Italien.
* Vicenza. Die A. A. Z. bringt einen östreichischen Brief aus Verona
über die Einnahme von Vicenza, aus dem wieder hervorgeht, mit welcher
wohlfeilen Tapferkeit die Oesterreicher in Italien kämpfen: „Am 10. um
12 Uhr wurde der Angriff auf die Stadt und den sie beherrschenden
Monte della Madonna unternommen. Der Kampf um diese Stellung dauerte lang und kostete viele Opfer. Der Feind, einsehend, daß der Besitz
dieser Höhe entscheidend sei, hatte dieselbe stark befestigt; päpstliche
Schweizertruppen und die Elite der Crociati vertheidigten sich dort hartnäckig, bis sie nach 6stündigem
Gefecht, durch das wiederholte Stürmen
unserer Truppen, durch das kräftige Feuer der Congreveschen Raketen
immer mehr gedrängt, sich in die Stadt zurückzogen. Diese war zur hartnäckigsten Vertheidigung hergerichtet; mehr als 80 Barrikaden, viele Batterien sollten in Wirksamkeit treten; an einen Straßenkampf war daher
nicht zu denken, die Artillerie konnte und mußte hier allein wirken. Bis 9
Uhr Abends dauerte das Kanonenfeuer, das Bomben- und Raketenwerfen.“ Die heldenmüthigen Oestreicher bleiben sich überall gleich. An einen Straßenkampf denken sie nicht. Sie stecken sich lieber weit vom
Schuß hinter sichere Verschanzungen und schießen die Stadt in Brand,
wie sie es mit fast allen italiänischen Städten gemacht haben. Aber dafür
prahlen sie desto mehr, nachdem sie diese ungebührliche Heldenthat zu
Stande gebracht haben vermittelst Congrevescher Brand-Raketen, die
außer den Oestreichern von keiner Nation seit 1813 angewandt worden
sind. Der Korrespondent hat so eben selbst die Tapferkeit der Italiäner
und die feige Barbarei der Oestreicher geschildert. Aber jetzt, nachdem
sie siegreich in das niedergebrannte Vicenza eingezogen – jetzt prahlt er:
„der Ausmarsch (der Italiäner) bot ein ergötzliches Schauspiel; einen solchen Mischmasch, eine solche Musterkarte von Uniformen und Phantasie-Anzügen wird man selten zu sehen bekommen, eben so wenig wie
solche Rudel von unreifen Burschen und liederlichen Dirnen ... unser Verlust ist bedeutend.“ – Und dieser Mischmasch, diese Musterkarte, diese
Rudel von unreifen Burschen haben einem dreifach überlegenen „wohldisziplinirten“, „tapfern“, „ruhmbedeckten“ östreichischen Heere sechs
Stunden widerstanden! Diese unreifen Burschen scheinen im heißen Feuer der Oestreichischen Brand-Raketen sehr rasch gereift zu seyn, da die
Oestreicher nicht wagten, einen Straßenkampf mit ihnen zu versuchen.
Die italiänischen Blätter bringen ebenfalls Nachrichten über die Einnahme Vicenzas, die uns erlauben die österreichischen Briefe der A. A. Z.
zu kontrolliren. Nach der A. A. Z. haben die Italiäner 2000–2500 Mann
Verlust, nach italiänischen Blättern nur 500, was auch, bei ihrer verschanzten Stellung, viel wahrscheinlicher ist. Nicht Mittags, wie die
A. A. Z. schreibt, sondern Morgens früh begann der Angriff. Erst gegen
Mittag ging die erste Barrikade verloren. Um diese Zeit begann die österreichische Artillerie ihre ganze Kraft zu entwickeln. Um 2 Uhr war der
Monte della Madonna verloren. Die Obersten Azeglio und Cialdini wurden hier verwundet. Ueber 50 Kanonen beschossen die Stadt; vier Batterien standen auf dem Berge, dennoch konnten die Feinde nicht eindringen, obwohl sie bis auf wenige Schritte den Barrikaden sich näherten.
Fünfzehn Stunden dauerte das Bombardement, endlich ging den Belagerten die Munition aus, und Durando erhielt eine höchst ehrenvolle
Kapitulation. Der General d’Aspre war des Lobes voll über die tapfre
Vertheidigung Vicenzas.
