarde. In der Wirklichkeit traf sie aber vor allen die Bauernklasse, d.h.
die große Majorität des französischen Volkes. Sie mußten | die Kosten
der Februarrevolution zahlen, an ihnen gewann die Contrerevolution ihr
Hauptmaterial. Die 45 Centimessteuer, das war eine Lebensfrage für den
französischen Bauer, er machte sie zur Lebensfrage für die Republik. Die
Republik für den französischen Bauer, das war von diesem Augenblicke an
die 45 Centimessteuer und in dem Pariser Proletariat erblickte er den Verschwender, der sich auf seine Kosten gemüthlich that.

Während die Revolution von 1789 damit begann, den Bauern die Feudallasten abzuschütteln, kündigte sich die Revolution von 1848, um das Capital

Karl Marx

nicht zu gefährden und seine Staatsmaschine im Gange zu halten, mit einer
neuen Steuer bei der Landbevölkerung an.

Nur durch Ein Mittel konnte die provisorische Regierung alle diese
Ungelegenheiten beseitigen und den Staat aus seiner alten Bahn herausschleudern, — durch die Erklärung des Staatsbankerutts. Man erinnert sich, 5
wie Ledru Rollin in der Nationalversammlung nachträglich die tugendhafte
Entrüstung recitirte, womit er diese Zumuthung des Börsenjuden Fould,
jetzigen französischen Finanzministers, von sich abwies. Fould hatte ihm
den Apfel vom Baume der Erkenntniß gereicht.

Indem die provisorische Regierung die Wechsel anerkannte, welche die alte 1o
bürgerliche Gesellschaft auf den Staat gezogen hatte, war sie ihr verfallen.
Sie war zum bedrängten Schuldner der bürgerlichen Gesellschaft geworden,
statt ihr als drohender Gläubiger gegenüberzustehen, der vieljährige revolutionäre Schuldforderungen einzukassiren hatte. Sie mußte die wankenden bürgerlichen Verhältnisse befestigen, um Verpflichtungen nachzukom- 15
men, die nur innerhalb dieser Verhältnisse zu erfüllen sind. Der Credit ward
zu ihrer Lebensbedingung und die Concessionen an das Proletariat, die ihm
gemachten Verheißungen, zu eben so vielen Fesseln, die gesprengt werden
mußten. Die Emancipation der Arbeiter selbst als Phrase wurde zu einer
unerträglichen Gefahr für die neue Republik, denn sie war eine beständige 20
Protestation gegen die Herstellung des Credits, der auf der ungestörten und
ungetrübten Anerkennung der bestehenden ékonolmischen Klassenverhältnisse beruht. Es mußte also mit den Arbeitern geendet werden.

Die Februarrevolution hatte die Armee aus Paris hinausgeworfen. Die
Nationalgarde, d.h. die Bourgeoisie in ihren verschiedenen Abstufungen 25
bildete die einzige Macht. Allein fühlte sie sich indeß dem Proletariat nicht
gewachsen. Ueberdem war sie gezwungen, wenn gleich nach dem zähesten
Widerstande, hundert verschiedene Hindernisse entgegenhaltend, allmählig
und bruchweise ihre Reihen zu öffnen und bewaffnete Proletarier in dieselben eintreten zu lassen. Es blieb also nur ein Ausweg übrig, einen Theil der 30
Proletarier dem andern _ entgegenzustellen.

Zu diesem Zwecke bildete die provisorische Regierung 24 Bataillone Mobilgarden, jedes zu tausend Mann, aus jungen Leuten von 15 bis 20 Jahren.

Sie gehörten großentheils dem Lumpenproletariat an, das in allen großen
Städten eine vom industriellen Proletariat genau unterschiedene Masse 35
bildet, ein Rekrutirplatz für Diebe und Verbrecher aller Art, von den Abfällen
der Gesellschaft lebend, Leute ohne bestimmten Arbeitszweig, Herumtreiber, gens sans feu et sans aveu, verschieden nach dem Büdungsgrade der
Nation, der sie angehören, nie den Lazaronicharakter verläugnend; in dem
jugendlichen Alter, worin die provisorische Regierung sie rekrutirte, durch- 40
aus bestimmbar, der größten Heldenthaten und der exaltirtesten Aufopfe-

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. I. Die Juniniederlage 1848

rung fähig, wie der gemeinsten Banditenstreiche und der schmutzigsten
Bestechlichkeit. Die provisorische Regierung zahlte ihnen per Tag 1 Fe.
50 Cts., d.h. sie erkaufte sie. Sie gab ihnen eigene Uniform, d.h. sie unterschied sie äußerlich von der Blouse. Zu Führern wurden ihnen theils Offiziere aus dem stehenden Heere zugeordnet, theils wählten sie selbst junge
Bourgeoissöhne, deren Rodomontaden vom Tode fürs Vaterland und Hingebung für die Republik sie bestachen.

So stand dem Pariser Proletariat eine aus seiner eigenen Mitte gezogene
Armee von 24 000 jugendlich kräftigen, tollkühnen Männern gegenüber. Es

schrie der Mobilgarde auf ihren Zügen durch Paris Vivats! zu. Es erkannte
in ihr seine Vorkämpfer auf den Barrikaden. | Es betrachtete sie als die
proletarische Garde im Gegensatze zur bürgerlichen Nationalgarde. Sein
Irrthum war verzeihlich.

Neben der Mobilgarde beschloß die Regierung noch eine industrielle
Arbeiterarmee um sich zu schaaren. Hunderttausend durch die Krise und
die Revolution auf das Pflaster geworfene Arbeiter einrollirte der Minister
Marie in sogenannte Nationalateliers. Unter diesem prunkenden Namen
versteckte sich nichts anders als die Verwendung der Arbeiter zu langweiligen, eintönigen, unproduktiven Erdarbeiten für einen Arbeitslohn von

23 Sous. Englische Workhouses im Freien— weiter waren diese Nationalateliers Nichts. In ihnen glaubte die provisorische Regierung eine zweite proletarische Armee gegen die Arbeiter selbst gebildet zu haben. Diesmal irrte
sich die Bourgeoisie in den Nationalateliers, wie sich die Arbeiter in der
Mobilgarde irrten. Sie hatte eine Armee für die Erneute geschaffen.

Aber Ein Zweck war erreicht.

Nationalateliers — das war der Name der Volkswerkstätten, die Louis
Blanc im Luxembourg predigte. Die Ateliers Marie's, im direkten Gegensatze
zum Luxembourg entworfen, boten durch die gemeinsame Firma den Anlaß
zu einer Intrigue der Irrungen, würdig der spanischen Bedientenkomödie.

Die provisorische Regierung selbst verbreitete unter der Hand das Gerücht,
diese Nationalateliers seien die Erfindung Louis Blanc's, und es schien dieß
um so glaublicher, als Louis Blanc, der Prophet der Nationalateliers, Mitglied
der provisorischen Regierung war. Und in der halbnaiven, halb absichtlichen
Verwechslung der Pariser Bourgeoisie, in der künstlich unterhaltenen

Meinung Frankreichs, Europas, waren jene workhouses die erste Verwirklichung des Socialismus, der mit ihnen an den Pranger gestellt wurde.

Nicht durch ihren Inhalt, aber durch ihren Titel waren die Nationalateliers
die verkörperte Protestation des Proletariats gegen die bürgerliche Industrie,
den bürgerlichen Credit und die bürgerliche Republik. Auf sie wälzte sich

also der ganze Haß der Bourgeoisie. In ihnen hatte sie zugleich den Punkt
gefunden, worauf sie den |J25| Angriff richten konnte, sobald sie genug

Kar! Marx

erstarkt war, offen mit den Februarillusionen zu brechen. Alles Unbehagen,
aller Mißmuth der Kleinbürger richtete sich gleichzeitig auf diese Nationalateliers, die gemeinsame Zielscheibe. Mit wahrem Grimme berechneten sie die Summen, welche die proletarischen Tagediebe verschlangen,
während ihre eigene Lage täglich unerträglicher wurde. Eine Staatspension
für eine Scheinarbeit, das ist der Socialismus! knurrten sie in sich hinein. Die
Nationalateliers, die Deklamationen des Luxembourg, die Züge der Arbeiter
durch Paris — in ihnen suchten sie den Grund ihrer Misere. Und Niemand
f anatisirte sich mehr gegen die angeblichen Machinationen der Kommunisten als der Kleinbürger,- der rettungslos am Abgrunde des Bankerutts
schwebte.

So waren im bevorstehenden Handgemenge zwischen Bourgeoisie und
Proletariat alle Vortheile, alle entscheidenden Posten, alle Mittelschichten
der Gesellschaft in den Händen der Bourgeoisie zur selben Zeit, als die
Wellen der Februarrevolution über den ganzen Continent hoch zusammenschlugen und jede neue Post ein neues Revolutionsbülletin brachte, bald aus
Italien, bald aus Deutschland, bald aus dem fernsten Südosten von Europa
und den allgemeinen Taumel des Volkes unterhielt, ihm beständige Zeugnisse eines Sieges bringend, den es schon verwirkt hatte.

Der 17. März und der 16. April waren die ersten Plänklergefechte in dem
großen Klassenkampfe, den die bürgerliche Republik unter ihren Fittigen
verbarg.

Der 17. März offenbarte die zweideutige, keine entscheidende That zulassende Situation des Proletariats. Seine Demonstration bezweckte ursprünglich, die provisorische Regierung auf die Bahn der Revolution zurückzuwerfen, nach Umständen die Ausschließung ihrer bürgerlichen Glieder zu
bewirken und die Aufschiebung der Wahltage für die Nationalversammlung
und die Nationalgarde zu erzwingen. Aber am 16. März machte die in der
Nationalgarde vertretene Bourgeoisie eine der provisorischen Regierung
feindselige Demonstration. Unter dem Rufe: 4 bas Ledru Rollin! drang sie
zum Hotel de Ville. Und das | Volk war gezwungen am 17. März zurufen:
Es lebe Ledru Rollin! Es lebe die provisorische Regierung! Es war gezwungen, gegen das Bürgerthum die Parthei der bürgerlichen Republik zu ergreifen, die ihm in Frage gestellt schien. Es befestigte die provisorische Regierung, statt sie sich zu unterwerfen. Der 17. März verpuffte in eine melodramatische Scene und wenn das Pariser Proletariat an diesem Tage noch einmal
seinen Riesenleib zur Schau trug, war die Bourgeoisie innerhalb und außerhalb der provisorischen Regierung um so entschlossener, ihn zu brechen.

Der 16. April war ein durch die provisorische Regierung mit der Bourgeoisie veranstaltetes Mißverständniß. Die Arbeiter hatten sich zahlreich auf
dem Marsfelde versammelt und im Hippodrom, um ihre Wahlen für den

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. I. Die Juniniederlage 1848

Generalstab der Nationalgarde vorzubereiten. Plötzlich verbreitete sich in
ganz Paris, von einem Ende bis zum andern mit Blitzesschnelle das Gerücht,
die Arbeiter hätten sich im Marsfeld bewaffnet versammelt, unter der
Anführung L. Blanc's, Blanqui's, Cabet's und Raspail's, um von da auf das
Hotel de Ville zu ziehen, die provisorische Regierung zu stürzen und eine
kommunistische Regierung zu proklamiren. Der Generalmarsch wird geschlagen, — Ledru Rollin, Marrast, Lamartine machten sich später die Ehre
seiner Initiative streitig — in einer Stunde stehen 100000 Mann unter den
Waffen, das Hotel de Ville ist an allen Punkten von Nationalgarden besetzt,

der Ruf: Nieder mit den Kommunisten! Nieder mit Louis Blanc, mit Blanqui,
mit Raspail, mit Cabet! donnert durch ganz Paris und der provisorischen
Regierung wird von einer Unzahl Deputationen gehuldigt, alle bereit, das
Vaterland und die Gesellschaft zu retten. Als die Arbeiter endlich vor dem
Hotel de Ville erscheinen, um der provisorischen Regierung eine patriotische
Collekte zu überreichen, die sie auf dem Marsfelde gesammelt hatten, erfahren sie zu ihrer Verwunderung, daß das bürgerliche Paris in einem höchst
behutsam angelegten Scheinkampfe ihren Schatten geschlagen hat. Das
furchtbare Attentat vom 16. April gab den Vorwand zur Zurückberufung der
Armee nach Paris, | der eigentliche Zweck der plump angelegten Komödie — und zu den reaktionären föderalistischen Demonstrationen der Provinzen.
Am 4. Mai trat die aus den directen allgemeinen Wahlen hervorgegangene
Nationalversammlung zusammen. Das allgemeine Stimmrecht besaß nicht
die magische Kraft, welche ihm die Republikaner alten Schlags zugetraut
hatten. In ganz Frankreich, wenigstens in der Majorität der Franzosen,
erblickten sie Citoyens mit denselben Interessen, derselben Einsicht u. s. w.
Es war dies ihr Volkskultus. Statt ihres eingebildeten Volkes brachten die
Wahlen das wirkliche Volk an's Tageslicht, d.h. Repräsentanten der verschiedenen Klassen, worin es zerfällt. Wir haben gesehn, warum Bauern und
Kleinbürger unter der Leitung der kampflustigen Bourgeoisie und der
restaurationswüthigen großen Grundeigenthümer wählen mußten. Aber
wenn das allgemeine Stimmrecht nicht die wunderthätige Wünschelruthe
war, wofür republikanische Biedermänner es angesehn hatten, besaß es das
ungleich höhere Verdienst, den Klassenkampf zu entfesseln, die verschiedenen Mittelschichten der bürgerlichen Gesellschaft ihre Illusionen und Enttäuschungen rasch durchleben zu lassen, sämmtliche Fraktionen der exploitirenden Klasse in einem Wurfe auf die Staatshöhe zu schleudern und
ihnen so die trügerische Larve abzureißen, während die Monarchie mitihrem
Census nur bestimmte Fraktionen der Bourgeoisie sich compromittiren und
die andern hinter den Coulissen im Versteck ließ und sie mit dem Heiligenschein einer gemeinsamen Opposition umgab.

Karl Marx

In der constituirenden Nationalversammlung, die am 4. Mai zusammentrat, besaßen die Bourgeoisrepublikaner, die Republikaner des National die
Oberhand. Legitimisten und Orleanisten selbst wagten sich zunächst nur
unter der Maske des bürgerlichen Republikanismus zu zeigen. Nurim Namen
der Republik konnte der Kampf gegen das Proletariat aufgenommen werden.

Vom 4. Mai, nicht vom 25. Februar datirt die Republik, d. h. die vom französischen Volke anerkannte Republik, es ist nicht die Republik, welche das |
 Pariser Proletariat der provisorischen Regierung aufdrang, nicht die
Republik mit socialen Institutionen, nicht das Traumbild, das den Barrikadenkämpfern vorschwebte. Die von der Nationalversammlung proklamirte, die einzig legitime Republik, es ist die Republik, welche keine revolutionäre Waffe gegen die bürgerliche Ordnung, vielmehr ihre politische
Reconstitution, die politische Wiederbefestigung der bürgerlichen Gesellschaft ist, mit einem Worte: die bürgerliche Republik. Von der Tribüne der
Nationalversammlung erscholl diese Behauptung, in der gesammten republikanischen und antirepublikanischen Bürgerpresse fand sie ihr Echo.

Und wir haben gesehen, wie die Februarrepublik wirklich nichts anderes
war und sein konnte als eine bürgerliche Republik, wie aber die provisorische
Regierung unter dem unmittelbaren Drucke des Proletariats gezwungen war,
sie als eine Republik mit socialen Institutionen anzukündigen, wie das Pariser
Proletariat noch unfähig war, anders als in der Vorstellung, in der Einbildung
über die bürgerliche Republik hinaus zu gehen, wie es überall in ihrem
Dienste handelte, wo es wirklich zur Handlung kam, wie die ihm gemachten
Verheißungen zur unerträglichen Gefahr für die neue Republik wurden, wie
der ganze Lebensprozeß der provisorischen Regierung sich in einem fortdauernden Kampfe gegen die Forderungen des Proletariats zusammenfaßte.

In der Nationalversammlung saß ganz Frankreich zu Gericht über das
Pariser Proletariat. Sie brach sofort mit den socialen Illusionen der
Februarrevolution, sie proklamirte rundheraus die bürgerliche Republik,
nichts als die bürgerliche Republik. Sofort schloß sie aus der von ihr ernannten Exekutivkommission die Vertreter des Proletariats aus: Louis Blancund
Albert, sie verwarf den Vorschlag eines besondern Arbeitsministeriums, sie
empfing mit stürmischem Beifallsrufe die Erklärung des Ministers Trelat:
„es handle sich nur noch darum, die Arbeit auf ihre alten Bedingungen
zurückzuführen. "\

 Aber das alles genügte nicht. Die Februarrepublik war von den Arbeitern erkämpft unter dem passiven Beistande der Bourgeoisie. Die Proletarier
betrachteten sich mit Recht als die Sieger des Februar und sie machten die
hochmüthigen Ansprüche des Siegers. Sie mußten auf der Straße besiegt,

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. I. Die Juniniederlage 1848

es mußte ihnen gezeigt werden, daß sie unterlagen, sobald sie nicht mit der
Bourgeoisie, sondern gegen die Bourgeoisie kämpften. Wie die Februarrepublik mit ihren socialistischen Zugeständnissen einer Schlacht des mit der
Bourgeoisie gegen das Königthum vereinten Proletariats bedurfte, so war
eine zweite Schlacht nöthig, um die Republik von den socialistischen
Zugeständnissen zu scheiden, um die bürgerliche Republik offiziell als die
herrschende herauszuarbeiten. Mit den Waffen in der Hand mußte die
Bourgeoisie die Forderungen des Proletariats widerlegen. Und die wirkliche
Geburtsstätte der bürgerlichen Republik, es ist nicht der Februarsieg, es ist
die Juniniederlage.

Das Proletariat beschleunigte die Entscheidung, als es den 15. Mai in die
Nationalversammlung drang, seinen revolutionären Einfluß erfolglos wiederzuerobern suchte und nur seine energischen Führer den Kerkermeistern
der Bourgeoisie ausgeliefert hatte. I taut en iinirl Diese Situation muß
endigen! In diesem Schrei machte die Nationalversammlung ihrem Entschliisse Luft, das Proletariat zum entscheidenden Kampfe zu zwingen. Die
Exekutivkommission erließ eine Reihe herausfordernder Dekrete, wie das
Verbot der Volkszusammenschaarungen u. s. w. Von der Tribüne der constituirenden Nationalversammlung herab wurden die Arbeiter direktprovocirt,
beschimpft, verhöhnt. Aber der eigentliche Angriffspunkt war, wie wir
gesehn haben, in den Nationalateliers gegeben. Auf sie wies die constituirende Versammlung gebieterisch die Exekutivkommission hin, die nur
darauf harrte, ihren eignen Plan als Gebot der Nationalversammlung ausgesprochen zu hören.

Die Exekutivkommission begann damit, den Zutrittin die Nationalateliers
zu erschweren, den Taglohn in Stücklohn zu verwandeln, die nicht in Paris
gebürtigen |]30| Arbeiter nach der Sologne, angeblich zur Ausführung von
Erdarbeiten, zu verbannen. Diese Erdarbeiten waren nur eine rhetorische
Formel, womit man ihre Verjagung beschönigte, wie die enttäuschten zurückkehrenden Arbeiter ihren Genossen verkündeten. Endlich am 21. Juni
erschien ein Dekret im Moniteur, welches die gewaltsame Austreibung aller
unverheiratheten Arbeiter aus den Nationalateliers verordnete oder ihre
Einrollirung in die Armee.

Es blieb den Arbeitern keine Wahl, sie mußten verhungern oder losschlagen. Sie antworteten am 22. Juni mit der ungeheuren Insurrektion, worin die
erste große Schlacht geliefert wurde zwischen den beiden Klassen, welche
die moderne Gesellschaft spalten. Es war ein Kampf um die Erhaltung oder
Vernichtung der bürgerlichen Ordnung. Der Schleier, der die Republik
verhüllte zerriß.

40 Es ist bekannt, wie die Arbeiter mit beispielloser Tapferkeit und Genialität,

ohne Chefs, ohne gemeinsamen Plan, ohne Mittel, zum größten Theil der

Karl Marx

Waffen entbehrend, die Armee, die Mobilgarde, die Pariser Nationalgarde
und die aus der Provinz hinzugeströmte Nationalgarde während fünf Tagen
im Schach hielten. Es ist bekannt wie die Bourgeoisie für die ausgestandne
Todesangst sich in unerhörter Brutalität entschädigte und über 3000 Gefangene massakrirte.

So sehr waren die offiziellen Vertreter der französischen Demokratie in
der republikanischen Ideologie befangen, daß sie erst einige Wochen später
den Sinn des Junikampfes zu ahnen begannen. Sie waren wie betäubt von
dem Pulverdampfe, worin ihre phantastische Republik zerrann.

Der unmittelbare Eindruck, den die Nachricht von der Juniniederlage auf
uns hervorbrachte, der Leser wird uns erlauben, ihn mit den Worten der
N. Rh. Z. zu schildern:

„Der letzte offizielle Rest der Februarrevolution, die Exekutivkommission, ist vor dem Ernst der Ereignisse wie ein Nebelbild zerflossen. Lamartine's Leuchtkugeln | haben sich verwandelt in die Brandraketen Cavaignac's. Die Fraternité, die Brüderlichkeit der entgegengesetzten Klassen,
wovon die eine die andere exploitirt, diese Fraternité, im Februar proklamirt,
mit großen Buchstaben auf die Stirne von Paris geschrieben, auf jedes
Gefängniß, auf jede Kaserne — ihr wahrer, unverfälschter, ihr prosaischer
Ausdruck, das ist der Bürgerkrieg, der Bürgerkrieg in seiner fürchterlichsten
Gestalt, der Krieg der Arbeit und des Capitals. Diese Brüderlichkeit flammte
vor allen Fenstern von Paris am Abend des 25. Juni, als das Paris der Bourgeoisie illuminirte, während das Paris des Proletariats verbrannte, verblutete,
verächzte. Die Brüderlichkeit währte gerade so lange, als das Interesse der
Bourgeoisie mit dem Interesse des Proletariats verbrüdert war. — Pedanten
der alten revolutionären Ueberlieferung von 1793, socialistische Systematiker, die bei der Bourgeoisie für das Volk bettelten und denen erlaubt wurde
lange Predigten zu halten und sich so lange zu compromittiren, als der proletarische Löwe in Schlaf gelullt werden mußte, Republikaner, welche die

ganze alte bürgerliche Ordnung mit Abzug des gekrönten Kopfes verlangten,

dynastische Oppositionelle, denen der Zufall an die Stelle eines Ministerwechsels den Sturz einer Dynastie unterschob, Legitimisten, welche die
Livrée nicht abwerfen, sondern ihren Schnitt verändern wollten, das waren
die Bundesgenossen, womit das Volk seinen Februar machte. — Die
Februarrevolution war die schöne Revolution, die Revolution der allgemeinen Sympathie, weil die Gegensätze, die in ihr gegen das Königthum eklatirten, unentwickelt, einträchtig neben einander schlummerten, weil der sociale
Kampf, der ihren Hintergrund bildete, nur eine luftige Existenz gewonnen
hatte, die Existenz der Phrase, des Worts. Die Junirevolution ist die häßliche
Revolution, die abstoßende Revolution, weil an die Stelle der Phrase die
Sache getreten ist, weil die Republik das Haupt des Ungeheuers selbst

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. I. Die Juniniederlage 1848

entblößte, indem sie ihm die schirmende und versteckende Krone abschlug.
— Ordnung! war der Schlachtruf Guizots. Ordnung! schrie Sebastiani, der
Guizotin, als Warschau russisch wurde. | Ordnung! schreit Cavaignac,
das brutale Echo der französischen Nationalversammlung und der republikanischen Bourgeoisie. Ordnung! donnerten seine Kartätschen, als sie den Leib
des Proletariats zerrissen. Keine der zahlreichen Revolutionen der französischen Bourgeoisie seit 1789 war ein Attentat auf die Ordnung, denn sie ließ
die Herrschaft der Klasse, sie ließ die Sklaverei der Arbeiter, sie ließ die bürgerliche Ordnung bestehen, so oft auch die politische Form dieser Herrschaft

1 o und dieser Sklaverei wechselte. Der Juni hat diese Ordnung angetastet. Wehe

über den Juni!"
(N. Rh. Z. 29. Juni 1848.)

Wehe über den Juni! schallt das europäische Echo zurück.

Von der Bourgeoisie wurde das Pariser Proletariat zur Juniinsurrektion
gezwungen. Schon darin lag sein Verdammungsurtheil. Weder sein unmittelbares eingestandenes Bedürfniß trieb es dahin, den Sturz der Bourgeoisie
gewaltsam erkämpfen zu wollen, noch war es dieser Aufgabe gewachsen.
Der Moniteur mußte ihm offiziell eröffnen, daß die Zeit vorüber, wo die
Republik vor seinen Illusionen die Honneurs zu machen sich veranlaßt sah
und erst seine Niederlage überzeugte es von der Wahrheit, daß die geringste
Verbesserung seiner Lage eine Utopie bleibt innerhalb der bürgerlichen
Republik, eine Utopie, die zürn Verbrechen wird, sobald sie sich verwirklichen will. An die Stelle seiner der Form nach überschwänglichen, dem
Inhalte nach kleinlichen und selbst noch bürgerlichen Forderungen, deren
Concession es der Februarrepublik abdringen wollte, trat die kühne revolutionäre Kampfparole: Sturz der Bourgeoisie! Diktatur der Arbeiterklasse!

Indem das Proletariat seine Leichenstätte zur Geburtsstätte der bürgerlichen Republik machte, zwang es sie sogleich in ihrer reinen Gestalt heraus
zu treten, als der Staat, dessen eingestandner Zweck ist, die Herrschaft des
Capitals, die Sklaverei der Arbeit zu verewigen. Im steten Hinblicke auf den
narbenvollen, unver|séhnbaren, unbesiegbaren Feind — unbesiegbar,
weil seine Existenz die Bedingung ihres eigenen Lebens ist — mußte die von
allen Fesseln befreite Bourgeoisherrschaft sofort in den Bourgeoisterrorismus umschlagen. Das Proletariat einstweilen von der Bühne beseitigt, die
Bourgeoisdiktatur officiell anerkannt, mußten die mittleren Schichten der
bürgerlichen Gesellschaft, Kleinbürgerthum und Bauernklasse, in dem
Maaße, als ihre Lage unerträglicher und ihr Gegensatz gegen die Bourgeoisie schroffer wurde, mehr und mehr sich an das Proletariat anschließen.
Wie früher in seinem Aufschwünge, mußten sie jetzt in seiner Niederlage
den Grund ihrer Misere finden.

