Paris, 23. Juni. Ein Uhr Nachmittags. Um 10 Uhr Morgens begab sich die
Nr. 26, 26. Juni 1848
Neue Rheinische Zeitung.
elfte Legion nach dem Pallast des Luxembourg. Das 73. Linienregiment
kam von derselben Seite an unter Trommelschlag. Die Dragoner, die
Nationalgarde und die republikanische Garde schlugen dieselbe Richtung ein. Während dieser Zeit wurde Rappel geschlagen in der der Nationalversammlung benachbarten zehnten Legion. Der Generalmarsch
tritt eine Stunde später an die Stelle des Rappels. Cavaignac theilte seinen
Adjutanten und dem General Negrier Befehle aus in dem Hof der Präsidentschaft der Nationalversammlung.
Man kündet an, daß Barrikaden an der Porte Saint Denis und an der 10
Porte St. Martin aufgeworfen worden sind. Die erste wurde wahrscheinlich gebildet durch einen Wagen mit Bruchsteinen, der zu dieser Stunde,
wie man mir berichtet, an diesen Plätzen vorüberfuhr und umgeworfen
wurde. Man sagt, daß die Agitatoren bewaffnet sind.
Zwei Uhr. Um zwei Uhr besteigt der Präsident der Nationalversamm- 15
lung, der seinen Sitz verlassen hat, die Tribüne, um die oben angeführten
Thatsachen zu bestätigen. Als die Punkte, wo Handgemenge stattgefunden, bezeichnet er das Boulevard Bonne-Nouvelle und die Straße de la
Hachette. Die Bevölkerung, sagt er, zeigt im Allgemeinen wenig Sinn für
die Emeute. Ich unterstreiche: im Allgemeinen. Eine Frau vom Volke be- 20
klagte sich so eben bei mir, daß die Nationalgarde, deren Uniform ich
trage, zuerst auf das Volk geschossen habe. Sie citirte mir das Quartier
der Hallen und die Morgue. Ich warf ihr ein, daß wir unsre Pflicht erfüllen, indem wir die Emeutiers auseinanderjagen. Was soll das? Antwortete
sie, man mußte nicht auf das Volk schießen: es ist so unglücklich!
Viele Flintenschüsse wurden gewechselt auf dem Marais, Barrikaden
wurden aufgeworfen am Place de Châtelet und im Faubourg St. Jacques;
sehr drohend sind sie auf dem Pantheonplatz. Das Blut der Nationalgarden und das des Volkes ist geflossen. Die Nationalgarden marschiren
voran, vermischt mit den Linientruppen; aber man versichert, daß die
republikanische Garde auf einigen Punkten sich mit dem Volke verbunden
hat, was seit 1834 nicht vorgekommen ist; es sind mehre Flintenschüsse aus
den Fenstern gefallen.
Die Gamins von Paris figuriren wie gewöhnlich unter den Kämpfenden; ein Nationalgardist sieht einen Todten auf einer Tragbahre vorübertragen; er nähert sich; wer war es! Sein Sohn, der Gamin. Er schleudert
seine Muskete zu Boden.
Die Barrikaden der Porte St. Denis und der Porte St. Martin wurden
den Emeutiers abgenommen. Die Nationalgarden sind vollständig im
Besitz derselben.
Volksrepräsentanten durchlaufen den Saal des Pas perdus und kehren
in den Sitzungssaal zurück mit dem Ausruf: Das ist keine Insurrektion,
das ist ein Komplot.
Drei und ein halb Uhr. Kanonen werden aufgefahren in der Richtung
des Faubourg St. Jacques.
Vier Uhr. Ein Gewittersturm kühlte für einen Augenblick die andern
Stürme ab.
Die Nationalgarde ist außer sich; sie behauptet, die Regierung habe sie
verrathen. Sie habe die Barrikaden ohne Widerstand aufwerfen lassen
und später, dieselben blos durch Nationalgarde, statt durch Nationalgarde und Linientruppen angreifen lassen. Riesenbarrikaden sind errichtet worden in den Straßen Planche-Mibray und St. Mery. Die Barrikade
der Straße St. Mery erhob sich bis über das erste Stockwerk. Ich weiß
noch nicht, ob sie gestürmt worden ist. Die Arbeiter, die gestern Abend
der Nationalversammlung eine Petition überbrachten, schwuren Paris
nicht zu verlassen, ohne daß man ihnen wenigstens Brod für ihr Alter
zugesichert.
Der Eindruck dieses Tages auf die Bourgeoisie ist unbeschreiblich. Sie
fürchtet von einem Tag zum andern einem Wohlfahrtsausschuß, gebildet
von Barbes, Blanqui, Huber u.s. w. anheimzufallen oder dem Militairdespotismus. Die vollständigste Entmuthigung herrscht in ihr.
Die Arbeiter ihrerseits sind zur Verzweiflung getrieben, so rasch die
Früchte der Februarrevolution, die sie mit ihrem Blut erkauft, sich entwandt und von ihren alten Unterdrückern konfiscirt, ja ihre Ansprüche
mit Hohn behandelt und sich selbst der ersten politischen Rechte wieder
beraubt zu sehen.
Der Regen fährt fort Ströme herabzugießen und wird die Emeute ein
wenig beruhigen. Ich theile Ihnen folgende Nachricht als Gerücht mit:
Die Nationalversammlung soll Cavaignac zum Präsidenten der Republik
und Paris in Belagerungszustand erklärt haben.
Man sagt, daß man auf dem Pont St. Michel und der Straße St.
Jacques mit Kartätschen geschossen habe.
Nach 4 Uhr. Man hört von Zeit zu Zeit noch Musketenschüsse fallen.
Ein anderer Correspondent schreibt: Die Nationalgarden marschirten
gegen die Emeute mit dem wiederholten Rufe: Es lebe die Republik! Nieder mit den Prätendenten! Gegen drei Uhr und ein halb zeigte sich eine
gewisse Bewegung unter den um die Nationalversammlung gesammelten
Truppen. Der Befehl, die Gewehre zu laden, wurde der ganzen Infanterie
gegeben, der Linie, der Mobilgarde und der Nationalgarde, zwei Dragonereskadrons setzten sich fest auf der Place de Bourgogne; der Posten der 10
Place la Concorde wurde verstärkt.
Gegen drei Uhr fing man wieder an, einige Barrikaden aufzuwerfen in
dem Faubourg St. Martin und die Füsillade begann von neuem, doch
habe ich von dieser Seite her keine genaueren Berichte. Herr Thayer,
Bataillonschef der zweiten Legion wurde am Fuß verwundet. Ein anderer 15
höherer Offizier, Herr Lefèvre, alter Artillerieoffizier empfing eine gefährliche Wunde. Ein Commissionair, Herr Avriol, befindet sich unter
den Opfern der Füsillade der Porte St. Denis. Zwei Individuen, die das
Gerücht ausstreuten, die zweite Legion steige auf Paris herab, um gemeinschaftliche Sache mit den Insurgenten zu machen, wurden verhaftet. 20
Fünf Uhr. Ein Regensturz erleichtert die Zerstreuung der letzten Reste
der Emeute.
Die Verluste der zweiten Legion sollen beträchtlich sein; man spricht
von 100 Todten und Verwundeten.
Ein Metzger vom Faubourg Montmartre wird so eben in sein Haus 25
getragen mit drei Kugeln im Leibe.
Alles ist beendigt im Quartier Laffitte, wo das letzte Handgemeng Statt
hatte. Man sagt, daß im Bezirk St. Marceau die Ruhe noch nicht hergestellt ist.