Friedrich Engels
Die deutsche Reichsverfassungskampagne

Neue Rheinische Zeitung.
Politisch-ökonomische Revue.
H.1, Januar 1850

Die deutsche Reichsverfassungs-Campagne.

„Hecker, Struve, Blenker, Zitz und Blum,
„Bringt die deutschen Fürsten um!"

In diesem Refrain, den die süddeutsche „Volkswehr" von der Pfalz bis zur

5 schweizer Gränze auf allen Chausseen und in allen Wirthshäusern erschallen
ließ, nach der bekannten meerumschlungenen Melodie, halb Choral, halb
Drehorgelleier — in diesem Refrain ist der ganze Charakter der „großartigen
Erhebung für die Reichsverfassung" zusammengefaßt. Hier habt ihr in zwei
Zeilen ihre großen Männer, ihre letzten Zwecke, ihre brave Gesinnungstüch-

10 tigkeit, ihren edlen Haß gegen die „Tyrannen" und zugleich ihre gesammte
Einsicht in die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse.

Unter allen den Bewegungen und Zuckungen, die in Deutschland durch
die Februarrevolution und ihre weitere Entwickelung hervorgerufen wurden, zeichnet sich die Reichsverfassungs-Campagne durch ihren klassisch-

15 deutschen Charakter aus. Ihre Veranlassung, ihr Auftreten, ihre Haltung,
ihr ganzer Verlauf waren durch und durch deutsch. Wie die Junitage 1848
den gesellschaftlichen und politischen Entwickelungsgrad Frankreichs,
so bezeichnet die Reichsverfassungs-Campagne den gesellschaftlichen und
politischen Entwickelungsgrad Deutschlands, und namentlich Süddeutsch-

20 lands. |

 Die Seele der ganzen Bewegung war die Classe der kleinen Bourgeoisie, der vorzugsweise sogenannte Bürgerstand, und diese Klasse ist gerade
in Deutschland, namentlich im Süden vorherrschend. Die Kleinbürgerschaft
war es, die in „Märzvereinen", demokratisch-konstitutionellen Vereinen,

25 vaterländischen Vereinen, in sehr vielen sogenannten demokratischen Vereinen und in beinahe der ganzen demokratischen Presse der Reichsverfassung
ebenso massenhafte wie unschädliche Grütlischwüre geleistet und einen
Kampf gegen die „renitenten" Fürsten geführt hatte, dessen einziges Resul-

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tat zunächst freilich nur das eigene erhebende Bewußtsein erfüllter Bürgerpflicht war. Die Kleinbürgerschaft war es, die durch die entschiedene und
sogenannte äußerste Linke der Frankfurter Versammlung, also speciell
durch das Stuttgarter Parlament und die „Reichsregentschaft" vertreten, der
ganzen Bewegung die officielle Spitze lieferte; die Kleinbürgerschaft endlich
herrschte in den lokalen Landesausschüssen, Sicherheitsausschüssen, provisorischen Regierungen und Konstituanten, die in Sachsen, am Rhein und in
Süddeutschland sich größere oder geringere Verdienste um die Reichsverfassung erwarben.

Die kleine Bourgeoisie, hätte es von ihr abgehangen, würde schwerlich den
Rechtsboden des gesetzlichen, friedlichen und tugendhaften Kampfes verlassen und statt der sogenannten Waffen des Geistes die Musketen und den
Pflasterstein ergriffen haben. Die Geschichte aller politischen Bewegungen
seit 1830 in Deutschland wie in Frankreich und England zeigt uns diese
Klasse stets großprahlerisch, hochbetheuernd und stellenweise selbst extrem
in der Phrase, so lange sie keine Gefahr sieht; furchtsam, zurückhaltend und
abwiegend, sobald die geringste Gefahr herannaht, erstaunt, besorgt,
schwankend, sobald die von ihr angeregte Bewegung von andern Klassen
aufgegriffen, und ernsthaft genommen wird; um ihrer kleinbürgerlichen
Existenz willen die ganze Bewegung verrathend, sobald es zum Kampfe mit
den Waffen in der Hand kommt— und schließlich in Folge ihrer Unentschlossenheit stets vorzugsweise geprellt und mißhandelt, sobald die reaktionäre
Partei gesiegt hat. |

 Hinter der kleinen Bourgeoisie stehen aber überall andere Klassen,
die die von ihr und in ihrem Interesse provocirte Bewegung aufnehmen, ihr
einen bestimmteren, energischeren Charakter geben und sich ihrer wo
möglich zu bemächtigen suchen: das Proletariat und ein großer Theil der
Bauern, denen sich außerdem die avancirtere Fraktion der Kleinbürgerschaft
eine Zeitlang anzuschließen pflegt.

Diese Klassen, das Proletariat der größeren Städte an der Spitze, nahmen
die hochbetheuernden Versicherungen im Interesse der Reichsverfassung
ernsthafter, als es den kleinbürgerlichen Agitatoren lieb war. Wollten die
Kleinbürger, wie sie jeden Augenblick schwuren, für die Reichsverfassung
„Gut und Blut einsetzen", so waren die Arbeiter und in vielen Gegenden auch
die Bauern bereit, dasselbe zu thun; unter der zwar stillschweigenden, aber
allen Partheien vollkommen bekannten Bedingung, daß nach dem Siege die
Kleinbürgerschaft dieselbe Reichsverfassung gegen eben dieselben Proletarier und Bauern zu vertheidigen haben würde. Diese Klassen trieben die
kleine Bourgeoisie bis zum offenen Bruch mit der bestehenden Staatsgewalt.
Konnten sie es nicht verhindern, daß sie von ihren krämerhaften Bundesgenossen noch während des Kampfes verrathen wurden, so hatten sie wenig-

Die deutsche Reichsverfassungskampagne

stens die Satisfaktion, daß dieser Verrath nach dem Siege der Contrerevolution von den Contrerevolutionären selbst gezüchtigt wurde.

Auf der andern Seite schloß sich im Beginn der Bewegung die entschiedenere Fraktion der größeren und mittleren Bourgeoisie ebenfalls an die Kleinbürgerschaft an, gerade wie wir dies in allen früheren kleinbürgerlichen
Bewegungen in England und Frankreich finden. Die Bourgeoisie herrscht
nie in ihrer Gesammtheit; abgesehen von den Resten des Feudalismus, die
sich etwa noch einen Theil der politischen Gewalt aufbewahrt haben, spaltet
sich selbst die große Bourgeoisie, sowie sie den Feudalismus besiegt hat, in
eine regierende und eine opponirende Parthei, die gewöhnlich durch die Bank
auf der einen, die Fabrikanten auf der andern Seite repräsentirt werden. Die
opponirende, progressive Fraktion | der großen und mittleren Bourgeoisie hat dann gegenüber der herrschenden Fraktion mit der Kleinbürgerschaft
gemeinsame Interessen und vereinigt sich mit ihr zum gemeinschaftlichen
Kampfe. In Deutschland, wo die bewaffnete Contrerevolution die fast
ausschließliche Herrschaft der Armee, der Büreaukratie und des Feudaladels
wiederhergestellt hat, wo die Bourgeoisie trotz der noch bestehenden konstitutionellen Formen nur eine sehr untergeordnete und bescheidene Rolle
spielt, sind noch viel mehr Motive für diese Allianz vorhanden. Dafür ist die
deutsche Bourgeoisie aber auch unendlich zaghafter als die englische und
französische, und sowie sich nur die geringste Chance der rückkehrenden
Anarchie, d. h. des wirklichen entscheidenden Kampfes zeigt, tritt sie schaudernd vom Schauplatz zurück. So auch diesmal.

Der Moment war übrigens keineswegs zum Kampf ungünstig. In
Frankreich standen die Wahlen bevor; sie mochten den Monarchisten oder
den Rothen die Majorität geben, sie mußten die Centren der Constituante
verdrängen, die extremen Parteien verstärken und eine rasche Entscheidung
des akuter gewordenen parlamentarischen Kampfes durch eine Volksbewegung, mit einem Worte sie mußten eine „journee" herbeiführen. In Italien

schlug man sich unter den Mauern von Rom, und die römische Republik hielt
sich gegen die französische Invasionsarmee. In Ungarn drangen die Magyaren unaufhaltsam vor; die Kaiserlichen waren über die Waag und die Leitha
gejagt; in Wien, wo man täglich Kanonendonner zu hören glaubte, wurde
die ungarische Revolutionsarmee jeden Augenblick erwartet; in Galizien
stand die Ankunft Dembinski's mit einer polnisch-magyarischen Armee
bevor, und die russische Intervention, weit entfernt den Magyaren gefährlich
zu werden, schien vielmehr den ungarischen Kampf in einen europäischen
zu verwandeln. Deutschland endlich war in der höchsten Aufregung; die
Fortschritte der Contrerevolution, die wachsende Unverschämtheit der
Soldateska, der Büreaukratie und des Adels, die stets sich erneuernden
Verräthereien der alten Liberalen in den Ministerien, die rasch auf einander

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folgenden Wortbrüche der Fürsten war|fen der Bewegungspartei ganze
Klassen von bisherigen Ordnungsmännern in die Arme.

Unter diesen Umständen kam der Kampf zum Ausbruche, den wir in den
folgenden Bruchstücken schildern werden.

Die Unvollständigkeit und Verwirrung die noch in den Materialien
herrscht, die totale Unzuverlässigkeit fast aller mündlich zu sammelnden
Nachrichten, der rein persönliche Zweck, der allen über diesen Kampf bisher
veröffentlichten Schriften zu Grunde liegt, machen eine kritische Darstellung des ganzen Verlaufs unmöglich. Unter diesen Umständen bleibt uns
nichts übrig, als uns rein auf die Erzählung dessen zu beschränken, was wir
selbst gesehen und gehört haben. Glücklicher Weise reicht dies vollständig
hin um den Charakter der ganzen Campagne hervortreten zu lassen; und
wenn uns außer der eignen Anschauung der sächsischen Bewegung auch die
des Mieroslawskischen Feldzugs am Neckar fehlt, so wird die Neue Rheinische Zeitung vielleicht bald Gelegenheit finden wenigstens über Letzteren
die nöthigen Aufklärungen zu geben.

Von den Theilnehmern an der Reichsverfassungs-Campagne sind Viele
noch im Gefängniß. Andre haben Gelegenheit gefunden nach Hause zurückzukehren, Andre, noch im Auslande, erwarten sie täglich — und unter ihnen
sind nicht die Schlechtesten. Man wird die Rücksichten begreifen die wir
diesen Mitkämpfern schuldig sind, man wird es natürlich finden, wenn wir
Manches verschweigen; und Mancher, der jetzt wieder ruhig in der Heimath
ist, wird es uns nicht verdenken, wenn wir ihn auch nicht durch Erzählung
derjenigen Vorfälle kompromittiren wollen, bei denen er wirklich glänzenden
Muth bewiesen hat.

I.
Rheinpreußen.

Man erinnert sich wie der bewaffnete Aufstand für die Reichsverfassung
Anfangs Mai zuerst in Dresden zum Ausbruch kam. Man weiß, wie die
Dresdner Barrikadenkämpfer, vom Landvolk unterstützt, von den Leipziger |
|40j Spießbürgern verrathen, nach sechstägigem Kampfe der Uebermacht
erlagen. Sie hatten nie mehr als 2500 Combattanten mit sehr gemischten
Waffen und als ganze Artillerie zwei oder drei kleine Böller. Die königlichen
Truppen bestanden außer den sächsischen Bataillonen, aus zwei Regimentern Preußen. Sie hatten Cavallerie, Artillerie, Büchsenschützen und ein
Bataillon mit Zündnadelgewehren zu ihrer Verfügung. Die königlichen
Truppen scheinen sich in Dresden noch feiger als anderswo aufgeführt zu

Die deutsche Reichsverfassungskampagne ¢ I. Rheinpreußen

haben; zu gleicher Zeit aber steht fest, daß die Dresdner Kämpfer sich gegen
diese Uebermacht tapferer geschlagen haben, als es sonst wohl in der Reichsverfassungs-Campagne geschehen ist. Aber freilich, ein Straßenkampf ist
auch etwas ganz anders als ein Gefecht im offenen Felde.

Berlin blieb ruhig unter dem Belagerungszustand und der Entwaffnung.
Nicht einmal die Eisenbahn wurde aufgerissen, um den preußischen Zuzug
bei Berlin schon aufzuhalten. Breslau versuchte einen schwachen Barrikadenkampf, auf den die Regierung längst vorbereitet war, und gerieth nur
dadurch um so sichrer unter die Säbeldiktatur. Das übrige Norddeutschland,
ohne revolutionäre Centren, war gelähmt. Auf Rheinpreußen und Süddeutschland allein war noch zu rechnen und in Süddeutschland setzte sich
so eben schon die Pfalz in Bewegung.

Rheinpreußen hat seit 1815 als eine der fortgeschrittensten Provinzen
Deutschlands gegolten und mit Recht. Es vereinigt zwei Vorzüge, die sich
in keinem andern Theil Deutschlands vereinigt finden.

Rheinpreußen theilt mit Luxemburg, Rheinhessen und der Pfalz den
Vortheil, seit 1795 die französische Revolution und die gesellschaftliche,
administrative und legislative Consolidirung ihrer Resultate unter Napoleon
mitgemacht zu haben. Als die revolutionäre Partei in Paris erlag, trugen die
Armeen die Revolution über die Grenzen. Vor diesen kaum befreiten Bauernsöhnen zerstoben nicht nur die Armeen des heiligen römischen Reichs,
sondern auch die Feudalherrschaft des Adels und der Pfaffen. Seit zwei
Generationen kennt das linke Rheinufer keinen Feudalismus mehr; der
Adlige ist seiner Privilegien be||4ljraubt, der Grundbesitz ist aus seinen
Händen und denen der Kirche in die Hände des Bauern übergegangen; der
Boden ist parzellirt, der Bauer ist freier Grundbesitzer wie in Frankreich.
In den Städten verschwanden die Zünfte und die patriarchalische Patrizierherrschaft zehn Jahre früher als irgendwo in Deutschland vor der
freien Konkurrenz, und der Code Napoleon sanktionirte schließlich den
ganzen veränderten Zustand in der Zusammenfassung der gesammten revolutionären Institutionen.

Rheinpreußen besitzt aber zweitens — und darin liegt sein Hauptvorzug
vor den übrigen Ländern des linken Rheinufers — die ausgebildetste und
mannigfachste Industrie von ganz Deutschland. In den drei Regierungsbezirken Aachen, Köln und Düsseldorf sind fast alle Industriezweige vertreten:
Baumwollen-, Wollen- und Seiden-Industrie aller Art nebst den davon abhängigen Branchen der Bleicherei, Druckerei und Färberei, der Eisengie-
Berei und Maschinenfabrikation, ferner Bergbau, Waffenschmieden und
sonstige Metallindustrie finden sich hier auf dem Raum weniger Quadratmeilen konzentrirt und beschäftigen eine Bevölkerung von in Deutschland
unerhörter Dichtigkeit. An die Rheinprovinz schließt sich unmittelbar, sie

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mit einem Theil der Rohstoffe versorgend und industriell zu ihr gehörend,
der märkische Eisen- und Kohlendistrikt an. Die beste Wasserstraße
Deutschlands, die Nähe des Meeres, der mineralische Reichthum der Gegend
begünstigen die Industrie, die außerdem zahlreiche Eisenbahnen erzeugt hat
und ihr Eisenbahnnetz noch täglich vervollständigt. Mit der Industrie in
Wechselwirkung steht ein für Deutschland sehr ausgedehnter Ausfuhr- und
Einfuhrhandel nach allen Welttheilen, ein bedeutender direkter Verkehr mit
allen großen Stapelplätzen des Weltmarkts, und eine verhältnißmäßige
Spekulation in Rohprodukten und Eisenbahnaktien. Kurz, die industrielle
und kommerzielle Entwicklungsstufe der Rheinprovinz ist, wenn auch auf
dem Weltmarkt ziemlich unbedeutend, doch für Deutschland einzig.

Die Folge dieser — ebenfalls unter der revolutionären französischen
Herrschaft aufgeblühten — Industrie und des mit ihr zusammenhängenden
Handels in Rheinpreußen | ist die Erzeugung einer mächtigen industriellen und kommerziellen großen Bourgeoisie und im Gegensatz zu ihr, eines
zahlreichen industriellen Proletariats, zweier Klassen, die im übrigen
Deutschland nur sehr stellenweise und embryonisch existiren, die aber die
besondre politische Entwicklung der Rheinprovinz fast ausschließlich beherrschen.

Vor den übrigen durch die Franzosen revolutionirten deutschen Ländern
hat Rheinpreußen die Industrie, vor den übrigen deutschen Industriebezirken
(Sachsen und Schlesien) die französische Revolution voraus. Es ist der
einzige Theil Deutschlands, dessen gesellschaftliche Entwickelung fast ganz
die Höhe der modernen bürgerlichen Gesellschaft erreicht hat: ausgebildete
Industrie, ausgedehnter Handel, Anhäufung der Kapitalien, Freiheit des
Grundeigenthums; starke Bourgeoisie und massenhaftes Proletariat in den
Städten, zahlreiche und verschuldete Parzellenbauern auf dem Lande vorherrschend; Herrschaft der Bourgeoisie über das Proletariat durch das
Lohnverhältniß, über den Bauern durch die Hypothek, über den Kleinbürger
durch die Konkurrenz und endlich Sanktion der Bourgeoisherrschaft durch
die Handelsgerichte, die Fabrikgerichte, die Bourgeoisjury und die ganze
materielle Gesetzgebung.

Begreift man jetzt den Haß des Rheinländers gegen alles, was preußisch
heißt? Preußen hatte mit der Rheinprovinz die französische Revolution
seinen Staaten inkorporirt und behandelte die Rheinländer nicht nur wie
Unterjochte und Fremde, sondern sogar wie besiegte Rebellen. Weit entfernt, die rheinische Gesetzgebung im Sinne der sich immer weiter entwikkelnden modernen bürgerlichen Gesellschaft auszubilden, wollte es den
Rheinländern sogar den pedantisch-feudal-spießbürgerlichen Mischmasch
des preußischen Landrechts aufbürden, der selbst kaum noch für Hinterpommern paßt.

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + I. Rheinpreußen

Der Umschwung nach dem Februar 1848 zeigte deutlich die exzeptionelle
Stellung der Rheinprovinz. Sie lieferte nicht nur der preußischen, sondern
überhaupt der deutschen Bourgeoisie ihre klassischen Vertreter: Camphausen und Hansemann, sie lieferte dem deutschen | Proletariat das einzige
Organ, in dem es nicht nur der Phrase oder dem guten Willen, sondern seinen
wirklichen Interessen nach vertreten war: die Neue Rheinische Zeitung.

Wie kommt es aber, daß Rheinpreußen sich trotz alledem so wenigbei den
revolutionären Bewegungen Deutschlands betheiligt hat?

Man vergesse nicht, daß die 1830ger Bewegung im Interesse des Phrasenund Advokatenkonstitutionalismus für die, mit viel reelleren, industriellen
Unternehmungen beschäftigte rheinische Bourgeoisie Deutschlands kein
Interesse haben konnte; daß während man in den deutschen Kleinstaaten
noch von einem deutschen Kaiserreiche träumtein Rheinpreußen das Proletariat schon anfing, gegen die Bourgeoisie offen aufzutreten; daß von
1840—1847 zur Zeit der bürgerlichen, wirklich konstitutionellen Bewegung
die rheinische Bourgeoisie an der Spitze stand und daß sie im März 1848 in
Berlin ein entscheidendes Gewicht in die Waagschaale legte. Warum aber
Rheinpreußen nie in einer offenen Insurrektion etwas durchsetzen, warum
es nicht einmal eine allgemeine Insurrektion der ganzen Provinz zu Stande
bringen konnte, das wird die einfache Darstellung derrheinischen Reichsverfassungs-Campagne am besten nachweisen. —

Der Kampf in Dresden kam eben zum Ausbruch; in der Pfalz konnte er
jeden Augenblick losbrechen. In Baden, in Würtemberg, in Franken wurden
Monsterversammlungen angesetzt und man verhehlte kaum noch, daß man

entschlossen sei, es auf Entscheidung durch die Waffen ankommen zu lassen. In ganz Süddeutschland waren die Truppen schwankend. Preußen war
nicht minder aufgeregt. Das Proletariat wartete nur auf eine Gelegenheit,
Rache zu nehmen für die Eskamotirung der Vortheile, die es im März 1848
erobert zu haben glaubte. Die Kleinbürgerschaft war überall in Thätigkeit,
sämmtliche unzufriedene Elemente zu einer großen Reichsverfassungs-
Partei zu kondensiren, deren Leitung sie zu erhalten hoffte. Die Schwüre
mit der frankfurter Ver|| 441 Sammlung zu stehen und zufallen, Gut und Blut
für die Reichsverfassung einzusetzen, füllten alle Zeitungen, ertönten in allen
Clubsälen und Bierlokalen.

Da eröffnete die preußische Regierung die Feindseligkeiten, indem sie
einen großen Theil der Landwehr, namentlich in Westphalen und am Rhein
einberief. Die Einberufungsordre war mitten im Frieden ungesetzlich und
nicht nur die kleine, auch die größere Bourgeoisie erhob sich dagegen.

Der Kölner Gemeinderath schrieb einen Kongreß von Deputirten der
rheinischen Gemeinderäthe aus. Die Regierung verbot ihn; man ließ die Form
fallen und hielt den Kongreß trotz des Verbots ab. Die Gemeinderäthe,

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Vertreter der großen und mittleren Bourgeoisie, erklärten ihre Anerkennung

der Reichsverfassung, forderten Annahme derselben durch die preußische

Regierung und Entlassung des Ministeriums, sowie Zurücknahme der Einbe-

rufung der Landwehr und drohten im Falle der Verweigerung ziemlich

deutlich mit dem Abfall der Rheinprovinzen von Preußen.

„Da die preußische Regierung die zweite Kammer, nachdem dieselbe sich
für die unbedingte Annahme der deutschen Verfassung vom 28. März d. J.
ausgesprochen hatte, aufgelöst, und dadurch das Volk seiner Vertretung und
Stimme in dem gegenwärtigen entscheidenden Augenblicke beraubt hat, sind
die unterzeichneten Verordneten der Städte und Gemeinden der Rheinprovinz zusammengetreten, um zu berathen, was dem Vaterlande Noth thue.

Die Versammlung hat unter dem Vorsitze der Stadtverordneten Zell von
Trier und Werner von Koblenz und in Assistenz der Protokollführer, der
Stadtverordneten Boecker von Köln und Bloem II. von Düsseldorf

beschlossen, wie folgt:

1) sie erklärt, daß sie die Verfassung des deutschen Reiches, wie solche
am 28. März d.J. von der Reichs-Versammlung verkündet worden, als
endgültiges Gesetz anerkennt und bei dem von der preußischen Regierung
erhobenen Conflikte auf der Seite der deutschen Reichs-Versammlung
steht. I

 2) Die Versammlung fordert das gesammte Volk der Rheinlande, und
namentlich alle waffenfähigen Männer, auf, durch Collektiv-Erklärungen in kleineren und größeren Kreisen seine Verpflichtung und seinen
unverbrüchlichen Willen, an der deutschen Reichs-Verfassung festzuhalten und den Anordnungen der Reichs-Verfassung Folge zu leisten, auszusprechen.

3) Die Versammlung fordert die deutsche Reichs-Versammlung auf, nunmehr schleunigst kräftigere Anstrengungen zu treffen, um dem Widerstande des Volkes in den einzelnen deutschen Staaten und namentlich
auch in der Rheinprovinz jene Einheit und Stärke zu geben, die allein im
Stande ist, die wohlorganisirte Gegenrevolution zu Schanden zu machen.

4

wm

Sie fordert die Reichs-Gewalt auf, die Reichstruppen baldmöglichst auf
die Verfassung zu beeidigen und eine Zusammenziehung derselben anzuordnen.

5) Die Unterzeichneten verpflichten sich, der Reichs-Verf assung durch alle
ihnen zu Gebote stehenden Mittel in dem Bereiche ihrer Gemeinden
Geltung zu verschaffen.

6) Die Versammlung erachtet die Entlassung des Ministeriums Branden-

burg-Manteuffel, und die Einberufung der Kammern ohne Abänderung

des bestehenden Wahl-Modus für unbedingt nothwendig.

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + I. Rheinpreußen

7) Sie erblickt insbesondere in der jüngst erfolgten theilweisen Einberufung
der Landwehr eine unnöthige, den inneren Frieden in hohem Grade
gefährdende Maßregel und erwartet deren sofortige Zurücknahme.

8) Die Unterzeichneten sprechen schließlich ihre Ueberzeugung dahin aus,

daß bei Nichtbeachtung des Inhaltes dieser Erklärung dem Vaterlande die
größten Gefahren drohen, durch die selbst der Bestand Preußens in seiner
gegenwärtigen Zusammensetzung gefährdet werden kann.

Beschlossen am 8. Mai 1849 zu Köln."

(Folgen die Unterschriften.)

Wir fügen nur noch hinzu, daß derselbe Herr Zell, der dieser Versammlung
präsidirte, wenige Wochen später als Reichskommissär des Frankfurter
Reichsministeriums nach Baden ging, um dort nicht nur abzuwiegeln, sondern auch um mit den dortigen Reaktionären jene eontrerevo|lutionaren
Coups zu verabreden, die später in Mannheim und Karlsruhe zum Ausbruch

kamen. Daß er auch dem Reichsgeneral Peucker zu gleicher Zeit als militärischer Spion Dienste geleistet, ist wenigstens wahrscheinlich.

Wir halten darauf, dies Faktum wohl zu konstatiren. Die große Bourgeoisie, die Blüthe des vormärzlichen rheinischen Liberalismus, suchte sich in
Rheinpreußen gleich Anfangs an die Spitze der Bewegung für die Reichsver-

20 f assung zu stellen. Ihre Reden, ihre Beschlüsse, ihr ganzes Auftreten machte

sie solidarisch für die späteren Ereignisse. Es gab Leute genug, die die
Phrasen der Herren Gemeinderäthe, namentlich die Drohung mit dem Abfall
der Rheinprovinz ernsthaft nahmen. Ging die große Bourgeoisie mit, so war
die Sache von vorn herein so gut wie gewonnen, so hatte man alle Klassen
der Bevölkerung mit sich, so konnte man schon etwas riskiren. So kalkulirte
der Kleinbürger, und beeilte sich eine heroische Positur anzunehmen. Es
versteht sich, daß sein angeblicher Associe, der große Bourgeois, sich dadurch keineswegs abhalten ließ, ihn bei der ersten Gelegenheit zu verrathen
und nachher, als die ganze Sache höchst kläglich geendet hatte, ihn
nachträglich wegen seiner Dummheit zu verspotten.

Die Aufregung wuchs inzwischen fortwährend; die Nachrichten aus allen
Gegenden Deutschlands lauteten höchst kriegerisch. Endlich sollte zur
Einkleidung der Landwehr geschritten werden. Die Bataillone traten zusammen und erklärten kategorisch, daß sie sich nicht einkleiden lassen würden.
Die Majore, ohne hinreichende militärische Unterstützung, konnten nichts
ausrichten und waren froh, wenn sie ohne Drohungen und thätliche Angriffe
davon kamen. Sie entließen die Leute und setzten einen neuen Termin zur
Einkleidung fest.

Die Regierung, die den Landwehroffizieren leicht die nöthige Unterstützung hätte geben können, ließ es absichtlich so weit kommen. Sie wandte
jetzt sofort Gewalt an.

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Die widersetzlichen Landwehren gehörten namentlich dem bergischmärkischen Industriebezirk an. Elberfeld und | Iserlohn, Solingen und
die Enneper Straße waren die Centren des Widerstandes. Sofort wurden
nach den beiden ersteren Städten Truppen beordert.

Nach Elberfeld zogen ein Bataillon Sechszehner, eine Schwadron Ulanen
und zwei Geschütze. Die Stadt war in der höchsten Verwirrung. Die Landwehr hatte bei reiflicher Ueberlegung doch gefunden, daß sie ein gewagtes
Spiel spiele. Viele Bauern und Arbeiter waren politisch indifferent und hatten
nur keine Lust gehabt, irgend welchen Regierungslaunen zu Gefallen auf
unbestimmte Zeit sich vom Hause zu entfernen. Die Folgen der Widersetzlichkeit fielen ihnen schwer aufs Herz: Species facti, Kriegsrecht, Kettenstrafe und vielleicht gar Pulver und Blei! Genug, die Anzahl der Landwehrmänner, die unter den Waffen standen — ihre Waffen hatten sie —
schmolz immer mehr zusammen und es blieben ihrer zuletzt noch etwa
vierzig übrig. Sie hatten in einem Öffentlichen Lokal vor der Stadt ihr
Hauptquartier aufgeschlagen und warteten dort auf die Preußen. Um das
Rathhaus stand die Bürgerwehr und zwei Bürgerschützencorps, schwankend, mit der Landwehr unterhandelnd, jedenfalls entschlossen, ihr Eigenthum zu schützen. In den Straßen wogte die Bevölkerung, Kleinbürger, die
im politischen Klub der Reichsverfassung Treue geschworen hatten, Proletarier aller Stufen, vom entschiedenen, revolutionären Arbeiter bis zum
schnapstrunkenen Karrenbinder. Kein Mensch wußte, was zu thun sei,
keiner was kommen werde.

Der Stadtrath wollte mit den Truppen unterhandeln. Der Kommandirende
wies Alles ab und marschirte in die Stadt. Die Truppen paradiren durch die
Straßen und stellen sich am Rathhause auf, gegenüber der Bürgerwehr. Man
unterhandelt. Aus der Menge fallen Steinwürfe auf das Militär. Die Landwehr, wie gesagt, etwa vierzig Mann stark, zieht von der andern Seite der
Stadt her, nach langem Berathen ebenfalls dem Militär entgegen.

Auf einmal ruft man im Volk nach Befreiung der Gefangenen. Im Arresthaus, das dicht am Rathhaus ||48] liegt, saßen nämlich seit einem Jahr
neunundsechszig Solinger Arbeiter in Verhaft wegen Demolirung der Stahlgußfabrik an der Burg. Ihr Prozeß sollte in wenig Tagen verhandelt werden.
Diese zu befreien, stürzt das Volk nach dem Gef ängniß. Die Thüren weichen,
das Volk dringt ein, die Gefangenen sind frei. Aber zu gleicher Zeit rückt
das Militär vor, eine Salve fällt und der letzte Gefangene, der aus der Thür
eilt, stürzt mit zerschmettertem Schädel nieder.

Das Volk weicht zurück, aber mit dem Ruf zu den Barrikaden. In einem
Nu sind die Zugänge zur innern Stadt verschanzt. Unbewaffnete Arbeiter
sind genug vorhanden, Bewaffnete sind höchstens fünfzig hinter den Barrikaden.

Die deutsche Reichsverfassungskampagne ¢ I. Rheinpreußen

Die Artillerie rückt vor. Wie vorher die Infanterie, so feuert auch sie zu
hoch, wahrscheinlich mit Absicht. Beide Truppentheile bestanden aus
Rheinländern oder Westphalen und waren gut. Endlich rückt der Hauptmann
von Uttenhoven an der Spitze der 8. Compagnie des 16. Regiments vor.

Drei Bewaffnete waren hinter der ersten Barrikade. „Schießt nicht auf
uns", rufen sie, „wir schießen nur auf die Offiziere!" — Der Hauptmann
kommandirt Halt. „Kommandirst du Fertig, so liegst du da", ruft ihm ein
Schütze hinter der Barrikade zu. — „Fertig — An — Feuer!" — Die Salve
kracht, aber auch in demselben Augenblick stürzt der Hauptmann zusammen. Die Kugel hatte ihn mitten durchs Herz getroffen.

Das Peloton zieht sich eiligst zurück; nicht einmal die Leiche des Hauptmanns wird mitgenommen. Noch einige Schüsse fallen, einige Soldaten
werden verwundet, und der kommandirende Offizier, der die Nacht nicht
in der empörten Stadt zubringen will, zieht wieder hinaus, um mit seinen

Truppen eine Stunde vor der Stadt zu bivouakiren. Hinter den Soldaten
erheben sich sogleich von allen Seiten Barrikaden.

Noch denselben Abend kam die Nachricht vom Rückzüge der Preußen
nach Düsseldorf. Zahlreiche Gruppen bildeten sich auf den Straßen; die
kleine Bourgeoisie und die Arbeiter waren in der höchsten Aufregung. Da
gab | das Gerücht, daß neue Truppen nach Elberfeld abgeschickt werden
sollten, das Signal zum Losbruch. Ohne den Mangel an Waffen—die Bürgerwehr war seit November 1848 entwaffnet, — ohne die verhältnißmäßig starke
Garnison und die ungünstigen breiten und graden Straßen der kleinen Ex-
Residenz zu bedenken, riefen einige Arbeiter zu den Barrikaden. In der
Neustraße, Bolkerstraße kamen einige Verschanzungen zu Stande; die
übrigen Theile der Stadt wurden theils durch die schon im Voraus konsignirten Truppen, theils durch die Furcht der großen und kleinen Bürgerschaft
frei gehalten.

Gegen Abend entspann sich der Kampf. Die Barrikadenkämpfer waren,
hier wie überall, wenig zahlreich. Wo sollten sie auch Waffen und Munition
hernehmen? Genug, sie leisteten der Uebermacht langen und tapf ern Widerstand, und erst nach ausgedehnter Anwendung der Artillerie, gegen Morgen,
war das halbe Dutzend Barrikaden, das sich vertheidigen ließ, inden Händen
der Preußen. Man weiß, daß diese vorsichtigen Helden am folgenden Tage
an Dienstmädchen, Greisen und friedlichen Leuten überhaupt blutige Revange nahmen.