Karl Marx

Wenn die Juniinsurrektion überall auf dem Continent das Selbstgefühl der
Bourgeoisie hob und sie offen in einen Bund mit dem feudalen Königthum
gegen das Volk treten ließ, wer war das erste Opfer dieses Bundes? die
kontinentale Bourgeoisie selbst. Die Juniniederlage verbinderte sie ihre
Herrschaft zu befestigen und das Volk auf der untergeordnetsten Stufe der
bürgerlichen Revolution halbbefriedigt, halbverstimmt, stillstehn zu machen.

Endlich verrieth die Juniniederlage den despotischen Mächten Europas
das Geheimniß, daß Frankreich unter allen Bedingungen den Frieden nach
Außen aufrecht erhalten müsse, um den Bürgerkrieg nach Innen führen zu
können. So wurden die Völker, die den Kampf um ihre nationale Unabhängigkeit begonnen hatten, der Uebermacht Rußlands, Oestreichs und Preu-
Bens preisgeben, aber gleichzeitig wurde das Schicksal dieser nationalen
Revolutionen dem Schicksal der proletarischen Revolution unterworfen,
ihrer scheinbaren Selbständigkeit, ihrer Unabhängigkeit von der großen
socialen Umwälzung beraubt. Der Ungar soll nicht frei sein, nicht der Pole,
nicht der Italiener, so lange der Arbeiter Sklave bleibt!

Endlich nahm Europa durch die Siege der heiligen Allianz eine Gestalt an,
die jede neue proletarische Erhebung in Frankreich mit einem Weltkriege
unmittelbar zusammenfallen läßt. Die neue französische Revolution |34J ist
gezwungen, sofort den nationalen Boden zu verlassen, und das europäische
Terrain zu erobern, auf dem allein die sociale Revolution des 19. Jahrhunderts sich durchführen kann.

Erst durch die Juniniederlage also wurden alle Bedingungen geschaffen,
innerhalb deren Frankreich die Initiative der europäischen Revolution ergreifen kann. Erst in das Blut der Juniinsurgenten getaucht, wurde die
Trikolore zur Fahne der europäischen Revolution — zur rothen Fahne!

Und wir rufen: Die Revolution ist todt! — Es lebe die Revolution

Neue Rheinische Zeitung.
Politisch-ökonomische Revue.
H.2, Februar 1850

f1! IL. Der 13. Juni 1849.

Der 25. Februar 1848 hatte Frankreich die Republik octroyirt, der 25. Juni
drang ihm die Revolution auf. Und Revolution bedeutete nach dem Juni: Umwälzung der bürgerlichen Gesellschaft, während es vor dem Februar bedeutet hatte: Umwälzung der Staatsform.

Der Junikampf war durch die republicanische Fraction der Bourgeoisie

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. 11. Der 13. Juni 1849

geleitet worden, mit dem Siege fiel ihr nothwendig die Staatsmacht anheim.
Der Belagerungszustand legte ihr das geknebelte Paris widerstandslos vor
die Füße und in den Provinzen herrschte ein moralischer Belagerungszustand, der drohend brutale Siegesübermuth der Bourgeois und der entf esselte Eigenthumsfanatismus der Bauern. Von unten also keine Gefahr!

Mit der revolutionairen Gewalt der Arbeiter zerbrach gleichzeitig der
politische Einfluß der democratischen Repubticaner, d. h. der Republicaner
im Sinn des Kleinbürgerthums, vertreten in der Executivcommission durch
Ledru Rollin, in der constituirenden Nationalversammlung durch die Parthei
der Montagne, in der Presse durch die Reforme. Gemeinsam mit den Bourgeoisrepublicanern hatten sie am 16. April conspirirt gegen das Proletariat,
in den Junitagen es gemeinsam mit ihnen bekriegt. So sprengten sie selbst
den Hintergrund, worauf ihre Parthei sich als eine Macht abhob, denn nur
so lange kann das Kleinbürgerthum eine revolutionaire Stellung gegen die
Bourgeoisie behaupten, | als das Proletariat hinter ihm steht. Sie wurden
abgedankt. Die mit ihnen widerstrebend und hinterhaltig während der Epoche der provisorischen Regierung und der Executivcommission eingegangene Scheinallianz wurde offen von den Bourgeoisrepublicanern gebrochen.
Als Bundesgenossen verschmäht und zurückgestoßen, sanken sie zu untergeordneten Trabanten der Tricoloren herab, denen sie kein Zugeständniß
abringen konnten, deren Herrschaft sie aber jedesmal unterstützen mußten,
so oft dieselbe und mit ihr die Republik von den antirepublicanischen Bourgeoisfractionen in Frage gestellt schien. Diese Fractionen endlich, Orleanisten und Legitimisten, befanden sich von vornherein in der constituirenden
Nationalversammlung in der Minorität. Vor den Junitagen wagten sie selbst
nur unter der Maske des bürgerlichen Republicanismus zu reagiren, der
Junisieg Heß einen Augenblick das ganze bürgerliche Frankreich in Cavaignac seinen Heiland begrüßen und als kurz nach den Junitagen die antirepublicanische Parthei sich wieder verselbstständigte, erlaubten ihr die Mi-

litairdictatur und der Belagerungszustand von Paris nur sehr schüchtern und
vorsichtig die Fühlhörner auszustrecken.

Seit 1830 hatte sich die bourgeoisrepublicanische Fraction in ihren Schriftstellern, ihren Wortführern, ihren Capacitäten, ihren Ambitionen, ihren
Deputirten, Generalen, Bankiers und Advocaten um ein Pariser Journal

gruppirt, um den National. In den Provinzen besaß er seine Filialzeitungen.
Die Coterie des National, das war die Dynastie der tricoloren Republik.
Sofort bemächtigte sie sich aller Staatswürden, der Ministerien, der Polizeipräfectur, der Postdirection, der Präfectenstellen, der freigewordenen höheren Officiersposten in der Armee. An der Spitze der Executivgewalt stand
ihr General, Cavaignac, und ihr Redacteur en chef, Marrast, wurde der
permanente Präsident der constituirenden Nationalversammlung. In seinen

Karl Marx

Salons machte er als Ceremonienmeister zugleich die Honneurs der honetten
Republik.

Selbst revolutionaire französische Schriftsteller haben den Irrthum befestigt, aus einer Art Scheu vor der republikanischen Tradition, als hätten die
Royalisten in der constituirenden Nationalversammlung geherrscht. Die
constituirende Versammlung blieb vielmehr seit den Junitagen die ausschließliche |3J Vertreterin des Bourgeois-Republicanismus und um so
entschiedener kehrte sie diese Seite hervor, je mehr der Einfluß der tricoloren Republicaner außerhalb der Versammlung zusammenbrach. Galt es die
Form der bürgerlichen Republik behaupten, so verfügte sie über die Stimmen
der democratischen Republicaner, galt es den Inhalt, so trennte selbst die
Sprechweise sie nicht mehr von den royalistischen Bourgeoisfractionen,
denn die Interessen der Bourgeoisie, die materiellen Bedingungen ihrer
Klassenherrschaft und Klassenexploitation bilden eben den Inhalt der bürgerlichen Republik.

Nicht der Royalismus also, der Bourgeoisrepublicanismus verwirklichte
sich im Leben und in den Thaten dieser constituirenden Versammlung, die
schließlich nicht starb, auch nicht getödtet wurde, sondern verfaulte.

Während der ganzen Dauer ihrer Herrschaft, so lange sie im Proscenium
die Haupt- und Staatsaction spielte, wurde im Hintergrund ein ununterbrochenes Opferfest aufgeführt —die fortlauf enden standrechtlichen Verurtheilungen der gefangenen Junünsurgenten oder ihre Deportation ohne Urtheil.
Die constituirende Versammlung hatte den Tact, zu gestehen, daß sie in den
Juniinsurgenten nicht Verbrecher richte, sondern Feinde ecrasire.

Die erste That der constituirenden Nationalversammlung war die Nieder-
Setzung einer Untersuchungscommission über die Ereignisse des Juni und
des 15. Mai undüber die Betheiligung der socialistischen und democratischen
Parteichefs an diesen Tagen. Die Untersuchung war direct gerichtet gegen
Louis Blanc, Ledru Rollin und Caussidiere. Die Bourgeoisrepublicaner
brannten vor Ungeduld, sich dieser Rivalen zu entledigen. Die Durchführung
ihrer Rancune konnten sie keinem passenderen Subject anvertrauen als
Herrn Odilon Barrot, dem ehemaligen Chef der dynastischen Opposition,
dem leibgewordenen Liberalismus, der nullité grave, der gründlichen Seichtigkeit, die nicht nur eine Dynastie zu rächen hatte, sondern sogar den Revolutionairen Rechenschaft abzuverlangen für eine vereitelte Ministerpräsidentschaft. Sichre Garantie für seine Unerbittlichkeit. Dieser Barrot also
wurde zum Präsidenten der Untersuchungscommission ernannt und ||4] er
instruirte einen vollständigen Prozeß gegen die Februarrevolution, der sich
dahin zusammenfaßt: 17. März Manifestation, 16. April Complott, 15. Mai
Attentat, 23.Juni Bürgerkrieg! Warum erstreckte er seine gelehrten und
kriminalistischen Forschungen nicht bis zum 24. Februar? Das Journal des

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. II. Der 13. Juni 1849

Debats antwortete: Der 24. Februar, das ist die Gründung Roms. Der Ursprung der Staaten verläuft sich in eine Mythe, an die man glauben, die man
nicht discutiren darf. Louis Blanc und Caussidiere wurden den Gerichten
preisgegeben. Die Nationalversammlung vervollständigte das Werk ihrer
eignen Säuberung, das sie am 15. Mai begonnen hatte.

Der von der provisorischen Regierung gefaßte, von Goudchaux wieder
aufgenommene Plan einer Besteuerung des Capitals — in der Form einer
Hypothekensteuer — wurde von der constituirenden Versammlung verworfen, das Gesetz, welches die Arbeitszeit auf 10 Stunden beschränkte, abge-

schafft, die Schuldhaft wieder eingeführt, von der Zulassung zu der Jury der
große Theil der französischen Bevölkerung ausgeschlossen, der weder lesen
noch schreiben kann. Warum nicht auch vom Stimmrecht? Die Caution für
die Journale wurde wieder eingeführt, das Associationsrecht beschränkt. —

Aber in ihrer Hast, den alten bürgerlichen Verhältnissen ihre alten Garantieen wiederzugeben und jede Spur auszulöschen, welche die Revolutionswellen zurückgelassen hatten, stießen die Bourgeoisrepublicaner auf einen
Widerstand, der mit unerwarteter Gefahr drohte.

Niemand hatte fanatischer in den Junitagen gekämpft für die Rettung des
Eigenthums und die Wiederherstellung des Credits, als die Pariser Kleinbürger! — Kaffewirthe, Restauranten, marchands de vin, kleine Kaufleute,
Krämer, Professionisten u. s. w. Die Boutike hatte sich aufgerafft und war
gegen die Barrikade marschirt, um die Circulation herzustellen, die von der
Straße in die Boutike führt. Aber hinter der Barrikade standen die Kunden
und die Schuldner, vor ihr die Gläubiger der Boutike. Und als die Barrikaden
niedergeworfen und die Arbeiter ecrasirt waren und die Ladenhüter siegestrunken zu ihren Läden zurückstürzten, fanden sie den Eingang
verbarricadirt von einem Retter des Eigenthums, einem officiellen Agenten
des Credits, der ihnen die Drohbriefe | entgegenhielt: Verfallener Wechsel!
Verfallener Hauszins! Verfallener Schuldbrief! Verfallene Boutike! Verfallener Boutiquier!

Rettung des Eigenthums.' Aber das Haus, das sie bewohnten, war nicht
ihr Eigenthum; der Laden, den sie hüteten, war nicht ihr Eigenthum; die
Waaren, die sie verhandelten, waren nicht ihr Eigenthum. Nichtihr Geschäft,
nicht der Teller woraus sie aßen, nicht das Bett, worin sie schliefen, gehört

ihnen noch. Ihnen gegenüber galt es grade dieß Eigenthum zu retten für den
Hausbesitzer, der das Haus verliehn, den Banquier, der den Wechsel discontirt, den Capitalisten, der die baaren Vorschüsse gemacht, den Fabricanten,
der die Waaren zum Verkaufe diesen Krämern anvertraut, den Großhändler,
der die Rohstoffe diesen Professionisten creditirt hatte. Wiederherstellung
des Credits! Aber der wieder erstarkte Credit bewährte sich eben als ein
lebendiger und eifriger Gott, indem er den zahlungsunfähigen Schuldner aus

Karl Marx

seinen vier Mauern verjagte, mit Weib und Kind, seine Scheinhabe dem
Capital preis gab und ihn selbst in den Schuldthurm warf, der sich über den
Leichen der Juniinsurgenten drohend wieder aufgerichtet hatte.

Die Kleinbürger erkannten mit Schrecken, daß sie ihren Gläubigern sich
widerstandslos in die Hände geliefert, indem sie die Arbeiter niedergeschlagen hatten. Ihr seit dem Februar chronisch sich hinschleppender und scheinbar ignorirter Bankerutt, wurde nach dem Juni offen erklärt.

Ihr nominelles Eigenthum hatte man so lange unangefochten gelassen, als
es galt, sie auf den Kampfplatz zu treiben, im Namen des Eigenthums. Jetzt,
nachdem die große Angelegenheit mit dem Proletariat geregelt war, Konnte
auch das kleine Geschäft mit dem Epicier wieder geregelt werden. In Paris
betrug die Masse der leidenden Papiere über 21 Millionen Franks, in den
Provinzen über 11 Millionen. Geschäftliche Inhaber von mehr als 7000 Pariser Häusern hatten ihre Miethe seit Februar nicht gezahlt.

Hatte die Nationalversammlung eine Enquete über die politische Schuld
bis zu den Grenzen des Februar hinauf angestellt, so verlangten nun die
Kleinbürger ihrerseits eine Enquete über die bürgerlichen Schulden bis zum
24. Februar. Sie versammelten sich massenhaft in der B6r|senhalle und
forderten drohend für jeden Kaufmann, der nachweisen könne, daß er nur
durch die von der Revolution hervorgerufene Stockung fallit geworden und
sein Geschäft am 24. Februar gut stand, Verlängerung des Zahlungstermins
durch handelsgerichtliches Urtheil und Nöthigung des Gläubigers, für eine
mäßige Prozentzahlung seine Forderung zu liquidiren. Als Gesetzvorschlag
wurde diese Frage in der Nationalversammlung verhandelt unter der Form
der „concordats ä l'amiable". Die Versammlung schwankte; da erfuhr sie
plötzlich, daß gleichzeitig an der Porte St. Denis Tausende von Frauen und
Kindern der Insurgenten eine Amnestiepetition vorbereiteten.

In Gegenwart des wiedererstandenen Junigespenstes erzitterten die Kleinbürger und gewann die Versammlung ihre Unerbittlichkeit wieder. Die
concordats 4 l'amiable, die freundschaftliche Verständigung zwischen Glaubiger und Schuldner wurde in ihren wesentlichsten Punkten verworfen.

Nachdem also längst innerhalb der Nationalversammlung die democratischen Vertreter der Kleinbürger von den republicanischen Vertretern der
Bourgeoisie zurückgestoßen waren, erhielt dieser parlamentarische Bruch
seinen bürgerlichen, reellen öconomischen Sinn, indem die Kleinbürger als
Schuldner den Bourgeois als Gläubigern preisgegeben wurden. Ein großer
Theil der erstem wurde vollständig ruinirt und dem Rest nur gestattet sein
Geschäft fortzuführen, unter Bedingungen, die ihn zum unbedingten Leibeigenen des Capitals machten. Am 22. August 1848 verwarf die Nationalversammlung die concordats 4 l'amiable, am 19. September 1848, mitten im
Belagerungszustande, wurden der Prinz Louis Bonaparte und der Gefangene

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. II. Der 13. Juni 1849

von Vincennes, der Kommunist Raspail zu Repräsentanten von Paris gewählt. Die Bourgeoisie aber wählte den jüdischen Wechsler und Orleanisten
Fould. Also von allen Seiten auf einmal offne Kriegserklärung gegen die
constituirende Nationalversammlung, gegen den Bourgeoisrepublicanismus,
gegen Cavaignac.

Es bedarf keiner Ausführung, wie der massenhafte Bankerutt der Pariser
Kleinbürger seine Nachwirkungen weit über die unmittelbar Getroffenen
fortwälzen und den bürgerlichen Verkehr abermals erschüttern mußte,
während das Staatsdef icit durch die Kosten der Juniinsurrection von neuem |
 anschwoll, die Staatseinnahme durch die aufgehaltene Production, den
eingeschränkten Consum und die abnehmende Einfuhr beständig sank.
Cavaignac und die Nationalversammlung konnten zu keinem andern Mittel
ihre Zuflucht nehmen, als zu einer neuen Anleihe, die sie noch tiefer in das
Joch der Finanzaristocratie hineinzwängte.

Hatten die Kleinbürger als Frucht des Junisiegs den Bankerutt und die
gerichtliche Liquidation geerntet, so fanden dagegen die Janitscharen Cavaignacs, die Mobilgarden, ihren Lohn in den weichen Armen der Loretten
und empfingen sie, „die jugendlichen Retter" der Gesellschaft, Huldigungen
aller Art in den Salons von Marrast, des gentilhomme der tricolore, der
zugleich den Amphitryon und den Troubadour der honetten Republik abgab.
Unterdessen erbitterte diese gesellschaftliche Bevorzugung und der ungleich
höhere Sold der Mobilgarden die Armee, während gleichzeitig alle nationalen
Illusionen verschwanden, womit der Bourgeoisrepublicanismus durch sein
Journal, den „National", einen Theil der Armee und der Bauernklasse unter
Louis Philipp an sich zu fesseln gewußt hatte. Die Vermittlungsrolle, welche
Cavaignac und die Nationalversammlung in Norditalien spielten, um es
gemeinsam mit England an Oesterreich zu verrathen, — Ein Tag der Herrschaft vernichtete achtzehn Oppositionsjähre des National. Keine Regierung
weniger national als die des National, keine abhängiger von England, und
unter Louis Phüippe lebte er von der täglichen Umschreibung des Katonischen: Carthaginem esse delendam; keine serviler gegen die heilige Allianz,
und von einem Guizot hatte er die Zerreißung der Wiener Verträge verlangt.
Die geschichtliche Ironie machte Bastide, den Ex-Redacteur der auswärtigen
Angelegenheiten des National, zum Minister der auswärtigen Angelegenheiten Frankreichs, damit er jeden seiner Artikel durch jede seiner Depeschen
widerlege.

Einen Augenblick hatten Armee und Bauernklasse geglaubt, mit der
Militairdictatur sei gleichzeitig der Krieg nach außen und die „gloire" auf
die Tagesordnung Frankreichs gesetzt. Aber Cavaignac, das war nicht die
Dictatur des Säbels über die bürgerliche Gesellschaft, das war die Dictatur
der Bourgeoisie durch den Säbel. Und sie brauchten jetzt vom Soldaten nur

Karl Marx

noch den Gendarmen. Cavaignac verbarg unter | den strengen Zügen
antikrepublikanischer Resignation die fade Unterwürfigkeit unter die demüthigenden Bedingungen seines bürgerlichen Amtes. L'argent n'a pas de
maitre! Das Geld hat keinen Herrn! Diesen alten Wahlspruch des tiers état
idealisirte er wie überhaupt die constituirende Versammlung, indem sie ihn 5
in die politische Sprache übersetzten: Die Bourgeoisie hat keinen König, die
wahre Form ihrer Herrschaft ist die Republik.

Und diese Form ausarbeiten, eine republicanische Constitution anfertigen,
darin bestand das „große organische Werk" der constituirenden Nationalversammlung. Die Umtauf ung des christlichen Kalenders in einen repüblica- 10
nischen, des heiligen Bartholomäus in den heiligen Robespierre ändert nicht
mehr an Wind und Wetter, als diese Constitution an der bürgerlichen Gesellschaft veränderte oder verändern sollte. Wo sie über den Costümewechsel
hinausging, nahm sie vorhandne Thatsachen zu Protocoll. So registrirte sie
feierlich die Thatsache der Republik, die Thatsache des allgemeinen Stimm- 15
rechts, die Thatsache einer einzigen souveränen Nationalversammlung an
der Stelle der zwei beschränkten constitutionellen Kammern. So registrirte
und regelte sie die Thatsache der Dictatur Cavaignacs, indem sie das stationaire unverantwortliche Erbkönigthum durch ein ambulantes verantwortliches Wahlkönigthum ersetzte, durch eine vierjährige Präsidentschaft. So 20
erhob sie nicht minder zum constituirenden Gesetz die Thatsache der au-
ßerordentlichen Gewalt, womit die Nationalversammlung nach dem Schrekken des 15. Mai und des 25. Juni im Interesse der eigenen Sicherheit vorsorglich ihren Präsidenten bekleidet hatte. Der Rest der Constitution war das
Werk der Terminologie. Von dem Räderwerk der alten Monarchie wurden 25
die royalistischen Etiquetten abgerissen und republicanische aufgeklebt.
Marrast, ehemaliger Rédacteur en chef des National, nunmehr Rédacteur en
chef der Constitution, entledigte sich dieser academischen Aufgabe nicht
ohne Talent.

Die constituirende Versammlung glich jenem chilesischen Beamten, der 30
die Grundeigenthumsverhältnisse durch eine Katastermessung fester reguliren wollte, in demselben Augenblick, wo der unterirdische Donner schon
die vulkanische Eruption angekündigt hatte, die den Grund und Boden selbst |
 unter seinen Füßen wegschleudern sollte. Während sie in der Theorie die
Formen abzirkelte, worin die Herrschaft der Bourgeoisie republicanisch 35
ausgedrückt wurde, behauptete sie sich in der Wirklichkeit nur durch die
Aufhebung aller Formeln, durch die Gewalt sans phrase, durch den Belagerungszustand. Zwei Tage, bevor sie ihr Verfassungswerk begann, proclamirte sie seine Fortdauer. Verfassungen wurden früher gemacht und
angenommen, sobald der gesellschaftliche Umwälzungsproceß an einem 40
Ruhepunkt angelangt war, die neugebildeten Klassenverhältnisse sich befe-

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. I. Der 13. Juni 1849

stigt hatten und die ringenden Fractionen der herrschenden Klasse zu einem
Compromiß flüchteten, der ihnen erlaubte, den Kampf unter sich fortzusetzen und gleichzeitig die ermattete Volksmasse von demselben auszuschlie-
ßen. Diese Constitution dagegen sanctionirte keine gesellschaftliche Revolution, sie sanctionirte den augenblicklichen Sieg der alten Gesellschaft
über die Revolution.

In dem ersten Constitutionsentwurf, verfaßt vor den Junitagen, befand
sich noch das „droit au travail" das Recht auf Arbeit, erste unbeholfene
Formel, worin sich die revolutionairen Ansprüche des Proletariats zusam-

10 menf assen. Es wurde verwandelt in das droit ä Vassistance, in das Recht auf

öffentliche Unterstützung, und welcher moderne Staat ernährt nicht in der
einen oder andern Form seine Paupers? Das Recht auf Arbeit ist im bürgerlichen Sinn ein Widersinn, ein elender, frommer Wunsch, aber hinter dem
Rechte auf Arbeit steht die Gewalt über das Capital, hinter der Gewalt über
das Capital die Aneignung der Productionsmittel, ihre Unterwerfung unter
die associirte Arbeiterclasse, also die Aufhebung der Lohnarbeit, des Capitals und ihres Wechselverhältnisses. Hinter dem „Recht auf Arbeit" stand
die Juniinsurrection. Die constituirende Versammlung, welche das revolutionaire Proletariat factisch hors de la loi, außerhalb des Gesetzes stellte,
sie mußte seine Formel principiell aus der Constitution, dem Gesetz der
Gesetze herauswerfen, ihr Anathem verhängen über das „Recht auf Arbeit".
Aber hier blieb sie nicht stehn. Wie Plato aus seiner Republik die Poeten,
verbannte sie aus der ihrigen auf ewige Zeiten — die Progressivsteuer. Und
die Progressivsteuer ist nicht nur eine bürgerliche Maaßregel, ausführbar
inner||]lO]halb der bestehenden Productionsverhältnisse auf größerer oder
kleinerer Stufenleiter; sie war das einzige Mittel, die mittleren Schichten der
bürgerlichen Gesellschaft an die „honette" Republik zu fesseln, die Staatsschuld zu reduciren, der antirepublicanischen Majorität der Bourgeoisie
Schach zu bieten. Bei Gelegenheit der concordats ä l'amiable hatten die
tricoloren Republicaner die kleine Bourgeoisie tatsächlich der großen
geopfert.

Dieß vereinzelte Factum erhoben sie zum Princip durch die gesetzliche
Interdiction der Progressivsteuer. Sie setzten die bürgerliche Reform auf
gleiche Stufe mit der proletarischen Revolution. Aber welche Klasse blieb
dann als Halt ihrer Republik? Die große Bourgeoisie. Und ihre Masse war
antirepublicanisch. Wenn sie die Republicaner des National ausbeutete, um
die alten öconomischen Lebensverhältnisse wieder zu befestigen, so gedachte sie die wiederbefestigten gesellschaftlichen Verhältnisse andrerseits
auszubeuten, um die ihnen entsprechenden politischen Formen wiederherzustellen. Schon Anfang October sah Cavaignac sich gezwungen, Dufaure
und Vivien, ehemalige Minister Louis Philipps, zu Ministern der Republik

Karl Marx

zu machen, so sehr die kopflosen Puritaner seiner eignen Partei grollten und
polterten.

Während die tricolore Constitution jeden Compromiß mit der kleinen
Bourgeoisie verwarf und kein neues Element der Gesellschaft an die neue
Staatsform zu fesseln wußte, beeilte sie sich dagegen, einem Corps, worin
der alte Staat seine verbissensten und fanatischsten Vertheidiger fand, die
traditionelle Unantastbarkeit wiederzugeben. Sie erhob die von der provisorischen Regierung in Frage gestellte Unabsetzbarkeit der Richter zum constituirenden Gesetz. Der Eine König, den sie abgesetzt, erstand schockweise
in diesen unabsetzbaren Inquisitoren der Legalität.

Die französische Presse hat vielseitig die Widersprüche der Constitution
des Herrn Marrast auseinander gesetzt, z. B. das Nebeneinanderstehen von
zwei Souveränen, der Nationalversammlung und des Präsidenten u. s. w.
u. S.W.

Der umfassende Widerspruch aber dieser Constitution besteht darin: Die
Klassen, deren gesellschaftliche Sclaverei sie verewigen soll, Proletariat,
Bauern, Kleinbürger setzt sie durch das allgemeine Stimmrechtin den Besitz
der politischen | Macht. Und der Classe, deren alte gesellschaftliche
Macht sie sanctionirt, der Bourgeoisie, entzieht sie die politischen Garanticen dieser Macht. Sie zwängt ihre politische Herrschaft in democratische
Bedingungen, die jeden Augenblick den feindlichen Klassen zum Sieg verhelfen und die Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft selbst in Frage
stellen. Von den Einen verlangt sie, daß sie von der politischen Emancipation
nicht zur socialen fort-, von den Andern, daß sie von der socialen Restauration nicht zur politischen zurückgehen.

