Italien.
* Rom. Das römische Blatt „Il Contemporaneo“ stellt über den Slavenkongreß, dessen schließliches Schicksal ihm natürlich noch nicht bekannt
war, einige Betrachtungen an. „Die Slaven“, heißt es darin, „thun, was
wir italiänische Völkerschaften nicht thun. Mögen unsere Fürsten nicht
übersehen, was die Slaven ohne ihre Fürsten thun, und daß, wenn die
Italiäner im Gegentheil auf ihre Regierungen Hoffnung setzen, sie nicht
einst ihren Edelmuth zu bereuen brauchen. Der Reue wird das Verlangen
des Wiedergutmachens folgen.
Jener Slavenkongreß versetzt nicht nur dem östreichischen Kaiserthum
eine tiefe Wunde, sondern vernichtet auch den alten Traum des russischen
Kaisers, der sich einbildete, das Haupt der slavischen Race zu werden
und sich auf diesem Wege tiefer in Europa festzusetzen. Rußland vermehrt aber an den Gränzen seine Armeen! Wäre dies nicht die Zeit, daß
die großen Nationalitäten, die französische, deutsche und italiänische
sich verbrüderten und der nordischen Barbarei für immer ein Ende machten! Geschieht das nicht, so möge die ganze Verantwortlichkeit auf die
Urheber der Verlängerung des Krieges in Italien fallen! Oestreich ist nicht
mehr das Kaiserthum Oestreich; der Krieg in Italien wird von östreichischen Generalen für Rechnung einer verfallenden Dynastie und nicht des
östreichischen Volkes und noch weniger des deutschen geführt. ... Laßt
uns einen gemeinsamen Feind haben und auf andere Schlachtfelder ruft
uns eine gemeinsame Pflicht!“
– Neapel, 22. Juni. General Ribotti hat sich an die Spitze der Calabresen gestellt. Sein Aufruf an die Letzteren lautet: „Calabresen! Hier
seht die sizilischen Helden, die ich Euch zuführe. Der Kuß der Liebe und
Brüderlichkeit vereinigt uns. Mächtige Phalangen, an deren Spitze die
Fahne der italischen Freiheit flattern, werden wir überall hin eilen, wo die
Söldlinge des gemeinsamen Tyrannen noch eingenistet sind. Bei unserm
bloßen Anblick werden sie ihre Waffen senken, oder wenn sie ein schlechter Rath zu einem Konflikt mit uns veranlaßte, so würde unser Muth
dem niederträchtigen Bourbonen seine letzte Stütze entreißen. Calabresen! Die Stunde Eurer Erlösung hat geschlagen. Italien blickt auf Euch
und ist bereit, Eure Thaten in die Tafeln der Geschichte einzutragen.
Euer Name wird auf die Nachwelt übergehen und sich mit den Ideen der
Rache für die niedergetretenen Rechte eines Volkes und mit der Erinnerung an einen in Staub verwandelten Thron verbinden.“
Einer zweiten Proklamation des nämlichen Generals entlehnen wir folgende Stellen:
„Calabresisch-Sizilianische Soldaten! Endlich sind wir unter einem und
demselben Banner vereinigt. Wir sind die Rächer so vieler barbarischer
und so lange Zeit erduldeter Mißhandlungen. Wir sind die Vorkämpfer
des heiligsten Menschenrechtes, der Freiheit. Während der Norden Italiens in Waffen steht, um den gemeinsamen Unterdrücker aus dem Lande
zu jagen, bemüht sich der Schändliche, der sich unsern Monarchen
nennt, und dessen Herz und Seele zu allen Niederträchtigkeiten des
östreichischen Kabinettes herangebildet worden, eben jene Sache zu unterstützen, die, Dank der italienischen Tapferkeit, ihrem Untergange
nahe ist. Ja, die höllischen Künste des Bourbonen übertrafen noch die
Vorschriften jener ungerechten Schule des Despotismus. Um Euch zu
täuschen, versprach er, sich dem heiligen Kreuzzuge anzuschließen. Zu
diesem Zweck stellte er mit perfider Prahlerei Bewaffnete auf und befahl
den Anführern möglichste Verzögerung der Märsche, während er im Geheimen den Oestreichern mit Gold und andern Mitteln aushalf und im
Einklang mit den übrigen Stützen der Tyrannei befahl, Ankona in Ruinen zu verwandeln. Um bei Euch Sizilien und seine Söhne verhaßt zu
machen, verkündigte er: die Sizilianer wollten mit ihrer Unabhängigkeitserklärung sich von Euch trennen, und während das Interesse Italiens auf
Vereinigung dringe, den Geist der Zwietracht aussäen. Auf diese niederträchtige Anschuldigung hat Sizilien nicht geantwortet, weil es sich gegenüber dem Tyrannen zu entschuldigen, nicht nöthig hatte. Hätte aber
Jemand an Siziliens Absichten gezweifelt, nun wohlan, so sind wir hier
als Gegenbeweis. Ganz Europa blickt jetzt auf uns, die wir hier vereinigt
sind, um der blutbefleckten Hand ein Scepter, der mit Verbrechen beladenen Stirne eine Krone zu entreißen u.s. w.“
Paul Versace, Beamter im Ministerium des Auswärtigen, ist mit einer
außerordentlichen Mission beauftragt, nach der Schweiz abgereist. Wie
man vermuthet, bezieht sich dieselbe auf den Kontrakt zwischen der Tagsatzung und der hiesigen Regierung in Betreff der Schweizer-Regimenter.