An demselben Tage, an dem die Preußen aus Elberfeld zurückgeschlagen
wurden, sollte auch ein Bataillon, wenn wir nicht irren, des 13. Regiments,
nach Iserlohn einrücken und die dortige Landwehr zur Raison bringen. Aber

auch hier wurde dieser Plan vereitelt; sowie die Nachricht vom Anrücken
des Militärs bekannt wurde, verschanzte Landwehr und Volk alle Zugänge

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der Stadt und erwartete den Feind mit geladener Büchse. Das Bataillon wagte
keinen Angriff und zog sich wieder zurück.

Der Kampf in Elberfeld und Düsseldorf und die Verbarrikadirung Iserlohns gaben das Signal zum Aufstand des größten Theils der bergisch-

märki sehen Indu striegegend. Die Solinger stürmten das Gräfrather Zeughau s 5

und bewaffneten sich mit den daraus entnommenen Gewehren und Patronen;
die Hagener schlossen sich in Masse der Bewegung an, bewaffneten sich,
besetzten die Zugänge der Ruhr und schickten Recognoscirungspatrouillen
aus, Solingen, Ronsdorf, Remscheid, Barmen u. s.w. | stellten ihre
Kontingente nach Elberfeld. An den übrigen Orten der Gegend erklärte sich
die Landwehr für die Bewegung und stellte sich zur Verfügung der Frankfurter Versammlung. Elberfeld, Solingen, Hagen, Iserlohn setzten Sicherheitsausschüsse an die Stelle der vertriebenen Kreis- und Lokalbehörden.

Die Nachrichten von diesen Ereignissen wurden natürlich noch ungeheuer
übertrieben. Man schilderte die ganze Wupper- und Ruhrgegend als ein
großes, organisirtes Lager des Aufstandes, man sprach von fünf zehntausend
Bewaffneten in Elberfeld, von ebensoviel in Iserlohn und Hagen. Der plötzliche Schreck der Regierung, der alle ihre Thätigkeit gegenüber diesem Aufstande der treuesten Bezirke mit einem Schlag lähmte, trug nicht wenig dazu
bei, diesen Uebertreibungen Glauben zu verschaffen.

Alle billigen Abzüge für wahrscheinliche Uebertreibungen gemacht, blieb
das eine Faktum unläugbar, daß die Hauptorte des bergisch-märkischen
Industriebezirks im offnen und bis dahin siegreichen Aufstande begriffen
waren. Dies Faktum war da. Dazu kamen die Nachrichten, daß Dresden sich
noch hielt, daß Schlesien gähre, daß die Pfälzer Bewegung sich konsolidire,
daß in Baden eine siegreiche Militärrevolte ausgebrochen und der Großherzog geflohen sei, daß die Magyaren am Jablunka und der Leitha ständen.
Kurz, von allen revolutionären Chancen, die sich der demokratischen und
Arbeiterpartei seit März 1848 geboten hatten, war dies bei weitem die vortheilhafteste, und sie mußte natürlich ergriffen werden. Das linke Rheinufer
durfte das rechte nicht im Stich lassen.

Was war nun zu thun?

Alle größeren Städte der Rheinprovinz sind entweder von starken Citadellen und Forts beherrschte Festungen wie Köln und Koblenz, oder haben
zahlreiche Garnisonen wie Aachen, Düsseldorf und Trier. Außerdem wird
die Provinz noch durch die Festungen Wesel, Jülich, Luxemburg, Saarlouis
und selbst durch Mainz und Minden im Zaum gehalten. In diesen Festungen
und Garnisonen lagen zusammen mindestens dreißigtausend Mann. Köln,
Düsseldorf, Aachen, Trier waren endlich seit längerer Zeit | entwaffnet.
Die revolutionären Centren der Provinz waren also gelähmt. Jeder Auf-
Standsversuch mußte hier, wie dies sich schon in Düsseldorf gezeigt, mit dem

Die deutsche Reichsverfassungskampagne ¢ I. Rheinpreußen

Siege des Militärs endigen; noch ein solcher Sieg, z.B. in Köln, und der
bergisch-märkische Aufstand war trotz der sonst günstigen Nachrichten
moralisch vernichtet. Auf dem linken Rheinufer war an der Mosel, in der
Eifel und dem Crefelder Industriebezirk eine Bewegung möglich; aber diese
Gegend war von sechs Festungen und drei Garnisonsstädten umzingelt. Das
rechte Rheinufer bot dagegen in den bereits insurgirten Bezirken ein dichtbevölkertes, ausgedehntes, durch Wald und Gebirge zum Insurrektionskrieg
wie geschaffenes Terrain dar.

Wollte man also die auf gestandenen Bezirke unterstützen, so war nur Eins
möglich:

Vor allen Dingen in den Festungen und Garnisonsstädten jeden unnützen Krawall vermeiden,

Auf dem linken Rheinufer in den kleineren Städten, in den Fabrikorten
und auf dem Lande eine Diversion machen, um die rheinischen Garnisonen
im Schach zu halten;

Endlich alle disponiblen Kräfte in den insurgirten Bezirk des rechten
Rheinufers werfen, die Insurrektion weiter verbreiten und versuchen, hier
vermittelst der Landwehr den Kern einer revolutionären Armee zu organisiren.

Die neuen preußischen Enthüllungshelden mögen nicht zu früh frohlocken
über das hier enthüllte hochverrätherische Komplott. Leider hat kein Komplott existirt. Die obigen drei Maßregeln sind kein Verschwörungsplan,
sondern ein einfacher Vorschlag, der vom Schreiber dieser Zeilen ausging,
und zwar in dem Augenblick, als er selbst nach Elberfeld abreiste, um die
Ausführung des dritten Punkts zu betreiben. Dank der zerfallenen Organisation der demokratischen und Arbeiter-Partei, Dank der Unschlüssigkeit und klugen Zurückhaltung der meisten aus der kleinen Bourgeoisie
hervorgegangenen Lokalführer, Dank endlich dem Mangel an Zeit, kam es
gar nicht zum Konspiriren. Wenn daher auf dem linken Rheinufer allerdings
der Anfang einer Diversion zu Stande kam, wenn in | Kempen, Neuß und
Umgegend Unruhen ausbrachen und in Prüm das Zeughaus gestürmt wurde,
so waren diese Thatsachen keineswegs Folgen eines gemeinsamen Plans, sie
wurden nur durch den revolutionären Instinkt der Bevölkerung hervorgerufen.

In den insurgirten Bezirken sah es inzwischen ganz anders aus, als die
übrige Provinz voraussetzte. Elberfeld mit seinen — übrigens höchst planlosen und eilig zusammengerafften — Barrikaden, mit den vielen Wachtposten,
Patrouillen und sonstigen Bewaffneten, mit der ganzen Bevölkerung auf den
Straßen, wo nur die große Bourgeoisie zu fehlen schien, mit den rothen und
trikoloren Fahnen nahm sich zwar gar nicht übel aus, im Uebrigen aber
herrschte in der Stadt die größte Verwirrung. Die kleine Bourgeoisie hatte

Friedrich Engels

durch den gleich im ersten Moment gebildeten Sicherheitsausschuß die
Leitung der Angelegenheiten in die Hand genommen. Kaum war sie soweit,
als sie auch schon vor ihrer eignen Macht, so gering sie war, erschrak. Ihre
erste Handlung war, sich durch den Stadtrath, d. h. durch die große Bourgeoisie, legitimiren zu lassen und zum Dank für die Gefälligkeit des Stadtraths
fünf seiner Mitgüeder in den Sicherheitsausschuß aufzunehmen. Dieser so
verstärkte Sicherheitsausschuß entledigte sich denn sofort aller gefährlichen
Thätigkeit, indem er die Sorge für die Sicherheit nach Außen einer Militarkommission überwies, sich selbst aber über diese Kommission eine
mäßigende und hemmende Aufsicht vorbehielt. Somit vor aller Berührung
mit dem Aufstande gesichert, durch die Väter der Stadt selbst auf den
Rechtsboden verpflanzt, konnten die zitternden Kleinbürger des Sicherheitsausschusses sich darauf beschränken, die Gemüther zu beruhigen, die
laufenden Geschäfte zu besorgen, „Mißverständnisse" aufzuklären, abzuwiegeln, die Sache in die Länge zu ziehn und jede energische Thätigkeit unter
dem Vorwande zu lähmen, man müsse vorerst die Antwort auf die nach
Berlin und Frankfurt geschickten Deputationen abwarten. Die übrige Kleinbürgerschaft ging natürlich Hand in Hand mit dem Sicherheitsausschuß,
wiegelte überall ab, verhinderte möglichst alle Fortführung der Vertheidigungsmaßregeln und der Bewaffnung, und | schwankte fortwährend über

die Grenze ihrer Betheiligung am Aufstande. Nur ein kleiner Theil dieser
Klasse war entschlossen, sich mit den Waffen in der Hand zu vertheidigen,
falls die Stadt angegriffen würde. Die große Mehrzahl suchte sich selbst
einzureden, ihre bloßen Drohungen und die Scheu vor dem, fast unvermeidlichen Bombardement Elberfelds werde die Regierung zu Konzessionen
bewegen; im Uebrigen aber hielt sie sich für alle Fälle den Rücken frei.

Die große Bourgeoisie war im ersten Augenblick nach dem Gefecht wie
niedergedonnert. Sie sah Brandstiftung, Mord, Plünderung und wer weiß
welche Gräuel vor ihrer erschreckten Phantasie aus der Erde wachsen. Die
Konstituirung des Sicherheitsausschusses, dessen Majorität: Stadträthe,
Advokaten, Staatsprokuratoren, gesetzte Leute, ihr plötzlich eine Garantie
für Leben und Eigenthum bot, erfüllte sie daher mit einem mehr als fanatischen Entzücken. Dieselben großen Kaufleute, Türkischroth-Färber, Fabrikanten, die bisher die Herren Karl Hecker, Riotte, Höchster u. s.w. als
blutdürstige Terroristen verschrieen hatten, stürzten jetzt in Masse aufs
Rathhaus, umarmten eben dieselbigen angeblichen Blutsäufer mit der
fieberhaftesten Innigkeit, und deponirten Tausende von Thalern auf dem
Tische des Sicherheitsausschusses. Es versteht sich von selbst, daß eben
dieselben begeisterten Bewunderer und Unterstützer des Sicherheitsausschusses nach dem Ende der Bewegung nicht nur über die Bewegung selbst,
sondern auch über den Sicherheitsausschuß und seine Mitglieder die abge-

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + I. Rheinpreußen

schmacktesten und gemeinsten Lügen verbreiteten, und den Preußen mit
derselben Innigkeit für die Befreiung von einem Terrorismus dankten, der
nie existirt hatte. Unschuldige konstitutionelle Bürger, wie die Herren
Hecker, Höchster und der Staatsprokurator Heintzmann, wurden wieder als
Schreckensmänner und Menschenfresser geschildert, denen die Verwandtschaft mit Robespierre und Danton auf dem Gesicht geschrieben stand. Wir
halten es für unsre Schuldigkeit, unsrerseits genannte Biedermänner von
dieser Anklage vollständig freizusprechen. Im Uebrigen begab sich der
größte Theil der hohen Bourgeoisie möglichst rasch mit Weib und Kind |
[543 unter den Schutz des Düsseldorfer Belagerungszustandes, und nur der
kleinere, couragirtere Theil blieb zurück um sein Eigenthum auf alle Fälle
zu schützen. Der Oberbürgermeister saß während des Aufstandes verborgen
in einer umgeworfenen, mit Mist bedeckten Droschke. Das Proletariat, einig
im Moment des Kampfes, spaltete sich, sobald das Schwanken des Sicherheitsausschusses und der Kleinbürgerschaft hervortrat. Die Handwerker, die
eigentlichen Fabrikarbeiter, ein Theil der Seidenweber waren entschieden
für die Bewegung; aber sie, die den Kern des Proletariats bildeten, hatten
fast gar keine Waffen. Die Rothfärber, eine robuste, gutbezahlte Arbeiterklasse, roh und deßhalb reaktionär wie alle Fraktionen von Arbeitern, bei
deren Geschäft es mehr auf Körperkraft als auf Geschicklichkeit ankommt,
waren schon in den ersten Tagen gänzlich gleichgültig geworden. Sie allein
von allen Industriearbeitern arbeiteten während der Barrikadenzeit fort ohne
sich stören zu lassen. Das Lumpenproletariat endlich war wie überall vom
zweiten Tage der Bewegung an, käuflich, verlangte Morgens vom Sicherheitsausschuß Waffen und Sold, und ließ sich Nachmittags von der großen
Bourgeoisie erkaufen, um ihre Gebäude zu schützen oder um Abends die
Barrikaden niederzureißen. Im Ganzen stand es auf der Seite der Bourgeoisie, die ihm am besten zahlte und mit deren Geld es während der Dauer der
Bewegung sich flotte Tage machte.

Die Nachlässigkeit und Feigheit des Sicherheitsausschusses, die Uneinigkeit der Militärkommission, in der die Partei der Unthätigkeit anfangs die
Majorität hatte, verhinderten von vorn herein jedes entschiedene Auftreten.
Vom zweiten Tage an, trat die Reaktion ein. Von Anfang an zeigte es sich,
daß in Elberfeld nur unter der Fahne der Reichsverfassung, nur im Einver-

ständnisse mit der kleinen Bourgeoisie auf Erfolg zu rechnen war. Das
Proletariat war einerseits gerade hier erst zu kurze Zeit aus der Versumpfung
des Schnapses und des Pietismus herausgerissen, als daß die geringste
Anschauung von den Bedingungen seiner Befreiung hätte in die Massen
dringen können, andrerseits hatte es einen zu instinktiven |]55] Haß gegen
die Bourgeoisie, war es viel zu gleichgültig gegen die bürgerliche Frage der
Reichsverfassung, als daß es sich für dergleichen trikolore Interessen hätte

Friedrich Engels

enthusiasmiren können. Die entschiedene Partei, die einzige, der es mit der
Vertheidigung Ernst war, kam dadurch in eine schiefe Stellung. Sie erklärte
sich für die Reichsverfassung. Aber die kleine Bourgeoisie traute ihr nicht,
verlästerte sie in jeder Weise beim Volke, hemmte alle ihre Maßregeln zur
Bewaffnung und Befestigung. Jeder Befehl, der dazu dienen konnte, die
Stadt wirklich in Vertheidigungszustand zu setzen, wurde sofort contremandirt vom ersten besten Mitglied des Sicherheitsausschusses. Jeder
Spießbürger, dem man eine Barrikade vor die Thüre setzte, lief sogleich aufs
Rathhaus und verschaffte sich einen Gegenbefehl. Die Geldmittel zur Bezahlung der Barrikadenarbeiter — und sie verlangten nur das Nöthigste um nicht
zu verhungern — waren nur mit Mühe und im knappsten Maß vom Sicherheitsausschuß herauszupressen. Der Sold und die Verpflegung der Bewaffneten wurde unregelmäßig besorgt und war oft unzureichend. Während fünf
bis sechs Tage war weder Revue noch Appell der Bewaffneten zu Stande
zu bringen, so daß kein Mensch wußte, auf wieviel Kämpfer man für den
Nothfall rechnen konnte. Erst am fünften Tage wurde eine Eintheilung der
Bewaffneten versucht, die aber nie zur Ausführung kam und auf einer totalen
Unkenntniß der Streitkräfte beruhte. Jedes Mitglied des Sicherheitsausschusses agirte auf eigene Faust. Die widersprechendsten Befehle durchkreuzten sich, und nur darin stimmten die meisten dieser Befehle überein,
daß sie die gemüthliche Konfusion vermehrten und jeden energischen Schritt
verhinderten. Dem Proletariat wurde dadurch vollends die Bewegung verleidet und nach wenigen Tagen erreichten die großen Bourgeois und die Kleinbürger ihren Zweck, die Arbeiter möglichst gleichgültig zu machen.

Als ich am 11. Mai nach Elberfeld kam, waren wenigstens 2500—3000 Bewaffnete vorhanden. Von diesen Bewaffneten waren aber nur die fremden
Zuzüge und die wenigen bewaffneten Elberfelder Arbeiter zuver|lassig.
Die Landwehr schwankte; die Mehrzahl hatte ein gewaltiges Grauen vor der
Kettenstrafe. Sie waren anfangs wenig zahlreich, verstärkten sich aber
durch den Zutritt aller Unentschiedenen und Furchtsamen aus den übrigen
Detachements. Die Bürgerwehr endlich, hier vom Anfang an reaktionär und
direkt zur Unterdrückung der Arbeiter errichtet, erklärte sich neutral und
wollte bloß ihr Eigenthum schützen. Alles dies stellte sich indeß erst im Laufe
der nächsten Tage heraus; inzwischen aber verlief sich ein Theil der fremden
Zuzüge und der Arbeiter, schmolz die Zahl der wirklichen Streitkräfte in
Folge des Stillstandes der Bewegung zusammen, während die Bürgerwehr
immer mehr zusammenhielt und mit jedem Tage ihre reaktionären Gelüste
unverholener aussprach. Sie riß in den letzten Nächten schon eine Anzahl
Barrikaden nieder. Die bewaffneten Zuzüge, die im Anfang gewiß über
1000 Mann betrugen, hatten sich am 12. oder 13. schon auf die Hälfte reduzirt, und als es endlich zu einem Generalappell kam, stellte sich heraus,

Die deutsche Reichsverfassungskampagne ¢ I. Rheinpreußen

daß die ganze bewaffnete Macht, auf die man rechnen konnte, höchstens
noch 7—800 Mann betrug. Landwehr und Bürgerwehr weigerten sich, auf
diesem Appell zu erscheinen.

Damit nicht genug. Das insurgirte Elberfeld war von lauter angeblich „neutralen" Orten umgeben. Barmen, Kronenberg, Lennep, Lüttringhausen
u. s. w. hatten sich der Bewegung nicht angeschlossen. Die revolutionären
Arbeiter dieser Orte, so weit sie Waffen hatten, waren nach Elberfeld
marschirt. Die Bürgerwehr, in allen diesen Orten reines Instrument in den
Händen der Fabrikanten zur Niederhaltung der Arbeiter, aus den Fabrikanten, ihren Fabrikaufsehern und den von den Fabrikanten gänzlich abhängigen Krämern zusammengesetzt, beherrschte diese Orte im Interesse der
„Ordnung" und der Fabrikanten. Die Arbeiter selbst, durch ihre mehr ländliche Zerstreuung der politischen Bewegung ziemlich fremd gehalten, waren
durch Anwendung der bekannten Zwangsmittel und durch Verleumdung

15 über den Charakter der Elberfelder Bewegung theil weise auf die Seite der

Fabrikanten gebracht; bei den Bauern wirkte die Ver|leumdung vollends
unfehlbar. Dazu kam, daß die Bewegung in eine Zeit fiel, wo nach fünfzehnmonatlicher Geschäftskrise die Fabrikanten endlich wieder Aufträge vollauf
hatten, und daß wie bekannt, mit gutbeschäftigten Arbeitern keine Revolution zu machen ist — ein Umstand, der auch in Elberfeld sehr bedeutend
wirkte. Daß unter allen diesen Umständen die „neutralen" Nachbarn nur
ebensoviel versteckte Feinde waren, liegt auf der Hand.

Noch mehr. Die Verbindung mit den übrigen insurgirten Bezirken war
keinesweges hergestellt. Von Zeit zu Zeit kamen einzelne Leute von Hagen
herüber; von Iserlohn wußte man so gut wie gar nichts. Es boten sich einzelne
Leute zu Emissären an, aber keinem war zu trauen. Mehrere Boten zwischen Elberfeld und Hagen sollen in Barmen und Umgegend von der
Bürgerwehr arretirt worden sein. Der einzige Ort mit dem man in Verbindung
stand, war Solingen, und dort sah es gerade so aus, wie in Elberfeld. Daß
es nicht schlimmer dort aussah, war nur der guten Organisation und der
Entschlossenheit der Solinger Arbeiter zu verdanken, die 4-500 Bewaffnete
nach Elberfeld geschickt hatten, immer noch stark genug waren, ihrer
Bourgeoisie und ihrer Bürgerwehr zu Hause das Gleichgewicht zu halten.
Wären die Elberfelder Arbeiter so entwickelt und so organisirt gewesen, wie
die Solinger, die Chancen hätten ganz anders gestanden.

Unter diesen Umständen war nur noch Eins möglich: Ergreifung einiger
rascher, energischer Maßregeln, die der Bewegung wieder Leben verliehen,
ihr neue Streitkräfte zuführten, ihre inneren Gegner lähmten, und sie im
ganzen bergisch-märkischen Industriebezirk möglichst kräftig organisirten.

Der erste Schritt war die Entwaffnung der Elberfelder Bürgerwehr, und die
Vertheilung ihrer Waffen unter die Arbeiter, und die Erhebung einer

Friedrich Engels

Zwangssteuer zum Unterhalt der so bewaffneten Arbeiter. Dieser Schritt
brach entschieden mit der ganzen bisherigen Schlaffheit des Sicherheitsausschusses, gab dem Proletariat neues Leben und lähmte die Widerstandsfähigkeit der „neutralen" Distrikte. Was nachher zu thun war, um auch aus diesen |
 Distrikten Waffen zu erhalten, die Insurrektion weiter auszudehnen und
die Vertheidigung des ganzen Bezirks regelmäßig zu organisiren, hing von
dem Erfolge dieses ersten Schrittes ab. Mit einem Beschluß des Sicherheitsausschusses in der Hand und mit den vierhundert Solingern allein wäre
übrigens die Elberfelder Bürgerwehr im Nu entwaffnet gewesen. Ihr Heldenmuth war nicht der Rede werth.

Der Sicherheit der noch im Gefängniß gehaltenen Elberfelder Maiangeklagten bin ich die Erklärung schuldig, daß alle diese Vorschläge einzig und
allein von mir ausgingen. Die Entwaffnung der Bürgerwehr vertrat ich vom
ersten Augenblicke an, als die Geldmittel des Sicherheitsausschusses zu
schwinden begannen.

Aber der löbliche Sicherheitsausschuß fand sich durchaus nicht gemüßigt,
auf dergleichen „terroristische Maßregeln" einzugehen. Das Einzige, was ich
durchsetzte, oder vielmehr mit einigen Corpsführern — die alle glücklich
entkamen und theilweise schon in Amerika sind—auf eigene Faust ausführen
ließ, war die Abholung von etwa achtzig Gewehren der Kronenberger
Bürgerwehr, die auf dem dortigen Rathhaus aufbewahrt wurden. Und diese
Gewehre, höchst leichtsinnig vertheilt, kamen meistens in die Hände von
schnapslustigen Lumpenproletariern, die sie denselben Abend noch an die
Bourgeois verkauften. Diese Herren Bourgeois nämlich schickten Agenten
unter das Volk, um möglichst viel Gewehre aufzukaufen und zahlten einen
ziemlich hohen Preis dafür. Das Elberfelder Lumpenproletariat hat so
mehrere Hundert Gewehre den Bourgeois abgeliefert, die ihm durch die
Nachlässigkeit und Unordnung der improvisirten Behörden in die Hände
gerathen waren. Mit diesen Gewehren wurden die Fabrikaufseher, die zuverlässigsten Farber etc. etc. bewaffnet, und die Reihen der ,,gutgesinnten"
Bürgerwehr verstärkten sich von Tage zu Tage.

Die Herren vom Sicherheitsausschuß antworteten auf jeden Vorschlag zur
bessern Vertheidigung der Stadt, das seija Alles unnütz, die Preußen würden
sich sehr hüten zu kommen, sie würden sich nicht in die Berge wagenu. s. w.
Sie selbst wußten sehr gut, daß sie da|mit die plumpsten Mährchen
verbreiteten, daß die Stadt von allen Höhen selbst mit Feldgeschütz zu
beschießen, daß gar nichts auf eine nur einigermaßen ernsthafte Vertheidigung eingerichtet war, und daß bei dem Stillstand der Insurrektion und der
kolossalen preußischen Uebermacht nur noch ganz außerordentliche Ereignisse den Elberfelder Aufstand retten konnten.

Die preußische Generalität schien indeß auch keine rechte Lust zu haben,

lo

Die deutsche Reichsverfassungskampagne - I. Rheinpreußen

sich auf ein ihr so gut wie gänzlich unbekanntes Terrain zu begeben, bevor
sie eine in jedem Fall wahrhaft erdrückende Streitmacht zusammengezogen.
Die vier offnen Städte Elberfeld, Hagen, Iserlohn und Solingen imponirten
diesen vorsichtigen Kriegshelden so sehr, daß sie eine vollständige Armee
von zwanzig Tausend Mann nebst zahlreicher Cavallerie und Artillerie aus
Wesel, Westphalen und den östlichen Provinzen zum Theil mit der Eisenbahn herankommen und ohne einen Angriff zu wagen, hinter der Ruhr eine
regelrechte strategische Aufstellung formiren ließen. Oberkommando und
Generalstab, rechter Flügel, Centrum, Alles war in der schönsten Ordnung,
gerade als habe man eine kolossale feindliche Armee sich gegenüber, als gelte
es eine Schlacht gegen einen Bern oder Dembinski, nicht aber einen ungleichen Kampf gegen einige Hundert unorganisirter Arbeiter, schlecht bewaffnet, fast ohne Führer und im Rücken verrathen von denen, die ihnen die
Waffen in die Hand gegeben hatten!

Man weiß, wie die Insurrektion geendigt hat. Man weiß, wie die Arbeiter,
überdrüssig des ewigen Hinhaltens, der zaudernden Feigheit und des verrätherischen Einschläferns der Kleinbürgerschaft, endlich von Elberfeld
auszogen um sich nach dem ersten besten Lande durchzuschlagen in dem
die Reichsverfassung ihnen irgend welchen Schutz böte. Man weiß, welche

Hetzjagd auf sie durch preußische Ulanen und aufgestachelte Bauern gemacht worden ist. Man weiß wie sogleich nach ihrem Abzug die große
Bourgeoisie wieder hervorkroch, die Barrikaden abtragen ließ und den
herannahenden preußischen Helden Ehrenpforten baute. Man weiß, wie
Hagen und Solingen fso] durch direkten Verrath der Bourgeoisie den Preu-
Ben in die Hände gespielt wurde und nur Iserlohn den mit Beute schon
beladenen Siegern von Dresden, dem 24. Regiment, einen zweistündigen
ungleichen Kampf lieferte.
Ein Theil der Elberfelder, Solinger und Mülheimer Arbeiter kam glücklich
durch nach der Pfalz. Hier fanden sie ihre Landsleute, die Flüchtlinge vom
Prümer Zeughaussturm. Mit diesen zusammen bildeten sie eine fast nur aus
Rheinländern bestehende Compagnie im Willichschen Freicorps. Alle ihre
Kameraden müssen ihnen das Zeugniß geben, daß sie sich, wo sie ins Feuer
kamen und namentlich in dem letzten entscheidenden Kampf, an der Murg
sehr brav geschlagen haben. —

Die Elberfelder Insurrektion verdiente schon deßhalb eine ausführlichere
Schilderung, weil gerade hier die Stellung der verschiedenen Klassen in der
Reichsverfassungs-Bewegung am schärfsten ausgesprochen, am weitesten
entwickelt war. In den übrigen bergisch-märkischen Städten glich die Bewegung vollständig der Elberfelder, nur daß dort die Betheiligung oder Nichtbe-

theiligung der verschiedenen Klassen an der Bewegung mehr durcheinander
läuft, weil dort die Klassen selbst nicht so scharf geschieden sind wie im

Friedrich Engels

industriellen Centrum des Bezirks. In der Pfalz und in Baden, wo die
konzentrirte große Industrie, mit ihr die entwickelte große Bourgeoisie fast
gar nicht existirt, wo die Klassenverhältnisse viel gemüthlicher und patriarchalischer durcheinander schwimmen, war die Mischung der Klassen, die
die Träger der Bewegung waren, noch viel verworrener. Wir werden dies
später sehen, wir werden aber auch zugleich sehen, wie alle diese Beimischungen des Aufstandes sich schließlich ebenfalls um die Kleinbürgerschaft
als den Krystallisationskern der ganzen Reichs Verfassungs-Herrlichkeit
gruppiren.

Die Aufstandsversuche in Rheinpreußen im Mai v.J. stellen deutlich
heraus, welche Stellung dieser Theil Deutschlands in einer revolutionären
Bewegung einnehmen kann. Umzingelt von sieben Festungen, davon drei
für Deutschland ersten Ranges, fortwährend besetzt von fast dem dritten
Theil der ganzen preußischen Armee, durchschnitten in allen Richtungen von
Eisenbahnen, mit einer | ganzen Dampftransportflotte zur Verfügung der
Militärmacht, hat ein rheinischer Aufstand nur unter ganz außerordentlichen
Bedingungen Chance des Erfolgs. Nur wenn die Citadellen in den Händen
des Volks sind, können die Rheinländer mit den Waffen in der Hand etwas
ausrichten. Und dieser Fall kann nur eintreten, entweder wenn die Militärgewalt durch gewaltige äußere Ereignisse terrorisirt und kopflos gemacht wird,
oder wenn das Militär sich ganz oder theilweise für die Bewegung erklärt.
In jedem andern Falle ist ein Aufstand in der Rheinprovinz von vorn herein
verloren. Ein rascher Marsch der Badenser nach Frankfurt und der Pfälzer
nach Trier, hätte wahrscheinlich die Wirkung gehabt, daß der Aufstand an

der Mosel und in der Eif el, in Nassau und den beiden Hessen sofort losgebro-

chen wäre, daß die damals noch gut gestimmten Truppen der mittelrheinischen Staaten sich der Bewegung angeschlossen hätten. Es ist keinem
Zweifel unterworfen, daß alle rheinischen Truppen und namentlich die ganze
7. und 8. Artilleriebrigade ihrem Beispiel gefolgt wären, daß sie wenigstens
ihre Gesinnung laut genug kund gegeben hätten um der preußischen Generalität den Kopf verlieren zu machen. Wahrscheinlich wären mehrere Festungen in die Hände des Volkes gefallen, und wenn auch nicht Elberfeld, so war
doch jedenfalls der größte Theil des linken Rheinufers gerettet. Alles das,
und vielleicht noch viel mehr ist verloren gegangen durch die schäbige,
pfahlbürgerlich-feige Politik des hochweisen badischen Landesausschusses.

Mit der Niederlage der rheinischen Arbeiter ging auch das Blatt zu Grunde,
in dem allein sie ihre Interessen offen und entschieden vertreten sahen — die
Neue Rhein. Zeitung. Der Redakteur en chef, obwohl geborner Rheinpreuße,
wurde aus Preußen ausgewiesen, den andern Redakteuren stand, den Einen
direkte Verhaftung, den Andern sofortige Ausweisung bevor. Die Kölner

5

Die deutsche Reichsverfassungskampagne «+ II. Karlsruhe

Polizei erklärte dies mit der größten Naivetät und bewies ganz detaillirt, daß
sie gegen jeden genug Thatsachen wisse, um in der einen oder der andern
Weise einschreiten zu können. Somit mußte das Blatt, in dem Augenblick
wo die unerhört rasch gewachsene Verbreitung seine Existenz mehr |62J als
sicher stellte, aufhören zu erscheinen. Die Redakteure vertheilten sich auf
die verschiedenen insurgirten oder noch zu insurgirenden deutschen Länder;
mehrere gingen nach Paris, wo ein abermaliger Wendepunkt bevorstand. Es
ist keiner unter ihnen, der nicht während oder in Folge der Bewegungen
dieses Sommers verhaftet oder ausgewiesen worden wäre und so das Schicksal erreicht hätte das die Kölner Polizei so gütig war ihm zu bereiten. Ein
Theil der Setzer ging nach der Pfalz und trat in die Armee.

Auch die rheinische Insurrektion hat tragisch enden müssen. Nachdem
drei Viertel der Rheinprovinz in Belagerungszustand versetzt, nachdem
Hunderte ins Gefängniß geworfen worden, schließt sie mit der Erschießung

dreier Prümer Zeughausstürmer am Vorabend des Geburtstags Friedrich
Wilhelm IV. von Hohenzollern. Vae victis!

Il.
Karlsruhe.

Der Aufstand in Baden kam unter den günstigsten Umständen zu Stande,
in denen eine Insurrektion sich nur befinden kann. Das ganze Volk war einig
in dem Haß gegen eine wortbrüchige, achselträgerische und in ihren politischen Verfolgungen grausame Regierung. Die reaktionären Klassen, Adel,
Büreaukratie und große Bourgeoisie waren wenig zahlreich. Eine große
Bourgeoisie besteht überhaupt in Baden nur embryonisch. Mit Ausnahme
dieser wenigen Adeligen, Beamten und Bourgeois, mit Ausnahme der
Karlsruher und Baden-Badener vom Hof und von reichen Fremden lebenden
Krämer, mit Ausnahme einiger Heidelberger Professoren und eines halben
Dutzend Bauerndörfer um Karlsruhe war das ganze Land ungetheilt für die
Bewegung. Die Armee, die in andern Aufständen erst besiegt werden mußte,
die Armee, vonihren adligen Offizieren mehr als irgendwo anders chikanirt,
seit einem Jahr von der demokratischen Partei | bearbeitet, seit Kurzem
durch Einführung einer Art allgemeinen Wehrpflicht noch mehr mit rebellischen Elementen versetzt, die Armee stellte sich hier an die Spitze der
Bewegung und trieb sie sogar weiter als die bürgerlichen Leiter der Of f enburger Versammlung wollten. Die Armee gerade war es, die in Rastatt und
Karlsruhe die „Bewegung" in eine Insurrektion verwandelte.
Die insurrektioneile Regierung fand also bei ihrem Amtsantritt eine fertige

Friedrich Engels

Armee, reichlich versehene Arsenale, eine vollständig organisirte Staatsmaschine, einen gefüllten Staatsschatz und eine so gut wie einstimmige Bevölkerung vor. Sie fand ferner auf dem linken Rheinufer, in der Pfalz, eine
bereits fertige Insurrektion vor, die ihr die linke Flanke deckte; in Rheinpreu-
ßen eine Insurrektion, die zwar stark bedroht, aber noch nicht besiegt war;
in Würtemberg, in Franken, in beiden Hessen und Nassau eine allgemeine
Aufregung, selbst unter der Armee, die nur eines Funkens bedurfte, um den
badischen Aufstand in ganz Süd- und Mitteldeutschland zu wiederholen und
wenigstens 50—60 000 Mann regulärer Truppen der Empörung zu Gebot zu
stellen.