Wenig kümmerten diese Widersprüche die Bourgeois-Republicaner. In
demselben Maaße, als sie aufhörten, unentbehrlich zu sein, und unentbehrlich waren sie nur als die Vorkämpfer der alten Gesellschaft gegen das
revolutionaire Proletariat, wenige Wochen nach ihrem Siege sanken sie von
der Stellung einer Parthei zu der einer Coterie herab. Und die Constitution,
sie behandelten sie als eine große Intrigue. Was in ihr constituirt werden
sollte, war vor allem die Herrschaft der Coterie. Der Präsident sollte der
verlängerte Cavaignac sein, die legislative Versammlung eine verlängerte
Constituante. Die politische Macht der Volksmassen hofften sie zur Scheinmacht herabsetzen und mit dieser Scheinmacht selbst hinreichend spielen
zu können, um über die Majorität der Bourgeoisie fortdauernd das Dilemma
der Junitage zu verhängen: Reich des National oder Reich der Anarchie.

Das am 4. September begonnene Verfassungswerk wurde am 23. October
beendet. Am 2. September hatte die Constituante beschlossen, sich nicht
aufzulösen, bis die organischen, die Constitution ergänzenden Gesetze erlassen seien. Nichts destoweniger entschied sie sich nun, ihr eigenstes Ge-

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. II. Der 13. Juni 1849

schöpf, den Präsidenten, schon am 10. December ins Leben zu rufen, lange
bevor der Kreislauf ihres eignen Wirkens geschlossen war. So gewiß war sie,
in dem Constitutions-homunculus den Sohn seiner Mutter zu begrüßen. Zur
Vorsorge war die Anstalt getroffen, daß wenn keiner der Candidaten zwei
Millionen Stimmen zähle, die Wahl von der Nation auf die Constituante
übergehe.

Vergebliche Vorkehrungen! der erste Tag der Verwirklichung der Constitution war der letzte Tag der Herrschaft der Constituante. Im Abgrunde der
Wahlurne lag ihr j Todesurtheil. Sie suchte den „Sohn seiner Mutter" und

sie fand den „Neffen seines Onkels". Saulus Cavaignac schlug Eine Million
Stimmen, aber David Napoleon schlug Sechs Millionen. Sechs mal war
Saulus Cavaignac geschlagen.

Der 10. December 1848 war der Tag der Bauerninsurrection. Erst von

diesem Tage an datirte der Februar für die französischen Bauern. Das
Symbol, das ihren Eintrittin die revolutionaire Bewegung ausdrückte, unbeholfen-verschlagen, schurkisch-naiv, tölpelhaft-sublim, ein berechneter
Aberglaube, eine pathetische Burleske, ein genial-alberner Anachronismus,
eine weltgeschichtliche Eulenspiegelei — unentzifferbare Hieroglyphe für
den Verstand der Civilisirten trug dies Symbol unverkennbar die Physiognomie der Klasse, welche innerhalb der Civilisation die Barbarei vertritt. Die
Republik hatte sich bei ihr angekündigt mit dem Steuerexecutor, sie kündigte
sich bei der Republik an mit dem Kaiser. Napoleon war der einzige Mann,
der die Interessen und die Phantasie der 1789 neugeschaffnen Bauernklasse
erschöpfend vertreten hatte. Indem sie seinen Namen auf das Frontispiz der
Republik schrieb, erklärte sie nach Außen den Krieg, nach Innen die Geltendmachung ihres Klasseninteresses. Napoleon, das war für die Bauern keine
Person, sondern ein Programm. Mit Fahnen, mit klingendem Spiel zogen sie
auf die Wahlstätte unter dem Rufe: plus d'impôts, à bas les riches, à bas la
république, vive l'Empereur. Keine Steuern mehr, nieder mit den Reichen,
nieder mit der Republik, es lebe der Kaiser! Hinter dem Kaiser verbarg sich
der Bauernkrieg. Die Republik, die sie niedervotirt, es war die Republik der
Reichen.

Der 10. December war der coup d'état der Bauern, der die bestehende
Regierung stürzte. Und von diesem Tage an, wo sie Frankreich eine Regierung genommen, eine Regierung gegeben hatten, war ihr Auge unverrückt
auf Paris gerichtet. Einen Augenblick active Helden des revolutionairen
Dramas, konnten sie nicht mehr in die that- und willenlose Rolle des Chors
zurückgedrängt werden.

Die übrigen Klassen trugen bei, den Wahlsieg der Bauern zu vervollständi-

gen. Die Wahl Napoleons, sie war für das Proletariat die Absetzung Cavaignac's, der Sturz | der Constituante, die Abdankung des Bourgeois-

Karl Marx

zu machen, so sehr die kopflosen Puritaner seiner eignen Partei grollten und
polterten.

Während die tricolore Constitution jeden Compromiß mit der kleinen
Bourgeoisie verwarf und kein neues Element der Gesellschaft an die neue
Staatsform zu fesseln wußte, beeilte sie sich dagegen, einem Corps, worin
der alte Staat seine verbissensten und fanatischsten Vertheidiger fand, die
traditionelle Unantastbarkeit wiederzugeben. Sie erhob die von der provisorischen Regierung in Frage gestellte Unabsetzbarkeit der Richter zum constituirenden Gesetz. Der Eine König, den sie abgesetzt, erstand schockweise
in diesen unabsetzbaren Inquisitoren der Legalität.

Die französische Presse hat vielseitig die Widersprüche der Constitution
des Herrn Marrast auseinander gesetzt, z.B. das Nebeneinanderstehen von
zwei Souveränen, der Nationalversammlung und des Präsidenten u. s.w.
u. s. W.

Der umfassende Widerspruch aber dieser Constitution besteht darin: Die
Klassen, deren gesellschaftüche Sclaverei sie verewigen soll, Proletariat,
Bauern, Kleinbürger setzt sie durch das allgemeine Stimmrecht in den Besitz
der politischen ||I1| Macht. Und der Classe, deren alte gesellschaftliche
Macht sie sanctionirt, der Bourgeoisie, entzieht sie die politischen Garanticen dieser Macht. Sie zwängt ihre politische Herrschaft in democratische
Bedingungen, die jeden Augenblick den feindlichen Klassen zum Sieg verhelfen und die Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft selbst in Frage
stellen. Von den Einen verlangt sie, daß sie von der politischen Emancipation
nicht zur socialen fort-, von den Andern, daß sie von der socialen Restauration nicht zur politischen zurückgehen.

Wenig kümmerten diese Widersprüche die Bourgeois-Republicaner. In
demselben Maaße, als sie aufhörten, unentbehrlich zu sein, und unentbehrlich waren sie nur als die Vorkämpfer der alten Gesellschaft gegen das
revolutionaire Proletariat, wenige Wochen nach ihrem Siege sanken sie von
der Stellung einer Parthei zu der einer Coterie herab. Und die Constitution,
sie behandelten sie als eine große Intrigue. Was in ihr constituirt werden
sollte, war vor allem die Herrschaft der Coterie. Der Präsident sollte der
verlängerte Cavaignac sein, die legislative Versammlung eine verlängerte
Constituante. Die politische Macht der Volksmassen hofften sie zur Scheinmacht herabsetzen und mit dieser Scheinmacht selbst hinreichend spielen
zu können, um über die Majorität der Bourgeoisie fortdauernd das Dilemma
der Junitage zu verhängen: Reich des National oder Reich der Anarchie.

Das am 4. September begonnene Verfassungswerk wurde am 23. October
beendet. Am 2. September hatte die Constituante beschlossen, sich nicht
aufzulösen, bis die organischen, die Constitution ergänzenden Gesetze erlassen seien. Nichts destoweniger entschied sie sich nun, ihr eigenstes Ge-

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. I. Der 13. Juni 1849

schöpf, den Präsidenten, schon am 10. December ins Leben zu rufen, lange
bevor der Kreislauf ihres eignen Wirkens geschlossen war. So gewiß war sie,
in dem Constitutions-homunculus den Sohn seiner Mutter zu begrüßen. Zur
Vorsorge war die Anstalt getroffen, daß wenn keiner der Candidaten zwei
Millionen Stimmen zähle, die Wahl von der Nation auf die Constituante
übergehe.

Vergebliche Vorkehrungen! der erste Tag der Verwirklichung der Constitution war der letzte Tag der Herrschaft der Constituante. Im Abgrunde der
Wahlurne lag ihr 1112| Todesurtheil. Sie suchte den „Sohn seiner Mutter" und

sie fand den „Neffen seines Onkels". Saulus Cavaignac schlug Eine Million
Stimmen, aber David Napoleon schlug Sechs Millionen. Sechs mal war
Saulus Cavaignac geschlagen.
Der 10. December 1848 war der Tag der Bauerninsurrection. Erst von
diesem Tage an datirte der Februar für die französischen Bauern. Das
Symbol, das ihren Eintritt in die revolutionaire Bewegung ausdrückte, unbeholfen-verschlagen, schurkisch-naiv, tölpelhaft-sublim, ein berechneter
Aberglaube, eine pathetische Burleske, ein genial-alberner Anachronismus,
eine weltgeschichtliche Eulenspiegelei — unentzifferbare Hieroglyphe für
den Verstand der Civilisirten trug dies Symbol unverkennbar die Physiognomie der Klasse, welche innerhalb der Civilisation die Barbarei vertritt. Die
Republik hatte sich bei ihr angekündigt mit dem Steuerexecutor, sie kündigte
sich bei der Republik an mit dem Kaiser. Napoleon war der einzige Mann,
der die Interessen und die Phantasie der 1789 neugeschaffnen Bauernklasse
erschöpfend vertreten hatte. Indem sie seinen Namen auf das Frontispiz der
Republik schrieb, erklärte sie nach Außen den Krieg, nach Innen die Geltendmachung ihres Klasseninteresses. Napoleon, das war für die Bauern keine
Person, sondern ein Programm. Mit Fahnen, mit klingendem Spiel zogen sie
auf die Wahlstätte unter dem Rufe: plus d'impôts, a bas les riches, à bas la
république, vive l'Empereur. Keine Steuern mehr, nieder mit den Reichen,
nieder mit der Republik, es lebe der Kaiser! Hinter dem Kaiser verbarg sich
der Bauernkrieg. Die Republik, die sie niedervotirt, es war die Republik der
Reichen.

Der 10. December war der coup d'état der Bauern, der die bestehende
Regierung stürzte. Und von diesem Tage an, wo sie Frankreich eine Regierung genommen, eine Regierung gegeben hatten, war ihr Auge unverrückt
auf Paris gerichtet. Einen Augenblick active Helden des revolutionairen
Dramas, konnten sie nicht mehr in die that- und willenlose Rolle des Chors
zurückgedrängt werden.

Die übrigen Klassen trugen bei, den Wahlsieg der Bauern zu vervollständi-

gen. Die Wahl Napoleons, sie war für das Proletariat die Absetzung Cavaignac's, der Sturz | der Constituante, die Abdankung des Bourgeois-

Karl Marx

republikanismus, die Cassation des Junisieges. Für die kleine Bourgeoisie
war Napoleon die Herrschaft des Schuldners über den Gläubiger. Für die
Majorität der großen Bourgeoisie war die Wahl Napoleons der offne Bruch
mit der Fraction, deren sie sich einen Augenblick gegen die Revolution
bedienen mußte, die ihr aber unerträglich wurde, sobald sie die Stellung des
Augenblicks als constitutionelle Stellung zu befestigen suchte. Napoleon an
der Stelle Cavaignacs, es war für sie die Monarchie an der Stelle der Republik, der Beginn der royalistischen Restauration, der schüchtern angedeutete
Orleans, die unter Veilchen versteckte Lilie. Die Armee endlich stimmte in
Napoleon gegen die Mobilgarde, gegen die Friedensidylle, für den Krieg.

So geschah es, wie die Neue Rheinische Zeitung sagte, daß der einfältigste
Mann Frankreichs die vielfältigste Bedeutung erhielt. Eben weil er nichts
war, konnte er alles bedeuten, nur nicht sich selbst. So verschieden indessen
der Sinn des Namens Napoleon im Munde der verschiedenen Klassen sein
mochte, jede schrieb mit diesem Namen auf ihr Bulletin: Nieder mit der
Partei des National, nieder mit Cavaignac, nieder mit der Constituante,
nieder mit der Bourgeoisrepublik. Der Minister Dufaure erklärte es öffentlich in der constituirenden Versammlung: Der 10. December ist ein zweiter
24ster Februar.

Kleinbürgerschaft und Proletariat hatten en bloc für Napoleon gestimmt,
um gegen Cavaignac zu stimmen und durch Zusammenhalten der Stimmen
der Constituante die schließliche Entscheidung zu entreißen. Indeß stellte der
fortgeschrittenste Theil beider Klassen seine eignen Kandidaten auf. Napoleon war der Collectivname aller gegen die Bourgeois-Republik coalisirten
Partheien, Ledru Rollin und Raspail waren die Eigennamen, jener der democratischen Kleinbürgerschaft, dieser des revolutionairen Proletariats. Die
Stimmen für Raspail — die Proletarier und ihre socialistischen Wortführer
erklärten es laut — sollten eine bloße Demonstration sein, eben so viele
Proteste gegen jede Präsidentur, d. h. gegen die Constitution selbst, eben so
viele Stimmen gegen Ledru Rollin, der erste Act, wodurch das Proletariat
sich als selbstständige politische Parthei von der 1114 democratischen Parthei
lossagte. Diese Parthei dagegen — die democratische Kleinbürgerschaft und
ihr parlamentarischer Repräsentant, die Montagne, behandelten die Candidatur Ledru Rollin's in alle dem Ernste, womit sie sich selbst zu düpiren die
feierliche Angewöhnung haben. Es war dieß übrigens ihr letzter Versuch,
sich als selbstständige Parthei dem Proletariat gegenüber auf zuwerf en. Nicht
nur die republicanische Bourgeois-Parthei, auch die democratische Kleinbürgerschaft und ihre Montagne wurde am 10. December geschlagen.

Frankreich besaß jetzt neben einer Montagne, einen Napoleon, Beweis,
daß beide nur die leblosen Zerrbilder der großen Wirklichkeiten waren, deren
Namen sie trugen. Louis Napoleon mit dem Kaiserhut und dem Adler par-

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. II. Der 13. Juni 1849

odirte nicht elender den alten Napoleon, als die Montagne mit ihren 1793
entlehnten Phrasen und ihren demagogischen Posen die alte Montagne
parodirte. Der traditionelle Aberglauben an 1793 wurde so gleichzeitig abgestreift mit dem traditionellen Aberglauben an Napoleon. Die Revolution war
erst bei sich selbst angelangt, sobald sie ihren eignen, originellen Namen
gewonnen hatte und das konnte sie nur, sobald die moderne, revolutionaire
Klasse, das industrielle Proletariat herrschend in ihren Vordergrund trat.
Man kann sagen, daß der 10. December die Montagne schon darum verblüffte
und an ihrem eignen Verstand irre werden ließ, weil er die klassische Analogie mit der alten Revolution durch einen schnöden Bauernwitz lachend
abbrach.

Am 20. December legte Cavaignac sein Amt nieder und die constituirende
Versammlung proclamirte Louis Napoleon als Präsidenten der Republik. Am
19. December, dem letzten Tage ihrer Alleinherrschaft, verwarf sie den
Antrag auf Amnestie der Juniinsurgenten. Das Decret vom 27. Juni widerrufen, wodurch sie 15000 Insurgenten mit Umgehung des richterlichen Urtheils zur Deportation verdammt hatte, hieß es nicht die Junischlacht selbst
widerrufen?

Odilon Barrot, der letzte Minister Louis Philipp's, wurde der erste Minister
Louis Napoleon's. Wie Louis Napoleon den Tag seiner Herrschaft nicht vom
10. December datirte, sondern von einem Senatusconsultum von 1804, so
fand er einen Ministerpräsidenten, der sein Ministerium nicht vom 20. December datirte, sondern von einem Königlichen 11151 Decret vom 24. Februar.
Als legitimer Erbe Louis Philipp's milderte Louis Napoleon den Regierungs-
Wechsel durch Beibehaltung des alten Ministeriums, das zudem keine Zeit
gewonnen hatte, sich abzunutzen, weil es keine Zeit gefunden hatte, ins
Leben zu treten.

Die Chefs der royalistischen Bourgeoisfractionen riethen ihm zu dieser
Wahl. Das Haupt der alten dynastischen Opposition, das bewußtlos den
Uebergang zu den Republicanern des National gebildet hatte, war noch
geeigneter, mit vollem Bewußtsein den Uebergang von der Bourgeois-
Republik zur Monarchie zu bilden.

Odilon Barrot war der Chef der einzigen alten Oppositions-Parthei, die
immer vergeblich nach dem Ministerportefeuille ringend, sich noch nicht
verschlissen hatte. In rascher Aufeinanderfolge schleuderte die Revolution
alle alten Oppositions-Partheien auf die Staatshöhe, damit sie nicht nur in
der That, sondern mit der Phrase selbst ihre alten Phrasen verläugnen,
widerrufen mußten und schließlich in einem widerlichen Mischkörper vereint allzumal von dem Volke auf den Schindanger der Geschichte geschleudert würden. Und keine Apostasie wurde diesem Barrot erspart, dieser
Incorporation des bürgerlichen Liberalismus, der achtzehn Jahre durch die

Karl Marx

schuftige Hohlheit seines Geistes unter ein ernstthuendes Benehmen seines
Körpers versteckt hatte. Wenn in einzelnen Momenten der zu stechende
Contrast zwischen den Disteln der Gegenwart und den Lorbeeren der
Vergangenheit ihn selbst aufschreckte, gab Ein Blick in den Spiegel die
ministerielle Fassung und die menschliche Selbstbewunderung zurück. Was
ihm aus dem Spiegel entgegenstrahlte, war Guizot, den er stets beneidet, der
ihn stets gemeistert hatte, Guizot selbst, aber Guizot mit der olympischen
Stirne Odilons. Was er übersah, waren die Midas-Ohren.

Der Barrot vom 24. Februar wurde erst offenbar in dem Barrot vom
20. December. Ihm, dem Orleanisten und Voltairianer gesellte sich als Cultusminister bei der Legitimist und Jesuit Falloux.

Wenige Tage später wurde das Ministerium des Innern an Leon Faucher,
den Malthusianer, überwiesen. Das Recht, die Religion, die politische Oeconomie! Das Ministerium Barrot enthielt Alles dieß und zudem eine Vereini-

gung der 1116| Legitimisten und Orleanisten. Nur der Bonapartist fehlte. Noch 15

versteckte Bonaparte das Gelüste, den Napoleon zu bedeuten, denn Soulouque spielte noch nicht den Toussaint l'Ouverture.

Sofort wurde die Parthei des National ausgehoben aus allen höheren
Posten, worin sie sich eingenistet hatte. Polizeipräfectur, Postdirection,
Generalprocuratur, Mairie von Paris, Alles wurde mit alten Creaturen der
Monarchie besetzt. Changarnier, der Legitimist, erhielt das vereinigte Oberkommando der Nationalgarde des Seine-Departements, der Mobilgarde und
der Linientruppen der ersten Militair-Division; Bugeaud, der Orleanist,
wurde zum Oberbefehlshaber der Alpen-Armee ernannt. Dieser Beamtenwechsel dauerte ununterbrochen fort unter der Regierung Barrot. Der erste
Act seines Ministeriums war die Restauration der alten royalistischen Administration. In Einem Nu verwandelte sich die officielle Scene — Coulissen,
Costüme, Sprache, Schauspieler, Figuranten, Statisten, Souffleure, Stellung
der Partheien, Motive des Dramas, Inhalt der Collision, die gesammte Situation. Nur die vorweltliche constituirende Versammlung befand sich noch
auf ihrem Platz. Aber von der Stunde, wo die Nationalversammlung den
Bonaparte, wo Bonaparte den Barrot, wo Barrot den Changarnier installirt
hatte, trat Frankreich aus der Periode der republicanischen Constituirung in
die Periode der constituirten Republik. Und in der constituirten Republik,
was sollte eine constituirende Versammlung? Nachdem die Erde geschaffen
war, blieb ihrem Schöpfer nichts übrig, als in den Himmel zu flüchten. Die
constituirende Versammlung war entschlossen, nicht seinem Beispiele zu
folgen, die Nationalversammlung war das letzte Asyl der Parthei der Bourgeoisrepublikaner. Wenn ihr alle Handhaben der executiven Gewalt entrissen waren, blieb ihr nicht die constituirende Allmacht? Den souverainen
Posten, den sie inne hatte, unter allen Umständen behaupten und von hier

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, II. Der 13. Juni 1849

aus das verlorne Terrain wiedererobern, es war ihr erster Gedanke. Das
Ministerium Barrot durch ein Ministerium des National verdrängt und das
royalistische Personal mußte sofort die Paläste der Administration räumen
und das tricolore Personal zog triumphirend wieder ein. Die Nationalver-
Sammlung beschloß den Sturz | des Ministeriums und das Ministerium
selbst bot eine Gelegenheit des Angriffs, wie die Constituante sie nicht
passender erfinden konnte.

Man erinnert sich, daß Louis Bonaparte für die Bauern bedeutete: Keine
Steuern mehr! Sechs Tage saß er auf dem Präsidentenstuhl und am siebenten

Tage, am 27. December, schlug sein Ministerium die Beibehaltung der Salzsteuer vor, deren Abschaffung die provisorische Regierung decretirt hatte.
Die Salzsteuer theilt mit der Weinsteuer das Privilegium, der Sündenbock
des alten französischen Finanzsystems zu sein, besonders in den Augen des
Landvolks. Dem Auserwählten der Bauern konnte das Ministerium Barrot
kein beißenderes Epigramm auf seine Wähler in den Mund legen, als die
Worte: Wiederherstellung der Salzsteuer! Mit der Salzsteuer verlor Bonaparte sein revolutionäres Salz, — der Napoleon der Bauerninsurrection
zerrann wie ein Nebelbild und es blieb nichts zurück, als der große Unbekannte der royalistischen Bourgeoisintrigue. Und nicht ohne Absicht machte
das Ministerium Barrot diesen Act tactlos grober Enttäuschung zum ersten
Regierungsact des Präsidenten.

Die Constituante ihrerseits ergriff begierig die doppelte Gelegenheit, das
Ministerium zu stürzen und dem Erwählten der Bauern gegenüber, sich als
Vertreterin des Bauerninteresses aufzuwerfen. Sie verwarf den Vorschlag

des Finanzministers, reducirte die Salzsteuer auf Ein Drittel ihres früheren
Betrags, vermehrte so um 60 Millionen ein Staatsdeficit von 560 Millionen
und erwartete nach diesem Miftrauensvotum ruhig den Abtritt des Ministeriums. So wenig begriff sie die neue Welt, von der sie umgeben war und die
eigne veränderte Stellung. Hinter dem Ministerium stand der Präsident und
hinter dem Präsidenten standen 6 Millionen, die eben so viele Mißtrauensvota gegen die Constituante in die Wahlurne niedergelegt hatten. Die Constituante gab der Nation ihr Mißtrauensvotum zurück. Lächerlicher Austausch!
Sie vergaß, daß ihre Vota den Zwangscurs verloren hatten. Die Verwerfung
der Salzsteuer reifte nur den Entschluß Bonapartes und seines Ministeriums
mit der constituirenden Versammlung „zu enden". Jenes lange Duell begann,
das die ganze letzte | Lebenshälfte der Constituante ausfüllt. Der 29. Januar, der 21. März, der 8. Mai sind die journées, die großen Tage dieser Crise,
eben so viele Vorläufer des /3. Juni.

Die Franzosen, z.B. Louis Blanc, haben den 29. Januar als das Heraustre-

ten eines constitutionellen Widerspruchs aufgefaßt, des Widerspruchs zwischen einer souveränen, unauflösbaren, aus dem allgemeinen Stimmrecht

Karl Marx

hervorgegangenen Nationalversammlung und einem Präsidenten, dem
Wortlaut nach ihr verantwortlich, der Wirklichkeit nach nicht nur ebenfalls
sanctionirt durch das allgemeine Stimmrecht und zudem in seiner Person alle
Stimmen vereinigend, die sich auf die einzelnen Mitglieder der Nationalversammlung vertheilen und hundertfach zersplittern, sondern auch im Vollbesitz der ganzen executiven Gewalt, über welcher die Nationalversammlung
nur als moralische Macht schwebt. Diese Auslegung des 29. Januar verwechselt die Sprache des Kampfes auf der Tribüne, durch die Presse, in den Klubs
mit seinem wirklichen Inhalt. Louis Bonaparte gegenüber der constituirenden Nationalversammlung, das war nicht eine einseitige constitutionelle
Gewalt gegenüber der andern, das war nicht die vollziehende Gewalt gegenüber der Gesetzgebenden, das war die constituirte Bourgeois-Republik selbst
gegenüber den Werkzeugen ihrer Constituirung, gegenüber den ehrsüchtigen
Intriguen und den ideologischen Forderungen der revolutionären Bourgeois-
Fraction, welche sie begründet hatte und nun verwundert fand, daß ihre
constituirte Republik wie einerestaurirte Monarchie aussah, und nun gewaltsam die constituirende Periode mit ihren Bedingungen, ihren Illusionen, ihrer
Sprache und ihren Personen festhalten und die reife Bourgeois-Republik
verhindern wollte, in ihrer vollständigen und eigenthümlichen Gestalt herauszutreten. Wie die constituirende Nationalversammlung den in sie zurückgefallenen Cavaignac vertrat, so Bonaparte die noch nicht von ihm losgeschiedene gesetzgebende Nationalversammlung, d. h. die Nationalversammlung der constituirten Bourgeois-Republik.

Die Wahl Bonapartes konnte sich erst auslegen, indem sie an die Stelle
des Einen Namens seine vielsinnigen Bedeutungen setzte, indem sie sich
wiederholte in der Wahl der neuen Nationalversammlung. Das Mandat der
alten hatte | der 10. December cassirt. Was sich also am 29. Januar gegenübertrat, das waren nicht der Präsident und die Nationalversammlung derselben Republik, das war die Nationalversammlung der werdenden Republik
und der Präsident der gewordenen Republik, zwei Mächte, die ganz verschiedene Perioden des Lebensprocesses der Republik verkörperten, das war die
kleine republicanische Fraction der Bourgeoisie, welche allein die Republik
proklamiren, sie dem revolutionären Proletariat durch den Straßenkampf
und durch die Schreckensherrschaft abringen und in der Constitution ihre
idealen Grundzüge entwerfen konnte und andrerseits die ganze royalistische
Masse der Bourgeoisie, welche allein in dieser constituirten Bourgeois-
Republik herrschen, der Constitution ihre ideologischen Zuthaten abstreifen
und die unumgänglichen Bedingungen zur Unterjochung des Proletariats
durch ihre Gesetzgebung und durch ihre Administration verwirklichen
konnte.