Die Mailänder Regierung erklärt in ihrem Bulletin: „Der Fall Vicenzas
ist ein großer Verlust, aber ein ersetzbarer Verlust. Das Heer Karl Alberts
hält noch immer seine starken Positionen besetzt, die es nicht verlassen
durfte ohne vorher dem Feinde die Verbindung mit Tirol abzuschneiden.
Verona gibt den Ausschlag des Kriegs; in seinen Ebenen wird sich wohl
bald der große Kampf entscheiden. Verona einmal genommen, sind alle
venetianischen Städte unser. Es ist ein großer Schaden, daß wir des
päpstlichen Korps beraubt sind; aber in Kurzem wird der Verlust ersetzt
sein durch unsre regelmäßigen und freiwilligen Korps, die sich vorbereiten dahin zu gehen, wo die Gefahr am größten ist. Die Regierung fühlt
die großen Pflichten, die ihr grade jetzt auferlegt sind, sie wird sie zu
erfüllen wissen.“ Die lombardische Regierung hat Recht. Die Großthaten
der Oesterreicher gegen die offnen Städte in der Etsch-Ebene haben gar
nichts zu bedeuten. In wenig Tagen werden ihnen die Italiäner beweisen,
daß man solche Städte auch ohne Brandraketen nehmen kann.
* Rovigo, 16. Juni. Der Ersatz für die dem Kampf entzogenen Truppen Durandos ist schon da. Heute hat General Pepe hier einen Armeebefehl erlassen, wonach in drei Tagen 2 Dragonerregimenter, ein Lancierregiment, neun Bataillone Infanterie, zwei Bataillone Volontaire, eine
Batterie Artillerie, eine Kompagnie Sappeurs – der der italiänischen Sache treugebliebene Theil des neapolitanischen Heeres – sofort den Po
überschreiten und sich in Rovigo zusammen ziehen sollen.
Neapel, 5. Juni. Die hiesigen Sicilianer haben von ihren Polizeikommissaren den Befehl erhalten, binnen drei Tagen die Stadt zu verlassen.
Welche Schande! (Contemporaneo.)
† Vom Brenner, 17. Juni. „Treviso ist von Welden besetzt, und zwar
ohne Verlust von unserer Seite. Die Garnison von 5000 Mann ist mittelst
einer unglaublich milden Capitulation abgezogen. Daß diese nicht von
Weldens Philantropie zugestanden worden, wird jeder glauben der Welden kennt. Dieses so wie Radetzky’s mildes Verfahren bei Vicenza scheint
durch höhere Instruktion veranlaßt, und möchte zu der Meinung berechtigen, daß man das venezianische Reich im Frieden zu behalten meint,
und daher die Schonung der verlornen Söhne bei ihrer Rückkehr ins
Vaterhaus vorwalten lassen wolle.“
So schreibt die A. A. Z. „Mildes Verfahren“ nennt sie das „zwölfstündige betäubende Bombardement“ von Treviso, (Armeebericht Nro. 10
des Erzherzogs Johann) mildes Verfahren das siebenstündige Bombardement von Padua, das fünfzehnstündige von Vicenza! Eine Stadt nach
der andern im venetianischen Gebiete wird mit kongrevischen Raketen in
Brand geschossen, und die östreichische bezahlte Allgemeine spricht von
„Milde und Schonung“!
Padua. Nach Handelsbriefen aus Mailand vom 16. und nach der
A. A. Z. sind die Oestreicher hier eingezogen. Bei dieser Gelegenheit läßt
sich die A. A. Z. aus Verona von ihrem östreichischen Landstürmer
schreiben, Radetzki und Welden hätten „durch ein Manöver vom
30. Mai bis 14. Juni die neapolitanische und toskanische Stellung bei
Mantua – zehntausend Mann gesprengt und vernichtet“ (!) nach welcher
Heldenthat die beiden großen Feldherrn freilich nichts Besseres thun
konnten als sich eiligst nach Vicenza zurückzuziehen und an dem schwachen Corps von Durando ihren Muth zu versuchen. Daß diese „Sprengung“ und „Vernichtung“ eine reine Erfindung des Landstürmers ist, versteht sich von selbst.
Venedig, 13. Juni. Die A. A. Z. schreibt: Die Regierung von Venedig
hat sich an die französische Republik gewendet, und um deren Einschreiten in dem Kampfe mit Oestreich nachgesucht. Was Karl Albert
bisher mit Sorgfalt vermied, hat also Venedig gethan – schwerlich zum
Besten seiner Freiheit.