Was unter diesen Umständen zu thun war, ist so einfach und handgreiflich,
daß jetzt nach der Unterdrückung des Aufstandes Jedermann es weiß, Jedermann es gleich vom Anfang gesagt haben will. Es handelte sich darum,
sofort und ohne einen Augenblick zu zaudern, den Aufstand weiter zu tragen,
nach Hessen, Darmstadt, Frankfurt, Nassau und Würtemberg. Es handelte
sich darum, sofort von den disponiblen regulären Truppen 8—10 000 Mann
zusammenzuraffen — mit der Eisenbahn konnte das in zwei Tagen geschehen
— und sie nach Frankfurt zu werfen — „zum Schutz der Nationalversammlung". Die erschrockene Hessische Regierung war durch die Schlag auf
Schlag einander folgenden Fortschritte des Aufstandes wie festgebannt; ihre
Truppen waren notorisch günstig gestimmt für die Badenser; sie so wenig,
wie der Frankfurter Senat konnten den mindesten Widerstand leisten. Die
in Frankfurt stationirten kurhessischen, würtembergischen und darmstädter
Truppen waren für die Bewegung; die dortigen Preußen—meist Rheinländer |
 — schwankten; die Oesterreicher waren wenig zahlreich. Die Ankunft
der Badenser, man mochte nun versuchen sie zu verhindern oder nicht,
mußte die Insurrektion bis ins Herz beider Hessen und Nassau's tragen, den
Rückzug der Preußen und Oestreicher nach Mainz erzwingen und die zitternde deutsche sogenannte Nationalversammlung unter denterrorisirenden
Einfluß einer insurgirten Bevölkerung und einer insurgirten Armee stellen.
Brach dann der Aufstand an der Mosel, in der Eifel, in Würtemberg und
Franken nicht sofort los, so waren Mittel genug vorhanden, ihn auch in diese
Provinzen zu tragen.

Man mußte ferner die Macht der Insurrektion centralisiren, ihr die nöthigen Geldmittel zur Verfügung stellen, und durch sofortige Abschaffung aller
Feudallasten diö große ackerbautreibende Mehrzahl der Bevölkerung bei der
Insurrektion interessiren. Herstellung einer gemeinsamen Centraimacht für
Krieg und Finanzen, mit der Vollmacht Papiergeld*) auszugeben, zunächst
für Baden und die Pfalz, Aufhebung aller Feudallasten in Baden und jedem

*' Die badischen Kammern hatten früher schon eine Emission von zwei Millionen Papiergeld
genehmigt, von denen noch kein Kreuzer ausgegeben war.

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + II. Karlsruhe

von der Insurrektionsarmee besetzten Bezirk hätte vor der Hand hingereicht,
um dem Aufstand einen ganz anders energischen Charakter zu geben.

Alles das mußte jedoch im ersten Augenblick geschehen, um mit der
Schnelligkeit durchgeführt zu werden, die allein den Erfolg sichern konnte.
Acht Tage nach Einsetzung des Landesausschusses war es schon zu spät.
Die rheinische Insurrektion war unterdrückt, Würtemberg und Hessen rührten sich nicht, die anfangs günstig gestimmten Truppentheile wurden unsicher, sie folgten schließlich wieder ganz ihren reaktionären Offizieren. Der
Aufstand hatte seinen allgemein-deutschen Charakter verloren, er war ein

rein badischer oder badisch-pfälzischer Lokalaufstand geworden.

Wie ich nach Beendigung des Kampfes erfahren, hatte der ehemalige
badische Unterlieutnant F. Sigel, der während des Aufstandes als „Oberst"
und später als | „Obergeneral" sich einen mehr oder weniger zweideutigen Zwerglorbeer errang, gleich im Anfang dem Landesausschuß einen Plan

vorgelegt, nach dem man die Offensive ergreifen sollte. Dieser Plan hat das
Verdienst, den richtigen Gedanken zu enthalten, daß unter allen Umständen
angegriffen werden müsse; im Uebrigen ist er der Abenteuerlichste der nur
vorgeschlagen werden konnte. Sigel wollte mit einem badischen Corps zuerst
nach Hohenzollern rücken und die Hohenzollersche Republik proklamiren,
sodann Stuttgart nehmen und von da, nach Insurgirung Würtembergs, auf
Nürnberg marschiren, und im Herzen des ebenfalls insurgirten Frankens ein
großes Lager aufschlagen. Man sieht daß dieser Plan die moralische Wichtigkeit Frankfurts, dessen Besitz der Insurrektion erst einen allgemein deutschen Charakter gab, und die strategische Wichtigkeit der Mainlinie gänzlich
unberücksichtigt ließ. Man sieht, daß er ganz andre Streitkräfte voraussetzte
als wirklich disponibel waren, und daß er sich schließlich, nach einem vollständig Donquixotischen oder Schillschen Streifzug ins Blaue verlief, um —
dem Aufstand die stärkste, die unter allen süddeutschen Armeen einzig
entschieden feindliche Armee, die bairische, sofort auf die Fersen zu hetzen
noch ehe er sich durch den Uebertritt der hessischen und nassauischen
Truppen verstärken konnte.

Die neue Regierung ließ sich auf gar keine Offensive ein, unter dem
Vorwand, die Soldaten seien fast sämmtlich auseinander- und nach Hause
gegangen. Abgesehen davon, daß dies nur bei einzelnen wenigen Truppentheilen, namentlich beim Leibregiment der Fall war, so waren selbst diese
auseinandergegangenen Soldaten binnen drei Tagen fast alle wieder bei ihren
Fahnen.

Die Regierung hatte übrigens ganz andere Gründe, sich gegen jede Offensive zu sträuben.

An der Spitze der ganzen badischen Reichsverfassungs-Agitation stand
Herr Brentano, ein Advokat, der mit dem immer etwas mesquinen Ehrgeiz

Friedrich Engels

eines deutschen Kleinstaaten-Volksmannes, und mit der anscheinenden
Gesinnungstüchtigkeit die in Süddeutschland überhaupt die erste Bedingung
aller Popularität ist, eine gewisse diplomatische Schlauheit verband, die
hinreichte seine | ganze Umgebung mit Ausnahme vielleicht eines Einzigen vollständig zu beherrschen. Herr Brentano— es ist jetzt trivial geworden,
aber es ist richtig — Herr Brentano und seine Partei, die stärkste im Lande,
verlangte auf der Offenburger Versammlung weiter nichts, als Veränderungen der großherzoglichen Politik die nur mit einem Ministerium Brentano
möglich waren. Die Antwort des Großherzogs, die allgemeine Agitation
riefen die Rastatter Militärrevolte hervor — gegen den Willen und die Absichten Brentanos. In dem Augenblick, als Herr Brentano an die Spitze des
Landesausschusses gesetzt wurde, war er schon überholt von der Bewegung,
mußte er sie schon zu hemmen suchen. Da kam der Krawall in Karlsruhe
hinzu; der Großherzog floh, und derselbe Umstand, der Herrn Brentano an
die Spitze der Verwaltung rief, der ihm so zu sagen diktatorische Gewalt gab,
vereitelte alle seine Pläne, brachte ihn dahin, diese Gewalt gegen dieselbe
Bewegung zu verwenden, die ihm die Gewalt verschafft hatte. Während das
Volk über die Entfernung des Großherzogs jubelte, saßen Herr Brentano und
sein getreuer Landesausschuß wie auf Kohlen.

Dieser Landesausschuß, fast ausschließlich aus badischen Biedermännern
mit der tüchtigsten Gesinnung und mit den unklarsten Köpfen bestehend,
aus „reinen Republikanern" die vor der Proklamirung der Republik zitterten
und vor der geringsten energischen Maßregel sich bekreuzten — dieser ächte
Spießbürgerausschuß war natürlich ganz von Brentano abhängig. Die Rolle,
die in Elberfeld der Advokat Höchster übernommen hatte, diese Rolle
übernahm hier auf einem etwas größeren Terrain der Advokat Brentano. Von
den drei fremdartigen Elementen, die aus dem Gef ängniß in den Landesausschuß kamen, Blind, Fickler und Struve, wurde Blind so sehr von Brentanoschen Intriguen umsponnen, daß ihm, der ganz allein stand, nichts übrig
blieb, als in der Eigenschaft eines Vertreters von Baden ins Exil nach Paris
zu wandern; Fickler mußte eine gefährliche Mission nach Stuttgart übernehmen; Struve erschien Herrn Brentano so wenig gefährlich, daß er ihn ruhig
im Landesausschuß duldete, ihn überwachte und ihn unpopular | zu
machen suchte, was ihm auch vollständig gelang. Man weiß, wie Struve mit
mehren Andern einen „Club des entschiedenen (oder vielmehr besonnenen)
Fortschritts" stiftete, der nach einer verfehlten Demonstration aufgelöst
wurde. Wenige Tage nachher war Struve in der Pfalz, mehr oder weniger
„Flüchtling", und versuchte dort abermals seinen „deutschen Zuschauer"
herauszugeben. Die Probenummer war kaum erschienen, als die Preußen
einrückten.

Der Landesausschuß, von vorn herein ein reines Werkzeug Brentano's,

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + I. Karlsruhe

erwählte ein Executivcomite, an dessen Spitze abermals Brentano stand.
Dieses Executivcomité ersetzte sehr bald den Landesausschuß fast ganz, ließ
sich höchstens von ihm die Crédite und die getroffenen Maßregeln bestätigen, und entfernte die mehr oder weniger unzuverlässigen Mitglieder des
größeren Ausschusses durch allerlei untergeordnete Missionen in die Kreise
oder zur Armee. Endlich beseitigte es den Landesausschuß vollständig durch
die ganz unter Brentanos Einfluß gewählte „Konstituante", und verwandelte
sich in eine „provisorische Regierung", deren Haupt natürlich abermals Herr
Brentano war. Er war es, der die Minister ernannte. Und welche Minister

10 — Florian Mordes und Mayerhof er!

Herr Brentano war der vollkommenste Repräsentant des badischen Kleinbürgerthums. Er unterschied sich von der Masse der Kleinbürger und ihrer
sonstigen Repräsentanten nur dadurch, daß er zu einsichtig war, um alle ihre
Illusionen zu theilen. Herr Brentano hat die badische Insurrektion vom

ersten Augenblick an verrathen, und gerade deßwegen, weil er die Lage der

Dinge vom ersten Augenblick an richtiger erkannte als irgend eine andere
offizielle Person in Baden, weil er die einzigen Maßregeln ergriff, die der
Kleinbürgerschaft die Herrschaft bewahren, aber ebendeßhalb auch die
ganze Insurrektion zu Grunde richten mußten. Dies ist das Geheimniß der
damaligen grenzenlosen Popularität Brentanos, und zugleich das Geheimniß
der Beschimpfungen, die seit Juli von seinen ehemaligen Verehrern auf ihn
gehäuft werden. Die badischen Kleinbürger waren der Masse | [68J nach eben
so gut Verräther, wie Brentano; sie waren zu gleicher Zeit düpirt, was er nicht
war. Sie verriethen aus Feigheit, sie ließen sich düpiren aus Dummheit.

In Baden, wie überhaupt in Süddeutschland, giebt es fast gar keine große
Bourgeoisie. Die Industrie und der Handel des Landes sind unbedeutend.
Es giebt daher auch nur ein sehr wenig zahlreiches, sehr zersplittertes, wenig
entwickeltes Proletariat. Die Masse der Bevölkerung theilt sich in Bauern
(die Mehrzahl), Kleinbürger und Handwerksgesellen. Die letzteren, die städtischen Arbeiter, in kleinen Städten zerstreut, ohne irgend ein größeres
Centrum, in dem sich eine selbstständige Arbeiterpartei ausbilden könnte,
stehen oder standen wenigstens bisher unter dem vorwiegenden, gesellschaftlichen und politischen Einfluß der Kleinbürger. Die Bauern, noch mehr
über die Oberfläche des Landes zerstreut, ohne Bildungsmittel, haben mit
dem Kleinbürger ohnehin theils zusammenfallende, theils so zu sagen parallel laufende Interessen und standen daher ebenfalls unter ihrer politischen
Vormundschaft. Die Kleinbürger, vertreten durch Advokaten, Aerzte,
Schulmeister, einzelne Kaufleute und Buchhändler beherrschten also theils
direkt, theils durch ihre Vertreter die ganze politische Bewegung in Baden
seit dem März 1848.

Dieser Abwesenheit des Gegensatzes von Bourgeoisie und Proletariat, und

Friedrich Engels

dem daraus hervorgehenden politischen Uebergewicht der Kleinbürgerschaft ist es zuzuschreiben, daß eine socialistische Agitation in Baden eigentlich nie existirt hat. Die socialistischen Elemente, die von Außen hineinkamen, sei es durch Arbeiter, die in entwickelteren Ländern gewesen waren,
sei es durch den Einfluß der französischen oder deutschen socialistischen
und kommunistischen Literatur, konnten sich nie Bahn brechen. Das rothe
Band und die rothe Fahne bedeuteten in Baden nichts anders, als die bürgerliche Republik, wenn es hoch kam mit etwas Terrorismus versetzt, und die
von Herrn Struve entdeckten „sechs Geißeln der Menschheit", so bürgerlich
unschuldig sie sind, waren das äußerste, das bei der Masse noch Anklang
finden konnte. Das höchste Ideal des badischen Kleinbürgers und
Bau|ern blieb immer die kleine bürgerlich-bäuerliche Republik, wie sie
in der Schweiz seit 1830 besteht. Ein kleines Thätigkeitsfeld für kleine,
bescheidene Leute, der Staat eine etwas vergrößerte Gemeinde, ein „Kanton"; eine kleine, stabile, auf Handarbeit gestützte Industrie, die einen
ebenso stabilen und schläfrigen Gesellschaftszustand bedingt; wenig Reichthum, wenig Armuth, lauter Mittelstand und Mittelmäßigkeit; kein Fürst,
keine Civilliste, keine stehende Armee, fast keine Steuern; keine aktive
Betheiligung an der Geschichte, keine auswärtige Politik, lauter inländischer

kleiner Lokalklatsch und kleine Zänkereien en f amille; keine große Industrie,

keine Eisenbahnen, kein Welthandel, keine socialen Kollisionen zwischen
Millionären und Proletariern, sondern ein stilles gemüthliches Leben in aller
Gottseligkeit und Ehrbarkeit, in der kleinen geschichtslosen Bescheidenheit
zufriedener Seelen — das ist das sanfte Arkadien, das im größten Theile der
Schweiz existirt und für dessen Einführung der badische Kleinbürger und
Bauer seit Jahren geschwärmthat. Und erweitert sich in Momenten kühnerer
Begeisterung der Gedanke des badischen und, sagen wir es, des süddeutschen Kleinbürgers überhaupt zu der Vorstellung von ganz Deutschland, so
schwebt ihm das Ideal von Deutschlands Zukunft vor in der Gestalt einer
vergrößerten Schweiz, in der Gestalt der Föderativrepublik. So hat auch Herr
Struve in einer Brochüre Deutschland bereits in 24 Kantone mit ebensoviel
Landammännern und großen und kleinen Rathen eingetheilt und sogar die
Landkarte mit der fertigen Eintheilung der Brochüre beigeheftet. Könnte
Deutschland sich jemals in ein solches Arkadien verwandeln, so wäre es
damit auf einer Stufe der Erniedrigung angekommen, von der es bisher selbst
in seinen schmachvollsten Zeiten keine Ahnung hatte.

Die süddeutschen Kleinbürger hatten inzwischen schon mehr als einmal
die Erfahrung gemacht, daß eine Revolution, und trüge sie auch ihre eigene
bürgerlich-republikanische Fahne, ihr geliebtes, stilles Arkadien sehr leicht
im Strudel weit kolossalerer Konflikte, wirklicher Klassenkämpfe mit wegschwemmen könnte. Daher die Furcht der Kleinbürger nicht nur vor jeder

5

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + II. Karlsruhe

revolutionären Er|schiitterung, sondern auch vor ihrem eignen Ideal der
föderirten Tabak- und Bier-Republik. Daher ihre Begeisterung für die
Reichsverfassung, die wenigstens ihre nächsten Interessen befriedigte und
ihnen Hoffnung gab, bei dem bloß suspensiven Veto des Kaisers, die Republik zu gelegener Zeit auf gesetzlichem Wege einzuführen. Daher ihre
Ueberraschung, als das badische Militär ihnen ungefragt eine fertige Insurrektion auf dem Präsentirteller überreichte, daher ihre Furcht, die Insurrektion über die Grenzen des zukünftigen Kantons Baden hinaus zu verbreiten. Die Feuersbrunst hätte ja auch einmal Gegenden ergreifen können, in
denen es große Bourgeois und massenhaftes Proletariat gab, Gegenden, in
denen sie dem Proletariat die Gewalt in die Hand legte, und dann Wehe dem
Eigenthum!

Was that unter diesen Umständen Herr Brentano?

Was die Kleinbürgerschaft in Rheinpreußen mit Bewußtsein gethan hatte,
that er in Baden für die Kleinbürgerschaft: er verrieth die Insurrektion, aber
er rettete die Kleinbürgerschaft.

Keineswegs durch seine letzten Handlungen, durch seine Flucht nach der
Niederlage an der Murg, wie der endlich enttäuschte badische Kleinbürger
sich einbildete, sondern vom ersten Augenblick an verrieth Brentano die
Insurrektion. Gerade die Maßregeln, denen die badischen Spießbürger, und
mit ihnen ein Theil der Bauern und selbst die Handwerker am meisten
zujubelten, gerade diese Maßregeln verriethen die Bewegung an Preußen.
Gerade dadurch, daß Brentano verrieth, wurde er so populär, kettete er den
fanatischen Enthusiasmus des Spießbürgers an seine Fersen. Der kleine
Bürger übersah den Verrath an der Bewegung über der raschen Herstellung
der Ordnung und Sicherheit, über der augenblicklichen Hemmung der Bewegung selbst; und als es zu spät war, als er, in der Bewegung compromittirt,
die Bewegung und sich mit ihr verloren sah, schrie er über Verrath, fiel er
mit der ganzen Entrüstung des geprellten Biedermannes über seinen treuesten Diener her.

Herr Brentano freilich ist auch geprellt worden. Er hoffte als großer Mann
der „gemäßigten" Partei, d.h. ||71] eben der Kleinbürgerschaft, aus der
Bewegung hervorzugehn, und er hat bei Nacht und Nebel schmählich ausrei-
ßen müssen vor seiner eignen Partei, vor seinen besten Freunden, denen
plötzlich ein erschreckendes Licht aufging. Er hoffte sich sogar die Möglichkeit eines großherzoglichen Ministerpostens offen halten zu können, und hat
zum Dank für seine Klugheit die Fußtritte aller Parteien, die Unmöglichkeit
jemals auch nur noch irgend eine Rolle spielen zu können. Aber freilich, man
kann gescheuter sein als sämmtliche Kleinbürger irgend eines deutschen
Raubstaats, und darum doch seine schönsten Hoffnungen geknickt, seine
edelsten Absichten mit Koth beworfen sehn!

Friedrich Engels

Von dem ersten Tage seiner Regierung an that Herr Brentano Alles, um
die Bewegung in das spießbürgerliche Bett einzudämmen, das sie zu überschreiten kauni versucht hatte. Unter dem Schutz der Karlsruher, dem
Großherzog ergebenen Bürgerwehr, derselben Bürgerwehr, die sich den Tag
zuvor noch gegen die Bewegung geschlagen hatte, zog er ins Ständehaus ein,
um von hier aus die Bewegung zu zügeln. Die Rückberufung der desertirten
Soldaten geschah mit möglichster Schläfrigkeit; die Reorganisirung der
Bataillone wurde nicht rascher betrieben. Dagegen bewaffnete man sofort
die Mannheimer entwaffneten Spießbürger, von denen jeder wußte, daß sie
sich nicht schlagen würden und die nach dem Waghäuseier Gefecht sich
sogar dem Verrath Mannheims durch ein Dragonerregiment zum großen
Theil angeschlossen haben. Von einem Marsche nach Frankfurt oder Stuttgart, von einer Verbreitung der Insurrektion nach Nassau oder Hessen war
gar nicht die Rede. Wurde ein Vorschlag der Art gemacht, so war er auch
sogleich beseitigt, wie der Sigelsche. Von der Emittirung von Papiergeld zu
sprechen, hätte für ein Staatsverbrechen, für kommunistisch gegolten. Die
Pfalz schickte Gesandte über Gesandte: sie sei waffenlos, sie habe keine
Gewehre, von Artillerie gar nicht zu sprechen, keine Munition, sie bedürfe
alles dessen, was zur Durchführung einer Insurrektion und namentlich zur
Einnahme der Festungen Landau und Germersheim nöthig sei; aber von
Herrn Brentano war Nichts zu erhalten. Sie trug auf sofortige Einsetzung
eines gemein|samen Militärkommandos, ja auf Vereinigung beider Länder unter einer einzigen gemeinsamen Regierung an. Alles wurde verschleppt
und verzögert. Ein kleiner Geldzuschuß ist, glaube ich, das Einzige, was die
Pfalz bekommen konnte; später, als es zu spät war, kamen acht Geschütze
mit etwas Munition, ohne Bedienung und Bespannung, und endlich auf
Mieroslawski's direkten Befehl ein badisches Bataillon und zwei Mörser, von
denen, wenn ich mich recht erinnere, Einer einen Schuß gethan hat.

Mit dieser Verschleppung und Beseitigung der nothwendigsten Maßregeln,
die die Insurrektion hätten weiter tragen können, war die ganze Bewegung
schon verrathen. Nach Innen wurde mit derselben Nonchalance verfahren.
Von Aufhebung der Feudallasten war keine Rede; Herr Brentano wußte sehr
gut, daß in den Bauern mehr revolutionäre Elemente steckten, namentlich
im Oberland, als ihm lieb war, und daß er sie daher eher zurückhalten als
noch tiefer in die Bewegung schleudern müsse. Die neuen Beamten waren
meist Kreaturen Brentanos oder total unfähig; die alten Beamten, mit
Ausnahme derer, die zu direkt bei der Reaktion der letzten zwölf Monate
kompromittirt und daher von selbst desertirt waren, behielten sämmtlich ihre
Stellen, zum großen Entzücken aller ruhigen Bürger. Sogar Herr Struve fand
noch in den letzten Tagen des Mai an der „Revolution" zu loben, daß Alles
so hübsch ruhig abgegangen sei und fast alle Beamten in ihren Stellen hätten

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + II. Karlsruhe

bleiben können. — Im übrigen wirkten Herr Brentano und seine Agenten
dahin, daß Alles, wo möglich, ins alte Geleis zurückkehre, daß möglichst
wenig Unruhe und Aufregung herrsche und das revolutionäre Exterieur des
Landes baldigst verschwinde.

In der Militärorganisation herrschte derselbe Schlendrian. Man that nicht
mehr, als was man unmöglich unterlassen konnte. Die Truppen wurden ohne
Führer, ohne Beschäftigung, ohne Ordnung gelassen; der unfähige „Kriegsminister" Eichfeld und sein Nachfolger, der Verräther Mayerhofer wußten
sie nicht einmal erträglich zu dislociren. Die Truppenconvois kreuzten sich
auf der Eisenbahn, ohne Zweck, ohne Resultat. Die Bataillone ]J73| wurden
heute hierhin geführt, morgen wieder zurück, kein Mensch konnte absehen,
weshalb. In den Garnisonen zogen sie von einem Wirthshaus in's andere, weil
sie nichts anderes zu thun hatten. Es schien, als sollten sie absichtlich demoralisirt werden, als wolle die Regierung ihnen den letzten Rest von Disciplin

geradezu austreiben. Die Organisation des ersten Aufgebots der sogenannten

Volkswehr, d.h. aller waffenfähigen Mannschaft bis zu 30 Jahren, wurde
dem bekannten Joh. Ph. Becker, einem naturalisirten Schweizer und Offizier
der eidgenössischen Armee übertragen. In wie weit Becker von Brentano
in der Ausführung seiner Mission gehemmt wurde, weiß ich nicht. Ich weiß
aber, daß Brentano nach dem Rückzüge der Pfälzer Armee auf badisches
Gebiet, als die gebieterischen Forderungen der schlechtbekleideten und
schlechtbewaffneten Pfälzer sich nicht mehr zurückweisen ließen — daß
Brentano damals mit folgenden Worten seine Hände in Unschuld wusch:
„Meinetwegen gebt ihnen, was Ihr wollt; aber wenn der Großherzog wiederkommt, so soll er wenigstens wissen, wer ihm seine Vorräthe so verschleudert hat!" Wenn also die badische Volkswehr theils schlecht, theils gar nicht
organisirt war, so ist nicht zu zweifeln, daß die Hauptschuld auch hier auf
Brentano und auf den schlechten Willen oder die Ungeschicklichkeit seiner
Commissäre in den einzelnen Kreisen fällt.

Als Marx und ich nach der Unterdrückung der Neuen Rheinischen Zeitung
zuerst auf badisches Gebiet kamen — es mochte den 20. oder 21. Mai sein,
also mehr als acht Tage nach der Flucht des Großherzogs — waren wir
erstaunt über die enorme Sorglosigkeit, mit der die Grenze bewacht oder
vielmehr nicht bewacht wurde. Von Frankfurt bis Heppenheim die ganze
Eisenbahn mit würtembergischen und hessischen Reichstruppen besetzt;
Frankfurt und Darmstadt selbst voll von Militär; alle Bahnhöfe, alle Ortschaften von starken Detachements okkupirt; regelmäßige Vorposten vorgeschoben bis an die Grenze. Von der Grenze bis Weinheim dagegen auch nicht
ein Mann zu sehen; in Weinheim ebenso. Die einzigste Vorsichtsmaßregel
war die Demolirung einer kurzen Strecke der | Eisenbahn zwischen
Heppenheim und Weinheim. Erst während unsrer Anwesenheit traf ein

Friedrich Engels

schwaches Détachement des Leibregiments, höchstens 25 Mann, in Weinheim ein. Von Weinheim bis Mannheim herrschte wieder der tiefste Friede;
höchstens hier und da ein einzelner, überlustiger Volkswehrmann, der eher
versprengt oder desertirt als im Dienst befindlich schien. Von Grenzkontrolle
war natürlich erst recht keine Rede. Man ging hinein oder heraus wie man
wollte.

In Mannheim sah es allerdings schon etwas kriegerischer aus. Haufen von
Soldaten standen auf der Straße oder saßen in den Wirthshäusern. Die
Volkswehr und Bürgerwehr exerzirte im Park, meist freiüch noch sehr
unbeholfen und mit schlechten Instruktoren. Auf dem Rathhaus saßen eine
Menge Comités, alte und neue Offiziere, Uniformen und Blousen. Das Volk
mischte sich unter die Soldaten und Freischärler, es wurde viel gezecht, viel
gelacht, viel karessirt. Aber man sah gleich, daß der erste Aufschwung schon
vorüber, daß Viele unangenehm enttäuscht waren. Die Soldaten waren
malkontent; wir haben die Insurrektion gemacht, sagten sie, und jetzt, wo
die Bürgerlichen an die Reihe kommen, und die Leitung übernehmen sollen,
jetzt lassen sie Alles ins Stocken gerathen und verderben! Die Soldaten
waren mit ihren neuen Offizieren auch nicht recht zufrieden; die neuen
Offiziere waren gespannt mit den früheren Großherzoglichen, deren damals
noch viele da waren, obwohl täglich einige desertirten; die alten Offiziere
fanden sich wider Willen in eine fatale Stellung versetzt, aus der sie nicht
wußten wie sie herauskommen sollten. Ueber den Mangel an energischer und
fähiger Leitung endlich wurde überall geklagt.

Auf der andern Rheinseite, in Ludwigshafen, trat uns die Bewegung in
einer viel heiteren Gestalt entgegen. Während in Mannheim noch eine Masse
junger Leute, die offenbar zum ersten Aufgebot gehörten, ruhig ihren
Geschäften nachgingen, als ob gar nichts geschehen sei, war hier Alles
bewaffnet. Es war freilich nicht überall so in der Pfalz, wie sich später zeigte.
Die größte Einstimmigkeit herrschte in Ludwigshafen zwischen Freischärlern | und Militär. In den Wirthshäusern, die natürlich auch hier überfüllt
waren, ertönten die Marseillaise und andre derartige Lieder. Man klagte
nicht, man murrte nicht, man lachte, man war mit Leib und Seele bei der
Bewegung und machte sich, damals, besonders beim Füsilier und Freischärler, noch sehr verzeihliche und unschuldige Illusionen über seine eigne
Unüberwindlichkeit.

In Karlsruhe nahm die Sache schon größere Feierlichkeit an. Im Pariser
Hof war Table d'hôte um ein Uhr angesagt, aber es wurde nicht angefangen,
bis „die Herren vom Landesausschuß" gekommen waren. Dergleichen
kleine Aufmerksamkeiten gaben der Bewegung schon einen wohlthuenden
büreaukratischen Anstrich.

Wir sprachen gegen verschiedene Herren vom Landesausschuß die oben

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + II. Karlsruhe

entwickelte Ansicht aus, daß gleich im Anfang nach Frankfurt hätte marschirt und dadurch die Insurrektion weiter ausgedehnt werden müssen, daß
es jetzt höchst wahrscheinlich schon zu spät und daß ohne entscheidende
Schläge in Ungarn oder ohne eine neue Revolution in Paris die ganze Bewegung schon jetzt rettungslos verloren sei. Man kann sich die Entrüstung nicht
denken, die bei solchen ketzerischen Behauptungen unter diesen Bürgern
vom Landesausschuß losbrach. Blind und Gögg allein waren auf unsrer Seite.
Jetzt, nachdem die Ereignisse uns Recht gegeben, haben dieselben Herren
natürlich von jeher auf die Offensive gedrungen.

In Karlsruhe traf man damals schon die ersten Anfänge jener großartigen
Stellen jägerei, die sich unter dem eben so großartigen Titel einer „Konzentrirung aller demokratischen Kräfte Deutschlands" als Vaterlandsrettung
brüstete. Wer nur jemals in irgend einem Club mehr oder minder konfus
deklamirt, im entferntesten demokratischen Winkelblättchen einmal zum

Haß gegen die Tyrannen aufgefordert hatte, eilte nach Karlsruhe oder
Kaiserslautern, um dort sogleich ein großer Mann zu werden. Daß die
Leistungen den hier konzentrirten Kräften vollständig entsprachen, braucht
wohl nicht erst ausdrücklich versichert zu werden. — So befand sich hier in
Karlsruhe ein bekannter angeblich philosophischer Atta-|Troll, Ex-

Abgeordneter zur Frankfurter Versammlung, und Ex-Redakteur eines von
Manteuffel trotz der Anerbietungen unsers Atta-Troll unterdrückten angeblich demokratischen Blättchens. Atta-Troll angelte mit großer Emsigkeit
nach dem Pöstchen des badischen Gesandten in Paris, zu dem er sich besonders berufen hielt, weil er seiner Zeit zwei Jahre in Paris gewesen war und

dort kein Französisch gelernt hatte. Er war auch wirklich so glücklich, Herrn
Brentano das Creditiv abzulocken, und packte eben seine Koffer, als Brentano ihn plötzlich rufen ließ und ihm das Beglaubigungsschreiben wieder aus
der Tasche nahm. Es versteht sich, daß Atta-Troll jetzt, Herrn Brentano zum
Trotz, erst recht nach Paris reiste. — Ein anderer gesinnungstiichtiger Bürger,
der schon seit einigen Jahren Deutschland mit Revolutionirung und Republikanisirung gedroht hatte, Herr Heinzen, befand sich ebenfalls in
Karlsruhe. Dieser Biedermann hatte bekanntlich vor der Februarrevolution
überall und immer zum „Dreinschlagen" aufgerufen, hatte es aber nach
dieser Revolution für gerathener gehalten, den verschiedenen deutschen

Insurrektionen von den neutralen Hochgebirgen der Schweiz aus zuzusehen.
Jetzt endlich schien ihm die Lust zu kommen, auch einmal auf die „Dränger"
dreinzuschlagen. Nach seinem früheren Ausspruche: „Kossuth ist ein großer
Mann, aber Kossuth hat das Knallsilber vergessen", war zu erwarten, daß
er sofort die kolossalsten, bisher ungeahnten Zerstörungskräfte gegen die
Preußen organisiren werde. Keineswegs. Da höherstrebende Pläne nicht
anwendbar schienen, begnügte sich unser Tyrannenhasser, wie es heißt, mit

Friedrich Engels

der Bildung eines republikanischen Elitenkorps, schrieb inzwischen Artikel
zu Gunsten Brentanos in die Karlsruher Zeitung, und besuchte den Klub des
entschiedenen Fortschritts. Der Klub wurde aufgelöst, die republikanische
Elite kam nicht, und Herr Heinzen merkte endlich, daß selbst er die Brentanosche Politik nicht länger vertheidigen könne. Verkannt, verbraucht,
verdrießlich ging er zunächst ins badische Oberland und von da in die
Schweiz, ohne einen einzigen „Dränger" erschlagen zu haben. Er rächt sich
jetzt an ihnen, indem er sie von London aus in effigie millionenweise
guillotinirt. I

VA Wir verließen Karlsruhe am nächsten Morgen, um die Pfalz zu besuchen.