Das Ungewitter, das sich am 29. Januar entlud, sammelte seine Elemente

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. II. Der 13. Juni 1849

während des ganzen Monats Januar. Die Constituante wollte durch ihr
Mißtrauensvotum das Ministerium Barrot zur Abdankung treiben. Das
Ministerium Barrot schlug dagegen der Constituante vor, sich selbst ein
definitives Mißtrauensvotum zu geben, ihren Selbstmord zu beschließen,
ihre eigne Auflösung zu decretiren. Rateau, einer der obscursten Deputirten
stellte der Constituante, auf Befehl des Ministeriums, am 6. Januar diesen
Antrag, derselben Constituante, die schon im August beschlossen hatte, sich
nicht aufzulösen, bis sie eine ganze Reihe organischer, die Constitution
ergänzender, Gesetze erlassen hätte. Der ministerielle Fould erklärte ihr
gradezu, ihre Auflösung sei nöthig „zur Wiederherstellung des gestörten
Credits". Und störte sie nicht den Credit, indem sie das Provisorium verlängerte und mit Barrot den Bonaparte und mit Bonaparte die constituirte
Republik wieder in Frage stellte? Barrot, der Olympische, zum rasenden
Roland geworden durch die Aussicht, die endlich erhaschte Ministerpräsidentschaft, die ihm die Republikaner schon einmal um ein Decennium, d.h.
um zehn Monate vertagt hatten, nach kaum zweiwöchentlichem Genüsse
sich wieder entrissen zu sehn, Barrot übertyrannisirte dieser elenden Versammlung gegenüber den | Tyrannen. Das mildeste seiner Worte war,
„mit ihr sei keine Zukunft möglich". Und wirklich, sie vertrat nur noch die
Vergangenheit. „Sie sei unfähig", fügte er ironisch hinzu, „die Republik mit
den Institutionen zu umgeben, die zu ihrer Befestigung nöthig seien." Und
in der That! Mit dem ausschließlichen Gegensatz gegen das Proletariat war
gleichzeitig ihre Bourgeoisenergie gebrochen und mit dem Gegensatz gegen
die Royalisten ihre republikanische Ueberschwänglichkeit neu aufgelebt. So
war sie doppelt unfähig die Bourgeois-Republik, die sie nicht mehr begriff,
durch die entsprechenden Institutionen zu befestigen.

Mit dem Vorschlag Rateau's beschwor das Ministerium gleichzeitig einen
Petitionssturm im ganzen Lande herauf und täglich flogen aus allen Winkeln
Frankreichs der Constituante Ballen von billets doux an den Kopf, worin

sie mehr oder minder categorisch ersucht wurde, sich aufzulösen und ihr
Testament zu machen. Die Constituante ihrerseits rief Gegenpetitionen
hervor, worin sie sich auffordern ließ, am Leben zu bleiben. Der Wahlkampf
zwischen Bonaparte und Cavaignac erneuerte sich als Petitionenkampf für
und gegen die Auflösung der Nationalversammlung. Die Petitionen sollten
die nachträglichen Kommentare des 10. December sein. Während des ganzen
Januars dauerte diese Agitation fort.

In dem Conflict zwischen der Constituante und dem Präsidenten konnte
sie nicht auf die allgemeine Wahl als ihren Ursprung zurückgehn, denn man
appellirte von ihr an das allgemeine Stimmrecht. Sie konnte sich auf keine

regelmäßige Gewalt stützen, denn es handelte sich um den Kampf gegen die
legale Gewalt. Sie konnte das Ministerium nicht durch Mißtrauensvota stür-

Karl Marx

zen, wie sie es noch einmal am 6. und 26. Januar versuchte, denn das Ministerium verlangte ihr Vertrauen nicht. Es blieb ihr nur Eine Möglichkeit, die
der Insurrection. Die Streitkräfte der Insurrection waren der republicanische
Theil der Nationalgarde, die Mobilgarde und die Centren des revolutionairen
Proletariats, die Clubs. Die Mobilgarden, diese Helden der Junitage bildeten 5
ebenso im December die organisirte Streitkraft der republicanischen Bourgeoisfraction, wie vor dem Juni die Nationalateliers die organisirte Streitkraft des revolutionairen Proletariats gebildet hatten. Wie die execu||2]|tive
Commission der Constituante ihren brutalen Angriff auf die Nationalateliers
richtete, als sie mit den unerträglich gewordenen Ansprüchen des Proletari- 10
ats enden mußte, so das Ministerium Bonapartes auf die Mobilgarde, als es
mit den unerträglich gewordenen Ansprüchen der republicanischen Bourgeoisfraction enden mußte. Es verordnete die Auflösung der Mobilgarde. Die
eine Hälfte derselben wurde entlassen und auf das Pflaster geworfen, die
andre erhielt an der Stelle der democratischen Organisation eine monarchi- 15
sehe und ihr Sold wurde auf den gewöhnlichen Sold der Linientruppen
herabgesetzt. Die Mobilgarde fand sich in der Lage der Juniinsurgenten, und
täglich brachte die Zeitungspresse öffentliche Beichten, worin sie ihre
Schuld vom Juni bekannte und das Proletariat um Vergebung flehte.

Und die Clubs ? Von dem Augenblick, wo die constituirende Versammlung 20
in Barrot den Präsidenten, und in dem Präsidenten die constituirte Bourgeoisrepublik und in der constituirten Bourgeoisrepublik die Bourgeoisrepublik überhaupt in Frage stellte, reihten sich nothwendig alle constituirenden
Elemente der Februar-Republik um sie zusammen, alle Parteien, welche die
vorhandene Republik umstürzen und sie durch einen gewaltsamen Rückbil- 25
dungsprozeß als die Republik ihrer Klasseninteressen und Prinzipien umgestalten wollten. Das Geschehene war wieder ungeschehn, die Kristallisationen der revolutionairen Bewegung waren wieder flüssig geworden, die
Republik um die gekämpft wurde, war wieder die unbestimmte Republik der
Februartage, deren Bestimmung sich jede Partei vorbehielt. Die Parteien 30
nahmen einen Augenblick wieder ihre alten Februarstellungen ein ohne die
Illusionen des Februar zu theilen. Die tricoloren Republicaner des National
lehnten sich wieder auf die democratischen Republicaner der Reforme und
drängten sie als Vorkämpfer in den Vordergrund des parlamentarischen
Kampfes. Die democratischen Republicaner lehnten sich wieder auf die 35
socialistischen Republicaner — am 27. Januar verkündete ein öffentliches
Manifest ihre Aussöhnung und Vereinigung — und bereiteten sich in den
Clubs ihren insurrectionellen Hintergrund. Die ministerielle Presse behandelte mit Recht die tricoloren Republicaner des National als die | wiedererstandenen Insurgenten des Juni. Um sich an der Spitze der Bourgeoisrepu- 40
blik zu behaupten, stellten sie die Bourgeoisrepublik selbst in Frage. Am

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. II. Der 13. Juni 1849

26. Januar schlug der Minister Faucher ein Gesetz über das Associationsrecht vor, dessen erster Paragraph lautete: „Die Klubs sind untersagt." Er
stellte den Antrag diesen Gesetzentwurf sofort als dringlich zur Discussion
zu bringen. Die Constituante verwarf den Dringlichkeitsantrag und am
27. Januar deponirte Ledru Rollin einen Antrag auf Versetzung des Ministeriums in Anklagezustand wegen Verletzung der Constitution, unterzeichnet
von 230 Unterschriften. Die Versetzung des Ministeriums in Anklagezustand
in Augenblicken wo ein solcher Act die tactlose Enthüllung der Ohnmacht
des Richters nämlich der Kammermajorität war, oder ein ohnmächtiger
Protest des Anklägers gegen diese Majorität selbst, das war der große revolutionaire Trumpf, den die nachgeborne Montagne von nun an auf jedem
Höhepunkte der Krise ausspielte. Arme Montagne, von der Wucht ihres
eignen Namens erdrückt!

Blanqui, Barbes, Raspail u.s.w. hatten am 15. Mai die constituirende
Versammlung zu sprengen versucht, indem sie an der Spitze des Pariser
Proletariats in ihren Sitzungssaal eindrangen. Barrot bereitete derselben
Versammlung einen moralischen 15. Mai vor, indem er ihre Selbstauflösung
dictiren und ihren Sitzungssaal schließen wollte. Dieselbe Versammlung
hatte Barrot mit der Enquéte gegen die Maiangeklagten beauftragt und jetzt
in diesem Augenblicke, wo er ihr gegenüber als royalistischer Blanqui erschien, wo sie ihm gegenüber in den Clubs, bei den revolutionairen Proletariern, in der Partei Blanqui's ihre Alliirten suchte, in diesem Augenblick
folterte der unerbittliche Barrot sie mit dem Antrag die Maigefangenen dem
Geschwornengerichte zu entziehn und dem von der Partei des National
erfundenen Hochgericht, der haute cour zu überweisen. Merkwürdig wie die
aufgehetzte Angst um ein Ministerportefeuille aus dem Kopfe eines Barrot
Pointen würdig eines Beaumarchais herausschlagen konnte! Die Nationalversammlung nach langem Schwanken nahm seinen Antrag an. Den
Maiattentätern gegenüber trat sie in ihren normalen Character zurück. |

 Wenn die Constituante dem Präsidenten und den Ministern gegenüber
zur Insurrection, so wurde der Präsident und das Ministerium der Constituante gegenüber, zum Staatsstreich gedrängt, denn sie besaßen kein gesetzliches Mittel sie aufzulösen. Aber die Constituante war die Mutter der
Constitution und die Constitution war die Mutter des Präsidenten. Mit dem
Staatsstreich zerriß der Präsident die Constitution und löschte seinen republicanischen Rechtstitel aus. Er war dann gezwungen den imperialistischen Rechtstitel hervorzuziehen; aber der imperialistische Rechtstitel rief
den orleanistischen wach und beide erbleichten vor dem legitimistischen
Rechtstitel. Der Niederfall der legalen Republik konnte nur ihren äußersten
Gegenpol in die Höhe schnellen, die legitimistische Monarchie, in einem
Augenblick, wo die orleanistische Partei nur noch die Besiegte des Februar

Karl Marx

und Bonaparte nur noch der Sieger des 10. December war, wo beide der
republikanischen Usurpation nur noch ihre ebenfalls usurpirten monarchischen Titel entgegen halten konnten. Die Legitimisten waren sich der Gunst
des Augenblicks bewußt, sie conspirirten am offnen Tage. In dem General
Changarnier konnten sie hoffen ihren Monk zu finden. Die Herankunft der
weißen Monarchie wurde eben so offen verkündet in ihren Clubs, wie in den
proletarischen die der rothen Republik.

Durch eine glücklich unterdrückte Erneute wäre das Ministerium allen
Schwierigkeiten entgangen. „Die Gesetzlichkeit tödtet uns" rief Odilon
Barrot aus. Eine Erneute hätte erlaubt unter dem Vorwand des salut public
die Constituante aufzulösen und die Constitution im Interesse der Constitution selbst zu verletzen. Das brutale Auftreten Odilon Barrots in der
Nationalversammlung, der Antrag auf Auflösung der Clubs, die geräuschvolle Absetzung von 50 tricoloren Präfecten und ihre Ersetzung durch
Royalisten, die Auflösung der Mobilgarde, die Mißhandlung ihrer Chefs
durch Changarnier, die Wiedereinsetzung Lerminiers, des schon unter
Guizot unmöglichen Professors, die Duldung der legitimistischen Renommistereien, — es waren eben so viele Herausforderungen der Emeute. Aber die
Emeute blieb stumm. Sie erwartete ihr Signal von der Constituante und nicht
vom Ministerium.)

PAJ Endlich kam der 29. Januar, der Tag an dem über Mathieus (de la
Dröme) Antrag auf unbedingte Verwerfung des Rateau'schen Antrags entschieden werden sollte. Legitimisten, Orleanisten, Bonapartisten, Mobilgarde, Montagne, Clubs, Alles conspirirte an diesem Tage, jeder eben so sehr
gegen den angeblichen Feind, als gegen den angeblichen Bundesgenossen.
Bonaparte hoch zu Roß musterte einen Theü der Truppen auf dem Concordiaplatz, Changarnier schauspielerte mit einem Aufwand strategischer
Manöver, die Constituante fand ihr Sitzungsgebäude militairisch besetzt. Sie,
der Mittelpunkt aller sich durchkreuzenden Hoffnungen, Befürchtungen,
Erwartungen, Gährungen, Spannungen, Verschwörungen, dielöwenmüthige
Versammlung schwankte keinen Augenblick als sie dem Weltgeist näher trat
denn sonst. Sie glich jenem Kämpfer, der nicht nur den Gebrauch seiner
eignen Waffe fürchtete, sondern sich auch verpflichtet fühlte die Waffen
seines Gegners unversehrt zu erhalten. Mit Todesverachtung unterzeichnete
sie ihr eignes Todesurtheil und verwarf die unbedingte Verwerfung des
Rateausehen Antrags. Selbst im Belagerungszustand setzte sie einer constituirenden Thätigkeit Grenzen, deren nothwendiger Rahmen der Belagerungszustand von Paris gewesen war. Sie rächte sich ihrer würdig, indem sie
am andern Tage eine enquéte über den Schrecken verhängte, den ihr das
Ministerium am 29. Januar eingejagt hatte. Die Montagne bewies ihren
Mangel an revolutionärer Energie und politischem Verstand, indem sie von

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. II. Der 13. Juni 1849

der Partei des National sich als Rufer im Streit in dieser großen Intriguencomödie verbrauchen ließ. Die Partei des National hatte den letzten Versuch
gemacht, das Monopol der Herrschaft, das sie während der Entstehungsperiode der Bourgeois-Republik besaß in der constituirten Republik weiter zu
behaupten. Sie war gescheitert.

Handelte es sich in der Januarkrise um die Existenz der Constituante, so
in der Krise vom 21. März um die Existenz der Constitution, dort um das
Personal der Nationalpartei, hier um ihr Ideal. Es bedarf keiner Andeutung,
daß die honetten Republicaner das Hochgefühl ihrer Ideologie wohlfeiler
Preis gaben als den weltlichen Genuß der Regierungsgewalt. |

j251 Am 21. März stand auf der Tagesordnung der Nationalversammlung
Fauchers Gesetzentwurf gegen das Associationsrecht: die Unterdrückung
der Clubs. Artikel 8 der Constitution garantirt allen Franzosen das Recht sich
zu associiren. Die Untersagung der Clubs war also eine unzweideutige
Verletzung der Constitution und die Constituante selbst sollte die Schändung
ihrer Heiligen canonisiren. Aber die Clubs das waren die Sammelpunkte, die
Conspirationssitze des revolutionairen Proletariats. Die Nationalversammlung selbst hatte die Coalition der Arbeiter gegen ihre Bourgeois untersagt.
Und die Clubs, was waren sie anders als eine Coalition der gesammten
Arbeiterclasse gegen die gesammte Bourgeoisciasse, die Bildung eines
Arbeiterstaats gegen den Bourgeoisstaat? Waren sie nicht eben so viele
constituirende Versammlungen des Proletariats und eben so viele schlagfertige Armeeabtheilungen der Revolte? Was die Constitution vor Allem constituiren sollte, es war die Herrschaft der Bourgeoisie. Die Constitution Konnte
also offenbar unter dem Associationsrecht nur die mit der Herrschaft der
Bourgeoisie d.h. mit der bürgerlichen Ordnung in Einklang befindlichen
Associationen verstehen. Wenn sie sich aus theoretischem Anstand allgemein ausdrückte, war nicht die Regierung da und die Nationalversammlung
um sie im besondern Fall auszulegen und anzuwenden? Und wenn in der
urweltlichen Epoche der Republik die Clubs thatsächlich untersagt waren
durch den Belagerungszustand, mußten sie nicht in der geregelten, constituirten Republik untersagt sein durch das Gesetz? Die tricoloren Republicaner
hatten dieser prosaischen Auslegung der Constitution nichts entgegen zu
halten als die überschwängliche Phrase der Constitution. Ein Theil derselben,
Pagnerre, Duclerc etc. stimmte für das Ministerium und verschaffte ihm so
die Majorität. Der andre Theil, den Erzengel Cavaignac und den Kirchenvater Marrast an der Spitze zog sich, nachdem der Artikel über die Untersagung
der Clubs durchgegangen war, mit Ledru Rollin und der Montagne vereint,
in einen besondern Büreausaal zurück — „und hielten einen Rath". Die
Nationalversammlung war gelähmt, sie zählte nicht mehr die beschlußfähige
Stimmzahl. Zur rechten Zeit erinnerte Herr Cremieux in dem Büreausaal,

Karl Marx

daß von hier der Weg direct auf die Straße ||26] führe und daß man nicht mehr
Februar 1848 zähle, sondern März 1849. Die Partei des National, plötzlich
erleuchtet, kehrte in den Sitzungssaal der Nationalversammlung zurück,
hinter ihr die abermals düpirte Montagne, die beständig gequält von revolutionairen Gelüsten eben so beständig nach constitutionellen Möglichkeiten haschte und sich immer noch mehr auf ihrem Platze fühlte hinter den
Bourgeoisrepublicanern als vor dem revolutionairen Proletariat. So war die
Comödie gespielt. Und die Constituante selbst hatte decretirt, daß die
Verletzung des Wortlauts der Constitution die einzig entsprechende Verwirklichung ihres Wortsinns sei.

Es blieb nur noch Ein Punkt zu regeln, das Verhältniß der constituirten
Republik zur Europäischen Revolution, ihre auswärtige Politik. Am
8. Mai 1849 herrschte eine ungewohnte Aufregung in der constituirenden
Versammlung, deren Lebenstermin in wenigen Tagen ablaufen sollte. Der
Angriff der französischen Armee auf Rom, ihre Zurücktreibung durch die
Römer, ihre politische Infamie und ihre militairische Blamage, der
Meuchelmord der römischen Republik durch die französische Republik, der
erste italienische Feldzug des zweiten Bonaparte stand auf der Tagesordnung. Die Montagne hatte abermals ihren großen Trumpf ausgespielt, Ledru
Rollin hatte den unvermeidlichen Anklageact gegen das Ministerium und
diesmal auch gegen Bonaparte wegen Verletzung der Constitution auf den
Tisch des Präsidenten niedergelegt.

Das Motiv des 8. Mai wiederholte sich später als Motiv des 13. Juni.
Verständigen wir uns über die römische Expedition.

Cavaignac hatte schon Mitte November 1848 eine Kriegsflotte nach Civita
vecchia expedirt um den Pabst zu beschützen, an Bord zu nehmen und nach
Frankreich überzusegeln. Der Pabst sollte die honette Republik einsegnen
und die Wahl Cavaignacs zum Präsidenten sichern. Mit dem Pabst wollte
Cavaignac die Pfaffen, mit den Pfaffen die Bauern und mit den Bauern die
Präsidentschaft angeln. Eine Wahlreclame ihrem nächsten Zwecke nach, war
die Expedition Cavaignacs gleichzeitig ein Protest und eine Drohung gegen
die römische Revolution. Sie enthielt im Keim die Intervention Frankreichs
zu Gunsten des Papstes. |

J27| Diese Intervention für den Pabst mit Oestreich und Neapel gegen die
römische Republik wurde beschlossen in der ersten Sitzung des Ministerraths Bonaparte's am 23. December. Falloux im Ministerium, das war der
Pabst in Rom und im Rom des Pabstes —. Bonaparte brauchte den Pabst nicht
mehr, um der Präsident der Bauern zu werden, aber er brauchte die Conservation des Pabstes, um die Bauern des Präsidenten zu conserviren. Ihre
Leichtgläubigkeit hatte ihn zum Präsidenten gemacht. Mit dem Glauben
verloren sie die Leichtgläubigkeit und mit dem Pabste den Glauben. Und die

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. II. Der 13. Juni 1849

coalisirten Orleanisten und Legitimisten die in Bonapartes Namen herrschten! Ehe der König restauriert wurde, mußte die Macht restaurirt werden,
welche die Könige heiligt. Abgesehn von ihrem Royalismus, ohne das alte,
seiner weltlichen Herrschaft unterworfene Rom kein Pabst, ohne den Pabst
kein Katholicismus, ohne den Katholicismus keine französische Religion
und ohne Religion, was wurde aus der alten französischen Gesellschaft? Die
Hypotheke, welche der Bauer auf die himmlischen Güter besitzt, garantirt
die Hypotheke, welche der Bourgeois auf die Bauerngüter besitzt. Die römische Revolution war also ein Attentat auf das Eigenthum, auf die bürgerliche
Ordnung, furchtbar wie die Junirevolution. Die wiederhergestellte Bourgeoisherrschaft in Frankreich erheischte die Restauration der päbstlichen
Herrschaft in Rom. Endlich schlug man in den römischen Revolutionairen
die Alliirten der französischen Revolutionaire und die Allianz der contrerevolutionairen Klassen in der constituirten französischen Republik ergänzte
sich nothwendig in der Allianz der französischen Republik mit der heiligen
Allianz, mit Neapel und Oestreich. Der Ministerrathsbeschluß vom 23. December war kein Geheimniß für die Constituante. Schon am 8. Januar hatte
Ledru Rollin das Ministerium über denselben interpellirt, das Ministerium
hatte geläugnet, die Nationalversammlung war zur Tagesordnung übergegangen. Traute sie den Worten des Ministeriums? Wir wissen, daß sie den ganzen
Monat Januar damit zubrachte, ihm Mißtrauensvota zu geben. Aber wenn
es in seiner Rolle war, zu lügen, war es in ihrer Rolle den Glauben an seine
Lüge zu heucheln und damit die republikanischen dehors zu retten. |
 Unterdessen war Piemont geschlagen, Karl Albert hatte abgedankt,
die österreichische Armee pochte an die Thore Frankreichs. Ledru Rollin
interpellirte heftig. Das Ministerium bewies, daß es in Norditalien nur die
Politik Cavaignac's und Cavaignac nur die Politik der provisorischen Regierung, d.h. Ledru Rollins fortgesetzt habe. Diesmal erntete es von der Nationalversammlung sogar ein Vertrauensvotum und wurde authorisirt, einen
gelegnen Punkt Oberitaliens temporär zu besetzen, um so der friedlichen
Unterhandlung mit Oestreich über die Integrität des sardinischen Gebiets
und die römische Frage einen Hinterhalt zu geben. Bekanntlich wird das
Schicksal Italiens auf den Schlachtfeldern Norditaliens entschieden. Mit der
Lombardei und Piemont war daher Rom gefallen oder Frankreich mußte den
Krieg an Oestreich und damit an die europäische Contrerevolution erklären.
Hielt die Nationalversammlung plötzlich das Ministerium Barrot für den
alten Wohlfahrtsausschuß? Oder sich selbst für den Konvent? Wozu also
die militärische Besetzung eines Punktes in Oberitalien? Man versteckte
unter diesem durchsichtigen Schleier die Expedition gegen Rom.
Am 14. April segelten 14000 Mann unter Oudinot nach Civita vecchia, am
16. April bewilligte die National-Versammlung dem Ministerium einen Credit

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von 1200000 Fr s. zur dreimonatlichen Unterhaltung einer Interventionsflotte im Mittelmeer. So gab sie dem Ministerium alle Mittel gegen Rom zu
interveniren, während sie sich stellte, als lasse sie es gegen Oestreichinterveniren. Sie sah nicht, was das Ministerium that, sie hörte nur, was es sagte.
Solcher Glaube ward nicht in Israel gefunden, die Constituante war in die
Lage gerathen nicht wissen zu dürfen, was die constituirte Republik thun
mußte.

Endlich am 8. Mai wurde die letzte Scene der Komödie gespielt, die
Constituante forderte das Ministerium zu schleunigen Maaßregeln auf, um
die italienische Expedition auf das ihr gesteckte Ziel zurückzuführen. Bonaparte inserirte denselben Abend einen Brief in den Moniteur, worin er
Oudinot die größte Anerkennung spendete. Am 11. Mai verwarf die Nationalversammlung den Anklageact gegen denselben Bonaparte und sein Ministerium. Und die Montagne, die statt dieses Gewebe des Betrugs zu zerreißen,
die parla|mentarische Komödie tragisch nimmt, um selbst in ihr die Rolle
des Fouquier-Tinville zu spielen, verrieth sie nicht unter der erborgten
Conventionellen Löwenhaut das angeborne kleinbürgerliche Kalbsfell!

Die letzte Lebenshälfte der Konstituante resumirt sich dahin: Sie gesteht
aip 29. Januar, daß die royalistischen Bourgeoisfractionen die natürlichen
Vorgesetzten der von ihr constituirten Republik sind, am 21. März, daß die
Verletzung der Constitution ihre Verwirklichung ist, und am 11. Mai, daß die
bombastisch angekündigte passive Allianz der französischen Republik mit
den ringenden Völkern ihre active Allianz mit der europäischen Contrerevolution bedeutet.

Diese elende Versammlung trat von der Bühne ab, nachdem sie noch zwei
Tage vor der Jahresfeier ihres Geburtstages des 4. Mai, sich die Genugthuung
gegeben hatte, den Antrag auf Amnestie der Juniinsurgenten zu verwerfen.
Ihre Macht zerbrochen, von dem Volke tödtlich gehaßt, zurückgestoßen,
mißhandelt, verächtlich bei Seite geworfen von der Bourgeoisie, deren
Werkzeug sie war, gezwungen in der zweiten Hälfte ihrer Lebensepoche die
erste zu desavouiren, ihrer republicanischen Illusionen beraubt, ohne große
Schöpfungen in der Vergangenheit, ohne Hoffnung in der Zukunft, bei lebendigem Leibe stückweis absterbend, wußte sie ihre eigne Leiche nur noch zu
galvanisiren, indem sie den Junisieg sich beständig zurückrief und nachträglich wieder durchlebte, sich bestätigte durch die stets wiederholte Verdammung der Verdammten. Vampyr, der von dem Blute der Juniinsurgenten
lebte!

Sie hinterließ das Staatsdeficit vergrößert durch die Kosten der Juniinsurrection, durch den Ausfall der Salzsteuer, durch die Entschädigungen
die sie den Plantagebesitzern für die Aufhebung der Negersclaverei zuwies,
durch die Kosten der römischen Expedition, durch den Ausfall der Wein-

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. Il. Der 13. Juni 1849

Steuer, deren Abschaffung sie in den letzten Zügen liegend, noch beschloß,
ein schadenfroher Greis, glücklich, seinem lachenden Erben eine compromittirende Ehrenschuld aufzubürden.

