Italien.
* Die Reaktion in Italien besteht nicht blos darin, daß Radetzki die ganze
Lombardei zurückerobert hat, sondern daß in Rom, Florenz und Turin die
Ministerien des impotenten und bornirten Konstitutionalismus mehr
oder weniger reaktionären Platz gemacht haben. In Neapel ist selbst Bozzelli zu freisinnig. Gewonnene Lazzaronis riefen: abbasso Bozzelli (niedermit
Bozzelli) und er gab nebst den meisten der übrigen Minister seine
Entlassung. Delcarretto und Cocle werden die Verwaltung des Staates
bald wieder eigenhändig übernehmen. Der Pabst scheint mit Oestreich
(Welden) einen schimpflichen Separatvertrag geschlossen zu haben. Kein
Wunder, daß er kürzlich zu den mobilisirten Nationalgarden nichts anderes sagte, als: „ich segne Euch und habe nichts hinzuzufügen“, (e nulla ho
d’aggiungere). Der Herzog von Modena thut sich seit der Rückkehrden
Zwang an, bürgerfreundlich zu erscheinen; er trägt sogar die Uniform der Nationalgarde. Inzwischen benutzt er die Zeit, alle seine zu- 15
rückgebliebenen Kostbarkeiten in’s Fort zu schaffen und wird dann wohl
sehr schnell andere Saiten aufziehen. Der Herzog von Parma ist ebenfalls auf dem
Heimwege. Das ganze fürstliche Ungeziefer kommt hervorgekrochen, wie die Frösche nach dem Regen. Da sich Venedig in den verrätherischen Schlingen der Karl Albert’schen Befehle nicht hat fangen 20
lassen, so behält jetzt Radetzki den schönen sardinischen Artilleriepark,
der sich zuletzt in Peschiera befand, zurück. Er hat nach dem Wortlaut des
Waffenstillstandes ganz Recht. Karl Albert hat ihm darin die Uebergabe Venedigs versprochen; da er dies nicht halten kann, so braucht ihm
Radetzki auch den Artilleriepark nicht zu verabfolgen. Der Abgesandte 25
der Republik Venedig, Tommaseo, hat von Cavaignac in Betreff der erbetenen Hülfe zur Antwort erhalten: es ginge nicht. Karl Albert wünschtedem
Hrn. Bugeaud den Oberbefehl anzuvertrauen, falls der Krieg fort-

Italien. 1. September 1848
gesetzt werden sollte. Cavaignac antwortete: das würde vorläufig Frankreich kompromittiren. Garibaldi führt den Krieg gegen Oestreich auf
eigene Rechnung fort und ist dem Karl Albert als Republikaner tausendmal verhaßter als eine ganze feindliche Armee.
* In circa drei Wochen (21. September) läuft der durch Karl Alberts5
Verrath abgeschlossene Waffenstillstand ab. Frankreich und England haben ihre Vermittelung angeboten. Daß Oestreich sich bis jetzt noch nicht
erklärt hat über seine Annahme oder Ablehnen, ist im „Spectateur re ´-
publicain“, dem Blatte Cavaignacs, zu lesen. Der Diktator Frankreichs
wird über die östreichische Unhöflichkeit nachgerade ärgerlich und droht mit
bewaffneter Intervention, wenn das Wiener Kabinet bis zu einem
bestimmten Tage nicht antwortet oder die Vermittlung zurückweist. Wird
sich Oestreich, zumal jetzt nach dem Siege über die Wiener Demokratie und
über die italienischen „Rebellen“, von einem Cavaignac den Frieden
diktiren lassen? Oestreich weiß sehr wohl, daß die französische Bourgeoisie „Frieden um jeden Preis“ haben will, daß überhaupt der Bourgeoisie die
Freiheit oder Knechtschaft Italiens sehr gleichgültig ist und daß von ihr
Alles zugegeben wird, sobald man sie nur nicht offen vor der Welt
blamirt und ihr damit wider Willen das Schwert in die Hand zwingt. Man
sagt, Radetzki werde in Wien einen kurzen Besuch abstatten, um in Betreff der Vermittelung sein entscheidendes Wort auszusprechen. Dazu
braucht er nicht erst nach Wien zu reisen. Seine Politik ist jetzt oben auf und
seine Ansicht wird nichts von ihrem Gewicht verlieren, wenn er
selbst auch in Mailand bleibt. Ginge Oestreich auf die von England und
Frankreich vorgeschlagene Grundlage des Friedens ein, so würde es dies
nicht aus Furcht vor der Cavaignac’schen Intervention, sondern aus weit
dringlichern und zwingenderen Gründen thun.
Die Italiener haben sich von den Ereignissen des März eben so düpiren
lassen, wie die Deutschen. Jene glaubten, mit der Fremdherrschaft sei esnun
jedenfalls zu Ende; diese meinten, das alte System sei für immer zu
Grabe getragen. Statt dessen ist dort die Fremdherrschaft ärger als je,
während in Deutschland das alte System sich von den paar Schlägen im
März wieder erholt hat und mit mehr Wuth und Rachedurst als vorher
wirthschaftet.
Der Irrthum der Italiener besteht jetzt darin, daß sie von der gegenwärtigen Regierung Frankreichs Rettung erwarten. Nur der Sturz dieser
Regierung könnte sie erretten. Die Italiener irren ferner darin, daß sie die
Befreiung ihres Landes für möglich halten, während in Frankreich,
Deutschland etc. die Demokratie täglich mehr an Terrain verliert. Die
Reaktion, unter deren Schlägen jetzt Italien erlegen, ist kein blos italienisches, sie ist ein europäisches Faktum. Italien kann sich nicht allein