Von dem weitern Verlauf der badischen Insurrektion brauche ich in Bezug
auf die Leitung der allgemeinen Politik und der Civilverwaltung nur noch
wenig zu sagen. Als Brentano sich stark genug fühlte, vernichtete er die
zahme Opposition, die ihm der Club des entschiedenen Fortschritts machte,
mit einem Schlage. Die „konstituirende Versammlung", unter dem Einfluß
der immensen Popularität Brentanos und der Alles regierenden Kleinbürgerschaft gewählt, gab ihr Jaund Amen zu allen seinen Schritten. Die „provisorische Regierung mit diktatorischer Gewalt" (eine Diktatur unter einem angeblichen Konvent!) war ganz unter seiner Leitung. So regierte er fort,
hemmte die revolutionäre und militärische Entwickelung der Insurrektion,
ließ die laufenden Geschäfte tant bien que mal besorgen und bewachte
eifersüchtig die Vorräthe und das Privateigenthum des Großherzogs, den er
fortwährend als seinen legitimen Souverain von Gottes Gnaden behandelte.
In der Karlsruher Zeitung erklärte er, der Großherzog könne jeden Augenblick zurückkommen, und wirklich blieb das Schloß während der ganzen Zeit
verschlossen, als sei sein Bewohner bloß verreist. Die Pfälzer Abgesandten
hielt er mit unbestimmten Antworten von einem Tage zum andern hin; das
Höchste, was zu erreichen war, war das gemeinsame Militärkommando unter
Mieroslawski, und — ein Vertrag wegen Aufhebung des Mannheim-Ludwigshafener Brückenzolls, der Herrn Brentano indeß nicht verhinderte,
diesen Zoll auf der Mannheimer Seite forterheben zu lassen.

Als endlich Mieroslawski nach dem Gefechte bei Waghäusel und Ubstadt
die Trümmer seiner Armee durch das Gebirg bis hinter die Murg zurückziehen mußte, als Karlruhe mit einer Masse Vorräthen aufgegeben werden
mußte, als die Niederlage an der Murg das Schicksal der Bewegung entschied, da verschwanden die Illusionen der badischen Bürger, Bauern und
Soldaten, da erhob sich ein allgemeiner Ruf, Brentano habe verrathen. Mit
einem Schlage war das ganze, durch die Feigheit | der Kleinbürger, durch

die Unselbstständigkeit der Bauern, durch den Mangel an Konzentrirüng der 40

Arbeiter aufrechtgehaltene Gebäude der Popularität Brentano's vernichtet.

Die deutsche Reichsverfassungskampagne Il. Die Pfalz

Brentano floh bei Nacht und Nebel nach der Schweiz, verfolgt von dem
Vorwurfe des Volksverraths, mit dem ihn seine eigene „Konstituante"
brandmarkte, und verbarg sich in Feuerthalen im Kanton Zürich.

Man könnte sich dabei beruhigen, daß Herr Brentano durch den gänzlichen
Ruin seiner politischen Stellung, durch die allgemeine Verachtung aller
Parteien für seinen Verrath genug gezüchtigt ist. An dem Untergang der
badischen Bewegung liegt nicht viel. Der 13. Juni in Paris und die Weigerung
Gorgey's auf Wien zu marschiren, vernichteten alle Chancen, die Baden und
die Pfalz noch hatten, selbst wenn es gelungen wäre, die Bewegung nach
Hessen, Würtemberg und Franken zu verpflanzen. Man wäre ehrenvoller
gefallen, aber gefallen wäre man. Was aber die revolutionäre Partei Herrn
Brentano nie vergessen wird, was sie den feigen badischen Kleinbürgern,
die ihn aufrecht erhielten, nie vergessen wird, das ist, daß sie direkt Schuld
sind an dem Tode der in Karlsruhe, in Freiburg und in Rastatt Erschossenen
und der zahllosen und namenlosen Opfer, die die Preußen vermittelst des
Typhus in den Rastatter Kasematten im Stillen hingerichtet haben.

Im zweiten Hefte dieser Revue werde ich die Zustände in der Pfalz und zum
Beschluß die badisch-pfälzische Campagne schildern. |

Neue Rheinische Zeitung.
Politisch-ökonomische Revue.
H.2, Februar 1850

HI.
Die Pfalz.

Von Karlsruhe gingen wir nach der Pfalz, und zwar zunächst nach Speyer,
wo sich D'Ester und die provisorische Regierung befinden sollten. Sie waren
indeß schon nach Kaiserslautern abgereist, wo die Regierung als am „strategisch-gelegensten Punkte der Pfalz" ihren endlichen Sitz aufschlug. Statt
ihrer fanden wir in Speyer Willich mit seinen Freischärlern. Er hielt mit
einem Corps von ein paar Hundert Mann die Garnisonen von Landau und
Germersheim, zusammen über 4000 Mann, im Schach, schnitt ihnen die
Zufuhren ab und molestirte sie auf jede mögliche Weise. Denselben Tag hatte
er mit ungefähr 80 Schützen zwei Compagnieen der Germersheimer Garnison angegriffen und, ohne einen Schuß zu thun, sie in die Festung zurückgejagt. Am nächsten Morgen fuhren wir mit Willich nach Kaiserslautern, wo
wir D'Ester, die provisorische Regierung und die Blüthe der deutschen
Demokratie überhaupt antrafen. Von einer officiellen Betheiligung an der

Friedrich Engels

Bewegung, die unsrer Parthei ganz fremd stand, konnte natürlich auch hier
keine Rede sein. Wir gingen also nach ein paar Tagen nach Bingen zurück,
wurden unterwegs, in Gesellschaft mehrerer Freunde, von den hessischen
Truppen, als der Theilnahme am Aufstande verdächtig, verhaftet, nach
Darmstadt und von da nach Frankfurt transportirt, und hier endlich wieder
freigegeben.

Kurz nachher verließen wir Bingen und Marx ging mit einem Mandat des
demokratischen Centraiausschusses nach Paris, wo ein entscheidendes
Ereigniß nahe bevorstand, um bei den französischen Social-Democraten die
deutsche revolutionaire Parthei zu vertreten. Ich ging nach Kaisers|lautern zurück, um dort einstweilen als einfacher politischer Flüchtling zu leben
und später vielleicht, wenn sich eine passende Gelegenheit bieten sollte, beim
Ausbruch des Kampfes die einzige Stellung einzunehmen, die die „Neue
Rheinische Zeitung" in dieser Bewegung einnehmen konnte: Die des Soldaten.

Wer die Pfalz nur einmal gesehen hat, begreift, daß eine Bewegung in
diesem weinreichen und weinseligen Lande einen höchst heitern Charakter
annehmen mußte. Man hatte sich endlich einmal die schwerfälligen, pedantischen, altbairischen Bierseelen vom Halse geschafft, und an ihrer Stelle
fidele, pfälzische Schoppenstecher zu Beamten ernannt. Man war endlich
jene tiefsinnig thuende bairische Polizeichikane los, die in den sonst so
ledernen „fliegenden Blättern" ergötzlich genug persiflirt wurde, und die
dem flotten Pfälzer schwerer auf dem Herzen lag, als irgend etwas andres.
Die Herstellung der Kneipfreiheit war der erste revolutionaire Act des
pfälzischen Volks: die ganze Pfalz verwandelte sich in eine große Schenke,
und die Massen geistigen Trankes, die „im Namen des pfälzischen Volks"
während dieser sechs Wochen verzehrt wurden, übersteigen alle Berechnung. Obwohl in der Pfalz die active Theilnahme an der Bewegung lange
nicht so groß war, als in Baden, obwohl es hier viele reactionaire Bezirke
gab, war doch die ganze Bevölkerung einstimmig in dieser allgemeinen
Schoppenstecherei, wurde selbst der reactionairste Spießbürger und Bauer
hineingerissen in die allgemeine Heiterkeit.

Man brauchte eben keinen großen Scharfblick, um zu erkennen, welche
unangenehme Enttäuschung in wenigen Wochen die preußische Armee über
diese vergnügten Pfälzer bringen werde. Und doch waren die Leute in der
Pfalz zu zählen, die nicht in der größten Sicherheit schwelgten. Daß die
Preußen kommen würden, daran glaubten die Wenigsten, daß sie aber, wenn
sie kämen, mit der größten Leichtigkeit wieder hinausgeschlagen würden,
das stand allgemein fest. Jene gesinnungstüchtige Finsterkeit, deren Motto:
„Ernst ist der Mann", allen badischen Volkswehr-Officieren auf der Stirn
geschrieben stand und die dennoch keineswegs alle jene Wunderdinge ver-

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + III. Die Pfalz

hinderte, von denen ich später zu erzählen haben werde — jene biedre
Feierlichkeit, die der spieBbiirger|liche Charakter der Bewegung der
Mehrzahl ihrer Theilnehmer in Baden aufgedrückt hatte, existirte hier zwar
nicht. In der Pfalz war der Mann nur nebenbei „ernst". Die „Begeisterung"
und der „Ernst" dienten hier nur dazu, die allgemeine Lustigkeit zu beschönigen. Aber man war immer „ernst" und „begeistert" genug, um sich allen
Mächten der Welt, und namentlich der preußischen Armee gegenüber,
unüberwindlich zu glauben; und wenn in stillen Stunden der Sammlung
einmal ein leiser Zweifel aufstieg, so wurde er mit dem unwiderleglichen
Argument beseitigt: wenn dem auch so wäre, so dürfte man es doch nicht
sagen. Je länger die Bewegung sich hinausspann, je unläugbarer und massenhafter die preußischen Bataillone sich von Saarbrücken bis Kreuznach
concentrirten, desto häufiger wurden freilich diese Zweifel, desto heftiger
wurde aber auch, grade bei den Zweifelnden und Aengstlichen, die Renommage mit der Unüberwindlichkeit eines „Volks, das für seine Freiheit
begeistert ist", wie man die Pfälzer nannte. Diese Renommage entwickelte
sich bald zu einem vollständigen Einschlaferungssystem, das von der Regierung nur zu sehr begünstigt, alle Thätigkeit in den Vertheidigungsmaßregeln
erschlaffte und Jeden, der dagegen opponirte, der Gefahr einer Verhaftung
als Reactionair aussetzte.

Diese Sicherheit, diese Renommage mit der ,,Begeisterung" und ihrer
Allmacht, verbunden mit ihren winzigen, materiellen Mitteln und mit dem
kleinen Terrainwinkel, auf dem sie sich geltend machte, lieferte die komische
Seite der pfälzischen „Erhebung" und bot den wenigen Leuten, deren avan-

cirte Ansichten und unabhängige Stellung ein freies Urtheil erlaubten, Stoff
genug zur Erheiterung.

Die ganze äußere Erscheinung der pfälzer Bewegung trug einen heitern,

sorglosen und ungenirten Charakter. Während in Baden jeder neuernannte
Unterlieutenant, Linie und Volkswehr, sich in eine schwere Uniform einschnürte und mit silbernen Epauletten paradirte, die später, am Tage des
Gefechts, sofort in die Taschen wanderten, war man in der Pfalz viel vernünftiger. Sowie die große Hitze der ersten Junitage sich fühlen ließ, verschwanden alle Tuchröcke, Westen und Cravatten, um einer leichten Blouse
Platz zu machen. Mit der alten Büreaukratie schien man auch den ganzen |
 alten ungeselligen Zwang los geworden zu sein. Man kleidete sich ganz
ungenirt, nur nach der Bequemlichkeit und der Jahreszeit; und mit dem
Unterschied der Kleidung verschwand momentan jeder andre Unterschied
im geselligen Verkehr. Alle Klassen der Gesellschaft kamen in denselben
öffentlichen Lokalen zusammen, und ein socialistischer Schwärmer hätte in
diesem ungebundenen Verkehr die Morgenröthe der allgemeinen Brüderlichkeit sehen können.

Friedrich Engels

Wie die Pfalz, so ihre provisorische Regierung. Sie bestand fast nur aus
gemüthlichen Schoppenstechern, die über Nichts mehr erstaunt waren, als
daß sie plötzlich die provisorische Regierung ihres bacchusgeliebten Vaterlandes vorstellen sollten. Und doch ist nicht zu läugnen, daß diese lachenden
Regenten sich besser benommen und verhältnißmäßig mehr geleistet haben,
als ihre badischen Nachbarn, unter der Führung des „gesinnungstüchtigen"
Brentano. Sie hatten wenigstens guten Willen, und trotz der Schoppenstecherei, mehr nüchternen Verstand, als die spießbürgerlich-ernsten Herren
in Karlsruhe, und die wenigsten von ihnen entrüsteten sich, wenn man sich
über ihre bequeme Manier des Revolutionirens und über ihre impotenten
kleinen Maßregelchen lustig machte.

Die provisorische Regierung der Pfalz konnte Nichts ausrichten, so lange
sie von der badischen Regierung im Stich gelassen wurde. Und in Beziehung
auf Baden hat sie vollkommen ihre Schuldigkeit gethan. Sie schickte Gesandte über Gesandte, machte eine Concession nach der andern, um nur ein
Einverständniß zu erzielen: umsonst, Herr Brentano wollte ein für allemal
nicht.

Während die badische Regierung Alles vorfand, fand die pfälzische Nichts
vor. Sie hatte kein Geld, keine Waffen, eine Menge reactionairer Bezirke und
zwei feindliche Festungen im Lande. Frankreich verbot sofort die Waff enausf uhr nach Baden und der Pfalz, Preußen und Hessen ließen alle dorthin
spedirten Waffen mit Beschlag belegen. Die pfälzische Regierung schickte
sogleich Agenten nach Frankreich und Belgien um Waffen aufzukaufen und
hereinzubesorgen; die Waffen wurden gekauft, kamen aber nicht. Man kann
der Regierung vorwerfen, daß sie nicht energisch genug hierin verfuhr, daß
sie namentlich mit der großen Menge Contrebandiers an der [411 Gränze
keinen Schmuggel von Gewehren organisirte; die größere Schuld fällt aber
auf ihre Agenten, die sehr lässig verfuhren und sich theilweise mit leeren
Versprechungen hinhalten ließen, statt die französischen Waffen wenigstens
nach Saargemünd und Lauterburg zu schaffen.

Was die Geldmittel anging, so war in der kleinen Pfalz mit Papiergeld wenig
zu machen. Als die Regierung sich in pecuniairer Verlegenheit sah, hatte sie
wenigstens den Muth, zu einer Zwangsanleihe mit, wenn auch schwach
steigenden, progressiven Sätzen ihre Zuflucht zu nehmen.

Die Vorwürfe, die der pfälzischen Regierung gemacht werden können,
beschränken sich darauf, daß sie im Gefühl ihrer Impotenz sich zu sehr von
der allgemeinen Sorglosigkeit und den damit verbundenen Illusionen über
ihre eigne Sicherheit anstecken ließ; daß sie daher, statt die freilich beschränkten Mittel zur Vertheidigung des Landes energisch in Bewegung zu
setzen, sich lieber auf den Sieg der Montagne in Paris, auf die Einnahme
von Wien durch die Ungarn oder gar auf wirkliche Wunder verließ, die

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + III. Die Pfalz

irgendwo zur Rettung der Pfalz geschehen sollten — Aufstände in der preußischen Armee u. s. w. Daher die Fahrlässigkeit in der Herbeischaffung von
Waffen in einem Lande, wo schon 1000 brauchbare Musketen mehr oder
weniger unendlich viel ausmachten, und wo schließlich an dem Tage, wo die
Preußen einrückten, die ersten und letzten vierzig Gewehre aus dem Auslande, nämlich aus der Schweiz, ankamen. Daher die leichtsinnige Auswahl
der Civil- und Militaircommissaire, die meist aus den unfähigsten, verworrensten Schwärmern bestanden, und die Beibehaltung so vieler alten Beamten und sämmtlicher Richter. Daher endlich die Vernachlässigung aller,
selbst der nächstliegenden Mittel, zur Belästigung und vielleicht zur Einnahme von Landau, auf die ich später zurückkommen werde.

Hinter der provisorischen Regierung stand D'Ester als eine Art geheimer
Generalsecretair, oder wie Herr Brentano es nannte, als „rothe Camarilla,
welche die gemäßigte Regierung von Kaiserslautern umgab". Zu dieser ,,rothen Camarilla" gehörten übrigens noch andre deutsche Demokraten, namentlich Dresdner Flüchtlinge. In D'Ester fanden die pf älzer Regenten jenen
administrativen Ueberblick, der ihnen |J42| abging und zugleich einen revolutionären Verstand, der ihnen dadurch imponirte, daß er sich stets nur
auf das Zunächstliegende, unläugbar Mögliche beschränkte und daher nie
um Detailmaßregeln verlegen war. D'Ester erlangte hierdurch einen bedeutenden Einfluß und das unbedingte Vertrauen der Regierung. Wenn auch er
zuweilen die Bewegung zu ernsthaft nahm und z. B. durch Einführung seiner
für den Moment total unpassenden Gemeindeordnung etwas Wichtiges leisten zu können glaubte, so ist doch gewiß, daß D'Ester die provisorische
Regierung zu allen, einigermaßen energischen, Schritten forttrieb und namentlich in Detail-Conflicten stets passende Lösungen zur Hand hatte.

Wenn in Rheinpreußen reactionaire und revolutionaire Klassen von vorn
herein sich gegenüberstanden, wenn in Baden eine anfangs für die Bewegung
schwärmende Klasse, die Kleinbürgerschaft, sich allmählig beim Heranrükken der Gefahr zuerst zur Gleichgültigkeit, später zur Feindseligkeit gegen
die von ihr selbst provocirte Bewegung herüberführen ließ, so waren es in
der Pfalz weniger einzelne Klassen der Bevölkerung, als einzelne Districte,
die sich durch Lokalinteressen geleitet, theils von Anfang an, theils nachund
nach gegen die Bewegung erklärten. Allerdings war in Speyer von vornherein
die Bürgerschaft reactionair, wurde sie es mit der Zeit in Kaiserslautern,
Neustadt, Zweibrücken u. s. w.; aber die Hauptmacht der reactionairen
Parthei saß in den über die ganze Pfalz vertheilten Ackerbaubezirken. Diese
confuse Gestaltung der Partheien hätte nur durch eine Maßregel beseitigt
werden können: durch einen directen Angriff auf das in den Hypotheken und
im Hypothekenwucher angelegte Privateigenthum zu Gunsten der verschuldeten, von Wucherern ausgesognen Bauern. Diese eine Maßregel, die sofort

Friedrich Engels

die ganze Landbevölkerung am Aufstand interessirt hätte, setzt aber ein viel
größeres Terrain und viel entwickeltere Gesellschaf tszustände in den Städten voraus, als die Pfalz sie besitzt. Sie war nur möglich im Anfang der
Insurrection, zugleich mit einer Ausdehnung des Aufstandes nach der Mosel

und Eif el, wo dieselben Zustände auf dem Lande existiren und in der indu- 5

striellen Entwickelung der rheinischen Städte ihre Ergänzung finden. Und
ebenso wenig wie von Baden, |431 war von der Pfalz aus die Bewegung nach
Außen getrieben worden.

Die Regierung hatte unter diesen Umständen nur wenig Mittel, die reactionairen Bezirke zu bekämpfen: einzelne militairische Expeditionen in die
widersetzlichen Ortschaften, Verhaftungen, besonders der katholischen
Pfarrer, die an die Spitze des Widerstands traten u.s.w.; Ernennung von
thätigen Civil- und Militaircommissairen und endlich die Propaganda. Die
Expeditionen, meistens sehr komischer Natur, hatten nur momentane Wirkung; die Propaganda hatte gar keine, und die Commissaire begingen meistens in ihrer wichtigthuenden Ungeschicklichkeit Schnitzer über Schnitzer,
oder beschränkten sich auf eine großartige Consumtion pf älzer Weins, nebst
der unvermeidlichen Wirthshausrenommage.

Unter den Propagandisten, den Commissairen und den Beamten der
Centraiadministration nahmen die in der Pfalz noch mehr als in Baden
versammelten Demokraten einen sehr bedeutenden Platz ein. Es hatten sich
hier nicht nur die Flüchtlinge aus Dresden und Rheinpreußen, sondern auch
sonst noch eine Menge mehr oder weniger begeisterter „Volksmänner"
eingefunden, um sich hier dem Dienste des Vaterlandes zu weihen. Die
pfälzer Regierung, die ungleich der Karlsruher den richtigen Instinkt hatte,
daß die Capacitäten der Pfalz allein der Last selbst dieser Bewegung nicht
gewachsen seien, nahm sie mit Freuden auf. Man konnte keine zwei Stunden
in der Pfalz sein, ohne ein Dutzend der verschiedensten und im Ganzen sehr
ehrenvollen Aemter angetragen zu bekommen. Die Herren Demokraten, die
in der pfälzisch-badischen Bewegung nicht einen täglich lokaler und unbedeutender werdenden Lokalaufstand, sondern die glorreiche Morgenröthe
der glorreichen Erhebung der gesammten deutschen Demokratie sahen, die
überhaupt in der Bewegung ihre, mehr oder weniger kleinbürgerliche Tendenz herrschend sahen, beeiferten sich auf diese Anerbietungen einzugehen.
Zugleich aber glaubte Jeder nur eine solche Stellung einnehmen zu dürfen,
in der er seinen, natürlich meistens sehr hohen Ansprüchen bei einer allgemeinen deutschen Bewegung nichts vergebe. Im Anfang ging das. Wer sich
meldete, wurde sofort Büreauchef, Regierungscommissar, Major oder
Oberstlieutenant. Allmählig aber nahm die Zahl der Concurrenten zu, die

Stellen wurden 441 seltner, und es entwickelte sich eine kleinliche, spießbürgerliche Stellenjägerei, die für den unbetheiligten Zuschauer ein höchst

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + III. Die Pfalz

ergötzliches Schauspiel bot. Daß bei dem seltnen Mischmasch von Industrialismus und Confusion, von Aufdringlichkeit und Inkapacität, den die „Neue
Rheinische Zeitung" bei der deutschen Demokratie so oft zu bewundern
Gelegenheit hatte, daß da die Beamten und Propagandisten der Pfalz ein
getreuer Abklatsch dieses unangenehmen Gemenges war, brauche ich wohl
nicht erst ausdrücklich zu versichern.

Es versteht sich, daß auch mir civil- und militairische Stellen in Menge
angetragen wurden, Stellen, die ich in einer proletarischen Bewegung anzunehmen keinen Augenblick gezaudert hätte. Ich lehnte sie unter diesen
Umständen sämmtlich ab. Das Einzige, worauf ich einging, war einige aufregende Artikel für ein kleines Blättchen zu schreiben, das die provisorische
Regierung in Massen in der Pfalz verbreiten ließ. Ich wußte, daß auch dies
nicht gehen würde, nahm den Antrag aber auf D'Ester's und mehrerer
Mitglieder der Regierung dringende Aufforderung endlich an, um wenigstens meinen guten Willen zu beweisen. Daich mich natürlich wenig genirte,
so fand schon der zweite Artikel als zu „aufregend" Anstoß; ich verlor
weiter kein Wort, nahm den Artikel zurück, zerriß ihn in D'Ester's Gegenwart, und damit hörte die Sache auf.

Unter den auswärtigen Demokraten in der Pfalz waren übrigens diejenigen
die besten, die so eben aus dem Kampf in ihrer Heimath kamen: die Sachsen
und die Rheinpreußen. Die wenigen Sachsen waren meistens in den
Centralbüreaux beschäftigt, arbeiteten fleißig und zeichneten sich durch
administrative Kenntnisse, ruhigen klaren Verstand und Abwesenheit aller
Ansprüche und Illusionen aus. Die Rheinländer, meistens Arbeiter, gingen
in Masse zur Armee; die wenigen, die anfangs in den Büreaux arbeiteten,
ergriffen später ebenfalls die Muskete.

Auf den Büreaux der Centralverwaltung, in der Fruchthalle zu Kaiserslautern, ging es höchst gemüthlich her. Bei dem allgemeinen laisser aller, bei
der gänzlichen Abwesenheit jedes aktiven Eingreifens in die Bewegung, bei
der ungemeinen Anzahl von Beamten war im Ganzen wenig zu thun. Es
handelte sich fast nur um die laufenden Verwaltungsge||45Jschafte, und diese
wurden tant bien que mal besorgt. Wenn nicht irgend eine Stafette ankam,
ein patriotischer Bürger einen tiefsinnigen Vorschlag zur Rettung des Vaterlandes zu machen hatte, ein Bauer sich beschwerte oder eine Gemeinde eine
Deputation schickte, hatten die meisten Büreaux Nichts zu thun. Man
gähnte, man schwatzte, man erzählte sich Anekdoten, man machte schlechte
Witze oder strategische Pläne, man ging von einem Bureau ins andre und
suchte die Zeit so gut wie möglich todtzuschlagen. Das Hauptgespräch waren
natürlich die politischen Tagesereignisse, über die die widersprechendsten
Gerüchte im Umlauf waren. Die Herbeischaffung von Nachrichten war im
höchsten Grade vernachlässigt. Die alten Postbeamten waren fast ohne

Friedrich Engels

Ausnahme im Amt geblieben und natürlich sehr unzuverlässig. Neben ihnen
war eine „Feldpost" errichtet, die von den übergegangnen pf älzer Chevauxlegers besorgt wurde. Die Kommandanten und Kommissäre der Grenzbezirke kümmerten sich nicht im Mindesten um das was jenseits der Grenze
vorging. Auf der Regierung hatte man nur das Frankfurter Journal und die
Karlsruher Zeitung, und ich erinnere mich noch mit Vergnügen der Verwunderung, die darüber entstand, als ich auf dem Casino in einer schon vor
mehreren Tagen angekommenen Nummer der Kölnischen Zeitung die
Nachricht von der Zusammenziehung von 27 preußischen Bataillonen, neun

Batterieen und neun Regimentern Kavallerie nebst ihrer genauen Dislocirung 1 o

zwischen Saarbrücken und Kreuznach entdeckt hatte.

Ich komme endlich zur Hauptsache, zur militärischen Organisation.
Ungefähr dreitausend Pfälzer aus der bairischen Armee waren mit Sack und
Pack übergegangen. Eine Anzahl Freiwilliger, Pfälzer und Nichtpfälzer,
hatten sich zu gleicher Zeit unter die Waffen gestellt. Zu dem dekretirte die
provisorische Regierung die Aushebung des ersten Aufgebots, zunächst aller
Unverheiratheten vom achtzehnten bis zum dreißigsten Jahre. Diese Aushebung ging aber nur auf dem Papier vor sich, theils aus Unfähigkeit und
Nachlässigkeit der Militärkommissäre, theils aus Mangel an Waffen, theils
durch die Indolenz der Regierung selbst. Wo, wie in der Pfalz, der Mangel
an Waffen das Haupthinderniß aller Vertheidigung war, mußten alle Mittel
aufgeboten werden, um Waffen aufzubringen. Waren vom Ausland keine
herbeizuschaffen, | so mußte jede Muskete, jede Büchse, jede Jagdflinte die in der Pfalz aufzutreiben war, hervorgeholt und in die Hände
der aktiven Kämpfer gegeben werden. Es waren aber nicht nur sehr viele
Privatwaffen vorhanden, sondern auch noch wenigstens 1500—2000 Gewehre, die Karabiner ungerechnet, in den Händen der verschiednen Bürgerwehren. Man konnte mindestens verlangen, daß die Privatwaffen und die
Gewehre derjenigen Bürgerwehrmänner abgeliefert würden, die zum Eintritt
ins erste Aufgebot nicht verpflichtet waren oder die nicht als Freiwillige
darunter eintreten wollten. Aber nichts der Art geschah. Nach vielem Drängen wurde endlich ein derartiger Beschluß wegen der Bürgerwehrwaffen
gefaßt, aber nie ausgeführt; die Kaiserslauterer Bürgerwehr, über 300 Philister zählend, paradirte täglich in Uniform und Waffen als Wache an der
Fruchthalle, und als die Preußen einrückten, hatten sie noch das Vergnügen,
diese Herren entwaffnen zu können. Und so war es überall.

Man erließ im Amtsblatt eine Aufforderung an die Forstbeamten und
Waldhüter, sich in Kaiserslautern zur Bildung eines Schützenkorps zu stellen; wer nicht kam, waren die Forstbeamten.

Man ließ im ganzen Lande Sensen schmieden, oder man forderte wenigstens dazu auf; einige Sensen wurden wirklich angefertigt. Bei dem rheinhes-

lo

Die deutsche Reichsverfassungskampagne - III. Die Pfalz

sischen Corps in Kirchheimbolanden sah ich mehrere Fässer mit Sensenklingen aufladen und nach Kaiserslautern spediren. — Die Entfernung ist etwa
7-8 Stunden; vier Tage nachher mußte die Regierung Kaiserslautern den
Preußen überlassen und die Sensen waren noch nicht angekommen. Hätte
man diese Sensen der nicht mobilen Bürgerwehr, dem sogenannten zweiten
Aufgebot als Entschädigung für ihre abzutretenden Flinten gegeben, so wäre
die Sache gut gewesen; statt dessen behielten die faulen Philister ihre Perkussionsflinten und die jungen Rekruten sollten mit Sensen gegen die preußischen Kanonen und Zündnadel-Musketen marschiren.

Während an Gewehren ein allgemeiner Mangel war, herrschte dagegen ein
ebenso merkwürdiger Ueberfluß an Schleppsäbeln. Wer kein Gewehr bekommen konnte, hing sich um so eifriger ein klirrendes Schlachtschwert um,
als er sich dadurch allein schon zum Offizier gestempelt glaubte. In | Kaiserslautern namentlich, waren diese selbstgestempelten Offiziere gar
nicht zu zählen, ertönten die Straßen Tag und Nacht vom Gerassel ihrer
fürchterlichen Waffen. Besonders waren es die Studenten, die sich durch
diese neue Manier, dem Feinde Schrecken einzujagen, und durch ihre Prätention, eine akademische Legion von lauter Kavalleristen zu Fuß zu bilden,
seltene Verdienste um die Rettung des Vaterlandes erwarben.

Außerdem war noch eine halbe Schwadron übergegangener Chevauxlegers vorhanden, die aber durch ihre Zersplitterung im Feldpostdienst u. s. w.
nie dazu kam, ein besonders fechtendes Corps zu bilden. Die Artillerie, unter
dem Kommando des „Oberstlieutenants" Anneke, bestand aus ein paar
Dreipfündern, deren Bespannung ich mich nie gesehen zu haben erinnere,
und aus einer Anzahl Böller. Vor der Fruchthalle in Kaiserslautern lag die
schönste Sammlung alter eiserner Böllerrohre die man sich wünschen
konnte. Die meisten blieben natürlich unbenutzt liegen. Die beiden größten
wurden auf kolossale, eigens angefertigte Lafetten gelegt und mitgenommen,
die badische Regierung verkaufte der Pfalz endlich eine ausgeschossene

sechspfündige Batterie nebst etwas Munition; aber Bespannung, Bedienung
und zureichende Munition fehlte. Die Munition wurde so weit möglich
angefertigt; die Bespannung wurde tantbien que mal durch requirirte Bauern
und Pferde besorgt; zu der Bedienung suchte man sich einige alte bairische
Artilleristen zusammen und übte die Leute mit dem schwerfälligen und
komplicirten bairischen Exercitium ein.

Die obere Leitung der Militärangelegenheiten war in den schlechtesten
Händen. Herr Reichardt, der in der provisorischen Regierung das Militärdepartement übernommen hatte, war thätig, aber ohne Energie und Sachkenntnisse. Der erste Oberkommandant der Pfälzer Streitkräfte, der indu-

strielle Fenner von Fenneberg, wurde zwar bald wegen zweideutigen Benehmens abgesetzt; an seine Stelle trat für den Augenblick ein polnischer

Friedrich Engels

Offizier, Raquüliet. Endlich erfuhr man, Mieroslawski werde das Oberkommando für Baden und die Pfalz übernehmen, und der Befehl der pfälzer
Truppen sei dem „General" Sznayde, ebenfalls einem Polen, anvertraut.)

 Der General Sznayde kam an. Es war ein kleiner dicker Mann, der
eher wie ein bejahrter Bonvivant als wie ein „Rufer im Streit Menelaos"
aussah. Der General Sznayde übernahm das Kommando mit vieler Würde,
ließ sich Bericht über den Stand der Angelegenheiten abstatten und erließ
sofort eine Reihe Tagesbefehle. Die meisten dieser Befehle erstreckten sich
auf die Uniformirung — die Blouse — und die Abzeichen für Offiziere —
trikolore Armbinden oder Schärpen, auf Aufforderungen an gediente Cavalleristen und Schützen, sich freiwillig zu stellen — Aufforderungen, die schon
zehnmal fruchtlos gemacht worden waren u. dgl. Er selbst ging mit gutem
Beispiel voran, indem er sich sofort einen Attila mit trikoloren Schnüren
anschaffte, um der Armee Respect einzuflößen. Was in seinen Tagesbefehlen wirklich Praktisches und Wichtiges war, beschränkte sich auf Wiederholung längst erlassener Befehle und auf Vorschläge, die von den wenigen
anwesenden guten Offizieren schon früher gemacht, aber nie durchgesetzt
worden waren, und die erst jetzt vermittelst der Autorität eines kommandirenden Generals durchgesetzt werden Sollten. Im Uebrigen verließ
sich der „General" Sznayde auf Gott und Mieroslawski, und lebte den
Freuden der' Tafel, das einzig Vernünftige, das ein so total unfähiges Individuum thun konnte.