Seit Anfang März hatte die Wahlagitation für die gesetzgebende National-
Versammlung begonnen. Zwei Hauptgruppen traten sich gegenüber, die Partei der Ord\30\nung und die democratisch-socialistische oder rothe Partei,
zwischen beiden standen die Freunde der Constitution, unter welchem
Namen die tricoloren Republicaner des National eine Partei vorzustellen
suchten. Die Partei der Ordnung büdete sich unmittelbar nach den Junitagen;
erst nachdem der 10. December ihr erlaubt hatte die Koterie des National,
der Bourgeoisrepublicaner von sich abzustoßen, enthüllte sich das Geheimniß ihrer Existenz, die Coalition der Orleanisten und Legitimisten zu Einer
Partei. Die Bourgeoisklasse zerfiel in zwei große Fractionen, die abwechselnd, das große Grundeigenthum unter der restaurirten Monarchie, die Fi-

nanzaristocratie und die industrielle Bourgeoisie unter der Julimonarchie,
das Monopol der Herrschaft behauptet hatten. Bourbon! war der königliche
Namen für den überwiegenden Einfluß der Interessen der Einen Fraction,
Orleans! — der königliche Name für den überwiegenden Einfluß der Interessen der andern Fraction—das namenlose Reich der Republikwar das einzige,
worin beide Fractionen in gleichmäßiger Herrschaft das gemeinsame Klasseninteresse behaupten konnten, ohne ihre wechselseitige Rivalität aufzugeben. Wenn die Bourgeoisrepublik nichts andres sein Konnte, als die
vervollständigte und rein herausgetretene Herrschaft der gesammten Bourgeoisklasse, konnte sie etwas andres sein, als die Herrschaft der durch die
Legitimisten ergänzten Orleanisten und der durch die Orleanisten ergänzten
Legitimisten, die Synthese der Restauration und der Julimonarchie? Die
Bourgeoisrepublicaner des National vertraten keine auf ökonomischen
Grundlagen beruhende große Fraction ihrer Klasse. Sie hatten nur die
Bedeutung und den historischen Titel unter der Monarchie den beiden
Bourgeoisfractionen gegenüber, die nur ihr besonderes Regime begriffen,
das allgemeine Regime der Bourgeoisklasse geltend gemacht zu haben, das
namenlose Reich der Republik, das sie sich idealisirten und mit antiken
Arabesken ausschmückten, worin sie aber vor allem die Herrschaft ihrer
Koterie begrüßten. Wenn die Partei des National an ihrem eignen Verstände
irre wurde, als sie auf dem Gipfel der von ihr begründeten Republik die
coalisirten Royalisten erblickte, so täuschten diese selbst sich nicht minder
über die Thatsache ihrer vereil|3l|nigten Herrschaft. Sie begriffen nicht, daß
wenn jede ihrer Fractionen für sich getrennt betrachtet, royalistisch war, das
Product ihrer chemischen Verbindung nothwendig republicanisch sein
mußte, daß die weiße und die blaue Monarchie sich neutralisiren mußten in
der tricoloren Republik. Gezwungen, durch den Gegensatz zu dem re-

Karl Marx

volutionairen Proletariat und die mehr und mehr um dasselbe als Centrum
sich hindrängenden Uebergangsclassen ihre vereinte Kraft aufzubieten und
die Organisation dieser vereinten Kraft zu conserviren, mußte jede der
Fractionen der Ordnungspartei den Restaurations- und Ueberhebungsgelüsten der andern gegenüber, die gemeinsame Herrschaft d. h. die republican!-
sehe Form der Bourgeoisherrschaft geltend machen. So finden wir diese
Royalisten im Anfang an eine unmittelbare Restauration glaubend, später die
republicanische Form conservirend mit Wuthschaum, mit tödlichen Invectiven gegen sie auf den Lippen, schließlich gestehn, daß sie sich nur in der
Republik vertragen können und die Restauration aufs Unbestimmte vertagen. Der Genuß der vereinigten Herrschaft selbst stärkte jede der beiden
Fractionen und machte sie noch unfähiger und unwilliger sich der andern
unterzuordnen d.h. die Monarchie zu restauriren.

Die Partei der Ordnung proclamirte direct in ihrem Wahlprogramm die
Herrschaft der Bourgeoisklasse d.h. die Aufrechthaltung der Lebensbedingungen ihrer Herrschaft, des Eigenthums, der Familie, der Religion, der Ordnung! Sie stellte ihre Klassenherrschaft und die Bedingungen ihrer Klassenherrschaft natürlich als die Herrschaft der Civilisation und als die nothwendigen Bedingungen der materiellen Production wie der aus ihr hervorgehenden
gesellschaftlichen Verkehrsverhältnisse dar. Die Partei der Ordnung gebot
über ungeheure Geldmittel, sie organisirte ihre Succursalen in ganz
Frankreich, sie hatte sämmtliche Ideologen der alten Gesellschaft in ihrem
Lohn, sie verfügte über den Einfluß der bestehenden Regierungsgewalt, sie
besaß ein Heer unbezahlter Vasallen in der ganzen Masse der Kleinbürger
und Bauern, die der revolutionairen Bewegung noch fernstehend, in den
Großwürdenträgern des Eigenthums die natürlichen Vertreter ihres kleinen
Eigenthums und seiner kleinen Vorurtheile fanden; sie, auf dem ganzen
Lande in einer Unzahl kleiner K6|nige vertreten, konnte die Verwerfung
ihrer Kandidaten als Insurrection bestrafen, die rebellischen Arbeiter entlassen, die widerstrebenden Bauernknechte, Dienstboten, Commis, Eisenbahnbeamten, Schreiber, sämmtliche ihr bürgerlich untergeordnete Funktionaire.
Sie konnte endlich stellenweis die Täuschung aufrecht erhalten, daß die
republicanische Constituante den Bonaparte des 10. December an der Offenbarung seiner wunderthätigen Kräfte verhindert habe. Wir haben bei der
Partei der Ordnung der Bonapartisten nicht gedacht. Sie waren keine ernsthafte Fraktion der Bourgeoisklasse, sondern eine Sammlung alter abergläubischer Invaliden und junger ungläubiger Glücksritter. — Die Partei der
Ordnung siegte in den Wahlen, sie sandte die große Majorität in die gesetzgebende Versammlung.

Der coalisirten contrerevolutionairen Bourgeoisklasse gegenüber mußten
sich natürlich die schon revolutionirten Theile der kleinen Bourgeoisie und

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. II. Der 13. Juni 1849

der Bauernklasse mit dem Großwürdenträger der revolutionairen Interessen,
dem revolutionairen Proletariat verbinden. Wir haben gesehn wie die democratischen Wortführer der Kleinbürgerschaft im Parlament, d. h. die Montagne, durch parlamentarische Niederlagen zu den socialistischen Wortführern
des Proletariats und wie die wirkliche Kleinbürgerschaft außerhalb des
Parlaments durch die concordats à l'amiable, durch die brutale Geltendmachung der Bourgeoisinteressen, durch den Bankrutt zu den wirklichen Proletariern gedrängt wurden. Am 27. Januar hatten Montagne und Socialisten ihre
Aussöhnung gefeiert, im großen Februarbanquette 1849 wiederholten sie
ihren Vereinigungsact. Die sociale und die democratische, die Partei der
Arbeiter und die der Kleinbürger vereinigten sich zur social-democratischen
Partei d. h. zur rothen Partei.
Einen Augenblick durch die den Junitagen folgende Agonie gelähmt, hatte
die französische Republik seit der Aufhebung des Belagerungszustandes,
seit dem 14. October eine fortlaufende Reihe fieberhafter Aufregungen
erlebt. Erst den Kampf um die Präsidentschaft, dann den Kampf des Präsidenten mit der Constituante, der Kampf um die Clubs, der Prozeß in Bourges
— der gegenüber den kleinen Gestalten des Präsidenten, der coalisirten
Royalisten, der honnetten Republikaner, der democratischen Montagne, der
socialistischen [33] Doctrinaire des Proletariats seine wirklichen Revolutionaire als urweltliche Ungeheuer erscheinen ließ, wie sie nur eine Sündfluth auf der Gesellschafts-Oberfläche zurückläßt oder wie sie nur einer
gesellschaftlichen Sündfluth vorangehn können — die Wahlagitation, die
Hinrichtung der Brea-Mörder, die fortlaufenden Preßprozesse, die gewaltsamen polizeilichen Einmischungen der Regierung in die Banquetts, die frechen royalistischen Provocationen, die Ausstellung der Bilder Louis Blancs
und Caussidieres an den Pranger, der ununterbrochene Kampf zwischen der
constituirten Republik und der Constituante, der jeden Augenblick die
Revolution auf ihren Ausgangspunkt zurückdrängte, der jeden Augenblick
den Sieger zum Besiegten, den Besiegten zum Sieger machte und im Nu die
Stellung der Parteien und Klassen, ihre Scheidungen und Bindungen umschwenkte, der rasche Gang der europäischen Contre-Revolution, der
glorreiche ungarische Kampf, die deutschen Schilderhebungen, die römische
Expedition, die schmähliche Niederlage der französischen Armee vor Rom
— in diesem Wirbel der Bewegung, in dieser Pein der geschichtlichen Unruhe,
in dieser dramatischen Ebbe und Fluth revolutionairer Leidenschaften,
Hoffnungen, Enttäuschungen mußten die verschiedenen Klassen der französischen Gesellschaft ihre Entwicklungsepochen nach Wochen zählen, wie
sie sie früher nach halben Jahrhunderten gezählt hatten. Ein bedeutender
Theil der Bauern und der Provinzen war revolutionirt. Nicht nur waren sie
über den Napoleon enttäuscht, die rothe Partei bot ihnen an der Stelle des

Karl Marx

Namens den Inhalt, an der Stelle der illusorischen Steuerfreiheit die Rückzahlung der den Legitimisten gezahlten Milliarde, die Regelung der Hypothek und die Aufhebung des Wuchers.

Die Armee selbst war von dem Revolutionsfieber angesteckt. Sie hatte in
Bonaparte für den Sieg gestimmt und er gab ihr die Niederlage. Sie hatte in
ihm für den kleinen Corporal gestimmt, hinter dem der große revolutionaire
Feldherr steckt, und er gab ihr die großen Generale wieder, hinter denen der
Kamaschengerechte Korporal sich birgt. Kein Zweifel, daß die rothe Partei
d.h. die coalisirte democratische Partei wenn nicht den Sieg, doch große
Triumphe feiern mußte, daß Paris, daß die Armee, daß ein großer Theil der
Provinzen für sie stimmen würde. Ledru Rollin, der [ Chef der Montagne,
wurde von fünf Departementen gewählt; kein Chef der Ordnungspartei trug
einen solchen Sieg davon, kein Name der eigentlich proletarischen Partei.
Diese Wahl enthüllt uns das Geheimniß der democratisch-socialistischen
Partei. Wenn die Montagne, der parlamentarische Vorkämpfer der democratischen Kleinbürgerschaft einerseits gezwungen war sich mit den socialistischen Doctrinairen des Proletariats zu vereinigen — das Proletariat, von der
furchtbaren materiellen Niederlage des Juni gezwungen sich durch intellectuelle Siege wieder aufzurichten, durch die Entwicklung der übrigen Klassen
noch nicht befähigt die revolutionaire Dictatur zu ergreifen, mußte sich den
Doctrinairen seiner Emancipation, den socialistischen SectenStiftern in die
Arme werfen — stellten sich andrerseits die revolutionairen Bauern, die
Armee, die Provinzen hinter die Montagne, die so zum Gebieter im revolutionairen Heerlager wurde und durch die Verständigung mit den Socialisten jeden Gegensatz in der revolutionairen Partei beseitigt hatte. In der
letzten LebenshäTf te der Constituante vertrat sie das republikanische Pathos
derselben und hatte ihre Sünden während der provisorischen Regierung,
während der Executivcommission, während der Junitage in Vergessenheit
gebracht. In demselben Maße als die Partei des National ihrer halben Natur
gemäß, sich von dem royalistischen Ministerium niederdrücken ließ, stieg
die während der Allgewalt des National beseitigte Partei des Berges und
machte sich als die parlamentarische Vertreterin der Revolution geltend. In
der That, die Partei des National hatte gegen die andern royalistischen
Fractionen nichts einzuwenden, als ehrsüchtige Persönlichkeiten und idealistische Flausen. Die Partei des Berges dagegen vertrat eine zwischen der
Bourgeoisie und dem Proletariat schwebende Masse, deren materielle Interessen democratische Institutionen verlangten. Den Cavaignacs und Marrasts
gegenüber befanden sich Ledru Rollin und die Montagne daher in der
Wahrheit der Revolution und aus dem Bewußtsein dieser gewichtigen Situation schöpften sie um so größern Muth, jemehr die Aeußerung der revolutionairen Energie sich beschränkte auf parlamentarische Ausfälle,

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. II. Der 13.Juni 1849

Niederlegung von Anklageacten, Drohungen, Stimmerhöhungen, donnernde
Reden und Ex|treme die nur bis zur Phrase getrieben wurden. Die Bauern
befanden sich ungefähr in derselben Lage wie die Kleinbürger, sie hatten
ungefähr dieselben socialen Forderungen zu stellen. Sämmtliche Mittelschichten der Gesellschaft, so weit sie in die revolutionaire Bewegung
getrieben waren, mußten daher in Ledru Rollin ihre Helden finden. Ledru
Rollin war die Personage des democratischen Kleinbürgerthums. Der Partei
der Ordnung gegenüber, mußten zunächst die halbconservativen, halb revolutionairen und ganz utopistischen Reformatoren dieser Ordnung an die
Spitze getrieben werden.

Die Partei des National, „die Freunde der Constitution quand même", die
républicains purs et simples wurden vollständig in den Wahlen geschlagen.
Eine ungeheure Minorität derselben wurde in die gesetzgebende Kammer geschickt, ihre notorischsten Chefs verschwanden von der Bühne,

sogar Marrast, der Rédacteur en chef und der Orpheus der honetten Republik.

Am 28. Mai kam die legislative Versammlung zusammen, am 11. Juni
erneuerte sich die Collision vom 8. Mai, Ledru Rollin legte im Namen der
Montagne einen Anklageact nieder gegen den Präsidenten und das Ministerium, wegen Verletzung der Constitution, wegen des Bombardements von
Rom. Am 12. Juni verwarf die gesetzgebende Versammlung den Anklageact,
wie die constituirende Versammlung ihn am 11. Mai verworfen hatte, aber
das Proletariat trieb diesmal die Montagne auf die Straße, jedoch nicht zum
Straßenkampf sondern nur zur Straßenprozession. Es genügt zu sagen, daß
die Montagne an der Spitze dieser Bewegung stand um zu wissen, daß die
Bewegung besiegt wurde und daß der Juni 1849 eine ebenso lächerliche als
nichtswürdige Carricatur des Juni 1848 war. Verdunkelt wurde die große
Retirade vom 13. Juni nur durch den noch größern Schlachtbericht Changarniers, des großen Mannes, den die Partei der Ordnung improvisirte. Jede
Gesellschaftsepoche braucht ihre großen Männer, und wenn sie dieselben
nicht findet, erfindet sie sie, wie Helvetius sagt.

Am 20.December existirte nur noch die eine Hälfte der constituirten
Bourgeois-Republik, der Präsident, am 29. Mai wurde sie ergänzt durch die
andre Hälfte, durch |J36| die gesetzgebende Versammlung. Juni 1848 hatte
die sich constituirende Bourgeois-Republik durch eine unsagbare Schlacht
gegen das Proletariat, Juni 1849 die constituirte Bourgeois-Republik durch
eine unnennbare Comödie mit der Kleinbürgerschaft in das Geburtsregister
der Geschichte eingemeißelt. Juni 1849 war die Nemesis für Juni 1848.
Juni 1849 wurden nicht die Arbeiter besiegt, sondern die Kleinbürger gefällt,
die zwischen ihnen und der Revolution standen. Juni 1849 war nicht die
blutige Tragödie zwischen der Lohnarbeit und dem Capital, sondern das

Karl Marx

Gefängnißreiche und lamentable Schauspiel zwischen dem Schuldner und
dem Gläubiger. Die Partei der Ordnung hatte gesiegt, sie war allmächtig, sie
mußte nun zeigen was sie war. |

Neue Rheinische Zeitung.
Politisch-ökonomische Revue.
H.3, März 1850

I1|III. Folgen des 13. Juni 1849.

Am 20. December hatte der Januskopf der constitutionellen Republik nur 5
noch Ein Gesicht gezeigt, das executive Gesicht mit den verschwimmend
flachen Zügen L. Bonapartes, am 28. Mai 1849 zeigte er sein zweites Gesicht,
das legislative, übersäet von den Narben, welche die Orgien der Restauration
und der Julimonarchie zurückgelassen hatten. Mit der legislativen Nationalversammlung war die Erscheinung der constitutionellen Republik vollendet, 10
d.h. der republikanischen Staatsform, worin die Herrschaft der Bourgeoisklasse constituirt ist, also die gemeinschaftliche Herrschaft der beiden gro-
ßen royalistischen Fractionen, welche die französische Bourgeoisie bilden,
der coalisirten Legitimisten und Orleanisten, der Partei der Ordnung. Während so die französische Republik der Coalition der royalistischen Parteien 15
als Eigenthum anheim fiel, unternahm gleichzeitig die europäische Coalition
der contrerevolutionairen Mächte einen allgemeinen Kreuzzug gegen die
letzten Zufluchtsstätten der Märzrevolutionen. Rußland fiel in Ungarn ein,
Preußen marschirte gegen die Reichsverfassungsarmee und Oudinot bombardirte Rom. Die europäische Krise ging offenbar einem entscheidenden 20
Wendepunkt zu, die Augen von ganz Europa richteten sich auf Paris und die
Augen von ganz Paris auf die legislative Versammlung. |

12 [ Am 11. Juni bestieg Ledru Rollin ihre Tribüne. Er hielt keine Rede,
er formulirte ein Requisitorium gegen die Minister, nackt, prunklos, thatsächlich, concentrirt, gewaltsam. 25

Der Angriff auf Rom ist ein Angriff auf die Constitution, der Angriff auf
die römische Republik ein Angriff auf die französische Republik. Artikel V
der Constitution lautet: „Die französische Republik verwendet ihre Streitkräfte niemals gegen die Freiheit irgend eines Volkes" — und der Präsident
verwendet die französische Armee gegen die römische Freiheit. Artikel 54 30
der Constitution verbietet der executiven Gewalt irgend einen Krieg zu
erklären, ohne die Zustimmung der Nationalversammlung. Der Beschluß der
Constituante vom 8. Mai befiehlt den Ministern ausdrücklich die römische
Expedition schleunigst ihrer ursprünglichen Bestimmung anzupassen, er

Die Klassenkämpfe.in Frankreich 1848 bis 1850. IH. Folgen des 13. Juni 1849

untersagt ihnen also ebenso ausdrücklich den Krieg gegen Rom — und
Oudinot bombardirt Rom. So rief Ledru Rollin die Constitution selbst als
Belastungszeugen gegen Bonaparte und seine Minister auf. Der royalistischen Majorität der Nationalversammlung schleuderte er, der Tribun der
Constitution, die drohende Erklärung zu: „Die Republikaner werden der
Constitution Achtung zu verschaffen wissen, durch alle Mittel, sei es selbst
durch die Gewalt der Waffen!" „Durch die Gewalt der Waf/en/"wiederholte
das hundertfache Echo der Montagne. Die Majorität antwortete mit einem
furchtbaren Tumult, der Präsident der Nationalversammlung rief Ledru

1 o Rollin zur Ordnung, Ledru Rolün wiederholte die herausfordernde Erklärung

und legte schließlich den Antrag auf Versetzung Bonapartes und seiner
Minister in Anklagezustand auf den Präsidententisch nieder. Die Nationalversammlung beschloß mit 361 gegen 203 Stimmen über das Bombardement
Roms zur einfachen Tagesordnung überzugehen.

Glaubte Ledru Rollin die Nationalversammlung durch die Constitution,
den Präsidenten durch die Nationalversammlung schlagen zu können?

Die Constitution untersagte allerdings jeden Angriff auf die Freiheit fremder Völker, aber was die französische Armee zu Rom angriff, das war nach
dem Ministerium nicht die „Freiheit" sondern der „Despotismus der Anarchie". Hatte die Montagne, allen Erfahrungen in der constituirenden
Ver|sammlung zum Trotz, noch immer nicht begriffen, daß die Auslegung
der Constitution nicht denen angehöre, die sie gemacht, sondern nur noch
denen, die sie acceptirt hatten? Daß ihr Wortlaut in ihrem lebensfähigen
Sinne gedeutet werden müsse und daß der Bourgeoissinn ihr einzig lebensf ähiger Sinn sei? Daß Bonaparte und die royalistische Majorität der Nationalversammlung die authentischen Dollmetscher der Constitution waren, wie
der Pfaffe der authentische Dollmetscher der Bibel und der Richter der
authentische Dollmetscher des Gesetzes ist? Sollte die eben frisch aus dem
Schooße der allgemeinen Wahlen hervorgegangene Nationalversammlung
sich durch die testamentarische Verfügung der todten Constituante gebunden fühlen, deren lebendigen Willen ein Odilon Barrot gebrochen hatte?
Indem sich Ledru Rollin auf den Beschluß der Constituante vom 8. Mai
berief, hatte er vergessen, daß dieselbe Constituante am 11. Mai seinen ersten
Antrag auf Versetzung Bonapartes und der Minister in Anklagezustand
verworfen, daß sie den Präsidenten und die Minister frei gesprochen, daß
sie so den Angriff auf Rom als „constitutionell" sanctionirt hatte, daß er nur
Appell einlegte gegen ein schon gefälltes Urtheil, daß er endlich von der
republikanischen Constituante an die royalistische Legislative appellirte?
Die Constitution selbst ruft die Insurrection zur Hülfe, indem sie in einem
besondern Artikel jeden Bürger zu ihrem Schutze aufruft. Ledru Rollin
stützte sich auf diesen Artikel. Aber sind nicht gleichzeitig die öffentlichen

Karl Marx

Gewalten zum Schutze der Constitution organisirt und die Verletzung der
Constitution, beginnt sie nicht erst von dem Augenblicke, wo die eine der
öffentlichen constitutionellen Gewalten gegen die andere rebellirt? Und der
Präsident der Republik, die Minister der Republik, die Nationalversammlung
der Republik befanden sich im harmonischsten Verständniß.

Was die Montagne am 11. Juni versuchte, war „eine Insurrection innerhalb
der Grenzen der reinen Vernunft", d. h. eine rein parlamentarische Insurrection. Die Majorität der Versammlung sollte, durch die Aussicht auf bewaffnete Erhebung der Volksmassen eingeschüchtert, in Bonaparte und den
Ministern ihre eigne Macht und die Bedeutung ihrer eignen Wahl brechen.
Hatte die | Constituante nicht ähnlich versucht, die Wahl Bonapartes zu
cassiren, als sie so hartnäckig auf der Entlassung des Ministeriums Barrot-
Falloux bestand?

Weder fehlte es aus der Zeit des Convents an Vorbildern für parlamentarische Insurrectionen, welche das Verhältniß der Majorität und Minorität
plötzlich von Grund aus umgewälzt hatten, und sollte der jungen Montagne
nicht gelingen, was der alten gelungen war? Noch schienen die augenblicklichen Verhältnisse einem solchen Unternehmen ungünstig. Die Volksaufregung hatte zu Paris einen bedenklichen Höhepunkt erreicht, die Armee
schien ihren Wahlabstimmungen nach der Regierung nicht geneigt, die legislative Majorität selbst war noch zu jung, um sich consolidirt zu haben, und
zudem bestand sie aus alten Herren. Wenn der Montagne eine parlamentarische Insurrection gelang, fiel ihr das Staatsruder unmittelbar zu. Die demokratische Kleinbürgerschaft ihrerseits wünschte, wie immer, nichts sehnlicher, als den Kampf über ihren Häuptern in den Wolken zwischen den
abgeschiedenen Geistern des Parlaments ausgefochten zu sehen. Endlich
erreichten beide, die demokratische Kleinbürgerschaft und ihre Vertreter,
die Montagne, durch eine parlamentarische Insurrection ihren großen
Zweck, die Macht der Bourgeoisie zu brechen, ohne das Proletariat zu
entfesseln, oder anders als in der Perspective erscheinen zu lassen; das
Proletariat wäre benutzt worden, ohne gefährlich zu werden.

Nach dem Votum der Nationalversammlung vom 11. Juni fand eine Zusammenkunft statt zwischen einigen Gliedern der Montagne und Delegirten
der geheimen Arbeitergesellschaften. Letztere drangen darauf, noch an
demselben Abend loszuschlagen. Die Montagne wies diesen Plan entschieden zurück. Sie wollte um keinen Preis die Leitung aus der Hand geben, ihre
Bundesgenossen waren ihr ebenso verdächtig als ihre Gegner und mit Recht.
Die Erinnerung an den Juni 1848 durchwogte lebendiger als je die Reihen
des Pariser Proletariats. Gleichwohl war es an die Allianz mit der Montagne
gekettet. Sie vertrat den größten Theil der Departements, sie übertrieb ihren
Einfluß in der Armee, sie verfügte über den demokratischen Theil der Na-

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. II. Folgen des 13. Juni 1849

tionalgarde, sie hatte die moralische Macht der Boutique hinter sich. | Wider ihren Willen in diesem Augenblick die Insurrection beginnen, das hieß
für das Proletariat, überdem decimirt durch die Cholera, in bedeutender
Masse aus Paris durch die Arbeitslosigkeit verjagt, die Junitage von 1848
nutzlos wiederholen, ohne die Situation, welche zu dem verzweifelten
Kampfe gedrängt hatte. Die proletarischen Delegirten thaten das einzig
Rationelle. Sie verpflichteten die Montagne sich zu compromittiren, d. h. aus
den Grenzen des parlamentarischen Kampfes herauszutreten, für den Fall,
daß ihr Anklageact verworfen würde. Während des ganzen 13. Juni behauptete das Proletariat dieselbe sceptisch beobachtende Stellung und wartete
ein ernstlich engagirtes, unwiderrufliches Handgemenge zwischen der demokratischen Nationalgarde und der Armee ab, um sich dann in den Kampfund
die Revolution über das ihr gesteckte kleinbürgerliche Ziel hinauszustürzen.
Für den Fall des Siegs war die proletarische Commune schon gebildet, die
neben die officielle Regierung treten sollte. Die Pariser Arbeiter hatten
gelernt in der blutigen Schule des Juni 1848.

Am 12.Juni stellte der Minister Lacrosse selbst in der legislativen Versammlung den Antrag, sofort zur Discussion des Anklageacts überzugehen.
Die Regierung hatte während der Nacht alle Vorkehrungen zur Vertheidigung und zum Angriffe getroffen; die Majorität der Nationalversammlung
war entschlossen, die rebellische Minorität auf die Straße hinauszutreiben,
die Minorität selbst konnte nicht mehr zurücktreten, die Würfel waren
gefallen, 377 Stimmen gegen 8 verwarfen den Anklageact, der Berg, der sich
der Abstimmung enthalten hatte, stürzte grollend in die Propagandahallen
der „friedfertigen Demokratie", in die Zeitungsbüreaux der Democratie
pacifique.