Unsere Befürchtungen wegen Maßregeln gegen die Presse haben sich nur
zu sehr bestätigt. Die Journale: „Il Telegrafo“ und „Il Mondo Vecchio“
sind auf Befehl des General-Prokurators beim hohen Kriminalgerichtshofe suspendirt und in Anklagestand versetzt worden. *) Allein Schade!
der hohe Kriminalgerichtshof hat jede Anklage gegen besagte Journale
zurückgewiesen. Es ist Ihnen vielleicht schon bekannt, was für ein Rundschreiben der jetzige Minister Bozzelli an alle Intendanten des Königreichs in Betreff der Wahlen erlassen hat. Er legt ihnen an’s Herz, jedes
Mittel zu benutzen, damit nur Leute, die dem Souverän mit ganzer Seele
ergeben sind, gewählt werden. Das Rundschreiben sagt unter Anderem:
„Ich schreibe Ihren möglichen Einwirkungen keine Norm vor, ich überlasse im Gegentheil diese schwierige Aufgabe ganz und gar Ihrem Ermessen. Für das Resultat werden Sie sowohl vor Ihrem Gewissen wie vor
der Regierung des Königs verantwortlich sein. Ich wünsche blos, daß Sie
so viel als möglich alle indirekten oder nicht-offiziellen Mittel, z.B. die
Berufung auf die Religiösität der Bischöfe und ihrer Pfarrkinder, auf die
konservativen Ansichten und Zwecke der redlichsten und einflußreichsten Bürger in Anwendung bringen ...“ Dieses Rundschreiben empörte
den Intendanten von Aquila. Er veröffentlichte sofort folgenden Protest:
„Protest des Intendanten.“ „Diese Sprache ist unter uns nichts Neues.
Wir erkennen daran den Urheber einer Politik, welche die Hauptursache
unserer Leiden ist. Denn sie säet in das Herz jedes Rechtschaffenen den
Verdacht, daß das Statut nichts weiter ist, als eine Spiegelfechterei, unsere
Freiheiten eine Lüge, unsere Wiedergeburt ein politisches Trugbild. Die
Thatsache im Widerspruch mit den Gedanken, der Gedanke in Widerspruch mit den Thatsachen! Das ist das Programm einer eben so unehrlichen, unmoralischen, als einer schwachen und korrumpirenden Staatsgewalt. ... Sie hat nicht begriffen, daß der Triumph der Gewalt über die
öffentliche Meinung vorübergehend ist, und daß die Sicherheit konstitutioneller Regierungen auf der Beistimmung des Volks beruht. ...“ In
dieser und in viel schärferer Weise spricht sich der zu den Insurgenten
übergehende Intendant von Aquila aus, der jetzt an der Bewegung in den
Provinzen lebhaften Antheil nimmt.
*) Um dergleichen Annehmlichkeiten zu erleben, dazu braucht man gar nicht in Neapel,
unter Sr. bombardirenden Majestät zu wohnen. Das unterliegt keinem Zweiffel.