Unter den übrigen Offizieren in Kaiserslautern war der einzig tüchtige
Techow, derselbe der als preußischer Premierlieutenant, mit Natzmer beim
Berliner Zeughaussturm das Zeughaus dem Volk übergeben hatte und zu
15 Jahren Festung verurtheilt, von Magdeburg entkommen war. Techow,
Chef des pfälzischen Generalstabs, bewieß sich überall kenntnißreich,
umsichtig und ruhig, vielleicht etwas zu ruhig als daß man ihm die Raschheit
des Entschlusses zutrauen könnte, die auf dem Schlachtfeld oft Alles entscheidet. „Oberstlieutenant" Anneke bewies sich unfähig und indolent in der
Organisation der Artillerie, obwohl er im Laboratorium gute Dienste leistete.
Bei Ubstadt hat er als Feldherr keine Lorbeeren geerntet und aus Rastadt,
wo ihm Mieroslawski für die Belagerung den Befehl über das Material
übertrug, ist er auf seltsame Weise und mit Hinterlassung seiner Pferde, noch
vor der Cernirung über den Rhein entkommen. |

 An den Offizieren in den einzelnen Bezirken war auch nicht viel. Eine
Anzahl von Polen war theils schon vor Sznayde, theils mit ihm gekommen.
Da die besten Leute der polnischen Emigration schon in Ungarn waren, so
läßt sich denken, daß diese polnischen Offiziere von ziemlich gemischter
Gattung waren. Die meisten beeilten sich, für eine gehörige Anzahl Reitpferde zu sorgen und einige Befehle zu geben und kümmerten sich um die

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + III. Die Pfalz

Ausführung nicht viel. Sie traten ziemlich herrisch auf, wollten den pfälzer
Bauern wie den knechtischen polnischen Leibeigenen traktiren, kannten
weder das Land, noch die Sprache, noch das Kommando undrichteten daher
als Militärkommissäre, d. h. Organisatoren von Bataillonen, wenig oder gar
nichts aus. Im Laufe des Feldzugs verliefen sie sich bald in den
Sznayde'schen Stab, und verschwanden kurz nachher ganz, als Sznayde von
seinen Soldaten angefallen und mißhandelt wurde. Die besseren unter ihnen
kamen zu spät, um noch etwas organisiren zu können.

Unter den deutschen Offizieren waren auch nicht viel brauchbare Köpfe.

1 o Das rheinhessische Corps, das sonst manche auch militärisch-bildungsfähige

Elemente enthielt, stand unter der Führung eines gewissen Häusner, eines
gänzlich unbrauchbaren Menschen und unter dem noch viel erbärmlicheren
moralischen und politischen Einfluß der beiden Helden Zitz und Bamberger,
die sich später in Karlsruhe so glorreich aus der Af faire zogen. In der Hinterpfalz organisirte ein ehemaliger preußischer Offizier, Schimmelpfennig, ein
Corps.
Die einzigen beiden Offiziere, die sich schon vor dem Einfall der Preußen
im aktiven Dienst auszeichneten, waren Willich und Blenker.
Wülich übernahm mit einem kleinen Freikorps die Beobachtung und später
die Cernirung von Landau und Germersheim. Eine Kompagnie Studenten,
eine Kompagnie Arbeiter, die mit ihm in Besancon zusammen gelebt hatten,
drei schwache Kompagnieen Turner — aus Landau, Neustadt und Kaiserslautern, zwei aus Freiwilligen der umliegenden Ortschaften gebildete Kompagnieen und endlich eine mit Sensen bewaffnete Kompagnie Rheinpreußen,
die meisten von den Prümer und Elberfelder Aufständen her flüchtig, fanden
sich nach und nach unter seinem Kommando zusammen. Es waren zuletzt
zwischen 7—800 Mann, jedenfalls die zuverlässigsten Soldaten | der
ganzen Pfalz, die Unteroffiziere meist gediente, theilweise in Algerien an den
kleinen Krieg gewöhnte Leute. Mit diesen wenigen Streitkräften legte sich
Willich mitten zwischen Landau und Germersheim, organisirte die Bürgerwehren in den Dörfern, benutzte sie zur Bewachung der Straßen und zum
Vorpostendienst, schlug alle Ausfälle aus beiden Festungen trotz der Ueberlegenheit, namentlich der Germersheimer Garnison, zurück, cernirte Landau
der Art, daß so gut wie alle Zufuhren abgeschnitten waren, schnitt ihm die
Wasserleitungen ab, stauchte die Queich auf, so daß alle Keller der Festung
überschwemmt waren und doch Mangel an Trinkwasser eintrat, und beunruhigte die Garnison jede Nacht durch Patrouillen, die nicht nur die verlassenen
Außenwerke ausräumten und die dort gefundenen Wachtstuben-Oefen für
fünf Gulden per Stück versteigerten, sondern auch bis in die Festungsgräben
selbst vordrangen und die Garnison häufig veranlaßten, auf einen Gefreiten
und zwei Mann ein ebenso gewaltiges wie harmloses Feuer aus Vierund-

Friedrich Engels

zwanzigpfündern zu eröffnen. Diese Epoche war bei weitem die glänzendste
während der Existenz des Willich'schen Freicorps. Hätten ihm damals nur
einige Haubitzen zu Gebote gestanden, und wären es nur Feldgeschütze
gewesen, so war nach den Berichten der täglich nach Landau aus- und eingehenden Spione, die Festung bei ihrer demoralisirten, schwachen Garnison
und ihrer rebellischen Einwohnerschaft in wenig Tagen genommen. Selbst
ohne Artillerie hätte eine Fortsetzung der Cernirung in acht Tagen die
Kapitulation erzwungen. In Kaiserslautern waren zwei siebenpfündige
Haubitzen, gut genug, um während der Nacht einige Häuser in Landau in
Brand zu schießen. Wären sie an Ort und Stelle gewesen, so war das Unerhörte wahrscheinlich, daß eine Festung wie Landau mit ein paar Feldgeschützen eingenommen wurde. Ich predigte täglich dem Generalstab in
Kaiserslautern die Nothwendigkeit vor, wenigstens den Versuch zu machen.
Umsonst. Die eine Haubitze blieb in Kaiserslautern, die andre wanderte nach
Homburg, wo sie fast den Preußen in die Hände fiel. Beide kamen über den
Rhein, ohne einen Schuß gethan zu haben.

Noch mehr aber als Willich zeichnete sich der „Oberst" Blenker aus. Der
„Oberst" Blenker, ein ehemaliger Weinreisender, der in Griechenland als
Philhellene gewesen war | und sich später als Weinhändler in Worms
etablirt hatte, gehört jedenfalls zu den hervorragendsten militärischen Persönlichkeiten dieser ganzen glorreichen Campagne. Stets hoch zu Roß, von
einem zahlreichen Stab umgeben, groß, stark, mit einem trutzigen Antlitz,
einem imponirenden Heckerbart, einer allgewaltigen Stimme und allen
übrigen Eigenschaften begabt, die den süddeutschen „Volksmann" ausmachen und zu denen bekanntlich der Verstand nicht gerade gehört, machte
„Oberst" Blenker den Eindruck eines Mannes, vor dessen bloem Anblick
Napoleon sich verkriechen müßte und der würdig war in jenem Refrain zu
figuriren, mit dem wir diese Schilderungen eröffnet haben. „Oberst" Blenker
fühlte das Zeug in sich, auch ohne „Hecker, Struve, Zitz und Blum" die
deutschen Fürsten umzuschmeißen und gab sich sofort ans Werk. Seine
Meinung war, den Krieg nicht als Soldat, sondern als Weinreisender zu
führen, und zu diesem Zweck nahm er sich vor, Landau zu erobern. Willich
war damals noch nicht da. Er raffte Alles zusammen, was in der Pfalz disponibel war, Linie und Volkswehr, organisirte durcheinander bummelnde
Truppen, Kavallerie und Artillerie und rückte auf Landau los. Vor der
Festung wurde Kriegsrath gehalten, die Angriffs-Kolonnen formirt, die
Stellung der Artillerie bestimmt. Die Artillerie bestand aber aus einigen
Böllern, deren Kaliber von V2Pfund bis 1’/s Pfund variirten, und wurde auf
einem Heuwagen nachgefahren, der zugleich zum Munitionswagen diente.
Die Munition dieser verschiednen Böller bestand nämlich in Einer, sage
Einer vierundzwanzigpfündigen Kugel: von Pulver war keine Rede. Nach-

Die deutsche Reichsverfassungskampagne - III. Die Pfalz

dem Alles geordnet, rückte man voll Todesverachtung vor. Man kam bis ans
Glacis ohne Widerstand zu finden; man marschirte weiter, bis man ans Thor
kam. Voran die aus Landau übergegangenen Soldaten. Auf den Wällen
zeigten sich einige Soldaten als Parlamentäre. Man rief ihnen zu, das Thor
zu öffnen. Es entspann sich bereits ein ganz gemüthliches Zwiegespräch, und
Alles schien nach Wunsch zu gehen. Auf einmal ertönt vom Wall ein Kanonenschuß, Kartätschen sausen über den Köpfen der Angreifer weg, und
in einem Nu löst sich die ganze heldenmüthige Armee sammt ihrem pfälzischen Prinzen Eugen in wilde Flucht auf. Alles läuft, läuft, läuft mit einer
so unwiderstehlichen Heftigkeit, | daß die bald nachher von den Willen
abgeschossenen paar Kanonenkugeln schon nicht mehr über den Köpfen
der Fliehenden, daß sie nur noch über ihren weggeworfenen Flinten, Patrontaschen und Tornistern dahinsausen. Einige Stunden von Landau wird
endlich Halt gemacht, die Armee wieder gesammelt und von Herrn „Oberst"
Blenker ohne die Schlüssel von Landau, aber darum nicht minder stolz
wieder heimgeführt. Das war die noch nie dagewesene Eroberung Landaus
mit drei Böllern und einer vierundzwanzigpfündigen Kugel.

Der Kartätschschuß war von einigen bairischen Offizieren in der Eile
abgefeuert worden, als sie sahen, daß ihre Soldaten Lust hatten das Thor
zu öffnen. Das Geschütz wurde von den Soldaten selbst aus der Richtung
gebracht und daher kam es, daß Niemand getroffen wurde. Als die Besatzung
von Landau aber sah, welche Wirkung dieser Schuß ins Blaue machte, war
von Uebergabe natürlich keine Rede mehr.

Held Blenker war aber nicht der Mann, für solches Mißgeschick keine
Revanche zu nehmen. Er beschloß nunmehr Worms zu erobern. Von Frankenthal, wo er ein Bataillon befehligte, rückte er vor. Die paar hessischen
Soldaten, die in Worms lagen, machten sich auf und davon und Held Blenker
zog mit klingendem Spiel in seine Vaterstadt ein. Nachdem die Befreiung
von Worms mit einem solennen Frühstück gefeiert war, schritt man zur
Hauptfeierlichkeit, nämlich zur Vereidigung von zwanzig krank zurückgebliebenen hessischen Soldaten auf die Reichsverfassung. In der Nacht
aber nach diesen gewaltigen Resultaten fuhren die Peucker'sehen Reichstruppen auf dem rechten Rheinufer Geschütz auf, und weckten die siegreichen Eroberer höchst unsanft durch frühen Kanonendonner. Es war kein
Mißverständniß: die Reichstruppen schössen Vollkugeln und Granaten
herüber. Ohne ein Wort zu sagen, versammelte Held Blenker seine Tapfern
und zog in aller Stille von Worms wieder nach Frankenthal ab. Von seinen
späteren Heldenthaten wird die Muse am gehörigen Orte ein Weiteres berichten.

Während so in den Distrikten die verschiedenartigsten Charaktere sich
jeder in seiner Weise Luft machten, während die Soldaten und Volkswehr-

Friedrich Engels

männer statt zu exerciren in den Schenken saßen und sangen, beschäftigten
sich in Kaiserslautern die Herren Offiziere mit der Erfindung der tiefsinnigsten | strategischen Pläne. Es handelte sich um nichts Geringeres, als um
die Möglichkeit, eine von mehreren Seiten zugängliche kleine Provinz wie
die Pfalz mit einer fast ganz imaginären Streitmacht gegen eine höchst reelle

Armee von über 30000 Mann und 60 Kanonen zu halten. Gerade weil hier
jedes Projekt gleich nutzlos, gleich absurd war, grade weil hier alle Bedingungen jedes strategischen Plans fehlten, grade deßwegen nahmen sich die tiefen
Kriegsmänner, die denkenden Köpfe der pfälzer Armee erst recht vor, ein
strategisches Wunder auszutüfteln, das den Preußen den Weg in die Pfalz

versperren sollte. Jeder neugebackene Lieutenant, jeder Säbelschlepper von
der unter den Auspicien des Herrn Sznayde, endlich nebst dem Lieutenantsrang für jedes Mitglied zu Stande gekommenen akademischen Legion, jeder
Büreauschreiber stierte tiefsinnig auf die Karte der Pfalz in der Hoffnung,
den strategischen Stein der Weisen zu finden. Man kann sich leicht denken,

welche ergötzlichen Dinge dabei herauskamen. Namentlich die ungarische
Methode der Kriegführung war sehr beliebt. Vom „General" Sznayde bis
herab zum annoch verkanntesten Napoleon der Armee konnte man stündlich
die Phrase hören: „Wir müssen es machen wie Kossuth, wir müssen einen
Theil unsres Terrains aufgeben und uns — hierhin oder dahin, in die Berge
oder in die Ebene, je nachdem — zurückziehen." „Wir müssen es machen
wie Kossuth", hieß es in allen Wirthshäusern. „Wir müssen es machen wie
Kossuth", wiederholte jeder Corporal, jeder Soldat, jeder Gassenjunge.
„Wir müssen es machen wie Kossuth", wiederholte gutmüthig die provisorische Regierung, die am besten wußte, daß sie sich in diese Sachen nicht zu

mischen hatte, und der es am Ende gleichgültig war, wie man's machte. „Wir
müssen es machen wie Kossuth, sonst sind wir verloren." — Die Pfalz und
Kossuth!

Ehe ich zur Schilderung des Feldzugs selbst übergehe, muß ich noch kurz
einer Angelegenheit erwähnen, die in verschiedenen Blättern berührt worden
ist: meine momentane Verhaftung in Kirchheim. Wenige Tage vor dem
Einrücken der Preußen begleitete ich meinen Freund Moll auf einer von ihm
übernommenen Mission bis an die Gränze, bis Kirchheimbolanden. Hier
stand ein Theil des rheinhessischen Corps, bei dem wir Bekannte hatten. Wir
saßen Abends mit diesen | und mehreren andern Freischärlern des Corps
im Gasthof. Unter den Freischärlern waren einige jener ernsten, begeisterten
„Männer der That", von denen schon mehrfach die Rede war, und die gar
keine Schwierigkeiten darin sahen, mit wenig Waffen und viel Begeisterung
jede beliebige Armee der Welt zu schlagen. Es sind Leute, die vom Militär
höchstens die Wachtparade gesehen haben, die sich überhaupt nie um die
materiellen Mittel zur Erreichung irgend eines Zwecks bekümmern und die

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + III. Die Pfalz

daher meistens, wie ich später mehrfach zu beobachten Gelegenheit hatte,
im ersten Gefecht eine so niederschmetternde Enttäuschung erleben, daß sie
sich eiligst auf und davon machen. Ich frug einen dieser Helden, ob er
wirklich vorhabe, mit den in der Pfalz vorhandenen dreißigtausend Schleppsäbeln und viertehalb Flinten, worunter mehrere verrostete Karabiner, die
Preußen zu schlagen, und war überhaupt im besten Zuge, mich über die
heilige Entrüstung des in seiner edelsten Begeisterung verwundeten Mannes
der That zu amüsiren, als die Wache eintritt und mich für verhaftet erklärt.
Zu gleicher Zeit sehe ich hinter mir zwei Leute wuthschnaubend auf mich
losspringen. — Der Eine gab sich als Civilkommissär Müller zuerkennen, der
andre war Herr Greiner, das einzige Mitglied der Regierung, mit dem ich
wegen seiner häufigen Abwesenheit von Kaiserslautern — der Mann machte
in der Stille sein Vermögen mobil — und wegen seines verdächtigen, heulerisch-finstern Aussehens nicht in nähere Berührung getreten war. Zugleich
stand ein alter Bekannter von mir, Hauptmann im rheinhessischen Corps auf,
und erklärte, wenn ich verhaftet würde, werde er und eine bedeutende
Anzahl der besten Leute das Corps sofort verlassen. Moll und Andre wollten
mich sogleich mit Gewalt schützen. Die Anwesenden spalteten sich in zwei
Parteien, die Scene drohte interessant zu werden und ich erklärte, ich werde
mich natürlich mit Vergnügen verhaften lassen: man werde endlich sehen,
welche Farbe die Pfälzer Bewegung habe. Ich ging mit der Wache.

Am nächsten Morgen wurde ich nach einem komischen Verhör, das mich
Herr Zitz bestehn ließ, dem Civilkommissär und von diesem einem
Gensd'armen übergeben. Der Gensd'arm, dem eingeschärft worden war,

mich als Spion zu behandeln, schloß mir beide Hände zusammen und führte
mich zu Fuß | nach Kaiserslautern, angeklagt der Herabwürdigung der
Erhebung des pfälzischen Volks und der Aufreizung gegen die Regierung,
von der ich beiläufig kein Wort gesagt hatte. Unterwegs setzte ich durch,
daß ich einen Wagen bekam. In Kaiserslautern, wohin Moll mir vorausgeeilt
war, traf ich natürlich die Regierung höchst bestürzt über die Bevüe des
wackern Greiner, noch bestürzter über die mir widerfahrene Behandlung.
Man begreift, daß ich den Herren in Gegenwart des Gensd'armen eine artige
Scene machte. Da noch kein Bericht von Herrn Greiner eingetroffen war,
bot man mir an, mich auf Ehrenwort freizulassen. Ich verweigerte das
Ehrenwort und ging ins Kantonalgefängniß — ohne Begleitung, was auf
D'Esters Antrag angenommen wurde. D'Ester erklärte, nachdem einem
Parteigenossen solche Behandlung widerfahren, nicht länger bleiben zu
können. Tzschirner, der eben ankam, trat auch sehr entschieden auf. Die
Sache wurde denselben Abend stadtkundig und Alle, die der entschiedenen
Richtung angehörten, ergriffen sofort meine Partei. Dazu kam, daß die
Nachricht eintraf, im rheinhessischen Corps seien wegen dieser Angelegen-

Friedrich Engels

heit Unruhen ausgebrochen und ein großer Theil des Corps wolle sich auflösen. Weniger als das hätte hingereicht, den provisorischen Regenten, mit
denen ich täglich zusammen gewesen war, die Nothwendigkeit zu zeigen,
mir Satisfaktion zu geben. Nachdem ich mich 24 Stunden im Gef ängniß ganz
gut amüsirt hatte, kamen D'Ester und Schmitt zu mir; Schmitt erklärte mir,

ich sei ohne alle Bedingung frei und die Regierung hoffe, ich werde mich nicht
abhalten lassen, mich fernerhin bei der Bewegung zu betheiligen. Außerdem
sei der Befehl gegeben, daß von nun an kein politischer Gefangener geschlossen eingebracht werde, und die Untersuchung gegen den Urheber der infamen Behandlung, sowie über die Verhaftung und deren Ursache gehe fort.

Nachdem somit die Regierung, da Herr Greiner noch immer keinen Bericht
geschickt, mir alle ihr augenblicklich mögliche Genugthuung gegeben,
wurden beiderseits die feierlichen Gesichter abgesetzt und im Donnersberg
einige Schoppen zusammen getrunken. Tzschirner ging am nächsten Morgen
zum rheinhessischen Corps ab, um es zu beruhigen, und ich gab ihm einige

Zeilen mit. Herr Greiner trat, als er wiederkam, so erschrecklich heulerisch
auf, daß er |J56| von seinen Kollegen erst recht doppelt den Kopf gewaschen
bekam. Von Homburg aus rückten gleichzeitig die Preußen ein, und da
hiermit die Sache eine interessante Wendung bekam, da ich die Gelegenheit,
ein Stück Kriegsschule durchzumachen, nicht versäumen wollte, und da
endlich die „Neue Rheinische Zeitung" honoris causa auch in der pfälzischbadischen Armee vertreten sein mußte, so schnallte ich mir auch ein
Schlachtschwert um und ging zu Willich. |

Neue Rheinische Zeitung.
Politisch-ökonomische Revue.
H.3, März 1850

IV.
Für Republik zu sterben!

„Nur im Sturz von sechßunddreißig Thronen
Kann die deutsche Republik gedeihn;
Darum Brüder, stürzt sie ohne Schonen,
Setzet Gut und Blut und Leben ein.
Für Republik zu sterben,
Ist ein Loos hehr und groß, ist das Ziel unsres Muths!"

So sangen die Freischärler auf der Eisenbahn, als ich nach Neustadt fuhr,
um dort Willichs momentanes Hauptquartier zu erfragen.
Für Republik zu sterben, war also von nun an das Ziel meines Muths, oder

Die deutsche Reichsverfassungskampagne « IV. Für Republik zu sterben!

sollte es wenigstens sein. Ich kam mir sonderbar vor mit diesem neuen Ziel.
Ich sah mir die Freischärler an, junge, hübsche, flotte Burschen. Sie sahen
gar nicht aus als ob der Tod für Republik vor der Hand das Zielihres Muthes
sei.

Von Neustadt aus fuhr ich mit einem requirirten Bauerwagen nach
Offenbach, zwischen Landau und Germersheim, wo Willich noch war. Dicht
hinter Edenkoben stieß ich auf die ersten, von den Bauern auf seinen Befehl
ausgestellten Wachtposten, die sich von nun an beim Ein-und Ausgang jedes
Dorfs und auf allen Kreuzwegen wiederholten, und Niemanden ohne schrift-

liehe Legitimation von den Insurrektionsbehörden durchließen. Man sah daß
man dem Kriegszustand etwas näher kam. Spät in der Nacht traf ich in
Offenbach ein, und übernahm sogleich bei Willich Adjutantendienste.

Während dieses Tages — es war der 13. Juni — hatte ein kleiner Theil des

Willichschen Corps ein glänzendes Gefecht bestanden. Willich hatte zu
seinem Freicorps einige Tage vorher noch ein badisches Volkswehr-Bataillon, das | Bataillon Dreher-Obermüller als Verstärkung bekommen, und
von diesem Bataillon etwa 50 Mann gegen Germersheim, nach Bellheim
vorgeschoben. Hinter ihnen lag noch in Knittelsheim eine Compagnie des
Freicorps nebst einigen Sensenmännern. Ein Bataillon Baiern mit zwei
Geschützen und einer Schwadron Chevauxlegers machten einen Ausfall. Die
Badenser flohen ohne Widerstand zu leisten; nur einer von ihnen, von drei
reitenden Gensd'armen überholt, vertheidigte sich wüthend, bis er endlich,
ganz zerhackt von Säbelhieben, hinfiel und von den Angreifern vollends
getödtet wurde. Als die Flüchtigen in Knittelsheim ankamen, brach der dort
stationirte Hauptmann mit nicht ganz 50 Mann, von denen Einige noch
Sensen hatten, gegen die Baiern auf. Er vertheilte seine Leute geschickt in
mehre Détachements und ging in Tirailleurlinie mit solcher Entschiedenheit vor, daß die mehr als zehnfach überlegnen Baiern nach zweistündigem
Kampf in das von den Badensern im Stich gelassene Dorf zurückgedrängt,
und endlich, als noch einige Verstärkung vom Willichschen Corps ankam,
aus dem Dorf wieder hinausgeworfen wurden. Mit einem Verlust von etwa
zwanzig Todten und Verwundeten zogen sie sich nach Germersheim zurück.
Es thut mir leid, daß ich den Namen dieses tapf ern und talentvollen jungen
Offiziers nicht nennen darf, da er sich wahrscheinlich noch nicht in Sicherheit befindet. Seine Leute hatten nur fünf Verwundete, unter denen keiner
gefährlich. Der eine dieser fünf, ein französischer Freiwilliger, hatte einen
Schuß in den Oberarm bekommen, ehe er selbst zum Feuern kam. Trotzdem
verschoß er noch seine sämmtlichen sechszehn Patronen, und als seine
Wunde ihn am Laden hinderte, ließ er sein Gewehr durch einen Sensenmann
laden, um nur feuern zu können. Am nächsten Tage gingen wir nach Bellheim, um den Kampfplatz anzusehen und neue Dispositionen zu treffen. Die

Friedrich Engels

Baiern hatten mit Vollkugeln und Kartätschen auf unsre Tirailleure gefeuert,
aber nichts getroffen, als die Zweige der Bäume, mit denen die ganze Straße
übersä't war, und den Baum, hinter dem der Hauptmann stand.

Das Bataillon Dreher-Obermüller war heute vollzählig gegenwärtig, um
sich jetzt ganz in Bellheim und Umgegend festzusetzen. Es war ein schönes,
gutbewaffnetes Bataillon, | und namentlich die Offiziere sahen mit ihren
Knebelbärten und braunen Gesichtern voll Ernst und Begeisterung wie
wahre denkende Menschenfresser aus. Zum Glück waren sie so gefährlich
nicht, wie wir mehr und mehr sehen werden.

Zu meiner Verwunderung erfuhr ich, daß fast gar keine Munition vorhanden sei, daß die meisten Leute nur fünf bis sechs, einige wenige zwanzig
Patronen besäßen und daß der Vorrath nicht einmal ausreiche, um die ganz
leeren Patrontaschen der gestern im Feuer gewesenen Mannschaft zu füllen.
Ich erbot mich sogleich nach Kaiserslautern zu gehen, um Munition zu holen,
und machte mich denselben Abend noch auf den Weg.

Die Bauerwagen fahren schlecht; die Nothwendigkeit, stationsweise
neue Wagen zu requiriren, die Unkenntniß der Wege u. s. w. halten ebenfalls
auf. Es war Tagesanbruch, als ich nach Maikammer, etwahalbwegs Neustadt
kam. Hier stieß ich auf eine Abtheilung pirmasenser Volkswehr nebst den
vier nach Homburg geschickten Kanonen, die man in Kaiserslautern schon
verloren geglaubt hatte. Ueber Zweibrücken und Pirmasens, von da auf den
elendesten Bergwegen, war es ihnen gelungen, bis hierher durchzukommen,
wo sie endlich in die Ebene debouchirten. Die Herren Preußen waren so eilig
mit der Verfolgung nicht, obgleich unsere Pirmasenser, durch Strapazen,
Nachtmärsche und Wein aufgeregt, sie schon auf ihren Fersen glaubten.

Einige Stunden später — es war am 15. Juni — kam ich nach Neustadt. Die
ganze Bevölkerung war auf den Straßen, dazwischen Soldaten und Freischärler, wie man inder Pfalz alle Volkswehren in Blousen ohne Unterschied
nannte. Wagen, Kanonen und Pferde versperrten die Zugänge. Kurz, ich war
mitten in die Retirade der gesammten pfälzischen Armee gerathen. Die
provisorische Regierung, der General Sznayde, der Generalstab, die Büreaux, Alles war da. Kaiserslautern war aufgegeben, die Fruchthalle, der
„Donnersberg", die Bierhäuser, der „strategisch-gelegenste Punkt der
Pfalz", und für den Moment war Neustadt das Centrum der pfälzischen
Verwirrung, die erst jetzt, wo es zum Kampf kam, ihren Höhepunkt erreichte. Genug, ich unterrichtete mich über Alles, nahm möglichst viele
Fässer Pulver, Blei und fertige Patronen mit — was ||411 sollte die Munition
auch dieser ohne eine Schlacht in Trümmer aufgelösten Armee weiter nützen? — schaffte mir nach zahllosen vergeblichen Versuchen endlich in einem
benachbarten Dorfe einen Leiterwagen und fuhr mit meiner Beute und
einigen Mann Bedeckung Abends wieder ab.

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + IV. Für Republik zu sterben!

Vorher ging ich zu Herrn Sznayde und frug, ob er nichts für Willich zu
bestellen habe. Der alte Gourmand gab mir einige nichtssagende Bescheide
und fügte mit wichtiger Miene hinzu: „Sehen Sie, wir machen es jetzt gerade
wie Kossuth."

Wie die Pfälzer aber dazu kamen, es gerade so wie Kossuth zu machen,
das hing folgendermaßen zusammen. Die Pfalz besaß in der blühendsten
Epoche der „Erhebung", d. h. am Tage vor dem Einrücken der Preußen, etwa
56000 Mann, die mit Gewehren aller Art bewaffnet waren, und an
1000—1500 Sensenmänner. Diese 5—6000 möglichen Combattanten bestanden erstens aus dem Willichschen und rheinhessischen Freicorps, und
zweitens aus der sogenannten Volkswehr. In jedem Landcommissariatsbezirk war ein Militaircommissair mit dem Auftrage, ein Bataillon zu organisiren. Als Kern und Instruktoren dienten die dem Bezirk angehörigen
übergegangenen Soldaten. Dies System der Vermischung der Linientruppen

mit den neuausgehobenen Rekruten, das während eines aktiven Feldzugs mit
strenger Disciplin und fortwährender Waffenübung zu den besten Resultaten
geführt hätte, verdarb hier Alles. Die Bataillone kamen aus Mangel an
Waffen nicht zu Stande; die Soldaten, die Nichts zu thun hatten, verbummelten alle Disciplin und kriegerische Haltung und liefen großentheils auseinander. Endlich kam in einigen Bezirken eine Art Bataillon zusammen, in den
andern existirten nur einige bewaffnete Haufen. Mit den Sensenmännern war
vollends nichts anzufangen; überall im Wege, nie wirklich zu gebrauchen,
hatte man sie theils als interimistisches Anhängsel bei ihren respektiven
Bataillonen gelassen, bis man Gewehre für sie bekäme, theils in einbesondres Corps unter dem halbnärrischen Hauptmann Zinn vereinigt. Der Bürger
Zinn, der vollständigste Shakespearesche Pistol, den man sehen kann, der
beim Ausreißen vor Landau unter Held Blenker über seine Säbelscheide
gestolpert war daß sie zerbrach, der aber nachher mit großem | Pathos
schwor, eine „vierundzwanzigpfündige feurige Bombenkugel" habe sie ihm
entzwei gerissen, dieser selbe unüberwindliche Pistol wurde bisher zu
Exekutionen gegen reaktionaire Dörfer verwandt. Er unterzog sich diesem
Amte mit großem Eifer, so daß die Bauern zwar sehr großen Respekt vor
ihm und seinem Corps hatten, ihn aber auch jedesmal gehörig durchprügelten, wo sie ihn allein zu fassen bekamen. Auf ihrer Rückkehr von solchen
Fahrten mußten dann die Sensenmänner ihre Sensen in Scharten und Splitter
schlagen, und wenn er nach Kaiserslautern kam, erzählte er mörderliche
Falstaf fiaden von seinen Kämpfen mit den Bauern. —Da mit solchen Kräften
natürlich wenig auszurichten war, so befahl Mieroslawsky, der erst am 10.
im badischen Hauptquartier eintraf, daß die Pfälzer sich fechtend an den
Rhein zurückziehen, womöglich den Rheinübergang bei Mannheim gewinnen, sonst aber bei Speyer oder Knielingen auf das rechte Rheinufer gehen,

Friedrich Engels

und sodann von Baden aus die Rheinübergänge vertheidigen sollten. Gleichzeitig mit diesem Befehl traf die Nachricht ein, daß die Preußen von Saarbrücken aus in die Pfalz eingedrungen seien und unsre wenigen an der Gränze
aufgestellten Leute nach einigen Flintenschüssen gegen Kaiserslautern
zurückgeworfen hätten. Zugleich concentrirten sich fast alle mehr oder
weniger organisirten Truppentheile in der Richtung auf Kaiserslautern und
Neustadt; es entstand eine gränzenlose Verwirrung, und ein großer Theil der
Rekruten lief auseinander. Ein junger Offizier der schleswig-holsteinischen
Freischaaren von 1848, Rakow, ging mit 30 Mann aus, die Deserteure wieder
zu sammeln, und brachte in zweimal vierundzwanzig Stunden ihrer 1400
zusammen, die erinein „Bataillon Kaiserslautern" formirte und bis zu Ende
des Feldzugs führte.

Die Pfalz ist in strategischer Beziehung ein so einfaches Terrain, daß selbst
die Preußen hier keine Schnitzer machen konnten. Längs dem Rhein liegt
ein vier bis fünf Stunden breites Thal ohne alle Terrainhindernisse: In drei
bequemen Tagemärschen kamen die Preußen von Kreuznach und Worms
bis nach Landau und Germersheim. Ueber die gebirgige Hinterpfalz führt
die „Kaiserstraße" von Saargemünd nach Mainz, meist auf dem Bergrücken
oder durch ein breites Bachthal. Auch hier sind so gut wie gar keine Terrain 11431hindernisse, hinter denen eine numerisch schwache und taktisch
ungebildete Armee sich nur einigermaßen halten könnte. Von der Kaiserstraße endlich trennt sich hart an der preußischen Gränze, bei Homburg, eine
vortreffliche Straße, die theils durch Flußthäler, theils über den Rücken der
Vogesen über Zweibrücken und Pirmasens, direkt nach Landau führt. Diese
Straße bietet freilich größere Schwierigkeiten dar, ist aber auch mit wenig
Truppen und ohne Artillerie nicht zu versperren, besonders wenn ein feindliches Corps in der Ebene manöverirt und den Rückzug über Landau und
Bergzabern verlegen kann.