Die Entfernung aus dem Parlamentsgebäude brach seine Kraft, wie die
Entfernung von der Erde die Kraft des Anteus brach, ihres Riesensohnes.
Simsons in den Räumen der gesetzgebenden Versammlung, waren sie nur
noch Philister in den Räumen der ,,friedfertigen Demokratie". Eine lange,
geräuschvolle, haltlose Debatte entspann sich. Die Montagne war entschlossen der Constitution Achtung zu erzwingen, mit allen Mitteln, „nur nicht
durch die Gewalt der Waffen". In diesem Entschluß wurde sie unterstützt
durch ein Manifest und ||ö| durch eine Deputation der „Verfassungsfreunde”.
„Freunde der Verfassung", so nannten sich die Trümmer der Coterie des
National, der bourgeois-republikanischen Partei. Während von ihren
übriggebliebenen parlamentarischen Repräsentanten 6 gegen, die andern in's
Gesammt für die Verwerfung des Anklageacts gestimmt hatten, während Cavaignac der Partei der Ordnung seinen Säbel zur Verfügung stellte, ergriff
der größere außerparlamentarische Theil der Coterie gierig den Anlaß aus
seiner politischen Pariastellung herauszutreten und sich in die Reihen der

Karl Marx

demokratischen Partei zu drängen. Erschienen sie nicht als die natürlichen
Schildhalter dieser Partei, die sich unter ihr Schild versteckte, unter ihr Prinzip, unter die Constitution?

Bis Tagesanbruch kreißte der „Berg". Er gebar „eine Proklamation an das
Volk", die am Morgen des 13. Juni in zwei socialistischen Journalen eine
mehr oder minder verschämte Stelle einnahm. Sie erklärte den Präsidenten,
die Minister, die Majorität der gesetzgebenden Versammlung „außerhalb der
Constitution (hors de la constitution) und rief die Nationalgarde, die Armee
und schließlich auch das Volk auf, „sich zu erheben". „Es lebe die Constitution" war die Parole, die sie austheilte, Parole, die nichts andres hieß als
„nieder mit der Revolution!"

Der constitutionellen Proclamation des Berges entsprach am 13. Juni eine
sogenannte friedliche Demonstration der Kleinbürger, d. h. eine Straßenprozession vom chateau d'Eau durch die Boulevards, 30000 Mann, meist
Nationalgarden, unbewaffnet, untermischt mit Mitgliedern der geheimen
Arbeitersectionen, sich hinwälzend unter dem Rufe: „Es lebe die Constitution", mechanisch, eiskalt, mit bösem Gewissen ausgestoßen von den
Mitgliedern des Zuges selbst, vom Echo des Volkes, das auf den Trottoirs
wogte, ironisch zurückgeworfen, statt donnerartig aufzuschwellen. Es fehlte
dem vielstimmigen Gesang die Bruststimme. Und als der Zug vor dem Sitzungsgebäude der „Verfassungsfreunde" vorbeischwankte und auf dem
Giebel des Hauses ein gedungener Verfassungsherold erschien, der mit
seinem Claqueurhut gewaltig die Lüfte durchsägte und aus einer ungeheuren
Lunge das Stichwort „es lebe die Constitution"hageldick auf die Köpfe der
Wallfahrer niederplumpen ließ, schie||7Jnen sie selbst einen Augenblick von
der Komik der Situation überwältigt. Es ist bekannt, wie der Zug, angekommen an der Mündung der rue de la paix in die Boulevards von den Dragonern
und Jägern Changarniers durchaus unparlamentarisch empfangen, in einem
Nu nach allen Seiten hin auseinanderstob und den spärlichen Ruf „zu den
Waffen" nur noch hinter sich warf, damit der parlamentarische Waffenruf
vom 11. Juni sich erfülle.

Die Mehrzahl der in der rue du Hazard versammelten Montagne verlief
sich, als diese gewaltsame Zersprengung der friedlichen Prozession, als
dumpfe Gerüchte vom Morde unbewaffneter Bürger auf den Boulevards,
als der wachsende Straßentumult das Herannahen einer Erneute zu verkünden schienen. Ledru Rollin, an der Spitze einer kleinen Schaar von Deputaten, rettete die Ehre des Berges. Unter dem Schutze der Pariser Artillerie,
die sich im Palais National versammelt hatte, begaben sie sich nach dem
Conservatoire des arts et metiers, wo die 5. und 6. Legion der Nationalgarde
eintreffen sollte. Aber die Montagnards harrten vergeblich auf die 5. und
6. Legion, diese vorsichtigen Nationalgarden ließen ihre Repräsentanten im

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. II. Folgen des 13. Juni 1849

Stich, die Pariser Artillerie selbst verhinderte das Volk Barrikaden auf zuwerfen, ein chaotisches Durcheinander machte jeden Beschluß unmöglich, die
Linientruppen rückten an mit gefälltem Bajonett, ein Theil der Repräsentanten wurde gefangen genommen, ein anderer entkam. So endete der 13. Juni.
Wenn der 23. Juni 1848 die Insurrection des revolutionairen Proletariats,
war der 13. Juni 1849 die Insurrection der demokratischen Kleinbürger, jede
dieser beiden Insurrectionen der klassisch-reine Ausdruck der Klasse, von
der sie getragen wurde.
Nur zu Lyon kam es zu einem hartnäckigen, blutigen Conflict. Hier, wo
sich die industrielle Bourgeoisie und das industrielle Proletariat unvermittelt
gegenüberstehen, wo die Arbeiterbewegung nicht wie in Paris von der allgemeinen Bewegung eingefaßt und bestimmt ist, verlor der 13. Juni im Rückschläge den ursprünglichen Charakter. Wo er sonst in die Provinzen
einschlug, zündete er nicht — ein kalter Blitz. |
 Der 13.Juni schließt die erste Lebensperiode der constitutionellen
Republik, die am 29.Mai 1849 mit dem Zusammentritt der legislativen
Versammlung ihre normale Existenz gewonnen hatte. Die ganze Dauer
dieses Prologs ist erfüllt von dem geräuschvollen Kampfe zwischen der
Partei der Ordnung und der Montagne, zwischen der Bourgeoisie und dem
Kleinbürgerthum, das sich vergebens gegen die Festsetzung der Bourgeoisrepublik sträubt, für welche es selbst in der provisorischen Regierung, in der
Executivcommission ununterbrochen conspirirt, für welche es während der
Junitage sich fanatisch gegen das Proletariat geschlagen hatte. Der 13. Juni
bricht seinen Widerstand und macht die legislative Dictatur der vereinigten
Royalisten zu einem fait accompli. Von diesem Augenblick an ist die Nationalversammlung nur noch ein Wohlfahrtsausschuß der Partei der Ordnung.
Paris hatte den Präsidenten, die Minister und die Majorität der Nationalversammlung in „Anklagezustand" versetzt, sie versetzten Paris in
„Belagerungszustand". Der Berg hatte die Majorität der legislativen Ver-
Sammlung „außerhalb der Constitution" erklärt, wegen Verletzung der
Constitution überantwortete die Majorität den Berg der haute-cour und
proscribirte Alles, was noch Lebenskraft in ihm besaß. Bis auf einen kopfund herzlosen Rumpf wurde er decimirt. Die Minorität war bis zum Versuche
einer parlamentarischen Insurrection fortgegangen, die Majorität erhob
ihren parlamentarischen Despotismus zum Gesetz. Sie decretirte eine neue
Reglementsordnung, welche die Freiheit der Tribüne vernichtet und den
Präsidenten der Nationalversammlung befugt, wegen Verletzung der Ordnung die Repräsentanten mit Censur, mit Geldstrafen, mit Entziehung der
Indemnitätsgelder, mit zeitweiliger Expulsiön, mit dem Carcer zu bestrafen. Ueber den Rumpf des Berges hing sie statt des Schwertes die Ruthe.
Der Rest der Bergdeputirten hätte seiner Ehre geschuldet, in Masse auszutre-

Karl Marx

ten. Durch einen solchen Act wurde die Auflösung der Partei der Ordnung
beschleunigt. Sie mußte in ihre ursprünglichen Bestandtheile zerfallen, von
dem Augenblick, wo auch nicht mehr der Schein eines Gegensatzes sie
zusammenhielt. |

[9] Gleichzeitig mit ihrer parlamentarischen wurden die demokratischen
Kleinbürger ihrer bewaffneten Macht beraubt durch Auflösung der Pariser
Artillerie, wie der 8., 9. und 12. Legion der Nationalgarde. Die Legion der
hohen Finanz dagegen, welche am 13. Juni die Druckereien von Boule und
Roux überfallen, die Pressen zertriimmert, die Büreaux der republikanischen
Journale verwüstet, Redacteure, Setzer, Drucker, Expedienten, Laufburschen willkührlich verhaftet hatte, erhielt von der Tribüne der Nationalversammlung herab ermunternden Zuspruch. Auf der ganzen Oberfläche
von Frankreich wiederholte sich die Auflösung der des Republikanismus
verdächtigen Nationalgarden.

Neues Preßgeserz, neues Associationsgesetz, neues Belagerungszustandsgesetz, die Gefängnisse von Paris überfüllt, die politischen Flüchtlinge
verjagt, alle Journale, die über die Grenzen des National hinausgehen, suspendirt, Lyon und die fünf umliegenden Departements den brutalen Chicanen des Militairdespotismus preißgegeben, die Parketts allgegenwärtig, das
so oft gereinigte Heer der Beamten noch einmal gereinigt — es waren dies
die unvermeidlichen, die stets wiederkehrenden Gemeinplätze der siegreichen Reaktion, nach den Massacres und den Deportationen des Juni nur noch
erwähnenswerth, weil sie diesmal nicht nur gegen Paris, sondern auch gegen
die Departements, nicht nur gegen das Proletariat, sondern vor Allem gegen
die Mittelklassen gerichtet waren.

Die Repressionsgesetze, wodurch die Verhängung des Belagerungszustandes dem Gutachten der Regierung anheimgestellt, die Presse noch fester
geknebelt und das Associationsrecht vernichtet wurde, absorbirten die ganze
legislative Thätigkeit der Nationalversammlung während der Monate Juni,
Juli und August.

Indeß wird diese Epoche charakterisirt nicht durch die thatsächliche,
sondern durch die prinzipielle Ausbeutung des Sieges, nicht durch die
Beschlüsse der Nationalversammlung, sondern durch die Motivirung dieser
Beschlüsse, nicht durch die Sache, sondern durch die Phrase, nicht durch
die Phrase, sondern durch den Accent und die Geste, welche die Phrase
beleben. Das rücksichtslos unverschämte Aussprechen der royalistischen
Gesinnung, der verächtlich vornehme | Insult gegen die Republik, das
kokettirend frivole Ausplaudern der Restaurationszwecke, mit einem Wort,
die renommistische Verletzung des republikanischen Anstandes geben dieser Periode eigenthümlichen Ton und Färbung. Es lebe die Constitution! war
der Schlachtruf der Besiegten des 13. Juni. Die Sieger waren also entbunden

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. IH. Folgen des 13. Juni 1849

von der Heuchelei der constitutionellen, d. h. der republikanischen Sprache.
Die Contrerevolution unterwarf Ungarn, Italien, Deutschland, und sie glaubten die Restauration schon vor den Thoren von Frankreich. Es entspann sich
eine wahre Concurrenz unter den Reigenführern der Ordnungsfractionen,
ihren Royalismus durch den Moniteur zu documentiren und ihre etwaigen
unter der Monarchie begangenen liberalen Sünden zu beichten, zu bereuen,
vor Gott und vor den Menschen abzubitten. Kein Tag verging, ohne daß die
Februarrevolution auf der Tribüne der Nationalversammlung für ein öff entliches Unglück erklärt wurde, ohne daß ein beliebiger legitimistischer Provinzial-Krautjunker feierlich constatirte, die Republik niemals anerkannt zu
haben, ohne daß einer der feigen Ausreißer und Verräther der Julimonarchie
die nachträglichen Heldenthaten erzählte, an deren Vollbringung ihn nur die
Philantropie Louis Philipps oder andre Mißverständnisse verhindert hatten.
Was an den Februartagen zu bewundern, es war nicht die Großmuth des
siegreichen Volks, sondern die Selbstaufopferung und Mäßigung der Royalisten, welche ihm erlaubt hatten zu siegen. Ein Volksrepräsentant schlug vor,
einen Theil der für die Februarverwundeten bestimmten Unterstützungsgelder den Munizipalgarden zuzuwenden, die sich allein an jenen Tagen um das
Vaterland verdient gemacht. Ein anderer wollte dem Herzog von Orleans
eine Reiterstatue auf dem Caroussel-Platz decretirt wissen. Thiers nannte
die Constitution ein schmutziges Stück Papier. Der Reihe nach erschienen
auf der Tribüne Orleanisten, um ihre Conspiration gegen das legitime Königthum zu bereuen, Legitimisten, die sich vorwarfen, durch Auflehnen gegen
das illegitime Königthum den Sturz des Königthums überhaupt beschleunigt,
Thiers, der bereute, gegen Mole, Mole, der bereute gegen Guizot, Barrot, der
bereute gegen alle drei intriguirt zu haben. Der Ruf: „es lebe die socialdemokratische Republik!" wurde für unconstitutionell erklärt; der Ruf: „es
lebe die Republik!" als | social-demokratisch verfolgt. An dem Jahrestage
der Schlacht von Waterloo erklärte ein Repräsentant: „Ich fürchte weniger
die Invasion der Preußen, als den Eintritt der revolutionairen Flüchtlinge in
Frankreich." Den Klagen über den Terrorismus, der in Lyon und in den
benachbarten Departements organisirt sei, antwortete Baraguay d'Hilliers:
„Ich ziehe den blassen Schrecken demrothen Schrecken vor." (J'aime mieux
la terreur blanche que la terreur rouge.) Und die Versammlung klatschte
jedesmal frenetischen Beifall, so oft ein Epigramm gegen die Republik, gegen
die Revolution, gegen die Constitution, für das Königthum, für die heilige
Allianz von den Lippen ihrer Redner fiel. Jede Verletzung der kleinsten
republikanischen Formalitäten, z.B. der Anrede der Repräsentanten mit
„Citoyens" enthusiasmirte die Ritter von der Ordnung.
Die Pariser Nachwahlen vom 8. Juli, vorgenommen unter dem Einfluß des
Belagerungszustandes und der Enthaltung eines großen Theils des Proletari-

Karl Marx

ats von der Stimmurne, die Einnahme Roms durch die französische Armee,
der Einzug der rothen Eminenzen und in ihrem Gefolge die Inquisition und
der Mönchsterrorismus in Rom fügten neue Siege dem Siege vom Juni hinzu
und steigerten den Rausch der Ordnungspartei.

Endlich Mitte August, halb in der Absicht den eben versammelten Departementsräthen beizuwohnen, halb ermüdet von der vielmonatlichen Tendenzorgie, decretirten die Royalisten eine zweimonatliche Vertagung der
Nationalversammlung. Eine Commission von 25 Repräsentanten, die Creme
der Legitimisten und Orleanisten, einen Mole, Changarnier ließen sie mit
durchsichtiger Ironie als Stellvertreter der Nationalversammlung und als
Wächter der Republik zurück. Die Ironie war tiefer als sie ahnten. Sie, von
der Geschichte verurtheilt, das Königthum, das sie liebten, stürzen zu helfen,
waren von ihr bestimmt, die Republik, die sie haßten, zu conserviren.

Mit der Vertagung der legislativen Versammlung schließt die zweite
Lebensperiode der constitutionellen Repubük, ihre royalistische Flegelpériode.

Der Belagerungszustand von Paris war wieder aufgehoben, die Action der
Presse hatte wieder begonnen. Wäh(|l2|rend der Suspension der socialdemokratischen Blätter, während der Periode der Repressivgesetzgebung
und der royalistischen Poltereien republikanisirte sich der ,,Siecle", der alte
literarische Repräsentant der monarchisch-constitutionellen Kleinbürger,
demokratisirte sich die „Presse", der alte literarische Ausdruck der bürgerlichen Reformers, socialisirte sich der „National", das alte classische Organ
der republikanischen Bourgeois.

Die geheimen Gesellschaften wuchsen an Ausdehnung und Intensität in
dem Maße, als die öffentlichen Clubs unmöglich wurden. Die industriellen
Arbeiter-Associationen, als reine Handelscompagnien geduldet, ökonomisch
nichtig, wurden politisch eben so viele Bindemittel des Proletariats. Der
13. Juni hatte den verschiedenen halbrevolutionairen Parteien die officiellen
Köpfe abgeschlagen, die übrigbleibenden Massen gewannen ihren eigenen
Kopf. Die Ordnungsritter hatten mit den geweissagten Schrecken der rothen
Republik eingeschüchtert, die gemeinen Excesse, die hyperboräischen
Gräuel der siegreichen Contre-Revolution in Ungarn, in Baden, in Rom
wuschen die „rotheRepublik"weiß. Und die malcontenten Zwischenklassen
der französischen Gesellschaft begannen die Verheißungen der rothen
Republik mit ihren problematischen Schrecken, den Schrecken der rothen
Monarchie mit ihrer thatsächlichen Hoffnungslosigkeit vorzuziehen. Kein
Socialist machte in Frankreich mehr revolutionaire Propaganda als Haynau.
A chaque capacité selon ses oeuvres!

Unterdessen beutete Louis Bonaparte die Ferien der Nationalversammlung aus, um prinzliche Reisen in den Provinzen zu machen, die heißblütig-

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. II. Folgen des 13. Juni 1849

sten Legitimisten pilgrimten nach Ems zu dem Enkel des heiligen Ludwig
und die Masse der ordnungsfreundlichen Volksrepräsentanten intriguirte in
den Departementsräthen, die eben zusammengekommen waren. Es galt sie
aussprechen zu machen, was die Majorität der Nationalversammlung noch
nicht auszusprechen wagte, den Dringlichkeitsantrag auf unmittelbare Revision der Verfassung. Der Constitution gemäß konnte die Verfassung erst
1852 revidirt werden durch eine eigens zu diesem Behuf e zusammengerufene
Nationalversammlung. Wenn aber die Mehrzahl der Departementsräthe in
diesem Sinne sich | aussprach, mußte die Nationalversammlung nicht der
Stimme Frankreichs die Jungfräulichkeit der Constitution opfern? Die
Nationalversammlung hegte dieselben Hoffnungen von diesen Provinzialver Sammlungen, welche dieNonnen in Voltaires Henriade von den Panduren
hegten. Aber die Potiphars der Nationalversammlung hatten es, einige
Ausnahmen abgerechnet, mit eben so vielen Josephs der Provinzen zu thun.
Die ungeheure Mehrzahl wollte die zudringliche Insinuation nicht verstehen.
Die Revision der Verfassung wurde vereitelt durch die Werkzeuge selbst,
wodurch sie ins Leben gerufen werden sollte, durch die Abstimmungen der
Departementalräthe. Die Stimme Frankreichs, und zwar des bürgerlichen
Frankreichs, hatte gesprochen und hatte gegen die Revision gesprochen.
Anfang Oktober trat die legislative Nationalversammlung wieder zusammen — tantum mutatus ab illo. — Ihre Physiognomie war durchaus verändert.
Die unerwartete Verwerfung der Revision von Seiten der Departementsräthe
hatte sie in die Grenzen der Constitution zurück und auf die Grenzen ihrer
Lebensdauer hingewiesen. Die Orleanisten waren mißtrauisch geworden
durch die Wallfahrten der Legitimisten nach Ems, die Legitimisten hatten
Verdacht geschöpft aus den Verhandlungen der Orleanisten mit London, die
Journale beider Fractionen hatten das Feuer geschürt und die wechselseitigen Ansprüche ihrer Prätendenten abgewogen. Orleanisten und Legitimisten
vereint grollten über die Umtriebe der Bonapartisten, die in den prinzlichen
Reisen hervortraten, in den mehr oder minder durchsichtigen Emancipationsversuchen des Präsidenten, in der anspruchsvollen Sprache der Bonapartistischen Zeitungen; Louis Bonaparte grollte über eine Nationalversammlung, die nur die legitimistisch-orleanistische Conspiration gerecht
erfand, über ein Ministerium, das ihn beständig an diese Nationalversammlung verrieth. Das Ministerium endlich war in sich selbst gespalten über die
römische Politik und über die von dem Minister Passy vorgeschlagene, von
den Conservativen als socialistisch verschrieene Einkommensteuer.
Eine der ersten Vorlagen des Ministeriums Barrot an die wiederversammelte Legislative war eine Creditf orderung von 300 000 Franken zur Zahlung
des Wittwengehaltes der Herzogin von Orleans. Die Nationalversammlung |
 bewilligte und fügte dem Schuldregister der französischen Nation eine

Karl Marx

Summe von 7 Millionen Franken hinzu. Während so Louis Philipp mit Erfolg
die Rolle des „pauvre honteux", des verschämten Bettlers fortspielte, wagte
das Ministerium weder die Gehaltszulage für Bonaparte zu beantragen, noch
schien die Versammlung geneigt, sie zu geben. Und Louis Bonaparte
schwankte wie von jeher im Dilemma: Aut Cäsar aut Clichy!

Die zweite Kreditforderung des Ministers von 9 Millionen Franken für die
Kosten der römischen Expedition vermehrte die Spannung zwischen Bonaparte einerseits und den Ministern und der Nationalversammlung andrerseits. Louis Bonaparte hatte einen Brief an seinen Ordonnanzoffizier Edgar
Ney in den Moniteur eingerückt, worin er die päpstliche Regierung an con stitutionelle Garantieen band. Der Papst seinerseits hatte eine Ansprache
erlassen: „motu proprio", worin er jede Beschränkung der restaurirten
Herrschaft zurückwies. Der Brief Bonapartes lüftete mit absichtlicher Indiscretion den Vorhang seines Cabinets, um sich selbst als wohlwollendes aber
im eignen Hause verkanntes und gefesseltes Genie den Blicken der Gallerie
auszusetzen. Er kokettirte nicht das erste Mal mit den „verstohlenen Flügelschlägen einer freien Seele". Thiers, der Berichterstatter der Commission,
ignorirte vollständig Bonapartes Flügelschlag und begnügte sich, die päpstliche Allocution französisch zu verdolmetschen. Nicht das Ministerium,
sondern Victor Hugo suchte den Präsidenten zu retten durch eine Tagesordnung, worin die Nationalversammlung ihre Zustimmung zu dem Briefe
Napoleons aussprechen sollte. „Allons done! Allons done!" Unter dieser
unehrerbietig leichtfertigen Interjection begrub die Majorität den Antrag
Hugo's. Die Politik des Präsidenten? Der Brief des Präsidenten? Der Präsident selbst? Allons done! Allons done! Wer Teufel nimmt denn Monsieur
Bonaparte au sérieux? Glauben Sie, Monsieur Victor Hugo, daß wir Ihnen
glauben, daß Sie an den Präsidenten glauben? Allons done! Allons done!

Endlich wurde der Bruch zwischen Bonaparte und der Nationalversammlung beschleunigt durch die Discussion über die Rückberufung der Orleans
und Bourbons. In | Ermangelung des Ministeriums hatte der Vetter des
Präsidenten, der Sohn des Exkönigs von Westfalen diesen Antrag gestellt,
der nichts andres bezweckte, als die legitimistischen und orleanistischen
Prätendenten auf gleiche Stufe oder vielmehr unier den Bonapartistischen
Prätendenten herabzudrücken, der wenigstens factisch auf dem Gipfel des
Staats stand.

Napoleon Bonaparte war unehrerbietig genug, die Zurückberufung der
verjagten Königsfamilien und die Amnestie der Juniinsurgenten zu Gliedern
eines und desselben Antrages zu machen. Die Indignation der Majorität
nöthigte ihn sofort, diese frevelhafte Verkettung des Heiligen und des
Verruchten, der Königsracen und der proletarischen Brut, der Fixsterne der
Gesellschaft und ihrer Sumpflichter abzubitten und jedem der beiden An-

Die Klassenkämpfe In Frankreich 1848 bis 1850. IH. Folgen des 13. Juni 1849

träge den ihm gebührenden Rang anzuweisen. Energisch stieß sie die Zurückrufung der königlichen Familie zurück und Berryer, der Demosthenes der
Legitimisten ließ keinen Zweifel über den Sinn dieses Votums. Die bürgerliche Degradation der Prätendenten, das ist es, was man bezweckt! Man will
sie des Heiligenscheins berauben, der letzten Majestät, die ihnen geblieben
ist, der Majestät des Exils! Was, rief Berryer aus, würde man von dem unter
den Prätendenten denken, der seinen erlauchten Ursprung vergessend, hierher käme, um als einfacher Privatmann zu leben! Deutlicher konnte dem
Louis Bonaparte nicht gesagt werden, daß er durch seine Gegenwart nicht
gewonnen hatte, daß, wenn die coalisirten Royalisten ihn hier in Frankreich
als neutralen Mann auf dem Präsidentenstuhl brauchten, die ernsthaften
Kronprätendenten durch die Nebel des Exils den profanen Blicken entrückt
bleiben mußten.

Am 1. November antwortete Louis Bonaparte der legislativen Versamm-

lung durch eine Botschaft welche in ziemlich barschen Worten die Entlassung des Ministeriums Barrot und die Bildung eines neuen Ministeriums
anzeigte. Das Ministerium Barrot-Falloux war das Ministerium der royalistischen Coalition, das Ministerium d'Hautpoul war das Ministerium Bonapartes, das Organ des Präsidenten gegenüber der legislativen Versammlung, das
Ministerium der Commis. \

 Bonaparte war nicht mehr der blos neutrale Mann des 10. Decembers 1848. Der Besitz der executiven Gewalt hatte eine Anzahl von Interessen um ihn gruppirt, der Kampf mit der Anarchie zwang die Partei der
Ordnung selbst seinen Einfluß zu vermehren und wenn er nicht mehr populair war, war sie unpopulair. Die Orleanisten und Legitimisten, konnte er
nicht hoffen durch ihre Rivalität wie durch die Nothwendigkeit irgend einer
monarchischen Restauration sie zur Anerkennung des neutralen Prätendenten zu zwingen?

Vom 1. November 1849 datirt die dritte Lebensperiode der constitutionellen Republik, Periode, die mit dem 10. März 1850 schließt. Nicht nur beginnt
das regelmäßige Spiel der constitutionellen Institutionen, das Guizot so sehr
bewundert, der Krakehl zwischen der executiven und gesetzgebenden
Gewalt. Den Restaurationsgelüsten der vereinigten Orleanisten und Legitimisten gegenüber vertritt Bonaparte den Titel seiner tatsächlichen Macht,
die Republik, den Restaurationsgelüsten Bonapartes gegenüber vertritt die
Partei der Ordnung den Titel ihrer gemeinsamen Herrschaft, die Republik;
den Orleanisten gegenüber vertreten die Legitimisten, den Legitimisten
gegenüber vertreten die Orleanisten den Status quo, die Republik. Alle diese
Fractionen der Ordnungspartei, deren jede ihren eignen König und ihre eigne
Restauration in petto hat, machen wechselseitig den Usurpations- und Erhebungsgelüsten ihrer Rivalen gegenüber, die gemeinsame Herrschaft der

Karl Marx

Bourgeoisie, die Form geltend, worin die besondern Ansprüche neutralisirt
und vorbehalten bleiben — die Republik.