Hiernach war der Angriff der Preußen sehr einfach. Der erste Einfall
geschah von Saarbrücken gegen Homburg; von hier aus marschirte eine
Kolonne direkt auf Kaiserslautern, die andre über Pirmasens auf Landau.
Gleich darauf griff ein zweites Corps im Rheinthal an. Dies Corps fand in
Kirchheim-Bolanden den ersten heftigen Widerstand an den dort liegenden
Rheinhessen. Die Mainzer Schützen vertheidigten den Schloßgarten mit
großer Hartnäckigkeit und trotz bedeutender Verluste. Sie wurden endlich
umgangen und zogen sich zurück. Ihrer siebenzehn fielen den Preußen in
die Hände. Sie wurden sogleich an die Bäume gestellt und von den
schnapstrunkenen Heroen des „herrlichen Kriegsheers" ohne Weiteres
erschossen. Mit dieser Niederträchtigkeit begannen die Preußen ihren „zwar
kurzen aber ruhmvollen Feldzug" in der Pfalz.

Hiermit war die ganze nördliche Hälfte der Pfalz gewonnen und die

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + IV. Für Republik zu sterben!

Verbindung der beiden Hauptkolonnen hergestellt. Sie brauchten jetzt nur
noch in der Ebene vorzugehen und Landau und Germersheim zu entsetzen,
um sich die ganze übrige Pfalz zu sichern und alle im Gebirg sich etwanoch
haltenden Corps gefangen zu nehmen.

Es waren etwa 30 000 Preußen in der Pfalz, mit zahlreicher Cavallerie und
Artillerie versehen. In der Ebene, wo der Prinz von Preußen und Hirschfeld
mit dem stärksten Corps vordrangen, stand zwischen ihnen und Neustadt
nichts als ein paar widerstandsunfähige schon halb aufgelöste Volkswehrabtheilungen und ein Theil der Rheinhessen. Ein rascher Marsch auf

Speyer und Germersheim, und die ganzen bei Neustadt und Landau concentrirten oder vielmehr verworren | durch einander zottelnden
4—5000 Mann Pfälzer waren verloren, zersprengt, aufgelöst und gefangen.
Aber die Herren Preußen, so activ, wenn es an's Füsiliren wehrloser Gefangener ging, waren höchst zurückhaltend im Gefecht, höchst schläfrig in der
Verfolgung.

Wenn ich im ganzen Lauf des Feldzugs auf diese höchst seltsame Lauheit
der Preußen und übrigen Reichstruppen sowohl im Angriff wie in der Verfolgung, gegenüber einer meist sechsfach, stets wenigstens dreifach geringeren,
schlecht organisirten und stellenweise erbärmlich commandirten Armee,

wenn ich auf diesen Umstand häufiger zurückkommen muß, so ist es klar,
daß ich ihn nicht auf Rechnung einer aparten Feigheit der preußischen
Soldaten schiebe, um so weniger, als man schon gesehen haben wird, daß
ich mir über die besondre Tapferkeit unsrer Truppen durchaus keine Illusionen mache. Ebensowenig führe ich ihn, wie dies von Reactionären geschieht,

auf eine Art von Großmuth oder auf den Wunsch zurück, sich nicht mit zu
vielen Gefangenen zu belästigen. Die preußische bürgerliche und militärische
Büreaukratie hat von jeher ihren Ruhm darin gesucht, Triumphe über schwache Feinde mit großem Eclat davon zu tragen und sich an den Wehrlosen
mit der ganzen Wollust des Blutdurstes zu rächen. Sie hat dies auch in Baden
und der Pfalz gethan — Beweis, die Füsiliaden von Kirchheim, die nächtlichen Erschießungen in der Fasanerie von Karslruhe, die zahllosen Niedermetzelungen von Verwundeten und sich Ergebenden auf allen Schlachtfeldern, die Mißhandlungen der wenigen, die zu Gefangenen gemacht wurden,
die standrechtlichen Morde in Freiburg und Rastatt, und endlich die lang-

same, heimliche und darum um so grausamere Tödtung der Rastatter Gefangenen durch Mißhandlung, Hunger, Aufhäufung in feuchten, erstickenden
Löchern, und den durch alles dies hervorgebrachten Typhus. Die laue
Kriegführung der Preußen hatte ihren Grund allerdings in der Feigheit, und
zwar in der Feigheit der Commandirenden. Abgesehen von der langsamen,

ängstlichen Präcision unsrer preußischen Kamaschen- und Manöverhelden,
die allein jeden kühnen Zug, jeden raschen Entschluß unmöglich macht,

Friedrich Engels

abgesehen von den umständlichen Dienstreglements, die die Wiederkehr so
vieler schmählicher Niederlagen auf Umwegen hintertreiben sollen — |
451 wo würden die Preußen jemals diese für uns so unerträglich langweilige,
für sie so höchst blamable Kriegführung angewandt haben, wenn sie ihrer
eignen Leute sicher gewesen wären? Aber darin lag die Ursache. Die Herren
Generäle wußten, daß ein Drittel ihrer Armee aus widerspenstigen Landwehrregimentern bestand, die nach dem ersten Sieg der Insurrectionsarmee
sich zu ihr schlagen und sehr bald den Abfall der Hälfte auch der Linie und
namentlich aller Artillerie nach sich ziehen würde. Und wie es dann um das
Haus Hohenzollern und die ungeschwächte Krone gestanden haben würde,

ist wohl ziemlich klar.

In Maikammer, wo ich auf neue Fuhre und Bedeckung bis zum Morgen
des 16. warten mußte, holte mich die in aller Frühe von Neustadt aufgebrochne Armee schon wieder ein. Man hatte Tags vorher noch von einem
Marsch auf Speyer gesprochen, dieser Plan war also aufgegeben und man
zog direct nach der Knielinger Brücke. Mit fünfzehn Pirmasensern, halbwilden Bauerjungen aus den Urwäldern der Hinterpfalz, marschirte ich ab. Erst
in der Nähe von Offenbach erfuhr ich, daß Willich mit allen seinen Truppen
nach Frankweiler, einem nordwestlich von Landau gelegenen Ort abmarschirt sei. Ich kehrte also um und kam gegen Mittag in Frankweiler an. Hier
fand ich nicht nur Wülich, sondern abermals den ganzen Vortrab der Pfälzer, die, um nicht zwischen Landau und Germersheim durchzumarschiren,
den Weg westlich von Landau eingeschlagen hatten. Im Wirthshaus saß die
provisorische Regierung mit ihren Beamten, der Generalstab und die zahlreichen demokratischen Bummler, die sich an Beide angeschlossen hatten.
Der General Sznayde frühstückte. Alles lief durcheinander — im Gasthof die
Regenten, Kommandanten und Bummler, auf der Straße die Soldaten. Allmählig zog das Gros der Armee ein; Herr Blenker, Herr Trocinski, Herr
Straßer und wie sie alle heißen, hoch zu Roß, an der Spitze ihrer Tapfern.
Die Verwirrung wurde immer größer. Nach und nach gelang es, einzelne
Corps weiter fortzuschicken, in der Richtung auf Impflingen und Kandel zu.

Man sah es dieser Armee nicht an, daß sie auf dem Rückzug war. Die
Unordnung war von Anfang an bei ihr zu Hause, und wenn die jungen
Krieger auch schon anfingen 46) über das ungewohnte Marschiren zu jammern, so hielt sie das nicht ab, in den Wirthshäusern nach Herzenslust zu
zechen, zu lärmen und den Preußen mit baldigster Vernichtung zu drohen.
Trotz dieser Siegesgewißheit hätte ein Regiment Kavallerie mit einigen
reitenden Geschützen hingereicht, die ganze heitre Gesellschaft in alle vier
Winde zu zersprengen, und das „rheinpfälzische Freiheitsheer" total aufzulösen. Es gehörte Nichts dazu, als ein rascher Entschluß und etwas Verwegenheit; aber von Beiden war im preußischen Lager keine Rede.

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + IV. Für Republik zu sterben!

Am nächsten Morgen brachen wir auf. Während das Gros der Flüchtigen
nach der Knielinger Brücke abzog, marschirte Willich mit seinem Corps und
dem Bataillon Dreher in's Gebirge gegen die Preußen. Eine unsrer Compagnieen, etwa fünfzig Landauer Turner, waren in's höchste Gebirg, nach
Johanniskreuz vorgegangen. Schimmelpfennig stand mit seinem Corps auch
noch auf der Straße von Pirmasens nach Landau. Es galt die Preußen aufzuhalten und ihnen in Hinterweidenthal die Straßen nach Bergzabern und in's
Lauterthal zu verlegen.

Schimmelpfennig hatte indeß Hinterweidenthal schon aufgegeben und
stand in Rinnthal und Annweiler. Die Straße macht hier eine Biegung, und
grade in dieser Biegung bilden die das Queichthal einschließenden Berge eine
Art Defilé, hinter dem das Dorf Rinnthal liegt. Dies Defilé war mit einer Art
Feldwache besetzt. In der Nacht hatten seine Patrouillen gemeldet, daß auf
sie geschossen worden sei; frühmorgens brachten der Ex-Civilcommissär
Weiß von Zweibrücken und ein junger Rheinländer, M. J. Becker, die Nachricht, daß die Preußen heranrückten und forderten zu Recognoscirungs-
Patrouillen auf. Aber weder Recognoscirungen wurden vorgenommen, noch
die Höhen zu beiden Seiten des Defilés besetzt, so daß Weiß und Becker
sich entschlossen, auf eigne Faust recognosciren zu gehen. Als sich die
Berichte vom Herannahen des Feindes mehrten, fingen Schimmelpfennigs
Leute an, das Defilé zu verbarrikadiren; Willich kam an, recognoscirte die
Position, gab einige Befehle zur Besetzung der Höhen und ließ die ganz
nutzlose Barrikade wieder forträumen. Er ritt dann rasch nach Annweiler
zurück und holte seine Truppen, j

 Als wir durch Rinnthal marschirten, hörten wir die ersten Schüsse
fallen. Wir eilten durch's Dorf und sahen auf der Chaussee Schimmelpfennig's Leute aufgestellt, viel Sensenmänner, wenig Flinten, einige schon vor
in's Gefecht. Die Preußen rückten tiraillirend auf den Höhen vor; Schimmelpfennig hatte sie ruhig in die Position kommen lassen, die er selbst
besetzen sollte. Noch fiel keine Kugel in unsre Kolonnen; sie flogen alle hoch
über uns weg. Wenn eine Kugel über die Sensenmänner hinpfiff, schwankte
die ganze Linie, schrie Alles durcheinander.

Mit Mühe kamen wir an diesen Truppen vorbei, die fast die ganze Straße
versperrten, Alles in Unordnung brachten, und mit ihren Sensen doch ganz
nutzlos waren. Die Compagnieführer und Lieutenants waren so rathlos und
verwirrt, wie die Soldaten selbst. Unsre Schützen wurden vorcommandirt,
einige rechts, einige links auf die Höhen, dazu links noch zwei Compagnieen
zur Verstärkung der Schützen und zur Umgehung der Preußen. Die Hauptcolonne blieb im Thal stehen. Einige Schützen postirten sich hinter die Trümmer der Barrikade in der Biegung der Straße und schössen auf die preußische
Colonne, die einige hundert Schritt weiter zurück stand. Ich ging links mit
einigen Leuten den Berg hinauf.

Friedrich Engels

Wir hatten kaum den buschigen Abhang erklettert, als wir auf ein freies
Feld stießen, von dessen jenseitigem, waldigem Rand uns preußische Schützen ihre Spitzkugeln herüberschickten. Ich holte noch einige der rathlos und
etwas scheu am Abhang herumkletternden Freischärler hinauf, stellte sie
möglichst gedeckt auf und sah mir das Terrain näher an. Vorgehen konnte
ich nicht mit den paar Mann über ein ganz offenes Feld von 200—250 Schritt
Breite, solange nicht das weiter links vorgeschickte Umgehungsdetachement
die Flanke der Preußen erreicht hatte; wir Konnten uns höchstens halten, da
wir ohnehin nur schlecht gedeckt waren. Die Preußen schössen trotz ihrer
Spitzkugelbüchsen übrigens herzlich schlecht; wir standen fast gar nicht
gedeckt über eine halbe Stunde im heftigsten Tiraüleurfeuer, und die feindlichen Scharfschützen trafen nur einen Flintenlauf und einen Blousenzipf el.

Ich mußte endlich sehn wo Willich war. Meine Leute versprachen sich zu
halten, ich kletterte den Abhang wieder ||48] hinab. Unten stand Alles gut.
Die Hauptkolonne der Preußen, von unsern Schützen auf der Straße und
rechts von der Straße beschossen, mußte sich etwas weiter zurückziehn. Auf
einmal springen links, wo ich gestanden hatte, unsre Freischärler eilig den
Abhang hinunter und lassen ihre Position im Stich. Die auf dem äußersten
linken Flügel vorgegangenen Kompagnien, durch Hinterlassung zahlreicher
Tirailleure geschwächt, fanden den Weg durch ein weiter liegendes Gehölz
zu lang; den Hauptmann, der das Gefecht von Bellheim gewonnen, an der
Spitze, gingen sie quer über die Felder vor. Ein heftiges Feuer empfing sie;
der Hauptmann und mehrere andere stürzten, und der Rest, ohne Führer,
wich der Uebermacht. Die Preußen gingen nun vor, nahmen unsre Tirailleure
in die Flanke, schössen von Oben auf sie herab, und zwangen sie so zum
Rückzug. Der ganze Berg war bald in den Händen der Preußen. Sie schössen
von oben in unsre Kolonnen; es war nichts mehr zu machen und wir traten
den Rückzug an. Die Straße war versperrt durch die Schimmelpfennigschen
Truppen und durch das Bataillon Dreher-Obermüller, das nach löblicher
badischer Sitte nicht in Sektionen von 4—6, sondern in Halbzügen von
12—15 Mann Front marschirte und die ganze Breite der Chaussee einnahm.
Durch sumpfige Wiesen mußten unsre Leute ins Dorf marschiren. Ich blieb
bei den Schützen, die den Rückzug deckten.

Das Gefecht war verloren, theils dadurch, daß Schimmelpfennig gegen
Willichs Befehl die Höhen nicht hatte besetzen lassen, die wir mit den
wenigen verwendbaren Truppen den Preußen nicht wieder abnehmen konnten, theils durch die gänzliche Unbrauchbarkeit der Schimmelpfennigschen
Leute und des Bataillons Dreher, theils endlich durch die Ungeduld des zur
Umgehung der Preußen commandirten Hauptmanns, die ihm fast das Leben
kostete und unsern linken Flügel bloßstellte. Es war übrigens unser Glück,
daß wir geschlagen wurden; eine preußische Kolonne war schon auf dem

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + IV. Für Republik zu sterben!

Weg nach Bergzabern, Landau war entsetzt, und so wären wir in Hinterweidenthal von allen Seiten umzingelt gewesen.

Auf dem Rückzug verloren wir mehr Leute als im Gefecht. Von Zeit zu
Zeit schlugen die preußischen Büchsenkugeln in die dichte Kolonne, die sich
größtenteils in erbaulicher Unordnung, schreiend und polternd fortbewegte. Wir | hatten etwa fünfzehn Verwundete, darunter Schimmelpfennig, der ziemlich im Anfang des Gefechts einen Schuß ins Knie erhalten
hatte. Die Preußen verfolgten uns wieder sehr lau und hörten bald auf zu
schießen. Es waren nur einige Tirailleure an den Bergabhängen, die uns
nachfolgten. In Annweiler, eine halbe Stunde'vom Kampfplatz, nahmen wir
sehr ruhig einige Erfrischungen zu uns und marschirten dann nach Albersweiler. Die Hauptsache hatten wir: 3000 Gulden Einzahlungen für die
Zwangsanleihe, die in Annweiler bereit gelegen hatten. Die Preußen nannten
das nachher Kassenraub. Sie behaupteten auch in ihrem Siegesrausch, den
Hauptmann Manteuffel von unserm Corps, Vetter Ehren-Manteuffels in
Berlin und übergegangnen preußischen Unteroffizier, bei Rinnthal getödtet
zu haben. Herr Manteuffel ist sowenig todt, daß er seitdem in Zürich noch
einen Turnpreis gewonnen hat.

In Albersweiler stießen zwei badische Geschütze zu uns, ein Theil der von
Mieroslawski gesandten Verstärkung. Wir wollten sie benutzen um uns in
der Nähe noch einmal zu stellen; da brachte man uns die Nachricht, die
Preußen seien schon in Landau und hiernach blieb uns nichts als direkt nach
Langenkandel abzumarschiren.

In Albersweiler wurden wir glücklich die unbrauchbaren Truppen los, die
mit uns marschirten. Das Corps Schimmelpfennig hatte sich nach dem
Verlust seines Führers schon theilweise aufgelöst und marschirte auf eigene
Faust seitwärts nach Kandel ab. Es ließ noch jeden Augenblick Marode und
sonstige Nachzügler in den Wirthshäusern zurück. Das Bataillon Dreher fing
in Albersweiler an rebellisch zu werden. Willich und ich gingen hin, und
frugen was sie wollten. Allgemeines Schweigen. Endlich rief ein schon ziemlich bejahrter Freischärler: „Man will uns auf die Schlachtbank führen!"
Diese Exclamation war höchst komisch bei einem Corps das gar nicht einmal
im Gefecht gewesen war und auf dem Rückzug zwei, höchstens drei Leichtverwundete gehabt hatte. Willich ließ den Mann vortreten und sein Gewehr
abgeben. Der etwas angetrunkene Graubart that es, machte eine tragikomische Scene, und heulte eine lange Rede, deren kurzer Sinn war, daß ihm das
noch nie passirt sei. Darüber erhob sich eine allgemeine Entrüstung unter
diesen sehr ge||50O|müthlichen aber schlecht disciplinirten Kämpfern, so daß
Willich der ganzen Kompagnie befahl, sofort abzumarschiren, er sei des

Schwatzens und Murrens satt und wolle solche Soldaten keinen Augenblick
länger führen. Die Kompagnie ließ sich das nicht zweimal sagen, schwenkte

Friedrich Engels

rechts ab und setzte sich in Marsch. Fünf Minuten darauf folgte ihr der Rest
des Bataillons, dem Willich noch 2 Geschütze beigab. Das war ihnen zu arg,
daß sie „auf die Schlachtbank geführt" werden und Disciplin halten sollten!
Wir ließen sie mit Vergnügen ziehn.

Wir schlugen uns rechts ins Gebirg in der Richtung auf Impflingen zu. Bald
kamen wir in die Nähe der Preußen; unsre Schützen wechselten einige
Kugeln mit ihnen. Ueberhaupt wurde den ganzen Abend von Zeit zu Zeit
geschossen. Im ersten Dorf blieb ich zurück um unsrer Landauer Turnerkompagnie durch Boten Nachrichten zuzuschicken; ob sie sie erhielt weiß
ich nicht, doch ist sie glücklich nach Frankreich und von da nach Baden
herübergekommen. Durch diesen Aufenthalt verlor ich das Corps, und mußte
meinen Weg nach Kandel selbst suchen. Die Wege waren bedeckt mit
Nachzüglern der Armee; alle Wirthshäuser lagen voll; die ganze Herrlichkeit
schien in Wohlgefallen aufgelöst. Offiziere ohne Soldaten hier, Soldaten
ohne Offiziere dort, Freischärler aller Corps bunt durcheinander, eilten zu
Fuß und zu Wagen nach Kandel zu: Und die Preußen dachten gar nicht an
ernsthafte Verfolgung! Impflingen liegt nur eine Stunde von Landau, Wörth
(vor der Knielinger Brücke) nur vier bis fünf Stunden von Germersheim; und
die Preußen schickten weder nach dem einen noch nach dem andern Punkt
rasch Truppen hin, die hier die Zurückgebliebenen, dort die ganze Armee
abschneiden konnten. In der That, die Lorbeeren des Prinzen von Preußen
sind auf eine eigene Art errungen worden!

In Kandel fand ich Willich, aber nicht das Corps, das weiter zurück einquartirt war. Dafür fand ich wieder die provisorische Regierung, den Generalstab und das zahlreiche Gefolge von Bummlern. Dieselbe Ueberfüllung
von Truppen, nur eine noch viel größere Unordnung und Verwirrung als
gestern in Frankweiler. Jeden Augenblick kamen Offiziere die nach ihren
Corps, Soldaten, die nach ihren Führern frul|5l]gen. Kein Mensch wußte
ihnen Bescheid zu geben. Die Auflösung war komplet.

Am nächsten Morgen, 18. Juni, defilirte die ganze Gesellschaft durch
Wörth und über die Knielinger Brücke. Trotz der vielen Versprengten und
Heimgegangenen betrug die Armee mit den aus Baden gekommenen Verstärkungen doch an 5—6000 Mann. Sie marschirten so stolz durch Wörth, als
hätten sie das Dorf so eben erobert und zögen neuen Triumphen entgegen.
Sie machten es noch immer wie Kossuth. Ein badisches Linienbataillon war
übrigens das einzige, das militärische Haltung hatte und das an einer Kneipe
vorbeimarschiren konnte ohne daß einige davon hineinsprangen. Endlich
kam unser Corps. Wir blieben zur Deckung zurück, bis die Brücke abgefahren werden konnte; als Alles in Ordnung war, marschirten wir nach Baden
hinüber und halfen die Joche ausfahren.

Die badische Regierung, um die braven Karlsruher Spießbürger zu scho-

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + IV. Für Republik zu sterben!

nen, die sich am 6. Juni so tapfer gegen die Republikaner gehalten hatten,
quartirte die ganze pfälzische Gesellschaft in der Umgegend ein. Wir hatten
gerade darauf gedrungen mit unserm Corps nach Karlsruhe zu kommen; wir
hatten eine Menge Reparaturen und Kleidungsgegenstände nöthig und hielten außerdem die Anwesenheit eines zuverlässigen, revolutionären Corps in
Karlsruhe für sehr wünschenswerth. Aber Herr Brentano hatte für uns
gesorgt. Er dirigirte uns auf Daxlanden, ein Dorf anderthalb Stunden von
Karlsruhe, das uns als ein wahres Eldorado geschildert wurde. Wir marschiren hin, und finden das reaktionärste Nest der ganzen Gegend. Nichts zu

essen, nichts zu trinken, kaum etwas Stroh; das halbe Corps mußte auf dem

harten Fußboden schlafen. Dazu saure Gesichter an allen Thüren und Fenstern. Wir machten kurzen Prozeß. Herr Brentano wurde avertirt: wenn uns
nicht vorher ein anderes, besseres Quartier angewiesen sei, würden wir am
nächsten Morgen, den 19. Juni, in Karlsruhe sein. Gesagt, gethan. Um neun
Uhr Morgens wird abmarschirt. Noch keinen Büchsenschuß vor dem Dorf
kommt uns Herr Brentano mit einem Stabsoffizier entgegen und bietet alle
Schmeicheleien, alle Künste der Beredsamkeit auf, um uns von Karlsruhe
entfernt zu halten. Die Stadt beherberge schon 5000 Mann, die reichere
Klasse sei fortgereis't, der Mittelstand mit Einquartirung überladen; er
werde nicht dulden, daß das tapfre Willichsche Corps, deß Lob auf allen
Zungen sei, schlecht untergebracht werde, u. s. w. Half Alles nichts. Willich
forderte einige leere Paläste fortgereister Aristokraten, und als Brentano sie
nicht geben wollte, gingen wir in Karlsruhe in Quartiere.

In Karlsruhe erhielten wir Gewehre für unsre Sensenkompagnie, und
einiges Tuch zu Mänteln. Wir ließen Schuhe und Kleider so rasch wie
möglich repariren. Auch neue Leute kamen zu uns, mehre Arbeiter, die ich
vom Elberfelder Aufstand her kannte, ferner Kinkel, der als Musketier in
die Besanconer Arbeiterkompagnie eintrat, und Zychlinski, Adjutant des
Oberkommandos im Dresdner Aufstand und Führer der Arrieregarde beim
Rückzug der Insurgenten. Er trat als Schütze in die Studenten-Compagnie.

Neben der Vervollständigung der Ausrüstung wurde die taktische Ausbildung nicht vergessen. Es wurde fleißig exercirt und am zweiten Tage unsrer
Anwesenheit ein simulirter Sturm auf Karlsruhe vom Schloßplatz aus vorgenommen. Die Spießbürger bewiesen durch ihre allgemeine und tiefgefühlte
Entrüstung über dies Manöver, daß sie die Drohung vollständig verstanden
hatten.

Man faßte endlich den kühnen Entschluß, die Waffensammlung des
Großherzogs in Requisition zu setzen, die bisher wie ein Heiligthum unangetastet geblieben war. Wir waren eben im Begriff, zwanzig daraus erhaltene
Büchsen pistoniren zu lassen, als die Nachricht kam, die Preußen seien bei
Germersheim über den Rhein gegangen und ständen in Graben und Bruchsal.

Friedrich Engels

Wir marschirten sogleich — am 20. Juni Abends — nebst zwei pfälzischen
Kanonen ab. Als wir nach Blankenloch kamen, anderthalb Stunden von
Karlsruhe gegen Bruchsal zu, fanden wir dort Herrn Clement mit seinem
Bataillon und erfuhren, daß die preußischen Vorposten bis etwa eine Stunde
von Blankenloch vorgeschoben seien. Während unsre Leute unterm Gewehr
zu Abend speisten, hielten wir Kriegsrath. Willich schlug vor, die Preußen
sogleich anzugreifen. Herr Clement erklärte mit seinen ungeübten Truppen
keinen nächtlichen Angriff machen zu können. Es wurde also beschlossen,
daß wir sogleich auf Karlsdorf vorgehn, etwas vor Tagesanbruch angreifen
und die preußische Linie zu durchbrechen||53] suchen sollten. Gelang uns
dies, so wollten wir auf Bruchsal marschiren und uns wo möglich hineinwerfen. Herr Clement sollte dann bei Tagesanbruch über Friedrichsthal angreifen und unsre linke Flanke unterstützen.

Es war etwa Mitternacht als wir aufbrachen. Unser Unternehmen war
passabel verwegen. Wir waren nicht ganz siebenhundert Mann mit zwei
Kanonen; unsre Truppen waren besser exercirt und zuverlässiger als der
Rest der pf älzer Truppen, auch ziemlich ans Feuer gewöhnt. Wir wollten mit
ihnen ein feindliches Corps angreifen, das jedenfalls viel geübter und mit
geübtem Subalternoffizieren versehen war als wir, bei denen einzelne
Hauptleute kaum in der Bürgerwehr gewesen waren; ein Corps, dessen
Stärke wir nicht genau kannten, das aber nicht unter 4000 Mann zählte. Unser
Corps hatte indessen schon ungleichere Kämpfe bestanden, und auf minder
ungünstige Zahlenverhältnisse war ja in diesem Feldzug überhaupt nicht zu
rechnen.

Wir schickten zehn Studenten als Avantgarde hundert Schritt vor; dann
folgte die erste Kolonne, an der Spitze ein halbes Dutzend badische Dragoner
die uns zum Staffettendienst zugetheilt waren, dahinter drei Kompagnien.
Die Geschütze nebst den drei übrigen Kompagnien blieben etwas weiter
zurück, die Schützen bildeten den Schluß. Der Befehl war gegeben, unter
keiner Bedingung zu schießen, mit der größten Stille zu marschiren, und
sowie der Feind sich zeige, mit dem Bajonnet auf ihn loszugehn.

Bald sahen wir in der Ferne den Schein der preußischen Wachtfeuer. Wir
kommen unangefochten bis Spöck. Das Gros hält; die Avantgarde allein
marschirt vor. Plötzlich fallen Schüsse; auf der Straße, am Eingang des
Dorfes flackert ein helles Strohfeuer auf, die Glocke läutet Sturm. Rechts
und links gehen unsre Plänkler um das Dorf, und die Kolonne marschirt
hinein. Drinnen brennen ebenfalls große Feuer; an jeder Ecke erwarten wir
eine Salve. Aber alles ist still, und nur eine Art Wachtposten von Bauern
kampirt vor dem Rathhaus. Der preußische Posten hatte sich bereits davon
gemacht.

Die Herren Preußen — das sahen wir hier — hielten sich trotz ihrer kolossa-

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + IV. Für Republik zu sterben!

len Ueberzahl nicht für sicher, wenn sie nicht ihre pedantischen Vorpostendienstreglements bis ins langwei|ligste Detail ausgeführt hatten.
Eine ganze Stunde weit von ihrem Lager stand dieser äußerste Posten.
Hätten wir unsre, an Kriegsstrapazen ungewohnten Leute in derselben
Weise durch Vorpostendienst abmatten wollen, wir hätten zahllose Marode
gehabt. Wir verließen uns auf die preußische Aengstlichkeit, und waren der
Meinung, sie würden mehr Respekt vor uns haben als wir vor ihnen. Und
mit Recht. Unsre Vorposten wurden bis an die Schweizergränze nie angegriffen, unsre Quartiere nie überfallen.

Jedenfalls waren die Preußen jetzt avertirt. Sollten wir umkehren? Wir
waren nicht der Ansicht, wir marschirten durch.

Bei Neuthard abermals die Sturmglocke; diesmal aber weder Signalfeuer
noch Schüsse. Wir marschiren in etwas geschlossener Ordnung auch hier
durch das Dorf und die Höhe gegen Karlsdorf hinan. Unsre Avantgarde, jetzt

nur noch dreißig Schritt vor, istkaum auf der Höhe angekommen, als sie die

preußische Feldwache dicht vor sich sieht und von ihr angerufen wird. Ich
höre das Werda und springe vor. Einer meiner Kameraden sagte: der ist
verloren, den sehn wir auch nicht wieder. Aber gerade mein Vorgehn war
meine Rettung.

In demselben Augenblick nämlich gibt die feindliche Feldwache eine
Salve, und unsre Avantgarde, statt sie mit dem Bajonnet über den Haufen
zu werfen, feuert wieder. Die Dragoner, neben denen ich marschirt hatte,
machen mit ihrer gewöhnlichen Feigheit sofort Kehrt, sprengen im Galopp
in die Kolonne hinein, reiten eine Anzahl Leute nieder, sprengen die ersten
vier bis sechs Sektionen total auseinander, und galoppiren davon. Zugleich
geben die in den Feldern rechts und links aufgestellten feindlichen Vedetten
Feuer auf uns, und um die Verwirrung vollständig zu machen, fangen mitten
in unsrer Kolonne einige Tölpel an auf ihre eigne Spitze zu feuern, und andere
Tölpel machen es ihnen nach. In einem Nu ist die erste Hälfte der Kolonne
zersprengt, theils in den Feldern zerstreut, theils auf der Flucht, theils auf
der Straße in verworrenem Knaul zusammengeballt. Verwundete, Tornister,
Hüte, Flinten liegen bunt durcheinander im jungen Korn. Dazwischen wildes, verworrenes Geschrei, Schüsse und Kugelpfeifen in allen möglichen
Richtungen. Und wie der Lärm etwas nachläßt, höre ich weit hinten unsre

Kanonen | in eiliger Flucht davonrollen. Sie hatten der zweiten Hälfte
der Kolonne denselben Dienst geleistet wie die Dragoner der ersten.

So wüthend ich in diesem Augenblick über den kindischen Schrecken war,
der unsre Soldaten ergriffen hatte, so erbärmlich kamen mir die Preußen vor,
die, avertirt wie sie von unsrer Ankunft waren, das Feuer nach ein paar

Schüssen einstellten und ebenfalls eiligst ausrissen. Unsre Avantgarde stand
noch auf ihrem alten Platz, und ganz unangegriffen. Eine Schwadron Ka-

Friedrich Engels

vallerie, oder ein erträglich genährtes Tirailleurf euer hätte uns in die wildeste
Flucht aufgelöst.

Willich kam von der Avantgarde eilig herangesprungen. Die Besangoner
Kompagnie war zuerst wieder formirt; die Andern, mehr oder minder beschämt, schlossen sich an. Es wurde eben Tag. Unser Verlust betrug sechs 5
Verwundete worunter einer unsrer Stabsoffiziere, der an derselben Stelle
von einem Dragonerpferd zu Boden gestampft war, die ich den Augenblick
vorher verlassen hatte um zur Avantgarde zu eilen. Mehrere andere waren
offenbar von den Kugeln unsrer eignen Leute getroffen. Wir sammelten
sorgfältig alle weggeworfenen Armaturstücke auf, damit den Preußen auch 10
nicht die geringste Trophäe zufiele, und zogen uns dann langsam nach
Neuthard zurück. Die Schützen postirten sich zur Deckung hinter die ersten
Häuser. Aber kein Preuße kam; und als Zychlinski noch einmal rekognosciren ging, fand er sie noch hinter der Höhe, von woher sie ihm ein paar
Kugeln sandten ohne etwas zu treffen. 15

Die pfälzer Bauern, die unsre Geschütze fuhren, waren mit der einen
Kanone bis durch das Dorf gefahren; die andere hatte umgeworfen, und die
Führer waren mit fünf Pferden, deren Stränge sie abhieben, fortgeritten. Wir
mußten das Geschütz aufrichten und mit dem einen Stangenpferde allein
fortschaffen. 20

Bei Spöck angekommen, hörten wir rechts, nach Friedrichsthal zu, eine
allmählig lebhafter werdende Füsillade. Herr Clement hatte, eine Stunde
später als verabredet, endlich angegriffen. Ich schlug vor, ihn durch einen
Flankenangriff zu unterstützen, um die erhaltene Scharte auszuwetzen.
Willich war derselben Meinung und befahl den ersten Weg rechts einzuschla- 25
gen. Ein Theil unsres Corps hatte schon eingebogen, | als ein Ordonnanzoffizier von Clement meldete, dieser ziehe sich zurück. Wir gingen
also nach Blankenloch. Bald begegnete uns Herr Beust, vom Generalstab,
und war höchst erstaunt uns am Leben und das Corps in bester Ordnung zu
sehn. Die schuftigen Dragoner hatten aufihrer Flucht, die bis Karlsruhe ging, 30
überall erzählt, Willich sei todt, die Offiziere seien alle todt, und das Corps
in alle vier Winde zersprengt und vernichtet. Man habe mit Kartätschen und
„feurigen Bombenkugeln" auf uns geschossen.

Vor Blankenloch kamen uns pfälzische und badische Truppen entgegen,
und endlich Herr Sznayde mit seinem Stab. Der alte Kauz, der die Nacht 35
wahrscheinlich sehr ruhig im Bette zugebracht hatte, war unverschämt
genug, uns zuzurufen: „Meine Herren, wo gehen sie hin? Dort ist der Feind!"
Wir antworteten ihm natürlich wie sichs gebührte, marschirten vorbei und
sorgten in Blankenloch für etwas Ruhe und Erfrischung. Nach zwei Stunden
kam Herr Sznayde mit seiner Truppe zurück, natürlich ohne den Feind 40
gesehen zu haben, und frühstückte.

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + IV. Für Republik zu sterben!

Herr Sznayde hatte jetzt mit den aus Karlsruhe und Umgegend erhaltenen
Verstärkungen ungefähr 8—9000 Mann unter seinem Befehl, darunter drei
badische Linienbataillone und zwei badische Batterien. Im Ganzen mochten
25 Geschütze dabei sein. In Folge der etwas unbestimmten Befehle
Mieroslawskis, und noch mehr der totalen Unfähigkeit des Herrn Sznayde
blieb die ganze pfälzische Armee in der Gegend von Karlsruhe stehn, bis die
Preußen unter dem Schutz des Germersheimer Brückenkopfs über den Rhein
gegangen waren. Mieroslawski (s. seine Rapporte über den Feldzug in Baden)
hatte den allgemeinen Befehl gegeben, nach dem Rückzug aus der Pfalz die
Rheinübergänge von Speier bis Knielingen zu vertheidigen, und den speziellen, Karlsruhe zu decken und die Knielinger Brücke zum Sammelplatz des
ganzen Armeecorps zu machen. Herr Sznayde legte dies so aus, daß er bis
auf Weiteres bei Karlsruhe und Knielingen stehn bleiben sollte. Hätte er, wie
die allgemeinen Befehle Mieroslawskis implicirten, ein starkes Corps mit
Artillerie gegen den Germersheimer Brückenkopf geschickt, so wäre nicht
der Unsinn passirt, daß man dem Major Mniewski mit 450 Rekruten ohne
Geschütz den Befehl gab, den Brückenkopf wegzunehmen, so wären |
 nicht 30 000 Preußen unangefochten über den Rhein gekommen, so wäre
nicht die Verbindung mit Mieroslawski abgeschnitten worden, so hätte die
pfälzer Armee rechtzeitig auf dem Schlachtfeld von Waghäusel erscheinen
können. Statt dessen trieb sie sich am Tage des Waghäuseier Gefechts, am
21. Juni, rathlos zwischen Friedrichsthal, Weingarten und Bruchsal umher,
verlor den Feind aus den Augen und vergeudete die Zeit mit Kreuz- und
Quermärschen.

Wir erhielten Befehl, nach dem rechten Flügel aufzubrechen und über
Weingarten am Bergrande vorzugehn. Wirbrachen also an demselben Mittag
— den 21. Juni — von Blankenloch, und Abends gegen fünf von Weingarten
auf. Die Pfälzer Truppen fingen endlich an unruhig zu werden; sie merkten,
welche Ueberzahl ihnen entgegen stand, und verloren die prahlerische Si-

cherheit die sie bisher wenigstens vor dem Gefecht gehabt hatten. Von jetzt
an begann bei der pfälzischen und badischen Volkswehr, und allmählig auch
bei der Linie und Artillerie, jene Preußenriecherei, jene alltägliche Wiederholung blinden Lärms, die Alles in Verwirrung brachte und zu den ergötzlichsten Szenen Anlaß gab. Gleich auf der ersten Höhe hinter Weingarten stürzten uns Patrouillen und Bauern mit dem Ruf entgegen: die Preußen sind da!
Unser Corps formirte sich in Schlachtordnung und ging vor. Ich ging ins
Städtchen zurück, um dort Allarm schlagen zu lassen, und verlor dadurch
das Corps. Der ganze Lärm war natürlich grundlos. Die Preußen hatten sich
gegen Waghäusel zurückgezogen und Willich rückte noch denselben Abend
in Bruchsal ein.
Ich brachte die Nacht mit Herrn Oßwald und seinem pfälzer Bataillon in

Friedrich Engels

Obergrombach zu und marschirte mit diesem am nächsten Morgen nach
Bruchsal. Vor der Stadt kommen uns Wagen mit Nachzüglern entgegen: Die
Preußen sind da! Sogleich gerieth das ganze Bataillon ins Schwanken und
nur mit Mühe war es vorwärts zu bringen. Natürlich wieder blinder Lärm;
in Bruchsal lag Willich und der Rest der pfälzer Avantgarde; die Uebrigen
rückten nach der Reihe ein und von den Preußen war keine Spur. Außer der
Armee und ihren Führern waren d'Ester, die pfälzische Ex-Regierung und
Goegg dort, der überhaupt seit Brentanos unwidersprechlich gewordener
Diktatur sich fast ausschließlich | bei der Armee aufhielt und die laufen-

den Civilgeschäf te besorgen half. Die Verpflegung war schlecht, die Verwir-

rung groß. Nur im Hauptquartier wurde, wie immer, gut gelebt.

Wir erhielten abermals eine ansehnliche Zahl Patronen aus den Karlsruher
Vorräthen, und marschirten Abends ab, mit uns die ganze Avantgarde.
Während diese in Ub Stadt ihr Quartier aufschlug, zogen wir nach Unter-
Oewisheim rechts ab, um im Gebirg die Flanke zu decken.

Wir waren jetzt, dem Ansehen nach, eine ganz respektable Macht. Unser
Corps hatte sich durch zwei neue Abtheilungen verstärkt. Erstens durch das
Bataillon Langenkandel, das auf dem Wege von seiner Heimath bis zur
Knielinger Brücke auseinander gelaufen war und dessen beaux restes sich
uns angeschlossen hatten; sie bestanden aus einem Hauptmann, einem
Lieutenant, einem Fahnenträger, einem Feldwebel, einem Unteroffizier und
zwei Mann. Zweitens die „Kolonne Robert Blum", mit einer rothen Fahne,
ein Corps von ungefähr sechszig Mann, die wie die Kannibalen aussahen und
im Requiriren bedeutende Heldenthaten verrichtet hatten. Außerdem waren
uns noch vier badische Geschütze und ein Bataillon badischer Volkswehr
zugetheilt, das Bataillon Kniery, Knüry oder Knierim (die richtige Lesart des
Namens war nicht zu entdecken). Das Bataillon Knierim war seines Führers,
und Herr Knierim war seines Bataillons würdig. Beide waren gesinnungstüchtig, erschreckliche Maulhelden und Lärmschläger, und stets besoffen.
Die bekannte ,,Begeisterung" durchzuckte ihre Herzen, wie wir sehen
werden, zu den gewaltigsten Heldenthaten.

Am Morgen des 23. erhielt Willich ein Billet von Anneke, der die pfälzische
Avantgarde in Ubstadt kommandirte, des Inhalts: der Feind rücke heran,
man habe Kriegsrath gehalten und beschlossen, sich zurückzuziehn. Willich,
im höchsten Grade erstaunt über diese seltsame Nachricht, ritt sogleich
hinüber, bewog Anneke und seine Offiziere das Gefecht bei Ubstadt anzunehmen, rekognoscirte selbst die Position und gab die Aufstellung der
Geschütze an. Er kam dann zurück und ließ seine Leute unters Gewehr
treten. Während unsre Truppen sich aufstellten, erhielten wir folgenden
Befehl aus dem Hauptquartier Bruchsal, unterzeichnet von Techow: Das
Gros der Armee werde auf der Straße nach Heidelberg vorgehn | und

5

Osmscner Bundes**,

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + IV. Für Republik zu sterben!

hoffe denselben Tag noch bis Mingolzheim zu kommen und wir sollten
gleichzeitig über Udenheim auf Waldangelloch marschiren und dort übernachten. Weitere Nachrichten über die Erfolge des Hauptcorps und Befehle über unser ferneres Verhalten würden uns dorthin nachgeschickt
werden.

Herr Struve hat in seiner abenteuerlichen „Geschichte der drei Volkserhebungen in Baden" p. 311—317 einen Bericht über die Operationen der pfälzer
Armee vom 20.—26. Juni veröffentlicht, der nur eine Apologie des unfähigen
Sznayde istund von Unrichtigkeiten und Entstellungen wimmelt. Schon aus

dem Erzählten geht hervor 1) daß Sznayde keineswegs „einige Stunden nach
seinem Einrücken in Bruchsal (am 22.) sichere Kunde über das Treffen von
Waghäusel und dessen Ausgang erhielt"; 2) daß also keineswegs „hierdurch
sein Plan ein andrer wurde, und daß er, statt nach Mingolzheim zu marschiren, wie Anfangs die Absicht gewesen" keineswegs schon am 22. „beschloß mit dem Gros seiner Division in Bruchsal zu bleiben"; (das erwähnte
Billet von Techow war in der Nacht vom 22. auf den 23. geschrieben);
3) daß keineswegs „am Morgen des 23. eine große Rekognoscirung vorgenommen werden sollte", sondern allerdings der Marsch auf Mingolzheim.
Daß 4) „alle Detaschements Befehl erhielten, sobald sie feuern hörten, in
der Richtung des Feuers zu marschiren", und 5) „das Detachement des
rechten Flügels (Willich) sein Nichterscheinen beim Gefecht von Ubstadt
damit entschuldigte, er habe vom feuern nicht gehört", sind, wie sich zeigen
wird, grobe Lügen.

Wir marschirten sogleich ab. In Odenheim sollte gefrühstückt werden.

Einige bairische Chevauxlegers, die uns zum Staffettendienst zugetheilt
waren, ritten links um das Dorf um etwaige feindliche Corps zu rekognosciren. Preußische Husaren waren im Dorf gewesen und hatten Fourage
requirirt, die sie später abholen wollten. Während wir diese Fourage mit
Beschlag belegten und unsre Leute unterm Gewehr Wein und Eßwaaren
vertheilt erhielten, kam einer der Chevauxlegers hereingesprengt und schrie:
die Preußen sind da! In einem Nu war das Bataillon Knieriem, das zunächst
stand, aus den Gliedern, und wälzte sich in einem wilden Knäuel schreiend,
fluchend und polternd in allen Richtungen durcheinander, während der Herr
Major über seinem scheugewordnen | Pferd seine Leute im Stich lassen
mußte. Willich kam herangeritten, stellte die Ordnung wieder her, und wir
marschirten ab. Die Preußen waren natürlich nicht da.

Auf der Höhe hinter Odenheim hörten wir den Kanonendonner von
Ubstadt herüber. Die Kanonade wurde bald lebhafter. Geübtere Ohren
konnten schon die Kugelschüsse von den Kartätschenschüssen unter-

scheiden. Wir hielten Rath, ob unser Marsch fortgesetzt oder die Richtung
des Feuers eingeschlagen werden sollte. Da unser Befehl positiv war, und

Friedrich Engels

da das Feuer sich nach der Richtung von Mingolzheim zu ziehen schien, was
ein Vorrücken der Unsern bezeichnete, entschlossen wir uns für den gefährlicheren Marsch, den auf Waldangelloch. Wurden die Pfälzer bei Ubstadt
geschlagen, so waren wir dort oben im Gebirg so gut wie abgeschnitten und
in einer ziemlich kritischen Position.

Herr Struve behauptet, das Gefecht bei Ubstadt hätte „zu glänzenden
Resultaten führen können, wenn die Seitendetachements im gehörigen
Moment eingegriffen hätten", (p. 314.) Die Kanonade dauerte keine Stunde,
und wir hätten 2 bis 2V2 Stunden gebraucht um zwischen Stettfeld und
Ubstadt auf dem Kampfplatz erscheinen zu können, d.h. anderhalb Stunden, nachdem er aufgegeben war. So schreibt Herr Struve „Geschichte".

In der Nähe von Tiefenbach wurde Halt gemacht. Während unsre Truppen
sich erfrischten, expedirte Willich einige Depeschen. Das Bataillon Knierim
entdeckte in Tiefenbach eine Art Gemeindekeller, belegte ihn mit Beschlag,
holte die Weinfässer heraus, und in Zeit von einer Stunde war Alles berauscht. Der Aerger über den Preußenschrecken vom Morgen, der Kanonendonner von Ubstadt, das geringe Vertrauen dieser Helden in einander
und in ihre Offiziere, Alles das, durch den Wein gesteigert, brach plötzlich
in offene Rebellion aus. Sie verlangten, es solle sofort zurückmarschirt
werden; das ewige Marschiren in den Bergen vor dem Feind gefalle ihnen
nicht. Als davon natürlich keine Rede war, machten sie kehrt und marschirten auf eigene Faust ab. Die Menschenfressende „Kolonne Robert Blum"
schloß sich ihnen an. Wir ließen sie ziehn und marschirten nach Waldangelloch.

Hier, in einem tiefen Thalkessel, war es unmöglich mit einiger Sicherheit
zu übernachten. Es wurde also Halt gemacht und | Nachrichten über die
Terrainverhältnisse der Umgegend und die Stellung des Feindes eingezogen.
Inzwischen hatten sich durch Bauern einzelne vage Gerüchte vom Rückzug
der Neckararmee verbreitet. Man wollte wissen, daß über Sinsheim und
Eppingen bedeutende badische Corps auf Bretten zu marschirt seien, daß
Mieroslawski selbst in strengstem Inkognito durchgekommen sei und man
ihn in Sinsheim habe verhaften wollen. Die Artillerie wurde unruhig, und
selbst unsere Studenten fingen an zu murren. Die Artillerie wurde also
zurückgeschickt und wir marschirten auf Hilsbach. Hier erfuhren wir Näheres über den seit 48 Stunden bewerkstelligten Rückzug der Neckararmee,
und über die anderthalb Stunden von uns, in Sinsheim, stehenden Baiern.
Ihre Zahl wurde auf 7000 angegeben, war aber, wie wir später erfuhren, gegen
10000. Wir waren nur 700 Mann höchstens. Unsre Leute konnten nicht
weiter marschiren. Wir quartirten sie also in Scheunen ein, wie immer, wenn
wir sie möglichst zusammenhalten mußten, stellten starke Feldwachen aus
und legten uns schlafen. Als wir am nächsten Morgen, dem 24., ausmarschir-

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + IV. Für Republik zu sterben!

ten, hörten wir ganz deutlich bairischen Feldschritt schlagen. Eine gute
Viertelstunde nach unserm Abmarsch waren die Baiern in Hilsbach.

Mieroslawski hatte zwei Tage vorher, am 22., in Sinsheim übernachtet, und
war bereits mit seinen Truppen in Bretten, als wir in Hilsbach einrückten.
Becker, der die Arrieregarde führte, war ebenfalls schon durch. Er kann also
nicht, wie Herr Struve p. 308 behauptet, die Nacht vom 23. auf den 24. in
Sinsheim zugebracht haben, denn dort standen Abends 8 Uhr, und wahrscheinlich schon früher, die Baiern, die schon den Abend vorher Mieroslawski ein kleines Gefecht geliefert hatten. Der Rückzug Mieroslawski's von
Waghäusel über Heidelberg nach Bretten wird von den Betheiligten als ein
höchst gefährliches Manöver dargestellt. Die Operationen Mieroslawski's
vom 20. Juni bis zum 24., die rasche Konzentrirung eines Corps bei Heidelberg, mit dem er sich auf die Preußen warf, und sein rascher Rückzug nach
dem Verlust des Gefechts bei Waghäusel, bilden allerdings den glänzendsten
Theil seiner gesammten Thätigkeit in Baden; daß aber gegenüber einem so
schläfrigen Feind dies Manöver keineswegs so gefährlich war, beweist unser,
mit einem kleinen Corps | von Hilsbach aus 24 Stunden später ganz
unbelästigt bewerkstelligter Rückzug. Selbst durch das Defile von Flehingen,
wo schon Mieroslawski am 23. einen Angriff erwartet hatte, kamen wir
unangegriffen und marschirten auf Büchig. Hier wollten wir bleiben, um das
von Mieroslawski bei Bretten aufgeschlagene Lager vor einem ersten Angriff
zu decken.

Ueberall auf unserm Marsch, der über Eppingen, Zaisenhausen und Flehingen ging, erregten wir Verwunderung, da schon alle Corps der Nekkararmee, auch die Arrieregarde, durchmarschirt waren. Als wir in Büchig
einmarschirten und unser Hornist anblies, erregten wir dort einen Preußenschrecken. Ein Kommando Brettener Bürgerwehr, das Lebensmittel für
Mieroslawski's Lager requirirte, hielt uns für Preußen und bot das schönste
Beispiel von Verwirrung dar, bis wir um die Ecke bogen und der Anblick
unserer Blousen sie beruhigte. Wir nahmen die Lebensmittel sogleich in
Beschlag, und hatten sie kaum verzehrt, als die Nachricht, Mieroslawski sei
mit allen Truppen von Bretten aufgebrochen, unsern Abzug nach Bretten
veranlaßte.

In Bretten blieben wir über Nacht, während die Bürgerwehr Vorposten
ausstellte. Für den nächsten Morgen waren Wagen requirirt, um das ganze
Corps nach Ettlingen zu führen. Da Bruchsal schon am 24. von den Preußen
genommen war, und wir uns für den Fall, daß die Straße über Diedelsheim
nach Durlach vom Feinde besetzt war (sie war es, wie wir später erfuhren,
wirklich), in kein Gefecht einlassen konnten, so blieb uns kein andrer Weg
zur Hauptarmee.

In Bretten kam eine Deputation der Studenten zu uns mit der Erklärung,

Friedrich Engels

das ewige Marschiren vor dem Feinde gefalle ihnen nicht und sie bäten um
ihre Entlassung. Sie erhielten, wie sich versteht, zur Antwort, vor dem
Feinde werde Niemand entlassen; wenn sie aber desertiren wollten, so stehe
ihnen das frei. Ungefähr die Hälfte der Kompagnie marschirte darauf ab;
der Rest schmolz durch Einzeldesertation bald so zusammen, daß nur noch
die Schützen übrig blieben. Ueberhaupt zeigten sich die Studenten während
des ganzen Feldzugs als malkontente, ängstliche junge Herrchen, die immer
in alle Operationspläne eingeweiht sein wollten, über wunde Füße klagten
und murrten, wenn der Feldzug nicht alle Annehmlichkeiten | einer
Ferienreise bot. Unter diesen „Vertretern der Intelligenz" waren nur Einige,
die durch wirklich revolutionären Charakter und glänzenden Muth eine
Ausnahme machten.

Eine halbe Stunde nach unserm Abmarsch, wurde uns später berichtet,
rückte der Feind in Bretten ein. Wir kamen nach Ettlingen, wo uns Herr
Corvin-Wiersbitzki aufforderte nach Durlach zu marschiren, wo Becker den
Feind aufhalten solle, bis Karlsruhe ausgeräumt sei. Willich schickte einen
Chevauxleger mit einem Billet an Becker, um zu erfahren ob er sich noch
einige Zeit halten wolle; der Mann kam in einer Viertelstunde mit der
Nachricht zurück, die Truppen Beckers seien ihm schon in vollem Rückzug
entgegengekommen. Wir marschirten also nach Rastatt ab, wo sich Alles
konzentrirte.

Die Straße nach Rastatt bot das Bild der schönsten Unordnung dar. Eine
Menge der verschiedensten Corps marschirten oder lagerten bunt durch
einander, und nur mit Mühe hielten wir unter der glühenden Sonnenhitze und
der allgemeinen Verwirrung unsre Leute zusammen. Auf dem Glacis von
Rastatt lagerten die Pfälzer Truppen und einige badische Bataillone. Die
Pfälzer waren sehr zusammengeschmolzen. Das beste Corps, das rheinhessische, war vor dem Gefecht von Ubstadt durch die Herren Zitz und Bamberger in Karlsruhe zusammenberufen worden. Diese tapfern Freiheitskämpfer
eröffneten dem Corps: es sei Alles verloren, die Uebermacht sei zu groß,
noch könnten sie alle ungefährdet heimkehren; sie, der Parlamentspolterer
Zitz und der muthige Bamberger wollten ihr Gewissen freihalten von unschuldig vergossenem Blut und sonstigem Unheil, und erklärten damit das
Corps für aufgelöst. Die Rheinhessen waren über diese infame Zumuthung
natürlich so entrüstet, daß sie die beiden Verräther arretiren und erschießen
wollten; auch D'Ester und die Pfälzer Regierung stellten ihnen nach um sie
zu verhaften. Aber die ehrenwerthen Bürger waren bereits entflohen, und
der tapfere Zitz sah sich schon vom sichern Basel aus den weitern Verlauf
der Reichsverfassungs-Campagne an. Wie im September 1848 mit seiner
„Frakturschrift", so im Mai 1849 hatte Herr Zitz zu denjenigen Parlamentsrenommisten gehört, die das Volk am meisten zum Aufstand gereizt hatten,

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + IV. Für Republik zu sterben!

und beide Male nahm er einen rühmlichen Platz unter denen ein, die es im
Aufstand zuerst im Stich ließen. Auch bei Kirchheim-|Bollanden war
Herr Zitz unter den ersten Ausreißern, während seine Schützen sich schlugen
und füsillirt wurden. — Das rheinhessische Corps, ohnehin wie alle Corps
durch Desertion schon sehr geschwächt, durch den Rückzug nach Baden
entmuthigt, verlor momentan allen Halt. Ein Theil löste sich auf und ging
nach Hause; der Rest formirte sich neu und focht bis ans Ende des Feldzugs
mit. Die übrigen Pfälzer wurden bei Rastatt durch die Nachricht demoralisirt,
daß Alle, die bis zum 5. Juli nach Hause zurückkehrten, Amnestie erhalten
sollten. Mehr als die Hälfte lief auseinander, Bataillone schmolzen zu
Kompagnien zusammen, die Subalternoffiziere waren zum großen Theil fort,
und die etwa 1200 Mann, die noch zusammenblieben, waren fast gar nichts
mehr werth. Auch unser Corps, wenn auch keineswegs entmuthigt, war doch
durch Verluste, Krankheiten und Desertion der Studenten auf wenig mehr
als 500 Mann zusammengeschmolzen.

Wir kamen nach Kuppenheim, wo schon andre Truppen standen, ins
Quartier. Am nächsten Morgen ging ich mit Willich nach Rastatt und traf
dort Moll wieder.

Den mehr oder weniger gebildeten Opfern des badischen Aufstandes sind
von allen Seiten in der Presse, in den demokratischen Vereinen, in Versen
und in Prosa Denksteine gesetzt worden. Von den Hunderten und Tausenden
von Arbeitern, die die Kämpfe ausgefochten, die auf den Schlachtfeldern
gefallen, die in den Rastatter Kasematten lebendig verfault sind oder jetzt
im Auslande allein von allen Flüchtlingen das Exil bis auf die Hefen des
Elends durchzukosten haben— von denen spricht Niemand. Die Exploitation
der Arbeiter ist eine althergebrachte, zu gewohnte Sache, als daß unsre
offiziellen „Demokraten" die Arbeiter für etwas andres ansehen sollten, als
für agitablen, exploitablen und explosiblen Rohstoff, für pures Kanonenfutter. Um die revolutionäre Stellung des Proletariats, um die Zukunft der
Arbeiterklasse zu begreifen, dazu sind unsre „Demokraten" viel zu unwissend und bürgerlich. Deßwegen sind ihnen auch jene ächtproletarischen
Charaktere verhaßt, die zu stolz um ihnen zu schmeicheln, zu einsichtig um
sich von ihnen benutzen zu lassen, dennoch jedesmal mit den Waffen in der
Hand dastehn, wenn es sich um den Umsturz einer bestehenden Gewalt

handelt und die in jeder revolutionären Bewegung die Partei des Proletariats
direkt vertreten. | Liegt es aber nicht im Interesse der sog. Demokraten,
solche Arbeiter anzuerkennen, so istes die Pflicht der Partei des Proletariats,
sie so zu ehren wie sie es verdienen. Und zu den Besten dieser Arbeiter
gehörte Joseph Moll von Köln.

Moll war Uhrmacher. Er hatte Deutschland seit Jahren verlassen und in
Frankreich, Belgien und England an allen revolutionären, Öffentlichen und

Friedrich Engels

geheimen Gesellschaften Theil genommen. Den deutschen Arbeiterverein
in London hatte er 1840 mit stiften helfen. Nach der Februarrevolution kam
er nach Deutschland zurück und übernahm bald mit seinem Freunde Schapper die Leitung des Kölner Arbeitervereins. Flüchtig in London seit dem
Kölner Septemberkrawall von 1848, kam er bald unter falschem Namen nach
Deutschland zurück, agitirte in den verschiedensten Gegenden und übernahm Missionen, deren Gefährlichkeit jeden Andren zurückschreckte. In
Kaiserslautern traf ich ihn wieder. Auch hier übernahm er Missionen nach
Preußen, die ihm, wäre er entdeckt worden, sofortige Begnadigung zu Pulver
und Blei zuziehen mußten. Von seiner zweiten Mission zurückkehrend, kam
er durch alle feindlichen Armeen glücklich durch bis Rastatt, wo er sofort
in die Besanconer Arbeiterkompagnie unsres Corps eintrat. Drei Tage nachher war er gefallen. Ich verlor in ihm einen alten Freund, die Partei einen
ihrer unermüdlichsten, unerschrockensten und zuverlässigsten Vorkämpfer.

Die Partei des Proletariats war ziemlich stark in der badisch-pfälzischen
Armee vertreten, besonders in den Freicorps, wie im unsrigen, in der
Flüchtlingslegion u. s. w., und sie kann ruhig alle andern Parteien herausfordern, auf nur einen Einzigen ihrer Angehörigen den geringsten Tadel zu
werfen. Die entschiedensten Kommunisten waren die couragirtesten Soldaten.

Am nächsten Tage, am 27., wurden wir etwas weiter ins Gebirg, nach
Rothenfels verlegt. Die Eintheilung der Armee und die Dislocirung der
verschiedenen Corps wurde allmählig festgestellt. Wir gehörten zur Division
des rechten Flügels, die von Oberst Thome, demselben der Mieroslawski in
Meckesheim hatte verhaften wollen, und dem man kindischer Weise sein
Kommando gelassen hatte, und vom 27. an von Mersy befehligt wurde.
Willich, der das ihm von Sigel angebotene Kommando der Pfälzer ausgeschlagen hatte, fungirte | als Chef des Divisionsstabs. Die Division stand
von Gernsbach und der würtembergischen Grenze bis jenseits Rothenfels,
und lehnte sich links an die Division Oborski, die um Kuppenheim
konzentrirt war. Die Avantgarde war, bis an die Grenze, sowie nach Sulzbach, Michelbach und Winkel vorgeschoben. Die Verpflegung, Anfangs
regellos und schlecht, wurde vom 27. an besser. Unsre Division bestand aus
mehreren badischen Linienbataillonen, dem Rest der Pfälzer unter Held
Blenker, unsrem Corps, und einer oder anderthalb Batterien Artillerie. Die
Pfälzer lagen in Gernsbach und Umgegend, die Linie und wir in und um
Rothenfels. Das Hauptquartier war in dem gegenüber Rothenfels liegenden
Hotel zur Elisabethenquelle.

Wir saßen — der Divisionsstab und der unsres Corps nebst Moll, Kinkel
und andern Freischärlern — in diesem Hotel am 28. nach Tische eben beim

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + IV. Für Republik zu sterben!

Kaffee, als die Nachricht ankam, unsre Vorhut bei Michelbach sei von den
Preußen angegriffen. Wir brachen gleich auf, obwohl wir alle Ursache hatten
zu vermuthen, daß der Feind nur eine Rekognoscirung beabsichtige. Es war
in der That weiter nichts. Das von den Preußen momentan eroberte, unten
im Thal gelegene Dorf Michelbach war ihnen bei unsrer Ankunft schon
wieder abgenommen. Man schoß von beiden Bergabhängen über das Thal
hin auf einander und verschoß nutzlos viel Munition. Ich sah nur einen
Todten und einen Verwundeten. Während die Linie ihre Patronen auf
Entfernungen von 6—800 Schritt zwecklos verschoß, ließ Willich unsre Leute
sehr ruhig die Gewehre zusammenstellen und sich dicht neben den angeblichen Kämpfern und im angeblichen Feuer ausruhen. Nur die Schützen
gingen den waldigen Abhang hinab und vertrieben, von einigen Linientruppen unterstützt, die Preußen von der gegenüberliegenden Höhe. Einer unsrer
Schützen schoß mit seinem kolossalen Standrohr, einer wahren tragbaren
Kanone, auf ungefähr 900 Schritt einen preußischen Offizier vom Pferde;
seine ganze Kompagnie machte sofort Rechtsum und marschirte in den Wald
zurück. Eine Anzahl preußischer Todten und Verwundeten, sowie zwei
Gefangene fielen in unsre Hände.
Am nächsten Tag fand der allgemeine Angriff auf der ganzen Linie statt.
Diesmal störten uns die Herren Preußen beim Mittagessen. Der erste Angriff
der uns gemeldet wurde, war gegen Bischweier, also gegen den Verbindungspunkt der | Division Oborski mit der unsrigen. Willich drang darauf, daß
unsre Truppen bei Rothenfels möglichst disponibel gehalten werden sollten,
da der Hauptangriff jedenfalls in der entgegengesetzten Richtung, bei Gernsbach, zu erwarten sei. Aber Mersy antwortete: man wisse ja wie es gehe:
wenn eines unsrer Bataillone angegriffen werde und die Uebrigen kämen ihm
nicht gleich in Masse zur Hülfe, so würde über Verrath geschrieen und Alles
risse aus. Es wurde also gegen Bischweier zu marschirt.
Willich und ich gingen mit der Schützencompagnie auf der Straße nach
Bischweier, auf dem rechten Murgufer vor. Eine halbe Stunde von Rothenfels stießen wir auf den Feind. Die Schützen vertheilten sich in Tirailleurlinie
und Willich ritt zurück, um das Corps, das etwas zurückstand in die Linie
zu holen. Eine Zeitlang hielten unsere Schützen, hinter Obstbäumen und
Weinbergen gedeckt, ein ziemlich lebhaftes Feuer aus, das sie eben so lebhaft
erwiderten. Als aber eine starke feindliche Colonne auf der Straße vorrückte,
um ihre Tirailleure zu unterstützen, gab der linke Flügel unsrer Schützen
nach und war trotz alles Zuredens nicht mehr zum Stehen zu bringen. Der
rechte war weiter hinauf gegen die Höhen vorgegangen und wurde später
von unserm Corps aufgenommen.
Als ich sah, daß mit den Schützen Nichts zu machen war, überließ ich sie
ihrem Schicksal und ging nach den Höhen zu, wo ich die Fahnen unsers

Friedrich Engels

Corps sah. Eine Compagnie war zurückgeblieben; ihr Hauptmann, ein
Schneider, sonst ein braver Kerl, wußte sich nicht zu helfen. Ich nahm sie
mit zu den Uebrigen und traf Willich, als er eben die Besanconer Compagnie
in Tirailleurlinie vorschickte und die Uebrigen dahinter in zwei Treffen,
nebst einer zur Flankendeckung rechts gegen das Gebirg vorgeschickten
Compagnie aufstellte.

Unsre Tirailleure wurden von einem heftigen Feuer empfangen. Es waren
preußische Schützen, die ihnen gegenüberstanden, und unsre Arbeiter hatten
den Spitzkugelbüchsen nur Musketen gegenüberzustellen. Sie gingen aber,
unterstützt von dem rechten Flügel unsrer Schützen, der zu ihnen stieß, so
entschlossen vor, daß die kurze Entfernung sehr bald, namentlich auf dem
rechten Flügel, die schlechtere Qualität der | Waffe ausglich und die
Preußen geworfen wurden. Die beiden Treffen blieben ziemlich dicht hinter
der Tirailleurlinie. Inzwischen waren auch zwei badische Geschütze links
von uns, im Murgthal, aufgefahren und eröffneten das Feuer gegen preußisehe Infanterie und Artillerie, die auf der Straße stand.

Ungefähr eine Stunde mochte der Kampf hier unter dem lebhaftesten
Gewehr- und Büchsenfeuer und unter fortwährendem Zurückgehen der
Preußen gedauert haben — einige unsrer Schützen waren bereits bis nach
Bischweier hereingekommen — als die Preußen Verstärkung erhielten und
ihre Bataillone vorschickten. Unsre Tirailleure zogen sich zurück; das erste
Treffen gab Pelotonfeuer, das zweite zog sich eine Strecke links in einen
Hohlweg und gab ebenfalls Feuer. Aber die Preußen drangen in dichten
Massen auf der ganzen Linie nach; die beiden badischen Geschütze, die
unsre linke Flanke deckten, waren schon zurückgegangen, in der rechten
Flanke kamen die Preußen vom Gebirg herunter, und wir mußten zurück.

Sobald wir aus dem feindlichen Kreuzfeuer waren, nahmen wir neue
Aufstellung am Gebirgsrand. Hatten wir bisher Front gegen die Rheinebene,
gegen Bischweier und Niederweier gemacht, so machten wir jetzt Front
gegen das Gebirg, das die Preußen von Oberweier her besetzt hatten. Jetzt
endlich kamen auch die Linienbataillone in der Schlachtlinie an und nahmen
den Kampf auf, in Gemeinschaft mit zwei Compagnien unsers Corps, die
abermals zum Tirailliren vorgeschickt wurden.