Wie Kant die Republik als einzig rationelle Staatsform zu einem Postulat
der praktischen Vernunft macht, deren Verwirklichung nie erreicht wird,
deren Erreichung aber stets als Ziel angestrebt und in der Gesinnung festgehalten werden muß, so diese Royalisten das Königthum.

So wurde die constitutionelle Republik, als hohle ideologische Formel aus
den Händen der Bourgeois-Republikaner hervorgegangen, in den Händen
der coalisirten Royalisten zur inhaltsvollen lebendigen Form. Und Thiers
sprach wahrer als er ahnt, wenn er sagte: „Wir, die Royalisten, sind die
wahren Stützen der constitutionellen Republik." |

 Der Sturz des Ministeriums der Coalition, das Erscheinen des Ministeriums der Commis hat eine zweite Bedeutung. Sein Finanzminister hieß
Fould. Fould Finanzminister, das ist die officielle Preißgebung des französischen Nationalreichthums an die Börse, die Verwaltung des Staatsvermögens durch die Börse und im Interesse der Börse. Mit der Ernennung Foulds
zeigte die Finanzaristokratie ihre Restauration im Moniteur an. Diese
Restauration ergänzte nothwendig die übrigen Restaurationen, die eben so
viele Ringe an der Kette der constitutionellen Republik bilden.

Louis Philipp hatte nie gewagt einen wirklichen Loup-Cervier zum Finanzminister zu machen. Wie sein Königthum der ideale Name für die Herrschaft
der hohen Bourgeoisie war, mußten in seinen Ministerien die privilegirten
Interessen ideologisch-uninteressirte Namen tragen. Die Bourgeois-Republik trieb überall in den Vordergrund, was die verschiedenen Monarchien,
die legitimistische wie die orleanistische, im Hintergrund versteckt hielten.
Sie verirdischte, was jene verhimmelt hatten. An die Stelle der Heiligennamen setzte sie die bürgerlichen Eigennamen der herrschenden Klasseninteressen.

Unsre ganze Darstellung hat gezeigt, wie die Republik vom ersten Tage
ihres Bestehens an, die Finanzaristokratie nicht stürzte, sondern befestigte.
Aber die Concessionen, die man ihr machte, waren ein Schicksal, dem man
sich unterwarf ohne es herbeiführen zu wollen. Mit Fould fiel die Regierungsinitiative an die Finanzaristokratie zurück.

Man wird fragen, wie die coalisirte Bourgeoisie die Herrschaft der Finanz
ertragen und dulden konnte, die unter Louis Philipp auf der Ausschließung
oder Unterordnung der übrigen Bourgeoisfractionen beruhte?

Die Antwort ist einfach.

Zunächst bildet die Finanzaristokratie selbst einen maaßgebend gewichtigen Theil der royalistischen Coalition, deren gemeinsame Regierungsgewalt
Republik heißt. Sind nicht die Wortführer und Capacitäten der Orleanisten
die alten Verbündeten und Mitschuldigen der Finanzaristokratie? Ist sie

if

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. IH. Folgen des 13. Juni 1849

selbst nicht die goldne Phalanx des Orleanismus? Was die Legitimisten

betrifft, schon unter Louis Philipp hatten sie sich praktisch an allen Orgien

der Börsen-, Minen- und Eisenbahn-Speculationen betheiligt. Ueberhaupt

ist die Verbin II 18|dung des großen Grundeigenthums mit der hohen Finanz
ein normales Factum. Beweis: England, Beweis: selbst Oesterreich.

In einem Lande wie Frankreich, wo die Größe der nationalen Production
in unverhältnißmäßig untergeordnetem Maaße zur Größe der Nationalschuld
steht, wo die Staatsrente den bedeutendsten Gegenstand der Spéculation und
die Börse den Hauptmarkt für die Anlegung des Capitals büdet, das sich auf

eine unproductive Weise verwerthen will, in einem solchen Land muß eine

zahllose Masse von Leuten aus allen bürgerlichen oder halbbürgerlichen
Klassen an der Staatsschuld, am Börsenspiel, an der Finanz betheiligt sein.
Alle diese subaltern Betheiligten, finden sie nicht ihre natürlichen Stützen
und Befehlshaber in der Fraction, die dies Interesse in den colossalsten
Umrissen, die es im Großen und Ganzen vertritt?

Das Heimfallen des Staatsvermögens an die hohe Finanz, wodurch ist es
bedingt? Durch die beständig anwachsende Verschuldung des Staats. Und
die Verschuldung des Staats? Durch das beständige Uebergewicht seiner
Ausgaben über seine Einnahmen, ein Mißverhältniß, welches zugleich die

Ursache und die Wirkung des Systems der Staatsanleihen ist.

Um dieser Verschuldung zu entgehen, muß der Staat entweder seine
Ausgaben einschränken, d.h. den Regierungsorganismus vereinfachen,
verkürzen, möglichst wenig regieren, möglichst wenig Personal beschäftigen,
möglichst wenig in Beziehung zur bürgerlichen Gesellschaft treten. Dieser
Weg war unmöglich für die Partei der Ordnung, deren Repressionsmittel,
deren officielle Einmischung von Staatswegen, deren allseitige Gegenwart
durch Staatsorgane in demselben Maaße zunehmen mußten, als ihre Herrschaft und die Lebensbedingungen ihrer Klasse vielseitiger bedroht wurden.
Man kann die Gensd'armerie nicht in demselben Maaß vermindern, als die

Angriffe auf Personen und Eigenthum sich vermehren.

Oder der Staat muß die Schulden zu umgehen suchen und ein augenblickliches aber vorübergehendes Gleichgewicht in dem Budget hervorbringen
dadurch, daß er außerordentliche Steuern auf die Schultern der reichsten
Klassen |jl9| wälzt. Um den National-Reichthum der Börsenexploitation zu
entziehen, sollte die Partei der Ordnung ihren eignen Reichthum auf dem
Altare des Vaterlandes opfern? Pas si béte!

Also ohne gänzliche Umwälzung des französischen Staats, keine Umwälzung des französischen Staatshaushaltes. Mit diesem Staatshaushalt
nothwendig die Staatsverschuldung, und mit der Staatsverschuldung
nothwendig die Herrschaft des Staatsschuldenhandels, der Staatsgläubiger,
der Bankiers, der Geldhändler, der Börsenwölfe. Nur Eine Fraction der

Karl Marx

Ordnungspartei war direct am Sturze der Finanzaristokratie betheiligt, die
Fabrikanten. Wir sprechen nicht von den mittleren, von den kleineren Industriellen, wir sprechen von den Regenten des Fabrikinteresses, die unter
Louis Philipp die breite Basis der dynastischen Opposition gebildet hatten.
Ihr Interesse ist unzweifelhaft Verminderung der Productionskosten, also
Verminderung der Steuern, die in die Production, also Verminderung der
Staatsschulden, deren Zinsen in die Steuern eingehen, also Sturz der Finanzaristokratie.

In England — und die größten französischen Fabrikanten sind Kleinbürger
gegen ihre englischen Rivalen — finden wir wirklich die Fabrikanten, einen
Cobden, einen Bright, an der Spitze des Kreuzzugs gegen die Bank und die
Börsenaristokratie. Warum nicht in Frankreich? In England herrscht die
Industrie, in Frankreich die Agricultur vor. In England bedarf die Industrie
des free trade, in Frankreich des Schutzzolls, des nationalen Monopols neben
den andern Monopolen. Die französische Industrie beherrscht nicht die
französische Production, die französischen Industriellen beherrschen daher
nicht die französische Bourgeoisie. Um ihr Interesse gegen die übrigen
Fractionen der Bourgeoisie durchzusetzen, können sie nicht wie die Engländer an die Spitze der Bewegung treten und gleichzeitig ihr Klasseninteresse
auf die Spitze treiben, sie müssen in das Gefolge der Revolution treten und
Interessen dienen, die den Gesammtinteressen ihrer Klasse entgegenstehen.
Im Februar hatten sie ihre Stellung verkannt, der Februar witzigte sie. Und
wer ist directer bedroht von den Arbeitern, als der Arbeitgeber, der industrielle Capitalist? Der Fabrikant wurde daher nothwendig in Frank|reich
zum fanatischsten Gliede der Ordnungspartei. Die Schmälerung seines Profits durch die Finanz, was ist sie gegen die Aufhebung des Profits durch das
Proletariat?

In Frankreich thut der Kleinbürger was normaler Weise der industrielle
Bourgeois thun müßte; der Arbeiter thut, was normaler Weise die Aufgabe
des Kleinbürgers wäre, und die Aufgabe des Arbeiters, wer löst sie? Niemand. Sie wird nicht in Frankreich gelöst, sie wird in Frankreich proclamirt.
Sie wird nirgendwo gelöst innerhalb der nationalen Wände, der Klassenkrieg
innerhalb der französischen Gesellschaft schlägt um in einen Weltkrieg,
worin sich die Nationen gegenübertreten. Die Lösung, sie beginnt erstin dem
Augenblick, wo durch den Weltkrieg das Proletariat an die Spitze des Volks
getrieben wird, das den Weltmarkt beherrscht, an die Spitze Englands. Die
Revolution, die hier nicht ihr Ende, sondern ihren organisatorischen Anfang
findet, ist keine kurzathmige Revolution. Das jetzige Geschlecht gleicht den
Juden, die Moses durch die Wüste führt. Es hat nicht nur eine neue Welt
zu erobern, es muß untergehen, um den Menschen Platz zu machen, die einer
neuen Welt gewachsen sind. Kommen wir auf Fould zurück.

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. IH. Folgen des 13. Juni 1849

Am 14. November 1849 bestieg Fould die Tribüne der Nationalversammlung und setzte sein Finanzsystem auseinander: Apologie des alten Steuersystems! Beibehaltung der Weinsteuer! Zurückziehen der Einkommensteuer
Passy's!

Auch Passy war kein Revolutionair, er war ein alter Minister Louis Philipps. Er gehörte zu den Puritanern von der Force Dufaure's und zu den
intimsten Vertrauten Teste's, des Siindenbocks der Julimonarchie. Auch
Passy hatte das alte Steuersystem gelobt, die Beibehaltung der Weinsteuer
empfohlen, aber er hatte gleichzeitig den Schleier vom Staatsdeficit weggerissen. Er hatte die Nothwendigkeit einer neuen Steuer, der Einkommensteuer erklärt, wolle man nicht den Staatsbankerott. Fould, der Ledru
Rollin den Staatsbankerott empfahl, empfahl der Legislativen das Staatsdeficit. Er versprach Ersparungen, deren Geheimniß sich später dahin enthüllte, daß sich z.B. die Ausgaben um 60 Millionen verminderten und die
schwebende Schuld sich um 200 Millionen vermehrte, — Taschenspielerkünste in der Gruppirung der j Zahlen, in der Auf Stellung der Rechnungsablage, die alle schließlich auf neue Anleihen hinauslaufen.

Unter Fould neben den übrigen eifersüchtigen Bourgeoisfractionen, trat
die Finanzaristokratie natürlich nicht so schamlos corrupt auf, wie unter
Louis Philipp. Aber einmal war das System dasselbe, stete Vermehrung der
Schulden, Verkleidung des Deficits. Und bei und bei trat die alte Börsenschwindelei unverhüllter hervor. Beweis: das Gesetz über die Eisenbahn von
Avignon, die mysteriösen Schwankungen der Staatspapiere, einen Augenblick das Tagesgespräch von ganz Paris, endlich die mißglückten Speculationen Foulds und Bonapartes auf die Wahlen vom 10. März.

Mit der officiellen Restauration der Finanzaristokratie mußte das französische Volk bald wieder vor einem 24. Februar ankommen.

Die Constituante, in einem Anfall von Misanthropie gegen ihre Erbin, hatte
die Weinsteuer abgeschafft für das Jahr des Herrn 1850. Mit der Abschaffung

alter Steuern konnten neue Schulden nicht bezahlt werden. Creton, ein
Cretin der Ordnungspartei, hatte die Beibehaltung der Weinsteuer schon vor
Vertagung der legislativen Versammlung beantragt. Fould nahm diesen
Antrag auf, im Namen des Bonapartistischen Ministeriums, und am 20. December 1849, am Jahrestage der Proclamation Bonapartes zum Präsidenten,
decretirte die Nationalversammlung die Restauration der Weinsteuer.

Der Vorredner dieser Restauration war kein Finanzier, es war der Jesuitenchef Montalembert. Seine Deduction war schlagend einfach: Die
Steuer, das ist die Mutterbrust, woran sich die Regierung stillt. Die Regierung, das sind die Werkzeuge der Repression, das sind die Organe der
Autorität, das ist die Armee, das ist die Polizei, das sind die Beamten, die
Richter, die Minister, das sind die Priester. Der Angriff auf die Steuer, das

Karl Marx

ist der Angriff der Anarchisten auf die Schildwachen der Ordnung, die die
materielle und geistige Production der bürgerlichen Gesellschaft vor den
Eingriffen der proletarischen Vandalen beschützen. Die Steuer, das ist der
fünfte Gott, neben dem Eigenthum, der Familie, der Ordnung und der
Religion. Und die Weinsteuer ist unstreitig eine Steuer, und zudem keine |
 gewöhnliche, sondern eine altherkömmliche, eine monarchisch gesinnte, eine respectable Steuer. Vive l'impôt des boissons! Three cheers and one
more.

Der französische Bauer, wenn er sich den Teufel an die Wand malt, malt
ihn unter der Gestalt des Steuerexecutors. Von dem Augenblick an, wo
Montalembert die Steuer zum Gott erhob, wurde der Bauer gottlos, Atheist
und warf sich dem Teufel in die Arme, dem Socialisants. Die Religion der
Ordnung hatte ihn verscherzt, die Jesuiten hatten ihn verscherzt, Bonaparte
hatte ihn verscherzt. Der 20. December 1849 hatte den 20. December 1848
unwiderruflich comprommittirt. Der „Neffe seines Onkels" war nicht der
Erste seiner Familie, den die Weinsteuer schlug, diese Steuer, die nach dem
Ausdruck Montalemberts das Revolutionsunwetter wittert. Der wirkliche,
der große Napoleon erklärte auf St. Helena, daß die Wiedereinführung der
Weinsteuer mehr zu seinem Sturze beigetragen, als Alles andre, indem sie
ihm die Bauern Südfrankreichs entfremdet habe. Schon unter Louis XIV.
die Favoritin des Volkshasses (siehe die Schriften von Boisguillebert und
Vauban) — von der ersten Revolution abgeschafft, hatte Napoleon sie 1808
unter modificirter Form wieder eingeführt. Als die Restauration in
Frankreich einzog, trabten vor ihr her nicht allein die Kosaken, sondern auch
die Verheißungen von der Abschaffung der Weinsteuer. Die gentilhommerie
brauchte natürlich den gens taillable 4 merci et miséricorde nicht Wort zu
halten. 1830 versprach die Abschaffung der Weinsteuer. Es war nicht seine
Art zu thun, was es sagte, und zu sagen was es that. 1848 versprach die
Abschaffung der Weinsteuer, wie es Alles versprach. Die Constituante
endlich, die Nichts versprach, machte, wie erwähnt, eine testamentarische
Verfügung, wonach die Weinsteuer am 1. Januar 1850 verschwinden sollte.
Und gerade 10 Tage vor dem 1. Januar 1850 führte die Legislative sie wieder
ein, so daß das französische Volk ihr beständig nachjagte und wenn es sie
zur Thüre hinausgeworfen hatte, sie durch das Fenster wieder hereinkommen sah.

Der populaire Haß gegen die Weinsteuer erklärt sich daraus, daß sie alle
Gehässigkeiten des französischen Steuersystems in sich vereinigt. Die Weise
ihrer Erhebung ist gehässig, die Weise ihrer Vertheilung ist aristokratisch,
denn | die Steuerprocente sind dieselben für die gewöhnlichsten, wie für
die kostbarsten Weine. Sie nimmt also in geometrischem Verhältniß zu, wie
das Vermögen der Consumenten abnimmt, eine umgekehrte Progressiv-

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. IH. Folgen des 13.Juni 1849

Steuer. Sie provocirt daher direct die Vergiftung der arbeitenden Klassen als
Prämie auf verfälschte und nachgemachte Weine. Sie vermindert die Consumtion, indem sie an den Thoren aller Städte über 4000 Einwohner Octrois
errichtet und jede Stadt in ein fremdes Land mit Schutzzöllen gegen den
französischen Wein verwandelt. Die großen Weinhändler, noch mehr aber
die kleinen, die marchands de vins, die Weinschenken, deren Erwerb von
dem Consum des Weins unmittelbar abhängt, sind eben so viele erklärte
Gegner der Weinsteuer. Und endlich, indem sie den Consum vermindert,
schneidet die Weinsteuer der Production den Absatzmarkt ab. Während sie
die städtischen Arbeiter unfähig macht, den Wein zu bezahlen, macht sie die
Weinbauern unfähig, ihn zu verkaufen. Und Frankreich zählt eine weinbauende Bevölkerung von ungefähr 12 Millionen. Man begreift daher den Haß
des Volks im Allgemeinen, man begreift namentlich den Fanatismus der
Bauern gegen die Weinsteuer. Und zudem sahen sie in ihrer Restauration
kein vereinzeltes, mehr oder minder zufälliges Ereigniß. Die Bauern haben
eine eigne Art historischer Ueberlieferung, die vom Vater auf den Sohn
vererbt, und in dieser historischen Schule munkelte es, daß jede Regierung,
so lange sie die Bauern betrügen will, die Abschaffung der Weinsteuer
verspricht, und sobald sie die Bauern betrogen hat, die Weinsteuer beibehält
oder wieder einführt. An der Weinsteuer erprobt der Bauer das Bouquet der
Regierung, ihre Tendenz. Die Restauration der Weinsteuer am 20. December
hieß: Louis Bonaparte ist wie die Andern; aber er war nicht wie die Andern,
er war eine Bauernerfindung, und in den Millionen Unterschriften zählenden
Petitionen gegen die Weinsteuer nahmen sie die Stimmen zurück, die sie ein
Jahr vorher „dem Neffen seines Onkels" gegeben hatten.

Die Landbevölkerung, über zwei Drittheile der französischen Gesammtbevölkerung, besteht größtentheils aus s. g. freien Grundeigenthümern. Die
erste Generation, durch die Revolution von 1789 unentgeldlich von den
Feudallasten befreit, hatte | keinen Preis für die Erde gezahlt. Aber die

folgenden Generationen zahlten unter der Gestalt des Bodenpreises, was ihre
halbleibeigenen Vorfahren unter der Form der Rente, der Zehnten, der
Frohndienste u. s.w. gezahlt hatten. Je mehr einerseits die Bevölkerung
wuchs, je mehr andererseits die Theilung der Erde stieg — um so theurer
wurde der Preis der Parzelle, denn mit ihrer Kleinheit nahm der Umfang der

Nachfrage für sie zu. In dem Verhältniß aber, worin der Preis stieg, den der
Bauer für die Parzelle zahlte, sei es, daß er sie direkt kaufte, oder daß er sie
von seinen Miterben sich als Capital anrechnen ließ, in demselben Verhältnisse stieg nothwendig die Verschuldung des Bauern d.h. die Hypothek.
Der auf dem Grund und Boden haftende Schuldtitel heißt nämlich Aypothek, Pfandzettel auf den Grund und Boden. Wie auf dem mittelaltrigen
Grundstücke die Privilegien, accumuliren sich auf der modernen Parzelle die

Karl Marx

Hypotheken. Andrerseits: In dem Regime der Parzellirung ist die Erde für
ihren Eigenthümer ein reines Productionsinstrument. In demselben Maaße
nun, worin der Grund und Boden getheilt wird, nimmt seine Fruchtbarkeit
ab. Die Anwendung der Maschinerie auf Grund und Boden, die Theilung der
Arbeit, die großen Veredlungsmittel der Erde, wie Anlegung von Abzugsund Bewässerungskanälen u. dgl. werden mehr und mehr unmöglich, während die falschen Kosten der Bebauung in demselben Verhältnisse wachsen
wie die Theilung des Productionsinstruments selbst. Alles dieß, abgesehn
davon, ob der Besitzer der Parzelle Kapital besitzt oder nicht. Aber je mehr
die Theilung steigt, um so mehr bildet das Grundstück mit dem allerjämmerlichsten Inventarium das ganze Kapital des Parzellenbauers, um so mehr fällt
die Kapitalanlage auf Grund und Boden weg, um so mehr fehlen dem
Kothsassen Erde, Geld und Bildung, um die Fortschritte der Agronomie
anzuwenden, um so mehr macht die Bodenbebauung Rückschritte. Endlich
vermindert sich der Reinertrag in demselben Verhältniß als der Bruttocon-

sum wächst, als die ganze Familie des Bauern durch ihren Besitz von andern
Beschäftigungen zurückgehalten wird und doch nicht befähigt ist von ihm
zu leben.

In demselben Maaße also, worin die Bevölkerung und mit ihr die Theilung
des Grund und Bodens zunimmt, in |]25| demselben Maaße vertheuert sich
das Productionsinstrument, die Erde, und nimmt ihre Fruchtbarkeit ab, in
demselben Maaße verfällt der Ackerbau und verschuldet sich der Bauer. Und
was Wirkung war wird seinerseits zur Ursache. Jede Generation läßt die
andre verschuldeter zurück, jede neue Generation beginnt unter ungünstigeren und erschwerenderen Bedingungen, die Hypothecirung erzeugt die
Hypothecirung, und wenn es dem Bauer unmöglich wird in seiner Parzelle
ein Unterpfand für neue Schulden zu bieten, d. h. sie mit neuen Hypotheken
zu belasten, verfällt er direct dem Wucher, um so enormer werden die Wucherzinsen.

So kam es, daß der französische Bauer unter der Form von Zinsen für die
auf der Erde haftenden Hypotheken, unter der Form von Zinsen für nicht
verhypothecirte Vorschüsse des Wuchers, nicht nur eine Grundrente, nicht
nur den industriellen Profit, mit einem Wort nicht nur denganzen Reingewinn
an den Kapitalisten abtritt, sondern selbst einen Theil des Arbeitslohns, daß
er also auf die Stufe des irischen Pächters herabsank — und alles unter dem
Vorwande Privateigentümer zu sein.

Dieser Prozeß wurde in Frankreich beschleunigt durch die stets
wachsende Steuerlast und durch die Gerichtskosten, theils direct hervorgerufen durch die Formalitäten selbst, womit die französische Gesetzgebung
das Grundeigenthum umgiebt, theils durch die unzähligen Conflicte der
überall sich begrenzenden und durchkreuzenden Parzellen, theils durch die

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. IH. Folgen des 13. Juni 1849

Prozeßwuth der Bauern, deren Eigenthumsgenuß sich auf die fanatische
Geltendmachung des vorgestellten Eigenthums, des Eigenthumsrechts
beschränkt.

Nach einer statistischen Aufstellung von 1840 betrug das Bruttoproduct
des französischen Grund und Bodens 5 237178 000 Frcs. Es gehn hiervon ab
3 552 000 000 Frcs. für Kosten der Bearbeitung, eingeschlossen den Consum
der arbeitenden Menschen. Bleibt ein Nettoproduct von 1685 178000 Fr.,
wovon 550 Millionen für Hypothekenzinsen, 100 Millionen für Justizbeamte,
350 Millionen für Steuern und 107 Millionen für Einschreibungsgeld, Stempelgeld, Hypothecirungsgebühren u. s. w. abzuziehn. Bleibt der dritte Theil
des Rohproducts 578 178000; auf den Kopf der Bevölkerung | vertheilt,
noch nicht 25 Frcs. Nettoproduct. In dieser Rechnung findet natürlich weder
der außerhypothekarische Wucher sich aufgeführt, noch die Kosten für
Advocaten u. s. w.

Man begreift die Lage der französischen Bauern, als die Republik ihren

alten Lasten noch neue hinzugefügt hatte. Man sieht, daß ihre Exploitation
von der Exploitation des industriellen Proletariats sich nur durch die Form
unterscheidet. Der Exploiteur ist derselbe: das Capital. Die einzelnen Capitalisten exploitiren die einzelnen Bauern durch die Hypotheke und den Wueher, die Capitalistenklasse exploitirt die Bauernklasse durch die Staatssteuer. Der Eigenthumstitel der Bauern ist der Talisman, womit das Capital
ihn bisher bannte, der Vorwand, unter dem es ihn gegen das industrielle
Proletariat aufhetzte. Nur der Fall des Capitals kann den Bauern steigen
machen, nur eine anticapitalistische, eine proletarische Regierung kann sein
ökonomisches Elend, seine gesellschaftliche Degradation brechen. Die constitutionelle Republik, das ist die Dictatur seiner vereinigten Exploiteurs, die
social-demokratische, die rothe Republik, das ist die Dictatur seiner Verbündeten. Und die Wage steigt oder fällt, je nach den Stimmen, welche der Bauer
in die Wahlurne wirft. Er selbst hat über sein Schicksal zu entscheiden. —
So sprachen die Socialisten in Pamphlets, in Almanachs, in Kalendern, in
Flugschriften aller Art. Verständlicher wurde ihm diese Sprache durch die
Gegenschriften der Partei der Ordnung, die sich ihrerseits an ihn wandte und
durch die grobe Uebertreibung, durch die brutale Auffassung und Darstellung der Absichten und Ideen der Socialisten den wahren Bauernton traf,
und seine Lüsternheit nach der verbotenen Frucht überreizte. Am verständlichsten aber sprachen die Erfahrungen selbst welche die Bauernklasse von
dem Gebrauch des Stimmrechts gemacht hatte, und die in revolutionairer
Hast, Schlag auf Schlag ihn überstürzenden Enttäuschungen. Die Revolutionen sind die Locomotiven der Geschichte.

Die allmälige Umwälzung der Bauern trat in verschiedenen Symptomen
hervor. Sie zeigte sich schon in den Wahlen zur legislativen Versammlung,

Karl Marx

sie zeigte sich in dem Belagerungszustand der fünf Lyon begrenzenden
Departements, sie zeigte sich einige Monate nach dem 13. Juni in der Wahl |

eines Montagnards an der Stelle des ehemaligen Präsidenten der chambre introuvable durch das Departement der Gironde, sie zeigte sich am
20. December 1849 in der Wahl eines Rothen an die Stelle eines verstorbenen
legitimistischen Deputirten im Departement du Gard, diesem gelobten Lande
der Legitimisten, der Scene der furchtbarsten Schandthaten gegen die
Republikaner 1794 und 1795, dem Centraisitz der terreur blanche, von 1815,
wo Liberale und Protestanten öffentlich gemordet wurden. Diese Revolutionirung der stationairsten Classe tritt am augenscheinlichsten hervor
nach der Wiedereinführung der Weinsteuer. Die Regierungsmaaßregeln und
Gesetze während des Januars und Februars 1850 sind fast ausschließlich
gegen die Departemente und die Bauern gerichtet. Schlagendster Beweis
ihres Fortschritts.

Circular Hautpoul's, wodurch der Gensdarm zum Inquisitoren des Präf ec- 15

ten, des Unterpräfecten und vor Allem des maire ernannt, wodurch die
Spionage bis in die Schlupfwinkel der entlegensten Dorfgemeinde organisirt
wurde, Gesetz gegen die Schulmeister, wodurch sie, die Capacitäten, die
Wortführer, die Erzieher und die Dollmetscher der Bauernklasse der Willkühr der Präfecten unterworfen, sie, die Proletarier der Gelehrtenklasse,
gleich gehetztem Wild aus einer Gemeinde in die andre gejagt wurden, Gesetzesvorschlag gegen die Makes, wodurch das Damokles-Schwert der Absetzung über ihre Häupter verhängt und sie, die Präsidenten der Bauerngemeinden jeden Augenblick dem Präsidenten der Republik und der Ordnungspartei
gegenüber gestellt wurden, die Ordonnanz, welche die 17 Militair-Divisionen
Frankreichs in vier Paschaliks verwandelte und die Caserne und das Bivouak
den Franzosen als Nationalsalon octroyirte, das Unterrichtsgesetz, wodurch
die Ordnungspartei die Bewußtlosigkeit und die gewaltsame Verdummung
Frankreichs als ihre Lebensbedingung unter dem Regime des allgemeinen
Wahlrechts proclamirte — was waren alle diese Gesetze und Maaßregeln?
Verzweifelte Versuche, die Departemente und die Bauern der Departemente
der Partei der Ordnung wieder zu erobern.

Als Repression betrachtet jämmerliche Mittel, die ihrem eignen Zweck
den Hals umdrehten. Die großen Maaßregeln, wie die Beibehaltung der Weinsteuer, der 45 Centimes28|mes-Steuer, die höhnische Verwerfung der Bauern-
Petitionen um Rückzahlung der Milliarde u.s.w., alle diese gesetzgeberischen Donnerschläge trafen die Bauernklasse nur einmal, im Großen, vom
Centraisitz aus, die angeführten Gesetze und Maaßregeln machten den
Angriff und den Widerstand allgemein, zum Tagesgespräch jeder Hütte, sie
inoculirten die Revolution jedem Dorf, sie lokahsirten und verbauerten die
Revolution.

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. II. Folgen des 13. Juni 1849

Andrerseits, beweisen nicht diese Vorschläge Bonapartes, ihre Annahme
von der Nationalversammlung, die Einigkeit der beiden Gewalten der konstitutionellen Republik soweit es sich um Repression der Anarchie handelt,
d.h. aller Klassen, die sich gegen die Bourgeoisdictatur auflehnen? Hatte

Soulouque nicht gleich nach seiner barschen Botschaft die Legislative seines

Devouements für die Ordnung versichert durch die unmittelbar nachfolgende Botschaft Carliers, dieser schmutziggemeinen Carricatur Fouché's,
wie Louis Bonaparte selbst die plattgedrückte Carricatur Napoleons war?

Das Unterrichtsgesetz zeigt uns die Allianz der jungen Katholiken und der

alten Voltairianer. Die Herrschaft der vereinigten Bourgeois, Konnte sie
etwas andres sein als der koalisirte Despotismus der Jesuitenfreundlichen
Restauration und der freigeistigthuenden Julimonarchie? Die Waffen, welche die eine Bourgeoisfraktion gegen die andre unter das Volk vertheilt hatte
in ihrem wechselseitigen Ringen um die Oberherrschaft, mußten sie dem
Volke nicht wieder entrissen werden, seit dem es ihrer vereinigten Dictatur

gegenüberstand? Nichts hat den Pariser Boutiquier mehr empört als diese
coquette Etalage des Jesuitismus, selbst nicht die Verwerfung der concordats
a l'amiable.

Unterdessen gingen die Collisionen fort zwischen den verschiedenen

Fraktionen der Ordnungspartei, wie zwischen der Nationalversammlung und

Bonaparte. Wenig gefiel der Nationalversammlung, daß Bonaparte gleich
nach seinem Coup d'état, nach seiner Beschaffung eines eignen Bonapartistischen Ministeriums die neu zu Präf ecten ernannten Invaliden der Monarchie
vor sich beschied und ihre Constitutionswidrige Agitation für seine Wiederwählung als Präsident zur Bedingung ihres Amtes machte, daß Carlier seine
Inauguration feierte mit der Aufhebung eines legitimistischen Clubs, | daß
Bonaparte ein eignes Journal „le Napoléon" stiftete, das die geheimen
Gelüste des Präsidenten dem Publikum verrieth, während seine Minister auf
der Bühne der Legislativen sie verleugnen mußten, wenig gefiel ihr die trotzige Beibehaltung des Ministeriums ungeachtet ihrer verschiedenen Mißtrauensvota, wenig der Versuch die Gunst der Unterofficiere durch eine
tägliche Zulage von vier Sous und die Gunst des Proletariats durch ein Plagiat
aus den Mysteres Eugene Sues zu gewinnen durch eine Ehren-Leihbank,
wenig endlich die Unverschämtheit, womit man die Deportation der übrig
bleibenden Juniinsurgenten nach Algier durch die Minister beantragen ließ,
um der Legislativen die Unpopularität en gros aufzuwalzen, während der
Präsident sich selbst die Popularität en détail vorbehielt durch einzelne
Begnadigungsacte. Thiers ließ drohende Worte fallen von „Coups d'état"
und „coups de tête" und die Legislative rächte sich an Bonaparte, indem sie
jeden Gesetzesvorschlag, den er für sich selbst stellte, verwarf, jeden, den
er im gemeinsamen Interesse vorschlug, geräuschvoll-mißtrauisch unter-

Karl Marx

suchte, ob er durch die Vermehrung der Executivgewalt nicht der persönlichen Gewalt Bonapartes zu profitiren strebe. In einem Worte, sie rächte sich
durch die Conspiration der Verachtung.

Die Legitimistenpartei ihrerseits sah mit Verdruß die befähigteren Orleanisten sich fast aller Posten wieder bemächtigen und die Centralisation wachsen, während sie ihr Heil prinzipiell in der Decentrahsation suchte. Und
wirklich. Die Contrerevolution centralisirtegewaltsam, d. h. sie bereitete den
Mechanismus der Revolution vor. Sie centralisirte sogar durch den Zwangscours der Banknoten das Gold und Silber Frankreichs in der Pariser Bank
und schuf so den fertigen Kriegsschatz der Revolution.

Die Orleanisten endlich sahen mit Verdruß das auftauchende Princip der
Legitimität ihrem Bastardprinzip entgegen gehalten und sich selbst jeden
Augenblick zurückgesetzt und maltraitirt als bürgerliche mesalliance von
dem adeligen Gatten.

Nach und nach sahen wir Bauern, Kleinbürger, die Mittelstände überhaupt
neben das Proletariat treten, gegen die officielle Republik in offnen Gegensatz getrieben, als Gegner von ihr behandelt. Auflehnung gegen die Bourgeoisdictatur, Bedürfnis einer Verändrung der j 130| Gesellschaft, Festhaltung der demokratisch-republicanischen Institutionen als ihrer Bewegungsorgane, Gruppirung um das Proletariat als die entscheidende revolutionaire
Macht — das sind die gemeinschaftlichen Charakterzüge der sogenannten
Partei der Social-Demokratie, der Partei der rothen Republik. Diese Partei
der Anarchie, wie ihre Gegner sie taufen, ist nicht minder eine Coalition
verschiedener Interessen als die Partei der Ordnung. Von der kleinsten
Reform der alten gesellschaftlichen Unordnung bis zur Umwälzung der alten
gesellschaftlichen Ordnung, von dem bürgerlichen Liberalismus bis zum
revolutionairen Terrorismus, so weit hegen die Extreme auseinander, welche
den Ausgangspunkt und den Endpunkt der Partei der Anarchie bilden.

Abschaffung der Schutzzölle! Socialismus, denn sie greift das Monopol
der industriellen Fraktion der Ordnungspartei an. Reglung des Staatshaushalts! Socialismus, denn sie greift das Monopol der finanziellen Fraction der
Ordnungspartei an. Freie Einlassung von fremdem Fleisch und Getraide!
Socialismus, denn sie greift das Monopol der dritten Fraction der Ordnungspartei an, des großen Grundeigenthums. Die Forderungen der Freetrader-
Partei, d.h. der fortgeschrittensten englischen Bourgeoispartei, sie erscheinen in Frankreich als eben so viele socialistische Forderungen. Voltairianismus! Socialismus, denn er greift eine vierte Fraction der Ordnungspartei an,
die katholische. Preßfreiheit, Associationsrecht, allgemeiner Volksunterricht. Socialismus, Socialismus! Sie greifen das Gesammtmonopol der Ordnungspartei an.

So rasch hatte der Gang der Revolution die Zustände gereift, daß die

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. II. Folgen des 13. Juni 1849

Reformfreunde aller Schattirungen, daß die bescheidensten Ansprüche der
Mittelklassen gezwungen waren, sich um die Fahne der äußersten Umsturzpartei zu gruppiren, um die rothe Fahne.

So mannigfaltig indeß der Socialismus der verschiedenen großen Glieder
der Partei der Anarchie war, je nach den ökonomischen Bedingungen und
den daraus hervorfließenden revolutionairen Gesammtbedürfnissen ihrer
Klasse oder Klassenf raction, in einem Punkte kommt er überein, sich als Mittel der Emancipation des Proletariats | und die Emancipation desselben
als seinen Zweck zu verkünden. Absichtliche Täuschung der einen, Selbsttäuschung der andern, die die nach ihren Bedürfnissen umgewandelte Welt
als die beste Welt für alle ausgeben, als die Verwirklichung aller revolutionairen Ansprüche und die Aufhebung aller revolutionairen Collisionen.

Unter den ziemlich gleichlautenden allgemeinen socialistischen Phrasen
der Partei der Anarchie verbirgt sich der Socialismus des National, der Presse
und des Siecle, der mehr oder minder consequent die Herrschaft der Finanzaristokratie stürzen und Industrie und Verkehr von ihren bisherigen
Fesseln befreien will. Es ist dies der Socialismus der Industrie, des Handels
und der Agrikultur, deren Regenten in der Partei der Ordnung diese Interessen verläugnen, so weit sie nicht mehr mit ihren Privatmonopolen zusammenfallen. Von diesem bürgerlichen Socialismus, der natürlich wie jede der
Abarten des Socialismus einen Theil der Arbeiter und Kleinbürger ralliirt,
scheidet sich der eigentliche, der kleinbürgerliche Socialismus, der Socialismus par excellence. Das Kapital hetzt diese Klasse hauptsächlich als Gläubiger, sie verlangt Creditinstitute, es ekrasirt sie durch die Koncurrenz, sie
verlangt Associationen, vom Staate unterstützt, es überwältigt sie durch die
Concentration, sie verlangt Progressivsteuern, Erbschaftsbeschränkungen,
Uebernahme der großen Arbeiten durch den Staat und andre Maaßregeln,
die das Wachsthum des Kapitals gewaltsam aufhalten. Da sie die friedliche
Durchführung ihres Socialismus träumt, — abgerechnet etwa eine kurztägige
zweite Februarrevolution — erscheint ihr natürlich der kommende geschichtliche Prozeß als die Anwendung von Systemen, welche die Denker der
Gesellschaft, sei es in Compagnie, sei es als einzelne Erfinder aussinnen oder
ausgesonnen haben. So werden sie die Eklektiker oder Adepten der vorhandenen socialistischen Systeme, des doctrinairen Socialismus, der nur so
lange der theoretische Ausdruck des Proletariats war, als es noch nicht zur
freien geschichtlichen Selbstbewegung sich fort entwickelt hatte.

Während so die Utopie, der doctrinaire Socialismus, der die Gesammtbewegung einem ihrer Momente | unterordnet, der an die Stelle der gemeinschaftlichen, gesellschaftlichen Production die Hirnthätigkeit des einzelnen
Pedanten setzt und vor allem den revolutionairen Kampf der Klassen mit
seinen Nothwendigkeiten durch kleine Kunststücke oder große Sentimenta-

Karl Marx

litäten wegphantasirt, während dieser doctrinaire Socialismus, der im
Grunde nur die jetzige Gesellschaft idealisirt, ein schattenloses Bild von ihr
aufnimmt und sein Ideal gegen ihre Wirklichkeit durchsetzen will, während
dieser Socialismus von dem Proletariat an das Kleinbürgerthum abgetreten
wird, während der Kampf der verschiedenen Socialisten-Chefs unter sich
selbst jedes der sogenannten Systeme als anspruchsvolle Festhaltung des
einen der Durchgangspunkte der socialen Umwälzung gegen den andern
herausstellt, gruppirt sich das Proletariat immer mehr um den revolutionairen
Socialismus, um den Communismus, für den die Bourgeoisie selbst den
Namen Blanqui erfunden hat. Dieser Socialismus ist die Permanenz-Erklä-

rung der Revolution, die Klassendictatur des Proletariats als nothwendiger
Durchgangspunkt zur Abschaffung der Klassenunterschiede überhaupt, zur
Abschaffung sämmtlicher Productions-Verhältnisse, worauf sie beruhen,
zur Abschaffung sämmtlicher gesellschaftlicher Beziehungen, die diesen
Productions-Verhältnissen entsprechen, zur Umwälzung sämmtlicher Ideen,

die aus diesen gesellschaftlichen Beziehungen hervorgehen.

Der Raum dieser Darstellung erlaubt nicht, diesen Gegenstand weiter
auszuführen.

Wir haben gesehen: wie in der Partei der Ordnung die Finanzaristocratie
nothwendig an die Spitze trat, so in der Partei der Anarchie das Proletariat.
Während die verschiedenen zu einer revolutionairen Ligue verbundenen
Klassen sich um das Proletariat gruppirten, während die Departemente
immer unsichrer wurden und die legislative Versammlung selbst immer
mürrischer gegen die Prätensionen des französischen Soulouque, nahten die
lange aufgeschobenen und hingehaltenen Ersatz-Wahlen für die proscribirten Montagnards des 13. Juni heran.

Die Regierung, verachtet von ihren Feinden, mißhandelt und täglich gedemüthigt von ihren angeblichen Freunden, sah nur Ein Mittel aus der widerlichen und unhaltbaren Situa]]33]tion herauszutreten — die Erneute. Eine
Erneute zu Paris hätte erlaubt, den Belagerungszustand über Paris und die
Departemente zu verhängen und so die Wahlen zu commandiren. Andrerseits waren die Freunde der Ordnung einer Regierung gegenüber, die den Sieg
über die Anarchie erfochten, zu Concessionen gezwungen, wollten sie nicht
selbst als Anarchisten erscheinen.

Die Regierung gab sich ans Werk. Anfang Februar 1850 Provocationen des
Volks durch Niedermetzeln der Freiheitsbäume. Vergeblich. Wenn die
Freiheitsbäume ihren Platz verloren, verlor sie selbst den Kopf und trat
erschrocken vor ihrer eignen Provocation zurück. Die Nationalversammlung
aber nahm diesen ungeschickten Emanzipationsversuch Bonapartes mit
eiskaltem Mißtrauen auf. Nicht erfolgreicher die Entfernung der Immortellenkränze von der Julisäule. Sie gab einem Theil der Armee zu revolutio-

Die Klassenkampfe in Frankreich 1848 bis 1850. IM. Folgen des 13. Juni 1849

nären Demonstrationen Anlaß und der Nationalversammlung zu einem mehr
oder minder versteckten Mißtrauensvotum gegen das Ministerium. Vergebens die Drohung der Regierungspresse mit Abschaffung des allgemeinen
Wahlrechts, mit der Invasion der Kosaken. Vergebens die direkte Aufforderung d'Hautpouls mitten in der Legislative an die Linke, sich auf die Straße
zu begeben und seine Erklärung, die Regierung sei bereit sie zu empfangen.
Hautpoul empfing nichts als einen Ordnungsruf des Präsidenten und die
Ordnungspartei ließ mit stiller Schadenfreude einen Deputirten der Linken
die usurpatorischen Gelüste Bonapartes persifliren. Vergebens endlich die
Prophezeiung einer Revolution für den 24. Februar. Die Regierung machte,
daß der 24. Februar vom Volk ignorirt wurde.

Das Proletariat ließ sich zu keiner Erneute provociren, weil es im Begriff
war eine Revolution zu machen.

Ungehindert durch die Provocationen der Regierung, die nur die allge-

meine Gereiztheit gegen den bestehenden Zustand erhöhten, stellte das
Wahlcommite ganz unter dem Einflüsse der Arbeiter, 3 Kandidaten für Paris
auf. Deflotte, Vidal und Carnot. Deflotte war ein Junideportirter, amnestirt
durch einen der Popularitätseinfälle Bonapartes, er war ein Freund Blanquis,
er hatte sich an dem Attentat vom 15. Mai betheiligt. Vidal, als communistischer Schriftsteller bekannt durch sein Buch „Ueber die Vertheilung des
Reichthums", ||34] ehemaliger Sekretair Louis Blancs in der Commission des
Luxembourg; Carnot, Sohn des Conventionellen, der den Sieg organisirt
hatte, das wenigst compromittirte Glied der Nationalpartei, Unterrichtsminister in der provisorischen Regierung und Executivcommission, durch seine
democratische Gesetzvorlage tiber den Volksunterricht ein lebendiger Protest gegen das Unterrichtsgesetz der Jesuiten. Diese 3 Kandidaten repräsentirten die 3 verbündeten Klassen, an der Spitze der Juniinsurgent, der
Vertreter des revolutionairen Proletariats, neben ihm der doctrinaire Socialist, der Vertreter der socialistischen Kleinbürgerschaft, der dritte endlich
Vertreter der republikanischen Bourgeoispartei, deren demokratische Formeln der Ordnungspartei gegenüber einen socialistischen Sinn gewonnen
und die ihren eigenen Sinn längst verloren hatten. Es war dies eine allgemeine
Coalition gegen die Bourgeoisie und die Regierung, wie im Februar. Aber
diesmal war das Proletariat der Kopf der revolutionairen Ligue.

Allen Anstrengungen zum Trotz siegten die socialistischen Kandidaten.
Die Armee selbst stimmte für den Juniinsurgenten gegen ihren eignen Kriegsminister Lahitte. Die Ordnungspartei war wie vom Donner gerührt. Die
Departementswahlen trösteten sie nicht. Sie ergaben eine Majorität von
Montagnards.

Die Wahl vom 10. März 1850! Es war die Zurücknahme des Juni 1848. Die
Massacreurs und Deporteurs der Juniinsurgenten kehrten in die Nationalver-

Karl Marx

Sammlung zurück, aber gebeugt, im Gefolge der Deportirten und ihre Prinzipien auf den Lippen. Es war die Zurücknahme des 13. Juni 1849. Die von der
Nationalversammlung proscribirte Montagne kehrte in die Nationalversammlung zurück, aber als vorgeschobene Trompeter der Revolution, nicht
mehr als ihre Commandeure. Es war die Zurücknahme des 10. Decembers.
Napoleon war durchgefallen mit seinem Minister Lahitte. Die parlamentarische Geschichte Frankreichs kennt nur ein Analogon: das Durchfallen
d'Haussez', Minister Carls X. 1830. Die Wahl vom 10. März 1850 war endlich
die Cassation der Wahl vom 13. Mai, welche der Partei der Ordnung die
Majorität gegeben hatte. Die Wahl vom 10.März protestirte gegen die
Majorität vom | 13. Mai. Der 10. März war eine Revolution. Hinter den
Wahlzetteln liegen die Pflastersteine.

„Das Votum des 10. März ist der Krieg", rief Segur d'Aguesseau aus, eins
der fortgeschrittensten Glieder der Ordnungspartei.

Mit dem 10. März 1850 tritt die constitutionelle Republik in eine neue
Phase, in die Phase ihrer Auflösung. Die verschiedenen Fractionen der
Majorität sind wieder unter sich und mit Bonaparte vereinigt, sie sind wieder
die Retter der Ordnung, er wieder ihr neutraler Mann. Wenn sie sich erinnern,
Royalisten zu sein, so geschieht es nur noch aus Verzweiflung an der
Möglichkeit der Bourgeoisrepublik, wenn er sich erinnert Prätendent zu sein,
so geschieht es nur noch, weil er verzweifelt Präsident zu bleiben.

Die Wahl Deflottes, des Juniinsurgenten, beantwortet Bonaparte auf's
Commando der Ordnungspartei durch die Ernennung Baroche's zum Minister des Innern, Baroche's, des Anklägers von Blanqui und Barbes, von
Ledru Rollin und Guinard. Die Wahl Carnot 's beantwortet die Legislative
durch die Annahme des Unterrichtsgesetzes, die Wahl Vidal's durch die
Unterdrückung der socialistischen Presse. Durch den Trompetenstoß ihrer
Presse sucht die Partei der Ordnung ihre eigne Furcht wegzuschmettern.
„Das Schwert ist heilig", ruft ein's ihrer Organe, „die Vertheidiger der
Ordnung müssen die Offensive gegen die rothe Partei ergreifen" ein anderes,
„zwischen dem Socialismus und der Societät existirt ein Duell auf den Tod,
ein rastlos unbarmherziger Krieg; in diesem Duell der Verzweiflung muß der
eine oder der andre untergehn, wenn die Gesellschaft den Socialismus nicht
vernichtet, vernichtet der Socialismus die Gesellschaft", kräht ein dritter
Ordnungshahn. Werft die Barrikaden der Ordnung, die Barrikaden der
Religion, die Barrikaden der Familie auf! Es muß geendet werden mit den
127000 Wählern von Paris! Bartholomäusnacht der Socialisten! Und die
Partei der Ordnung glaubt einen Augenblick an ihre eigne Siegesgewißheit.

Am fanatischsten ergehn sich ihre Organe gegen die „Boutiquiers von
Paris". Der Juniinsurgent von Paris als Repräsentant erwählt von den Boutiquiers von Paris! das heißt ein zweiter Juni 1848 ist unmöglich, das heißt ein

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. II. Folgen des 13. Juni 1849

zweiter 13. Juni 1849 ist unmöglich, das heißt der moralische Ein||36]fluß des
Capitals ist gebrochen, d. h. die Bourgeoisversammlung vertritt nur noch die
Bourgeoisie, d.h. das große Eigenthum ist verloren, weil sein Lehensträger,
das kleine, im Lager der Eigenthumslosen seine Rettung sucht.

Die Partei der Ordnung kehrt natürlich zu ihrem unvermeidlichen Gemein-

platze zurück. ,,MehrRepression!" ruft sie, „Verzehnfachte Repression!"
aber ihre Repressionskraft hat sich um das Zehnfache vermindert, während
der Widerstand sich verhundertfacht hat. Das Hauptwerkzeug der Repression selbst, die Armee muß sie nicht reprimirt werden? Und die Partei der
Ordnung spricht ihr letztes Wort: „der eiserne Ring einer erstickenden
Legalität muß gebrochen werden. Die konstitutionelle Republik ist unmöglich. Wir müssen mit unsern wahren Waffen kämpfen, wir haben seit
Februar 1848 die Revolution mit ihren Waffen und auf ihrem Terrain bekämpft, wir haben ihre Institutionen acceptirt, die Constitution ist eine
Festung, die nur die Belagernden beschützt, nicht die Belagerten! Indem wir
uns im Bauche des trojanischen Pferds in das heilige Ilion einschmuggelten,
haben wir ungleich unsern Vorfahren, den Grecs, nicht die feindliche Stadt
erobert, sondern uns selbst zu Gefangenen gemacht."

Die Grundlage der Constitution ist aber das allgemeine Wahlrecht. Die

Vernichtung des allgemeinen Wahlrechts, es ist das letzte Wort der Partei
der Ordnung, der Bourgeoisdictatur.

Das allgemeine Wahlrecht gab ihnen Recht am 4. Mai 1848, am 20. December 1848, am 13. Mai 1849, am 8. Juli 1849. Das allgemeine Wahlrechthat
sich selbst Unrecht gegeben am 10. März 1850. Die Bourgeoisherrschaft als

Ausfluß und Resultat des allgemeinen Stimmrechts, als ausgesprochener Act

des souveränen Volkswillens, esist der Sinn der Bourgeoisconstitution. Aber
von dem Augenblick an, wo der Inhalt dieses Stimmrechts, dieses souveränen Willens nicht mehr die Bourgeoisherrschaft ist, hat die Constitution noch
einen Sinn? Ist es nicht die Pflicht der Bourgeoisie, das Stimmrecht so zu
regeln, daß es das Vernünftige will, ihre Herrschaft? Das allgemeine Wahlrecht, indem es die vorhandene Staatsmacht beständig wieder aufhebt und
von neuem aus sich erschafft, hebt es nicht alle Stabilität auf, stellt es |
 nicht jeden Augenblick alle bestehenden Gewalten in Frage, vernichtet
es nicht die Autorität, droht es nicht die Anarchie selbst zur Autorität zu
erheben? Nach dem 10. März 1850, wer sollte noch zweifeln?

Die Bourgeoisie, indem sie das allgemeine Wahlrecht, mit dem sie sich
bisher drapirt hatte, aus dem sie ihre Allmacht saugte, verwirft, gesteht
unverholen: „Unsre Dictatur hat bisher bestanden durch den Volkswillen,
sie muß jetzt befestigt werden wider den Volkswillen." Und consequenterweise sucht sie ihre Stützen nicht mehr in Frankreich, sondern außerhalb,
in der Fremde, in der Invasion.

Karl Marx

Mit der Invasion ruft sie, ein zweites Koblenz, das seinen Sitz in
Frankreich selbst aufgeschlagen hat, alle nationalen Leidenschaften gegen
sich wach. Mit dem Angriff auf das allgemeine Stimmrecht giebt sie der
neuen Revolution einen allgemeinen Vorwand und die Revolution bedarf
eines solchen Vorwandes. Jeder besondre Vorwand würde die Fractionen
der revolutionairen Ligue trennen und ihre Unterschiede hervortreten lassen. Der allgemeine Vorwand, er betäubt die halbrevolutionairen Klassen,
er erlaubt ihnen, sich selbst zu täuschen über den bestimmten Charakter der
kommenden Revolution, über die Consequenzen ihrer eignen That. Jede
Revolution bedarf einer Bankettfrage. Das allgemeine Stimmrecht, es ist die
Bankettfrage der neuen Revolution.

Die coalisirten Bourgeoisfractionen aber sind schon verurtheilt, indem sie
von der einzig möglichen Form ihrer vereinten Macht, von der gewaltigsten
und vollständigsten Form ihrer Klassenherrschaft, der constitutionellen
Republik zurückflüchten zu der untergeordneten, unvollständigen, schwächern Form der Monarchie. Sie gleichen jenem Greise, der, um seine Jugendkraft wieder zu gewinnen, seinen Kinderstaat hervorholte und seinen welken
Gliedern anzuquälen suchte. Ihre Republik hatte nur Ein Verdienst, das
Treibhaus der Revolution zu sein.

Der 10. März 1850 trägt die Inschrift:

Apres moi le deluge.
Karl Marx. I