Wir hatten starke Verluste gehabt. Ungefähr dreißig fehlten, darunter
Kinkel und Moll — die versprengten Schützen nicht zu rechnen. Die beiden
Genannten waren mit dem rechten Flügel ihrer Compagnie und einigen
Schützen zu weit vorgegangen. Der Schützenhauptmann, Oberförster
Emmermann aus Thronecken in Rheinpreußen, der gegen die Preußen
marschirte, als ging er auf die Hasenjagd, hatte sie an eine Stelle geführt,
wo sie in einen Zug preußischer Artillerie hineinfeuerten und ihn zum eiligen
Rückzug brachten. Sogleich aber debouchirte eine Compagnie Preußen aus

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + IV. Für Republik zu sterben!

einem Hohlweg und schoß auf sie. Kinkel stürzte, am Kopf getroffen, und
wurde solange mitgeschleppt, bis er wieder allein gehen konnte; | bald
aber geriethen sie in ein Kreuzfeuer und mußten sehen, wie sie davon kamen.
Kinkel konnte nicht mit und ging in einen Bauernhof, wo er von den Preußen
gefangen genommen und gemißhandelt wurde; Moll erhielt einen Schuß
durch den Unterleib, wurde ebenfalls gefangen und starb nachher an seiner
Wunde. Auch Zychlinski hatte einen Prellschuß in den Nacken erhalten, der
ihn indeß nicht hinderte beim Corps zu bleiben.
Während das Gros stehen blieb und Willich nach einer andern Gegend des
Kampfplatzes ritt, eilte ich nach der Murgbrücke unterhalb Rothenfels, die
eine Art Sammelplatz bildete. Ich wollte Nachrichten von Gernsbach haben.
Aber schon ehe ich hinkam, sah ich den Rauch des brennenden Gernsbach
aufsteigen, und an der Brücke selbst erfuhr ich, daß man den Kanonendonner
von dorther gehört habe. Ich ging später noch einige Mal nach dieser Brücke;
jedesmal schlimmere Nachrichten von Gernsbach, jedesmal mehr badische
Linientruppen hinter der Brücke versammelt, die, kaum im Feuer gewesen,
schon demoralisirt waren. Der Feind war schon in Gaggenau, erfuhr ich
zuletzt. Jetzt war hohe Zeit, ihm dort entgegen zu treten. Willich marschirte
mit dem Corps über die Murg, um gegenüber Rothenfels Position zu fassen,
und nahm noch vier Geschütze mit, die ihm gerade in den Wurf kamen. Ich
ging unsre beiden tiraillirenden Compagnien zu holen, die inzwischen weit
vorgegangen waren. Ueberau kamen mir Linientruppen, großentheils ohne
Offiziere, entgegen. Ein Detachement wurde von einem Arzt geführt, der
die Gelegenheit benutzte, um sich mir mit folgenden Worten zu introduziren:
„Sie werden mich kennen; ich bin Neuhaus, der Chef der thüringischen
Bewegung!" Die guten Leute hatten die Preußen überall geschlagen und
kamen jetzt zurück, weil sie keinen Feind mehr sahen. Ich fand unsre
Compagnien nirgends — sie waren durch Rothenfels aus demselben Grunde
zurückgegangen — und begab mich wieder nach der Brücke. Hier traf ich
Mersy mit seinem Stab und seinen Truppen. Ich bat ihn, mir wenigstens ein
paar Compagnien zur Unterstützung Willichs mitzugeben. „Nehmen Sie die
ganze Division, wenn Sie mit den Leuten noch etwas anfangen können", war
die Antwort. Dieselben Soldaten, die den Feind auf allen Punkten zurückgetrieben hatten, die erst seit fünf Stunden auf den Beinen waren, lagen jetzt
aufgelöst, demoralisirt, zu Nichts brauchbar auf den Wiesen. Die Nachricht, |
 daß sie in Gernsbach umgangen seien, hatte sie vernichtet. Ich ging
meiner Wege. Eine von Michelbach zurückkommende Compagnie, die mir
begegnete, war ebenfalls zu Nichts zu bewegen. Als ich an unserm alten
Hauptquartier das Corps wieder fand, drängten von Gaggenau die flüchtigen
Pfälzer — Pistol Zinn mit seiner Schaar, die jetzt übrigens Musketen hatte
— heran. Während Willich eine Position für die Geschütze gesucht und

Friedrich Engels

gefunden hatte, eine Position, die das Murgthal beherrschte und bedeutende
Vortheile für ein gleichzeitiges Tirailleurgefecht bot, waren die Artilleristen
mit den Kanonen durchgegangen, ohne daß der Hauptmann sie halten
konnte. Sie waren schon wieder bei Mersy an der Brücke. Zugleich zeigte
mir Willich ein Billet von Mersy, worin ihm dieser anzeigte, Alles sei verloren, er werde sich nach Oos zurückziehen. Uns blieb Nichts übrig, als
dasselbe zu thun, und wir marschirten sofort ins Gebirg. Es war etwa sieben
Uhr.

Bei Gernsbach war es folgendermaßen zugegangen. Die Peuckerschen
Reichstruppen, die unsre Patrouillen schon Tags vorher bei Herrenalb auf
würtembergischem Gebiet gesehen hatten, nahmen die an der Grenze aufgestellten Würtemberger mit und griffen am 29. Nachmittags Gernsbach an,
nachdem sie unsre Vorposten durch Verrath zum Weichen gebracht hatten,
sie näherten sich ihnen mit dem Ruf, nicht zu schießen, sie seien Brüder, und
gaben dann auf achtzig Schritt eine Salve. Dann schössen sie Gernsbach mit
Granaten in Brand, und als den Flammen kein Einhalt mehr zu thun war,
gab Herr Sigel, den Mieroslawski hingeschickt hatte, um den Posten um
jeden Preis zu halten, gab Herr Sigel selbst den Befehl, Herr Blenker solle
sich mit seinen Truppen fechtend zurückziehn. Herr Sigel wird dies nicht
läugnen, ebensowenig wie er es in Bern that, als ein Adjutant des Herrn
Blenker in seiner, des Herrn Sigel, und Willichs Gegenwart dies Curiosum
erzählte. Mit diesem Befehl, den Schlüssel der ganzen Murgposition „fechtend" (!) aufzugeben, war natürlich das Treffen auf der ganzen Linie, war
die letzte Position der badischen Armee verloren.

Die Preußen haben sich übrigens durch das gewonnene Treffen von
Rastadt keinen besondern Ruhm erworben. Wir hatten 13 000 größtentheils
demoralisirte, und mit wenigen Ausnahmen erbärmlich geführte Truppen;
ihre Armee zählte | mit den Reichstruppen, die auf Gernsbach vorgingen,
mindestens 60000 Mann. Trotz dieser kolossalen Ueberzahl wagten sie
keinen ernstlichen Frontangriff, sondern schlugen uns durch feigen Verrath,
indem sie das neutrale, uns verschlossene würtembergische Gebiet verletzten. Und selbst dieser Verrath hätte ihnen, wenigstens zunächst, nicht viel
genutzt, hätte ihnen schließlich doch einen entscheidenden Frontangriff
nicht erspart, wenn nicht Gernsbach so unbegreiflich schlecht besetzt gewesen wäre und wenn nicht Herr Sigel den obigen erbaulichen Befehl gegeben
hätte. Die ohnehin gar nicht so formidable Position wäre uns am nächsten
Tage entrissen worden, das kann nicht bezweifelt werden; aber der Sieg hätte
den Preußen ganz andre Opfer gekostet, hätte ihrem militärischen Ruf
unendlich geschadet. Und deshalb zogen sie es vor, die Neutralität Würtembergs zu verletzen, und Würtemberg ließ es ruhig geschehn.

Wir zogen uns, kaum noch 450 Mann stark, durchs Gebirge nach Oos

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + IV. Für Republik zu sterben!

zurück. Hier war die Straße bedeckt mit Truppen in wildester Auflösung,
mit Wagen, Geschützen etc. in der größten Verwirrung. Wir marschirten
durch und rasteten in Sinzheim. Am nächsten Morgen sammelten wir hinter
Bühl eine Anzahl der Flüchtigen, und übernachteten in Oberachern. An
diesem Tage fand das letzte Gefecht statt; die deutsch-polnische Legion
nebst einigen andern Truppen von der Beckerschen Division schlug bei Oos
die Reichstruppen zurück und nahm ihnen eine (mecklenburgische) Haubitze
ab, die auch richtig bis in die Schweiz gebracht wurde.

Die Armee war vollständig aufgelöst. Mieroslawski und die übrigen Polen
legten ihre Commandos nieder; Oberst Oborski hatte schon auf dem
Schlachtfeld, am Abend des 29., seinen Posten verlassen. Doch hatte diese
momentane Auflösung nicht viel zu bedeuten. Die Pfälzer waren schon dreibis viermal aufgelöst gewesen und hatten sich jedesmal tant bien que mal
wieder formirt. Möglichst langsamer Rückzug unter Anschluß aller Aufgeböte aus den aufzugebenden Gebietsstrecken, rasche Konzentrirung der
Aufgebote des Oberlandes bei Freiburg und Donaueschingen, das waren
zwei Mittel, die noch zu versuchen waren. Sie hätten die Ordnung und
Disziplin bald wieder auf einen erträglichen Punkt gebracht, und einen letzten hoffnungslosen, aber ehrenvollen Kampf, am Kaiserstuhl vor Freiburg
oder bei Donau|eschingen, möglich gemacht. Aber die Chefs, sowohl der
bürgerlichen wie der Militärverwaltung, waren demoralisirter als die Soldaten. Sie überließen die Armee und die ganze Bewegung ihrem Schicksal und
gingen niedergeschlagen, rathlos, vernichtet immer weiter zurück.

Seit dem Angriff auf Gernsbach war die Furcht vor der Umgehung durch
würtembergisches Gebiet allgemein eingerissen und trug sehr zur allgemeinen Demoralisation bei. Das Willichsche Corps ging nun, um die würtembergische Grenze zu decken, mit zwei Berghaubitzen — mehrere andere uns
zugetheilte Geschütze wollten von Kappel aus nicht weiter mit — durch das
Kappeler Thal ins Gebirg. Unser Marsch durch den Schwarzwald, auf dem
wir keinen Feind zu sehen bekamen, war eine wahre Vergnügungstour. Wir
kamen über Allerheiligen am 1. Juli nach Oppenau, über den Hundskopf am
2. nach Wolf ach. Hier erfuhren wir am 3. Juli, daß die Regierung in Freiburg
sei, und daß man daran denke, auch diese Stadt aufzugeben. Dies veranlaßte
uns sogleich, dorthin aufzubrechen. Wir wollten die Herren Regenten und
das Oberkommando, das Held Sigel jetzt führte, zwingen, Freiburg nicht
ohne Kampf aufzugeben. Es war schon spät, als wir von Wolfach abmarschirten, und so kamen wir erst spät Abends nach Waldkirch. Hier erfuhren
wir, daß Freiburg schon aufgegeben und daß Regierung und Hauptquartier
nach Donaueschingen verlegt sei. Zugleich erhielten wir den positiven Befehl, das Simonswalder Thal zu besetzen und zu verschanzen, und in Furtwangen unser Hauptquartier aufzuschlagen. Wir mußten also zurück nach
Bleibach.

Friedrich Engels

Herr Sigel hatte seine Truppen jetzt hinter dem Bergrücken des Schwarzwaldes aufgestellt. Die Verteidigungslinie sollte von Lörrach über Todtnau
und Furtwangen nach der würtembergischen Grenze gehn, in der Richtung
auf Schramberg. Den linken Flügel bildeten Mersy und Blenker, die sich
durch das Rlieinthal auf Lörrach zogen; dann folgte Herr Doli, ehemaliger
Commis-Voyageur, der in seiner Eigenschaft als Heckerscher General zum
Divisionär ernannt worden war und in der Gegend des Höllenthals stand;
dann unser Corps in Furtwangen und dem Simonswalder Thal, und endlich
auf dem rechten Flügel Becker bei Sankt Georgen und Tryberg. Hinter dem
Gebirge stand Herr Sigel mit der ||73] Reserve bei Donaueschingen. Die
Streitkräfte, durch Desertion bedeutend geschwächt, durch keine herangezogenen Aufgebote verstärkt, betrugen immer noch an 9000 Mann mit
40 Kannonen.

Die Befehle, die uns vom Hauptquartier, aus Freiburg, Neustadt an der
Wutach und Donaueschingen nach einander zukamen, athmeten die entschlossenste Todesverachtung. Man erwartete zwar, daß der Feind abermals
durch Würtemberg über Rottweil und Villingen uns in den Rücken fallen
werde; man war aber entschlossen ihn zu schlagen und den Kamm des
Schwarzwaldes unter allen Umständen zu behaupten, und zwar, wie es in
einem dieser Befehle heißt, „fast ohne alle Rücksicht auf die Bewegungen
des Feindes", d.h., Herr Sigel hatte sich von Donaueschingen aus einen in
vier Stunden zu bewerkstelligenden glorreichen Rückzug auf Schweizer
Gebiet gesichert; was aus uns, den im Gebirg Umzingelten, geworden wäre,
konnte er dann in Schaffhausen mit aller Gemüthsruhe abwarten. Welch ein
heitres Ende diese Todesverachtung nahm, wird sich bald zeigen.

Am 4. kamen wir nach Furtwangen mit 2 Compagnien (160 Mann), der
Rest war zur Besetzung des Simonswalder Thals und der Pässe von Gütenbach und St. Märgen verwandt. Ueber letztem Orte standen wir mit dem
Dollschen Corps, über Schönwald mit Becker in Verbindung. Alle Pässe
wurden verbarrikadirt. — Wir blieben den 5. in Furtwangen stehn. Am6. kam
die Nachricht von Becker, die Preußen rückten auf Villingen, nebst der
Aufforderung, sie über Vöhrenbach anzugreifen, um Sigels Operation zu
unterstützen. Zugleich zeigte er uns an, sein Hauptcorps stehe gehörig
verschanzt in Tryberg, wohin er selbst gehen werde, sobald Villingen von
Sigel besetzt sei.

An einen Angriff von unsrer Seite konnte nicht gedacht werden. Mit
weniger als 450 Mann hatten wir drei Quadratmeilen besetzt zu halten und
konnten also keinen Mann entbehren. Wir mußten stehen bleiben und setzten
Becker davon in Kenntniß. Bald darauf traf eine Depesche aus dem Hauptquartier ein: Willich solle sofort nach Donaueschingen kommen und den
Befehl über die gesammte Artillerie übernehmen. Wir bereiteten uns eben,

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + IV. Für Republik zu sterben!

schnell hinüber zu fahren, als eine Colonne Volkswehr, gefolgt von Artillerie
und mehreren anderen Bataillonen Volkswehr nach Furtwan|gen hineinmarschirt kam. Es war Becker mit seinem Corps. Die Leute seien rebellisch
geworden, hieß es. Ich erkundigte mich bei einem mir befreundeten
Staabsoffizier „Major" Neriinger, und erfuhr Folgendes: Er, Neriinger, hatte
die Position bei Tryberg unter seinem Befehl und ließ eben die Schanzen
aufwerfen, als das Offiziercorps ihm eine schriftliche, von ihnen Allen
unterzeichnete Erklärung überreichte: die Leute seien rebellisch, und wenn
nicht sofort der Befehl zum Abmarsch gegeben würde, so würden sie mit
allen Truppen abmarschiren. Ich sah mir die Unterschriften an: es war
abermals das tapfre Bataillon Dreher—Obermüller! Neriinger konnte nichts
andres thun, als Becker hiervon in Kenntniß setzen und nach Furtwangen
marschiren. Becker brach gleich auf um sie einzuholen und so kam er mit
seiner ganzen Truppe nach Furtwangen, wo die furchtsamen Offiziere und
Soldaten von unsern Freischärlern mit immensem Gelächter empfangen
wurden. Sie schämten sich und am Abend konnte Becker sie wieder in ihre
Position zurückführen.

Wir fuhren indeß, gefolgt von der Besanconer Compagnie, nach Donaueschingen. Die Preußen schwärmten schon bis hart an die Chaussee;
Villingen war von ihnen besetzt. Doch kamen wir unangefochten durch, und
gegen zehn Uhr Abends langten auch die Besanconer an. In Donaueschingen
fand ich d'Ester und erfuhr von ihm, daß Herr Struve in der Constituante
in Freiburg verlangt habe, man solle sofort nach der Schweiz gehn, Alles sei
verloren, und daß Held Blenker diesem Rathe gefolgt und schon heute
Morgen bei Basel auf Schweizer Gebiet übergetreten sei. Beides war ganz
richtig. Held Blenker war am 6. Juli nach Basel gegangen, obwohl er gerade
am weitesten vom Feinde stand. Er hatte sich blos noch die Zeit genommen,
schließlich eine Anzahl Requisitionen eigener Art vorzunehmen, die zwischen ihm und Herrn Sigel und später den schweizer Behörden einigen üblen
Geruch verursachten. Und Held Struve, derselbe, der am 29. Juni noch Herrn
Brentano und Jeden der mit dem Feinde unterhandeln wollte, für einen
Volksverräther erklärte, war drei Tage später, am 2. Juli, so vernichtet, daß
er sich nicht schämte, in einer vertraulichen Sitzung der badischen Constituante den Antrag zu stellen: damit nicht das Oberland gleichwie das Unterland die Schrecknisse des Kriegs empfinde und noch viel kostbares Blut
vergossen werde, und | da man retten müsse was noch zu retten sei, (!)
so solle, wie der Landesversammlung, jedem bei der Revolution Betheiligten
sein Gehalt oder Sold bis zum 10. Juli nebst entsprechendem Reisegeld
ausgezahlt werden und Alles sich mit Cassen, Vorräthen, Waffen etc. auf
schweizer Gebiet zurückziehen! Diesen säubern Antrag stellte der tapfre
Struve am 2. Juli, als wir in Wolf ach oben im Schwarzwald standen, zehn

Friedrich Engels

Stunden vor Freiburg und zwanzig Stunden von der schweizer Grenze! Herr
Struve ist naiv genug, in seiner „Geschichte" p. 237ff. diesen Vorfall selbst
zu erzählen und sich seiner noch zu rühmen. Die einzige Folge, die die
Annahme eines solchen Antrags haben konnte, war, daß die Preußen uns so
sehr wie möglich drängten, um „zu retten was noch zu retten war", um uns
nämlich Cassen, Geschütze und Vorräthe abzujagen, da die Gefahrlosigkeit
einer lebhaften Verfolgung nach diesem Beschluß feststand; und dann, daß
unsre Truppen sofort massenhaft debandirten und ganze Corps auf eigne
Faust nach der Schweiz ausrissen, wie dies wirklich geschah. Unser Corps
hätte sich am schlechtesten dabei gestanden, es war bis zum 12. auf badischem Gebiet und erhielt seinen Sold bis zum 17. ausbezahlt.

Herr Sigel, statt Villingen wieder zu nehmen, beschloß Anfangs hinter
Donaueschingen bei Hüfingen Position zu fassen und den Feind zu erwarten.
Aber noch an demselben Abend wurde beschlossen nach Stühlingen zu
marschiren, hart an die schweizer Grenze. Wir schickten eiligreitende Boten
nach Furtwangen, um unser Corps und das Beckersche zu avertiren. Beide
sollten über Neustadt und Bonndorf ebenfalls nach Stühlingen gehn. Willich
ging nach Neustadt dem Corps entgegen, ich blieb bei der Besanconer
Compagnie. Wir übernachteten in Riedböhringen und kamen am nächsten
Nachmittag, 7. Juli, in Stühlingen an. Am 8. hielt Herr SigelRevueüber seine
halbauseinandergelaufene Armee, empfahl ihr, in Zukunft nicht mehr zu
fahren, sondern zu marschiren (an der Grenze!) und zog ab. Uns hinterließ
er eine halbe Batterie und einen Befehl für Willich.

Inzwischen war von Furtwangen aus die Nachricht vom allgemeinen
Rückzug zuerst an Becker und sodann an unsere vorwärts stationirten
Compagnien geschickt worden. Unser Corps war zuerst in Furtwangen
zusammen und traf in Neustadt Willich an. Becker, der näher an Furtwangen
stand |[76[ als unsre vorgeschobnen Corps, traf dennoch erst später dort ein
und folgte auf demselben Wege. Er stieß auf Verschanzungen die seinen
Marsch aufhielten, und von denen es später in Schweizer Blättern hieß, sie
seien von unserm Corps aufgeworfen. Dies ist irrig; unser Corps hat nur
jenseits des Schwarzwaldkamms, und zwar nicht auf der Straße von Tryberg
nach Furtwangen, die es gar nicht besetzt hielt, die Wege verrammelt.
Außerdem marschirten unsre Freischärler erst dann von Furtwangen ab, als
Beckers Avantgarde dort eingetroffen war.

In Donaueschingen war abgemacht, daß die Trümmer der ganzen Armee
sich hinter der Wutach, von Eggingen bis Thiengen sammeln und dort die
Annäherung des Feindes erwarten sollten. Hier, die Flanken an schweizer
Gebiet gelehnt, konnten wir mit unsrer bedeutenden Artillerie noch ein
letztes Gefecht versuchen. Man konnte es sogar abwarten, ob nicht die
Preußen das schweizer Gebiet verletzen und dadurch die Schweiz in den

Die deutsche Reichsverfassungskampagne * IV. Für Republik zu sterben!

Krieg hineinziehen würden. Aber wie erstaunten wir, als wir bei Willichs
Ankunft in dem Befehl des tapfern Sigel lasen: „Das Gros geht nach Thiengen und Waldshut und nimmt dort feste Position (!!). Suchen Sie die Stellung
(bei Stühlingen und Eggingen) so lange als möglich zu behaupten." — „Feste
Position" bei Thiengen und Waldshut, den Rhein im Rücken, dem Feind
zugängliche Höhen vor der Front! Das hieß weiter Nichts, als: wir wollen
über die Säckinger Brücke in die Schweiz gehn. Und dennoch hatte Held
Sigel bei Gelegenheit des Struveschen Antrags gesagt: werde dieser angenommen, so werde er, Sigel, der Erste sein der rebellire.

Wir bezogen nun die Stellung hinter der Wutach selbst, und vertheilten
unsre Truppen von Eggingen bis Wutöschingen, wo unser Hauptquartier
war. Hier erhielten wir folgendes noch erbaulichere Aktenstück von Herrn
Sigel: „Befehl. Hauptquartier Thiengen, 8. Juli 1849. — An den Obersten
Willich in Eggingen. Da der Kanton Schaff hausen schon jetzt in einer f eindseligen Weise gegen mich auftritt, so ist es mir unmöglich, die von uns
besprochene Position einzunehmen. Du wirst danach Deine Bewegungen
richten, und Dich gegen Griessen, Lauchringen und Thiengen zu bewegen.
Ich marschire morgen von hier ab, um entwe|der nach Waldshut oder
hinter die Alb (d.h. nach Säckingen) zu gehn — Der Ober-General, Sigel"
Das überstieg Alles. Am Abend fuhren Willich und ich nach Thiengen, wo
uns der „General-Quartiermeister" Schlinke gestand, es gehe richtig nach
Säckingen und dort über den Rhein. Sigel wollte Anfangs etwas den ,,Obergeneral" vorwiegen lassen, aber Willich ließ sich hierauf nicht ein, und brachte
ihn endlich dahin, daß der Befehl zur Umkehr und zum Marsch auf Griessen
gegeben wurde. Der Vorwand für den Marsch nach Säckingen war die
Vereinigung mit Doli, der dorthin marschirt sei, und eine angeblich starke
Position. Die Position, offenbar dieselbe, von der aus Moreau 1800 dort ein
Gefecht lieferte, hatte nur den Nachtheil, daß sie nach einer ganz andern
Seite Front machte, als woher uns der Feind kam; und was den edlen Doli
betrifft, so säumte dieser nicht, zu beweisen, daß er auch ohne Herrn Sigel
in die Schweiz gehen könne.

Zwischen den Kantonen Zürich und Schaffhausen liegt ein kleiner Strich
badischen Gebiets mit den Ortschaften Jestetten und Lottstetten, der bis auf
einen schmalen Zugang, bei Baltersweil, ganz von der Schweiz umschlossen

ist. Hier sollte die letzte Position gefaßt werden. Die Höhen hinter Baltersweil zu beiden Seiten der Straße boten vortreffliche Stellungen für unsre
Geschütze, und unsre Inf antrie war noch zahlreich genug sie zu decken, bis
sie im Nothfall das Schweizer Gebiet erreicht hätten. Hier, so wurde ausgemacht, sollten wir erwarten, ob die Preußen uns angreifen oder aushungern
würden. Das Gros, dem Becker sich angeschlossen hatte, bezog hier ein
Lager. Willich hatte die Position für die Geschütze ausgesucht (später fanden

Friedrich Engels

wir dort ihre Parks, wo ihre Gefechtsteilung sein sollte). Wir selbst bildeten
die Arrieregarde und zogen langsam dem Gros nach. Am 9. Abends gingen
wir nach Erzingen, am 10. nach Riedern. An diesem Tage wurde im Lager
ein allgemeiner Kriegsrath gehalten. Willich allein sprach für die weitere
Vertheidigung. Sigel, Becker und Andre für den Rückzug auf schweizer
Gebiet. Ein schweizer Kommissär, ich glaube Oberst Kurz, war dagewesen
und hatte erklärt, falls noch ein Kampf angenommen würde, werde die
Schweiz kein Asyl geben. Bei der Abstimmung blieb Willich mit zwei oder
drei Offizieren allein. Von unserm Corps war außer ihm Niemand zugegen.!

 Noch während Willich im Lager war, erhielt die bei uns befindliche
halbe Batterie Befehl zum Abmarsch, und entfernte sich ohne daß uns die
geringste Anzeige gemacht wurde. Auch alle andern Truppen außer uns
erhielten Befehl, ins Lager zu kommen. In der Nacht fuhr ich abermals mit
Willich ins Hauptquartier nach Lottstetten; als wir bei Tagesanbruch zurückfuhren, begegneten wir auf der Straße der ganzen Gesellschaft, die aus dem
Lager aufgebrochen war und sich in der wildesten Verwirrung der Grenze
zuwälzte. An demselben Tage, am 11. Frühmorgens, ging Herr Sigel mit
seinen Leuten bei Rafz, Herr Becker mit den seinigen bei Rheinau auf
schweizer Gebiet. Wir konzentrirten unser Corps, folgten ins Lager und von
da nach Jestetten. Hier erhielten wir gegen Mittag durch einen Ordonnanzoffizier einen Brief Sigels von Eglisau, daß er sich bereits glücklich in der
Schweiz befinde, daß die Offiziere ihre Säbel behielten und daß wir möglichst
bald nachkommen sollten. Man dachte erst an uns, als man auf neutralem
Boden war!

Wir marschirten durch Lottstetten bis an die Grenze, bivouakirten die
Nacht noch auf deutschem Boden, schössen am Morgen des 12. unsre
Gewehre ab und betraten dann, die Letzten der badisch-pfälzischen Armee,
das schweizer Gebiet. An demselben Tage, gleichzeitig mit uns, wurde auch
Konstanz von dem dortigen Corps verlassen. Eine Woche später fiel Rastatt
durch Verrath und die Kontrerevolution hatte für den Moment wieder
Deutschland bis auf den letzten Winkel erobert.

Die Reichsverfassungs-Campagne ging zu Grunde an ihrer eignen Halbheit
und innern Misere. Seit der Juniniederlage 1848 steht die Frage für den
civilisirten Theil des europäischen Continents so: entweder Herrschaft des
revolutionären Proletariats, oder Herrschaft der Klassen, die vor dem
Februar herrschten. Ein Mittelding ist nicht mehr möglich. In Deutschland
namentlich hat sich die Bourgeoisie unfähig gezeigt zu herrschen; sie konnte
ihre Herrschaft nur dadurch gegenüber dem Volk erhalten, daß sie sie an den

Die deutsche Reichsverfassungskampagne + IV. Für Republik zu sterben!

Adel und die Bureaukratie wieder abtrat. In der Reichsverfassung versuchte
die Kleinbürgerschaft, verbündet mit der deutschen Ideologie, eine unmögliche Ausgleichung, die den Entscheidungskampf aufschieben sollte. Der
Versuch mußte scheitern: 79| denjenigen, denen es Ernst war mit der Bewegung, war es nicht Ernst mit der Reichsverfassung, und denen es Ernst war
mit der Reichsverfassung, war es nicht Ernst mit der Bewegung.

Die Reichsverfassungs-Campagne hat aber darum nicht minder bedeutende Resultate gehabt. Sie hat vor Allem die Situation vereinfacht. Sie hat
eine endlose Reihe von Vermittlungsversuchen abgeschnitten: nachdem sie
verloren ist, kann nur die etwas konstitutionalisirte feudal-bureaukratische
Monarchie siegen, oder die wirkliche Revolution. Und die Revolution kann
in Deutschland nicht eher mehr abgeschlossen werden, als mit der vollständigen Herrschaft des Proletariats.

Die Reichsverfassungs-Campagne hat ferner in den deutschen Ländern,
wo die Klassengegensätze noch nicht scharf entwickelt waren, zu ihrer
Entwicklung bedeutend beigetragen. Namentlich in Baden. In Baden bestanden, wie wir sehen, vor der Insurrektion fast gar keine Klassengegensätze.
Daher die anerkannte Herrschaft der Kleinbürger über alle Oppositionsklassen, daher die scheinbare Einstimmigkeit der Bevölkerung, daher die Raschheit, mit der die Badenser, wie die Wiener, von der Opposition in die Insurrektion Übergehn, bei jeder Gelegenheit einen Aufstand versuchen, und
selbst den Kampf im offnen Feld mit einer regelmäßigen Armee nicht
scheuen. Sobald aber die Insurrektion ausgebrochen war, traten die Klassen
bestimmt hervor, schieden sich die Kleinbürger von den Arbeitern und
Bauern. In ihrem Repräsentanten Brentano blamirten sie sich auf ewige
Zeiten. Sie selbst sind durch die preußische Säbelherrschaft so zur Verzweiflung getrieben, daß sie jetzt jedes Regime, selbst das der Arbeiter, dem
jetzigen Druck vorziehn; sie werden einen viel thätigeren Antheil an der
nächsten Bewegung nehmen, als an jeder bisherigen; aber glücklicher Weise
werden sie nie wieder die selbstständige, herrschende Rolle spielen können,
wie unter der Diktatur Brentanos. Die Arbeiter und Bauern, die unter der
jetzigen Säbelherrschaft eben so sehr leiden, wie die Kleinbürger, haben die
Erfahrung des letzten Aufstands nicht umsonst gemacht; sie, die außerdem
ihre gefallenen und gemordeten Brüder zu rächen haben, werden schon dafür
sorgen, daß bei der nächsten Insurrektion sie und nicht die Kleinbürger, das
Heft in die Hand bekommen. Und wenn auch | keine insurrektionellen
Erfahrungen die Klassen-Entwickelung ersetzen können, die nur durch einen
langjährigen Betrieb der großen Industrie erreicht wird, so ist doch Baden
durch seinen letzten Aufstand und dessen Folgen in die Reihe der deutschen

Provinzen getreten, die bei der bevorstehenden Revolution eine der wichtigsten Stellen einnehmen werden.

Friedrich Engels

Politisch betrachtet, war die Reichsverfassungs-Campagne von vorn
herein verfehlt. Militärisch betrachtet, war sie es ebenfalls. Die einzige
Chance ihres Gelingens lag außerhalb Deutschlands, im Sieg der Republikaner in Paris am 13. Juni — und der 13. Juni schlug fehl. Nach diesem Ereigniß
konnte die Campagne Nichts mehr sein als eine mehr oder minder blutige
Posse. Sie war weiter Nichts. Dummheit und Verrath ruinirten sie vollends.
Mit Ausnahme einiger Weniger, waren die militärischen Chefs Verräther,
oder unberufene, unwissende und feige Stellenjäger, und die wenigen Ausnahmen wurden überall von den Uebrigen, wie von der Brentanoschen
Regierung im Stich gelassen. Wer bei der bevorstehenden Erschütterung
keine anderen Titel aufzuweisen hat als die, Heckerscher General oder
Reichsverfassungs-Offizier gewesen zu sein, verdient sogleich die Thür
gewiesen zu bekommen. Wie die Chefs, so die Soldaten. Das badische Volk
hat die besten kriegerischen Elemente in sich; in der Insurrektion wurden
diese Elemente von vorn herein so verdorben und vernachlässigt, daß die
Misere daraus entstand die wir des Breiteren geschildert haben. Die ganze
„Revolution" löste sich in eine wahre Komödie auf, und es war nur der Trost
dabei, daß der sechsmal stärkere Gegner selbst noch sechsmal weniger Muth
hatte.

Aber diese Komödie hat ein tragisches Ende genommen, Dank dem Blutdurst der Kontrerevolution. Dieselben Krieger, die auf dem Marsch oder dem
Schlachtfelde mehr als einmal von panischem Schrecken ergriffen wurden,
sie sind in den Gräben von Rastatt gestorben wie die Helden. Kein einziger
hat gebettelt, kein einziger hat gezittert. Das deutsche Volk wird die Füsilladen und die Kasematten von Rastatt nicht vergessen; es wird die großen
Herren nicht vergessen, die diese Infamien befohlen haben, aber auch nicht
die Verräther, die sie durch ihre Feigheit verschuldeten: die Brentanos von
Karlsruhe und von Frankfurt.

Friedrich Engels